Rückblicke

Chapter 17

Chapter 173,357 wordsPublic domain

Wenn ich mir vorstellte, wo ich mir einst eine Karriere und Aufgabenfeld für meine Zukunft aufbauen würde, war mir im Laufe meiner Studentenjahre doch immer die Weimarer Republik als das natürliche Habitat für die Zukunft erschienen. Die gab es nun nicht mehr. Meine Freunde aus der Studentenzeit emigrierten, meist in die weite Welt, wo immer man ein Visum bekommen konnte, manche auch nach Palästina, für manche hieß es Umschulung weg von ihrem Studiengebiet auf einen praktischen Beruf. Für mich aber hatte wieder gegolten, daß ich jedenfalls zur Zeit an der Seite des Vaters gebraucht würde, und so sollte Mitarbeit im Familiengeschäft jetzt meine Hauptbeschäftigung werden. Man mußte sehen, wie sich das gestalten würde. Für weitere Sicht blieb Auswanderung, weiter weg von Hitlers Deutschland, immer noch im Blickfeld. Geschäftlich aber konnten wir damals in Kattowitz mit sich verbessernder Konjunktur wieder zuversichtlicher sein. Die Ziegelei stellte als eine ihrer Spezialitäten aus ihren Tonreserven Eisenklinker her, für die sich plötzlich substantielles Interesse für den Straßenbau ergab. Das Projekt war im Verhandlungsstadium und interessierte mich sehr.

Im Verhältnis der deutschen Juden zu den offiziellen deutschen Organisationen hatte sich nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland alles geändert. Es gab gewiß auch Kräfte bei den Deutschen dort gegen eine Gleichschaltung dieser Organisationen mit den Nationalsozialisten in Deutschland (1), aber es wurde doch unmöglich für jüdische Mitglieder, in einer Organisation zu bleiben, die nicht offiziell von der judenfeindlichen Linie der Nazis abrückte. Mein Vater legte sein Amt als Vizepräsident des Deutschen Volksbunds sehr bald unter Protest dagegen nieder und schied aus der Stadtverordnetenversammlung aus (2).

Die persönlichen Kontakte zum Leben der deutschen Minderheitsgruppen und zu manchen guten Freunden wurden auch betroffen. Meine Mutter und andere jüdische Mitglieder zogen sich nach einiger Zeit aus dem Meister'schen Gesangverein zurück, auch aus dem Hilfsverein Deutscher Frauen, und man ging nicht mehr in die Veranstaltungen der Deutschen Theatergemeinde, deren Spielplan ja von Deutsch­Oberschlesien herkam. Zum Teil war das ein langsamer Erosionsprozeß, es gab ja doch die verschiedensten Deutschen, die das wirklich bedauerten und aus ihrer Distanzierung zu den Nationalsozialisten keinen Hehl machten, es war ja auch nicht so wie in Deutschland, daß ein behördlicher Druck dagegen stand.

