Rückblicke

Chapter 13

Chapter 133,356 wordsPublic domain

Leider waren es nur Bruchteile dieser Kreise, die so reagierten. Bei uns an der Technischen Hochschule gewannen die Nazis bald absolut die Oberhand innerhalb der Großdeutschen Studentenschaft. In der studentischen Wirtschaftshilfe machte das noch keinen Unterschied. Der Geschäftsführer Hans Menzel blieb entschieden bei der republikfreundlichen Haltung, die er gezeigt hatte. Sein Kollege Voth änderte zwar nicht seine Haltung in der Verwaltung seines Amts, aber er vertraute mir eines Tages an, daß er am Abend vorher im Sportpalast Hitler sprechen gehört hatte und sich der Partei anschließen würde. Er bat mich sozusagen um Entschuldigung, es täte ihm leid, daß er mir das sagen müsse. Ähnlich ging es mir mit Jobst v. Wendorff. Er kam aus Krakau an, kam gleich noch mit seinem Koffer zu mir, am Abend aber wollte er in den Sportpalast, das mal sehen. Am nächsten Tag war es dasselbe wie mit Voth. Es tat ihm leid, aber er mußte es mir sagen. Er war beindruckt. Er ist, soviel ich weiß, dann wieder einen ganz anderen Weg gegangen.

Was mich bei diesen beiden so bestürzte, war die Wirkung, die Hitler's Auftritte anscheinend selbst auf gemäßigt und nüchtern Denkende haben konnten, während man eigentlich annahm, daß die Person Hitler's selber auch in vielen Rechtskreisen eher Mißtrauen, ja sogar Abscheu auslösen müßte. Das beschränkte sich nicht nur auf des General Hindenburg's und anderer Offiziere Abneigung gegen den "böhmischen Gefreiten", es gab ähnliche Gefühle nicht nur im Bürgertum, sondern auch bei rechtsradikalen Gesinnungsgenossen (47).

Die Regierung Brüning blieb weiter im Sattel, prekär wie bisher, mit Hilfe von Notverordnungen des Präsidenten Hindenburg, stillschweigender Zustimmung der Reichswehr durch General Schleicher, aber stets drohenden weiteren Neuwahlen. Wo solche stattfanden, verloren vor allem die Parteien der Mitte, die Neugründung der Staatspartei hatte sich schon im September 1930 als kein Erfolg erwiesen. Unterhalb der Reichsregierung aber waltete das republikanische Establishment auch noch weiter, vor allem die preußische Regierung der Weimarer Koalition mit aktiver Zentrumsbeteiligung. Gewalttätigkeit in Straßenkämpfen nahmen immer mehr zu, SA und Rote Front, dazwischen das Reichsbanner, aber da war die preußische Polizei, Severing nun dort Innenminister und Staatssekretär Abegg mit seiner starken Haltung.

Unsere Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit beruhte weiter auf Zusammenarbeit von den Sozialdemokraten bis zu den Deutschnationalen, und Gerhard Hauke, unser Sekretär und Sekretär der Deutschen Liga für Völkerbund, war, wie Hans Menzel an der TH, ganz der Alte geblieben.

Um unsere Vereinbarungen mit den tschechischen Studenten weiter zu verfolgen, wandten wir uns, nach Beratung mit der Liga für Völkerbund an das Auswärtige Amt, wo ein regelmäßiger Kontakt für die Völkerbundsarbeit das Kulturdezernat war, und Legationssekretär Freudenthal nach Besprechung mit dem Dezernatschef Geheimrat Terdenge uns Bescheid gab, das Amt habe nichts gegen eine von uns gemeinsam mit den Tschechen veranstaltete Mitteleuropäische Studententagung. Wir müßten aber noch Einzelheiten vorlegen, und sie würden das Vorhaben dann eventuell auch unterstützen (48).

