Rückblicke

Chapter 12

Chapter 123,209 wordsPublic domain

Werner Mahrholz aber lebte nicht mehr. Er war an einem damals unheilbaren Nierenleiden erkrankt. Ich hatte ihn noch in seiner Redaktionsstube öfters besucht, auf Vorschlag seiner Frau dann auch zu Hause, wo ich einmal seinen engen Freund Theodor Däubler traf. Ich nahm später an der Urnenbeisetzung teil, es war eine für intellektuell Interessierte selten erlauchte Versammlung. Ich hatte einen sehr bewegten Nachruf in unserer Zeitschrift "Der demokratische Student" geschrieben.

Winners teilte das Redaktionszimmer mit Hans Zehrer und Friedrich Wilhelm v. Oertzen zu meiner großen Überraschung, und unsere regelmäßigen Besprechungen spielten sich meist in deren Gegenwart ab. Einige Male gingen wir auch alle zusammen zum Mittagbrot in die Kantine.

Es kam aber nicht zu wirklichen Unterhaltungen über die großen Probleme dieser Jahre, jedenfalls nicht während meiner Besuche in ihrem gemeinsamen Redaktionszimmer. Auch sonst schien eher eine Distanz, Winners stand viel mehr links als sie. Zu anderen Bekanntschaften, die ich in der Vossischen Zeitung gemacht habe, gehörte Erich Kramer, als er einmal Mahrholz vertrat (36). Ein anderer guter Bekannter wurde Carl Misch; durch ihn kam auch später einmal ein politischer Artikel von mir in die Vossische Zeitung.

Ich hatte auch bei einer Aufgabe auf ganz anderem Feld mitgewirkt. Auf unseren Januar Studententagungen war die Notwendigkeit eines Programms für Hochschulreform betont worden. Wolfram Müllerburg, Robert Hess, Erwin Oeser, Rudolf Sobernheim und ich bildeten die Gruppe, die es für die demokratischen Studenten ausarbeiten wollte. Die wichtigste Mentorin dabei wurde Gertrud Bäumer, die unser Programm dann auch in der von ihr mitherausgegebenen Monatsschrift "Die Hilfe", ursprünglich von Friedrich Naumann gegründet, im Rahmen einer speziellen Hochschulnummer im Juli 1930 veröffentlichte. Ich hatte mehrere Besprechungen mit ihr, es halfen uns auch u.a. Dr. Theodor Bohner,verschiedene Professoren und Ministerialrat Leist. Wir waren manchmal ziemlich halsstarrig und bestanden auf Punkten, von denen einige ältere Freunde abrieten, so die Idee der Humanistischen Fakultät, an der alle Studenten auch an allgemeinbildenden Vorlesungen teilnehmen sollten, um ein Gegengewicht gegen die zunehmende Spezialisierung herzustellen.

Für die Mitarbeit an diesem Programm begann ich auch einige Literatur über Bildungsfragen zu lesen, so Scheler und Spranger, man verfolgte ja überhaupt immer weiter die geistesgeschichtliche Entwicklung dieser Jahre als unabdingbar für ein intelligentes Interesse am Zeitgeschehen. Da war das ursprüngliche Interesse an Geschichte, einige Ideen der Jugendbewegung, und nun auch, wenn man zu grundlegenden Dingen des Denkens kam, ein starker Eindruck von der Phänomenologie, Bergson und Husserl. Zu den neuen Leuchten der sich bildenden marxistischen Frankfurter Schule konnte ich kein Verhältnis gewinnen, aber das Denken von Karl Mannheim machte mir Eindruck, die Herausforderung der Intelligenz zu einem über Ideologieverdacht stehenden, unabhängigen Denken.

Man bewegte sich damals im Demokratischen Studentenbund und FWV in einem Kreis, der an diesen Fragen lebhaft Anteil nahm. Da wir bei Büchern und Ideen sind, will ich noch ein Buch erwähnen, auf das mich ein nichtjüdischer Freund bei den Demokraten damals hinwies: "Nationalismus im Vorderen Orient" von Hans Kohn, damals Nahostkorrespondent der Frankfurter Zeitung, später recht anerkannter Historiker. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die von ihm geschilderte Entwicklung eines säkularistischen Nationalismus unter den Arabern der Nachfolgestaaten des türkischen Imperiums eine schwere Behinderung für die zionistischen Ziele werden könnte. An diesen frühen Hinweis habe ich noch oft gedacht.

