Chapter 14
Auf der Hauptbühne der Geschichte aber nahmen die Dinge einen ganz anderen, einen verhängnisvollen Kurs. Nach Abschluß der Preßburger Tagung fuhren wir alle nach Wien, wo am 22. März die Ratstagung der FUI begann. Man fuhr in einem noch aus österreichischen Tagen bestehendem Lokalzug, eigentlich war es eine Art Straßenbahn, die Bratislava mit Wien verband, und die Tagungsteilnehmer verschiedener Nationen saßen in großen Gruppen zusammen in den Wagen dieser Bahn. Plötzlich eilte die Meldung durch unsere Gruppen, Morgenzeitungen wurden herumgereicht, Deutschland verkündete den Abschluß einer Zollunion mit Österreich. Die Überraschung war übergroß, auch die Befremdung. Niemand in der deutschen Delegation von links bis rechts hatte vorher davon gehört oder es ahnen können. Es war den anderen Delegationen gegenüber natürlich peinlich. Da hatte man noch am Vortag über Verständigung und Zusammenarbeit in und für Mitteleuropa diskutiert, und am nächsten morgen kommen die deutsche und österreichische Regierung mit diesem Überraschungscoup heraus, der anscheinend mit keiner anderen Regierung vorher besprochen, sondern vollkommen geheim gehalten worden war.
Jetzt dämmerte einem auch, warum möglicherweise das deutsche Auswärtige Amt einige Wochen vorher plötzlich unsere Tagung abgesagt haben wollte. Da saßen wir also nun alle zusammen in dem Zug, der der Donau entlang fuhr. Es klang gar nicht gut, diese Nachricht von der Zollunion, und besonders in der Gesellschaft, in der wir uns befanden (58).
Zunächst wickelte sich dann die FUI Ratstagung in Wien ganz planmäßig ab, die Atmosphäre des alten und neueren Wiens tat auch das ihre (59). Auf der Tagung beantragte die Schweizer Delegation, geführt von Jacques Kunstenaar, gemeinsam mit den Kanadiern, daß die FUI sich für einen Erfolg der vom Völkerbund geplanten Abrüstungskonferenz aussprechen und in allen Ländern dafür aktive Propaganda machen sollte.
In der Danziger Frage wurde die Aufnahme der FUI Gruppe bis 1932 bestätigt, mit Auflagen für guten Willen, bei der vorgeschriebenen Konsultation zwischen deutschen und polnischen Mitgliedern. Eine bemerkenswerte Einigung zwischen verschiedenen Gruppen in der Tschechoslowakei wurde während der Wiener Ratstagung für deren Vertretung in der FUI erzielt. Sie sollte in Zukunft aus zwei tschechischen, einer slowakischen und einer deutschen Gruppe bestehen, die jede je zwei Vertreter in den Vorstand entsenden, der Vorsitz jährlich rotieren sollte (60). Dies schien wirklich ein guter Schritt in Richtung pluralistischer Lösungen und ein guter Nachklang zu unserer Preßburg Tagung zu sein.
Umso schlimmer war der Nachhall zum deutschösterreichischen Zollunionsplan. Auch in heutiger Literatur wird das Katastrophale dieser Wende voll gewürdigt (61). Wirtschaftlich wuchs es sich zur entscheidenden Katastrophe aus, der Abzug ausländischer Kredite aus Österreich verstärkte sich dramatisch. Ein großer Teil wurde gezielten Vergeltungsmaßnahmen der Franzosen zugeschrieben, bis im Mai 1931 die Wiener Kreditanstalt zusammenbrach, gefolgt im Juli 1931 vom Zusammenbruch der deutschen Danatbank und Devisenbewirtschaftung in Deutschland.
Auf der politischen Seite brachten die Engländer den Streit vor den Völkerbundsrat, der ihn dem Haager Gericht überwieß. Vor dessen Urteil schon zog sich Österreich von dem Plan zurück, das Urteil erging dann gegen die Zollunion als eine Verletzung bestehender völkerrechtlicher Verpflichtungen. Anfang Oktober 1931 trat der deutsche Außenminister Curtius von seinem Amt zurück. Die Politik des Auswärtigen Amts änderte sich aber nicht, die Zeiten allerdings wohl. Während der Zollunionsplan 1931 am allgemeinen Widerstand in Europa gescheitert war, brachten spätere vertragswidrige deutsche Schritte wie Hitlers Wiederaufrüstung und Remilitarisierung des Rheinlands 1936 keine entsprechenden Reaktionen der anderen Mächte. 1939 wurde das Maß voll, und nach österreichischem Anschluß, München und Prag kam es dann über die deutschen Revisionsansprüche auf den polnischen Korridor, Danzig und Ostoberschlesien zu entschiedener Ablehnung seitens der Alliierten, zu Hitlers bewaffneten Angriff auf Polen und zum 2. Weltkrieg.
