Rückblicke

Chapter 16

Chapter 163,528 wordsPublic domain

Die Machtübernahme Hitlers als Reichskanzler erlebte ich nun in Kattowitz mit Rundfunk, Zeitungen, einigen Telefongesprächen, dann gab es Filmwochenschauen. Es war ganz eindeutig mit dem Aufgebot an SA Märschen und Publikumserregung, obwohl das Kabinett noch eine Mehrheit von bürgerlichen und Fachministern hatte, das war die Machtergreifung. Hitler und seine Nazis schienen eine nachtwandlerische Begabung zu haben, solche Ereignisse zu inszenieren. Von den Festmärschen ging die SA wieder direkt zurück auf die Straße und Schlimmeres. Es kamen die Meldungen von blutigem Terror und Vergeltungsmaßnahmen. Bald mußte ich lesen, daß mein älterer FWV Bundesbruder Günter Joachim in Berlin von SA­Leuten abgeholt und grausam erschlagen wurde. Die Meldungen über Menschen, die als bekannte Gegner der Nationalsozialisten umgebracht oder in eines der schnell entstehenden Konzentrationslager gebracht wurden, häuften sich, besonders nachdem der Reichstagsbrand die Szene in Deutschland hell beleuchtet hatte, und es waren darunter immer wieder Namen, die ich gut kannte, und manche, denen ich begegnet war. Eine ganze Reihe meiner Freunde verließ Deutschland schon damals.

Bei den neuen Reichstagswahlen am 4. März 1933 erhielt Hitlers Partei immer noch keine 50% der Stimmen, mit Hugenbergs Partei aber hatten sie es nun, und andere Parteien wurden soweit eingeschüchtert, daß ein Ermächtigungsgesetz Hitler vollkommene Macht gab. Es hatte von Nazis und ihrer SA veranstaltete antijüdische Kundgebungen gegeben, und am 1.April kam ein Tag des Boykotts aller jüdischen Geschäfte als Signal, daß die Unterdrückung des jüdischen Bevölkerungsteils nun im Ernst einsetzte. Es war gut, daß ich in diesen Wochen sehr beschäftigt war mit meiner Dissertation. Auch nahm ich ja an den Vorgängen im Geschäft und zu Hause in Kattowitz teil. Es war im Geschäft 1932 eine Veränderung eingetreten, die auch meine eigene Stellung und Zukunft betreffen sollte. Die Liquidität im Geschäft war angespannt geblieben, der Absatz der Ziegelei kam erst langsam aus der Wirtschaftskrise, weitere Kredite hatten beschafft werden müssen, wobei ich entscheidend mitgeholfen hatte. Dann kam 1932 der Tod des früheren Partners Max Grünfeld, für dessen Kremation Vater und ich nach Berlin gefahren waren. Nach seinem Ausscheiden hatte er in Berlin ein bequemes und geruhsames Leben führen können und danach noch geheiratet. Es war ihm noch ein verzinsliches Guthaben in der Firma verblieben, nach seinem Tode wurde nun verlangt, daß das für die Erben gesichert wird, und zu denen gehörte nicht nur die Witwe, Tante Mucke, sondern nach ihr alle Vettern und Kusinen, die etwas von solcher Erbschaft brauchen konnten, und da gab es einige. Daher waren nun an solcher Sicherung auch die interessiert, die sich als Sachwalter solcher Familieninteressen fühlten. Zu deren Auflagen gehörte außer hypothekarischer Sicherung auch, daß ich keine anderen Pläne für meine Karriere machen, sondern bei meinem Vater in Kattowitz bleiben sollte.

Mit Verhältnissen in Polen hatte ich mich ja nicht nur durch die im Osteuropainstitut in Breslau vorhandene Literatur und Zeitschriften, sondern auch in Kattowitz vertraut machen können. Mein Polnisch hatte sich zusehends verbessert, wenn auch mehr zum Lesen solcher Literatur und Zeitungen oder auch Geschäftspapieren als für Konversation und Umgangssprache.

