Chapter 19
Einer unser häufigen Flüchtlingsgäste, früher Syndikus der österreichischenglischen Handelskammer in Wien, schlug meinem Vater Besorgung von brasilianischen Einwanderungsvisen für die ganze Familie vor. Es war schwer vorstellbar, mein Vater nahe 74 Jahre, finanziell waren wir sehr gebunden, die Parzellierung kam nur langsam vorwärts, so auch unsere Entschädigungsklagen. Als sich die Lage so zuspitzte, machten wir besondere Anstrengungen auch für billigen Verkauf des gesamten Grundbesitzes. Als ein Interessent erschien unerwartet der polnische Bergarbeiterverband, noch immer unter Führung von Herrn Grajek wie zur Abstimmungszeit, jetzt war er Mitglied des polnischen Senats in Warschau. Er fand, sein Verband sollte die Grundstücke erwerben, aber konnte nicht allein entscheiden. Ich war interessiert zu hören, wie das mit seinen Erwartungen über Aussichten für einen Krieg zusammenhing. Ja, sagte der Senator Grajek, ich weiß, was Sie denken, aber die Schicksale des Krieges sind wechselhaft, ich weiß, wenn die Deutschen angreifen, wir werden schon weichen und Grund aufgeben müssen, aber wir werden dann wiederkommen. Das war also ein alter polnischer Oberschlesier, Bergarbeiterführer. Ich habe oft an diesen Ausspruch gedacht. So wie es dann kam, haben wir es uns beide wahrscheinlich in diesem Sommer 1939 kaum vorgestellt. Die Verhandlungen kamen nicht zum Zuge.
Es gelang uns aber in den Wochen vor Kriegsausbruch die vier Gebäude, Wohn und Bürohäuser, die noch von dem Betrieb der Ziegelei her bestanden, zu verkaufen, und so hatten wir bei Kriegsausbruch etwas flüssige Mittel, um für das Gröbste zunächst gerüstet zu sein. Das brachte uns dann aber schon bis in die letzten Tage des August 1939. Es gab immer stärkere Anzeichen, daß Hitler eine Vermittlung überhaupt nicht haben wollte, daß er ganz auf Krieg setzte. Ich hoffte noch, wenn er sich überzeugt, daß England und Frankreich wirklich für Polen in den Krieg gehen, er doch noch zurückschreckt. Aber die Spannung wuchs, wir begannen, wieder zu beraten, was man tun würde, wenn es wirklich...
Die Eltern würden in Kattowitz bleiben, das wurde eigentlich immer angenommen. Wenn die Deutschen kommen sollten, für die Eltern als alte Leute, und sie hatten ja auch verschiedene alte Bekannte, hoffte man, es könnte kaum so schlimm werden, wie auf einer Flucht. Wir Kinder würden weggehen, weder ich noch mein Schwager sollten riskieren, den Nazis, falls sie in Kattowitz einrückten, in die Hände zu fallen.
Da war, wenn man die Lage betrachtete, noch die offene Frage, was Rußland im Konfliktfall tun würde. Man wußte, London und Paris verhandelten intensiv, aber es schien zu keiner Vereinbarung zu kommen. Trotz aller politischen Aggressivität und autokratischem Gebaren, wie sie es zum Beispiel im Spanischen Bürgerkrieg gezeigt hatten, ich selbst sah die Russen nicht als militärisch aggressiv an. Waren sie dafür genug gerüstet? Einstellung zu ihnen war eine sich wiederholende Kette von versuchtem positivem Interesse und gewaltiger Enttäuschung. Ich hatte das ja auch lebhaft in Literatur und Presse der deutschen Emigration verfolgt. Mitte der dreißiger Jahre, als man desillusioniert wurde über die Haltung der Westmächte gegenüber Hitler, bemühte man sich, herauszufinden, ob Rußland doch sich als eine Hoffnung für fortschrittliche und freiheitliche Gesinnung entwickeln könnte. Die Vergangenheit war nicht ermutigend. Gab es Entwicklungen, die zu Hoffnung berechtigen konnten? Zu wem konnte man hinsehen, wenn der Westen zu beginnen schien, sich mit Hitler abzufinden?