Um mit unseren Gedanken zur innenpolitischen Entwicklung in Deutschland zurückzukehren, Anstrengungen, doch noch einen Block der Parteien der Mitte in den frühen Sommermonaten 1930 zu bilden, kamen nicht vorwärts, einige jüngere Kräfte aus der Deutschen Volkspartei blieben in Kontakt darüber mit den Demokraten. Ein anderer Gesprächspartner war der Jungdeutsche Orden (37), mit seinen 800.000 Mitgliedern auch ein Zeichen für die Anziehungskraft außerparlamentarischer Bewegungen mit Frontkämpfer­ und Jugendbewegungshintergrund. Mit seiner Studentengruppe waren wir schon im "Arbeitsring der politischen Mitte" zusammengekommen, hielten Kontakt und ich wurde gut bekannt mit deren Führer Söhlmann.

Im demokratischen Parteivorstand trat Hellpach entschieden für nach der rechten Mitte zielende Fusionsverhandlungen ein bis zu den gerade von den Deutschnationalen abgefallenen Freikonservativen um Treviranus (38). Am nächsten kam ich der Stimmung, als während eines Besuches bei Staatssekretär Abegg er uns für eine Unterredung bei Hermann Dietrich, damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister, anmeldete. Die anscheinende Unentschlossenheit der Parteispitze beunruhigte uns, sie schien den Kopf verloren zu haben. Er versicherte, es gäbe zwar manche, von denen man das sagen könnte, aber er wisse genau, was zu tun. Es klang zuversichtlich, aber was war gemeint?

Für die Sommersemesterferien 1930 hatte ich zunächst den Plan, den Studententag der gegnerischen Deutschen Studentenschaft in Breslau als Pressekorrespondent zu besuchen, was mir der Breslauer Vertreter der Vossischen Zeitung auch möglich machte. Während der Tage wurde bekannt, daß Demokraten und Jungdeutscher Orden (Jungdo) ihren Zusammenschluß verkündet hatten. Söhlmann vom Jungdo nahm auch als Gast an der Tagung teil, wir begegneten uns nun unter scheinbar ganz neuen Vorzeichen, mit viel Händeschütteln natürlich, aber ganz freimütig auch gegenseitiges Erstaunen. Ganz so hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt, daß ein Zweiergespann von Demokraten und Jungdeutschen Orden die Antwort für den Drang nach einem starken, vereinten Block der politischen Mitte sein könnte (39). Die geplante neue "Staatspartei" sollte auch Zuzug von einigen jüngeren Leuten aus der Deutschen Volkspartei bekommen (40).

Bei den Demokraten hatte es wochenlange Debatten, aber keine erkennbare einheitliche Linie oder Entscheidungen gegeben. Als Damoklesschwert hatte über allen die mögliche Auflösung des Reichstags und Neuwahlen geschwebt, falls das ohne parlamentarische Mehrheit regierende Kabinett Brüning, das von den Demokraten mitgetragen wurde, nicht seine finanzpolitischen Notverordnungen gegen Vetoanträge im Reichstag durchbringen könnte. Dietrich, unterdeß von Brüning zum Reichfinanzminister ernannt, kämpfte hart um eine Mehrheit für seine Finanzvorlagen. Aus einer lebhaften Schilderung (41) geht hervor, daß er sehr wohl einen Plan hatte, was zu tun sei. Es gelang ihm auch, aus der damals durch Abspaltungen nach der Mitte zu bedrohten Deutschnationalen Partei 25 Abgeordnete auszubrechen, aber 32 Hugenbergtreue blieben hart in ihrer Ablehnung ebenso wie die Sozialdemokraten. Der Reichstag wurde von Brüning aufgelöst. Nachdem sich die Parteien der Großen Koalition im März nicht auf die Fortsetzung ihrer gemeinsamen Regierung hatten einigen können, war es ein weiterer Schritt zu der Katastrophe, die Deutschland bevorstand, daß die Weimarer Republik im Juli 1930 nicht vor der Auflösung des bis 1932 gewählten Reichstags bewahrt werden konnte. Um die Chancen bei den Neuwahlen am 14.September zu verbessern, entschied sich Koch­Weser für die Gründung der Staatspartei mit dem "Jungdo".