Im Spätsommer 1932 besuchte ich zum ersten Mal Warschau. Meine Münchner Freundin hatte sich einer Rußland­Exkursion des Kutscher'schen Theaterwissenschaftlichen Seminars der Universität München angeschlossen, zu der auf der Rückreise ein Aufenthalt in Warschau gehörte, und ich wollte sie dort treffen. Sie kam dann auch nach Kattowitz.

Meine Schwester Lotte hatte sich unterdessen mit dem Betriebsleiter der Ziegelei Zygmunt Weingrün, der überhaupt eine Stütze des Geschäfts geworden war, sehr angefreundet, sie schienen es sehr ernst zu nehmen. Bei Familie und Freunden traf Lotte damit zunächst auf Erstaunen, nicht nur, da er polnisch­jüdisch war und dementsprechend seine Familie und sein Freundeskreis, aber viele empfanden ihn auch als einen recht harten Menschen. Ich habe ihn im Laufe vieler Jahre dann eben als nicht nur sehr intelligent und tatkräftig, sondern auch als besonders zuverlässig für alle Dinge, für die er sich einsetzte, schätzen gelernt. In den Monaten nach Hitlers Machtübernahme, die ich in Kattowitz verbrachte, hatte sich Lotte mit ihm bereits verlobt, die Hochzeit sollte im Juni stattfinden. Ich aber wollte zu Semesterbeginn Anfang Mai doch wieder nach Breslau gehen, um meine Dissertation bei Dr. Hesse einzureichen. Zur Hochzeit meiner Schwester hätte ich ja dann kurz nach Kattowitz kommen können. Aber das kam dann anders.

Ich hatte natürlich ein merkwürdiges Gefühl, jetzt nach Breslau zu kommen. Ich hatte mich ja als Gegner der Nazis exponiert und Hammersen wäre ich gewiß nicht gern begegnet. Aber wie eigenartig sich das jetzt fügte. Ich hatte ja einen polnischen Paß, und was man so hörte, auch mißliebigen fremden Staatsbürgern wurde damals gewöhnlich keine rohe Gewalt angetan. Ich unterhielt mich mit Dr. Hesse ganz offen über die Lage; an der Universität war man noch unsicher, neue Richtlinien über eine Sonderstellung jüdischer Studenten waren nicht ergangen, aber wurden erwartet, er nahm aber meine Dissertation entgegen und wollte mir Bescheid geben. Unterdeß nahm ich an Seminaren teil, seines war sachlich und diszipliniert, etwas ungemütlicher fühlte ich mich im Seminar des Dr. Bräuer. Ich konnte zunächst bei den Eltern meines FWV Bundesbruders Kurt Leipziger übernachten, bis ich ein möbliertes Zimmer fand. Ich meldete mich auch bei Rudi Treuenfels, er bat mich, ihn sofort zu verständigen, wenn ich in der Universität irgendwelche Schwierigkeiten habe.

Ein Zimmer fand ich durch Hans­Werner Niemann. Er hatte eines in der sehr großen Wohnung von Dr. Ernst Fraenkel am Nikolaistadtgraben und es war noch ein anderes frei. Frau Fraenkel war eine sehr eindrucksvolle Frau, es waren viele Kinder im Haus (den Sohn Ernst, damals 9 Jahre alt, sollte ich 23 Jahre später in London wiedertreffen). Ihr Mann, Jurist, sehr kämpferisch gesinnter KCer und mit Auszeichnungen versehener Frontkämpfer des 1.Weltkriegs, widmete sich jetzt voll seinem Amt im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, durch dem bedrängten jüdischen Kriegsteilnehmern oft geholfen werden konnte. Dazu gehörten Vorstellungen von ihren Spitzenfunktionären sogar bei Hindenburg, aber Dr. Fraenkel war besonders bekannt dafür geworden, daß er sich in die Höhle des Löwens zum Breslauer Gauleiter Heines, einem der berüchtigsten SA Führer, gewagt und mit großem Schneid diese Intervention überstanden hatte. Er war jetzt meist im Berliner Büro des Jüdischen Frontkämpferbundes; wenn er am Wochenende nach Hause kam, reihten sich Besucher an Besucher, die Hilfe oder auch nur Rat von ihm haben wollten.

