Rückblicke

Chapter 11

Chapter 113,315 wordsPublic domain

Die nationalsozialistische Studentengruppe an unserer TH war sehr gewachsen, trat ungeheuer aggressiv gegen jeden auf, es war an der TH besonders stark und rapide; in dem fanatischen, von Haß platzenden Hammersen hatten sie einen rasanten Führer. Er stand dem Dr. von Leers nahe, gehörte also zu den Radikalsten unter den Nazis. Die Mehrheit der rechtsgerichteten Großdeutschen Studentenschaft war noch immer durch die Korporationen des Waffenrings vertreten, aber die Nationalsozialisten bauten eine eigene Studentenorganisation auf. Die Korporationen hatten Schwierigkeiten, ein Teil ihrer Mitglieder wurden Nazianhänger.

Im Ausschuß der Wirtschaftshilfe, damals vom Chemiker Dr. Pschorr sehr unparteiisch präsidiert, saßen Korporarionsstudenten als Vertreter der Großdeutschen Studentenschaft, die Zusammenarbeit war sachlich. Es wurden aber von Zeit zu Zeit Vollversammlungen aller Studenten abgehalten, und Hammersen benutzte das für die Nationalsozialisten, um ganz radikale Anträge zu stellen. Ich stellte sofort Antrag auf Ablehnung, er wetterte gegen den "Juden Grünfeld", Geheimrat Pschorr entzog ihm schließlich das Wort. Die Anhänger der Großdeutschen Studentenschaft waren gespalten, ihre gemäßigteren Korporationen stimmten für Ablehnung. Sollte das eine neue Entwicklung werden?

In Leopold Schwarzschild's "Das Tagebuch" drängte der demokratische Politiker Dr. F.Friedensburg auf energischeren Kampf gegen die Republikfeindlichkeit der Studenten, und sah die Hauptursache in den Korporationen. Am 31.Oktober sprach er auf einem Diskussionsabend, der dafür vom Deutschen Republikanischen Reichsbund und der republikanischen Alt­Akademikervereinigung "Der Bund" in dem Demokratischen Klub einberufen wurde. Es sprachen in lebhafter Diskussion u.a. Kultusminister Bekker, manche andere Prominente und für die Studenten Kurt Berlowitz. Daher meldete ich mich nicht zum Wort, aber als uns nachher Leopold Schwarzschild um sich versammelte, um zu fragen, was nun gegen die Korporationen getan werden sollte, da wies ich auf meine Erfahrung an der TH Charlottenburg hin, wo sich als die gefährlichsten Hauptgegner der Republik bereits die organisierten Nationalsozialisten profiliert hatten, daß also von meiner Sicht her die größere Gefahr nun von Hitlers Bewegung kam, die auch in manchen Korporationen als Bedrohung von außen empfunden wurde. Das hieß nicht, daß ich nicht auch in Zukunft gegen die schlechten Einflüsse der Korporationen sprach oder schrieb, ja ich sollte sogar wegen solcher Äußerungen noch bald einem speziellen Boykott durch meine Schulkameraden ausgesetzt sein, aber die politische Entwicklung hatte ich von meiner zugespitzten Erfahrung an der TH her schon damals richtiger gesehen als die anderen Teilnehmer an der Diskussion.

Am 3.Oktober war Stresemann gestorben. Ich erinnere mich deutlich an das Gefühl des Verlusts und auch einer deutlichen Gefährdung der Republik, denn es war zu diesem Zeitpunkt er, der die Große Koalition zusammen zu halten schien. Nach Locarno und Briand­Kellog Pakt führte die Verständigungspolitik zum Abkommen über den Young Plan für die Abwicklung der Reparationen, eine Erleichterung gegenüber früheren Reglungen, aber doch neuerliche Festschreibung einer gewaltigen Last. Die Zustimmung zum Young­Plan durch Stresemann auf einer ersten Haager Konferenz im August 1929 war die logische und unausweichliche Kulmination der durch Locarno eingeleiteten Verständigungspolitik, ein Schlüsselpunkt in der Politik der republikanischen Parteien, einschließlich Stresemanns Deutscher Volkspartei. Man darf nicht vergessen, das Rheinland war noch von alliierten Truppen besetzt. Rheinlandräumung und Annahme des Youngplans hingen zusammen.