Wir arrangierten nun ein Treffen mit den Tschechen, man einigte sich dafür auf Dresden, wo Wolfgang Straede und ich hinfuhren. Der Leiter der tschechoslowakischen FUI Gruppe war schon berufstätig als Assistent des Bürgermeisters von Prag, eines engen Parteifreunds von Benesch, und kam mit Frl. Pekarzova, Tochter des bekannten tschechischen Historikers Pekar. Unsere Unterhaltungen in Genf hatten sich strikt auf französisch abgespielt, und so begrüßten wir unsere Besucher auch in Dresden, aber es ergab sich bald, daß man deutsch sprach. Mein Französisch war nicht so gut, und dann war der Einfluß der Umgebung und Frl.Pekazova setzte noch hinzu, sie war ja, ich glaube, in Aussig aufgewachsen. Es lag nahe, sich darauf zu einigen, daß die Tagung in der Tschechoslowakei stattfinden würde, und die Tschechen erleichterten das noch, indem sie Bratislava, das alte Preßburg, als Tagungsort vorschlugen. Es war die Hauptstadt der Slowakei, in nächster Nachbarschaft Ungarns und Österreichs, auch mit entsprechenden sprachlichen Minderheiten.

Die Vorbereitungen und Einladungen würden gemeinsam von Deutschen und Tschechen gemacht, teilnehmen würden Österreicher, Ungarn, Jugoslawen, Rumänen, Bulgaren, sowie auch Polen und ein Schweizer Vertreter (49).

Über die Abgrenzung, was unter Mitteleuropa zu verstehen ist, sollte dann auf der Tagung in Vorträgen und Debatte gesprochen werden. Das Vortragsprogramm sollte starken Akzent auf wirtschaftlichen, besonders agrarpolitischen Fragen haben, aber auch kulturelle und geschichtlich/politische Fragen umfassen.

Nach Rückkehr in Berlin stellten wir nun unsere Liste von Vortragenden, im Parteienspektrum gut verteilt, zusammen, nachdem Herr Terdenge die in Dresden besprochenen Pläne gebilligt hatte. Dann kam der von den Tschechen vorgeschlagene Text der Einladungen plötzlich mit ihrem Ministerpräsidenten Benesch als Protektor der Tagung. Das war nicht verabredet worden und erregte Stirnrunzeln. Es wurde aber hingenommen, nachdem man sich ja aus guten Gründen auf einen Tagungsort in der Tschechoslowakei geeinigt hatte. Es kamen weitere Besprechungen mit den für Vorträge gewonnenen Rednern und mit führenden Mitgliedern der Deutschen Liga für Völkerbund, u.a. Harry Graf Kessler.

Neben der Teilnahme an den Vorbereitungen für diese Preßburger Tagung stand bei mir weiter die Herausgabe von "Student & Hochschule". Die Januarausgabe 1931 war weitgehend dem deutsch­französischen Verhältnis gewidmet, im Verfolg der Mannheimer DStV Tagung, mit Beiträgen u.a. von Wladimir d'Ormesson und Max Clauss, Herausgeber der Europäischen Revue des Prinzen Rohan, einer von Coudenhove­Kalergi unabhängig arbeitenden europäischen Bewegung. Ich brachte auch eine Besprechung der FUI Tagung in Genf (50).