Es war ein Zufall, daß ich nun dort war, ein sehr passenden Rahmen für meinen kurzen Mai 1933 Aufenthalt in Breslau, so kurz, weil Dr. Hesse mir bald mitteilte, daß neue Anweisungen nun vorlägen und jüdische Studenten nicht mehr promovieren dürften. Er bedauerte das, bot an, mir eine Empfehlung an Dr. Büchner, früher auch in Breslau, jetzt Ordinarius in Zürich zu geben, die ich auch gerne annahm. Man hatte ja solch eine Sperre nicht ausschließen können, und ich hatte für diesen Fall nicht nur an die Schweiz, sondern auch an die deutsche Universität in Prag gedacht, wo ich eventuell mit meiner Dissertation noch promovieren könnte. Zunächst verständigte ich auch Rudi Treuenfels; für meinen Besuch bei ihm hatte er auch seinen Freund Dr. Rademacher, früher so aktiv als republikanischer Professor, ein bekannter Mathematiker, gebeten. Beide bestanden darauf, daß man eine Beschwerde an das Kultusministerium machen müßte. Rudi Treuenfels, der ja zur Abstimmungszeit oft bei uns in Kattowitz war, fand, das wäre doch ein ausgezeichneter Fall, der Regierung die Unsinnigkeit ihrer Verfügungen nahe zu bringen. Ich war nicht sehr für diesen Plan, war dann doch bereit, eine solche Eingabe da und dort mitzuverfassen und zu unterschreiben, aber machte ganz klar, daß ich mich dadurch nicht gebunden fühlte und wahrscheinlich Breslau sofort verlassen und eine andere Universität außerhalb Deutschlands mir suchen würde.

Nach Verständigung mit zu Hause beschloß ich, es erst in Prag zu versuchen. Nazi Grenzkontrollen beim Verlassen Deutschlands waren schon etwas wie ein Schreckgespenst geworden. Eine Bekannte von Kurt Leipziger wollte auch über Prag ausreisen; wir fuhren zusammen, man war bange, aber es gab gar keine Zwischenfälle. In Prag sah ich meine Freunde von der Rede­ und Lesehalle, man war dort schon Emigranten gewöhnt, und auf der Straße begegnete ich Dr. Otto Friedländer, einst Vorgänger meines Freundes Berlowitz an der Spitze der Sozialistischen Studenten in Deutschland. Wir kannten uns gut, er war dann später sehr aktiv in der studentischen Völkerbundsgruppe, wie ich ja auch. Er war nun schon einige Zeit in Prag als politischer Flüchtling, und ich hörte viel über die sich dort versammelnde politische Emigration, ihre Probleme, Pläne und beginnenden Aktivitäten. Er arbeitete auch zusammen mit Kurt Großmann, bekannt gewesen als Sekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte, auf dessen Bitte ich auch bereit war, daß sein Haushaltsgut von Deutschland über meine Adresse in Kattowitz geleitet würde, sodaß es von dort nach Prag gehen konnte.

An der Deutschen Universität Prag war man nicht bereit, mich noch für das Sommersemester einzuschreiben, und so fuhr ich über München weiter nach Zürich. Beim Umsteigen in München besuchte ich ganz schnell noch meine Freundin; sie war krank, und so ging ich allein essen, in die Osteria Bavaria, es war ziemlich leer, aber da saß Hans Bethe, Freund meines Vetters Werner Sachs, ich hatte ihn öfters in Dahlem getroffen, und so aß ich mit ihm. Als Physiker schien er schon weit aufgestiegen, war gerade von einer Gastdozentur in England zurückgekommen, es gefiel ihm nicht in Deutschland, er würde gleich wieder weggehen. Von Heisenberg und Schrödinger sprach er schon damals wie von Gleichgestellten.

