Rübezahl Neue Sammlung der schönsten Sagen und Märchen von dem Berggeiste im Riesengebirge
Part 12
»Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, Dem will er seine Wunder weisen In Berg und Wald, in Strom und Feld!«
Und traurig nahm er den Stab aus der Ecke, drehte ihn langsam in den Händen und dachte, wie herrlich es jetzt wäre, durch die Alpen nach Triest zu wandern. -- Er hatte es kaum ausgedacht, da stand er auf der letzten Höhe des Karstes, vor ihm der tiefblaue Himmel des südlichen Frühlingshimmels, das Adriatische Meer mit seiner grünen Farbe und den zahlreichen Schiffsmasten, tief unter ihm die mächtige Handelsstadt. Mit weit offenen Augen schaute er in die untergehende Sonne und jauchzte dann freudig auf. Ein Blick auf den rohen, unsscheinbaren Stab erklärte ihm das schöne Wunder, dem der glückliche Naturforscher die Befriedigung seines heißesten Wunsches, die Welt aber bald manch wichtige Bereicherung der Wissenschaft zu danken hatte. In seinem Herzen aber tönte der letzte Vers des schönen Liedes wieder, der sich auch an ihm bewahrheitet hatte:
Den lieben Gott lass' ich nur walten, Der Bächlein, Berge, Wald und Feld Und Erd' und Himmel wird erhalten, Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
Als altersmüder Greis kehrte er in sein Vaterland zurück und pilgerte hinauf in das Riesengebirge, um dort den wunderbaren Stab niederzulegen. Wer ihn doch finden könnte! --
Der böse Edelmann.
Ein Edelmann, den Rübezahl schon einmal durch einen Possen gewarnt hatte, da ihm so viele Klagen zu Ohren gekommen, war besonders hart gegen die Armen, wenn er sie im Holze traf und gab ihnen seine Reitpeitsche sogleich zu fühlen. Trieb nun gar ein Bauer das herrschaftliche Wild von seinen Feldern, wo es Verheerungen anrichtete, den verfolgte er mit besonderem Hasse. Wer einen Hirsch tötete, der seine Saaten fraß, ward nicht selten zwischen die Geweihe eines Hirsches gebunden und in den Wald hinausgeschickt, bis das Tier sich seiner Bürde auf irgend eine Weise entledigte. --
»Komm du mir nur einmal ins Gebirge, dir will ich's heimzahlen,« denkt Rübezahl. Nun geschieht's auch wirklich einmal, daß der Edelmann eine große Jagd anstellt und sich dabei um keine Grenze bekümmert. Auf diese Weise kommt er in Rübezahls Gebiet; der hört kaum das Hallo der Treiber, das Knallen der Röhre, so denkt er: »Ha, nun ist's Zeit!« Tritt also auf den Edelmann zu und fragt ihn, wer ihm erlaube, auf fremdem Reviere zu jagen.
Der Edelmann erstaunte nicht wenig über die Keckheit des unbekannten, unscheinbaren Mannes, fährt ihn rauh an, ihn fragend, wie er dazu komme, ihm, dem Edelmann, in den Weg zu treten. Rübezahl erwiderte: »Hier bin ich der Herr, und du sollst sehen und fühlen, daß du mit mir nicht umspringen darfst, wie mit deinen armen Bauern.«
Solche kecke Rede hatte der Edelmann noch nie gehört, er stößt in sein Hüfthorn und gibt den herbeieilenden Jägern Befehl, den Mann zu ergreifen. Der bleibt ruhig stehen und sieht einen nach dem andern mit stechenden Augen an und wenn er einen ansieht, so steht dieser gleich starr und steif da. Nun wird der Edelmann wütend, zieht sein Waidmesser heraus und will es dem ersten besten in den Leib stoßen. Aber Rübezahl faßt ihn gelassen an der Brust, so daß er sich nicht rühren und regen kann. Hierauf hält er ihm sein ganzes Sündenregister vor und sagt ihm, dies sei seine letzte Jagd. -- Dann verschwand er, nachdem er den Edelherrn auf den Boden geworfen hatte, daß ihm alle Rippen krachten. Kaum war er fort, so bekamen Jäger und Treiber das Leben wieder, machten eine Bahre von Zweigen, legten den Herrn darauf und trugen ihn nach Hause.