Ich war nun aber grade bei diesem Breslauer Studententag, eine Herausforderung, die ich gesucht und nun zu bestehen hatte. Auch früher waren republikanische Studenten als Beobachter an solchen Tagungen, Werner Mahrholz ein regelmäßiger Besucher gewesen. Ich hatte Hoffnung auf Gruppen, die sich von radikalen und besonders nationalsozialistischen Tendenzen distanzieren würden. Um für Anhänger einer breiteren Mitte zu werben, ließ ich die Juli Hochschulnummer der "Hilfe" mit unserem Hochschulreform­Programm vor der Festhalle verteilen.

Bei Ankunft legte ich meinen Presseausweis vor, traf einige Bekannte und hörte plötzlich während der Eröffnungsprozedur vorne meinen Namen. Hammersen von der TH Charlottenburg (42) protestierte gegen meine Anwesenheit. Der Jude Grünfeld sei ein unbequemer, ja gefährlicher Gegner der Großdeutschen Studentenschaft an seiner TH und müßte des Saales verwiesen werden. Die Tagungsleitung sagte Prüfung seines Antrags zu. Nun ging die Tagung weiter, ich war nicht sehr beunruhigt, weniger eine negative Entscheidung als eventuelle Aufreizung zu Gewalttätigkeit durch Hammersen hätten mich beunruhigen können.

Das war ja ein gewisses Risiko, wenn man mit Nationalsozialisten zu tun hatte. Ich erinnerte mich an frühere Hochschulunruhen an der Universität Berlin. Die republikanischen Studenten hatten beschlossen, sich bei einer angesagten völkischen Kundgebung zu einer Gegendemonstration zu stellen, und wir Älteren sollten das nicht nur den jungen Leuten überlassen. Vergeblich versuchte der deutschnationale Kollege in der Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit, Wolfgang Straede, als ich ihn auf dem Weg zur Universität traf, mich zu einem friedlichen Kaffee irgendwo anders zu überreden. Ich ging zur Universität, es war höchst ungemütlich dort, aber es blieb bei einer hautnah drohenden Gewalttätigkeit.

Jetzt saß ich also da in Breslau, mein Name war mit heftigen Angriffen auf mich genannt worden, ich saß ganz hinten unter anderen Pressevertretern und Gästen. Plötzlich sah ich Hermann Proebst, er schien mich zu suchen, kam auf mich zu, überreichte mir meinen Presseausweis und sagte, die Sache ist jetzt erledigt. Das war also gut so. Ich habe ihn dann nie wieder gesehen, aber die Begegnungen mit ihm habe ich in guter Erinnerung behalten (43).

Die "Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit" wurde gebildet von den Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen als akademische Gruppe der Deutschen Liga für Völkerbund, deren Büro sie auch teilte. Als Nachfolger von Müllerburg wurde ich dort Vertreter der Demokraten, hatte an Veranstaltungen schon oft teilgenommen. Es hatte auch ein Seminar über Minderheitspolitik unter dem Demokraten Dr. Junghann dort gegeben, das ja sehr in meinem Interessenkreis war und auch in deutscher Völkerbundspolitik eine zunehmende Rolle spielte.

Über den Weimarer Koalitionsrahmen des DStV hinaus gab uns die Völkerbundsgruppe einen gewissen Kontakt zu den Studentengruppen der Deutschen Volkspartei und auch der Deutschnationalen, erstere durch Dr. Kurt Goepel und letztere durch Wolfgang Straede vertreten. Der Vorsitz rotierte jährlich, Straede wurde Vorsitzender für 1930/31, danach kam die Reihe an die Demokraten. Ich wurde für 1930/31 der aktivste Vertreter der Linken in der Zusammenarbeit mit Straede als Vorsitzendem. Das persönliche Verhältnis dabei gestaltete sich gut. Er kam aus Schleswig­Holstein. Die deutschnationale Studentengruppe arbeitete natürlich mit in der Deutschen Studentenschaft. Die Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei war dabei, sich von ihr zu distanzieren.