Der Anfang, der "Sündenfall", war mir immer in so lebhafter Erinnerung geblieben, weil ich ihn von so nahe erlebt hatte. Die Sünde war durchaus nicht nur die irrige Einschätzung der eigenen Stärke und der wahrscheinlichen Reaktion der anderen, nein, es war der Irrtum, daß Deutschland in Europa anders als unter dem Leitstern föderativer Politik und Gesinnung handeln kann. Meine Rückkehr von der Wiener Ratstagung bedeutete auch meinen Abschied von aktiver politischer Tätigkeit im Studentenleben.
B) München
Wie zur Vorbereitung auf den neuen Abschnitt meines Studiums in München war grade der dort spielende große zeithistorische Roman Lion Feuchtwangers "Der Erfolg" erschienen, ich hatte ihn verschlungen. Diese Art von Porträtieren, alles Politische, die kulturelle Geschichte und Szene, mit so lebendig werdenden Personen, teils Fiktion, teils Schlüsselroman schien mir der Gipfel zeitgenössischer Erzählkunst. Gewiß, es gab da auch neben der lebendigen, wenn manchmal auch derben Menschlichkeit viel Unrecht, Gewalt und Intrige, aber ich sah meiner Zeit in München erwartungsvoll entgegen. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Menschen und Klima, Stadtbild und Land waren wie ein kräftiger Trunk nach vier hektischen Jahren in Berlin. Hier lebte man auch mit Zeugnissen noch längerer geschichtlicher Vergangenheit, mir besonders in Erinnerung von einem Wochenende in dem benachbarten Augsburg, mit seinen alten Kirchen und Bürgerhäusern. Nun wußte ich schon, Augsburg war schon schwäbisch, der Norden Bayerns war ja fränkisch. Von den "complexities", die ich von Schlesien und Berlin, von ihren "ostmärkischen" Ursprüngen her gewohnt war, gab es hier in Bayern neue Vielfalt, eigentlich selbst ein erfolgreicher Föderativstaat, aber es wurde nicht viel darüber gesprochen und es gab ja auch keine dem entsprechende Struktur. Von der langen, gemeinsamen monarchischen Geschichte her schien das alles gut unter Dach und Fach.
Die absorbierende Beanspruchung durch verschiedene politische Pläne und Funktionen hatte ich nun hinter mir, die neue Umgebung war fruchtbarer Boden für den Drang, nun neben Studium mehr Raum für eigenes Privatleben und Neigungen zu lassen. Guter Freund in der FWV München wurde Ralph Kleemann (1), der aus Nürnberg kam. Durch ihn lernte ich auch eine Psychologiestudentin aus Nürnberg kennen, mit der ich mich sehr anfreundete. Das Leben sah ganz anders aus da in München.
An der Technischen Hochschule sah ich Chancen, das Diplomexamen schon Ende des Sommersemester zu machen, aber ich ging dafür auch zu dem "Repetitor" Dr. Broich, sehr kompetent, von nüchternem, sachlichen Urteil, außer wenn seine nationalistischen Ansichten berührt waren. Er kam aus dem 1918 von Deutschland an Belgien abgetretenen EupenMalmedy, ein Original, arbeitete trotz vorgerückter Jahre an seinem dritten Doktortitel. Ich brauchte für mein Examen Finanzwissenschaft, was in Charlottenburg nicht zum Curriculum gehört hatte, mehr Volkswirtschaft und Jura, alles an der Universität zu belegen, wo ich also oft hinkam. Das Repetitorium war direkt gegenüber der Rückseite der Universität.