Nun war im Schlosse große Trauer und im Dorfe große Freude. Der Doktor wußte nicht recht, was er dem Kranken verschreiben solle und griff bald zu diesem, bald zu jenem. So mußte unser Edelmann ganze Schaufeln Pulver nehmen, Kochtöpfe voll Latwerge und Pillen, so groß wie Straußeneier; aber es half doch alles nichts. Nun wurde ihm Ader gelassen und er mußte so diät leben, wie ein Sperling; darüber verging der edle Herr vollends; zuletzt ward er so verändert und ruhig, daß er sagte: »Mit mir ist's vorbei, gebt mir meinen Degen an die Seite, daß ich wie ein Edelmann sterben kann.« »Gebt ihm auch die Sporen dazu,« sagte einer seiner Freunde, »denn diese gehören zu einem Edelmann, der vor seinen Gott treten soll.« Da verwunderten sich die Diener, daß ihr Herr auch einen Gott habe, weil sie dies nie zuvor gehört hatten und freuten sich in ihren einfältigen Herzen darüber. Und sie zogen ihm Stiefel und Sporen an, legten ihm den Degen an die Seite, zu Füßen sein Wappenschild. Dann starb der Kranke beruhigt. Auf einmal klopft es an die Tür und ein Fremder tritt herein, der sich für einen adeligen Arzt ausgibt und einen Versuch machen will, ob der Edelmann wirklich kein Leben mehr in sich habe. Das war aber wieder Freund Rübezahl, und wie er den Toten berührt, fällt er sogleich in ein Häufchen Asche zusammen; selbst vom Degen und den silbernen Sporen ist nichts mehr zu sehen.
Vergessen ist der Edelmann wie jeder, der nichts Gutes im Leben geleistet hat, vergessen nicht nur von seinen Feinden, auch die Freunde, die freilich nur auf Äußerlichkeiten sahen, haben nichts zur Erinnerung zurückbehalten, vergessen wie jeder Egoist, der nichts tut, seine Mitmenschen zu beglücken, oder ihnen im Elend zu helfen.
Grünmantel.
In dem wüstesten und grauenvollsten Teile des Riesengebirges stand eine kleine Hütte, in der ein armer Köhler, namens Erdmann, mit seinem Sohne Konrad lebte. Konrad war ein hübscher, lebhafter und sehr gutartiger Knabe, dessen liebste Beschäftigung es war, in den Feierstunden -- denn er mußte seinem Vater fleißig arbeiten helfen, obgleich er kaum elf Jahre alt war, -- durch das Gebirge zu streifen, das am meisten verrufen war, weil man glaubte, daß Rübezahl dort sein Wesen treibe. Aber gerade an diesem Platze spielte er mit seinen Schulkameraden am liebsten, und es vergnügte sie am meisten, mit kleinen Steinen und Blechmarken Anschlag zu werfen.
Seit einiger Zeit fanden die Knaben, wenn sie dies ihr Lieblingsspiel trieben, kleine Silberpfennige im Sande, was jedoch keinem von ihnen befremdlich war, da sie den Wert dieser Münzen nicht kannten und daher nie daran dachten, danach zu suchen. Spielte der Zufall einem oder dem andern einen solchen glänzenden Pfennig zu, so war's allemal eine laute Freude; doch waren die Kinder noch alle in dem glücklichen Alter, wo Habsucht oder unnütze Grübeleien ihrer Seele fremd waren; und so dachten sie auch nicht weiter über den Zusammenhang nach, als sich zuletzt bei ihren Spielen auch ein fremder Mann einfand, den sie, seiner Kleidung wegen, den Grünmantel nannten. --
Grünmantel schien ein Freund der Kinder zu sein, er teilte ihre Spiele oder lehrte sie auch ganz neue. Immer fand er die meisten Silberpfennige und verteilte sie unter die Knaben, so daß diese ihn bald recht lieb gewannen, und gern gewußt hätten, woher er komme und gehe; denn er verschwand jedesmal spurlos und stand auch immer ebenso unvorhergesehen mitten unter ihnen. Da er aber diese Fragen nicht beantwortete, wurden sie ebenso rasch von den kleinen Burschen wieder vergessen.
