Chapter 20
Die Chronik verzeichnet etwas ruhigere Tage vorher, da deutsche Truppen von Warschau wegen der Schlacht mit polnischen Heeresteilen an der Bzura abgezogen wurden, aber am 13.September griff die deutsche Luftwaffe mit größter Vehemenz wieder an, mit 150 Großbränden verzeichnet für diesen Tag, mit besonders heftigen Verlusten im jüdischen Stadtteil. Die Bevölkerung der Stadt zeigte große Beherrschung und Starzynski dankt ihr besonders für den Einsatz beim Löschen der Brände. Die Deutschen melden am 14., die Polen dann für den 16., daß der Ring um Warschau vom Osten her auch geschlossen ist. Deutsche Versuche, in die Stadt einzudringen, werden noch erfolgreich abgewiesen, Artilleriefeuer steigert sich am 17. zu bisher unerlebter Intensität, die Chronik berichtet über um 5000 Geschosse in weniger als 20 Stunden, und dazu kamen noch die Luftangriffe wie eine Arbeitsteilung der Angreifer. Auch machte sich ein Rhythmus bei der Artillerie bemerkbar, die Batterien strichen mit ihrem Feuer in bestimmten Abständen und Intervallen über unseren Stadtteil oder Vorort, so daß man schon erwarten konnte, wann sie bei uns oder in nächster Nähe einschlagen könnten. Dann gab es auch Pausen, vermutlich für Frühstück etc. Als es zu solch enggezieltem Artilleriefeuer kam, war der Platz doch auch im Luftschutzkeller, vorher hatte man sich schon so an Artillerie gewöhnt, daß man auch bei leichterer Beschießung heraus oder auch in die Stadt ging. Am 17. September wurde auch das Elektrizitätswerk durch Feuer beschädigt.
Als das wichtigste Ereignis dieses 17.September erwies sich aber die Meldung vom Einmarsch russischer Truppen in die Ostgebiete Polens. Kriegers hatten in ihrer Wohnung einen sehr guten Radioapparat und wir konnten uns gut informiert halten. Außer dem Warschauer Radio hörten wir nicht nur deutsche Stationen, sondern auch Sendungen der BBC, und so hörten wir auch sofort über dieses schicksalhafte Ereignis. So empfand ich es und habe spontan gesagt, wir haben schon viel erlebt, aber das wird sich als das schwerwiegendste erweisen, die Russen haben angefangen zu marschieren, wahrscheinlich werden sie erst am Rhein halt machen. Warum ich diesen blitzschnellen Gedanken hatte? Es stellte sich ja auch zunächst als ganz falsch heraus, dann aber auch gar nicht, es wurde aber nur die Elbe, und das ist schwerwiegend genug geworden für Europa. Man wußte damals dort in Warschau am 17.September 1939 nicht, ob das eine gezielte aber einseitige Abwehrmaßnahme der Russen im Hinblick auf die schnellen deutschen Erfolge in Polen war. Daß es ein abgekartetes Spiel war, schon im HitlerStalin Abkommen vom 22.August vorgesehen, das begann man erst langsam zu ahnen.
Der Warschauer Bevölkerung wurde die Nachricht zunächst vorenthalten. Es war ja auch für die Menschen im belagerten und verzweifelt sich verteidigenden Warschau eine erschütternde Wendung. Als Ernst Berliner und ich in den Luftschutzkeller kamen und niemand etwas gehört hatte, haben wir zunächst auch nichts gesagt, aber am nächsten Tag ging das dann im Laufe von den üblichen Unterhaltungen über die Lage doch nicht mehr. Warum hatte das Warschauer Radio nichts gesagt? Außer unseren engeren Bekannten glaubte man uns nicht recht, nur Frau Zandberg schien anzunehmen, daß ich nicht Unsinn rede. Aber als die nächsten Nachrichtensendungen des Warschauer Radios immer noch nichts sagten, da sah sie mich auch vorwurfsvoll an, und Helena sagte, wenn wir Sie nicht schätzten und sie nicht ganz sympathisch fänden, müßte ich eigentlich jetzt dafür sorgen, daß Sie an die Wand gestellt und erschossen werden. Dann am 19.September kam doch die Nachricht, und die Betretenheit schlug breite Wellen. Nichts über Hilfe hatte man vom Westen gehört, jetzt wurde der Rest Polens von den Russen verschlungen, Warschau und sein Kampf blieben einsam und allein. Die Not wuchs ins Ungeheuerliche, Straßenränder und Plätze füllten sich weiter mit Gräbern, es brannte überall, Häuser stürzten ein, in der Versorgung mit Strom gab es Störungen. Die Chronik verzeichnet schon für den 16. September Anstrengungen des Diplomatischen Korps, auf ein Abkommen mit den Deutschen für eine Evakuierung der Ausländer hinzuarbeiten, und verzeichnet die Evakuierung am 21. September von 178 Mitgliedern des Diplomatischen Korps und 1200 anderen Ausländern (4).