Natürlich ging ich auch zum Demokratischen Studentenbund München. Er war auch hin und hergerissen zwischen Staatspartei, aber eher neigend zu der von Nürnberg her aktiven Gruppe, die sich unter dem Pazifisten Ludwig Quidde und dem Nürnberger Oberbürgermeister Lubbe nach links abgespalten hatte. Zu ihnen neigte damals auch ein aktives Mitglied des Demokratischen Studentenbundes, Walter Seuffert, mit dem ich während meiner Münchner Zeit viel zusammen war und auch noch später korrespondiert habe. Trotz manchmal gegensätzlicher Einstellungen verstanden wir uns, aber es gab manche nächtliche Spaziergänge mit lebhaften Auseinandersetzungen.
Nicht nur, daß er ganz klar für QuiddeLubbe war, das schien mir eine schmale politische Basis und ich wollte die Hoffnung auf die Staatspartei noch nicht ganz aufgeben, aber die Aufmerksamkeit, die ich einigen Ansichten des "Tatkreises" zu geben bereit war, brachte ihn sehr auf, und er fing da bei Kant an, das heißt, schon mein Interesse an Bergson und Husserl war ihm suspekt. Es waren interessante Unterhaltungen mit ihm, an die ich oft gedacht habe. Er kam aus Darmstadt, von einer Familie bekannter deutscher Juristen, und war damals an der Universität München auch Assistent des Staatsrechtlers Dr. Nawiaski.
Eine andere Bekanntschaft, die ich im Demokratischen Studentenbund machte, war der Buchhändler Sternecke und seine Tochter. Er war in der demokratischen Partei aktiv gewesen, seine Buchhandlung ein Sammelpunkt für fortschrittlich und liberal denkende Menschen. Es erstaunte mich aber, als ich erzählte, mit welcher Erwartung ich nach München gekommen war nach der Lektüre von Lion Feuchtwangers "Erfolg", daß er sehr antagonistisch reagierte. Er sagte, Feuchtwanger sei ein guter Freund und im selben Kreis gewesen, aber habe alle enttäuscht, er habe München in den Rücken gestoßen mit diesem Buch.
Eine große Patronin des Demokratischen Studentenbunds in München war Frau Constanze Hallgarten. Schon in meiner Zeit im Deutschen Studentenverband in Berlin hatte ich von ihr gehört. Sie hatte unsere Münchner Freunde Hammelburger (er lebte leider nicht mehr als ich nun dort studierte) und Oldenburg sehr unterstützt in ihrem Kampf, den Status der Deutschen Studentenschaft in Bayern zu reduzieren, wie sie mir während des Republikanischen Studententags im Januar 1930 sehr lebhaft berichtet hatten. Sie lud jedes Jahr die demokratischen Studenten für einen Abend in ihr Haus; die Chance habe ich verfehlt.
Es interessierte mich natürlich, wie sich die Verhältnisse in der Hochschulpolitik in München entwickelten, und will das auch noch skizzieren, nachdem ich schon soviel über Berlin berichtet habe (2). In Bayern waren die staatlich anerkannten Studentenschaften nicht aufgelöst worden. Es gab also weiter allgemeine "Asta" Wahlen und diese hatten immer eine hohe Beteiligung. Wie überall war die beherschende Kraft bisher die Gemeinschaft der "waffentragenden" völkischen Korporationen, in München der "Waffenring", den man gewöhnlich als deutschnational eingestellt ansah, obwohl er durchaus nicht parteipolitisch gebunden oder organisiert war. Es gab aber außerdem dort eine katholische Liste, die politisch gemäßigter war. Auch die Nationalsozialisten traten mit mit einer eigenen Liste auf. 1928 errangen sie an der Universität drei und 1929 dann fünf Sitze (auf Kosten des Waffenrings) von gesamt 30. Die republikanischen Studenten blieben bei ihren drei Sitzen und die Katholiken bei ihren sieben (3). Es gelang den republikanischen Studenten und ihren Parteien nicht, von der bayrischen Regierung oder im Parlament die Entziehung der staatlichen Anerkennung der von den völkischen Rechten beherrschten Studentenschaft zu erreichen, aber die katholische Bayrische Volkspartei, Hauptregierungspartei, schloß sich republikanischer Initiative und damit der Politik des preußischen Kultusministers Becker soweit an, daß der bayrische Kultusminister die Beiträge der bayrischen Studentenschaften an die Zentrale der Deutschen Studentenschaft in Berlin sperrte. Diese Deutsche Studentenschaft war, da die preußischen Studenten seit 1928 keine Zwangsbeiträge mehr zu zahlen hatten, schon in finanzielle Engpässe geraten. An diesem Erfolg in Bayern hatte auch der sozialdemokratische Abgeordnete im bayrischen Landtag Dr. Hoegner großen Anteil, aber eben auch die diskrete Tätigkeit von Constanze Hallgarten.
