Chapter 15
Rawack & Grünfeld bauten Personal ab, hatten in der Krise große Verluste durch Vorkäufe von Eisen und Manganerzen erlitten, das entscheidende Gewicht war von Felix Benjamin auf Vertreter der Banken übergegangen. Die GFE meines Onkels Paul Grünfeld behauptete ihre führende Stellung in der Ferrolegierungsindustrie, die Krise machte sich aber auch bemerkbar. Mein Onkel Paul wollte mir helfen, aber meinte, daß meine besten Möglichkeiten nicht auf der rein kaufmännischen Seite oder Industrieverwaltung, sondern zum Beispiel bei Tätigkeit in einem wirtschaftlichen Verband liegen würden. Er kannte mich ja gut, ich war so viel dort im Haus, und es war vielleicht nicht unbedingt gebilligt, aber immerhin bemerkt worden, wie ich mich in politischen Dingen profiliert hatte. Die GFE gehörte dem Verband zur Wahrung der Interessen der Chemischen Industrie (genannt Langnamverband) an, und mein Onkel empfahl mich an den Geschäftsführer Dr. U.. Mein Interview verlief erfolgreich, und er war bereit, mich anzustellen und das schien unter Dach und Fach. Bald mußte er mir aber mitteilen, daß sein Kollege Dr. Pietrikowski ein Veto eingelegt hat, weil es der Vertraulichkeit wegen nicht geht, daß ein Verwandter eines Verbandsmitgliedes in der Verwaltung beschäftigt wird. Es war eine große Enttäuschung für mich, und unerwartet, daß es grade von Dr. Pietrikowski kam. Er war früher mit dem von einer Posener Familie kontrollierten Ostwerkekonzern verbunden gewesen und einige Zeit auch Direktor bei Rawack & Grünfeld, aber ich mußte das einstecken. Dr. U. gab mir statt dessen eine Empfehlung an seinen Freund Leo Gross, Geschäftsführer des Verbands des deutschen Großhandels.
Das Interview mit ihm brachte mich nochmals nach Berlin. Wieder sah ich auch die alten Freunde aus der Hochschulpolitik, auch Wolfgang Straede kam zu uns ins Kaffee Schön, um mich zu sehen. Einige Tage vorher war gerade die Gründung der Harzburger Front verkündet worden, also die Deutschnationalen hatten sich mit Hitler verbündet. Wir im Kaffee Schön waren voll Empörung und großen Befürchtungen, man fragte Straede, wie man sich das eigentlich vorstellt, Hitler zur Macht kommen zu lassen heißt doch, daß es in seiner Alleinmacht enden wird. Wir schrieben Oktober 1931. Straede bemühte sich, uns zu beruhigen, nichts werde außer Kontrolle geraten, alles sei dafür vorgesorgt. Ich verließ das Kaffee mit ihm, und als wir uns unter den Linden verabschiedeten, fragte ich, was er denn für Änderungen erwartet von der Harzburger Front. Es wurde deutlich, er meinte auch nicht, daß alles beim Alten bleibt, diese Harzburger Front hieß viel für ihn, eben doch eher, daß eine neue Zeit in Deutschland anfangen wird. Ich erwähnte die Stellung der Juden. Er zögerte ganz kurz, als um nachzudenken, als ob er bisher, oben im Kaffee, an diesen Punkt gar nicht besonders gedacht hätte. Ich sah, es kam plötzlich ein etwas stählerner Blick in das vertraute Gesicht, als ob es einer gewissen Anstrengung und Entschlossenheit bedurfte, wie er dann sagte, ja, es wird sich vieles ändern. So trennten wir uns, es gab mir das Gefühl, daß sich da ein Graben aufgetan hatte.
Da ich wegen einer Praktikantenstelle aus Berlin nichts mehr hörte, fiel dann die Entscheidung, für meine Dissertation nach Breslau zu gehen und dabei soviel Zeit wie möglich auch im Geschäft in Kattowitz zu verbringen. Das schien auch angezeigt, die finanzielle Lage war dort angespannt geblieben der schlechten Konjunktur wegen. Für die Ziegelei war als Betriebsleiter ein aus Krakau stammender junger, auf Keramik spezialisierter Chemischer Ingenieur, Zygmunt Weingrün, engagiert worden, er schien sehr intelligent und energisch. Meine Schwester Lotte kam auch nach Kattowitz zurück, um dort in der Tischlerei der Firma sich auf Möbelfabrikation auszubilden. Die jüngere Schwester Marianne war noch zu Hause. Ich hatte ja seit 1928 nie mehr viel Zeit in Kattowitz verbracht, mußte mich nun neu mit manchem vertraut machen.
