Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges

Part 7

Chapter 73,830 wordsPublic domain

Als dieser auf einige Zeit das Zimmer verließ, teilte er seine Befürchtungen seinen Kommilitonen mit. Diese aber lachten ihn aus, der Wein machte ihre Zunge immer geläufiger und ihr Herz mutiger. Hans rief den Wirt und forderte ihn auf, für sich ein Glas mitzubringen, um mit ihnen anstoßen zu können. Das geschah und Georg erhob sein Glas und sprach: »Ich will eine Gesundheit ausbringen. Daß wir hier auf einsamer Höhe mit Speise und Trank so vortrefflich erquickt wurden, verdanken wir gewiß dem Herrn des Berges, er lebe hoch, hoch, hoch!« Der Wirt stieß mit den Studenten an. Aber sofort saß Georg wieder der Schalk im Nacken und er rief noch einmal: »Ja, der alte, gute Rübezahl soll leben, hoch!«

Philipp stieß diesmal nicht mit seinen Gefährten an und auch der Wirt zog seine Stirne kraus, machte eine gar ernste Miene, stellte sein Glas auf den Tisch und sagte: »Wie Euer Genosse, so habe ich wohl auf die Gesundheit des Herrn vom Berge angestoßen, nicht aber in das Hoch auf Rübezahl eingestimmt, wie er auch tat, und zwar mit Recht. Ihr nennt ihn bei seinem Spottnamen, auf diesen stoße ich nicht an, denn ich weiß, daß er sich an denen rächt, die ihn damit an jene traurige Geschichte erinnern. Euer Genosse scheint auch darum zu wissen.«

Lautes Gelächter war die Antwort der beiden angeheiterten Studenten auf die Mahnung des Wirtes.

»Nun, Philipp,« meinte Hans, »da hast du ja einen Gesinnungsgenossen gefunden, zu glauben, jenen Ammenmärchen von einem neckenden Kobold, der auf dem Riesengebirge sein Unwesen treiben soll. Ich wünschte nichts sehnlicher, als ihm in höchsteigener Person zu begegnen. Das wird aber nie der Fall sein, weil es eben keinen Rübezahl gibt. Wir, mein lieber Herr Wirt, von der hohen Schule atmen eine freie Luft und belächeln jene Torheiten, die sich nur im Aberglauben des Volkes finden.«

Der Wirt wollte antworten, aber es kam ihm ein besserer Gedanke in den Kopf und er trat vor die Studenten mit der freundlichen Aufforderung: »Wollen die Herren nicht vielleicht sich ein wenig im Freien Bewegung machen und einen Stamm kegeln? Den Kegeljungen will ich selbst machen.«

Der Vorschlag fand freudige Zustimmung. Hans und Georg begannen zu schieben, aber merkwürdig: entweder kam ein »Sandhase« heraus, d. h. die Kugel ging an den Kegeln vorbei, oder sie trafen eine »Methode«, d. h. die zwei Gassenkegel. Besseren Erfolg hatte Philipp. Er warf dreimal hintereinander acht um den König, was für den besten Wurf galt. Ärgerlich brachen Hans und Georg das Spiel ab.

Nun kam aber das Schlimmste, das Zahlen. Verlegen fragte Hans nach der Schuld. Der Wirt rechnete nach, dann sprach er zu Philipp:

»Von Euch, junger Herr, nehme ich nichts. Ihr habt Euch frei gekegelt, da Ihr dreimal den König allein habt stehen lassen. Die Zeche der anderen Herren beträgt vier Taler, zwei Taler auf jeden.«

Da wurde die Barschaft noch einmal überrechnet und die beiden Studenten brachten gerade noch die geforderte Summe zusammen.

Als es zum Abschied ging, überreichte der höfliche Wirt Georg und Hans ein Päckchen und meinte: »Bis zum nächsten Gasthause ist's noch weit, darum habe ich den Herren einen kleinen Imbiß für den Weg eingewickelt. Euch aber, junger Herr, schenke ich, da Ihr so vortrefflich gekegelt habt, den Kegelkönig.«

Dankend steckte Philipp den Kegel in die Tasche und die drei Burschen zogen weiter ihres Wegs. Unterwegs mußte Philipp noch manchen Spott seiner Kameraden hinnehmen, daß der Wirt ihm einen Kegel zur Zehrung auf den Weg gegeben habe.