Im Februar brachten wir Teile des Vortrags, den Staatskommissar Rönneburg auf einer "Ostkundgebung" des Deutschen Studentenverbands gehalten hatte, mit Schwerpunkt auf Agrarreform in den Ostprovinzen zwecks Bauernansiedlung. Ich erinnere mich, daß damals in der Diskussion auch Dr. Walther Maas sprach, ein junger Geograph, Mitarbeiter der Sozialistischen Monatshefte, und dafür eintrat, alle deutschen Ansprüche auf Rückgabe des polnischen Korridors aufzugeben. Ich hatte solch eine offene Meinungsäußerung darüber noch nie gehört. Unzufriedenheit mit der Ostgrenze war ein häufiger Refrain in Deutschland, aber das klang deklamatorisch, kein aktuelles politisches Thema. Die systematische und im Auswärtigen Amt durchaus artikulierte Politik einer Ostgrenzenrevision (51) war auch dort umstrittene Sache einiger Vorausplaner, in der Öffentlichkeit nicht so bekannt, wie es in den Akten steht, also nicht das politische Klima. So schien es mir jedenfalls noch anno 1930. Die Reparationsfrage war durch die Annahme des Youngplans einen Schritt weitergekommen, das Rheinland wurde geräumt von fremder Besetzung, nun bedurfte man weiterer Erleichterung bei den Reparationen, das waren die aktuellen Probleme. Man konnte sich doch ein Ziel wie die Grenzrevision nur auf Kosten kriegerischen Konflagrationen vorstellen. Sollte man dann überhaupt daran denken?

Walther Maas's Bemerkung über den Korridor erregte gleich Widerspruch, auch in diesem republikanischen Gremium. In einer kleinen Gruppe nach Schluß der Versammlung gab ich zu bedenken, daß doch im Grunde Dr. Maas ganz recht hatte, wie konnte man an friedliche Grenzrevision, und das hieß doch an Grenzrevision überhaupt, denken oder gar davon sprechen. Es gab entschiedenen Widerspruch und jemand in der Gruppe sagte, wenn man von Revision des Versailler Vertrags spricht, da gibt es immer zwei Kategorien von deutschen Forderungen. Für eine gilt, immer davon sprechen, nie daran denken, das ist z.B. der Anschluß Österreichs. Das andere ist umgekehrt, nie davon sprechen, immer daran denken, das ist z.B. der polnische Korridor. Dr. Walther Maas schrieb dann ausführlicher über den "sogenannten" polnischen Korridor in den Sozialistischen Monatsheften (52) und erwähnte, daß es ein Gebiet breiter als Schleswig­Holstein oder die Rheinprovinz sei, betonte auch deutsche Verflechtung mit diesem Gebiet, auch wenn es von 1466 bis zur ersten Teilung 1772 zu Polen gehört hatte. Es wäre allerdings schon vor 1772 mehrheitlich deutsch besiedelt, also ethnographisch diese Maßnahme der ersten Teilung Polens kein Unrecht gewesen, die Zuteilung an Polen 1919 bezeichnet er ethnographisch als Unrecht, aber durch deutsche Abwanderung sei das 1931 schon wieder verändert, das Gebiet wirtschaftlich Polen eingegliedert, und wird nicht von ihnen herausgegeben werden. Deutschland sollte jetzt in der schwersten Krise der Nachkriegszeit andere Sorgen haben, als die Auseinandersetzung mit Polen. Für das Korridorproblem gäbe es keine isolierte deutsche oder polnische, es gibt nur eine europäische Lösung, aber die Beantwortung der Korridorfrage darf nicht als Vorraussetzung der kontinentalen Einigung verlangt werden. So Maas 1931 in der sozialdemokratischen Zeitschrift.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Ich sprach darüber in Kattowitz mit dem alten Jugendfreund Karl­Heinz Lubowski und war überrascht, daß er auch zur Auffassung gekommen war, die Deutschen sollten keine Forderungen an Polen stellen. Er kam aus einem sehr national gesinnten Haus, aber dachte sehr unabhängig, hatte eine Zeit lang in Krakau studiert; jetzt bereitete er sich in Deutschland auf eine juristische Karriere vor. Außer den vorrängigen Geboten praktischer Politik und Prioritäten gab es ja auch historische Eindrücke, die man hatte.