Im noch immer intensiver werdenden Artilleriefeuer und bei Fliegerangriffen verbrachten wir dann den Versöhnungstag, wieder auch mit Gebet bei Steinitz, oft unterbrochen, wenn man doch in den Keller mußte, und an diesem 23. September deutete die Intensität des Feuers darauf hin, daß die Deutschen den Angriff auf die Stadt vorbereiteten. Lärm, Feuer, Rauch, Schwefelgeruch, der gelbrote Himmel ließen einem kaum Atem daran zu denken, was uns passieren wird, wenn die Deutschen einrücken sollten. Die Elektrizitätsversorgung brach am 24. September vollkommen zusammen und damit auch die Radiosendungen, die Wasserversorgung versagte weitgehend, Feuer konnte kaum noch gelöscht werden. Für den 25. verzeichnet die Chronik Luftangriffe von 7 Uhr morgens bis abends. Ich erinnere mich, das waren Stuka (Sturzkampf) Flieger, eine unbeschreibliche Tortur, und es gab zu jeder Zeit des Tages etwa 200 gleichzeitige Brände in der Stadt.
Am 26. September beschloß die militärische Führung und der Verteidigungsrat mit den Deutschen über Kapitulation zu verhandeln. Am 27.September, um 14 Uhr, trat ein Waffenstillstand ein, die deutschen Truppen waren jetzt unter dem Kommando des Generals v. Blaskowitz, der die wenigen von polnischer Seite gestellten Bedingungen annahm. Dann gab es Verhandlungen, zu denen außer den Bevollmächtigten des polnischen Militärs auch der Bürgermeister Starzynski zusammen mit technischen Beamten der Stadtverwaltung kommen mußte, die für Gesundheit, Elektrizitäts und Wasserversorgung verantwortlich waren. Die Deutschen verlangten die Stellung von zwölf Geiseln aus allen Teilen der Bevölkerung, unter ihnen war auch Schmuel Zygielboim von der jüdischen Arbeiterorganisation "Bund", dessen Name ich vorher noch nicht gehört hatte (5).
Unter deutscher Besetzung
Der erste Eindruck war, daß die Deutschen sich mit einiger Vorsicht an die Aufgabe des Einmarsches und der Besetzung der Stadt herantasteten. Es war ja wohl auch keine alltägliche Operation, eine Millionenstadt, die sich militärisch verteidigt hatte, ihre technischen Einrichtungen weitgehend zerstört, zu besetzen und dafür ein Abkommen mit Militär und Stadtverwaltung zu verhandeln. Der Einmarsch deutscher Truppen war erst für die nächsten Tage angesagt, aber aus der Stadt wurde uns berichtet, daß an einigen Punkten Soldaten in polnischer Uniform erschienen, die Deutsche waren. Noch am 30.September schien es unklar, ob der Einmarsch stattgefunden hatte oder wie weit er gekommen war (6).
In unserem Haus Sulkowicza 8 habe ich damals keine deutschen Truppen erlebt, wie ein Wunder blieben wir verschont, aber aus naher Nachbarschaft gab es bald schreckenerregende Berichte. Es war nun nicht so, daß deutsche Einheiten und schon gar nicht Militär kamen und blindlings Juden ermordeten, aber es zeigte sich sofort, daß Juden weitgehend vogelfrei waren, jeder Willkür ausgesetzt und eben in ständiger persönlicher Gefahr, auch Gefahr ihres Lebens. Meine erste Assoziation war, Leben unter dieser deutschen Okkupation in Warschau, das war wie "die ganze Zeit Reichskristallnacht".
Soldaten waren zunächst gleich auf Missionen geschickt, Wohnungseinrichtungen zu requirieren, die von der Besatzungsmacht gebraucht wurden. Das war wohl nicht ungewöhnlich, wenn fremdes Militär einrückte. Aber hier wurden sie in jüdische Wohnungen geschickt. In der Nachbarschaft kam eine Truppe, ließ sich bestätigen, daß die Bewohner Juden sind und begannen, alle Betten wegzutragen. Die alte Großmutter war krank, sie wurden gebeten, wenigstens das eine Bett ihr zu lassen, der befehlende Leutnant wollte das auch tun, da trat einer seiner Leute hervor und fragte ihn, "sind das nun Juden, oder nicht?". Das Bett wurde auch mitgenommen.