Meine polnischen Schulkenntnisse hatten sich noch wenig verbessert, nur gelegentlche Anläufe mit Privatstunden in Ferien, Bemühungen, Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, aber im privaten Leben gab es noch kaum polnisch sprechende Kontakte, auch bei der Jugend. Die meisten meiner deutschen Schulfreunde waren fort in Deutschland, auch die jüdischen unter ihnen, aber es gab Ferienbesuche von manchen, und so blieben alte Freunde wie KarlHeinz Lubowski und HansWerner Niemann, der jetzt auch in Breslau studierte. Als neue, sehr interessante Kontakte in Kattowitz ergaben sich 2 etwas ältere jüdische Intellektuelle, die beide Journalisten geworden waren, auch aus alten deutschjüdischen Kattowitzer Familien stammend und dorthin zurückgekehrt. Einer war Dr. Fritz Guttmann, Nationalökonom aber auch mit großen Kenntnissen und Urteil in Literatur und Musik. Er war bei der "Kattowitzer Zeitung" Leiter des Wirtschaftsteils und auch des Feuilletons geworden. Fritz Guttmann war verheiratet und lebte mit seiner Familie auf der deutschen Seite in Beuthen, ein weiterer Grund dort manchmal einen Abend zu verbringen. Das war kein Problem, der kleine Grenzverkehr, durch das Genfer Abkommen eingeführt, war ja noch bis 1937 in Kraft. Vorläufig war es attraktiv für uns, manchmal nach Beuthen zu fahren. Nach 1933 wurde es dann für manche in DeutschOberschlesien attraktiv, mal nach Kattowitz zu kommen.
Die andere neue Bekanntschaft in Kattowitz war Dr. Franz Goldstein, ganz und gar literarisch und künstlerisch eingestellt, unverheiratet. Die "Wirtschaftliche Vereinigung für PolnischOberschlesien" umfaßte deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende, wobei die deutschjüdischen natürlich einiges Gewicht hatten. Sie wurde, ebenso wie ihre Wochenzeitung, die "Wirtschaftskorrespondenz für Polen" von Dr. Alfred Gawlik, zur deutschen katholischen Gruppe gehörend, geleitet, und bei der Wirtschaftskorrespondenz war Franz Goldstein als Redakteur angestellt. Er entwickelte dort als Beilage eine Buchrevue verbunden mit Theater, Konzert und Filmkritik, durch die er mit vielen bekannten Schriftstellern in Korrespondenz oder persönlichen Kontakt kam. Von seiner Münchner Studentenzeit stand er Arnold Zweig nahe und zeigte sich sehr begeisterungsfähig für manche junge Talente, zu denen auch Klaus Mann gehört hatte. So gab es in Kattowitz 1931 zwei sehr fortschrittlich und modern eingestellte Feuilletons, die sich, als ich 1927 zum Studium nach Berlin ging, noch nicht so profiliert hatten. Die Lage der deutschen Minderheit hatte sich weiter verschlechtert. Zwar hatten die Wahlen zum Schlesischen Sejm den Deutschen im Mai 1930 noch ein Drittel der Sitze gebracht, aber bei einer neuen Wahl im November waren die deutschen Stimmen stark reduziert und es kam zu deutschen Protesten im Völkerbund gegen polnischen Wahlterror.
Entscheidend für die weitere Schwächung der deutschen Minderheit wurde dann im Laufe der Zeit der zunehmende polnische Einfluß in den Verwaltungen der verschiedenen Industriegesellschaften, die das Bild seit dem Beginn der 1930er Jahre bald vollkommen veränderten. Der polnische Staat half nach durch Zwangsaufsichten z.B. nach Steuerstreits. Es erschien in Oberschlesien eine ganz neue Schicht von gut ausgebildeten und erfahrenen polnischen Industrieverwaltern und Ingeneuren, wie es ja auch im übrigen Polen in diesen Jahren zu einer stärkeren Profilierung industrieller Aktivität kam, zum Teil unter dem Zeichen des sich in Polen entwickelnden Systems des "Etatismus". Die Geschäftsaufsichten über Teile der oberschlesischen, von ausländischem Kapital oder deutschen Adelsfamilien kontrollierten Schwerindustrie gehörten in dieses Bild.
