Rückblicke

Chapter 18

Chapter 183,338 wordsPublic domain

Es schien nicht einmal ein hoffnungsvoller Anfang, und leider konnte es auch keiner werden, denn sie wurde bald schwer krank. Bei der Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof fand ich mich in der Reihe, die am Grab vorbeizog, um Erde auf den Sarg zu streuen, plötzlich hinter den einstigen Bridgepartnern v.d. Knesebeck und Waclawek. Jeder verabschiedete sich von der alten Dame noch mit einer formellen Verbeugung wie einem militärischen Salut. Es schien wie das Symbol einer vergehenden Zeit. Es blieb schon dabei, das zentrale Anliegen war einem der Sturz des Hitlerregimes in Deutschland, die Verbundenheit mit der deutschen Emigration und ihrer Publizistik das eigentliche Medium. Das war nicht nur das persönliche, jüdische Interesse, sondern auch die deutsche und schlechthin europäische Betroffenheit, die man darüber empfand. Das jüdische Interesse aber an neuen Lösungen und dann auch die Lage Polens, seine Probleme und Innenpolitik waren Fragen des Alltags geworden, mit denen man auch zunehmend befaßt war. Einige meiner jüdischen Schulfreunde waren aus ihrer juristischen Karriere in Deutschland geworfen worden, lebten zeitweilig auch wieder in Kattowitz. So hatten wir einen kleinen Kreis ähnlich gestellter (11).

Meine Großmutter Oettinger war von Breslau nach Berlin zu ihrem Sohn gezogen. Er war nach den Nürnberger Gesetzen vorzeitig pensioniert worden und war im Verein nicht­arischer Christen tätig. Sie kamen beide öfters für lange Besuche zu uns. Weiterer von Hitler bedingter langer Besuch waren meine Vettern Gerber. Wolfgang, nachdem er den Juristischen Dienst quittieren mußte, war im Berliner Büro der GfE untergekommen. Der Rassenschande angeklagt, kam er schnellstens zu uns, sein Bruder Hans, Mediziner, später auch. Die polnische Regierung gab Aufenthaltsbewilligungen, aber nicht unbegrenzt, Wolfgang mußte später nach Prag gehen, Hans ging nochmal zurück nach Deutschland. Sie waren beide als Protestanten aufgewachsen, nun lernten sie auch unsere vielen neuen Kontake aus polnisch­jüdischen Kreisen kennen. Diese waren fast alle in polnischer Sprache aufgewachsen, Anwälte, Ärzte, Ingenieure oder Geschäftsleute, sie gehörten zu den jüdischen Gebildeten, die mit ihren lebhaften Interessen, gutem Geschmack und Temperament viel beitrugen zum pulsierenden Leben und der kulturellen Szene von Städten wie Warschau und Krakau. Die wir kannten, waren eben die, die es nach Oberschlesien verschlagen hatte. Meine Eltern nahmen an neuen Kontakten mit polnisch­jüdischen Kreisen kaum Teil, aber die mit deutsch­jüdischen wurden enger und vielfältiger.

Unsere Parzellierung hatte gute Anfangserfolge aber ging dann langsam, ein neuer Durchbruch mußte noch kommen. Mein Vater hatte im Oktober 1935 seinen 70.Geburtstag gefeiert. Er meinte, wenn man genug Grund verkaufen könnte, müßte die Familie wieder eine neue "Produktionsstätte" aufbauen. Das blieb sein wirklicher Wunsch. Ich begann verschiedentlich, mich auch nach einstweiliger anderer Beschäftigung in der Nähe von zu Hause umzusehen.

Dabei helfen wollte mir Hans Proskauer, Sohn unseres einstigen Hausarztes, der Karriere als Syndikus der Oberschlesischen Kohlenkonvention noch unter dem alten Geheimrat Williger gemacht hatte und nun auch unter den neuen polnischen Führungskräften in der Industrie in seiner wichtigen Stellung blieb. Er war einiges älter als ich, aber wie seine Eltern Freund unserer Familie. Dann waren Pläne für eine Beteiligung an einem Transportgeschäft in Danzig zwecks Eröffnung einer Filiale im neuen polnischen Hafen Gdyngen für mich, und schließlich näher dem Kriegsausbruch Ankauf eines Agenturgeschäfts in Kattowitz, das den Import von Rohstoffen für kleinere Industrien betrieb. Es hätte Kommissionsguthaben im Ausland gebracht. In Polen war seit 1936 auch volle Devisenbeschränkung eingeführt und Auswanderungspläne waren sehr erschwert.