Das Anwachsen der Nationalsozialisten auf Kosten des Waffenrings brachte diesen und gemäßigtere Rechtsgruppen in eine latente Abwehrstellung. Die Nationalsozialisten traten sehr provokativ auf, mehrfach waren sie im Asta ganz isoliert und die gemäßigtere Rechte mit den Katholiken stimmten zusammen mit den republikanischen Vertretern gegen die Nazis (4). Das erinnerte mich zeitweise an Vorgänge an der TH Charlottenburg, aber in München machte die Existenz des geschlossenen, eigenständigen katholischen Blocks einen weiteren Unterschied. Es gab also immer wieder Machtkämpfe im Münchner Asta, so wie es schon in Berlin sogar Ehrengerichtssachen zwischen Korporations und Nazivertretern in den zentralen Gremien der Deutschen Studentenschaft gegeben hatte.
Die Münchner Universität hatte ihre schwersten Unruhen im Sommer 1931 mit dem "Fall Nawiasky" zu bestehen. Die Wahlen danach im November 1931 brachten den Nazis nicht die erwartete Astamehrheit, sondern nur elf von 30 Sitzen, die Wahlen ein Jahr später im November 1932 zeigten bereits eine Reduktion der Nationalsozialisten auf zehn Sitze.
Schon 1931 hatten sich die Gegner der Nazis gut konsolidiert, zu den Katholiken war eine Liste für Fachschaftsarbeit gekommen, 1932 erschienen unter den Nichtnazis auch eine Deutschnationale und eine Stahlhelmgruppe mit je zwei Sitzen, der Waffenring war reduziert auf nur vier Sitze. Das war also das Bild der Münchner Universitätsstudentenschaft kurz vor Hitlers Machtübernahme. Die Nazis erhielten nur 37% der Stimmen, die Wahlbeteiligung war von 93% auf 80% gesunken.
Die Nazis hatten es immer wieder verstanden, durch patriotische Parolen die anderen nationalistischen Astagruppen für gemeinsame Aktionen mit sich zu reißen, aber sie brachten die anderen "Partner" durch maßloses Verhalten immer wieder in Verlegenheit mit Hochschule und bayrischer Regierung, so daß sie sich bis zur Machtübernahme Hitlers wiederholt isoliert fanden. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 beschloß der Asta eine Adresse an Hindenburg, d.h., er unterstützte die damalige Kandidatur Hindenburgs gegen Hitler, wieder eine Abstimmung, bei der sich die Nazivertreter isoliert sahen. Es kam zu einer Maßregelung des Naziführers durch Rektor und Senat, schließlich sogar zur Suspendierung des Nationalsozialistischen Studentenbundes für das Wintersemester 1931/32.
Diese Einzelheiten (aus den vielen Pressezitaten in der Dissertation von L. Franz gefunden, und vielleicht von gewissem zeitgeschichtlichen Interesse) habe ich hier kurz erwähnt, sie nehmen spätere Vorgänge voraus, ich selbst habe ja nur das Sommersemester 1931 in München zugebracht.
Zu den engsten Freunden Walter Seuffert's gehörte damals Ernst v. Borsig, den ich auch schon beim Repetitor Broich kennengelernt hatte. Wir trafen uns öfters, besonders zum Mittagessen in der Osteria Bavaria an der Schellingstraße, es war ein recht gutes, gepflegtes und ruhiges, aber zwangloses Restaurant, einige Studenten, viele höhere Beamte, man saß oft im Garten. Wir gingen auch manchmal zusammen zu Veranstaltungen, so zu einem Vortragsabend der Staatspartei, an dem der Nationalökonom Dr. v. ZwiedeneckSüdenhorst sprach, und einem Abend im PolitischAkademischen Klub, eine spezifische Münchner Einrichtung, überparteilich, an dem der frühere preußische Kultusminister Becker sprach. Ich kannte ihn ja aus Berlin, und meldete mich auch bei ihm.
