Chapter 10
Als KarlHeinz Lubowsksi in Krakau studierte, trat er dort auch dem Verband deutscher Studenten bei, und durch ihn lernte ich auch dessen damaligen Vorsitzenden Jobst v. Idendorff kennen, mit dem er sich sehr angefreundet hatte. Wendorff stand politisch auf der deutschen Rechten, war sehr intelligent und recht vorurteilslos. Scherzend betonte er mir gegenüber immer, daß sein mecklenburgischer Verwandter ja Demokrat und preußischer Landwirtschaftsminister im Kabinett Braun war.
Es war interessant, die verschiedenen Stimmungen unter diesen deutschen Studenten in Polen zu beobachten. Sie waren ja dauernd den Polen, polnischer Kultur und Geschichtsvorstellungen nahe, das tägliche Leben sozusagen in sie eingebunden. Manche von ihnen kamen aus deutschen Siedlungsinseln im Innern Polens, z.B. Lodz oder Ostgalizien. Ihre Existenz als Deutsche in Polen hatte also damals nichts direkt zu tun mit deutschen Wünschen nach Revision der Versailler Ostgrenzen. Sie waren in einer typischen deutschen Minderheitssituation. Es hieß aber nicht, daß sich unter ihnen nicht manchmal die radikalsten deutschen Nationalisten fanden (17).
Um nun von der Betrachtung mehr schicksalsvoller Fragen zu meinen Erinnerungen an den demokratischen Studentenbund zurückzukehren, es gab dort auch gesellschaftliche Veranstaltungen. So hatten wir ein Sommerfest draußen im Westen, als Redner hatte ich Gertrud Bäumer gewonnen, man mußte sie dort an einem Bus abholen, mit mir machen wollte das Gabriele Müller. Sie war die Schwester der Filmschauspielerin Renate Müller, deren Vater beim Berliner Tageblatt war. Gabriele war überhaupt ein sehr eifriges und ehrgeiziges Mitglied unseres Studentenbunds, wo wir also nicht nur Talent sondern auch Charme versammelt hatten (18).
Im Wintersemester gab es dann den jährlichen Ball im Kaiserhof, den ich damals mit vorbereiten und eröffnen mußte. Es waren alle demokratischen Minister gekommen, und viele andere prominente Freunde. Die Damenrede sollte Dr. E. Willy Hellpach halten, der grade von einer Operation ins politische Leben zurückgekehrt war, wozu ich ihn bei der Einführung herzlich beglückwünschte. Er dankte dafür überschwenglich (19), und ich hatte mit ihm seitdem guten Kontakt. Die Abfassung eines kleinen Theaterstücks war dem im linken Flügel stehenden Berthold Weinberg überlassen worden, es wurde eifrig dafür geprobt, ich hatte es nicht gesehen. Das Theaterstück erregte den Unwillen von KochWeser und die Minister verließen bald nach der Aufführung unseren Ball.
Kurz darauf bat mich Oskar Meyer in den Reichstag. Er war ein guter Freund unseres Studentenbunds geworden, und wollte mir sagen, daß es nicht richtig war, KochWeser als schlafenden Minister darzustellen, und ihn dann die Visionen haben zu lassen, die man auf linker Seite bei uns über die Entwicklung der Weimarer Republik hatte. Ich war erstaunt über die Empfindlichkeit, hatte den frühen geschlossenen Aufbruch einiger Gäste als unerfreulich empfunden, aber nicht als so ernst, wie er anscheinend gemeint war. Oskar Meyer setzte noch hinzu, das Stück wäre ja auch schlecht geschrieben gewesen und "es war nicht einmal gereimt." Das schien mir eine erstaunliche Bemerkung. Als ob das anscheinend politische Odium des Stückes dadurch gelindert gewesen wäre, wenn es besser geschrieben und gereimt war. Vielleicht hatte er recht. Zum Schluß des Semesters gab ich den Vorsitz im Berliner demokratischen Studentenbund ab, da ich in den Vorstand des Deutschen Studentenverbands gewählt werden sollte, und damit begann noch ein neues Kapitel in meiner hochschulpolitischen Tätigkeit. In studentischen Organisationen war ja die zeitliche Begrenzung der Tätigkeit des Einzelnen ein zwingendes Merkmal. Das Studium war an sich begrenzt in Zeit, oder sollte es sein, und Examenszwänge kamen auch während des Studiums oft dazwischen, so finden wir einen steten Wechsel in der Mitarbeiterschaft.