Es kam aber doch so, daß ich ganz mit den Angelegenheiten des väterlichen Vermögens in Kattowitz befaßt blieb. Wegen der Baubeschränkungen sollten Entschädigung von Hohenlohe und der Luftverteidigungsliga (LOP) gezahlt werden, ich fuhr mehrfach nach Warschau mit unserem Anwalt, der mit dem Syndikus der LOP gut bekannt war, die auch bereit schien, etwas zu tun. In der großen Tongrube der Ziegelei war ein sehr schöner Teich entstanden. Wir hörten über einen Plan in der Wojewodschaft in Kattowitz, daß dieses Teichgelände uns abgekauft und als Erholungsgebiet gestaltet werden sollte, als Abgeltung etwaiger Ansprüche von uns an die LOP. Das war dann aber schon sehr nahe dem Kriegsausbruch, und so blieben das alles Probleme und Hoffnungen, die sich in der dann einsetzenden Katastrophe wie Rauch und Dunst verflüchtigten.

In diesen späteren 1930er Jahren ging ich auch noch mehrfach auf Ferien in die Hohe Tatra, wieder auf die slowakische Seite, nun in das Sanatorium des Dr. Holtzmann. Die Mischung war von ungarischem, slowakischen und deutschem Element, auch recht viel jüdisches Publikum, es war noch das einstige Mitteleuropa in einer so anziehenden Form.

Nach Berlin war ich seit Mai 1936 nicht mehr gekommen. Kontakt mit den Berliner Verwandten gab es dann immer noch, da Vetter Herbert öfters auf Geschäftsreisen nach Polen kam und uns besuchte, einmal traf ich ihn sogar zufällig in Warschau. Im September 1937 starb der Onkel Paul Grünfeld. Er hatte sich immer geweigert, an Aufgabe der deutschen GfE Werke und Auswanderung zu denken. Die Familie war aber unter zunehmenden Druck der Nazis gekommen, mußte verkaufen und Deutschland verlassen. Tante Grete und die beiden Söhne Herbert und Ernst wanderten nach England aus.

Für uns in Kattowitz wurde die weitere politische Entwicklung auch Grund zunehmender Beängstigung. Hitler hatte provokativ einen einseitigen Bruch des Versailler Vertrags nach dem anderen verkünden und durchführen können, ohne Widerstand seitens der Westmächte, das flagranteste die Remilitarisierung des Rheinlandes Anfang 1936, bei der man allgemein und wohl auch in Kreisen der deutschen Heeresleitung französische und englische Militäraktionen erwartet hatte, die, hoffnungsvoll, vielleicht zu einem Ende des Hitlerregimes hätten führen können. Diese Erwartung, daß eines Tages die Heeresleitung es ablehnen würde, die Verantwortung für Hitlers abenteuerliche Kriegspolitik weiter mitzutragen, gab es ja immer wieder, aber die Erfolge, die ihm wiederholt vergönnt wurden, schwächten in Deutschland Skepsis und Widerstandswillen gegen Hitler und schienen bei den Westmächten das Streben nach Appeasement nur noch zu vergrößern.

Im September 1936 kam Stella Braham zu Besuch, Mutters Freundin aus Breslauer Jungmädchenjahren. Ihr Mann Dudley Braham war unterdeß einer der Editors der "Times" in London. Sie war nach Schlesien gekommen, um zu sehen, wie es den alten Freunden, die noch dort waren, in der Hitlerzeit erging, und so kam sie auch über die Grenze zu uns. Marianne hatte ihre Zeit in Frankreich abgeschlossen, Arbeitsgenehmigungen waren schwer, sie hatte zum Schluß dort als Au Pair oder Praktikantin in Bauernbetrieben auf dem Land verbracht, das hatte ihr sehr gelegen. Tante Stella lud sie nach London ein, sehr wesentliche Folge ihres Besuchs. Marianne war immer ein Mensch mit einem Lächeln und gewinnendem Wesen, sehr natürlich und "down to earth". Sie gewann dann auch in England viele Freunde.