Wenn man an Politik interessiert und schon in München war, gehörte dazu natürlich auch, daß man sich dafür interessierte, wie Hitlers Partei aus nächster Nähe aussah und was man über sie am Ort erfahren und sehen würde. Es war allerdings keineswegs so, daß sie im München von 1931 eine wirklich überbordende Erscheinung waren, so etwa ganz München, die "Stadt der Bewegung". Ich fragte mal, ob man die führenden Leute der Partei auch sonst mal sehe, was für Lokale sie besuchen. Da war, wurde gesagt, ein Bräu in der Schellingstraße, wo z.b. Gregor Strasser und Frick oft saßen. Auch Hitler, nein wurde gesagt, eigentlich nicht.
Als ich eines Tages mit Seuffert und v. Borsig in der Osteria Bavaria saß, sah ich einen untersetzten, eher dunkel wirkenden Mann zwei Tische entfernt, ich weiß noch heute nicht wieso, aber meine Blicke gingen immer wieder auf diesen Mann, er schaute eher finster drein, und schien einen auch anzustarren. Plötzlich dämmerte mir etwas, ich fragte meine Freunde, ob das nicht der Hitler wäre, ja, sagten sie, der kommt hier öfters her. Mein Erstaunen schien also ganz unangebracht, niemand schien ihn zu beachten, er saß mit drei anderen Männern an einem Vierertisch, wie die meisten waren. Ich habe ihn dort dann noch öfters gesehen, aber nie mehr in so großer Nähe, also diesen merkwürdigen Zwang, mir einen noch Unbekannten immer wieder anzusehen, als ob ein böses Fluidum von ihm ausgehe, das war eine einmalige Begebenheit, aber seine weiteren Auftritte waren aus anderen Gründen kaum zu übersehen. Er kam meist in größerer Gesellschaft von acht bis zehn Personen und die schien so merkwürdig, daß ich mich an diesen Aufzug oft erinnert habe. Fast immer war der Photograph Hoffman, Hitlers Chauffeur und ein anderer Chauffeur des Braunen Hauses, wie man mir erklärte und natürlich Brückner, den man meist schon vorher sah, da er das Gelände anscheinend zu erkunden und einen Tisch zu arrangieren hatte, dabei. Es waren manchmal auch einige andere Uniformierte, manchmal auch eine jüngere Frau, die an der untersten Ecke des Tisches saß. Was für ein eigenartiger Aufzug, was für ein Mann mußte das sein. Kam er in dieser Gesellschaft dorthin, um die Bürger zu schockieren, oder weil er es so am liebsten hatte? Die Auftritte blieben nicht so unbeachtet, als der Sommer voranging, als man merkte, daß ein oder zwei der alten Kellnerinnen ihre Begeisterung für den Gast kaum verbergen konnten, die sich aber sonst kaum jemandem unter den Gästen dieses bourgeoisintellektuellen Lokals sichtbar mitzuteilen schien.
Es hatte schon an verschiedenen Hochschulen Naziagitationen gegen einzelne politisch linke Professoren gegeben, in München gab es am 26. Juni 1931 dann die Auschreitungen gegen den bekannten Staatsrechtler Hans Nawiasky. Obgleich sie wie eine Reaktion auf seine Äußerungen in einer Vorlesung, über die der Völkische Beobachter am Vortage berichtet hatte, aussehen sollten, gab es Anzeichen, daß sie von den Nazis schon vorher geplant waren (5). Nawiasky war jüdischer Abstammung, in Czernowitz geboren, aber ein prominenter katholischer Staatsrechtslehrer geworden, der nun allerdings durchaus nicht politisch links stand. Er war erst in der angestammten österreichischen Monarchie, dann in Bayern, auch Rechtsberater der bayrischen Regierung gewesen. In einer Vorlesung hatte er, ausdrücklich nur für seine Hörer bestimmt, Fragen internationaler Verträge erörtert, es näherte sich der Jahrestag des Versailler Vertrages, und bemerkt, daß die Deutschen ja den Russen 1917 in BrestLitowsk auch sehr harte Friedensbedingungen auferlegt hatten. Da hatte es zunächst gar keine Unruhe gegeben, aber Nawiasky erhielt Warnungen, daß solche geplant seien. In der schon spät am 25.Juni erscheinenden Ausgabe des Naziorgans vom 26.Juni war der Fall Nawiasky ganz groß und hetzerisch aufgemacht, ganz klar als Signal zu gewalttätigen Protestaktionen an der Universität.