Als bezeichnend für das Bild der deutschen Minderheit vor 1933 sehe ich, daß am Vortragsprogramm des Deutschen Kulturbunds, unter Leitung von Viktor Kauder, auch viele republikanische Akademiker und Schriftsteller aus Deutschland teilnahmen, so die Professoren G. Kessler, Th.Litt, Bergsträsser, H.v.Eckart, unter den Schriftstellern Walter v.Molo und Klaus Mann, der sich damals für den noch sehr jungen Autor Dr. Franz Goldstein sehr einsetzte (3). Bis Kriegsausbruch gab es dann zwei deutsche politische Gruppen im damaligen Polnisch­Schlesien, die sich offen gegen Hitler stellten. Da war die deutsche Sozialdemokratische Partei unter ihrem schon langjährigen oberschlesischen Führer Johann Kowoll und Dr. Siegfried Glücksmann aus dem früher östereichischen Teil (Bielitz). Sie hatte weiter ihre eigene Fraktion im Schlesischen Sejm, unterhielt ihre Zeitung "Volkswille", aber verglichen mit den 1920er Jahren waren ihre Statur und Einfluß zurückgegangen. Bei hoher Arbeitslosigkeit und der gegen deutsche Arbeiter gerichteten Einstellungspolitik der polnischen Regierungspartei hatten die deutschen Gewerkschaften an Boden verloren, und als 1933 die Freien Gewerkschaften in Deutschland gleichgeschaltet wurden, verloren die deutschen Sozialdemokraten in Polnisch­Oberschlesien noch mehr an Rückhalt. Ihre Partei und einige ihrer Organisationen blieben aber aktiv und arbeiteten effektiv mit an der gefährlichen Tätigkeit des sozialdemokratischen Widerstands gegen Hitler in Deutschland zusammen mit der deutschen sozialdemokratischen Emigration in Prag. Dazu gehörte sowohl "Kuriertätigkeit" für Einschleusen von Flugblättern und anderer Literatur, wie auch Rettung von politisch Verfolgten, die Deutschland heimlich verlassen mußten (4). Ich wußte damals nicht im Einzelnen über diese Aktivitäten, aber kannte den Gewerkschaftsvertreter Johann Kowoll. Mein Vater hatte ja auch einige Ämter in seiner Berufssphäre

gehabt, Obermeister der Maurer­ und Zimmererinnung, Vorsitzender der Arbeitgeberverbände für Bau­ und Ziegeleiindustrie, und da hatten die Gewerkschaften ja auf der anderen Seite des Tisches gesessen.

Der Syndikus der vom Vater geleiteten Arbeitgeberverbände war Franz Cichon. Er stand der anderen Gruppe von deutschen Hitlergegnern in Polnisch­Schlesien nahe, deren Auftreten besonders bemerkenswert ist. Sie bestand aus einem Teil der ursprünglichen Deutschen Katholischen Volkspartei. Unter deren Vorsitzenden Dr. Eduard Pant war diese Partei und ihre Zeitung "Oberschlesischer Kurier" zunächst ganz offen gegen den Machtwechsel in Deutschland aufgetreten (5). Auf Pants Antrag hatte sie gleich im März 1933 ihren Namen in Deutsche Christliche Volkspartei gewechselt, um auch anderen christlichen Hitlergegnern Zusammenarbeit anzubieten, und Dr. Pant fand dafür noch im August 1933 eine Mehrheit seines Parteitags. Daneben gab es noch den "Verband der Deutschen Katholiken", wo er auch bis Dezember 1934 die Oberhand behielt.

Seit Februar 1934 gab er eine Wochenzeitung, "Der Deutsche in Polen", heraus; der bisherige Chefredakteur des Oberschlesischen Kuriers J.C. Maier wurde dort schon früher wegen seiner offenen antihitlerischen Haltung sehr angefeindet und wechselte zu Dr. Pants Zeitung als Chefredakteur. Im Juni 1934 legte Dr. Pant sein Amt im Deutschen Volksbund nieder, und im Dezember 1934 erzielten die Gruppen der deutschen Katholiken, die es vorzogen sich nicht offen gegen Nationalsozialisten zu stellen, eine Mehrheit gegen Dr. Pant im Verband der deutschen Katholiken. Dr. Pant und seine Gruppe blieben danach isoliert, ihre Haltung blieb eindeutig gegen die Nationalsozialisten gerichtet, und der "Deutsche in Polen" brachte fortlaufend viele kritische Berichte über Nazigreueltaten und auch die antisemitischen Exzesse.

Natürlich wurden in deutsch­jüdischen Kreisen die Entwicklung von Dr. Pants Partei zu einer so entschlossenen antihitler Organisation mit ihrer eigenen sehr gut redigierten Zeitung außerordentlich begrüßt und bewundert. Wir waren Abonnenten der Zeitung und verbundene Leser, es war aber eine sehr betont auf christlicher und eigentlich eben katholischer Basis bestehende Gruppierung, so daß sich die Frage einer eventuellen Mitarbeit oder Einbeziehung deutsch­jüdischer Kreise nie stellte.