Es war ja gar nicht so, daß der "Korridor" in Versailles erfunden worden war. Man konnte ihn auf allen Karten Polens vor 1772 gut sehen, er war nur noch breiter. Nach den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert war ja im 19. Jahrhundert eine, immer wiederkehrende Forderung der jungen nationalen und liberalen Bewegung in Europa, die Wiederherstellung Polens in seinen historischen Grenzen gewesen. Die 14 Punkte Wilson's hatten alles viel spezifischer auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker eingestellt, und die deutsch­polnische Grenzregelung darauf, aber auch auf die Notwendigkeit polnischen Zugangs zur See gestützt. An die kurze Diskussion über den Korridor, über die ich etwas ausführlich geschrieben habe, mußte ich in späteren Jahren noch oft denken, bis es dann 1939 Hitler darüber zum Krieg kommen ließ.

In diesem Winter 1930/31 verfolgte man weiter aufmerksam den erstaunlichen Aufschwung der Zeitschrift "Die Tat". Sie sammelte um sich eine respektable Anhängerschaft, es bildeten sich "Tatkreise", aber interessante und gewichtige ihrer Gedankenansätze vermengten sich zusehends mit radikalsten Parolen, nicht zuletzt in der Außenpolitik, und da besonders bezüglich einer aggressiven deutschen Politik in Ost­ und Mitteleuropa.

Für diese zeichnete neuerdings ein Giselher Wirsing. In der "Bavaria" in Genf hatten wir friedlich gesessen, als ein schrecklich impertinenter jüngerer Mann, einigen Mitgliedern unserer Delegation bekannt, vorbeiging, sich zu uns setzte und einen vernichtende Kritik am Völkerbundtreiben als leere, papierne Kulissen, die bald zusammenfallen würden, losließ. Er schien wohlberedt, sehr intelligent, aber gnadenlos in seinen Ansichten und seiner abscheuerregenden Aggressivität und Arroganz. Seinen Namen hatte ich nicht verstanden, und hätte ihn auch nicht gekannt. Erst Monate später erfuhr ich, daß das dieser Giselher Wirsing gewesen war. Er gehörte zu denen, die Dr. Brinkmann in Heidelberg dem Dr. Zimmern zur Teilnahme an seinem internationalen Seminar in Genf als mehr aufgeweckten und repräsentativen Vertreter deutscher Studenten empfohlen hatte. Er war sein Assistent in Heidelberg gewesen. Es war in diesen Fragen deutscher Politik in Europa, daß ich dann immer die größte Distanz zur "Tat" empfunden habe. Wirsing kam dazu, und bezeichnete die Staaten Mittel­ und Osteuropas als die "zwischeneuropäische Trümmerzone".

Da blieb die Zusammenarbeit in unserer Völkerbundsgruppe und auch persönlich mit Wolfgang Straede auf viel besserer Ebene. Ein Vorfall blieb mir in Erinnerung, der das unterschiedliche politische Herkommen beleuchtet. Der Generalsekretär der FUI Jean Dupuy besuchte uns kurz in Berlin. Er war wohl auf der Durchreise nach Danzig, wo er prüfen sollte, ob die Auflage betreffs Teilnahme der

polnischen Minderheit an der neuen Danziger Mitgliedsgruppe der FUI richtig durchgeführt wird. Während seines kurzen Aufenthalts in Berlin sollten Wolfgang Straede und ich ihm etwas von Berlin zeigen. Wolfgang Straede schlug zunächst einen Ausflug nach Potsdam vor, Dupuy war einverstanden und wurde so zunächst mit dem alten Preußen gut bekannt gemacht. Am Sarge Friedrich des Großens erinnerte er sich, daß Napoleon bei der Gelegenheit gesagt hatte: "voila un honme". Auf dieser Note endete unser Besuch in Potsdam und Dupuy wollte nun unbedingt noch mit uns in den Reichtstag gehen. Straede bat mich, das zu übernehmen; er entschuldigte sich, als Monarchist wollte er einen Besuch im Reichstag nicht unternehmen. Ich starrte ihn an, und Jean Dupuy wohl auch. Natürlich, manche unserer Professoren, viele alte Herren der studentischen Korporationen, sie waren noch Monarchisten und daher Republikgegner, aber war das wirklich auch mein Altersgenosse Straede, Führer der deutschnationalen Studentengruppe?