An diese Mitarbeit in der Völkerbundgruppe erinnere ich mich als das wohl Interessanteste aus meiner politischen Tätigkeit während der Zeit in Berlin. Unsere "Zentralstelle" war Mitglied des Verbands der akademischen Völkerbundsligen (FUI), der jährliche Tagungen im Herbst in Genf abhielt, Ende August kam ich in der Pension an, wo unsere Delegation wohnte. Sie wurde von Strade geführt, mit mir als seinem Stellvertreter. Die Vorbereitung auf die Teilnahme an dieser Tagung und die Hauptthemen, die dort zur Sprache kommen würden, hatten natürlich schon in den Vormonaten Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht. Die jährlichen Tagungen waren verbunden mit Sommerseminaren, die unter dem Patronat des englischen Historikers H. Zimmern standen; er hatte eine Tendenz sein Patronat auch etwas auf die Tagungen der FUI auszudehnen. Deutsche Teilnehmer des Seminars waren vorher immer nur von den Mitgliedsgruppen unserer Zentralstelle, also den Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen ausgewählt worden. Dr. Zimmern hatte gefunden, daß dies nicht genug begabte junge Wissenschaftler für den anspruchsvollen Charakter seiner Seminare gebracht habe, und er einen Teil der deutschen Kandidaten selbst suchen will. Das hatte dann aber mit der deutschen Delegation und der FUI Tagung nichts zu tun.

Deren Themen waren weitgehend bestimmt von den gerade in der Völkerbundspolitik vorherrschenden, und es waren Themen, an denen der deutschen Außenpolitik besonders gelegen war. Die politische Situation in Europa stand noch im Zeichen der PostLocarno Aera. Die Alliierten Truppen wurden aus dem Rheinland zurückgezogen, der Young­Plan war angenommen. Ein weiteres Anliegen der Deutschen war die durch die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages entstandene Ungleichheit der militärischen Rüstungen, was sich in ein deutsches Anliegen für Allgemeine Abrüstung als ein Hauptthema für den Völkerbund umsetzte. Der französische Einwand dagegen war die Forderung nach "Sicherheit" als Vorbedingung für Abrüstung. Das hieß wohl Sicherheit gegen deutsche Versuche, Revisionen des Versailler Vertrages mit Gewalt zu erzwingen, wofür die Deutschen aber keine Rüstung hatten.

Der ernsthafteste Schatten blieb die Weigerung der Deutschen, auch die östlichen Grenzen zu garantieren, also auf Revisionansprüche zu verzichten. Diese wurden zwar nicht für öffentliche Diskussion auf der Agenda gehalten, aber ein verwandtes Thema war der Minderheitenschutz. Er konnte jederzeit zum Tagesthema werden, wenn immer Verletzungen der wirtschaftlichen oder kulturellen Rechte deutscher Minderheiten in den östlichen Nachbarstaaten vorkamen, und sie taten es. Heutige Geschichtsschreibung (44), die dazu neigt, polnische Unterdrückungspolitik gegen die deutsche Minderheit nach Locarno als Abwehrstellung gegen die nicht aufgegebenen deutschen Grenzrevisionswünsche zu sehen, weist damit auf einen "circulus vitiosus", einen Teufelskreis hin. Das entsprach nicht den eigentlichen Zielen der Minderheitenbewegung, zu der deutsche Minderheitenführer und Außenpolitik erheblichen Impetus und Gedanken beisteuerten. Ein großer Teil der Minderheiten, darunter auch deutscher, lebten doch in Landstrichen, die gar nicht Gegenstand territorialer Dispute waren, wo sie aber eben in ihren nationalen Minderheitsrechten geschützt sein sollten. Aktiven Anteil an den Arbeiten der Minderheitenbewegung nahm auch die große jüdische Minderheit in Polen.

Die mir von zu Hause aus so naheliegende Minderheitenfrage war neben dem Thema Abrüstung damals ein wichtiges deutsches Anliegen im Völkerbund. Briand hatte als Überholungsmanöver für das Argument Abrüstungs­Sicherheit den Europagedanken vorgebracht, aber das hatte noch kaum feste Formen angenommen. Mir schien die Europa­Idee die natürliche Lösung auch für die Minderheitenprobleme, die unter föderalistischen Strukturen ihre potentielle Aggressivität und Sprengstoffwirkungen verlieren könnten. Das war natürlich nicht in jedermanns Sinn. Europa bestand eben aus alten Nationalstaaten, wie Frankreich, und aus Nationalitätenstaaten, wie den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie und Polen, aber auch Belgien und Spanien. Da gab es so explosiv irridentistische Teile in der Minderheitenbewegung wie die Katalanen oder Wallonen oder damalige Kroaten. Aber die Führung des Minderheitenkongresses lag doch in weniger aggressiven, mehr verantwortungsbewußten Händen.

Zu gleicher Zeit wie unser FUI Kongreß fand in Genf auch der jährliche Minderheitenkongreß statt, und ich ging als Zuhörer auch hin, es kamen auch andere von unserem FUI Kongreß. Das Thema Minderheitenschutz war auch auf die Agenda der nachfolgenden Septembertagung des Völkerbunds gekommen und ebenso als "wissenschaftlicher Teil" auf unsere FUI Agenda (45).