Zuweilen aber maßte sich ihr unbekannter Spielgefährte das Richteramt über sie an, wenn kleine Streitigkeiten zwischen ihnen vorkamen, und wer im Unrecht war, der konnte sich immer darauf gefaßt machen, einige derbe Hiebe von dem Grünmantel zu bekommen, ohne das dieser ein Wort dabei sprach. Oft verjagte er die ganze Knabenschar bis auf Konrad, für den er ein ganz besonderes Wohlwollen zeigte; er nahm alsdann diesen bei der Hand und führte ihn zwischen Klippen und Felsen zu überraschenden Punkten hin, zeigte ihm auch goldene Münzen im Sande, mit denen Konrad auch gern spielte, sie aber achtlos wieder verlor. Die vielen Wunderlichkeiten des Grünmantels verscheuchten nach und nach die kleinen Burschen von ihrem Spielplatze, und nur Konrad ließ sich nicht abhalten, immer wieder dahin zurückzukehren.
Es war auch nicht einsam dort, denn nun fehlte der Grünmantel selten und fing jetzt an mit dem Knaben zu sprechen, was er nie zuvor getan hatte. Er wußte allerlei hübsche Geschichten zu erzählen und beschenkte seinen kleinen Freund oft mit Goldstücken, wogegen er sich das Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit über alles dies geben ließ.
Konrad dachte: dabei kann ja nichts Unrechtes sein, und versprach dem Grünmantel mit Hand und Mund, er wolle es nie einem Menschen sagen, daß er mit ihm zusammentreffe und so schönes Spielzeug von ihm bekomme. Und er hielt auch treulich Wort, denn er fürchtete, seinen lieben Spielgefährten sonst zu verlieren. So verging Sommer und Herbst in Lust und Freude; allein nun kam der Winter, und der tiefe Schnee verwehrte dem Knaben, seinen Freund auf dem Berge zu besuchen.
In dieser Zeit erkrankte auch Konrads Vater, und der Schäfer des Dorfes gab wenig Hoffnung, daß es mit ihm noch einmal besser werden würde. Einen Arzt anzunehmen, war Erdmann zu arm, und so wankte er denn seinem frühen Grabe zu. Natürlich war an Verdienst nicht mehr zu denken, und es fehlte oft selbst an den schmalen Bissen, die Vater und Sohn zu ihrem Unterhalte bedurften. Wie leicht hätte Konrad aller Not ein Ende machen können, wenn er den Wert seiner goldenen Spielpfennige gekannt hätte und vor seinem Vater keine Heimlichkeiten gehabt hätte.
So mußte, als alles andere verzehrt war, auch noch die Ziege verkauft werden, die Konrad so lieb hatte; wie traurig war der arme Knabe, als er sie am Strick nach dem nächsten Dorfe führen mußte, um sie dort zu verkaufen. Da begegnete ihm ein alter Mann, der ein Gespräch mit ihm anfing, und als er hörte, daß Konrad die Ziege verkaufen wollte, gab er ihm ein Goldstück dafür und wollte mit der Ziege seines Weges ziehen. Als aber der Knabe das Goldstück in der Hand hielt, schüttelte er den Kopf und sagte: »Guter Mann, solcher blanken Dinger habe ich viele zu Hause, dafür kann man aber nichts kaufen, die sind nur zum Spielen. Nehmt es also nur wieder zurück und gebt mir Silbergeld dafür.«
»Kleiner Tor!« lachte der Mann, »mache einmal die Probe, was mehr gilt; hier hast du einen Silbergroschen und hier das Goldstück, lauf' ins Dorf und siehe, wofür du das meiste Brot bekommen wirst. Ich will hier auf dich warten.«
Konrad gehorchte, ließ seine Ziege dem Fremden und ging ins Dorf zu einem Manne, der ehrlich genug war, ihn mit dem vollen Werte des Goldstückes bekannt zu machen und ihm nun allerlei Bedürfnisse für das Haus einkaufen zu helfen Damit kehrte Konrad wohlbehalten zurück, fand aber den fremden alten Mann nicht mehr wieder und eilte nun zu seinem Vater.