Ich erinnere mich auch nicht an persönliche Kontakte mit Dr. Pant selber aus dieser Zeit. Er war aus dem österreichischen Teil Schlesiens gekommen, von daher in seine führende Stellung unter den deutschen Katholiken Polnisch­Schlesiens aufgestiegen und später nach Kattowitz gezogen, gehörte also nicht zu den alten Bekannten (6). In der ideologischen Einstellung gab es einen gewissen Unterschied zwischen reichsdeutschen und den österreichischen Katholiken, mit ihrer stärkeren Betonung einer völkischen Note und damit einem gewissen offenen Antisemitismus, anders als man es gewöhnlich von einem Führer des katholischen Zentrums in Deutschland gewohnt war (7).

Bei Dr. Pant hatte man Anfang der dreißiger Jahre vor Hitlers Machtergreifung einen Kampf um den Vorsitz der Deutschen Theatergemeinde in Kattowitz, vielleicht zu Unrecht, etwas in diesem Licht gesehen. Die langjährige Vorsitzende Rosa Speyer sah sich einer Gegenkandidatur Dr. Pants gegenüber. Ich war bei dieser erregten Versammlung, die Wogen gingen hoch, es wurde durchaus nichts antisemitisches gesagt, für Dr. Pant schien es eine Sache christlich­nationaler Thematik für das Kulturprogramm im Gegensatz zu dem vermeintlich bisher vorherrschenden liberalem Einfluß (8). Es ist eigenartig: protestantische Gruppen und Jugend, aus der sich später viele pro­Nazis rekrutierten, stimmten damals gegen Dr. Pant für die Wiederwahl der langjährigen Vorsitzenden Rosa Speier, und als einer ihrer Freunde beschwerte ich mich beim katholischen Abgeordneten Jankowski, daß seine Organisation die Einheit stören wolle. Er selbst aber war dann in der Hitlerzeit unter den Katholiken nicht mehr auf der Seite Dr. Pants.

Nun war also gerade Dr. Pant an die Spitze der katholischen Abwehrbewegung gegen Hitler getreten und gab ihr soviel Profil und Aggressivität. Persönlich besser bekannt waren uns einige der angestammten Oberschlesier, die zu ihm hielten, so der langjährige Kattowitzer Stadtrat Schmiegel, Dr. Alfons Rojek von den Christlichen Gewerkschaften und Dr. Alfred Gawlik, Geschäftsführer der "Wirtschaftlichen Vereinigung in Polnisch­Schlesien". Ihn sah ich dann oft, denn die Vereinigung ermöglichte es Dr. Franz Goldstern, Redakteur ihrer Wochenzeitung "Wirtschaftskorrespondenz in Polen" zu bleiben und auch seine literarische Beilage im bisherigen Stil weiterzuführen. Er hatte mich gebeten, Buchrezensionen über politische und geschichtliche Themen zu übernehmen, da seine Interesse mehr Literatur und Musik galten, und ich hatte auch angefangen, über aktuelle wirtschaftspolitische Tagesthemen Leitartikel für das Hauptblatt zu schreiben. Dabei bewegten mich auch Sorgen wegen der polnischen Finanzpolitik, die sich strikt an französischen Theorien modellierte, während woanders eine expansionistische Geldpolitik basierend auf den Ideen von Keynes betrieben wurde.