Im ersten nur dreiköpfigen Vorstand des DStV waren Heinz Ollendorf (FWV) als Vorsitzender, Kurt Berlowitz (Sozialist) und Wolfram Müllerburg (Demokrat). Im neuen fünfköpfigen Vorstand mußten die Gewichte anders, den Kräfteverhältnissen entsprechend verteilt werden. Die Sozialistische Studentenschaft war die bei weitem stärkste der republikanischen Studentengruppen, und ihr Vorsitzender Kurt Berlowitz übernahm den Vorsitz im DStV, und sie erhielten noch einen weiteren Sitz mit Gerhard Geisler aus Leipzig. Die sehr aktive sozialistische Studentengruppe dort galt als ziemlich linksstehend. Geissler hatte ein sehr starkes Verhältnis zu den Aufgaben der studentischen Selbstverwaltung, die im Studentenverband auch sein Ressort wurden. Einer wichtigen Entwicklung mußte bei der Vorstandsumbildung Ausdruck gegeben werden:
Der Verband der Zentrumsstudenten hatte beschlossen. dem Deutschen Studentenverband beizutreten, ihr Vorsitzender Felix Raddatz kam in den Vorstand. Er wurde ein wirklicher Eckpfeiler der republikanischen Studentenorganisation, und ich habe ihn sehr geschätzt. Die Zentrumsstudenten standen in ihrer Partei verhältismäßig links, ganz anders als die katholischen Korporationen CV und KV, die nur sehr langsam ihre Verbindung zur Deutschen Studentenschaft lösten. Felix Raddatz, etwas älteren Semesters, war mit dem katholischen Sozialfürsorgewerk des Dr. Sonnenschein verbunden gewesen. Je ein Sitz sollte den Demokraten und den freiheitlichen Korporationen zukommen. Die Demokraten waren bereit, den in Auslandsbeziehungen und fremden Sprachen besonders erfahrenen Joachim Joesten, ein Mitglied des Demokratischen Studentenbunds Berlin, in den Vorstand zu entsenden, wo er dann ein Auslandsamt des Deutschen Studentenverbands aufbauen sollte und das auch sehr erfolgreich tat. Er machte es aber zur Bedingung, daß er sich nicht mit Vertretung der Interessen der Demokraten den anderen Mitgliedsorganisationen gegenüber und auch mit allgemeinen hochschulpolitischen Fragen nicht befassen muß. Er hatte ja auch in der demokratischen Studentenorganisation nie eine Stellung bekleidet oder sich mit solchen Sachen beschäftigt.
Dem sollte damit abgeholfen werden, daß ich als Mitglied der FWV Vertreter der freiheitlichen Verbindungen werde und dabei dann auch die spezifischen Interessen des Reichsbundes Demokratischer Studenten wahrnehmen würde, dessen größte Ortsgruppe, die Berliner, ich ja für ein Jahr grade geleitet hatte. Von den freiheitlichen Verbindungen war außer der FWV hauptsächlich der KC im Deutschen Studentenverband tätig und im Hauptausschuß vertreten und stimmte gegen meine Wahl in den Vorstand (20).
