Rückblicke

Chapter 2

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Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen. So gab es einen häufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muß eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen, mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition verhaftet.

In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B. Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation des städtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild. Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.

Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner Zeugnisse erhalten. Nur mündlicher Überlieferung nach war er zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in Gleiwitz (Wachter und Lubowski). Als Meisterbau wird im Zeugnis vom 16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.

Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des Lehrers A. Grünfeld in Sohrau. Mit einigem Stolz wurde noch uns Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche gearbeitet hatte. Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre. Aber das Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf (13). Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in Betrieb. Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg­ und Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind. Nachdem die aus England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam, sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818) Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von Kattowitz und wurde 1840 geadelt. Für die Kontinuität der Verwaltung und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt, die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.

Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die 1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt. Nach der Königshütte war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum stützen. Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs, und übernahm später das Restaurant. Es wurde als "Grünfeld's Garten" für viele Jahrzehnte sehr bekannt.

Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen Schulverhältnissen zu machen. Dabei stößt man gleich auf die Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch sprechender Bevölkerung. Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden, aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die schon für 1804 erwähnt wird (17).

Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung, in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im 19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs­ und Zielwechseln. Unter dem Einfluß der Stein­Hardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant gewesen (18). Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens, vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen gewesen war. Der polnische Aufstand in Russisch­Polen 1830/31 führte zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen nicht (19). Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).

Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser deutschen Einigung. In Preußen verstärkten sich danach die antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert, sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein. So verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische Nationalitäten­ und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in Erinnerung geblieben ist. Es war überdies auch die Zeit des "Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist (21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen Bevölkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische Einigung davon abzuhängen scheint.

Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig war. Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten, wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19. Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige Station der neuen Eisenbahn Breslau­Myslowitz als ein Umschlagplatz für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften. Schließlich war Kattowitz so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen. Unter der Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h. Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können. Ursprünglich kamen auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856 änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen. Für ein Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung etc. Für die eingesessenen Bauern hätte es schon eine naheliegende Idee sein können, daß der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen der großen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt halten sollte. War nun bäuerlicher Widerstand dagegen und gegen Erwerb der Stadtrechte eine ganz übliche Situation und aus dem Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verständlich, oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensätze in Oberschlesien?

Vom heutigen Blickpunkt des späten 20. Jahrhunderts könnte man auch sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frühe Umweltschützer, die ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrängt sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in späteren Rückblicken, von beiden Seiten als der Hauptgrund angeführt. Schon Dr. Holtze berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, daß die polnischen Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden" mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der Widerstand des polnisch­bäuerlichen Elements gegen den von deutscher und jüdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).

Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankömmlinge, denen allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre im Amt gewesen war, für polnische Sprache und Schule gekämpft und eine große polnische Bibliothek für sich gesammelt habe (24). Also wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur bäuerlichen, sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten Städte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.

Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprünglichen Dorfbewohner. Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwähnt sind, wird als erster jüdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fröhlich erwähnt (25), der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Fröhlich finden wir prominent in den Berichten über den Streit zwischen Bauern und Zuzüglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als mein Großvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105 jüdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11. 9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch die Industrialisierung und als Folge der jüdischen Emanzipation zogen die sich stärker entwickelnden Industriestädte viele Juden aus kleineren oberschlesischen Städten und Dörfern an. Kattowitz, die sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne größeren eingesessenen Bürgerstand bot ihnen besonders guten Raum für Tatkraft und Profilierung.

Der Geist der Emanzipation, wie überall in Europa, mit der Anziehung an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie mehr zu integrieren, führte im damaligen Oberschlesien zu jüdischer Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element. Das war ja vielerorts so im östlichen Mitteleuropa; für Kattowitz ist mir aufgefallen, daß dieses Zusammenleben damit auch angefangen hatte, daß sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die Stadtwerdung geführt hatten.

Ein Argument für das preußische Dreiklassenwahlrecht für Stadtparlamente war, daß die beruflich und wirtschaftlich Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen werden sollten. In vielen Teilen Preußens führte dies zu einem verhältnismäßig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie müssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben, denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Das war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevölkerung und in städtischen Organen noch höher als in anderen oberschlesischen Städten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der unter den ersten 18 gewählten Stadtverordneten sieben Juden waren (28), darunter auch Ignatz Grünfeld, der bis zu seinem Tod 1894 Stadtverordneter blieb.