Das Amerika Roosevelts war das einprägsamste Beispiel dafür, über das ich oft schrieb. Für Polen sollte ja die Nähe des sich auch mit expansionistischer Geldpolitik rapide aufrüstenden Hitlerdeutschlands ein Grund gewesen sein, seine Geldpolitik zu überdenken und sich von den Fesseln der französischen Schule von Gide und Rist zu emanzipieren, wovon ich auch sprach. Polen schien sich lange durch seine Finanzpolitik den notwendigen Spielraum zur erforderlichen Weiteraufrüstung zu verbauen. Zur Zeit der Weimarer Republik mit ihrer 100.000 Mann Reichswehr galt ja wohl in Deutschland mit Recht die polnische Armee als eine mögliche Bedrohung. Die Welt erwachte nur sehr langsam zu dem Ausmaß der von Hitler seit 1934 betriebenen, viele Vorstellungen sprengenden deutschen Aufrüstung. Jemand, der darüber laut und stark sprach, war Leopold Schwarzschild in seinem in Paris erscheinenden Neuen Tagebuch, das wir in Kattowitz natürlich abonnierten. Überhaupt war nun die in allen ihren Schattierungen bei uns vorhandene deutsche Emigrationspresse eine wesentliche Quelle von Information und Verbindung mit den Vorgängen in der Westlichen Welt.

Man hatte sich ja auch neue Tageszeitungen suchen müssen, die Vossische Zeitung gab es nicht mehr, die lokale Kattowitzer Zeitung war gleichgeschaltet, so kamen wir zunächst zum "Prager Tagblatt", eine liberale Zeitung, die durch den Zuzug so vieler deutscher Emigranten nach Prag an Profil noch gewonnen hatte. Als sie nachließ, war da die "Prager Presse", im Besitz der tschechischen Regierung, aber auch mit Beiträgen von deutschen Emigranten, zum Schluß, wohl bis März 1939 war es dann noch die Mährisch­Ostrauer Morgenzeitung, die uns in Kattowitz ganz gut versorgte. Mein Freund Dr. Fritz Guttmann wurde auch von Kattowitz aus ein Mitarbeiter.

Von allen politischen Emigrantenzeitschriften hat mich Schwarzschild's Neues Tagebuch immer am nachhaltigsten beeindruckt. Um die Warnungen vor der tödlichen Bedrohlichkeit der Hitler'schen Aufrüstung zu unterstreichen, brachte er häufig Beiträge von Winston Churchill und André Tardieu, den prominentesten der einsamen Rufer unter westlichen Politikern, die das Gleiche fühlten. Meine Mitarbeit an der Wirtschaftskorrespondenz für Polen gab mir natürlich einige Genugtuung. Meine Schwester Marianne erzählte nach einem Skiausflug in die Beskiden, daß auf der Rückfahrt in ihrem Abteil zwei Beamte des Wojewodschaftsamts saßen, die sich über meine prokeynesianischen Artikel lebhaft unterhielten. Ich wurde also gelesen. Es änderte sich aber wenig in der Politik.

Was wir in der Wirtschaftskorrespondenz schrieben, machte sie nicht zu einem politischen antihitler Kampforgan, wie es Dr. Pant's "Der Deutsche in Polen" war. Es war ja eine Wirtschaftszeitung mit Literaturbeilage, aber aus der klaren antinationalsozialistischen Einstellung wurde kein Hehl gemacht, und unter den Büchern, die besprochen wurden, waren viele, die in Deutschland verboten worden waren. Für mich blieb das eine Nebenbeschäftigung, für die ich kein Honorar bezog. Ich schrieb unter einem Pseudonym, denn meine Hauptaufgabe dort in Kattowitz war ja im väterlichen Geschäft.

Dort war das Projekt für Bau großer Straßen mit Eisenklinkern weiter fortgeschritten, der Initiator war der frühere polnische Finanzminister Wladyslaw Grasbki in Warschau, auch Eigentümer einer großen Ziegelei und sehr interessiert an der Mitwirkung unserer Ziegelei, die ihrer Kapazität nach eine der größten in Polen war. Der Vater fuhr nach Warschau mit Zygmunt Weingrün zu einer Besprechung mit Grabski, der zwar ein Politiker der nationaldemokratischen Opposition, aber doch mit guten Verbindungen war, und das Projekt sah weiter vielversprechend aus. Zusätzliche Kredite wurden von der Stadtsparkasse in Kattowitz dafür in Aussicht gestellt, und ich sollte nach Berlin fahren, um das dafür nötige Einverständnis der Witwe des Onkel Max zu erlangen, die von der dortigen Familie beraten wurde.