Mein Vorstandsamt im Deutschen Studentenverband lief nur vom Frühjahr 1929 bis wir dann den 1.Republikanischen Studententag im Januar 1930 veranstalteten. Es war eine erfüllte und aufregende Zeit für mich, in sehr guter Zusammenarbeit mit den anderen Vorstandsmitgliedern. Ich hatte, was wir das "Innenamt" nannten, den Kontakt mit allen Ortsgruppen an den verschiedenen Hochschulen, und den Kreisleitern und Ausschüssen, in denen sie zusammengefaßt wurden. Es gab in diesen Kreis und Ortsgruppenführungen starke und eindrucksvolle junge Persönlichkeiten, zum Teil schon durch Hauptausschußitzungen des Verbandes in Berlin bekannt, der Kontakt von Berlin wurde durch häufige Rundschreiben aufrecht erhalten, Kreistage wurden veranstaltet und besucht (21).
Im DStV wurden auch die entsprechenden österreichischen Studentengruppen Mitglieder. Besonders die Sozialistische Studentenschaft hatte eine sehr starke und aktive Mitgliedsgruppe in Wien, es gab auch eine Freiheitliche Gruppe dort, und es schien selbstverständlich, daß die republikanischen Studenten sich auch auf großdeutscher Basis organisieren würden, wie es die Deutsche Studentenschaft war. Ähnliche Gruppen an den deutschen Hochschulen in Prag und Brünn sollten auch in den Deutschen Studentenverband einbezogen werden, der so zeigte, daß er sich dieser außerhalb Deutschlands lebenden Deutschen durchaus bewußt war und von seinem politischen Standpunkt eine Haltung und Lösungen dazu entwickeln wollte.
So wurde dem Innenamt im Vorstand noch ein Grenzlandamt angegliedert. Anfang Mai 1929 hielten wir eine Grenzlandtagung in Dresden gemeinsam mit den "Lese und Redehallen der Deutschen Studenten" von Prag und Brünn ab (22). Das waren schon alte Institutionen freiheitlicher Studenten, also mit der deutschsprachigen liberalen Prager Kulturszene verwandt. Dazu kamen noch sozialistische Vertreter. Unsere Tagung, stark besucht und recht repräsentativ im Weißen Hirsch aufgezogen, war eine Notwendigkeit für eine lebendige Eingliederung der Prager und Brünner Gruppen und war auf dem Programm unseres Vorstands. Für mich traf es sich mit dem lebhaften Interesse an der Problematik und Bewegung der Minderheiten in Europa, das ich von meiner oberschlesischen Heimat her hatte (23).
Die DStV Gruppe an der TH Dresden und auch der demokratische Studentenbund, von Helmut Eichler geleitet, bereitete die Tagung gut vor, und sie stärkte auch seine Stellung in Dresden, wo es in der Studentenschaft der TH ebenso wie in Leipzig auch Strömungen für Distanzierung von der Deutschen Studentenschaft gab. Von dieser wurde nach 1927 auch die zentrale Organisation für die studentische Wirtschafthilfe abgetrennt, das Deutsche Studentenwerk mit Sitz in Dresden, und die Tagung gab uns auch willkommene Gelegenheit für engeren Kontakt mit führenden Leuten im Studentenwerk(24).
Danach kam Pfingsten, immer eine schöne Zeit für politische Jugend und Studententagungen. Die Jungdemokraten hatten ihre Jahrestagung in Worms als ein deutschfranzösisches Jugendtreffen mit der Jugendorganisation der französischen Radikalsozialistischen Partei Herriots. Die demokratischen Studenten beteiligten sich mit ihrer Jahresversammlung aller Mitgliedsgruppen und auf französischer Seite entsprach dem die "Ligue d'Action..."unter Führung von Pierre MendèsFrance. Auf der Sitzung des Reichsbunds demokratischer Studenten sollte Joachim Joesten als demokratischer Vertreter über die Arbeit des Deutschen Studentenverbands berichten.