Das war so einer der Berichte, die einem vermeintlich Anhaltspunkte geben konnten, wie es bei den Deutschen damals aussah. Die Frage danach hatte ja einen wesentlich weiteren Rahmen, als wie sie es mit dem Antisemitismus hielten: Es hatte immer wieder Anzeichen und Berichte gegeben über hohe militärische Opposition gegen die nationalsozialistische Regierung, die dann im Widerspruch gegen die mehr abenteuerlichen Pläne Hitlers zum Vorschein kam. Darüber hatte man vor dem Einmarsch in Österreich und der Tschechoslowakei gehört, es gab die Rücktritte v. Fritzschs und v. Becks, und nun hatte man während der Belagerung gehört, daß der frühere Oberbefehlshaber Generaloberst v. Fritzsch aus seinem 1938 erzwungenen Ruhestand heraus mit den deutschen Truppen vor Warschau gekämpft habe. Hieß das, daß er dann von Warschau zurückkommen und die Wehrmacht dann Hitler zum Rücktritt zwingen würde, um einen Friedensschluß mit England und Frankreich zu erreichen?
Das war so eine der flüchtigen Spekulationen über ein mögliches rechtzeitiges Ende der Katastrophe, in die Hitler die Welt gestürzt hatte. In unserer deutschjüdischen Enklave dort in Warschau hatten wir von den Meldungen oder Gerüchten über Fritzsches Anwesenheit außerhalb Warschaus Notiz genommen (7). Noch zwei weitere Episoden aus den ersten Tagen der Okkupation fallen mir ein zu unserer sehr intensiven Frage, wie es bei den Deutschen damals aussah. Der alte Dr. Koenigsfeld kam von einem ersten Erkundungsgang in die Stadt zurück. Vor dem nahen Eingang zum Schloß Lazienki hatten zwei Schilderhäuser gestanden, jetzt mit zwei deutschen Soldaten besetzt, auf der Belwederskastraße fuhren gerade Lastautos vorbei, voll besetzt mit schwarzuniformierten SS Leuten, die ersten, die er in Warschau sah, und so ging es anscheinend auch den beiden Soldaten; er hörte, wie der eine zum anderen rief "na, die haben uns hier grade noch gefehlt". Der alte Dr. Königsfeld freute sich diebisch, das zu hören. Also so etwas gab es doch noch.
Dann war da noch Gustav T. aus Karlsruhe, der in eine der alten deutschjüdischen Familien nach Kattowitz geheiratet hatte und auch in Warschau gestrandet war. An einer Straßenecke hatte ein Auto mit deutschen Offizieren gehalten und die dort wartenden Passanten gefragt, ob jemand deutsch spricht. Neben ihm Stehende hatten auf ihn gewiesen, und er sollte ins Auto zusteigen, wurde gleich gefragt, wie er mit seinem Badenser Akzent hier nach Warschau verschlagen wurde. So wie er uns das erzählt hat, betonte er, ich muß Ihnen gleich sagen, ich bin Jude, vielleicht hatten sie es ohnehin gesehen, jedenfalls sagte der Höchstrangige sofort, aber das macht uns gar nichts, das wird jetzt sowieso alles anders, da können Sie versichert sein. Das gab es also auch. Aber ausgemacht für den weiteren Verlauf der Dinge hat es eben nichts.
Außer unserem besonderen Problem, wie sich die Okkupation für die Juden gestalten wird, gab es ja aber noch die allgemeine Not der Stadt, wie sie langsam nach der Belagerung wieder zum Leben finden könnte. Die ersten Tage, mit Wasser und Strom noch unterbrochen, waren schwierig, daß es nicht mehr schoß, brannte, der Himmel langsam nicht mehr gelb und schweflig war, half, aber man mußte weit laufen, um sich nach Wasser anzustellen. Es war nach dem heißen September früh herbstlich kühl geworden, die modernsten Häuser, wo es nicht mal mehr Herde für ein Küchenfeuer gab, sondern alles auf Strom eingestellt war, hatten es am Schlimmsten, in Höfen, Gartenplätzen und Straßen stellten die Bewohner kleine Roste auf, um sich eine Suppe zu kochen; den Anblick werde ich nicht vergessen. Der öffentliche Verkehr spielte sich ausschließlich mit Leiterwagen ab, große und kleinere, man konnte Plätze bekommen, aber eigentlich lief man nur, weite Wege in die Stadt und dort und wieder zurück, viele waren auf den Beinen, es kamen nach der Belagerung neue Schübe von Flüchtlingen aus der Provinz in großen Mengen, es kamen aber auch langsam mehr Lebensmittel. Das schien leichter zu bekommen als manches andere.