Bevor ich nach Berlin fuhr, kamen die Nachrichten von der politischen Mordaktion Hitlers am 30. Juni 1934. Ich war gerade für einen Tag nach Krakau gefahren, man saß im Kaffee auf dem Platz vor den Tuchlauben

gegenüber der alten Marienkirche; Kaffeehaus dort schien ein Anklang an die österreichische Vergangenheit Galiziens. Da kamen die Zeitungen heraus mit den Nachrichten über Hitlers Mordaktion und die Kommentare, die Hitler dazu abgab. Es war unbeschreiblich und unfaßbar, wie so etwas vom Zaune gebrochen, wie es aufgezogen war, dahin also waren die Deutschen gekommen, so sah ihre Regierung aus (9).

Kurz danach fuhr ich also nach Berlin. Die alten Kumpane vom Demokratischen Studentenbund Franz Suchan und Horst Mendershausen holten mich am Bahnhof ab. Ich wohnte in Dahlem, die geschäftlichen Unterhaltungen spielten sich im Büro der GfE an der Hardenbergstraße ab. Mein Vetter Herbert schien dort im Sattel als ein Primus inter pares in der GfE Leitung mit Leo Forchheimer und Dr. Hans Krakenberger. Mein Onkel Paul war viel abwesend durch Krankheit. Meine geschäftlichen Gespräche verliefen befriedigend, also stand der Aufnahme des Kredits in Kattowitz, der für das neue Projekt gebraucht wurde, nichts mehr entgegen.

Die Eindrücke während des Besuchs in Berlin waren schlimm. Die meisten Menschen, die ich traf, waren verwundert und verschreckt. Freunde, die nahe bei den Kasernen in Lichterfelde wohnten, wo man die ganze Nacht die Schüsse gehört hatte, ja es wurde immer noch weiter geschossen, waren ein lebhaftes Beispiel. Ich besuchte auch Richard Winners und Else Runge, er arbeitete jetzt wieder für eine amerikanische Zeitung. Ich fragte, was nun wirklich passiert wäre, das können Sie uns doch viel besser erzählen. Da meinten beide, Sie kommen ja aus dem Ausland, und das hörte ich noch oft. Dabei gehörte Winners' amerikanische Zeitung zu den prominentesten, die sich durch konsequente antihitlerische Berichterstattung und Haltung auszeichneten, und das war auch ganz energisch wie je seine Haltung. Bei manchen anderen schienen es nicht nur die Schwierigkeiten zu sein, richtige Informationen zu bekommen, sondern auch das Risiko, dem man sich aussetzte, wenn man zuviel herumzuhören schien. Ich glaube da eine beginnende Übung zu entdecken, möglichst nicht mehr zu viel zu sehen und zu hören. Das waren also die Wochen nach dem 30. Juni 1934.

Auf der Rückfahrt von einer meiner Reisen nach Berlin während der Hitlerzeit hatte ich in Breslau Station gemacht und war auf der Schweidnitzer Straße Dr. Hans Lukaschek begegnet. Er hatte bei Hitlers Machtübernahme sein Amt als Oberpräsident von Deutsch­Oberschlesien verloren, ein engagierter Zentrumsmann. Er hatte sich als Anwalt in Breslau niedergelassen, erkundigte sich nach meinen Eltern. Als ich fragte, was er über die Entwicklung in Deutschland denke, sagte er, Sie haben es doch nun selbst gesehen, Sie wissen es doch, ich sah zu ihm auf, es liefen Tränen über seine Backen. So stand dieser große, starke Mann vor mir, für den ich immer soviel Sympathie und Hochachtung gehabt hatte, ein Eindruck, den ich in den kommenden Jahren nie vergessen konnte.