Ich selbst wollte wieder die Pfingsttagung des VDA, diesmal in Kiel, besuchen. Der Leiter des DStV in Kiel war Helmuth Spiegel, er führte auch die Sozialistische Studentengruppe und beteiligte sich auch aktiv beim VDA in Kiel. Sein Vater, Rechtsanwalt und altverdienter Sozialdemokrat, war damals Stadtverordnetenvorsteher von Kiel. Meine vorjährige Unterhaltung mit Neumann hatte anscheinend Eindruck gemacht. Im Mittelpunkt der Studententagung stand nicht mehr ein Festkommers, sondern eine Art Akademie in einer Kapelle, mit Vortrag des bekannten Berliner Historikers PflugHartung und mit Kammermusikumrahmung. Abends gab es einen Vortrag des eindeutig auf republikanischer Seite stehenden Schriftstellers Walter v. Molo über "Dichtkunst und Volkstum". Da hatte sich doch das Blatt etwas gewendet.
Es war eben die Zeit, als die Regierung der Großen Koalition noch intakt war, die Republik zunehmend an Achtung und Stärke zu gewinnen schien. Helmuth Spiegel wollte eine Anzahl republikanischer Studenten aus umliegenden Hochschulen zur Teilnahme gewinnen, und auch unser norddeutscher Kreisleiter Kreye aus Hamburg, ein linker Sozialist, kam. Kurz vor meiner Abreise nach Kiel ergab sich eine Komplikation: Joachim Joesten weigerte sich nach Worms zu kommen und die ihm dort zugedachte Rolle zu übernehmen. Müllerburg bat mich, meine Pläne für Kiel aufzugeben und statt dessen nach Worms zu kommen, unser Studententag würde erwarten, von einem Vorstandsmitglied des Deutschen Studentenverbands aus erster Hand einen Bericht zu bekommen. Diese Sitzung sollte erst am Pfingstmontag stattfinden. Wir verabredeten, wenn ich wirklich dabei sein muß, würde er ein Telegramm nach Kiel schikken, und er versprach, sein Bestes zu tun, das zu vermeiden. So fuhr ich also nach Kiel, die Spiegels hatten ein sehr gastliches Haus, viele sozialdemokratische Prominente hatten sich im Gästebuch eingetragen, wir waren nun eine ganze Anzahl republikanischer Studenten beisammen. Es gab einen Republikanischen Akademikerklub in Kiel, der für uns einen Begrüßungsabend veranstaltete, ich mußte über den Deutschen Studentenverband sprechen.
Es gab mehrere angesehene republikanische Hochschullehrer in Kiel: Baumgarten, Schücking, Tönnies, Kantorowicz u.a. Die VDA Tagung ließ sich auch interessant an, ich traf ja auch Bekannte aus Kattowitz, darunter Otto Ulitz und die alte Familienfreundin Rosa Speier, und natürlich traf ich auch Werner Mahrholz, dem der so viel besser republikanische Anstrich dieser Kieler VDA Tagung auch sehr zusagte. Bei der Studententagung gab es aber doch noch einen peinlichen Mißton. Wir saßen alle zusammen in dem Kirchenschiff, als Dr. PflugHartung seinen Vortrag hielt und eine scharf gegen die Weimarer Republik gerichtete Äußerung nach der anderen von ihm zu hören war. Es wurde immer ungemütlicher, Kreye neben mir zupfte an meinem Ärmel, wir guckten uns alle an, und schließlich beschloß ich, aufzustehen und den Saal zu verlassen. So taten acht bis zehn von uns hinter mir, wie wir da herausdefilierten. Das war eigentlich schade, die Form der Veranstaltung gut gedacht, der für den Abend geplante Vortrag Walter v. Molo's ebenso, aber ich hatte keine Wahl, so ausfällig war Pflug Hartung geworden.