Zu den deutschen Sachverständigen, die zur Abfassung des Planes zugezogen wurden, gehörte auch der Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht, und er wandte sich plötzlich gegen die Annahme des Plans.

Die Deutschnationale Partei Hugenbergs leitete ein Volksbegehren gegen die Annahme des Youngplans ein, und die Nationalsozialisten schlossen sich an. Es trug dazu bei, ihnen entscheidenden Auftrieb zu geben. Wo sie im Mai 1928 noch mit 12 Mandaten gegen 73 Mandate der Deutschnationalen in den Reichstag gezogen waren, wurden sie nun, schon durch die Vehemenz ihrer Propaganda, gleich lautstarke Partner auf der Rechten. Das Referendum am 22.Dezember 1929 ging aber für Annahme des Youngplans aus, die Republik hatte nochmals gewonnen. In einigen Kommunal­ und Landtagswahlen aber zeigten sich bald beunruhigende Gewinne für die Nationalsozialisten. Zu den Erinnerungen an diese turbulenten ausgehenden Monate des Jahres 1929 gehören natürlich auch die ersten Nachrichten aus New York über Börsenkrach und beginnende schwere amerikanische Wirtschaftskrise. In Deutschland wurde man sich bald der ernsten Bedeutung, die das haben würde, bewußt. Noch aber bestand, durch den Ausgang des Youngplan Referendums bestärkt, starke Zuversicht für die Sache der Weimarer Republik, und der DStV bereitete seinen 2. Studententag für Anfang Januar 1930 vor.

Für den Hauptfestakt suchten wir je einen Redner der drei Parteien oder jedenfalls der politischen Richtungen, die sie für uns repräsentierten. Als Redner für die demokratische Richtung wurde der Historiker Friedrich Meinecke vorgeschlagen. Berlowitz wollte das Privileg, ihn um seinen Vortrag zu bitten, ich ging in den Reichstag zum Prälaten Dr. Schreiber und Felix Raddatz sah den Sozialdemokratischen Staatsrechtler Heller.

Vor dem Studententag fuhr ich für Weihnachten und Sylvester nach Hause. Als ganz persönliche Erinnerung: ich wollte gleich danach wegfahren für die Vorbereitungen zum Studententag, da brach ein Sturm los. Mein Vater beklagte sich, daß mein Studium zu kurz kommt, und wozu das alles gut sei, zum Beispiel in Kiel bei der VDA Tagung hätte ich bloß die Aktentasche von Herrn Külz getragen. Er mußte sich sehr geärgert haben, was unsere Freundin Rosa Speier glaubte, in Kiel gesehen zu haben, und meinen Eltern erzählt hatte. Das Bild da am Rande der Festwiese kam mir wieder in Erinnerung. "Aber es war doch meine Aktentasche.." sagte ich und mußte den Zusammenhang mit der frühen Abreise nach Worms erklären. Die Erwähnung von Worms machte die Lage nur wenig besser. Meine Eltern hatten damals tagelang nicht gewußt, wo ich eigentlich bin. Schließlich sprach Vater noch ein ernstes Wort, ich täte jetzt viel zu viel in meinem Alter, verausgabe mich, und dann würde ich später viel weniger Erfolg haben. Daran habe ich oft gedacht. Wir einigten uns auf einen mittleren Abreisetermin.