In Breslau meldete ich mich bei Dr. G. Hesse als Doktorand. Er war zu seiner Zeit anerkannt als sehr solider Nationalökonom, war Verfasser eines vielgebrauchten Lehrbuchs und außerdem Leiter des in Breslau bestehenden Osteuropainstituts. Er nahm mich als Doktorand gleich an und da ich einiges Polnisch auch die Verhältnisse in Polen etwas kannte, schlug er vor, als Dissertation eine Arbeit für das Osteuropainstitut zu machen, und zwar über "Die Auslandsverschuldung Polens", über die noch keine Publikationen vorlägen. Das nahm ich auch an und machte mich gleich an die Arbeit. Ich mußte natürlich auch die verschiedensten Vorlesungen belegen und vor allem an den volkswirtschaftlichen Seminaren teilnehmen. Sie waren interessant, Hesses Seminar sehr sachlich, nüchtern und gründlich, viel über wirtschaftspolitische Fragen, ich sprach selten, aber wurde beachtet. Der andere Ordinarius war Dr. Bräuer. Sein Seminar war eher lebhafter, mehr zu Gedankenflügen gegeben. Auch ich sprach öfter, mußte auch ein Referat über Krise und Konsum halten. Das Hauptprogramm über ein ganzes Semester wurde J.M. Keynes's "Treatise on Money" gewidmet, das 1930 erschienen, grade erst in deutscher Übersetzung vorlag und in Deutschland gleich großes Interesse fand. Auch ich hatte damals das Gefühl, daß einem die Augen für die finanziellen Zusammenhänge im modernen wirtschaftlichen Geschehen geöffnet wurden. Die wöchentlichen Sitzungen über Keynes's Buch, auf die man sich entsprechend vorbereiten mußte, wurden eine eindringliche Erfahrung.
Breslau kannte ich ja gut von Jugend auf, meine Großmutter und andere Verwandte lebten noch dort. In der FWV traf ich wieder viele Breslauer, die in Berlin mit mir studiert hatten, ein neuer Freund wurde Heinz Kretschmer, dort war auch der alte Schulfreund Manfred Danziger. Mit den Schulfreunden, die zu den Korporationen gehörten, traf ich mich nicht, außer Hans Kuhnert, sie hatten mich ja auf die Boykottliste gesetzt. Wirkliche Freundschaft verband mich in Breslau wieder mit HansWerner Niemann und ein anderer menschlich wichtiger Kontakt wurde wieder Rudi Treuenfels. Ich hatte ihn jetzt auch als Chef seiner großväterlichen Breslauer Großhandelsfirma Grund & Lion in seinem Büro kennengelernt und seine politischen Verbindungen hatten weiteres Profil gewonnen. Fritz Klatt war nicht nur ein mit der Jugendbewegung verbundener Pädagoge, er war auch einer der Mitbegründer der "Neuen Blätter für den Sozialismus" geworden, die immer noch eine der wenigen Leitplanken für mich blieben, von denen man in den aufgeregten Wogen jener Jahre Land glaubte sehen zu können.
Wegen meines starken Asthmas wurde mir für Ende des Wintersemesters ein Hochgebirgsaufenthalt im Sanatorium des Dr. Guhr auf der slovakischen Seite der Hohen Tatra verschrieben. Die herrliche Bergwelt der Tatra, unten das Popradtal und die alten Zipser Städte und Dörfer gehören zu meinen schönsten Erinnerungen an das alte Europa.
Das Kurpublikum im Sanatorium und anderen Gebirgsorten war ein buntes Völkergemisch. Da waren viele tschechische Krankenkassenmitglieder, ungarische Besucher, manche davon jüdisch, ebenso wie Gäste von den vielen Tälern der Slowakai, wo es ja außer Slowaken auch noch viele ungarisch oder deutschspechende Bewohner gab, darunter auch Juden. Ins Sanatorium kamen viele aus der Umgebung zu Besuch, meist Zipser, und die hatten auch oft in Budapest studiert. So war das auch mit Dr. Nitsch, der weniger als Arzt im Sanatorium arbeitete und eigentlich ein Patient war. Dafür aber gab er Bridge Stunden, und ich wurde dort ein recht begeisterter aber von Anfang an nicht sehr vielversprechender Bridge Spieler, nahm auch bald auserhalb der Stunden viel an Spielen teil, die sich oft auf ungarisch abspielten.