An der Schwelle des Hauses sprang ihm seine liebe Ziege lustig entgegen. »Ein Fremder,« sagte der Vater, »hat sie mir heimgebracht; er habe sie im Walde gefunden, sagte er.« Darüber erstaunte Konrad nicht wenig und erzählte nun auch sein Abenteuer mit dem fremden, alten Manne. Von dem übrigen Gelde und den eingekauften Lebensmitteln konnten nun Vater und Sohn länger als eine Woche zehren und dankten Gott dafür, daß er ihnen eine so wunderbare Hilfe geschickt hatte.
Aber die nahrhaftere Kost, die Konrad für den Kranken herbeigeschafft hatte, schadete diesem und mehrte seinen Fieberzustand so sehr, daß es schien, als, sei sein Tod nahe. Es kamen nun einige seiner Bekannten aus dem Dorfe, um ihm in den letzten Augenblicken beizustehen; darunter war auch der Mann, welcher dem kleinen Konrad das Goldstück eingewechselt hatte. Der sagte zu dem weinenden Knaben: »Gehe hinaus in die frische Luft, dein Vater wird schon wieder gesund werden, und wenn nicht, will ich dein Vater sein!«
Traurig ging Konrad hinaus und richtete seinen Fuß nach dem bekannten Berge, wo er sonst so oft seinen lieben Grünmantel getroffen hatte. Es lag noch Schnee an einzelnen Stellen des Berges, während unten im Tale schon voller Frühling war. Für alle Schönheiten der Natur aber hatte der betrübte Knabe jetzt kein Auge, er legte sich in das weiche Moos und weinte still. Tief unter ihm brauste der Sturzbach, und das Gesträuch hatte eine grüne Färbung angenommen von den aufschwellenden Knospen.
»Worüber weinst du denn so sehr?« sprach eine bekannte Stimme hinter ihm, und Konrad schlug freudig überrascht seine geschwollenen Augen zu der Gestalt seines Freundes Grünmantel empor. »Steh auf!« sagte dieser, »und erzähle mir dein Leid, vielleicht kann ich helfen!«
»Ach!« antwortete der Knabe schluchzend, »hier ist alles so schön und drunten in unserer Hütte ist es gar so traurig. Mein lieber Vater stirbt, und ich bin dann verlassen und allein in der Welt.« --
»Sieh einmal diesen wilden Rosenbusch an,« sagte Grünmantel, »wie ihn der Frühling wieder frisch und grün gemacht hat, so daß schon hin und wieder die ersten Blüten aufbrechen. Und nun denke daran, wie dürr und kahl er im Herbste stand, so daß du glaubtest, er könne nie wieder blühen. -- Sammle das frische Laub von diesem Strauche und bestreue deines Vaters Lager damit, vielleicht, daß die gesunkenen Kräfte sich noch einmal dadurch stärken lassen. Aber eile, denn die Zeit ist kurz!«
Konrad nahm sich kaum Zeit, dem Grünmantel zu danken, er füllte seine Mütze ganz mit Rosenlaub und trug davon soviel in den Händen, als er fortbringen konnte. Eilig lief er damit den Berg hinab, der Hütte zu, und überstreute das Bett des Kranken mit dem duftenden Laube. Davon schlug der Vater die Augen auf und drückte dem Knaben schwach die Hand, aus Freude über den stärkenden Geruch. Und sichtbar ging eine Veränderung mit ihm vor, die alle in Staunen setzte. Schon am dritten Tage konnte er, auf Konrad und den Nachbar gestützt, das Bett verlassen und sich vor die Hütte in den milden Sonnenschein setzen. »Wie ist doch so großes Wunder an mir geschehen, der ich schon zu sterben meinte?« fragte er freudig.
»Darum müßt ihr den Konrad befragen,« antwortete der Nachbar.
»Nun,« sagte dieser unbefangen, »vielleicht hat euch das junge Laub geholfen, was ich auf euer Lager gestreut habe.«
»Wie bist du denn zu dieser Wunderarzenei gekommen, mein Sohn?«
Konrad schwieg verlegen; -- er dachte an das Versprechen, gegen niemand sein Geheimnis mit dem Grünmantel verraten zu wollen. Und lügen hatte er, gottlob! nicht gelernt.