In Zürich, nach September 1930 war dies nun mein 2.Besuch und es regnete wieder, wurde ich sehr freundlich und hilfsbereit von Dr. Büchner empfangen und hätte bei ihm meine Dissertation fertigstellen können. Er konnte aber nicht garantieren, daß die Vorschriften erlauben würden, daß ich noch für das Sommersemester immatrikuliert werde. Das Sekretariat der Universität lehnte das dann auch ab, für das Wintersemester sollte es möglich sein, aber zusagen könne man es jetzt nicht.

Ich traf in Zürich an diesem Tag auch die, wie ich schon von Hans Wener Niemann gehört hatte, unterdeß im Breslauer Seminar zu Rabbinern promovierten Bekannten Schlesinger und Funkenstein. Wir gingen zusammen essen, es gab da ein koscheres Restaurant in Zürich, und meiner neuen Lage war das ja auch sehr angemessen, daß ich dort so viel jüdische Atmosphäre zu spüren bekam und soviel darüber hörte.

Unsere Unterhaltung war sehr lebhaft. Sie wollten durchaus ihr Bestes tun, um mich etwas mehr auf jüdische Wellenlängen zu bringen. Als sie besonders lebhaft sprachen und gestikulierten, wie ich es bei ihnen von Breslau her gar nicht gewöhnt war, schreckte ich wohl etwas zurück, und da meinte Schlesinger halb Scherz, halb Ernst, ich müsse mich eben daran gewöhnen, daß wir Juden eine orientalische Bevölkerung sind. Mein nächstes Ziel sollte die Universität Basel sein, sie gaben mir die Adresse ihres Kollegen Lothar Rothschild in Basel.

Dort ging ich sofort zur Universität, die für mich unterdeß eine gewisse Gloriole als ein Wunschziel bekommen hatte. Sie war sehr alt und voller Prestige, man brachte sie schon mit Erasmus von Rotterdams Aufenthalt in Basel in Verbindung, dann waren da so bedeutende Namen wie Jakob Burkhardt und Friedrich Nietzsche. In der Kanzlei schien der Pedell die Szene zu beherrschen, seine Erscheinung entsprach so ganz dem Ruhm der Universität, wie ich ihn zu sehen begonnen hatte. Er hatte einen wundervollen Vollbart, an den ich mich als rötlich­braun erinnere, und er stand ganz vorn, wo der Amtsraum von den Besuchern abgegrenzt war, vor ihm lag ein großes ledergebundenes Buch. Ich trug ihm meinen Fall vor, und mit einer einladenden Handbewegung schlug er das Buch auf und bat mich, meinen Namen einzutragen. Damit war ich immatrikuliert.

Es hatten sich damals in Basel seit Beginn des Sommersemesters 1933 eine größere Zahl von Studenten versammelt, die aus politischen oder "rassischen" Gründen ihr Studium in Deutschland abbrechen mußten. Ich war denn auch keineswegs der letzte Refugee, der noch im Laufe des Sommersemesters angenommen wurde. Diesmal ohne jede Empfehlung meldete ich mich mit meiner Dissertation bei Dr. Edgar Salin, der mich als Doktorand annahm.