Es gab ErkundigungsPilgerschaften nach Moskau, auch Thomas Mann ging. Lion Feuchtwanger blieb sogar lange ein Getreuer, Schwarzschild hielt Distanz, und in Prag machte Willy Schlamm in der Weltbühne sogar einen Salto und wurde einer der heftigsten Rußlandgegner. Das hat man damals alles sehr miterlebt. Für mich war mit Stalins Säuberungsprozessen und Exekutionen wieder einmal alles vorüber. So war es ja schon in Deutschland spätestens 1932 beim Verkehrsarbeiterstreik in Berlin gewesen. Man konnte sich nur abwenden, und so war es ja auch mit der Behandlung von linken Abweichlern im Spanischen Bürgerkrieg, die Orwell zum Feinde machten, und auch als Arthur Koestler enttäuscht aus Rußland in den Westen zurückkehrte. Nun wartete man, konnten die Westmächte als Trumpfkarte gegen Hitler doch noch zu einem Abkommen mit Rußland kommen? Dann kam das rüde Erwachen als Stalin einen Pakt mit Hitler schloß. Nun schien der Ausbruch des Krieges fast unabwendbar.
Viele gingen schon fort von Kattowitz. Lotte reiste mit Nina nach Lemberg ab, viel Haushaltsgut, auch z.B. Silber von den Eltern wurde dorthin geschickt. Ich war zweifelhaft über die Wahl von Lemberg in ukrainischer Umgebung, würde ein Krieg sich nicht auch bald auf den Balkan ausdehnen, mit Rumänien und Jugoslawien, Restmitglieder der Kleinen Entente und Verbündete Frankreichs? Aber viele Bekannte und Freunde gingen nach Lemberg. Manche aber waren schon vor Monaten nach Warschau gegangen, hatten dort Wohnungen gemietet. Ich war auch für Flucht in Richtung Warschau, wenn einem schon nicht mehr Chance und Zeit blieb, noch eine Reise ins westliche Ausland zu versuchen. Manche unserer Bekannten waren vorsorglich auf Ferien gegangen. Man konnte in Polen damals Ausreiseerlaubnis und kleine Devisenzuteilung für Ferienreisen nach Frankreich oder England bekommen. Bis in die allerletzten Tage des August war ich aber mit Vater noch mit den verschiedenen Notariatsterminen und anderem im Zusammenhang mit den Hausverkäufen "unabkömmlich". Mein Schwager plante schon während dieser Tage, auch nach Lemberg zu fahren, aber er war noch in Kattowitz, als es im Laufe des 31. August ganz klar wurde, daß Hitlers Angriff auf Polen unmittelbar bevorsteht. In Polen wurde Mobilmachung erklärt, der zivile Verkehr auf der Eisenbahn sollte um Mitternacht eingestellt werden, der letzte Zug von Kattowitz nach Warschau um 9.30 Uhr abends abgehen. Ich begann meinen Koffer zu packen. Mein Schwager wollte im kleineren Skoda Wagen, den er immer benutzte, nach Lemberg fahren.
Manchmal hatte ich gedacht mit unserem alten großen Mercedes wegzufahren, hatte Telefongespräche mit Johann Kowoll über die Lage und ob wir nicht zusammen wegfahren würden, aber woher sollte das Benzin für so einen schweren Mercedes im Kriegsfall kommen? Ich war auch kein guter Fahrer, es kam also für mich auf die Eisenbahn heraus. Ich rief Kowoll noch an, er hatte auch gesagt, J. Maier vom "Der Deutsche in Polen" war auch interessiert, aber es war niemand mehr da, das Telefon antwortete nicht mehr. Ich packte fertig, nur ein handlicher Koffer, man mußte leicht und beweglich sein, es waren sehr heiße Sommertage, so packte man also. Ahnte man, wie lange es sein würde, daß man nie wiederkommen, die Eltern nie mehr sehen würde? Man konnte es nicht ausschließen. Es gab einen herzzerreißenden, ganz kurzen Abschied, es war beinahe, als ob Mutter doch dachte, die Eltern sollten auch mitfahren. Mein Schwager brachte mich auf den Bahnhof, wir verabschiedeten uns, er wollte noch die Nacht durch nach Lemberg zu Lotte und Tochter fahren.