»Er wird das Rosenlaub wohl auch daher haben, von wo er seine Ziege wiederbekommen hat,« sagte der Nachbar spottend.
»Gewiß, ich habe den fremden Mann, dem ich die Ziege verkaufte, nicht gekannt,« rief Konrad lebhaft, »und habe ihn weder zuvor, noch später gesehen!«
»Um so besser,« fuhr der Nachbar mit höhnischer Miene fort, »wirst du _den_ kennen, der dir den hübschen Vorrat von Goldstücken gab, die du so heimlich in deine Kammer versteckt hast!« --
»Wie, mein Kind! Du hättest Gold gehabt und deinen Vater doch so lange Not leiden lassen?« fragte Erdmann vorwurfsvoll.
»Vater, man kann ja damit nur spielen,« flüsterte Konrad schüchtern. »Aber ich will dir alles erzählen!«
Und nun teilte ihm der Knabe in voller Wahrheit alles mit, obgleich er es nicht ohne geheimen Widerwillen tat, weil sein Freund Grünmantel es ihm ja verboten hatte.
»Das ist niemand anders gewesen, als der Herr des Riesengebirges, der gefürchtete Rübezahl,« sagte Erdmann freudig, »er hat unserer Not nun auf immer ein Ende gemacht. Da er aber die Übertretung seiner Gebote oft streng zu bestrafen pflegt, wollen wir eilen, aus seinem Gebiete zu kommen.«
Und nun holten sie die Goldstücke aus der Hütte, packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und zogen in eine andere Gegend Schlesiens fort, um vor der Rache des Berggeistes sicher zu sein; dort kaufte Erdmann ein hübsches Häuschen und erzog Konrad zu einem braven, fleißigen Menschen, dem es stets wohl erging. Oft dachte dieser noch in den spätesten Jahren seines Lebens mit dankbarem Herzen an seinen lieben Gespielen Grünmantel.
Rübezahl.
Schauspiel in einem Akt.
Personen:
Rübezahl. Elisabeth. Vater Thomas. Gustav. Die Mutter.
Erste Szene.
Rübezahl (steigt während eines Gewitters aus der Erde empor und sieht sich neugierig überall um).
Ich, Herr Johannes, im Riesengebirge Mit Furcht und Zittern nur genannt, Weil ich mit Lust die Bösen würge, Sie oft gestraft mit harter Hand; Ich zeige nach ein paar hundert Jahren Mich wieder einmal auf den Bergen hier, Um etwas Neues zu erfahren, Und zu durchreisen mein Revier. Musäus hat von mir geschrieben So manches Märchen wunderlich; Doch wenn die Menschen wie sonst geblieben, Sind sie viel närrischer als ich. Sie machen sich durch Haß und Neid, Durch Falschheit selbst das Leben sauer, Sie schätzen sich nur nach dem Kleid Und machen sich die Welt zur Trauer. Zwar sind gar viele hochgelehrt Und wissen wunderkluge Sachen, Doch fragt nur, was dazu gehört, Um sich das Leben leicht zu machen, Und, selbst von groben Fehlern rein, Es andern liebreich zu versüßen, Im Frieden mit der Welt zu sein, Da fragt einmal, ob sie das wissen? Denk ich der Jugend jetz'ger Zeit, Juckt's in den Fingern mich zur Stelle, Die macht sich gar gewaltig breit, Hält Kränzchen gar und Kinderbälle. Wenn sie französisch nur versteht, Glaubt sie schon Wunder was zu können, Sie kann wohl, wie der Ebro geht, Doch nicht der Heimat Flüsse nennen! Es sagt manch Kind dir auf ein Haar, Wer Mutius Scävola gewesen, Doch frage nur, wer Luther war, So haben sie's noch nicht gelesen. Dort sitzt ein Mädchen am Klavier Und fehlt nicht eine einz'ge Note, Fast jede Oper kennt sie dir, Nur leider nicht die zehn Gebote. -- So steht es mit der Jugend jetzt, Die fromme Einfalt ist verschwunden; Ich aber hab mich in Bewegung nun gesetzt, Um mich als Herr hier zu bekunden. Ich werde, nach meiner alten Manier, Den Guten necken und endlich beglücken, Den Bösen aber, nach Gebühr, Recht arg geprellt nach Hause schicken. Sieh da, -- das kommt ja wie beschert, -- Dort naht sich eine alte Mutter, Sucht dürres Holz für ihren Herd Und für die Zieg' ein wenig Futter. Zwei Kinder folgen, jung und zart, Da will ich mich sogleich verstecken, Vielleicht kann ich die Sinnesart Der armen Leutchen so entdecken. --
(Er versteckt sich.)