Dafür waren drei Vorträge vorbereitet worden, und einer von Dr. Mirkine­Guzewich, Generalsekretär des Instituts für Internationales Recht, zeigte die Unterschiede des Denkens am deutlichsten. Seiner war nationalstaatlich, französisch und englisch beeinflußt. Nation war der Staat, es war bei Definition der Paß, die Staatsangehörigkeit, die man hatte, und da war gar kein Raum für Nationalität als eine andere Kategorie. Nicht nur für die Deutschen, auch für Polen und Tschechen war das aus eigenem Erleben gar nicht so, eben in ganz Mittel­, Südost­ und Osteuropa. Mein eigenes Miterleben an dieser Problematik wurde in dieser Genfer Woche immer wieder stark berührt.

Auf dem Minderheitenkongreß hatte ich auch Otto Ulitz als einen der Delegierten der deutschen Minderheit in Polen getroffen. Wir sahen uns wieder in der Bierstube "Bavaria", so berühmt damals als internationaler Treffpunkt, wo die Studentendelegationen auch oft zusammen saßen. Ulitz lud mich an seinen Tisch und stellte mich dort einem seiner Minderheitenkongreß­Kollegen vor, nämlich Dr. Motzkin, jüdischer Abgeordneter im polnischen Sejm und bekannter Zionistenführer in Polen. Nach ihm wurde später eine Siedlung in Israel genannt. Das war für mich eine nachdenklich machende Begegnung in der "Bavaria".

Die Kongresse aber spielten sich nicht nur in der "Bavaria" ab. Zunächst vertrat ich die deutsche Delegation in der Unterkommission für Abrüstung und das fand wirklich im Sitzungssaal des Völkerbundrates statt. Hauptaktivität wurde dann "la question danzigoise". Danzig war durch den Versailler Vertrag zu einer Freien Stadt gemacht worden, vertraglich mit Polen verbunden. Es hatte eine deutschsprachige Technische Hochschule, an der auch eine Gruppe für Völkerbundsarbeit gegründet wurde, die nun Aufnahme in die FUI beantragte. Die polnische Delegation widersprach und forderte, die Danziger Gruppe sollte zum polnischen Verband gehören. Auf der deutschen Rechten war der Plan, sich für Aufnahme einer selbstständigen Danziger Gruppe einzusetzen, auch etwas Ungewohntes. Die Deutsche Studentenschaft, auf dem "großdeutschen Prinzip" aufgebaut, umfaßte ja alle deutschsprachigen Hochschulen, einschließlich Österreich und der Tschechoslowakei, und natürlich auch Danzig, wo sie sogar einmal ihren Studententag abgehalten hatte.

In der FUI war das anders. Die österreichischen und Prager/Brünner Hochschulen gehörten nicht zur deutschen FUI "Zentralstelle". Die rechtlichen Aspekte von Danzig's Stellung waren kompliziert; ein Präzedenzfall war, daß im Verband der Völkerbundsligen auch eine selbstständige Danziger Liga für Völkerbund Aufnahme gefunden hatte. Es gab in Danzig nur die eine Hochschule, und da war nur eine sehr kleine Minderheit von polnischen Studenten. Die Auseinandersetzungen, an denen ich auch schon im Kommissionsstadium verwickelt war, wurden sehr heftig. Als unser Standpunkt nach anfänglichen Schwierigkeiten sich durchzusetzen begann, machten wir mit Mitgliedern der polnischen Delegation zusammen einen Ausflug zum noch im Bau befindlichen neuen Völkerbundsgebäude draußen am See. Es wurde eine gar nicht unfreundliche Begegnung, an die ich mich oft erinnert habe. Die Aufnahme der Danziger Gruppe wurde schließlich vom Plenum einstimmig bestätigt, nachdem eine Zusammenarbeit zwischen der selbständigen Danziger Gruppe und der polnischen Minderheit in Danzig vereinbart und eine dementsprechende Berücksichtigung bei der Zusammensetzung der Delegationen für spätere FUI Kongresse in Aussicht gestellt worden war (46).