Als polnischer Staatsbürger war ich ja militärpflichtig, hatte zunächst Aufschub für mein Studium erhalten. Als ich mich 1931 zur Musterung stellen mußte, wurde ich wegen Kurzsichtigkeit zur Kategorie C eingeteilt, vom Dienst befreit, aber konnte im Fall einer Mobilmachung doch eingezogen werden. Ich hatte einen entsprechenden Militärausweis erhalten, unter Personalien stand da auch "Nationalität: Deutsch", "Religion: mosaisch". Neben meinem Paß hatte ich diesen Ausweis auch bei mir, als ich nun meinen Zug bestieg.
Kapitel 8
Der 2.Weltkrieg bricht aus
Der Zug war übervoll. Mein einziger Koffer lag da irgendwo oben, ich stand oder vielmehr hing an dem Handgriff, der von der Decke kam, so voll war das Coupé, gesprochen wurde kaum. Von Station zu Station kamen noch Leute in den Zug, erst nach langer Zeit erreichte der Zug das so nahe Sosnowiec, und da es Mitternacht war und der Zivilverkehr eingestellt wurde, sollte der Zug nicht weitergehen. Man sollte aber warten. Auf dem Bahnsteig sprach mich ein untersetzter Mann mittleren Alters auf deutsch an. Er war ein jüdischer Anwalt aus Chemnitz, der aus Prag nach Kattowitz geflohen war, und hatte mich, wie er sagte, öfters im Café Skala gesehen. Er war ganz allein, sprach kein Wort polnisch. Was für ein Elend, dachte ich. Er hatte gehört, am Ende des Zugs sei ein spezieller Wagen für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei, könnte ich ihm helfen, dorthin zu kommen. Wir kamen auch dort an, es war ein Salonwagen, für tschechische politische Flüchtlinge, wie es sich herausstellte, vielleicht waren auch einige Prominente darunter, sie taten eher so, jedenfalls für ihn hatten sie keinen Platz, er wäre ja nur ein "wirtschaftlicher" Flüchtling. Wir mußten abziehen, er sprach immerfort deutsch mit mir, wir wurden aufgehalten, mußten uns ausweisen, er fuhr dabei gut, er hatte von der polnischen Polizei in Kattowitz einen Flüchtlingsausweis erhalten. Ich mußte meinen Militärausweis zeigen, da stand ja Nationalität deutsch, Bekenntnis mosaisch. Das schien schwieriger für die Bahnhofspolizei, er konnte gehen, ich blieb verhaftet. Dann hieß es, der Zug geht doch weiter, ich wurde freigelassen und stieg wieder in mein Coupé, es war mehr Platz, ich konnte sitzen, und wir fuhren auf Umwegen DombrowaOlkusz, kamen nach Wolbrom. Es kam schon die Morgendämmerung und man sah eine Gruppe von Flugzeugen, sie flogen niedrig, paßten sich den Konturen des hügeligen Geländes an, eigenartig und unheimlich. Waren das schon deutsche Flugzeuge? Man wußte es nicht, aber konnte wenig Illusionen haben. Es gab also doch Krieg, all die letzten Bemühungen des 31. August, belgischholländisch noch, waren wohl gescheitert, es war nun der frühe Morgen des 1. September. Die eigene Situation war schwer zu glauben. Zu Hause waren die Eltern geblieben, hier war ich allein in diesem Zug, wohin fuhr er? Wo führte das alles hin, versank jetzt alles, was man kannte? Ich sah einen Lichtblick: Es würde wohl das Ende Hitlers sein, auch Deutschland würde von ihm befreit werden, aber was war der Preis? Was hieß Krieg 1939 verglichen mit 1914? Was würde die Zerstörung durch Flugzeugbomben sein? Man hatte von Guernica viel gehört, würden alle Städte im Nu zerstört werden?