Die Begegnung mit ihm beeindruckte mich sehr und eröffnete viele neue Dimensionen (1). Wenn man ihm zuhörte, begann man zu vergessen, daß er als so rechtsgerichtet galt. Er war vehement gegen die Erfüllungspolitik für die deutschen Reparationen aufgetreten, als Gegenpol zu dem mir vom Demokratischen Studentenbund einst als häufiger Gast so gut bekannten Dr. M.J. Bonn. Aber es war schwer möglich, sich Edgar Salin in der Nähe auch nur Hugenbergs vorzustellen. Wesentlich war bei ihm Friedrich List, der deutsche Nationalökonom des frühen 19. Jahrhunderts, der an deutschen Hochschulen kaum noch neben Adam Smith oder Ricardo erwähnt worden war. List war ein "Nationaler" Ökonomist gewesen, für den staatliches Denken die Basis war, so etwas wie ein post­absolutistischer Merkantilist. Bei Edgar Salin war es auch die Staatsidee, die mit seiner Verbundenheit mit dem Stefan George Kreis zusammenhing, er hatte auch über Plato's Staatsidee ein Buch geschrieben. Bemerkenswert war dabei, daß er in allen Problemen der modernen Markt­ und Verkehrswirtschaft meisterhaft zu Hause war und sich dafür in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch einen erheblichen Ruf errang. Sein Seminar auch in 1933 war mehr davon erfüllt als von Plato und Friedrich List, und man hörte viel auch über Schumpeter und Keynes. Es ging damals dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise entgegen, Roosevelt hatte sein Amt angetreten, die Allgegenwart des Staates in der kapitalistischen Wirtschaft war einem sehr stark bewußt geworden. Schutzzölle waren noch durch Devisenbewirtschaftung aufgestockt worden, und der Weg aus der Krise schien in den USA Roosevelts wie auch im Deutschland Hitlers und Schachts wiederum durch massives Einwirken des Staates zu führen. Edgar Salin schien die auf Adam Smith und Ricardo basierenden Theorien der reinen Verkehrswirtschaft als Abstraktionen zu sehen, nützlich für die erstrebenswerten Ziele der Marktwirtschaft, aber eben kein vollständiges Bild der Wirklichkeit, aus der "die öffentliche Hand" im Wirtschaftsgeschehen intern und international durch die Jahrhunderte, ganz gleich unter welcher Herrschaft, gar nicht weg zu denken ist (2).

Neben den so interessanten Seminaren Edgar Salins und dort gemachten Bekanntschaften bot die Zeit in Basel auch andere anregende Abwechselung. Es gab die schönen Sommerabend­Konzerte im Hof des alten Münsters mit seinen Kreuzgängen, Orchesterkonzerte unter Felix Weingartner. Die Frau unseres Kattowitzer Anwalts und entfernten Vetters Hans Loebinger hatte mir Empfehlungen an zwei Verwandte in Basel gegeben, die beide aus Schlesien stammten. Der eine war Dr. Karl Joel, als Ordinarius der Philosophie Nachfolger auf dem Lehrstuhl Friedrich Nietzsches. Er lebte mit seiner Schwester; sie hatten Sonntagmittag jetzt oft eine Reihe von Emigrantenstudenten eingeladen. Sie waren beide sehr warm empfindende und geistig lebhafte Menschen. Auch wenn er nach einem Schlaganfall war, hielt er immer noch Vorlesungen. Sie gehörten sehr zu Basel und seiner Universität, aus den Unterhaltungen ergab sich, daß Albert Schweizer und Heinrich Wölfflin zu den engsten Freunden gehörten.

Die andere Einführung war an Dr. Ludwig Scherbel, führend in der Motor Columbus, die seinerzeit auch das Elektrizitätswerk in Prinzengrube in Oberschlesien, eine alte Kindheitserinnerung von mir, mitfinanziert hatte. Er war nicht nur ein prominenter und sachverständiger Geschäftsmann, sondern auch ein Mensch mit auserlesenen kulturellen Interessen und Geschmack, großer Bibliophile und Kunstsammler. Er empfing mich überaus freundlich, ich lernte viele interessante Leute in seinem Haus kennen und war dort sehr gern. In der Universität hatte ich im Seminar den etwas älteren sozialistischen Studentenführer Beyer aus Berlin wiedergetroffen. Er erkannte mich vom DStV her, wir sahen uns auch sonst, meist saß ich im Seminar neben ihm. Auch in Basel war von FWVern wieder der schon von München her befreundete Ralph Kleeman und von Breslau Franz Ledermann, und ich war viel zusammen mit einigen Medizinstudentinnen, auch emigriert aus Deutschland.