Mit unserem Besuch sprachen wir auch viel über Politik. Die "Times" war ja später ein Hauptpfeiler für Neville Chamberlains Appeasement Politik. Wie immer stark unter dem Eindruck von Leopold Schwarzschild's "Tagebuch" über die Gefahren deutscher Aufrüstung und drohenden Krieges und die Artikel Churchills, die dort veröffentlicht wurden, fragte ich sie, wann denn in England Winston Churchill in die Regierung aufgenommen würde. Nein, sagte sie, uns in England ist er zu abenteuerlich, man hat Mißtrauen, er wird nicht wieder in die Regierung kommen. Ich war sehr betroffen über diese Antwort, und das steigerte sich zur kritischen Verzweiflung beim Miterleben der ständig sich brauenden Katastrophe, die sich dann von Beginn des Jahres 1938 an unaufhaltsam entwickelte (12).

Im Februar hörte man vom erzwungenen Rücktritt des Chefs der deutschen Heeresleitung v. Fritsch wie von einem Warnzeichen weiterer Zuspitzung. Viele hatten ihn für eine Hoffnung militärischen Widerstands gegen Hitler angesehen. Danach folgte der Einmarsch in Wien. Von Oberschlesien aus war man Wien näher gerückt, es war noch ein deutsches Gebiet gewesen, das nicht gleichgeschaltet war, auch viele unserer polnischen Freunde waren noch aus galizischer Vergangenheit her gewohnt, nach Wien als Beziehungspunkt zu sehen, so für Einkauf, Mode, Theater, ärztliche und zahnärztliche Kapazitäten. Wellen von politischen und jüdischen Flüchtlingen strömten nach Prag und manche kamen schon von dort nach Polnisch­Schlesien, als Hitler seine Aggressivität und Propaganda gleich nach dem österreichischen Anschluß auf die Tschechoslowakei richtete, mit der er dann im September in München einen vollen Erfolg erzielte: die Tschechoslowakei wurde ihm von Neville Chamberlain und Daladier ausgeliefert. Schon für einige Zeit hatte sie Zweifel am Wert des französischen Bündnisses gehabt und einen Vertrag auch mit Rußland abgeschlossen.

Es schien uns in diesen späten Septembertagen 1938 ungewiß, ob die Russen, selbst wenn das Münchener Abkommen zustande kam, was ja auch bis zum letzten Moment unsicher war, nicht doch zunächst durch Luftangriffe bei einem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei intervenieren würden, und dann wohl nicht ohne Auswirkungen auf das benachbarte Oberschlesien. Überhaupt waren diese Tage des Münchner Abkommens für uns ja nicht nur Tage aufregender Radio­ und Zeitungsmeldungen. Polen selber hatte eine sehr eigenartige Stellung bezogen.

Schon im Januar 1934 hatte Pilsudski, nachdem die Westmächte seinen Vorschlag (13) gemeinsamer militärischer Intervention gegen den damals noch schlecht bewaffneten Hitler abgelehnt hatten, einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen, durch den Hitler auch die bestehenden Grenzen für zehn Jahre anerkannte. Auch nach Pilsudskis Tod 1935 änderte sich wenig in dem semiautoritären Regime Polens, dessen "Obersten"Regierung versuchte, Konflikte mit Deutschland zu vermeiden und eine gute Atmosphäre zu erhalten. So wurden, obgleich die Kreise um Pilsudski eher von linker, nichtklerikaler Seite kamen, eines Tages alle Freimaurerlogen verboten. Es gab keine Gesetze, die jüdische bürgerliche Gleichberechtigung einschränkte und schon gar nicht Rassengesetze, aber zunehmende Diskussion über die Notwendigkeit verstärkter jüdischer Auswanderung z.B. durch eine spezielle Aktion nach Madagaskar, und es kam ein stark umstrittenes Verbot ritueller Schächtung, das der polnischen Regierung auch wirtschaftlich vorteilhaft erschien.

Am auffälligsten aber wurde die eigenhändige außenpolitische Linie der polnischen Oberstenregierung in den beiden großen Krisen des Jahres 1938. Die Zeit des österreichischen Anschlusses benutzten sie, um ultimativ eine alte Rechnung mit Litauen zu begleichen, und in der Krise der Tschechoslowakei verlangte Polen die Zuteilung des 1920 bei der Tschechoslowakei verbliebenen westlichen Olzateils des früheren Österreich­Schlesiens und bereitete sich vor, dort mit polnischen Truppen einzurücken, sobald Hitler die Tschechoslowakei angreifen würde. Gewiß war das nicht als deutschfreundliche Maßnahme gedacht, es war der verzweifelte Versuch, wenn die westlichen Alliierten die CSR nicht verteidigen würden, die Grenze zu Hitler dort wenigstens etwas nach Westen zu schieben. Es war aber auch die polnische Verweigerung russischer Durchmarschrechte, die eine Einigung des Westens mit Rußland hinderte und zum Weg nach München führte.