Am Morgen nach meiner Rückkehr gab es bei uns Alarm. In der Ziegelei war in der Nacht ein Feuer ausgebrochen, sie war weitgehend zerstört, es hatte lange gedauert, bis die vielen Feuerwehren, die von der ganzen Umgebung zusammenkamen, den Brand unter Kontrolle bringen konnten. Für den Vater war es besonders tragisch, das Werk, auf das er so stolz war, als Ruine zu sehen; für uns alle war es ein großer Schock. Der Betrieb mußte eingestellt werden, für mich wurde die Auseinandersetzung mit den Versicherungsgesellschaften, die das Feuerrisiko teilten, die Hauptaufgabe.

Die Sachverständigengutachten der beiden Seiten über die Schadenshöhe gingen weit auseinander, es kam zu einem Prozeß. Da der Grund von der Kopalnia Wujek (Oheimgrube) der Hohenlohewerke unterbaut war, wurden diese auch in die Auseinandersetzungen verwickelt, da die Sachverständigen der Versicherungen einen Teil der festgestellten Schäden, besonders an den großen Öfen, als Bergbauschäden bezeichneten. Die Hohenlohewerke, damals von den Gebrüdern Petchek kontrolliert, waren ja immer wieder wegen drohender Bergschäden im Gespräch gewesen, sogar ihr Ankauf des Grunds als Lösung. Jetzt gab es erneuten Kontakt, ihr Markscheider Dlugoborski war ein häufiger Besucher in den Ruinen der Ziegelei, für die sie ihren Abbau in diesem Teil der Oheimgrube hatten beschränken müssen. Ich hatte also einiges zu tun, und gut, daß ich da war. Unser Anwalt Hans Loebinger hatte unterdeß einen neuen, sehr intelligenten und versierten polnisch­jüdischen Partner in Marek Reichmann bekommen. Er kam aus der Gegend Lembergs, war erst kürzlich von Bielitz nach Kattowitz übergesiedelt. Es wurde 1935, bis wir den Prozeß gewannen und sich viele neue Fragen ergaben. Wiederaufbau der Ziegelei schien ein sehr schwieriges Vorhaben, und die Kosten hätten die Entschädigungssumme überschritten, die Rehabilitierung der Schornsteine alleine wäre der bergbaulichen Situation wegen zweifelhaft gewesen. In der Nähe war der Flugplatz entstanden, auch von da war Widerstand zu erwarten. Für vorstädtische Bebauung für Wohnzwecke wurde das Gelände aber als geeignet gefunden, und wir entschlossen uns dazu. Das Stadtbauamt befürwortete den Plan für die Parzellierung in Villengrundstücke.

Die Tischlerei sollte aber vorläufig weiter bestehen, hatte sich schon in eine erfolgreiche Möbelfabrik entwickelt, es wurde noch dort investiert, ein Verkaufgeschäft in der Stadt eröffnet, so hatten Lotte und ihr Mann dort eine Existenz, die sie voll ausfüllte. Im August 1935 wurde ihre Tochter Nina geboren. Sie bekam ein deutschsprechendes Kinderfräulein, Thea, und wuchs damals mit Deutsch als ihrer Muttersprache auf.

Ich mußte nach dem Ausgang des Prozesses wieder nach Berlin, Tante Mucke beanspruchte einen Teil der Entschädigung, ihre Hypothek mußte für die Parzellierungsaktion gelöscht werden. Es gab wieder die vielen Sitzungen im Büro der GFE, Onkel Felix Benjamin, Vetter Herbert Grünfeld, Anwälte. Der von uns an die Tante zu bezahlende Betrag wurde vereinbart (10).

Von meinen jüdischen Freunden in Berlin waren die meisten schon ausgewandert, Kurt und Elli Lange, er erfolgreicher Mediziner, warteten darauf. Otto und Lore Lilien wollten nach Palästina und dort eine Druckerei aufmachen. Das hat mich interessiert, ich wollte sehen, ob ich mich daran nicht beteiligen könnte. Nicht nur in Deutschland, ich sah auch eigentlich nicht in Kattowitz oder überhaupt in Polen eine wirkliche Zukunft für mich. Wenn die Parzellierung erfolgreich eingeleitet ist, wäre für mich doch Auswanderung auch der richtige Weg gewesen. In der Einstellung zu zionistischen Hoffnungen in Palästina hatte sich doch manches geändert.