Von den zum republikanischen Studententag sich versammelnden demokratischen Delegierten wurde vorher eine Tagung des Reichsbunds demokratischer Studenten abgehalten. Wolfram Müllerburg wollte dafür als Hauptredner neue, nicht so parteipolitisch abgestempelte Namen, und damit vielleicht neues Blut und Ideen zeigen. Es kamen Alfred Weber aus Heidelberg und Heinrich Simon, Herausgeber der Frankfurter Zeitung. Hier war also ein Versuch der Neuerung aus der liberalen Mitte heraus. Ich fand mich auf der Abendveranstaltung, auf der sie sprachen, zwischen den beiden sitzend, die Tagung verlief in Begeisterung und Kampfstimmung.

Auf der DStV Tagung mußte ein neuer Vorstand gewählt werden. Studenten konnten ja solche Ämter nie lange wahrnehmen, Berlowitz wollte ins Referendar­, ich im Juni ins Vorexamen an der TH gehen, Raddatz war schon berufstätig. Als neuen demokratischen Vertreter wollte ich unbedingt Helmuth Eichler aus Dresden gewählt haben, sehr energisch und mit Durchschlagskraft, eher leicht rechts von der Mitte und mit gutem Kontakt mit gemäßigt rechten Gruppen auch im Deutschen Studentenwerk in Dresden, dessen Direktor Dr. Schairer auch als Gast bei einigen Veranstaltungen der DStV Tagung teilnahm. Diese Kreise schienen gerade auf dem Weg, sich mit der Republik besser zu befreunden. Trotzdem viele links von Eichler standen, fand der Vorschlag beim demokratischen Studententag Zustimmung, und ich wurde beauftragt, den Vorschlag auf der DStV Tagung mit Bestimmtheit zu vertreten. Man wußte schon, daß es gegen Eichlers Wahl bei den Sozialisten Widerstand gab.

Der DStV republikanische Studententag wurde dann eine starke Kundgebung von gemeinsamer Einsatzbereitschaft und Kampfstimmung. Der äußere Rahmen war anspruchsvoll aufgezogen (25). Am Vorabend gab Minister Becker einen Empfang im Preußischen Kultusministerium, zu der Eröffnung der Tagung am 10.Januar kam der Reichsinnenminister Severing. Am Abend gab uns die Vereinigung freiheitlicher Akademiker "Der Bund" einen vom demokratischen Abgeordneten Dr. Bohnert (26) geleiteten Empfang im Preußischen Landtag, wo der Reichskanzler Hermann Müller sprach. Die Akademische Kundgebung mit den Reden von Meinecke (Geschichte, Staat und Gegenwart), Hermann Heller (Die Bedeutung der gesellschaftlich­wissenschaftlichen Auffassung in allen Geisteswissenschaften) und Prälat Schreiber (Die politische Bedeutung des Auslandsdeutschtums) fand auch gute Beachtung.

Bei der folgenden Schlußsitzung nominierte ich Eichler für den demokratischen Vorstandsposten, es gab heftige Meinungsverschiedenheiten, ein zunehmendes Patt. Ein Freund sagte mir nachher, daß ich trotz kompromißlosem Bestehen auf unserem Antrag durch die Art meiner Reden es verstanden hätte, die Wogen zu glätten, statt sie weiter aufzurühren. Ich habe mich im späteren Leben oft an diese Wertung erinnert. Es überzeugte jedenfalls den Zentrumskollegen Felix Raddatz, der die Sozialisten zum Einlenken bewegte.

Ein Nachwort zum Studententag von Werner Mahrholz "Aufbruch zur Fahrt" (27) enthielt auch kritische Töne. Er bejahte den Erfolg in der Suche nach einem unmittelbaren Aktionsprogramm, auch mit einigen Ideen für eine Hochschulreform, aber war kritisch, daß der Studententag eine Wiederherstellung studentischer Selbstverwaltung erst sich vorstellen konnte, wenn "das Bekenntnis zur Republik für die überwiegende Mehrheit der Studenten selbstverständlich ist", und daß zunächst auch die Wirtschaftshilfe als staatliche Organisation auszubauen sei. Das scheint ihm zu viel Hang zum 'Gouvernmentalismus'...man erwartet viel, ja alles vom Vater Staat, und man verläßt sich doch, trotz allen Minderheitscharakter des jetzigen Deutschen Studentenverbandes, zu wenig auf die eigene Kraft".