Ich zog also mit Jean Dupuy allein zum Reichstag, so ohne Vorbereitung schien das gar nicht so einfach, jemanden zu erreichen, der einem Zutritt zur Wandelhalle ermöglicht und einen empfangen hätte. Ich meldete mich erst bei Ernst Lemmer. Er war schließlich Führer der Jungdemokraten; obgleich ich ihn wenig kannte, schien er mir der Nächstverantwortliche für solch ein Anliegen, von einem Vertreter der demokratischen Studenten, als welcher ich mich schließlich da im Reichstag befand, zu sein. Er entschuldigte sich, er hatte keine Zeit. Kurz entschlossen meldete ich mich bei Carl Mierendorf, der ja nicht nur bei seinen jungen sozialistischen Freunden, sondern auch bei den jungen Demokraten sehr verehrt wurde. Ich kannte ihn gar nicht, sagte gleich er brauchte uns nicht zu sehen, aber ich wollte unserem französischen Gast den Reichstag zeigen, und sein Passierschein kam auch sofort zurück. Wir blieben eine Zeit lang in der Wandelhalle, Dupuy hoffte Brüning zu sehen, und dann rief er auch ganz aufgeregt "le chancelier", Brüning eilte vorüber. So waren denn Dupuy's beide Programmpunkte erfüllt, aber mein Freund Straede und die Monarchie, im Winter 1930/31, das hat mich immer wieder gewundert.

Während die "Tat" sich von ihrem anfänglichen Anklang an eine Stimme der jungen Mitte unterdeß weit nach rechts entwickelt hatte, wurde eine neue Gruppe um die Monatsschrift "Neue Blätter für den Sozialismus" bedeutsam. Sie sammelte Anhänger des religiösen Sozialismus Paul Tillichs, überhaupt eines nicht­marxistischen Sozialismus, vieles aus der Jugendbewegung. Mitherausgeber war Fritz Klatt, unabhängig von der SPD Parteistruktur auf ihrem rechten Flügel. Es gab auch Elemente eines Suchens nach neuen politischen Strukturen, die manchmal an ähnliches im Gedankengut der "Tat" zu erinnern schienen. Auf der wirtschaftspolitischen Seite dieses Kreises waren die Professoren Eduard Heimann und Adolf Loewe prominent; aktiv verbunden waren auch, die mir von ihrem Kontakt mit unserer republikanischen Studentenorganisation bekannten, Theo Haubach, Adolf Reichwein, Rudolf Küstermeier und Carlo Mierendorf.

In der politischen Mitte sah es immer trostloser aus, mit zunehmender Desillusionierung auch beim demokratischen Studentenbund. Es hatte demokratische Splittergruppen gegeben, die sich der Verbindung mit den Jungdeutschen in der Staatspartei nicht anschließen wollten. Bei den Studenten blieben die Meinungen geteilt, die Studentengruppen hielten aber zusammen, blieben unabhängig. Die Führer Franz Suchan und Horst Mendershausen wollten einen Zusammenschluß mit dem Republikanischen Studentenbund des Prionen Hubertus von Löwenstein durchführen. Ich versuchte, dabei zu helfen, aber sie wurden überstimmt.

Ich hatte zu der Zeit bereits beschlossen, meine berliner Tage zu beenden und im Sommersemester nach München zu gehen. Das hieß auch, daß ich aus der hochschulpolitischen Arbeit ausscheiden und meine Ämter aufgeben würde. An der TH Charlottenburg hatte ich das schon getan, der Sozialist Ahrends war mein Nachfolger geworden. In der Schriftleitung von "Student und Hochschule" hatte mich schon der demokratische Freund Erwin Oeser unterstützt, mit dem Zentrumsmann Lothar Hartmann wurde er Nachfolger, und danach übernahmen es Heinz Krüger (Sozialist) zusammen mit Franz Suchan (Demokrat), die die Zeitschrift tatsächlich bis zum Februar 1933 weiterführten.

