Rübezahl Neue Sammlung der schönsten Sagen und Märchen von dem Berggeiste im Riesengebirge
Part 13
Er ist's! -- fürwahr auf diese Höhen Hat ihn ein guter Geist, geschickt; Er mag im Traum die Kinder sehen, Bis er sie wach an den Busen drückt.
(Ab, nachdem er nach einigem Nachsinnen dem Thomas die Krücken weggenommen hat).
Thomas (erwachend, greift um sich und sucht sie vergebens).
Wo sind meine Krücken? -- guter Gott! -- Ein Bösewicht hat sie mir genommen, -- Wer trieb mit mir so bittern Spott, Wie soll ich nun nach Hause kommen?
Sechste Szene.
_Rübezahl_ (als Köhler), _Thomas_.
Rübezahl.
Was wimmert denn da?
Thomas.
Ach, guter Freund, Seid mir tausendmal willkommen! Ihr wie ein Engel mir erscheint, -- Ein Bube hat mir die Krücken genommen, Sucht doch im Strauchwerk, guter Mann, Vielleicht warf er sie weg --
Rübezahl.
Der Bärenhäuter!
Thomas.
Ich bin ein lahmer Kriegesmann, Und ohne Krücken kann ich nicht weiter.
Rübezahl (beiseite).
Ich will dir deinen Schmerz bezahlen. (laut). Wer seid ihr denn? wo kommt ihr her??
Thomas.
Ich heiße Thomas, komm aus Westfalen, Im Kriege ward ich verwundet schwer. Dort unten im Tal liegt meine Hütte, Wo mir in guter Kinder Mitte, Das treue Weib zur Ruhe winkt, Da bin ich denn bis hierher gehinkt. --
Rübezahl.
Seid ihr der Thomas, der vor fünf Jahren Geplündert unter die Soldaten ging?
Thomas.
Der bin ich. Habt ihr was erfahren, Wie es indes den Meinen ging?
Rübezahl.
Die Tochter -- ist im Bach ertrunken; Den Jungen -- haben die Pocken hinweggerafft; Und endlich ist die Mutter ins Grab gesunken, Wie ein dürrer Baum, ohne Saft und Kraft.
(ab).
Thomas.
Gott! Gott! dann brauch' ich keine Krücken, Keinen Trost und keine Hilfe mehr! -- O Kugel, die mich lahm geschlagen, Warum nicht höher herauf ins Herz! Ich habe alles mit Mut ertragen; Jetzt unterlieg' ich meinem Schmerz.
Siebente Szene.
_Gustav_ und _Thomas_.
Gustav (der einen Schmetterling haschen will).
Wart! wart! Ich will dich doch wohl fangen, Und wärst du schneller als der Wind!
Thomas.
Wie wird mir -- welch ein heimlich Bangen -- Ach, welch ein liebes, schönes Kind!
Gustav.
Ach! sieh -- ein Fremder --
Thomas.
Darfst nicht erschrecken, Mein Kind, ich bin kein böser Mann.
Gustav.
Ich werde mich nicht vor ihm verstecken, Hab' ich doch ihm auch nichts getan.
Thomas.
Hast du das Gebirge nicht gescheut? Wie kommst du so allein in den Wald?
Gustav.
Nicht doch, die Mutter ist ja nicht weit.
Thomas.
Ach Gott, mein Gustel wär' auch so alt!
Gustav.
Wir sammeln für den Winter Reisig.
Thomas.
Ihr guten Leute seid wohl arm!
Gustav.
Ei freilich, aber die Mutter ist fleißig; Wär' nur im Winter der Ofen warm.
Thomas.
Der Vater schafft euch warme Betten.
Gustav.
Ja, wenn wir noch einen Vater hätten!
Thomas.
Du hast den Vater schon verloren?
Gustav.
Er zog in den Krieg, kaum war ich geboren.
Thomas.
Wie mir das durch die Seele geht! Wie alles seltsam sich muß treffen, Mich Armen schadenfroh zu äffen. Mein Gustel! -- meine Elisabeth! --
Gustav.
Was wollt ihr von uns?
Thomas.
Von euch? wieso?
Gustav.
Ich und die Schwester, wir heißen ja so.
Thomas.
Ha! treibt denn hier in seinem Grimme Mit mir sein Spiel ein böser Geist?
Mutter (hinter der Szene).
He! Gustel!
Thomas.
Das ist meines Weibes Stimme!
Mutter (noch immer hinter der Szene).
Wo bist du, Gustel? Um Gottes Willen!
Gustav.
Gleich, liebe _Mutter!_ ich komme gleich!
Thomas.
O, könnt' ich mein Verlangen stillen -- O, könnt' ich _kriechen_ durchs Gesträuch!
Gustav.
Will er die Mutter sehen, so sitze Er nicht so faul, und rühr' er sich.
Thomas.