Zweite Szene.
_Die Mutter_, _Elisabeth_ und _Gustav_ (dürres Reisig suchend);
Mutter.
Gottlob! das Gewitter ist vorüber; Es scheint die Sonne wieder schön.
Elisabeth.
Doch, gute Mutter, ihr solltet lieber Um trockne Kleider jetzt nach Hause gehn.
Mutter.
Es ist ja nur ein Rock im Schranke, Und du bist mehr als ich durchnäßt.
Elisabeth.
Ei, liebe Mutter, welch ein Gedanke, Ich bin noch jung, gesund und fest!
Mutter.
So laß uns nur die Hände rühren, Die Arbeit hier macht wieder warm Und läßt im Winter uns nicht frieren.
Elisabeth (seufzend).
Ach, wären wir nur nicht so arm!
Mutter.
Sprich, möchtest du denn etwa lieber Reich, wie der Nachbar Töffel, sein?
Elisabeth.
O nein, der schließt ja jeden Stüber Voll Geiz in seinen Kasten ein!
Mutter.
Könnt ich doch, wie der Schulze, schenken Der Tochter ein so stattlich Haus --
Elisabeth.
Da würd ich mich noch sehr bedenken, Dort sieht's nicht eben friedlich aus!
Mutter.
Ist Küsters Röse zu beneiden? Sie hat voll Linnen Kist' und Schrank! --
Elisabeth.
O nein, das wär' ein rechtes Leiden, Jahraus, jahrein ist Röse krank!
Mutter.
Die reiche Elsbeth aus der Mühle, Die wärst du aber gern, mein Kind?
Elisabeth.
Ha! was du sagen willst, das fühle Ich tief, -- _ihr ist die Mutter blind!_ Nein, nein, ich schäme mich der Klage, Mit keinem möcht ich tauschen gern, Es hat ein jeder seine Plage; Vertrau'n wir nur auf Gott den Herrn. Um _deinetwillen_ mög' er schenken Uns bess're Tage, nicht so schwer. --
Mutter.
Willst du nicht auch des Guten denken? Wenn ich nur Elsbeths Mutter wär' -- So bin ich rüstig auf den Füßen, Zur Wette spinn ich noch mit dir, Und meine Kinder -- sie versüßen Auch kummervolle Tage mir.
(Elisabeth schlingt ihren Arm um die Mutter. Gustav kommt herbeigesprungen.)
Gustav.
Hier, seht nur, bring ich reife Beeren, Die Mutter jetzt allein sie essen muß.
Mutter.
Wir wollen sie zusammen verzehren, Denn so nur ist's für mich Genuß.
Dritte Szene.
_Die Vorigen. Rübezahl_ (als Jäger).
Gustav.
Sieh, Mutter, da kommt ein fremder Mann.
Mutter.
Brauchst darum keine Furcht zu hegen. Was geht der fremde Jäger uns an? Wir sind ja nicht auf bösen Wegen.
Rübezahl.
Gott grüß euch!
Mutter.
Schönen Dank, Herr!
Rübezahl.
Was macht ihr da?
Mutter.
Wir sammeln Reiser; Der Winter ist lang und oft gar schwer, Und schlecht verwahrt sind hier die Häuser.
Rübezahl.
Wer seid ihr?
Mutter.
Eine arme Frau Mit ein paar guten, frommen Kindern; Wir lebten sonst dem Ackerbau, Der Feind tat uns die Scheuern plündern, Nahm unser bißchen Vieh, zerschlug, Was eben nicht fortzubringen war; So kamen wir um Acker und Pflug, Es geht nun schon ins fünfte Jahr.
Rübezahl.
So seid ihr Witwe?
Mutter.
Nein, ach nein! Das wolle der liebe Gott verhüten!
Rübezahl.