Für meine eigene Situation hatte ich ja schon in Sosnowiec noch einen zusätzlichen gehörigen Schock bekommen. Schon in den Wochen vor Kriegsausbruch war ja die Luft voll gewesen von Furcht und Verdächtigungen gegen eine 5. Kolonne, jetzt nahm das noch ganz andere Formen an.
Auf einer Zwischenstation hatte ich die Abteiltür geöffnet, mein Weggenosse aus Chemnitz war froh, mich wiederzuentdecken und stieg ein, wir sprachen wieder deutsch, ich versuchte, es zu beschränken. Man wartete auf die nächste größere Station, Tunel, Knotenpunkt mit der Bahn von Krakau nach Warschau, was würde man dort hören, wie war das mit diesen Flugzeugen? Die Abteiltüren gingen auf, man sprach die ersten Leute, ja, deutsche Flugzeuge waren gekommen und hatten Bomben abgeworfen. Also das war es, der Krieg war da.
Es war noch früher Morgen am 1.September. Alles war bedrückt und aufgeregt, dann kam Polizei, jemand im Coupé mußte sie gerufen haben, wir beide wurden verhaftet. Es war wieder dasselbe, auf seinen Flüchtlingsausweis wurde er gleich freigelassen, ich mußte warten. Es war wohl auch besser, daß wir uns trennten. Schließlich konnte ich auch weiterfahren, mußte nochmals den Zug wechseln, es gab weitere deutsche Fliegerangriffe, aber ich kam in Warschau an und fand ein Zimmer im Hotel Angielski.
Meine Freunde Zygmunt und Hannah Krieger hatten auch eine Wohnung in Warschau gemietet und waren schon vor Wochen dorthin gezogen. Ich rief an, sein Bruder, Bankier Hennek, war auch da, wohnte bei ihnen, ein Prokurist der Bank, Zygmunt Rosshändler war grade angekommen, da ich ein Doppelzimmer im Hotel hatte, könnte er nicht zu mir kommen. Ja, natürlich. Auf der Straße und im Café traf ich einige Kattowitzer, den Schulkameraden "Julek" darunter, überhaupt manche deutsche Juden mit polnischen oder deutschen Pässen. Von der Vereinigten Holzindustrie Viktor Bulowa und Frau, sie wollten mit ihrem Auto nach Schweden, ja das würde mich interessieren, sie wollten mich wissen lassen. Es gab Sirenen, Luftangriffe, schon schlechte Nachrichten von deutschen Erfolgen in den Grenzgebieten. Am Sonntag 3.September saßen wir im Café vor dem Hotel Europejski, als die Nachricht über Englands Kriegserklärung durchkam, es war eine enorme Erleichterung, man spürte es allgemein, vor den Botschaften Englands und Frankreichs gab es Sympathiekundgebungen (1).
Zum Abendbrot verabredete ich mich dort also mit dem Schulfreund, mein Hotel war ganz nahe dem Europejski. Es entsprach zwar den Gewohnheiten für einen Besuch in Warschau, aber an dem Tag war es wohl eine irre Idee. Ich bekam eine Tisch für zwei, aber er kam nicht, ich sah immerfort nach ihm aus, fiel wahrscheinlich auf, bestellte mein Essen, nachher in der Toilette verwickelte mich einer von diesen pfadfinderähnlich grün gekleideten jungen Männern mit Luftschutzabwehrtaschen umgehängt in eine Unterhaltung, erzählte mir über verschiedene deutsche Angriffe und die Wirkungen, die sie hatten, wollte wissen, was ich gehört hätte. Mit meinem holprigen Polnisch und heftigem Akzent sprach ich so wenig wie möglich, ging zum Tisch und zahlte. Als ich aus der Tür auf die Straße kam, wurde ich von zwei Bewaffneten verhaftet und in die Festung von Warschau gebracht, tief im Keller.