»Laßt's gut sein,« meinte er, »ich habe so meine Gedanken über das Geschenk und will es tragen als Andenken an unser Abenteuer im Gebirge.«

»Der hat den Rübezahl immer noch im Kopf,« höhnte Hans. »Wir wollen uns lieber in das Gras setzen und unser Vesperbrot verzehren. Du, Philipp, magst ein Stück vom Kopfe deines Kegelkönigs abbeißen.« Als sie aber ihre Päckchen öffnen wollten, sprang aus dem einen ein Frosch, aus dem andern eine Eidechse heraus, so daß sie entsetzt zurückfuhren. So zogen sie hungrig weiter und jeglicher Spott und Zweifel an dem Dasein des Berggeistes verstummte. Philipps Kegel wurde immer schwerer und schwerer, er zog ihn aus seiner Tasche, sieh! da leuchtete er wunderbar im Mondschein. Er sah ihn näher an -- der Kegel war lauteres Gold, darum war er auch so schwer. Philipp verkaufte den Kegel, konnte nun ohne Not seine Studien vollenden und ist ein gelehrter Mann geworden.

11. Der Hexenstab.

Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tälern, besonders wo gastliche Häuser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen, Verkaufsstände, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In großer Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen wird besonders auch Rübezahls gedacht. Man findet da manche seiner Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine äußere Erscheinung dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstöcke mit einer tüchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht der Name »Rübezahl« und man nennt sie deshalb »Rübezahlstöcke«. Diese Bezeichnung ist aber keine willkürliche, sondern steht im Zusammenhange mit vielen Rübezahlmärchen, in welchen Wanderstäbe eine gewisse Rolle spielen. Eins der schönsten will ich euch erzählen.

In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch keine Briefträger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen Zeiträumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt. Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der Last des Gepäckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mühe so gut, daß er hätte zufrieden sein können. Aber das Pflänzlein Zufriedenheit ist rar und auch von Leopold konnte man sagen: »Je mehr er hat, je mehr er will.«

Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und war vor Ermüdung eingenickt. Da erschien ihm Rübezahl im Traume und führte ihn zu seiner großen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstücke ihm entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Geheiß zugreifen, da war der Traum zu Ende -- und das Glück verflogen.

»Rübezahl, Schabernacker,« rief er ärgerlich aus, »kannst du mir nicht einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen muß!« Damit ergriff er seinen langen Botenstock und verließ mürrisch die Baude.

Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade als er über einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er war, und es war ein Glück, daß er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall machte ihn noch verdrießlicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm auf und als er ihm nachsah, stieß sein Fuß an einen Stein, sein Stab geriet ihm zwischen die Füße -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden Bekanntschaft. Schließlich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins Straucheln, daß er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und Lippen bluteten. Da nahm er wütend seinen Stab, der ein Stück abwärts gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern.

Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies geschehen, so ging's auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind.

Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger, ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten würden.

Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und brachten ihn in sicheren Gewahrsam.

Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob, durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser der Stadt entführte. Da gab's eine große Aufregung unter den biederen Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit später setzte der Hexenstab seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab.

Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den Straßen: »Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!« Mit den Schmiedebergern hat's auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten.

Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen.

12. Der arme Weberlieb.

Der Winter schien in diesem Jahre kein Ende zu nehmen. Wochenlang lag eine dichte Schneedecke auf der Erde und zwischen den Dörfern des Riesengebirges hörte jeglicher Verkehr auf. Da ging für die Weberfamilien eine große Not an und Entbehrung und Armut waren die beständigen Gäste des Hauses. Diese Notlage der Weber benutzten gewissenlose Kaufleute in den Städten, indem sie ihnen für die gelieferte Leinwand geringeren Lohn boten. Sie wußten genau, daß die armen Leute unter allen Umständen Geld brauchten und brachten so die Waren für einen Spottpreis an sich.