Statt der Geschäfte gab es zunächst an den Straßen nur Händler, die von Bänken oder in Ständen verkauften, was grade noch zu bekommen gewesen war aus den Trümmern und nach Plünderungen in den allerletzten Tagen der Belagerung. Die Zerstörung in der Stadt war groß und bedrückend, nach meinem Eindruck war es etwa ein Drittel aller Gebäude, die durch Bomben oder Brandschäden zerstört waren, und da waren die vielen Gräber auf den Straßen. Ich ging auch bald in die Stadt, ich hatte ja nur Sommerkleidung mitgenommen, es dauerte eine Weile, bis ich etwas finden konnte, Geschäfte richteten sich langsam wieder ein, sogar einen Wintermantel konnte ich auftreiben.
Ein wichtiger Besuch war zu dem Rechtsanwaltsfreund aus Kattowitz Marek Reichmann, der schon eine ganze Reihe Verbindungen aufgenommen hatte, die mit dem brennendsten Thema, wie man aus Warschau wegkommen könnte, zu tun hatten. Auf dem Weg nicht so weit von unserer Wohnung hatte ich die Schwedische Botschaft entdeckt, und daß da jemand drin war (8). Am nächsten Tag warf ich einen Brief ein, adressiert an Ragnar Nilson, Chef der immer noch zum Restbesitz meiner nach London ausgewanderten Dahlemer Verwandten gehörenden AB Ferrolegeringar Stockholm, den ich in Dahlem öfters getroffen hatte. Ich bat ihn, nach London mit meiner Adresse mitzuteilen, daß ich in Warschau die Belagerung überlebt habe. Ich hoffte, so auch vielleicht etwas über meine Eltern und Schwestern zu hören.
Es gab unterdessen auch Verbindungen mit Kattowitz, und ich habe da schon gehört, daß meine Eltern gar nicht dort geblieben waren. Als ich mich am Bahnhof am 31.August nachts von meinem Schwager verabschiedete, fuhr er nicht sofort zu Lotte nach Lemberg, sondern übernachtete noch bei sich zu Hause. Als die deutschen Bomber am frühen Morgen gekommen waren, fuhr er erst zu meinen Eltern, und da entschlossen sie sich, doch mit ihm die Autofahrt nach Lemberg zu riskieren. Von Lemberg, nun unter russischer Besetzung, hatten wir zunächst in Warschau noch keine Nachrichten. Mittlerweile war verschiedentliche Bewegung in die Frage des Wegkommens von Warschau gekommen. Erstens gab es schon Traffik über die "grüne Grenze" von und nach dem russisch besetzten Teil Polens, eben auch Lemberg, wo ich Lotte und ihre Familie und vielleicht auch meine Eltern glaubte (9). In Kattowitz waren eines Tages alle jüngeren jüdischen Männer verhaftet und nach Osten abtransportiert worden (10), nämlich an die Grenze der russischen Besetzungszone, dort wurden sie herausgelassen und befohlen über die Grenze zu rennen. Es wurde auch nach ihnen geschossen dabei, einige, so auch mein Freund Ludel Berliner kamen in Lemberg an, andere zögerten, verbargen sich und tauchten dann bei uns in Warschau auf, konnten alles erzählen.
Für ein Wegkommen setzte ich aber Hoffnungen auf doch noch einen Weg nach dem Westen, denn es gab auch die Italienische Botschaft, die offen war und Transitvisa erteilte. Von anderen Konsulaten, zum Teil wohl auch Honorarkonsulen, tauchten unterdeß Pässe auf, die man kaufen konnte, und einige Bekannte hatten schon beinahe alles zusammen um abzureisen. Es war eine Verordnung ergangen, die auch Ausreisegenehmigungen für Juden vorsah, ähnlich wie ja auch in Deutschland auch nach der Kristallnacht und noch nach Kriegsausbruch Ausreise von Juden zunächst möglich war. Meine Freunde Krieger, die wieder in ihre Wohnung gezogen waren, hatten sich auch bald irgendwelche Visa beschafft, auf die hin man dann ein italienisches Transitvisum und durch das polnische Reisebüro "Orbis" auch eine Ausreisegenehmigung der deutschen Besatzungsbehörde erhielt. Sie reisten ab, wohl schon gegen Ende Oktober, und Ernst Berliner und ich zogen in die untere Wohnung in unserem Hause, von wo die Familie Steinitz auch schon ins Ausland abgereist war.