So erlebten wir denn die Tage um München bei uns in Kattowitz als wirkliche Vorboten kriegerischer Verwicklungen, als polnische Militärbewegungen sich in der Stadt bemerkbar machten. Wir hatten auch Grundstücke in Nikolai, bei Kattowitz, es war auf dem Weg nach der Tschechoslowakischen Grenze bei Teschen. Ich mußte gerade dorthin fahren, es wurde eine Reise mit Hindernissen, die Straße war voll mit motorisiertem Militärtransport, auch Artillerie war zu sehen. Man konnte nur den Kopf schütteln, es sollte also wirklich dort einmarschiert werden, und es wurde auch.

Der Versöhnungstag 1938 stimmte einen besonders ernst, als ob man ahnte, es könnte der letzte in Kattowitz sein (14). Zunächst gab es neue dramatische Vorfälle, auch für uns persönlich. Die Naziregierung hatte bisher Aufenthaltsrechte jüdischer polnischer Bürger in Deutschland respektiert. Gleich nach München hatten sie begonnen, ihre Aggressivität auch gegen Polen zu richten, noch im Oktober gab es Forderungen und dann plötzliche gewalttätige Ausweisung aller polnischer Juden, die einfach abgeführt und an die nächste polnische Grenzstation transportiert wurden. Man kann sich vorstellen, was solch eine spätherbstliche, nächtliche Aktion gegen ganze Familien und viele ältere Menschen an Härte und Grausamkeit bedeutete. Jenny Grünfeld, die schon betagte, unverheiratete Kusine des Vaters aus der Zalenzer Grünfeld Familie, war einer Erbschaft wegen unlängst von Kattowitz nach Beuthen gezogen, hatte einen polnischen Paß. Sie wurde auch zwangsweise nachts an die Grenze gestellt, die von den Polen zunächst geschlossen wurde. An manchen Stellen zwangen die Nazis die Deportierten zu Fuß auf die polnischen Grenzposten zuzulaufen, es wurde eine grausame Nacht für alle Betroffenen. Bei uns läutete morgens das Telefon, meine Mutter fuhr an die Grenze, um die Tante auszulösen. Sie hat dann in Kattowitz bei uns zu Hause bis zu Kriegsausbruch und Flucht gewohnt.

Man erinnert sich, in Paris war der junge Grünspan so erschüttert über die Deportation seiner Eltern, daß er auf einen deutschen Diplomaten, der das nicht verdiente, ein Attentat verübte. Die Nazis benutzten das in der Nacht des 9.November 1938 als Anlaß für die "Reichskristallnacht". In allen jüdischen Geschäften wurden die Schaufenster eingeschlagen, und alle Synagogen in Deutschland sollten angezündet werden.

Durch einen seltsamen Zufall kamen wir diesem bis dahin massivsten Nazi Gewaltausbruch gegen die Juden auch selber ganz nahe. Großmutter und Walter Oettinger hatten uns nicht mehr in Kattowitz besuchen können. Ein "J" war in ihren Paß gestempelt und Ausreise nur mit ordnungsgemäßen Auswanderungspapieren erlaubt. Wir hatten mit dem Onkel ein Treffen in Beuthen für 9.November verabredet, bevor man ahnen konnte, was an dem Tag passieren wird. Erika Schlesinger, Kusine aus der Zalenzer Grünfeld Familie, hatte angeboten, in ihrer Wohnung in Beuthen zusammenzukommen. Auch mein Vater wollte mitfahren, um den Onkel Walter zu sehen. Am Morgen wußte man schon in Kattowitz, was sich in der Nacht in ganz Deutschland und auch in Beuthen ereignet hatte.