Natürlich beschäftigte einen damals die jüdische Frage besonders und Kontakte die damit zusammenhingen waren intensiv. Bei Lothar Rothschild hatte ich mich schon gleich nach Ankunft gemeldet und wurde gleich zum Freitagabend eingeladen. Er war noch ohne Stellung als Rabbiner, der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterland, wie er meinte. Er lebte zu Haus bei seinem verwitweten Vater, wir hatten lange Spaziergänge und Gespräche über Gott, vor allem aber den damaligen Zustand der Welt und die jüdische Lage. Durch ihn und Funkenstein lernte ich auch andere, meistens auch Emigranten kennen, die stark in jüdischem Bewußtsein und Interessen verwurzelt waren. Es gab auch einen Diskussionsabend von einer zionistischen Studentengruppe arrangiert, wo die in Basel angekommenen sich aussprechen sollten. Die meisten kamen als bisherige Gegner oder Skeptiker, jemand, es wurde mir berichtet, es war einer meiner FWV er Freunde, sagte, wir selbst können einen Weg zum Zionismus nicht mehr finden (man war in seinen frühen zwanziger Jahren), vielleicht mal unsere Kinder. Ich fühlte, auch wenn man für sich selber aus der hergebrachten Abwehrstellung und Skepsis schwer herauskam, daß es doch ein natürliches Bedürfnis wurde, in der für die Juden durch Hitlers Machtübernahme in Deutschland sichtbaren Entwicklung den zionistischen Gedanken und Bestrebungen Interesse und aktive Sympathie entgegen zu bringen. Man wußte ja von ihnen, man war aber ein eher ablehnender Beobachter gewesen, der Akzent wurde jetzt doch anders. Ich hörte auch Martin Buber, der als diesjähriger Gast der Studentenschaft Basel in ihren Vortragsreihen einen religionsphilosophischen Vortrag hielt und ihn mit den Worten "Sören Kierkegaard.." anfing. Da war also ein alter Zionist der frühen Stunde, der den Zusammenhang mit europäischer Geistesgeschichte so betonte und in ihr seinen Platz einnahm.

Am Ende des Sommersemesters besuchte ich auf dem Weg nach Hause meinen Vetter Ernst Grünfeld in Freiburg i.Br., wo er weiter Chemie studierte. Wir waren während des Semesters in nachbarschaftlichen Kontakt getreten, und nun zeigte er mir Freiburg. Wir tranken Wein auf dem Münsterplatz, aber obwohl es so eine katholische Stadt war, sah man auch viele Naziuniformen, und als das große Skandalum war da natürlich die Befremdung über die nazifreundliche Haltung, die der bekannte Philisoph Martin Heidegger als damaliger Rektor der Universität zeigte. Man hatte darüber in Basel mehr gesprochen als anscheinend in Freiburg. Es war für mich keine persönliche Enttäuschung, bei allem Interesse für seinen Lehrer Husserl, er war für mich ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Husserl hatte ja auch in Freiburg gelehrt, auch der alte Nationalökonom Schultze­Gaevernitz, häufiger Gast bei uns im Demokratischen Studentenbund in Berlin, ebenso wie seine Tochter, und ich erinnerte mich an Rudolf Küstermeyer, treibender Geist für unseren DStV. Jetzt stand über allem in Freiburg ein großes Fragezeichen.