Das linke Argument dagegen war, die Volksmehrheit hatte sich besonders 1928 eindeutig für die Republik entschieden, es durfte keine studentischen Parlamente geben, die von der klassenmäßig verschiedenen Zusammensetzung der Studentenschaft her staatsfeindlich sein würden. Ich war damals, wie Mahrholz, auch für eine positivere Einstellung zu den Führern, die von gemäßigteren Leuten der Studentenschaft kamen, eine Selbstverwaltung mit für die republikanischen Parteien annehmbarer Verfassung zu planen. Mein Bestehen auf der Wahl Eichlers hatte damit zu tun. Man mußte versuchen, die Schichten auf der gemäßigten Rechten zu erreichen, von denen man vielleicht kein "Bekenntnis zur Republik", aber die Bereitschaft, mit der Republik als selbstverständlich zu leben, im Laufe der Zeit erwarten konnte. Als die Republik 1928 stark war, gab es schon Zeichen solcher Entwicklung im politischen Leben. Der Monarchismus, ursprünglich Hauptquelle der Gegnerschaft gegen die Republik verblaßte, wenn auch nicht im Militär, doch in Bürgerschaft und Jugend. Auch wenn man schon die nationalsozialistische Drohung sah, daß dies wirklich Hitlers Ernte werden würde, schien nicht vorbestimmt. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Auseinanderfallen der Großen Koalition standen noch bevor.

Eichler war also gewählt worden. Als mein eigentlicher Nachfolger im Vorstand des DStV, nämlich als Vertreter der freien Verbindungen, wurde der Mediziner und FWVer Kurt Lange gewählt, der eine lange Erfahrung in hochschulpolitischer Arbeit noch aus der Zeit der alten Selbstverwaltung an der Universität Berlin hatte. Die anderen drei neuen Vorstandsmitglieder, die Sozialisten Heinrich Kaun (Vorsitz), Martin Böttcher und Zentrumsmann Mielnickel erschienen mir damals, als wenn sie zu einer jüngeren Generation gehörten. Ich wurde gebeten, von Heinz Ollendorf die Herausgeberschaft unserer Zeitschrift "Student & Hochschule" zu übernehmen, was auch zur Kontinuität der Vorstandsarbeit beitragen sollte. Das schien zeitlich kaum so eine schwere Belastung, und ich nahm es gern an. Man gehörte zu den etwas älteren Semestern in der Hochschulpolitik, und es ergaben sich neben den Vorbereitungen zum Examen und der Herausgeberschaft der DStV Zeitschrift noch andere interessante Aufgaben.

Bald nach unserem Studententag fanden zwei sehr aktuell scheinende Vortragsabende im Demokratischen Studentenbund unter Robert Hess statt. Erst kam Hans Zehrer, dann Gustav Stolper, Herausgeber der sehr erfolgreich und angesehen gewordenen Wochenschrift "Der deutsche Volkswirt", verantwortlich für ein neues Wirtschaftsprogramm der Demokraten (28) und einer ihrer prominenten Reichstagsabgeordneten. Der außenpolitische Redakteur der "Vossischen Zeitung" Hans Zehrer war im Oktober 1929 in der Zeitschrift "Die Tat" als Wortführer einer neuen Bewegung der politischen Mitte hervorgetreten, mit sehr unherkömmlichen Akzenten und starkem Abstand vom Parteienspektrum. Für die Dezemberausgabe 1929 von "Student und Hochschule" hatten wir programmatische Beiträge von den verschiedenen im DStV zusammenarbeitenden Richtungen gesucht. Ich suchte einen für die Demokraten, also die politische Mitte, und wurde mit der Frage überrascht, warum nehmen Sie nicht Hans Zehrer, er will ja für die junge Mitte sprechen. Mich hatte an seinem Artikel in der Tat manches beeindruckt, hatte ihn nie kennengelernt, aber kannte mich ja in der Vossischen Zeitung aus, erklärte ihm, worum es uns ging, und er gab mir dann seinen Artikel "Die Ideologie der Studenten" (29).