In einem ziemlich großen Raum waren schon etwa 40 Leute, man konnte sitzen. Es war eine eigenartige Mischung, ich sah Bekannte, das Ehepaar Löbel aus Kattowitz, er aus Bayern mit deutschem Paß, ich hatte sie schon am Morgen getroffen, einige ähnliche Fälle. Von verschiedenen Polen, die dort auch saßen, wurde besonders ein deutscher katholischer Geistlicher beschimpft, dem man nicht glauben wollte, daß er vor Hitler auf der Flucht war. Es wurde nicht viel gesprochen, plötzlich sah ich Ernst Berliner hereinkommen. Der jüngste Bruder des Schulfreundes Ludel Berliner hatte spät in Freiburg sein Chemiestudium beendet, war dann auch mit uns in Kattowitz, wir hatten uns gut kennengelernt. Da er ein sehr gutes Examen gemacht hatte, bekam er ein Stipendium für die Harvard University, ein amerikanisches Visum und Schiffsbillet von Gdyngen für die letzten Augusttage. Würde er es noch schaffen? Nun sah ich, er hatte es nicht mehr geschafft, war offensichtlich von Gdyngen noch nach Warschau gekommen, und nun fand man sich im Keller der Citadelle.
Zunächst blieben wir alle dort unten. Bei mir meldete sich mein Asthma besonders stark, und ich hatte meine Tabletten gar nicht mit. Die Nacht wurde eine Qual. Morgens wurden wir in Gruppen in ein Büro geführt, ein sehr ruhiger und sachlich scheinender Offizier prüfte die Ausweise; man wurde dazu aufgerufen, er sah meinen Militärpaß, fragte nach meinem zweiten Vornamen. Ich kannte ihn als Hans, aber zögerte, stand da vielleicht auf polnisch Jan? Ich entschied mich dafür, es stimmte, ich wurde entlassen, ging eine schiefe Ebene hinauf, an deren Ende man von weitem Licht sah. Mir entgegen wankte ein vollkommen mit stellenweise durchbluteten weißen Verbänden bedeckter Mann, er schien im Delirium, an den Seiten standen mehrere Wachen mit ihren Gewehren auf ihn gerichtet, anscheinend um sein Entkommen zu verhindern.
Ich konnte durchgehen, ein grausiger Eindruck, dieses Ende einer schrecklichen Episode. Auf der Straße sah ich bald eine Apotheke, sie war schon offen, kaufte meine Tabletten, konnte dann besser gehen. Im Hotel ging ich nach dieser Nacht im Festungskerker gleich unter die Dusche, und da war ich noch, als Zygmunt Rosshändler hereinstürzte, seine Sachen zusammenpackte und Adieu sagte. Er fahre mit Dr. Krieger weg aus Warschau, hoffe über Lemberg herauszukommen. Wie ich da stand, konnte ich nicht gut mitfahren. Das war's denn.
Ich rief bei meinen Freunden Krieger an, erzählte, was mir passiert war. Da der Bruder Hennek nun weg war, hatten sie das Zimmer frei und luden mich ein, zu ihnen heraus zu kommen. Das paßte mir sehr. Sulkiewicza 8 war ein ganz neues Sechsfamilienhaus in einer kleinen Seitenstraße der Belwederska, direkt am Lazienki Park, es hätte nicht schöner, passender und ruhiger sein können. Passend auch, denn außer meinen Freunden Kriegers hatten noch zwei andere Zuzügler aus Kattowitz dort Wohnungen gemietet: Ferdinand Baender mit Frau und noch sehr junger Tochter Steffi; er besaß ein großes Haus an der Grundmannstraße in Kattowitz mit einem Konfektionsgeschäft, hatte aber in Breslau gelebt, war von dort 1938 mit der Oktoberaktion der Nazis vertrieben worden und dann nach Warschau gekommen. Die anderen Zuzügler waren Erich Steinitz mit Familie; seine Firma L. Borinski, liiert mit der Familie Weichmann, hatte den alten Kolonialwaren und Produktengroßhandel in Kattowitz durch ein großartiges Delikatessengeschäft ergänzt. Beide hatten schon Logierbesuch aus Kattowitz. Bei Steinitzs wohnten die alten elterlichen Freunde Dr. Max Koenigsfelds und bei Baenders Dr. Hurtigs (2).