Am Samstagabend kam Müllerburgs Telegram, das mich um Hilfe für Montagmorgen in Worms bat. Ich nahm es mit sehr gemischten Gefühlen auf. Am Pfingstsonntagmorgen packte ich meinen Koffer, gab ihn nach Worms auf und ging nur mit meiner Aktentasche voll mit Papieren, Waschzeug, Pyjama etc. zur Morgenfeier der VDA Tagung auf die Festwiese. Dort sah ich Werner Mahrholz, er stand mit dem demokratischen Reichstagsabgeordneten, dem früheren Reichsinnenminister Külz, der sich auch für den VDA interessierte, am Rande der Festwiese. Mahrholz winkte mir zu, und ich stand dann dort mit den beiden, aber vor dem Ende mußte ich gehen, um meinen Zug nach Worms zu erreichen, was ich Mahrholz auch erklären wollte. Am nächsten Morgen war ich in Worms.
Der Jungdemokratentag war auch ein fröhliches Treiben, aber ich mußte sofort zur Sitzung der Studententagung; es war eine recht große Versammlung aus allen Teilen Deutschlands und gut, so viele wiederzusehen oder kennenzulernen. Es sind mir viele in guter Erinnerung geblieben, Hamburg, München, Marburg, Köln. Es war ganz klar, sie wollten wirklich über den Deutschen Studentenverband sprechen und hatten was zu sagen. Zum Schluß wurde ich zum stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbunds der demokratischen Studenten gewählt. Nach unseren Sitzungen nahm ich noch teil an einer Zusammenkunft mit den französischen radikalsozialistischen Studenten über Pläne für weitere Zusammenarbeit. Ich saß Pierre MendèsFrance gegenüber.
Danach kam eine Rheinfahrt von Besuchern der Jugend und der Studententagungen, an der ich nun auch teilnahm, und auch später in der Woche an einem Westdeutschen Kreistag des DStV in Köln. Die Rheinfahrt von Mainz nach Königswinter war wirklich schön. Als stärkste Persönlichkeit unter den Jungdemokraten auf dieser Rheinfahrt ist mir der Hamburger Erich Lüth in Erinnerung geblieben, von großer Vitalität, etwas wild, er hat ja auch im politischen Leben der jungen Bundesrepublik sich wieder einen Namen gemacht. Mit Hans Fest und Paul Freitag von der Hamburger Studentengruppe verstand ich mich besonders gut, und dann war dort noch Tantzen aus Göttingen, der "junge" im Gegensatz zu seinem Vater, der demokratischer Reichtstagsabgeordneter, ein oldenburgischer Bauernführer und dort Ministerpräsident war. Der Sohn war ein sehr begeisteter und ungestümer Kämpfer für die republikanische Sache, repräsentierte die Demokraten und den DStV in Göttingen.
Er hatte sich mehrfach bei uns in Berlin über die Göttinger Universität, Rektor und vor allem den Kurator Schulz beschwert, die es weiter zuließen, daß die Deutsche Studentenschaft mit ihren Anschlagbrettern als die offizielle Studentenvertretung auftrat. Zu meinen Aufgaben im "Innenamt" des DStV gehörte laufender Kontakt mit dem preußischen Kultusministerium, vor allem mit Ministerialrat Leist, auch in solchen Fragen. Der Kurator hatte Leist gegenüber alle Anschuldigungen Tantzens zurückgewiesen und ihn als einen Krakehler bezeichnet. Leist meinte, jemand sollte doch mal hinfahren und ihm berichten. Tantzen hatte das selbst schon gefordert und auf der Rheinfahrt überredete er mich, nach der Kölner Kreistagung auf dem Rückweg nach Berlin mit ihm über Göttingen zu fahren. Meine kurze Zeit dort teilte ich zwischen ihm, der Besichtigung der mit Recht beanstandeten Anschlagbretter und dem alten Freund KarlHeinz Lubowski, der sein Studium in Krakau aufgegeben und nun in Göttingen weiter Jura studierte. Er war oft bei Göpperts, leider war Maria Göppert, meine so begeisternde Bekanntschaft vom vorherigen Sylvester nicht da, die alte Frau Professor lud mich mit KarlHeinz zum Tee ein. Zurück in Berlin, berichtete ich Ministerialrat Leist über die Göttinger Anschlagbretter. Er wollte veranlassen, daß der Geheimrat Schultz seines Postens als Kurator der Universität enthoben würde. So endete mein ausgedehnter Pfingstausflug in diesem so lebhaften Sommersemester 1929.