Als Zehrer nun Anfang 1930 im Demokratischen Studentenbund sprach, war er noch ganz im Vordergrund in der Tat, spätere enfants terribles wie Ferdinand Fried oder Giselher Wirsing hatten sich noch nicht profiliert. Zehrer gab eine gute Präsentation seiner Ideen, vieles sehr erstaunlich, manches zum Nachdenken. Als heftigster Opponent gegen seine Angriffe auf das liberale Gedankengut in Politik und Wirtschaft trat Rudolf Olden hervor, der auf die nächste Veranstaltung, den Vortrag seines Freundes Gustav Stolper hinwies, dem man vertrauen könne, Hans Zehrer endgültig ad absurdum zu führen. Es meldete sich auch ein junger intellektueller Typ von gutem Auftreten und Benehmen, der sich aber als Nationalsozialist vorstellte und voraussagte, daß Hans Zehrer sich ihnen bald anschließen würde. An diese Voraussage habe ich in den nächsten drei Jahren oft denken müssen.

Für den Vortrag von Gustav Stolper bat mich Robert Hess, in der Diskussion den Standpunkt der demokratischen Studenten zu vertreten. Das war natürlich nicht so gemeint, daß dieser in Richtung von Hans Zehrers Ideen in der "Tat" ging, gemeint waren die alten Gegensätze in Betonung und Zielen zwischen linken und rechten Flügeln der Partei, Jungdemokraten und Parteizentrale, Erkelenz und Hermann Fischer. Gustav Stolpers Ideen und ein neues Wirtschaftsprogramm luden zu neuer Stellungnahme ein. Ich wollte dieses Mandat nicht annehmen, sagte aber zu an der Diskussion teilzunehmen. Es war ein schwieriges Thema, keineswegs war einem die Lage klar, Spannung zwischen marktwirtschaftlichen und sozialpolitischen Geboten beherrscht ja auch heute noch die theoretische und politische Diskussion.

Gustav Stolper kam mit dem ihm sehr befreundeten Theodor Heuss (30), beide mit ihren Frauen, da war also auch Elli Heuss­Knapp. Gustav Stolper kam also in sehr guter Gesellschaft und vertrat sein marktwirtschaftlich orientiertes Programm auch für Zeiten einer Krise mit großem Elan für sozialpolitische Belange, ein Ausblick die Krönung des Wohlstands der Arbeiterschaft durch weite Streuung des Aktienbesitzes. Kaum hatte er geschlossen, erteilte Robert Hess mir das Wort. Das war nicht so verabredet, ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, konnte einige sachbezogene in diese Richtung gehende Kommentare geben und Fragen an den Redner stellen, aber die beschwingte Phillipika gegen ihn von linksdemokratischer Seite, die kam nicht von mir, dafür aber dann von Dr. Bruno Ravecker, Geschäftsführer des Arbeitnehmerausschusses der Partei, der eine Broschüre über "Wirtschaftsdemokratie" veröffentlicht hatte (31). Gustav Stolper hatte sich zwar ausdrücklich gegen die "Tabuisierung" dieses Begriffes durch den rechten Flügel der Partei unter Hermann Fischer gewandt, aber für Dr. Ravecker, in der demokratischen Gewerkschaftsbewegung prominent, gab es da noch immer einen großen Graben. Es war eine gute Lehre: die Mitte, wenn man ihr verhaftet ist, bleibt ein schwieriger politscher Standort.