In der Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit war es ja der Turnus der Demokraten, ab April 1931 den Vorsitz zu übernehmen. Ich muß gestehen, daß ich da für mich doch einige Bedenken hatte. Mußte es jetzt gerade sein, daß ein Jude den Vorsitz übernahm? Auch von diesem Gesichtspunkt trieb es mich, den Wechsel nach München vorzunehmen und zu sehen, daß statt dessen Wolfram Müllerburg zurückkommen und die Vakanz füllen würde. Er war schon in seiner Referendarszeit, aber konnte doch für Sommer 1931 zusagen. Zunächst stand aber noch für den 19.März unsere Mitteleuropäische Studententagung in Preßburg bevor und im Zusammenhang damit noch ein ominöser Schock.

Die Vorbereitungen waren ganz nach Plan gelaufen, als wir plötzlich eine Mitteilung vom Auswärtigen Amt erhielten, man es hätte es sich anders überlegt und wir sollten die ganze Tagung absagen. Es war gar nicht mehr so lange bis zum Tagungsdatum, und wir protestierten heftigst. Erklärungen über die Gründe wurden uns nicht gegeben. Was immer die Gründe für diesen Gesinnungswechsel des Amtes sein könnten, wir wollten unseren Mitveranstaltern, den tschechischen Studenten, allen anderen eingeladenen Delegationen und der FUI nicht jetzt plötzlich, so kurz vor der Tagung, absagen. Wir hatten eine weitere Besprechung im Amt bei dem Geheimrat Terdenge, der uns auch etwas über die Gründe sagen sollte, es aber nicht tat. Er schien etwas belustigt über die verschiedenen Interventionen, die wir im Amt veranlaßt hatten, und auch sein Kollege, Legationsrat Dr. Sobernheim, wollte, daß sein Sohn Rudolf, ein sehr aktives Mitglied unserer Gruppe, teilnehmen sollte. Da bin ich wirklich explodiert und fragte, wie man sich das vorstellt, wir haben mit den Tschechen das Tagungsprogramm ausgearbeitet, die Vorbereitungen gemeinsam getroffen, die anderen eingeladen, jetzt sollen wir ohne Erklärung kurzfristig alles absagen, was für ein Affront politisch und persönlich. Uns ist darüber sehr ernst zumute, und gar keine Gelegenheit für scherzhafte Bemerkungen.

Es blieb aber dabei; über die Hintergründe erfuhren wir nichts, die versprochenen Mittel standen nicht mehr zur Verfügung und soweit es das Amt betraf, empfahlen sie uns, die Tagung abzusagen. Die Deutsche Liga für Völkerbund machte weitere Anstrengungen, aber Haucke teilte uns dann mit, man müsse die Tagung wohl nun absagen. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.

Das Semester ging schon zu Ende und ich reiste nach Kattowitz. Wir verabredeten, Hauke würde mir telegraphieren, wenn die Tagung doch noch stattfindet, und wirklich, die Liga konnte mit diskreter Zustimmung im Amt doch noch das arrangieren. Es kam das Telegramm von Haucke, in dem es hieß, ich sollte zunächst nach Prag fahren und dort bei der Lese­ und Redehalle nachfragen, wo man sich zur gemeinsamen Weiterreise nach Preßburg treffen könne.