Wir hörten von Erika, daß inzwischen weiter alle jüdischen Männer abgeholt oder gesucht und in Konzentrationslager gebracht wurden. Ihr Mann, er war protestantisch, war noch nicht abgeholt worden, aber man befürchtete es. Da Onkel Walter schon angekommen war, fuhren wir auch nach Beuthen und nahmen teil an den Gefühlen und der Beklemmung, die die Vorgänge der Kristallnacht bei den deutschen Juden auslösten. In der Wohnung wartete man ängstlich jede Minute, ob SS oder Polizei doch kommt, um den Arzt Dr. Schlesinger abzuholen. Man hörte über andere Beuthener Verwandte, darunter den über 80 jährigen Onkel Wachsmann und Frau Bertha, älteste Tochter der Zalenzer Grünfelds, und deren Kinder Weissenberg und Brann, die abgeholt und gezwungen wurden, die Nacht über mit an der brennenden Synagoge zu stehen. Am Nachmittag gingen wir auf die Rückreise, die Straßen immer noch voll Glas und Trümmer, eine bedrückende Stimmung lag in der Luft.

Die Vorgänge hatten großen Nachhall von Abscheu und Zweifel im Ausland. So kurz nach den unerwarteten Konzessionen, die Hitler in München gemacht worden waren und "Frieden für unsere Generation" bedeuten sollten, brachte diese massive Exhibition Hitler'scher Grausamkeit und Zerstörungswut große Ernüchterung und damit einen Schritt weg vom Geiste des Appeasements. Auch in Deutschland schien Zustimmung zu diesen Vorgängen nicht allgemein zu sein. Unser jüngerer Onkel Paul hatte 1937, als der Ablauf des Genfer Minderheitenschutzabkommens auch die Juden in Deutsch-Oberschlesien voll der Nazi Gesetzgebung aussetzte, sein Geschäft in Beuthen aufgeben müssen und es seinem bisherigen Geschäftsführer Slamal, einem guten oberschlesischen Deutschen überlassen. Er selbst konnte sich nicht zur Auswanderung entschließen und zog nach Berlin. Herr Slamal kam kurz nach der Kristallnacht nach Kattowitz und besuchte uns.

Er war sehr erschüttert und in Aufruhr über die Vorgänge der Kristallnacht, es gäbe viele, die seine Entrüstung teilten. Er fand überhaupt, daß es viel Ablehnung gäbe. Neulich hatte er Besuch von einem Verkaufsdirektor von Krupp aus dem Westen, war zum Frühstück mit ihm verabredet. Als er ihn pflichtgemäß mit dem Hitlergruß begrüßte, winkte der Besucher ab, nein bitte, daß könne er vor dem Frühstück schon überhaupt nicht vertragen. So etwas gab es also, auch in solchen Kreisen, aber es hatte, leider, keine Konsequenzen.

Im weiteren Verlauf des Winters wurde die Wendung Hitlers nun zu aggressiver Frontstellung auch gegen Polen immer klarer. Weihnachten besuchte uns Marianne. Sie hatte in England nach der Einladung bei Brahams und Sprachkursen eine Au Pair Stellung bei dem älteren, kinderlosen Ehepaar Dr. Kidd, er Naturwissenschaftler, gefunden, was auch mit Landwirtschaft zu tun hatte, und sie wurden ihr sehr gute Freunde. Daraus wurde dann Studium des Gartenbaus an der Universität Reading, so daß sie für diese Zeit keine Aufenthalts­Schwierigkeiten in England hatte. Für nachher machte sie sich Sorgen. Man hatte sie für Auswanderung nach Neuseeland begeistert, oder, wenn wir ihr finanziell von Kattowitz dafür helfen konnten, wollte sie ein kleines Gartenbaugrundstück in England kaufen, wovon man bei harter Arbeit gut leben könnte. Die Eltern, meinte sie, könnten dann auch hinkommen, wenn Hitler auch bei uns angreift.

Das Ehepaar Kidd wollte sie adoptieren, wie würde Vater das nehmen? Ich fand man sollte ihm das nicht antun. Natürlich war das ganz falsch. Sie wollte sich auch taufen lassen, was ohnehin ihren Neigungen entsprach, anders als Lotte und ich hatte sie nie eine positive Beziehung zu ihrem Jüdischsein.

Arme Marianne, die Tragweite des Ernstes unserer Situation hatte man nicht richtig begriffen. Heute weiß ich es, man hätte alles in Bewegung setzen, alles andere hintanstellen sollen, und versuchen sollen, ihr das Geld für die kleine Gartenwirtschaft freizumachen und ihr nach England zu transferieren, und ihr zur Adoption durch die Professor Kidds zuraten sollen. Als ich sie zum Abschied auf die Bahn brachte, erzählte sie, Vater hatte ihr beim Abschied gesagt, sie würden sich wohl nicht wiedersehen. Er ahnte und verstand es vielleicht viel besser.