Der Hausbesitzer Rosen.....hatte auch eine der Wohnungen, eine andere Ing.Zandberg, der selber beim Militär war, seine Familie war da und mit ihnen Frau Dr. Krz. aus Gdyngen und Tochter Helena, Studentin. Sie war zum Luftschutzwart des Gebäudes ernannt worden. Das war also das Kompliment unseres Hauses, in dem wir die kommenden Wochen Belagerung, Fall und Okkupation von Warschau zusammen erleben sollten. Ich erzählte Kriegers, wie ich Ernst Berliner traf, und sie schlugen vor, daß er auch kommen sollte. Die Kriegers selber zogen dann bald in eine Pension in der Stadt und ließen uns die Wohnung (mit Dienstmädchen Bolla) hüten.
Man war natürlich fast dauernd mit allen Hausbewohnern zusammen, denn zunehmend spielte sich das Leben im Luftschutzkeller ab. Das Radio spielte eine große Rolle, es wurde sehr gut geführt, dem Ernst der Stunden angemessen, viele Bekanntmachungen, Reden, Kommentare, Musik, viel klassische, auch das bekannte Warschauer Orchester unter dem alten Fitelberg. Am stärksten in Erinnerung blieb das Pausenzeichen, der Anfang von Chopins Polonaise Adur, immer wieder, und dann die ominösen Signale: "uwaga, uwaga nadchodzi..", es schien die Möglichkeit eines baldigen Airraid Alarms anzudeuten, Sirenen und alles wieder in den Keller. Dazwischen sollte man auf der Belwederska helfen, Luftabwehrgräben auszuheben. Helena war verantwortlich, daß man da mithalf. Ich habe das erklärt, ich wollte nicht nochmals riskieren, als verdächtig von patriotisch begeisterten Mithelfern denunziert zu werden. Das verstand man auch. Wenn ich hinausging, dann um mitzuhelfen bei der Versorgung der Freunde mit Lebensmitteln.
Diese wurden sehr knapp, je mehr sich die Lage in Warschau verschärfte. Man mußte alle Vorkost, Fleischer und Bäckerläden der Umgebung abklappern, um einfach irgendetwas zu beschaffen. Für besondere Gelegenheiten erwies sich Erich Steinitz sehr großzügig und verteilte Konserven und anderes von den Vorräten, die er aus seinem Geschäft nach Warschau gebracht hatte. Ihm gebührte wirklicher Dank dafür.
Es war sehr schnell gegangen, daß die Stadt Warschau de fakto von deutschen Truppen belagert war. Schon vom 3.September an hatten sich die Luftangriffe sehr verstärkt und schlechte Nachrichten über Zusammenbruch polnischer Verteidigung in den Westgebieten Polens häuften sich. Die Deutschen hatten ja zugeschlagen, als die Mobilisierung in Polen noch in den Anfängen war, Teile der Zivilbevölkerung in den polnischen Westgebieten begaben sich auf panische Flucht, überfüllten Verkehrsmittel und Straßen, auch Warschau füllte sich mit Flüchtlingen, aber auch mit versprengten Truppen von Heeresteilen, die im Westen aufgerieben wurden, und es kamen die ersten Transporte von Verwundeten. Die Möglichkeit Warschau zu halten wurde bald in Zweifel gestellt, die Regierung ordnete zunächst Verlegung der Ämter auf das Ostufer der Weichsel an und beschloß schon am 4.September Verlegung von Warschau nach Lublin, die am 5 und 6 eilig durchgeführt wurde; auch der Staatspräsident verließ Warschau. Aber der Gedanke, Warschau aufzugeben, drang nicht durch, der Bürgermeister Stefan Starzynski wurde zum Zivilen Kommissar für die Verteidigung ernannt, und schließlich gab auch der Oberkommandierende General RydzSmigly von Lublin aus den Befehl zur Verteidung Warschaus und ernannte dafür einen militärischen Kommandanten. Starzynski gab ihr seine starke Note.