Ich fuhr nach Hause mit einem Zug, der mich direkt durch den Schwarzwald nach Osten führte und mir noch ein neues, schönes Stück Süddeutschlands zeigte. Irgendwo in Bayern saß ich im Abteil mit einem Bauern, er war sichtlich nicht sehr eingenommen von Hitler, aber lassen wir es mal, sagte er, der muß ja jetzt zeigen, was er kann, wahrscheinlich dauert das Ganze nur ein paar Monate. Solche Äußerungen hörte man gern, aber konnte man wirklich hoffen, daß es so ausgeht?

Bei Beginn des Wintersemesters stellte es sich heraus, daß ich es gar nicht mehr auszusitzen brauchte, schon im Dezember konnte ich meine Prüfungen ablegen und am 15. Dezember erfolgte meine Promotion. Der Pedell mit dem wunderbaren Bart zog in einem Talar mir voran und dann wurde ich vom Dekan promoviert, langer Mühe und mancher Hindernisse Lohn.

Nach meinem Examen lud ich zum Abschied zu einem kleinen Abendessen ein, italienisch, für mich damals ganz neu, aber so hatten es sich die Medizinstudentinnen gewünscht, und eine von ihnen fuhr mit mir, als ich vor der Rückkehr nach Kattowitz noch über Weihnachten und Neujahr meine Schwester Marianne in Paris besuchen wollte. Sie hatte aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen Chemie zu studieren und war zu Sprachkursen nach Paris gegangen.

Paris und etwas vom Leben in Frankreich war nochmals ein neues Erlebnis und eine neue Erfahrung, und auch eine aktuelle. Es hatte in der Politik gerade den Stavisky Skandal gegeben, man wußte nicht, war das auch eine tödliche Krise der Republik, es gab auch Straßendemonstrationen, Ausschreitungen. Werden sie das System umstürzen? Nein, sagte Kurt Kronheim, der alte Freund vom Demokratischen Studentenbund, die französische Republik steht fest auf ihren Füßen, und er schien recht zu behalten. Er war einer von vielen deutschen Emigranten, die ich in Paris nun wiedertraf, auch Kurt Berlowitz war darunter. Marianne wohnte am Boulevard des Augustins, nahe dem Quartier Latin. Auch hier waren, wie in Prag, bereits viele der deutschen Emigrantenzeitschriften entstanden, die bis zum Kriegsausbruch 1939 für mich wichtige Beziehungspunkte mit politischen Entwicklungen bleiben sollten. Marianne und ihre Freunde führten mich zu Weihnachten in ein elsässisches Restaurant, sie hatten alle noch Heimweh. Berlowitz war vom Weltstudentenwerk gebeten worden, einen Artikel über die Lage der jüdischen Studenten zu schreiben. Er schlug vor, ich sollte das an seiner Stelle tun, ich wüßte ja mehr z.B. über Polen, und jetzt in Basel hatte ich ja nicht nur deutsche Emigranten getroffen, sondern auch jüdische Studenten aus Ost und Südosteuropa, von denen seit Jahren viele ins Ausland gehen mußten, um zu studieren. Es war ein wirkliches Problem, über das ich da nachdenken sollte, das die Sorgen jüngster deutsch­jüdischer Emigration in einen viel weiteren Rahmen stellte. Wo gab es da Wegweiser, war eine verstärkte jüdische Berufsumschichtung zu einer normaleren soziologischen Struktur, weg vom hohen Prozentsatz akademischer Berufe und Ambitionen, wie ihn ja nicht nur die Zionisten für die Möglichkeiten, die sich ihnen in Palästina bieten könnten, sondern auch für die weite Diaspora zum Beispiel die Gesellschaft "Ort" als Ziel hatte? Aber welche Chancen konnten verloren gehen für wirkliche Intelligenz aus dieser jüdischen Bevölkerung Europas, man mußte nur an die vielen Nobelpreisträger denken, die aus ihr hervorgegangen waren. Mit diesem zu verfassenden Artikel im Gepäck fuhr ich dann von Paris nach Hause.

Kapitel 7

Emigration nach Hause, in Polen