Eines Abends wurde ich in Sulkowicka 8 mit sehr ernster Miene empfangen. Am Nachmittag war meine Tante Jenny Grünfeld da, nach einem Fußmarsch über die russischdeutsche Zonengrenze von Lemberg her in Warschau angekommen. Sie wollte mir berichten, daß meine Eltern mit ihr und meinem Schwager am Morgen des 1.September auch nach Lemberg geflohen und dort angekommen waren, am 17.September Lotte und Familie weiter gefahren sind, in der Hoffnung nach Rumänien zu entkommen. Meine Eltern blieben mit ihr in Lemberg, mein Vater kam in ein Krankenhaus mit einer Lungenentzündung und starb dort am 20.September.
Tante Jenny war mit meiner Mutter allein zurückgeblieben, aber wollte zurück nach Beuthen gehen, meine Mutter wollte in Lemberg bleiben, ließ mir aber sagen, ich sollte auf keinen Fall dorthin kommen, sondern versuchen, nach dem Westen auszureisen. Da Tante Jenny auf mich gar nicht mehr warten wollte, wurde mir das alles von dem Ehepaar Dr. Königsfeld schonend beigebracht. Ich war wie erschlagen, das war ein trauriges Ende für meinen Vater, Ende eines einst so stolzen Lebens. Und die Situation meiner Mutter dort in Lemberg, es war kaum auszudenken, mein Vater starb an dem Tag, als Lemberg schon von deutschen Truppen angegriffen, sich ihnen ergeben hatte, sie zogen aber nicht ein, sondern übergaben die Stadt den Russen. Am Tag ihres Einzugs wurde mein Vater begraben. Das spiegelt so die ganze Verwicklung dieser ersten Kriegswochen wider. Heute, wo man über das Schicksal der unter deutscher Hoheit verbliebenen Juden, Auschwitz und Theresienstadt weiß, muß man es eigentlich noch als ein gnädiges Schicksal empfinden, aber das war damals nicht so, es war eine bittere Nachricht, inmitten all des Unglücks um mich herum in Warschau (11).
Ende Oktober mußten sich alle jüdischen Einwohner Warschaus registrieren(12), der Aufruf ging an alle Juden, also nicht wie deutsche Rassegesetze. Es ließen sich noch manche schnell taufen, um zu vermeiden, sich durch Nichtregistrierung strafbar zu machen. Ich tat das nicht, wir registrierten uns. Der Aufruf schuf große Verängstigung, war das nun die Einleitung zu strengeren Maßnahmen gegen die Juden? Es hatte ja immerfort Grausamkeiten und Schikanen gegeben. Auf der Straße konnte man von unterschiedlich Uniformierten angehalten und, wenn man Jude war, um Pelz, Mantel oder Geld gebracht werden. Juden wurden zur Zwangsarbeit in den Ruinen requiriert, man sah dort in zunehmender Kälte die bejammernswerten Gestalten von bärtigen Kaftanjuden, auf zusammenstürzenden Ruinenmauern oder gerüsten bei der ungewohnten und ungelernten Zwangsarbeit. Was für ein Elend. Mit der polnischen Bevölkerung teilte man die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen des deutschen Militärs: wenn einem Deutschen etwas zustieß, wurden 100 Leute als Geiseln zusammen gelesen und erschossen; es konnte jeden treffen, der grade vorüberging.
Für die polnische Bevölkerung wurden die katholischen Feiertage Allerheiligen/Allerseelen am 1.und 2.November eine eindrucksvolle Kundgebung stillen Widerstands. Ich kannte diese katholischen Totengedenktage von Oberschlesien, wo man auf den Friedhöfen Kerzen auf meist blumen oder tannengeschmückten Gräbern sah. Nun hier in Warschau brannten sie auch auf den vielen Gräbern, die auf Straßen und Plätzen während der Belagerung entstanden waren, es war bewegend zu sehen. Es konnten ja kaum nur Angehörige von Umgekommenen sein, die das ganze Lichtermeer bereitet hatten, man schloß, daß dies organisiert war, als Demonstration eines Untergrundwiderstands. Weiteres wurde dann von den Deutschen für den 11. November befürchtet, Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges und Jahrestag der Gründung der Polnischen Republik 1918. Es entstand erhebliche Nervosität und Spannung, man erwartete eine Verhaftungswelle, und wie viele andere zog ich es vor, diesen Tag nicht in der Wohnung, wo ich registriert war, zu verbringen. Ich fand Unterkunft bei Dzidzia Kapellner, einer Verwandten der Krieger Familie.