Zu den wichtigen Gewohnheiten des Kongresses gehörten auch Zusammenkünfte zwischen verschiedenen einzelnen Delegationen, befreundeten sowohl wie ferneren. Die politische Lage in Europa stand immer mehr unter dem Impakt der Weltwirtschaftskrise. Ihre Einwirkungen außerhalb der USA waren unverkennbar verschieden je nach wirtschaftlicher Struktur und finanzieller Lage der betreffenden Länder oder Ländergruppen. So kam es, daß der Begriff Mitteleuropa wieder in ganz ernsten wirtschaftspolitischen Überlegungen erschien. Da war der Zusammenbruch der internationalen Agrarmärkte, ebenso wie die drastische Schutzzollpolitik, mit der die USA auf die Krise reagierten. Der Smoot­Hawle, Tariff Act war am 17.Juni 1930 von Präsident Hoover unterzeichnet worden. All das sandte Wellen des Schauderns durch Kanzleien, Bankkontore und Redaktionsstuben, und es zeigte sich, daß Länder in Mitteleuropa dabei besonders betroffen sein würden. Es ergab sich geradezu das Gefühl von Mitteleuropa als einer Betroffenheitsgemeinschaft in dieser Weltwirtschaftskrise.

In manchen deutschen Kreisen war der Begriff Mitteleuropa mit Anklängen an sich natürlich ergebende deutsche Vorherrschaft verfärbt worden. Sogar das Buch, das der Altvater der Demokratischen Partei, Friedrich Naumann, über Mitteleuropa geschrieben hatte, war nicht frei davon. Es war, als ob man in Deutschland zurückrevidieren wollte, was Bismarck 1866/1871 zerbrach. Aber das Heilige Römische Reich deutscher Nation bestand eben nicht mehr, auch die Donaumonarchie war zerfallen, die meisten der Nachfolgestaaten waren politisch in der Kleinen Entente und in einem Bündnis mit Frankreich zusammengeschlossen.

Die gemeinsame wirtschaftspolitische Betroffenheit aber war da, und in einer Zusammenkunft von Mitgliedern der deutschen und tschechischen Delegationen wurde darüber gesprochen. Was war also Geschichte und heutige Basis solcher gemeinsamen mitteleuropäischen Situation? Es entstand der Plan, eine mitteleuropäische Studentenkonferenz im Rahmen der FUI zu veranstalten, auf der die Fragen mehr wissenschaftlich behandelt werden könnten. Wir verabredeten, daß dies eine gemeinsame Initiative der deutschen und tschechoslowakischen Mitgliedgruppen der FUI sein sollte und die beiden Delegationen sich zu Beginn des Wintersemesters wieder in Verbindung setzen würden. Dieses Projekt schien mir ein gutes Vorhaben.

Später, vom 16. bis 21. September, hielt der Deutsche Studentenverband zusammen mit französischen Studentenorganisationen in Mannheim ein deutsch­französisches Studententreffen ab, an dem ich diesmal nicht teilnahm.

Wir hatten in Genf auch Zusammenkünfte mit der französischen Delegation, zu der auch der Radikalsozialist Robert Lange gehörte, bald darauf das jüngste Mitglied der französischen Kammer. Ein sehr enger französischer Kontakt wurde Jean Dupuy, der als Generalsekretär der FUI wiedergewählt wurde. Wir hatten uns gut kennengelernt. Bei dem Mannheimer deutsch­französischen Treffen war bereits der bedrohliche Ausgang der deutschen Reichstagswahl vom 14.September bekannt und hatte vor allem zum Thema deutsch­französischer Verständigung Bestürzung hervorgerufen.

Die Nationalsozialisten hatten ihre Mandatszahl von 12 auf 107 erhöht und waren zur zweitstärksten Partei nach den Sozialdemokraten geworden. Man war sich ihrer zunehmenden Stärke bewußt gewesen, aber das Resultat ging weit über schlimmste Erwartungen. Die Welt schien nicht mehr ganz dieselbe nach diesem ersten Erdrutsch. Uns in Genf war das noch erspart geblieben, die Tagung schloß vorher, und die böse Nachricht traf mich auf dem Rückweg.

Danach war für mich das nächste Berliner Wintersemester, das mein letztes werden sollte, eine sehr aufregende Zeit. Hatte nun der Hitler'sche Wahlerfolg eine Schneeballwirkung im Publikum? Oder brachte es Besinnung in breite gemäßigt rechts eingestellte Kreise, daß man mit den republikanischen Parteien zusammenrücken mußte, um sich gegen weiteres Anwachsen dieser rechtsradikalen Außenseiter zu stemmen.