Kind, ich bin lahm -- hab' keine Stütze.
Gustav.
Nun denn, so stütz' er sich auf _mich_.
Thomas.
Du willst mich ihr entgegenführen? Ihr -- wag' ich zu hoffen? -- süßer Betrug.
Gustav (hilf ihm auf und stützt ihn).
Nur auf! Er soll gemächlich spazieren; Ich bin wohl klein, aber stark genug.
Achte Szene.
_Die Vorigen. Mutter. Elisabeth._
Mutter (setzt ihren Korb nieder).
Wo bleibst du? Hast du dich verirrt?
Thomas.
Sie ist's! -- O halte mich, Kind! halte!
Mutter.
Was seh' ich! sind meine Sinne verwirrt -- Mein Mann! -- (sie stürzt sich ihm in die Arme).
Thomas.
Mein Weib!
Elisabeth (hängt sich an ihn).
Der Vater!
Gustav (verwundert).
Dieser Alte?
Mutter.
Du bist nicht tot?
Thomas.
Ihr seid nicht gestorben?
Mutter.
Dich hab' ich wieder?
Thomas.
Ich umarme dich.
Elisabeth.
Wir haben's durch unser Gebet erworben.
Gustav.
Bist du der Vater, so küß auch mich.
Thomas (tut es).
Ja dich, den Gott als Engel sandte; (zu Elisabeth) Und dich, die mir so hold erscheint.
Mutter.
Wo kommst du her?
Thomas.
Aus fernem Lande.
Mutter.
Wir haben lang um dich geweint!
Thomas.
Ach, weinen werdet ihr auch wieder! Der liebe Gott mir alles nahm! O, setzt mich unter dem Baume nieder, Ich bin ein Bettler -- und -- bin lahm!
Mutter.
Ein Bettler? nein! nenn' es gelinder; Sechs Hände sind, Dich zu nähren, bereit, Du hast dein Weib und deine Kinder, Die werden dich stützen jederzeit.
Thomas.
O höre, Gott, mein dankbar Beten! -- Ich fand euch wieder, ihr habt mich lieb. Doch soll ich meine Hütte betreten Als ein unnützer Tagedieb! Soll ich von euch mich lassen füttern?
Mutter.
Willst du uns die schöne Stunde verbittern? Du brauchst ja nur zum _Gehn_ die Krücken, Kannst drum die _Hände_ dennoch rühren. Wir wollen es sogleich probieren; Komm, hilf den Korb mir auf den Rücken; Dann wandeln wir getrost und munter Den wohlbekannten Pfad hinunter.
Thomas (dem seine Kinder aufgeholfen haben).
Ja, liebes Weib, du gibst mir neues Leben; Wie wohl mir der Gedanke tut, Ich sei doch noch zu etwas gut. Wo ist der Korb? Ich will ihn heben!
(Elisabeth unterstützt ihn dabei, die Mutter stellt sich mit dem Rücken gegen ihn, und er versucht, den Korb auf ihre Schultern zu heben).
Thomas.
Von mir gewichen ist die Kraft des Lebens; Auch dieser Korb ist mir zu schwer!
Elisabeth.
Ich will auch helfen, Vater; gebt her!
(sie will den Korb aufheben)
Seltsam; auch ich versuch' es vergebens.
Thomas.
Um mich zu trösten, stellst du dich schwach.
Elisabeth.
Nein, wahrlich, Vater! ich heb' und hebe; Allein umsonst. (Sie blickt in den Korb). Ach, Mutter! Ach, Die Reiser sind _Gold!_ so wahr ich lebe!
Mutter (wendet sich um).
Was sagst du?
Gustav (hüpft um den Korb).
Gold, Gold, lauter Gold!
Mutter.
Ich bin erschrocken, daß ich bebe.
Thomas (sinkt wieder unter den Baum).
O Kinder, der Berggeist ist uns hold; Gewiß von ihm kommt das Geschenk.
Mutter.
Nun sieh', es leuchtet ein neuer Morgen!
Thomas.
Nun darf der Krüppel nicht mehr sorgen! O, seid der Wohltat eingedenkt!
Gustav.
Dank dir, du guter Rübezahl!
Mutter.
Mein Dank ist stumm und ohne Wort.
Elisabeth.
Wie bringen wir aber den Korb nun fort? Der Weg ist weit hinab ins Tal. -- Wir müssen auch den Vater führen; Denn eher lass' ich die goldene Beute.
Neunte Szene.
_Die Vorigen. Rübezahl_ (als wandernder Chirurgus).
Rübezahl.
O sagt mir doch, ihr guten Leute, Kann ich hier nicht den Weg verlieren?
Mutter.
Wo kommt er her? Wo will er hin?
Rübezahl.