Die Aktivitäten des DStV entfalteten sich gut, überall im Reich wurden Versammlungen und Vortragsabende unter Mitwirkung republikanischer Hochschullehrer und Politiker veranstaltet, im Juli 1929 kam unsere neue Zeitschrift "Student und Hochschule" heraus. In unserem Büro lernte ich viele der jungen sich bei den Sozialdemokraten profilierenden Politiker und Publizisten kennen, die uns dort besuchten, darunter Adolf Reichwein, damals Pressechef des Kultusministers Becker, Theo Haubach, Walther Pahl, Immanuel Birnbaum, damals Korrespondent der Vossischen Zeitung in Warschau, und Rudolf Küstermeyer, Veteran der Studentenbewegung aus Freiburg.
Da zu meinem neuen Studium juristische Vorlesungen und Übungen an der Universität und Handelshochschule gehörten, führte mich mein Weg ohnehin mehrmals die Woche ins Zentrum Berlins und eben auch in unser DStV Büro in der Albrechtstraße gegenüber dem Schiffbauerdamm. Dazu kam noch die Preußische Staatsbibliothek und dann war noch das Caffee Schön (Unter den Linden). Mein Nachfolger im Demokratischen Studentenbund Berlin, Robert Hess, gestaltete das Leben und Programm der Berliner Ortsgruppe sehr lebendig und hatte besondere Begabung für menschliche Kontakte. Es hatte sich ein regelmäßiger Mittagsstammtisch im 1.Stock des Caffee Schön gebildet, er war der eigentliche Promotor und blieb die Seele dieser Einrichtung. Die Teilnehmerzahl konnte so zwischen vier und zwölf schwanken; es fing mit uns demokratischen Studenten an, aber dann kamen auch Freunde aus den anderen republikanischen Gruppen, auch regelmäßig Veteranen wie Winners, damals Korrespondent des Christian Science Monitor, später bei der Chicago Herald Tribune in Berlin, sein Freund Dr. Brock, sehr katholisch, auch bei einer ausländischen Zeitung.
Zu den besonders engen Kontakten hatte beim Demokratischen Studentenbund der Staatssekretär im preußischen Innenministerium Dr. Abegg gehört, und jetzt im Deutschen Studentenverband wurde das noch ausgesprochener. Er war in vielem ein wichtiger Mentor. Das Reichsbanner SchwarzRotGold hatte im politischen Leben Deutschlands eine immer stärkere Bedeutung bekommen. Stoßtrupps von Nationalsozialisten und Kommunisten spielten eine zunehmende Rolle im politischen Kampf. Das Reichsbanner sollte eine Schutzbewegung dagegen sein, und Studenten waren auch beteiligt. Der auch zum VDST gehörige Republikanische Studentenbund von Prinz Hubertus Löwenstein und Walter Kolb hatte Pfingsten 1929 eine Wartburgtagung gemeinsam mit dem Reichsbanner abgehalten und ein süddeutscher Kreistag des DStV wurde anläßlich einer Reichsbannertagung abgehalten.
Am 28.Juni 1929 war der 10.Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrags. Die Reichsregierung, in delikaten Verhandlungen mit den Alliierten über eine bessere Regelung der Reparationsfrage durch den YoungVertrag verwickelt, hatte sich jede Demonstrationen aus diesem Anlaß verbeten, aber die Deutsche Studentenschaft rief zu solchen Demonstrationen an den Universitäten auf, und es gab an der Universität Berlin die ersten gewalttätigen Zwischenfälle. War es zulässig, daß die Polizei eingriff, trotz der Autonomie der Hochschulen, auf der der Chirurg Dr. His als Rektor bestand, und sich damit dem Vorwurf antirepublikanischer Haltung aussetzte? Auf der anderen Seite war Dr. Abegg, dem die preußische Polizei unterstand, als eines der stärksten Instrumente der Weimarer Republik angesehen.