Nach dem Wintersemester 1931/32 verteilte sich meine Aufmerksamkeit und Zeit mehr gleichmäßig zwischen Anteilnahme am Breslauer Studium, den geschäftlichen Dingen zu Haus und Entwicklungen in Polen, die mich nun auch für meine Dissertation sehr angingen.
Die Aufenthalte in Breslau gaben weiter engsten Kontakt mit der politischen Entwicklung in Deutschland. Sie wurde so beängstigend und turbulent, daß sie, wo immer man war und sich beschäftigte, die alles überhängende und beschattende große Beklemmung in diesen Monaten blieb. Die Arbeitslosenzahl stieg auf über 6 Millionen, die Nationalsozialisten nahmen weiter an Stimmen und an Kraft und Rücksichtslosigkeit im häufigen Straßenkampf zu. Die Diskussion über die Deflationspolitik des Kabinetts Brüning war auch immer heftiger geworden. Die Meinungen sind noch heute geteilt, ich war sehr gegen diese Politik eingestellt (2).
Im März 1932 lief Hindenburgs Amtszeit als Reichspräsident ab. Hitler kandidierte für die Nachfolge, aber Hindenburg war bereit, sich zur Wiederwahl zu stellen, auch mit der gegen Hitler notwendigen Unterstützung der Sozialdemokraten, und dieser ProHindenburgblock gewann auch die Wahl gegen die Nationalsozialisten. Es brachte Aufatmen und Erleichterung, aber der Block versagte wieder nach dem erfolgreichen Wahlgang, wenn es zu Kompromissen über Wirtschafts und Außenpolitik hätte kommen müssen. Es gab bei den wichtigsten Faktoren der bürgerlichen Rechten die irrationale Vorstellung, daß zwar möglichst ohne Hitler, aber jedenfalls ohne und gegen die Sozialdemokratie "halbautoritär" regiert werden müsse, als neue Daseinsform für Deutschland. Schwerindustrie und Reichswehr übten ihre Einflüsse in dieser Richtung aus. Bald verlor auch Brüning das Vertrauen Hindenburgs, und schon damals war die Version, daß dies durch Hindenburgs Mißtrauen wegen der Pläne für Landreform und bäuerliche Siedlung in Ostelbien verursacht war.
Brüning wurde als Reichskanzler durch einen Herrn v.Papen ersetzt, vom rechtesten Flügel des Zentrums, als Politiker bisher fast unbekannt. Die andere Schlüsselfigur im neuen Kabinett blieb der General v.Schleicher. Brünings Regierung war ja noch eine parlamentarische gewesen. Wenn auch ohne parlamentarische Mehrheit, war sie doch personell parlamentarischen Ursprungs. Das neue Kabinett Papen war das nicht und sein Hervortreten löste Skepsis und vermehrte Unsicherheit aus. Brüning hatte mit Hindenburgs und Schleichers Zusstimmung nach der erfolgreichen Wiederwahl Hindenburgs eine Verordnung für Auflösung und Verbot der bewaffneten nationalsozialistischen Kampforganisation SA erlassen, die Regierung Papen hob es wieder auf (3). Als etwas wie Papens politische Heimat und Profil wurde der "Herrenklub" in Berlin genannt, der breiten Öffentlichkeit ganz unbekannt.
Er war einige Wochen im Amt, als ich in Kattowitz zum Bridge bei der Frau Else Silberstein eingeladen war und dort Herrn v.d. Knesebeck traf, Leiter des Büros der Kohlenhandelsfirma Caesar Wollheim im deutschoberschlesischen Gleiwitz. Er schien öfters nach Kattowitz zu kommen und wohnte bei Frau Silberstein, die ja seit vielen Jahrzehnten weiter eine Position im Kohlenhandel aufrecht erhalten hatte. Der andere Gast war Direktor Waclawek der Kattowitzer Firma "Progress", welche die polnischoberschlesischen Geschäfte von Caesar Wollheim übernommen hatte. Er war ein guter Pole. Zum abendlichen Bridge war ich dazugeladen worden. Mein Bridge war nicht so wunderbar, aber es gab angeregte Unterhaltung, und als Besorgnis über die neue Regierung in Deutschland laut wurde, stellte es sich heraus, daß v.d. Knesebeck ein Mitglied des Herrenklubs in Berlin war. Vermutlich hätte er das nie erwähnt, aber die Eröffnung war gewiss zeitgemäß. Er stellte Herrn v. Papen in bestem Licht dar, den Herrenklub als die Elite der Besonnenen und Verantwortungsvollen und die sicherste Bastion gegen eine Machtübernahme Hitlers. So war es ja dann leider nicht.