Meine Verwicklung darin blieb begrenzt, ich war ja an der TH und schon so gut wie im Examen, aber gleich früh war es bei dem Repetitor Broich beinahe zu einem Handgemenge zwischen einem Nazistudenten in SA Uniform und v. Borsig gekommen, der sich sehr scharf gegen die Angriffe der Nazis auf Nawiasky gewandt hatte. Broich, selbst kritisch gegen Nawiasky, konnte Gewalttätigkeit verhindern, aber gegenüber in der Universität brach sie dann aus. Walther Seuffert wurde dabei verletzt. Ich war in die TH gegangen, aber besorgt, was passieren würde, ging zum Mittagbrot in die Osteria, und da saß Seuffert ganz allein, immer noch sehr erregt, unter dem Auge noch immer eine blutende Wunde (6). Er wollte nicht zum Arzt gehen, erzählte statt dessen, wie sich die Krawalle um Nawiaskys Vorlesung an diesem Morgen abgespielt hatten und er selbst dabei tätlich angegriffen und verletzt wurde.
Die Nazis setzten die Krawalle noch in der folgenden Woche fort, bis der Rektor am Dienstag 2.Juli die Universität schloß. Sie wurde am 6. Juli wieder geöffnet. Nicht nur Nawiasky, auch der Rektor hatten sich sehr vorbildlich benommen, und am 8.Juli verurteilte dann auch der Asta der Studentenschaft die nationalsozialistischen Ausschreitungen (7). So endete der Fall Nawiasky wieder mit erneuter Isolierung der Nationalsozialisten, aber sie hatten von sich reden gemacht.
Während meines Münchner Studiums hatte ich mich noch für ein hochschulpolitisches Anliegen interessiert, die Bildung von Fachschaften, durch die Studenten einer Fachrichtung ihre besonderen Interesen wahrnehmen könnten, und daß eine Zusammenarbeit solcher Fachschaften dann vielleicht die studentische Selbstverwaltung anstelle der so hochpolitisierten Studentenschaft und ihrer Astas übernehmen könnte. Das war schon in Charlottenburg nach Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft ein Plan gewesen (8). Meine demokratischen Freunde baten mich auch an den Besprechungen teilzunehmen, die grade in München aktuell wurden. Sie gingen noch nicht sehr weit damals, aber ein Stein kam ins Rollen. In späteren Semstern gab es dann in München eine Fachschaftsliste bei den Astawahlen, die dazu beitrug, eine Nazimehrheit an der Universität bis zu Hitlers Machtübernahme zu verhindern.
Für mich aber war nun das Examen für den Diplomkaufmann gekommen, das ich auch ganz gut bestand. Am 13. Juli saß ich bei einer der schriftlichen Prüfungen, und wieder gingen Nachrichten im Raum herum, Zeitungen wurden gezeigt, die deutsche Bankenkrise war ausgebrochen, die Danatbank hatte schließen müssen. Ein Gefühl tiefster allgemeiner Krise verbreitete sich. Die staatliche Bewirtschaftung aller Devisenvorräte, die eingeführt werden mußte, relativierte ferner alle Vorstellungen von freier Marktwirtschaft und trug so zur Krise des bisher vorgestellten Systems bei, eine Erscheinung, mit der viele Länder für Jahrzehnte zu leben haben würden.
C) Zwischen Breslau und zu Hause
Mit dem bestandenen Examen endete nun meine kurze Studentenzeit in München. Für meine weiteren Pläne war die Wirtschaftskrise nicht gut. Ich wollte weiteres Studium der Nationalökonomie zur Erlangung eines Doktorates mit einer Praktikantenstellung irgendwo vereinigen.
Zunächst bewarb ich mich bei der Frankfurter Zeitung um eine Stelle in ihrem Handelsteil. Die Frankfurter Fakultät war sehr gut, und dort eine Dissertation zu machen, schien mir ein großer Preis. Ich fuhr nach Frankfurt, Heinrich Simon hatte mir gesagt, ich könnte mich jederzeit bei ihm melden. Erst sah ich den einstigen Jungdemokratenführer Hans Kallmann (1), der dort zur Redaktion gehörte, aber er war skeptisch, daß sich nun in der Krisensituation etwas machen läßt, und Heinrich Simon fand das dann auch. So gab ich Frankfurt auf und ging nach Berlin.