Für die Juden war unterdeß weitere Panik und Verzweiflung ausgebrochen, da bekannt gemacht wurde, daß in Kürze für alle die sofortige Umsiedlung in die Gegend des alten Warschauer Ghettos angeordnet wird. Das konnte dann nur der Anfang zu wesentlich Schlimmerem sein. Man wußte schon, daß es bisher in Warschau noch eher besser zugegangen war als zum Beispiel in Lodz und vielen kleineren Orten. Aus Lodz waren viele Flüchtlinge weiter nach Warschau gekommen. In unserer Enklave hatten wir Besuch von Bruno Altmann, dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Kattowitz, der zunächst nach Lodz entkommen war und nun in Warschau ankam. Der Schreck und Kelch mit dem Umzug ins Ghetto ging zunächst vorüber, der Plan wurde verschoben (13).
Wie man weiß, wurde die Umsiedlung ins Ghetto dann aber doch im Herbst 1940 begonnen. Zu dieser Zeit war ich schon aus Warschau entkommen. Bemühungen um eine Ausreisemöglichkeit hatten bei mir ganz absolute Priorität, nur so konnte ich es doch noch schaffen. Kein Risiko konnte mich abhalten, dafür immer wieder in die Stadt zu wandern.
Es wurde auch höchste Zeit. Man konnte mit seinem polnischen Paß abreisen, die deutsche Ausreisegenehmigung beschaffte das alte polnische Reisebüro Orbis als separate Bescheinigung, man brauchte gar keine deutschen Amtsstellen zu sehen. Die Schwierigkeit war ein Visum zu bekommen, auf das die Italiener dann ein Transitvisum erteilen konnten. Gut hatten es Bekannte wie Ernst Berliner mit seinem amerikanischen Stipendium und Visum, ausnahmsweise hatten die Italiener einmal ein echtes Visum zur Weiterreise von Italien vor sich. Die beiden Töchter der Dr. Koenigsfelds waren schon vor dem Krieg nach Brasilien ausgewandert, die Eltern erwarteten also auch echte Auswanderungsvisen. Für Andere mußte versucht werden, Visas zu kaufen. Es mußten immer wieder neue Kombinationen gefunden werden, die für ein italienisches Transitvisum gut waren. So bereitwillig anscheinend die Italienische Botschaft war, es mußte ja dann auch in Italien klappen.
Das erste Pech dabei hatten schon die Zygmunt Kriegers gehabt. Die italienischen Grenzbehörden hatten schon etwas Nachteiliges über die spezifische Kombination bemerkt, die Kriegers wurden trotz Transitvisum nicht hereingelassen und kamen in ein deutsches Transitlager. In dieser Notlage konnten ihre Geschäftsfreunde aber sehr schnell damals ein Visum nach der Schweiz für sie bekommen, von wo aus sie dann Auswanderung nach Brasilien arrangieren konnten. Das waren eben die Risiken mit diesen "Kombinationen", denen ich auch ins Auge sehen mußte. Was immer man hatte, konnte sich als schon "abgenutzt" herausstellen, wenn man an der italienischen Grenze ankam, und dann war man in großer Gefahr. Der Weg hinaus führte von Warschau mit schon verkehrendem Schnellzug nach Wien und dann nach Triest über die Grenze bei Tarvisio.
Es gab schon auch eine "Grüne Grenze" nicht nur nach Rußland, sondern auch nach Süden, Slowakei und Ungarn. Das war die Route besonders für Polen, die sich der in Frankreich entstehenden polnischen Armee anschließen wollten, aber man konnte auch für private Fluchtmöglichkeiten sorgen. Gesundheitlich kam das für mich aber gar nicht in Frage, nach schweren Asthmaanfällen in den letzten Tagen der Belagerung war ich noch immer in schlechtem Zustand, wir waren ja alle ziemlich verhungert gewesen, ich konnte an eine Flucht zu Fuß über die Karpathen nicht denken.