»'s fast zum Verzweifeln,« so sprach eines Abends der Webergottfried zu seinem Weibe, »erst muß man in Schnee und Kälte den jetzt so gefahrvollen Weg zur Stadt machen und dann erhält man einen Hungerlohn, der kaum uns beide sättigen kann, während doch noch acht Kinder wie die Orgelpfeifen um den Tisch stehen und sehnsüchtig nach der spärlichen Mahlzeit ausschauen.«

»Das wird ein trauriges Weihnachtsfest werden,« versetzte seufzend die Frau, »Gott gebe nur, daß die Krankheit, welche in einigen Häusern eingekehrt ist, nicht ansteckend ist und über alle Familien kommt.«

Keinem gingen die Sorgen der Eltern mehr zu Herzen als dem ältesten Sohn, dem Gottlieb, oder wie er im Dorfe von andern Trägern seines Namens unterschieden wurde, dem Weberlieb. Das war ein braver, munterer Junge mit einem Herzen voll Mitleid, der sein Stückchen Brot mit dem armen Manne teilte, der hungrig und elend sich durchs Dorf schlich. Den Eltern ging er unermüdlich zur Hand. Im Sommer suchte er im Walde Beeren und Pilze, im Winter trug er trockenes Holz für den Ofen aus dem Walde herzu oder verdiente sich ein paar Pfennige durch kleine Botenwege. Aber wie sollte er nun bei diesem strengen, eiskalten Winter Arbeit sich verschaffen?

Weihnachten stand vor der Tür, aber im Dorfe sah es nicht weihnachtlich aus, denn wo die Armut wohnt, muß die Festfreude weichen. Dazu kam, daß die Krankheit sich als die rote Ruhr entwickelt hatte, wohl als Folge des Genusses von unnatürlicher Nahrung. Da standen die Webstühle still und fast in jedem Hause lag ein Kranker.

Auch den Weberfriedel hatte die Krankheit aufs Lager geworfen und eine entsetzliche Not herrschte im Hause. Hungernd und frierend saßen die Kinder um den Ofen herum. Das jammerte unsern Gottlieb so sehr, daß er vor seine Mutter trat und sprach:

»Hat nicht der Vater noch fertige Leinwand übrig, Mutter, welche wir verkaufen könnten?«

»Freilich, Lieb,« entgegnete diese, »dann hätten wir wohl auf einige Zeit Brot, aber wer will denn die schwere Webe vier Stunden weit über das verschneite Gebirge in die Stadt tragen?«

Gottlieb war sogleich bereit.

»Das geht nicht an,« antwortete die Mutter, »du bist schwach und ausgehungert, Zehrung kann ich dir nicht auf den Weg geben und in deinem dünnen Röckchen pfeift dir der kalte Wind bis auf die bloße Haut, daß du zitterst und bebst.«

»Aber es wird uns allen geholfen, liebe Mutter, laß mich in Gottes Namen ziehen.«

Gottlieb band sich ein Tuch über Kopf und Leib, legte den Reisesack mit der Leinwand auf die Schulter und sagte seiner Mutter herzlich Lebewohl. Hinaus ging's durch den schneidenden Nordwind; oft hatte der Schnee eine Bank über den Weg geweht und der Knabe mußte sie Schritt für Schritt durchqueren, oft glitt er am Rande mit Schnee bedeckter Gräben aus und sank tief ein, oft mußte er sich ermüdet auf einen Stein setzen, um Atem zu schöpfen. Endlich nach unsäglicher Mühe und Anstrengung schleppte er sich an sein Ziel und kam in das Haus des Kaufmanns. Der kam ihm eben mit einem Reisepelz entgegen und wies ihn aus seinem Hause.

»Hat man nicht einmal am Heiligabend Ruhe vor dem Webergesindel. Marsch, daß du hinauskommst, ich kann dir deine Leinwand nicht abnehmen,« so klang's aus dem Munde des harten Mannes und dem armen Weberlieb liefen die Tränen über die Backen.

»Ach, Herr,« flehte der arme Junge, »erbarmt Euch diesmal meines armen Vaters, er liegt an der Ruhr krank danieder. Nehmt mir die Leinwand, ich muß wieder heim.«

»Was, ansteckende Krankheiten bringt mir die Brut noch ins Haus, hinaus, auf der Stelle!« schrie aufs höchste erregt der gefühllose Mann und befahl dem Diener, den Jungen hinauszuführen. Dann warf er sich in seinen Reisewagen und fuhr fort. Der Diener empfand Mitleid mit dem abgehärmten, erschöpften Kinde und reichte ihm ein Stück Brot und ein wenig Wein. Dann gab er ihm zwei Groschen, damit er auch für den Vater etwas Brot kaufen könne.