Die Stimmung ängstlicher Ungewißheit erreichte einen neuen Höhepunkt und eigentlich den entscheidenden Wendepunkt mit Hitlers Einmarsch am 15. März 1939 in die nach München noch unabhängig verbliebenen Teile Böhmens und Mährens, und Abtrennung der Slowakei von was bis dahin der tschechoslowakische Staat gewesen war. Es war mit hergebrachten Kategorien des Denkens schwer faßbar. Nach all den Zusicherungen, die Hitler in München gegeben hatte, marschierte er weiter. Churchill hatte es immer gesagt, Leute wie Schwarzschild hatten vergeblich versucht, Hitler die biedere Maske vom Gesicht zu reißen, jetzt ließ er sie selber ganz unverfroren fallen. Die Wirkung war momentan. Als Hitler gleich darauf seine Forderungen an Polen betreffs Danzig und den Korridor stellte, verpflichtete sich England schon am 31.März zu gemeinsamer englisch­französischer Hilfe für Polen. Nach weiteren fünf Monaten brach der 2.Weltkrieg aus.

Nach der Besetzung Prags durch die Nazis ergoß sich ein Strom von politischen und jüdischen Flüchtlingen an und über die tschechisch­polnische Grenze. Es waren dabei auch viele, die erst ein Jahr vorher von Wien nach Prag entkommen waren. Es fanden sich verborgene Wege über "die grüne Grenze" und wegkundige Begleiter, für politische Flüchtlinge einschließlich Journalisten wurde auch viel getan von den Deutschen Sozialdemokraten in Kattowitz unter Johann Kowoll. Viele, die entkommen konnten, lernte man in Kattowitz kennen, die Kaffeehäuser Skala und Opera waren voll von ihnen, es entstanden gute Bekanntschaften, ja Freundschaften, bei uns zu Hause kamen immer irgendwelche neue oder auch wiedergefundene Flüchtlingsfreunde zum Essen.

Viele blieben nur kurz, hatten schon von Prag aus an Visas gearbeitet, oder konnten sie jetzt sich verschaffen, die Konsulate, besonders das englische hatten viel zu tun und versuchten so viel zu helfen, wie es London ihnen erlaubte, die polnischen Behörden drückten alle Augen zu. Polen war ja nun selber in der heißesten Schußlinie. Die Leute, die da geflohen waren, sie erschienen beinahe schon

Schicksalsgenossen.

Viele der Flüchtlinge aber wurden von den Nazis bei Ankunft von Prag an der Grenze geschnappt und für weitere Untersuchung interniert. So erging es meinem armen Vetter Wolfgang Gerber. Er war einige Zeit in Prag geblieben, er kannte ja das GfE Geschäft und sie hatten dort Aufträge für ihn, mit späteren Bemühungen um Auslandsvisas hatte er noch keinen Erfolg gehabt, er war aus Prag geflohen, aber nicht bei uns angekommen, und wir hatten keine Nachricht. Bei Rosa Speier hatte ich damals das Ehepaar Kowoll getroffen, schließlich fuhr ich mit ihm wieder auf der Straße nach Teschen zu seinen Kontakten an der Grenze. Er erfuhr, daß Wolfgang auf der anderen Seite im Gefängnis saß, es wurden in Berlin Nachforschungen gemacht, ob etwas gegen ihn vorliegt.

Das klang nicht gut. Wenn man etwas über das Rassenschandeverfahren gegen ihn fand, würde er wohl zur Aburteilung nach Deutschland gebracht werden. Wenn nichts vorlag, wurden die Flüchtlinge meist entlassen und konnten dann sehen, wie sie über die Grenze kamen. Die Fahrt mit Kowoll gab mir eine Idee von seiner wichtigen Arbeit, ich hielt mit ihm Kontakt aufrecht.

Die wachsende Spannung zwischen Deutschland und Polen machte sich in Polens westlichen Provinzen besonders bemerkbar, Zeichen von Sympathie, ja Begeisterung von großen Teilen der deutschen Minderheit für Hitlers Forderungen auf Abtretung polnischer Gebiete wurden immer markanter, es kam zu Zusammenstößen, jugendliche Deutsche flohen auf die deutsche Seite und bildeten dort Stoßtrupps für den Tag, der kommen sollte. Man war umgeben von dauernder Kampfstimmung um die Zukunft Polens, und es waren nicht nur die vielen Flüchtlinge aus Prag, die einem die Lage deutlich machten.