Das wurde mein 2.Besuch in Prag (53). Die Nachricht, die ich vorfand, brachte mich zunächst zusammen mit einem Dr. Foerster, der zu den wissenschaftlichen Tagungsteilnehmern von der Rechten gehörte. Er war Historiker von der Universität Tübingen, derzeit aber an der deutschen Universität Prag und mit den deutsch­tschechischen Problemen und Geschichte eng vertraut. Wir machten einen gemeinsamen Stadtspaziergang, der auf dem Hradschin mit Blick auf die Stadt abschloß. Er war wohl nur einige Jahre älter als ich, bezeichnete sich als Konservativen und plädierte eindringlich und ernsthaft für die Anerkennung auch des deutschen Elements in der Geschichte Böhmens und eben auch Prags, man nehme doch nur die Karls Universität, die eben auch eine deutsche Universität gewesen ist. Mehr wollen wir ja nicht, sagte er, man soll uns das aber nicht immer ganz in Abrede stellen. Das klang und er war überhaupt recht vernünftig; er sprach mit so ehrlicher Wärme, daß ich noch manchmal, besonders dann 1938/39, als Hitler ja ganz andere Forderungen mit Gewalt durchsetzte, an diese Unterhaltung auf der Terrasse des Hradschins gedacht habe. Wir waren dann zusammen in der Gruppe, die von Prag nach Preßburg fuhr.

Dieses Bratislava, nun in der Tschechoslowakei als Hauptstadt der Slowakei, war faszinierend und auch herzerwärmend. Man war sich bewußt, daß es auch dadurch jahrhundertealter Ort vieler Spannungen und Konflikte war, aber das Zusammenfließen so verschiedener Traditionen und das Zusammenleben so vieler Bevölkerungsteile machte es zu einer sehr mitteleuropäischen Szene, und die Donau floß majestätisch dahin, auf dem Weg von Wien nach Budapest. Die offizielle Sprache war slowakisch, aber ebenso wie bei Eß­ und Trinksitten gab es viel ungarisches, österreichisches oder deutsches. Die lokale Vorbereitung und dann auch Leitung der Veranstaltung lag in den Händen der slowakischen Studenten unter der sehr selbstbewußten und sich profilierenden Leitung von Dr. A. Kunosi, auch das schien mir ein Unterstreichen mitteleuropäischer Vielfalt. Die Tagung (54) mit etwa 100 Teilnehmern sollte einer wissenschaftlichen Diskussion der verschiedenen Themenkreise dienen, einer klareren Definition gemeinsamer mitteleuropäischer Interessen und kulturellen Zusammenhänge. Letztere mündeten auch wieder in Betonung der nationalen Minderheitenprobleme und wurden unterstrichen durch einen Überraschungsbesuch und Ansprache des Sekretärs des Minderheitenkongresses Dr. Ewald Amende. Ich habe gar nicht nachgeforscht, wer den inszeniert hatte.

Die österreichische Delegation hatte auf der Tagung einige neue, und zwar rechtsgerichtete Mitglieder, was sich später dann zunächst wieder geändert hat, aber dort fiel es mir sehr auf (55).

Das Hauptgewicht der Tagung lag auf den gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der mitteleuropäischen Staaten (56). Das war ja schon der aktuelle Ausgangspunkt für unsere Initiative im September 1930 in Genf für solch eine mitteleuropäische Studentenkonferenz. Gemeinsame wirtschaftliche Schutzmaßnahmen waren gewiß nicht im Sinne einer freien internationalen Marktwirtschaft, aber der Glaube daran war unter den schweren Stößen der Krise mit ihrem Verfall der Agrarmärkte und den einseitigen amerikanischen Zollmaßnahmen verblaßt. Für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit betroffener mitteleuropäischer Staaten gab es aber wenig politisches und kulturelles Gemeinschaftsgefühl nach 1918 und es galt, dies zu erarbeiten. Wie hätte das besser eingeleitet werden können als durch eine Inititative der Deutschen und Tschechen, wie wir es getan hatten, wenn auch nur auf einer kleinen Nebenbühne, und wir hatten Zustimmung gefunden (57).