Die Regierung Papen schien zunächst auf Distanz zu Hitler zu halten, schwächte aber die Weimarer Republik entscheidend durch die gewaltsame Absetzung der preußischen Regierung, ein großer Schock, auch weil es so glatt und widerstandslos vor sich ging. Es war traurig. Aus gingen Otto Braun und Severing, Abegg und die republikanische Gewalt über und durch die von ihnen so wohlorganisierte preußische Polizei.
Als ich zum Beginn des Wintersemesters 1932/33 nach Breslau, mit meiner Dissertation schon weit gediehen, zurückkam, hatten sich die politischen Verwicklungen weiter gesteigert, aber es gab auch einige scheinbare Lichtblicke. Bei einer Reichstagswahl im Juli hatten die Nazis selbst mit ihrem HarzburgPartner Hugenberg zusammen nicht die Mehrheit der Stimmen errungen. Die Reichstagsmehrheit allerdings bestand nun aus Nazis und Kommunisten. Diese lehnten mehr noch stärker als bisher jegliche Fühlungnahme oder gar Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten und anderen Arbeiterorganisationen ab. Als ihre Parole verbreitete sich, man müsse nun auf das Vierte Reich warten. Das also war Moskaus Politik.
Eine niederschmetternde Erfahrung und Gefühl eines beginnenden Chaos wurde für mich der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom 3. November 1932, der zu einer fünftägigen Lähmung der Berliner Verkehrsmittel gerade im Augenblick der weiteren Reichtagswahl vom 6. November führte, und zu dem, gegen den Willen der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften, die Nationalsozialisten und Kommunisten gleichzeitig aufgerufen hatten (4).
Die Juliwahl hatte den Nationalsozialisten mit 37.8% (5) die höchste Stimmenzahl vor ihrer Machtergreifung gebracht. Die Regierung Papen/Schleicher, im Einverständnis mit Hindenburg und Hugenberg, versuchte auf eine Lösung durch erhoffte "Zähmung der Nationalsozialisten" hin zu arbeiten, eine Illusion, die Hitler bald durch Forderung auf die ganze Macht zerstörte. Der Reichstag wurde wieder aufgelöst und die Wahlen vom 6. November 1932 brachten zum ersten Mal wieder einen Rückgang der nationalsozialistischen Stimmen. Auch die Finanzen der Partei hatten gelitten. Es gab unterdeß auch Anzeichen einer beginnenden Verbesserung in Weltwirtschafts und deutscher Wirtschaftskrise. Die parlamentarische Lähmung im Reichstag aber dauerte an mit Nazis und Kommunisten in knapper Mehrheit, Hitler bestand weiter auf der Kanzlerschaft, die Hindenburg ihm mit Schleicher verweigerte. So erschien ein neues Konzept für eine von außerhalb des Parlaments kommende Lösung ein Gebot der Stunde. Der "Tatkreis" hatte dafür seit langem agitiert, mit Schleicher als Schlüsselfigur für eine "Dritte Front", gestützt auf der einen Seite auf die Freien Gewerkschaften unter Führung von Leipart, wo es Bedenken gab gegen den sozialdemokratischen Kurs weiterer Verweigerung von Hilfe für die Politik der herrschenden halbmilitärischen Regierung, um Hitler von der Macht fernzuhalten. Auf der anderen Seite gab es die mehr zum Sozialismus drängenden Kreise der Nazipartei um den scheinbar mächtigen "Reichsorganistionsleiter" der Partei, Gregor Strasser, der sich gegen Hitlers Bestehen auf totaler Machtübernahme gewandt hatte.
Eine bekannte Berliner Tageszeitung, die "Tägliche Rundschau", war für den "Tatkreis" gekauft worden, vermeintlich mit Schleichers Unterstützung, mit Zehrer seit September 1932 als Chefredakteur. Papen hatte Hindenburg keine parlamentarische Mehrheit für seine Regierung beschafft und mußte zurücktreten, Hindenburg machte Ende November 1932 Schleicher zum Reichskanzler. Zehrers Aktivitäten und Entwicklung hatte ich ja seit Herbst 1929 aufmerksam und mit, wenn auch gar nicht unqualifizierter Anteilnahme verfolgt, seine Schlüsselstellung als scheinbarer Sprecher Schleichers (6) brachte mich diesen letzten verzweifelten Anstrengungen gegen Hitlers Machtübernahme besonders nahe.