Aus fremden Ländern ward ich verschrieben, Weil ich ein berühmter Wundarzt bin, Meine Kunst in Hirschberg auszuüben; Dort, sagt man, lebt ein reicher Mann, Dem ist einmal vor vielen Jahren, Als er im Kriege sich hervorgetan, Eine Kugel in das Knie gefahren; Ein Ignorant hat es schlecht kuriert, Davon ist der Fuß ihm steif geblieben; Weil er nun nicht gern auf Krücken marschiert, So hat er mich aus Paris verschrieben. Über Hals und Kopf komm' ich von dort, Bin auf der Reise schon viele Wochen; Soeben ist mir der Wagen zerbrochen, Da wollt' ich denn zu Fuße fort. --
Mutter.
I nun, die Beschwerde ist noch erträglich; Hirschberg ist eben nicht mehr weit.
Thomas.
Ach, sag er mir, Herr! ist das wohl möglich, Daß er den Fuß von der Lähmung befreit, Wenn schon eine geraume Zeit verstrichen Und alles schon verwachsen ist?
Rübezahl.
Freund, das ist mir eine Kleinigkeit;
Mutter.
Ach Gott, welch' neuer Hoffnungsstrahl! --
Rübezahl.
Doch freilich ist mein Balsam teuer.
Elisabeth.
Befreit den Vater von seiner Qual, Und was wir besitzen, sei flugs euer.
Rübezahl (lachend).
Blutwenig ist wohl, was ihr besitzt?
Mutter (rasch).
Hier, dieser Korb --
Thomas.
O nicht doch, Kind! Ein gesunder Fuß euch ja weit minder, Als dieser Schatz im Korbe nützt.
Mutter.
Mit Freuden wollen wir alles missen.
Rübezahl.
Was habt ihr denn im Korbe dort?
Mutter.
Gold! lauter Gold!
Rübezahl.
Das schenkt ihr fort, Als wären's Schalen von Haselnüssen?
Mutter.
Ach, Herr! für ein Weib, das redlich liebt, Auf Erden kein größer Glück es gibt, Als wenn sie für einen wackern Mann Das Beste und Liebste opfern kann.
Elisabeth.
Hilft er, so spring' ich deckenhoch.
Gustav.
Und Gustel ihm ein Liedchen singt. --
Thomas.
Nicht wahr, Herr, wenn's auch nicht gelingt, Ein glücklicher Vater bleib' ich doch? --
Rübezahl (beiseite).
Bin, ich doch sonderbar bewegt, Fast scheint's -- trotz meinem geistigen Wesen -- -- Daß Neid sich gegen die Menschen regt. (laut) Wohlann, mein Freund, ihr sollt genesen!
Mutter.
Ist's möglich, Herr!
Rübezahl.
Ja, eure Krücken Werft nur in Gottes Namen weit, Es tut in wenig Augenblicken Mein Balsam seine Schuldigkeit.
(Er setzt sich zu Thomas, zieht ein Büchschen hervor und reibt ihm das Knie).
Mutter.
O Rübezahl! jetzt fühlen wir erst Den ganzen Wert von deinem Geschenke.
Thomas.
Ha! diese zerschmetterten Gelenke -- Wie ist mir -- neues Leben zuckt Durch jede Muskel, jede Nerve -- Die Last, die mich zu Boden gedrückt, Wie leicht ich sie von der Schulter werfe! --
Gustav (faltet die Hände).
Ach, Mutter! ich bete Sprüch' und Psalter, Das wird vielleicht von Nutzen sein.
Thomas.
Geschmeidig wird mein Fuß. --
Rübezahl.
Nun, Alter? Versucht? einmal und steht allein!
Thomas.
Es ist geschehen! ich bin gesund! Gott! Gott! ich danke dir; und ihm!
_Mutter und Elisabeth_ (umarmen Rübezahl von beiden Seiten).
O Herr! --
Gustav.
Gott wollt's ihm segnen alle Stund'.
Rübezahl.
Nun, nun, nur nicht so ungestüm, Mein Balsam hat den Dienst verrichtet; Doch schwebt euch auch wohl noch im Sinn, Zu welchem Geschenk ihr euch verpflichtet?
Elisabeth.
Da steht der Korb!
Mutter.
Nehmt alles hin!
Rübezahl.
Zuweilen die Menschen sich hoch vermessen, Zu geben und schenken, was es auch sei; Ist aber die Gefahr vorbei, So wird das Gelübde gar oft vergessen.
Mutter.
Nein, zieh er nur hin mit der goldnen Bürde.
Elisabeth.
Auch nicht ein Blättchen nehmen wir an! --
Thomas.
Nun fühl ich erst wieder des Hausvaters Würde, Da ich für die Meinigen arbeiten kann.
(Mutter und Kinder umschlingen den genesenden Thomas; währenddessen verwandelt sich Rübezahl.)
Alle.
Ha! Rübezahl! -- der gute Geist!
(Sie heben die Hände zu ihm empor -- er verschwindet.)