Der Bruder meiner Großmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der Stadtverwaltung. Nach einer frühen meteorischen Karriere, er fing an mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel für die Hüttenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus, gründete das erste Bankgeschäft in Kattowitz und beteiligte sich mit zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der Gründung der Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Hajduck (28), in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb. Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem Wegzug nach Breslau zum Stadtältesten ernannt. Das von meinem Großvater Ignatz Grünfeld gegründete Baugeschäft war auch sehr erfolgreich. Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er Jahre fortgeführt (29).

In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz des Oberschlesischen Berg­ und Hüttenmännischen Vereins, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion für den oberschlesischen Industriebezirk bestimmt. Dem gingen längere Verhandlungen mit der Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums für die neuen Beamten garantieren mußte. Hierbei soll mein Großvater noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.

Von den sechs Söhnen des Ignatz Grünfeld wählten zwei auch das Baufach. Der zweitälteste, Max, studierte Architektur und blieb im Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach Kattowitz zurück. Der drittälteste, mein Vater Hugo Grünfeld, besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister noch sehr jung in das Baugeschäft seines Vaters ein. Nach dem Tod meines Großvaters 1894 führten diese beiden Brüder sein Baugeschäft weiter und wurden auch in Ämter in der Stadtverwaltung gewählt. Max war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater wurde Stadtverordneter (30).

Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu Zeiten meines Großvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen. Die liberalen bürgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand, mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen Vorkämpfer der 1848er Ideale. Rechts von den Nationalliberalen gab es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale Nationalisten. Die führenden Leute der oberschlesischen Schwerindustrie gehörten zum mehr rechtsgerichteten Lager der Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die große gut etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum überein. Das freisinnige Bürgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere sehr bekannte in Berlin).

Bei den beiden Brüdern Grünfeld war das politische Engagement zu Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen. Sie unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen. Als Redakteur war Balder Olden, Bruder des später bekannter gewordenen Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden. Die Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mußte mit 300.000 Mark Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzählt hat.

Das großväterliche Baugeschäft hatte sich aber weiter gut entwickelt. Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine große Ziegelei, die 1895 im Gebiet des früheren "Vorwerks" von Kattowitz, Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut wurde, auch für Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen kann. Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt eröffnet.

Mein Onkel Max Grünfeld aber zog dann schon früh nach Berlin und eröffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von Wohnhäusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber eins auch Unter den Linden. Er praktizierte auch als Architekt, wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das bekannte Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf. Er heiratete erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschäft zurückgezogen und starb 1932 in Berlin.

Von den vier anderen Brüdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der älteste, Hermann, als praktischer Arzt in Berlin­Kreuzberg (31), und Ernst (32) orthopädischer Chirurg in Beuthen. Die anderen zwei studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jüngste, Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld in Beuthen ein, beteiligte sich später an einer chemischen Fabrik in Nürnberg, aus der sich die Gesellschaft für Elektrometallurgie (GfE), führend in der Ferrolegierungsindustrie, entwickelte. Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts große Bedeutung und Möglichkeiten errang.

Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frühen Tod 1908 kurze Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat Max Hirschel in Gleiwitz. Die jüngste Tochter, Ida, heiratete Felix Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grünfeld, Chef der Firma Rawack & Grünfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.

Die Familien Grünfeld und Sachs waren aber noch viel größer. Jakob Grünfeld in Zalenze hatte acht Töchter und zwei Söhne, Elias Sachs vier Söhne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham und weitere Schwestern Sachs meiner Großmutter.

Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger

Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren meine Mutter, die 18 Jahre jüngere Margarete Oettinger aus Breslau heiratete. Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgroßvater Josef Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen (33). Einer seiner Söhne, mein Urgroßvater Albert, wurde Arzt, promovierte an der Universität Berlin 1835 (34), und ließ sich in Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35). Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr. Riesenfeld in Breslau heiratete.

Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Urgroßvater starb dort 1860. Bei seinem ältesten Sohn Richard war ungewöhnlich, daß er als Junge bei einem der polnischen Aufstände mitgemacht haben soll. Dann heiratete er eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im Flachsgroßhandel sehr erfolgreich, so daß er zeitweilig als der reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn, Richard, wuchs als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen. Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Großvater Max Oettinger, gründeten zusammen ein Flachsgroßhandelsgeschäft und brachten es zu Wohlstand, Siegmund später in Berlin.

Mein Großvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein angesehener Mitbürger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten Kaufmannsvereinigung des "Zwinger". Er heiratete Minna Weinstein aus Insterburg in Ostpreußen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war (36).