Auch sonst gab es auf der Linken neben den Gewerkschaften Leiparts Zeichen von Zustimmung. Leopold Schwarzschild hatte mit seiner antideflationistischen Kampagne zur Arbeitsbeschaffung in einer gemeinsamen Front mit Leipart und den Gewerkschaften Stellung bezogen. Bei allem Abstand zwischen ihm und der "Tat" kam er zum Schluß, daß nur die Unterstützung einer aufgeklärten autoritären Regierung das Schlimmste, nämlich Hitler's Machtübernahme, verhindern könne (7).
Der Kreis um die "Neuen Blätter für den Sozialismus" hatte auch an "Brückenbau" zwischen links und rechtsgerichteten sozialistischen Kräften gearbeitet, auch mit Kontakt u.a. mit Otto Strasser (8). Bei den Neuen Blättern war man aber anscheinend skeptisch über eine solche "Einheitsfront" um Schleicher, aber die Fühlungnahme wird als Teil der in diese Richtung gehenden Anstrengungen gesehen (9).
Schleicher's Pläne für eine "Dritte Front" kamen nicht zum Zug. Er dachte wohl auch immer noch an eine "Zähmung" der Nationalsozialisten als Alternative. Die Heeresleitung war zweifelhaft, ob ein Einsatz der Reichswehr gegen Hitlers Kampfverbände noch durchführbar sein würde. Strasser schien den Stein ins Rollen zu bringen und legte mit einem Applomb am 8. Dezember alle seine Ämter in der NSDAP nieder. Es schockierte Hitler, er soll von Selbstmord gesprochen haben (10), aber es kam nicht zur erwarteten Spaltung der Partei. Auf der anderen Seite wurde auch Leipart vom Parteivorstand der SPD zurückbeordert (11), der abgesetzte v. Papen sorgte über Schleichers Kopf für neuen rechtsbürgerlichen Support für Hitler und schließlich für Hindenburgs Beschluß, Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler zu ernennen (12).
Nicht alle der in diesem Rückblick erwähnten Zusammenhänge und Vorgänge sind dem Miterlebenden in jenen schicksalshaften Monaten schon vollkommen klar geworden. Ich habe für meine Darstellung auch auf die reichhaltige Nachkriegsliteratur und Aktenforschung hinweisen können (13). Ich habe diese bewegten Monate zwischen der Universität Breslau und Kattowitz miterlebt, wo man natürlich viele Kontakte, wie auch alle Zeitungen und Zeitschriften hatte. Mit "Tat" und "Neuen Blätter" war ich ja seit langem vertraut, ebenso mit Schwarzschilds Tagebuch, nun las man auch die "Tägliche Rundschau". Aber es kam anders, das Unheil Hitler wurde nicht aufgehalten. Einem grausigen Vorfall auf dem tragischen Weg zu Hitlers Machtergreifung war ich auch besonders nahe gewesen. Im August 1932 hatte die Mordtat der Nationalsozialisten im deutschoberschlesischen Potempa, bei Gleiwitz, die Gemüter in ganz Deutschland erregt. Hitler hatte sich mit den Tätern voll und ganz solidarisch erklärt, die ihr Opfer zu fünft zu Hause überfallen und durch wiederholte Tritte in den Hals ermordet hatten (14). Ich war damals im August in Kattowitz auf der polnischen Seite Oberschlesiens nur etwa 30 km vom Tatort entfernt, wo Presse und Rundfunknachhall noch intensiver waren. Ich wußte, was die Nazis sind, da war ja nicht nur Hammersen gewesen, es hatte ständig schwere nationalsozialistische Grausamkeiten in Straßenkämpfen gegeben. Potempa war nicht im Straßenkampf, es war ein Überfall von fünf Nazis auf einen als kommunistisch verdächtigten jungen Arbeiter. Ob auch mitspielte, daß die Familie des Opfers polnischsprechend war, ist nicht klar. Erschütternd war danach wieder, wie bedrohlich eine mögliche Machtergreifung Hitlers für Deutschland sein würde, und man mußte dabei nun auch an die sich abzeichnende Drohung für die Juden in Deutschland denken.
Wie Hitler die Täter des Potempa Mordes als Helden seiner Bewegung herausstellte, machte klar, daß es bei ihm keine Schranken gab für die Anwendung brutalster, rechtloser physischer Gewalt. Aber er wurde Reichskanzler. Was würde nun wohl aus Deutschland werden?
Kapitel 6
Nach dem Ende von Weimar