Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges
Part 8
Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: »Schämst du dich nicht, an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen; ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger Bursche?«
Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen guten Lohn.
Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.
An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein Erlebnis mitzuteilen.
»Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,« meinte die Mutter, »tu, wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!«
Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:
Den lieben Gott laß ich nur walten, Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld Und Erd' und Himmel will erhalten, Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen rotseidenen gefüllten Geldbeutel.
»Der Tausend,« entfuhr es da seinen Lippen, »der Anfang war gut; da scheint einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.«
Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete.
»Hat der Herr vielleicht etwas verloren?« fragte Hans.
»Ja, freilich,« war die Antwort, »meine rotseidene Börse mit Geld.«
»Hier ist sie,« entgegnete Hans freundlich, »gut, daß ich sie gefunden habe.«
»Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.«
Hans aber wehrte ab: »Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.«
Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten. Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er hastig:
»I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach Hirschberg begegnete.«
Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge im Widerhall zurückgaben, dann rief er:
»Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wünsche nicht zu viel_, sei genügsam!«
Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf, mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut ab und rief:
»Danke schön, Herr Berggeist!«
Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal gefunden hatte.
»Hurra,« schrie Hans auf, »jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.«
Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie, welcher das Volk den Text unterlegt: »Reit zu Schitzkebier«; er setzte sich sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb.
Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten.
»Juchhei,« jubelte Hans, »nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt, und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!«
Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen, hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben, welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad.
Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: »Wünsche nicht zuviel« war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde.
Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell auflachend:
»Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns schon zur Trauung in der Kirche.« Hans sträubte sich und dachte bei sich: »Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als diese?« -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz ähnlicher Ring saß.
»Lieber Hans,« sprach sie, »es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.«
Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung Rübezahls: »Wünsche nicht zuviel!« Er hatte sie überhört und nun gab es kein Zurück mehr.
Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab seiner Zukünftigen die Hand und sprach:
»Wenn's denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger warten lassen.«
Da sah sie ihn freundlich an und sprach: »Danke, lieber Hans, du sollst es nicht zu bereuen haben.«
So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit in Ordnung.
Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte, häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand sie sich zuletzt darein.
Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in süßen Schlummer zu wiegen.
So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei beieinander, als Liese zu sprechen begann:
»Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.«
Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber Liese blieb fest.
Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand -- der fremde Herr vom vorigen Jahr und sprach:
»Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen? Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will ich dich von der Plage sogleich befreien.«
»Um keinen Preis,« schrie Hans entsetzt, »wie bin ich froh, daß Ihr sie mir gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.«
»Na, ihr Leutchen,« war die Antwort, »nun habe ich euch genug geneckt. Die Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen Jahr erzählen.«
Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen, da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte.
»Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm ein gar böses Gesicht.
>Na, na, Jungfer,< rief er spöttisch, >entstelle sie doch ihr Lärvchen nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die Bosheit aus dem Gesicht heraus.<
Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie:
>Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als die >schöne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?<
Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem, wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte:
>Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast. Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft. Statt der >schönsten< sollst du als >die häßlichste Liese weit und breit im Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden. Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich mitnehmen.<
Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal. Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum Besten gekehrt.«
Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: »Die schöne Liese ist wieder da!« --
Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: »Der Herr vom Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen Gedenken.« Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten.
Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang.
14. Fischbach.
Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr Wesso, genannt »der Falk vom Berge«. Nichts war vor seinen Falkenaugen verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück. Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges Leben.
Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder Blick machte die Spötter stumm.
Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die Sanftmütigen, die Friedfertigen.« Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut, Friedfertigkeit!
Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen.
»Gebt den Gefangenen frei!« rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann gebunden zwischen den Pferden sah. »Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen Arm fühlen!«
Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper.
Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Tragt den Mann auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.«
Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. »Der Falke mausert sich,« höhnten einige. »Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß sie ihren Gegnern Hilfe leisten?«
Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten, ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter die Mörder gefallen war.
Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts käme und sein Ziel früher erreichte.
Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun sannen sie auf Rache.
Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde, welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten.
Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher in Fischertracht vor ihm stand.
»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.« begann er zu reden, »sie wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr sicher vor Verfolgungen.«
Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf.
Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte.
So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit dem Schwerte vertauscht!
Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte, niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen sei.
Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte, Fischbach.
Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.
15. Meister Meckerling.
In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige Stücken in die »Hölle« wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten. Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm übergebenen feineren verarbeitete.
Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch, ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden.
»Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?« redete er ihn mit gewandten Worten an.