In der deutschen Innenpolitik war Anlaß zu Sorge über die Zukunft der politischen Mitte. Deren Parteien hatten entscheidende Stimmeinbußen erlitten in Zwischenwahlen, in denen neben links­ und rechtsradikalen auch neuentstandene Splitterparteien der Mitte die Statur besonders der Demokraten reduziert hatten. Schon seit langem war das Gebot einer Konsolidation der Kräfte der Mitte, Zusammenschlusses wenigstens von Demokraten und Volkspartei immer wieder unter Diskussion, aber an Widerständen in beiden Parteien gescheitert. In der Deutschen Volkspartei gehörten die Hochschulgruppen zu den Aufgeschlossenen und Fortschrittlichen, die gerade damals im Januar 1930 für solche Bestrebungen sehr offen waren.

Aus Unterhaltungen, an denen ich sehr aktiv teilnahm, ergab sich die Idee, daß wir Studenten eine Initiative ergreifen und mit gutem Beispiel vorangehen sollten, und anstelle der Verhandlungen der Parteipersönlichkeiten hinter den Kulissen, unter den Studenten eine öffentliche Parole setzen sollten. Wir bildeten eine lose Gruppe, nannten es "Arbeitsring der politischen Mitte" und luden zu einer Kundgebung gleichgesinnter Studenten ein (32). Der Raum war voll, die Stimmung sehr ernst. Dazu war aller Grund.

Die Weltwirtschaftskrise traf zunehmend die deutsche Wirtschaft, die Arbeitslosenzahl betrug schon 2.5 Millionen, die finanziellen Lasten ihrer Unterstützung verlangte Steuererhöhungen, auf die sich die Parteien der Großen Koalition nicht einigen konnten. Es gab das lähmende Gefühl einer möglichen Regierungskrise, die zu einer Krise des parlamentarischen Parteienstaats werden könnte. Unsere Versammlung schien ein Erfolg, und eine größere sollte für März vorbereitet werden mit einem prominenten, allen Beteiligten genehmen Redner. Ich schlug Dr. Hellpach vor, er war demokratischer Reichstagsabgeordeter, aber hatte eine sehr unabhängige Haltung, alle Veranstalter stimmten zu und ich übernahm, ihn dafür zu gewinnen. Ich schrieb ihm nach Heidelberg, und er gab mir das Datum seines nächsten Reichstagsbesuchs in Berlin, an dem ich mich dort bei ihm morgens melden sollte. Er war sehr begeistert über unseren Vorschlag und verwickelte mich in längere Unterhaltung über die Lage und Zukunft, ich wollte eigentlich schon gehen, aber er hielt mich bis zur Mittagstunde dort in der Wandelhalle des Reichstags. Datum und Thema waren nun verabredet.

Einige Tage später brachten die Zeitungen die Nachricht, daß er sein Reichstagsmandat niedergelegt hatte, aber im Vorstand der demokratischen Partei bleiben würde. Er hatte mir nichts darüber gesagt, als er seine Beteiligung an unserer Versammlung des Arbeitsrings der politischen Mitte zusagte. Aber eine der Begründungen war jetzt, daß er für eine Einigung der politischen Mitte arbeiten wollte (33).