Sein Name war mir gut bekannt, er war ein prominenter Vertreter der wirtschaftspolitischen Ideen des Pilsudski Regimes, eben des Etatismus, und ich hatte viel über und von ihm gelesen. Nun hörte man ihn täglich mit seinen Radioansprachen an die Bevölkerung und mußte seine Energie und seinen Mut bewundern, mit der er alles versuchte, die Verteidigung, das Funktionieren der technischen Einrichtungen und Feuerwehr und die Versorgung der Bevölkerung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.
Als Übergang von "mittelbarer" zu "unmittelbarer" Verteidigung Warschaus wird der 8.September angesehen, als Beschießung mit Feldartillerie begann und die ersten deutschen Panzerabteilungen in der Umgebung von Warschau getroffen wurden, am 9.
begann schon Feuer von schwerer Artillerie. Obgleich die Stadt schon von den verschiedensten Seiten her unter Angriff war, gab es immer wieder Reste polnischer Heeresgruppen, die sich durchschlugen und in die Stadt kamen, ebenso wie viele Zivilflüchtlinge. Neben dem Artilleriefeuer und meist mit ihm abwechselnd, gab es fortgesetzte Luftangriffe, die Zerstörung und großen Brände waren furchtbar, viele Tote wurden schon oft nur an Straßenrändern begraben. Die Spitäler waren überfüllt, viele fielen Zerstörung oder Bränden zum Opfer, über der geschundenen, verzweifelt kämpfenden Stadt breitete sich eine riesige Rauchschicht, der Himmel wurde gelb von all dem Schwefel, den man auch stark riechen konnte und einatmen mußte, er wechselte bald von gelb in lilagelb, rotgelb, blaugelb, die Detonationen peinigten. Die Haltung und Stimmung der Bevölkerung in allen Teilen blieb exemplarisch, es war eine Atmosphäre der Bereitschaft und Einigkeit, solidarischer Handlungen und Verständnisses.
Starzynski trug mit seinen Ansprachen wohl entscheidend dazu bei, aber auch viele Organisationen von Bürger und Arbeiterschaft. Während von außerhalb der Regierungslager stehenden Kräften die sozialistischen Arbeitergruppen unter dem Veteranen Niedzialkowski einen prominenten Platz im Beirat des kommandierenden Generals
einnahmen (3), nahm man die Mitarbeit, zu der die Jüdische Gemeinde und andere Jüdische Organisationen aufgerufen hatten, wohl als gegeben an, sie waren im Verteidigungsrat nicht vertreten. Dabei war etwa ein Drittel der Bevölkerung Warschaus jüdisch.
Starzynski hatte in seinen Ermahnungen an die Bevölkerung häufig von der Wichtigkeit der Sauberhaltung von Straßen und Häusern gesprochen und dabei auch das dicht besiedelte jüdische Viertel, das Warschauer Ghetto erwähnt und an die jüdische Bevölkerung appelliert.
Außer den deutschjüdischen Bewohnern unseres Hauses hatten sich noch eine ganze Reihe anderer in der näheren Umgebung gefunden, auch hatten wir Besuch von dem ursprünglich polnischjüdischen Dr. Alberg aus Kattowitz, wo er als Syndikus von Giesche arbeitete, auch spanischer Honorarkonsul war. Er war Katholik geworden. Nun schien er sehr aktiv bei der Verteidigung Warschaus. Sein Vater aber war ein sehr typischer Warschauer Jude, mit entsprechendem Akzent, er kam uns öfters besuchen. Als das jüdische Neujahrsfest kam, wurde in Erich Steinitz's Wohnung gebetet, er war sehr kompetent dafür, es waren nostalgische Stunden.