Dann wird der Mann in der Schenke sein, Statt sich um Tagelohn zu vermieten?
Mutter.
Bewahre! mein guter Thomas war Stets fleißig und lebte eingezogen; Als aber das Vaterland in Gefahr, Da ist er mit in den Krieg gezogen. Fünf Jahr und drüber sind schon verflossen, Seit ich nichts mehr von ihm gehört, Seit ich und meine Unglücksgenossen Mit Tränen jeden Bissen verzehrt.
Rübezahl.
So läßt sich wohl nicht anders glauben, Als daß eine Kugel ihn hingerafft?
Mutter.
Wollt ihr die letzte Hoffnung mir rauben? Mit ihr des Lebens Mut und Kraft?
Rübezahl.
Doch besser, er schlummert im kühlen Grabe, Als wenn er, ein Bettler, wiederkehrt!
Mutter.
O, wenn ich ihn nur wiederhabe, Mein treues Herz nicht mehr begehrt.
Rübezahl.
Wenn nur nicht etwa gar am Ende Zum Krüppel ward der arme Mann?
Mutter.
Ach, dann gibt's noch vier fleißige Hände, Und auch der Gustel wächst heran! --
Rübezahl.
Ihr wagt euch so auf diese Straße, Wie, wenn der Berggeist euch erschreckt?
Mutter.
Hab ich doch immer gehört, er lasse Die guten Menschen ungeneckt!
Elisabeth.
Ja, Herr! wir haben ein gutes Gewissen; Er mag nur kommen, wenn's ihm beliebt.
Rübezahl.
Vielleicht würd' er dich zu trösten wissen, Du schienst vorhin mir sehr betrübt.
Mutter.
Wir haben schon viel Zeit verplaudert, Und im Gebirge ist's nicht gut, Wenn man bis in die Dämmrung zaudert. Lebt wohl!
Rübezahl.
Auch ihr, und bleibt bei gutem Mut.
Mutter.
O ja, was Gott über mich verhängt, Das wird er auch alles zum Guten lenken.
Gustav (vertraulich zu Rübezahl).
Wenn er einmal ein Eichhörnchen fängt, So könnt' er's wohl dem Gustel schenken!
Rübezahl.
Bist du der Gustel? wir wollen sehn!
Gustav.
Er sieht zwar etwas grimmig aus, Als wollt er einem den Hals umdrehen; Ich mache mir aber gar nichts daraus.
Rübezahl.
Das freut mich, Kleiner!
Mutter.
Komm, mein Kind! Noch ist der Korb nicht voll, drum munter! Wir suchen und füllen ihn geschwind; Und dann in unser Dörfchen hinunter.
(ab).
Vierte Szene.
Rübezahl (allein).
Die Mutter ist brav, die Kinder gut, Man hört es ja aus jedem Worte; Schon manchem half ich aus Übermut, Doch hier ist Hilf' am rechten Orte.
Fünfte Szene.
_Der Vorige. Thomas_ (auf Krücken, ohne Rübezahl zu sehen).
Thomas.
Für heute kann ich nun wohl nicht weiter, Ich armer Krüppel! was soll ich tun? Die Luft ist warm, der Himmel heiter -- Hier will ich unter dem Baume ruhn. Den Berg herauf mußt' ich schon keuchen, Doch morgen hab' ich neue Kraft, Die liebe Heimat zu erreichen, Die mir die letzte Ruh' verschafft. Zwar komm' ich, ach, mit leeren Händen, Und bin ein Krüppel obendrein, Kann nur verzehren, nur verschwenden, Und nichts erwerben -- welche Pein! Warum fand nicht den Weg zum Herzen Die Kugel, die mein Knie gefaßt! So wär' ich ledig aller Schmerzen, Und meinen Kindern nicht zur Last. Zur Last? -- Ach nein, sie werden gerne Hilfreich dem Vater zur Seite stehn; Und der da droben regiert die Sterne, Läßt mich, wohl auch nicht untergehn. -- Könnt' ich denn nichts, gar nichts erwerben? Sind doch die Hände noch wohl geschickt; Und gerne, gerne will ich sterben, Hab' ich nur die Meinen noch erblickt.
(Er hat sich unter einem Baum gelagert).
Rübezahl (beiseite).