Die Versammlung war gut besucht, zu beiden unserer Versammlungen kamen viele, die nicht Mitglieder der beteiligten politischen Gruppen waren, wo also das Thema "politische Mitte" ein Anreiz zur Sammlung zu sein schien, und das war ja die Idee. Nach dem Vortrag kam man noch zu einem Glas Bier zusammen, gekommen waren auch, ich hatte meinen Augen kaum getraut, Hermann Pröbst und Kurt Kersten, beide immer noch aktiv in der Führung der Deutschen Studentenschaft. Die beiden hatten seinerzeit die scharfe Erklärung der Deutschen Studentenschaft gegen die Gründung des DStV unterzeichnet, nun kamen sie beide zu einer maßgeblich von mir mitveranstalteten Versammlung. Hermann Pröbst hatte ich ja auf meiner langen Bahnfahrt nach Gmunden Pfingsten 1928 kennengelernt. Wir kamen auch nun wieder ins Gespräch. Es war mir nicht klar, wo der Hauptantrieb für ihren Besuch lag. Sie gehörten zu denen in der Deutschen Studentenschaft, die für neue Bemühungen um Wiederherstellung einer studentischen Selbstverwaltung selbst unter Aufgabe gewisser rechtsradikaler Bedingungen standen und schon daher an Kontakten mit der Mitte interessiert. Aber es war doch wohl auch eine mehr politische Note dabei. So wie meine Erinnerung an Proebst war, schien mir das schon plausibel. In der Deutschen Studentenschaft und den Korporationen gab es ja schon scharfe Konflikte mit den totalen Herrschafts­ und Gleichschaltungszielen des Nationalsozialistischen Studentenbunds und seiner von außen her kommenden radikalen Führungsschicht. Die Anderen mußten oft das Gefühl bekommen, daß sie mit dem Rücken gegen die Wand standen (34).

Wenige Tage später änderte sich die Lage der Weimarer Republik entscheidend. Die Regierung der Großen Koalition konnte sich nicht über die Finanzpolitik einigen und trat zurück. Die Demokraten waren entsetzt über diese Entwicklung (35). Spätere Beurteilung sieht den neuen Reichskanzler und Zentrumsführer Heinrich Brüning, obgleich den Christlichen Gewerkschaften nahestehend, doch auch rechtsgerichteten Einflüssen in seiner Partei und auch vom Reichspräsidenten und dem General v.Schleicher kommend, ausgesetzt mit dem Ziel einer Regierung ohne Sozialdemokraten. Bei diesen wird dem Arbeitsminister Wissell zugeschrieben, daß kein Kompromiß zustande kam, für das der Reichskanzler Müller gewesen wäre, gegen das aber auch in der Deutschen Volkspartei von Schwerindustrie und nationalistischem Flügel her starke Kräfte arbeiteten. So war Unvernunft weit verteilt und die Weimarer Republik begann ihre tragische Talfahrt.

Die Zentrumspartei blieb aber zusammen mit ihren Partnern der Weimarer Koalition in der preußischen Regierung Otto Brauns und unsere Freunde bei den Zentrumsstudenten mit uns weiter im Deutschen Studentenverband.

Da die Regierung Brüning keine eigene parlamentarische Mehrheit hatte, beherrschte das Leben von nun an nicht nur die schwere wirtschaftliche Depression, sondern auch eine permanente ungelöste politische Krise. Fühlungnahme unter den Parteien der Mitte stand nun unter deutlichem Druck, es war gewiß nun ein Thema geworden, aber im Sommersemester 1930 wurde der studentische Arbeitsring selbst nicht mehr aktiv. Ich hatte ja aber auch andere Aufgaben.

Für meine Herausgeberschaft der Zeitschrift des DStV "Student und Hochschule" hatten wir erst ein neues Heim suchen müssen, da der Verlag Mosse es nicht weiter machen wollte. Nach einigem Zureden, unter anderem vom Präsidenten des Reichsbanner Hörsing, war Ullstein schließlich bereit, unsere Zeitschrift zu drucken, vorausgesetzt ein Redakteur der Vossischen Zeitung würde bei der Redaktion mitzureden haben. Zu meiner Erleichterung wurde unser alter Freund Richard Winners, unterdeß von seiner amerikanischen Zeitung zur Vossischen Zeitung übergetreten, dazu delegiert. Ich mußte, bevor der Verlag sich entschied, noch Unterhaltungen mit den Herren Ernst Schäffer, Dr. Magnus und Müller haben, und dann kam ich also bis zu meinem Weggang von Berlin mehrmals im Monat in die Kochstraße zu Ullstein, wo ich ja schon vorher nicht fremd war.