Am 15.Juli fand in Kiel die regelmäßig veranstaltete Norddeutsche Woche statt. Die Deutsche Studentenschaft war immer sehr prominent dabei gewesen, auch bei den Sportveranstaltungen, und diesmal wurde der DStV auch eingeladen. Kurt Berlowitz und ich sollten dorthin fahren. Gleichzeitig sollte dann dort der Norddeutsche Kreistag des DStV stattfinden.
Als wir bei einem Besuch bei Staatssekretär Abegg unsere Reise erwähnten, stellte sich heraus, daß sein Bruder Regierungspräsident in SchleswigHolstein war und sozusagen der Gastgeber der Tagung. Wir sollten uns bei ihm melden, ja er wollte veranlassen, daß sein Auto uns am Bahnhof abholt. So kam es dann auch, eigentlich etwas zu viel. Die Teilnahme an der Tagung war ja eine rein repräsentative Sache, aber der Kreistag war gut, außer Hamburg und Kiel hatten wir auch in Greifswald und Rostock sehr lebhafte Gruppen, und das Haus Spiegel war wieder sehr gastlich.
Auf der Rückreise standen wir im Zugkorridor nahe dem Berliner Rektor His, der Berlowitz erkannte und uns in ein langes Gespräch verwickelte, von Politik und Hochschule über Probleme der heutigen Jugend, Weltanschauung und Religion. Es bezeugte seine tiefe Menschlichkeit, konnte aber nicht verhindern, daß man bei neuen Studenten Unruhen in kommenden Monaten entgegengesetzter Meinung über Schutz für rechtsradikale Auschreitungen durch eine Hochschulautonomie war. Gerade weil diese Studentenausschreitungen in den Rahmen zunehmender Gewalttätigkeit der Stoßtrupps der radikalen Parteien zu kommen schienen, durften sie nicht allein gelassen werden.
Noch aber schien die Republik auf recht festen Füßen zu stehen. Zu ihrem 10.Jahrestag am 11.August 1929 fanden große Feiern statt. Wir gingen alle in das Stadium zum offiziellen Festakt, das Reichsbanner trat in Stärke auf, es gab keine Störungen. Beim Rückweg im Tiergarten zwischen Zelten und Brandenburger Tor sahen wir Carl Severing, den Reichsinnenminister, vor uns, es war ein lebhafter Betrieb festlich gestimmter Mengen, weit und breit war kein Schutz oder Bewachung für ihn zu sehen. Wir dachten, wo könnte man das sonst so sehen, es schien doch gut um die Republik bestellt. Aber das Hochgefühl dieses Tages blieb mir als Episode eben so in Erinnerung, weil es doch schon zu dieser Zeit, kaum ein Jahr nach den Wahlen in Mai 1928 so viel stärkere Anzeichen fortwährender Bedrohung der Republik gab, die ich selbst auch zu spüren bekam.
Ich wohnte schon für die Ferienpraxis in Reinickendorf, im Norden Berlins. Die Belegschaft war ganz anders als auf dem Bau im Vorjahr, hauptsächlich junge Lehrlinge oder Praktikanten wie ich, und es war nicht nur das sondern auch das Jahr, das vergangen war. Es gab unter den jungen Leuten Gruppen von Nationalsozialisten und Kommunisten und dauernd Spannungen. Von den kursleitenden zwei Werkmeistern war einer deutlich in Sympathie mit seinen Nazischülern. Die standen ja schon unter enormem emotionellem Auftrieb und das geisterte durch die Werkräume. Gott sei Dank war das Arbeitsklima in der Gießerei Jachmann, in der ich abschloß, noch normaler, Arbeiter und Angestellte aller Altersklassen, Spannungen zwischen etwaigen Nazis und Kommunisten kaum zu merken. Ich war aber froh, als ich wieder nach Charlottenburg ziehen konnte.