Wie konnte es auch anders sein. Auch wenn die Aussonderung der Juden aus der deutschen Gesellschaft, zu der sie doch so stark und lebendig gehörten, und eben die nationalsozialistische Herrschaft nichts Endgültiges sein mußten, die Ungewißheiten jüdischen Diasporadaseins waren in neues Licht gerückt. Was für Möglichkeiten die zionistischen Hoffnungen wirklich bieten würden, das mußte sich noch zeigen, und eigene Identifikation mit nationalen jüdischen Zielen war noch wieder eine andere Frage, aber aktiver Sympathie für diejenigen, die sich dafür voll einsetzen wollten, konnte man sich nicht mehr verschließen. Wir waren zu Hause auch bald Abonnenten der in Berlin von Robert Weltsch herausgegebenen "Jüdischen Rundschau" geworden, die ein hervorragendes Forum für die Familiarisierung weiter Kreise des deutschen Judentums mit zionistischem Gedankengut und der politischen Entwicklung in und um Palästina wurde.

Nun erlebte ich ja Zionismus auch aus nächster Nähe von einer anderen Seite, durch meinen zunehmenden Kontakt mit polnischen Juden. Hier waren seit langem auch in Intelligenz und Bürgertum fast alle prozionistisch eingestellt. Polen, das Zufluchtsland für europäische Juden nach mittelalterlichen und späteren Verfolgungen, hatte ein wirkliches jüdisches Bevölkerungsproblem im Zuge rapide wachsender Industrialisierung und Urbanisierung seiner Bevölkerung. Es gab Rufe nach einer drastischen Berufsumschichtung in der jüdischen Bevölkerung oder eben auch massiver Auswanderung, und das waren Fragen, die auch von den einsichtigsten Leuten auf jüdischer Seite empfunden wurden. Zionisten und Ort hatten daher einen fruchtbaren Boden für ihre Bestrebungen. In Krakau gab es eine jüdische polnische Tageszeitung "Nowy Dziennik", auch prozionistisch eingestellt, und die habe ich auch verfolgt. Ich nahm auch an Veranstaltungen der Zionistischen Vereinigung in Kattowitz teil, sie bestand aus einigen alteingesessenen deutschen Juden, Zionisten der ersten oder jedenfalls frühen Stunden und manchen der polnisch­jüdischen Zuzügler. Zu Vorträgen kamen Martin Buber, Harry Torczyner, Dr. Elias Auerbach, Olschwang u.a., nach denen man die Redner auch noch beim Tee kennen lernen konnte. Hannah Rappaport, vorher kurze Zeit mit Franz Neumann verlobt, hatte den aus Krakau stammenden Zygmunt Krieger, Importeur Schweizer Uhren, Bruder des sehr erfolgreichen Bankiers Hennek Krieger, geheiratet, ich wurde ein enger Freund. Sie war sehr aktiv bei den Zionisten, und ich erklärte mich bereit, an Spendenwerbungen teilzunehmen, man wies mir als Mitglied der entferntesten Kreise die "hoffnungslosen Fälle" zu. Dazu gehörte auch die Frau Else Silberstein. Ich rief an und sagte, ich wolle sie zusammen mit Hannah Krieger besuchen. Sie wußte daher gleich, worum es gehen sollte und sagte, Herr Walter, Sie wissen doch wie gern ich Sie habe, und Sie sind doch immer bei mir willkommen, aber, bitte, kommen Sie mir doch nicht "mit diesen Leuten". Ich mußte mich darauf einigen, daß sie eine Spende per Post schicken würde. Sie tat es auch, aber die Spende war sehr klein.