Der Wein hatte den Knaben gestärkt und so unternahm er es, die schwere Last wieder auf den Rücken zu laden und den mühseligen Rückweg wieder anzutreten. Am Abend nahm die Kälte zu, kleine scharfe Eisnadeln trug der Wind über den Schnee; sie stachen dem kleinen Gottlieb in die Augen, daß er kaum zu sehen vermochte. Da wurden seine Füße matter, seine Kraft erlahmte, und stöhnend warf er sich auf einen beschneiten Baumstamm.

»Hier werde ich sterben müssen,« murmelten seine Lippen. Da kam ihm plötzlich der Gedanke an die vielen wunderbaren Geschichten, die man sich von Rübezahls Freundlichkeit gegen die Kinder erzählte.

Mag er mich umbringen oder mir helfen, ich wage es: »Rübezahl, Rübezahl! Hilf du mir, die Menschen haben mich verlassen.« So rief er laut mit Aufbietung aller Kräfte hinein in die beschneiten Bäume, Berge und Täler und schaurig gab das Echo seinen Ruf zurück.

Im nächsten Augenblick erhob sich ein starker Schneesturm, dem der Knabe nicht standhalten konnte, er ward zurückgeworfen und vom Schnee überschüttet. Da ward er von einer behaglichen Wärme durchströmt und süße Träume gingen durch seine Gedanken. Es war Christabend. In der Dorfkirche hielt man Christvesper. Die Kirche war hell erleuchtet, aus den Augen der Kinder strahlte lichte Weihnachtsfreude. Der Pfarrer verkündigte der atemlos lauschenden Menge die alte liebliche Geschichte von der Geburt des Christkindleins auf Bethlehems Flur. Die Gemeinde sang: »Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit« und nun war Gottlieb an der Reihe, mit seinem hellen Stimmchen allein vor der Gemeinde zu singen. So nahm er das lange Wachslicht in die Hand, trat vor das Lesepult auf der Orgelbrüstung und begann erst leise, dann kräftiger und mutiger:

O du fröhliche, o du selige, Gnadenbringende Weihnachtszeit. Welt ging verloren, Christ ist geboren, Freue dich, o Christenheit!

In demselben Augenblicke trat aus den Bäumen ein wohlgekleideter, freundlich blickender Herr hervor, hüllte den armen Knaben liebevoll in seinen Pelz, nahm auch die Webe Leinwand auf und trug ihn eine kurze Wegstrecke zu seinem Schlitten.

In einem hellerleuchteten Schloß angelangt, rief er seine Diener. Diese nahmen ihm die Last ab, trugen den Knaben auf seinen Befehl in ein Bett und legten ihn auf weiche, behaglich erwärmte Kissen nieder.

Mittlerweile hatte der Herr die Webe Leinwand genommen und war damit auf die Straße zurückgeeilt. In diesem Augenblicke kam der vierspännige Reisewagen des hartherzigen Kaufmanns herangerollt.

Plötzlich scheuten die vier Rosse, ein Ballen Leinwand wurde von oben unter sie geworfen und ein markerschütterndes, entsetzliches Hohngelächter erschallte. Wohl versuchte der Kutscher, die erschreckten Tiere im Zaume zu halten, aber er selbst wurde mit einem Ruck von seinem Sitze in die Höhe gehoben. Er flog ein Stück durch die Luft und wurde dann sanft vor einem Gasthause niedergesetzt. Vor seinen Füßen aber lag ein Beutel mit Goldstücken, auf welchem geschrieben stand: »Für die Angst!« Seine Pferde hatten mittlerweile den Leinwandballen auseinandergeworfen und um den ganzen Wagen gewickelt. Dadurch fielen sie zu Boden und der Wagen mit. Da rief aus aller Angst der Kaufmann um Hilfe, denn die Tür der Kutsche war so zugewickelt, daß ein Entweichen unmöglich war.

Sofort tauchte eine furchtbare, riesengroße Gestalt vor seinen Augen auf, welche ihm zornig mit der Faust drohte und schrie:

»Ha, verwünschter Geizhals, wenn du nicht sofort zu sühnen versprichst, was du mit deiner unmenschlichen Härte verschuldet hast, so mußt du sterben!«

Da schlotterten dem Kaufmann die Knie und zitternd rief er aus:

»Ich will alles geben und tun, wenn ich das Leben behalte.«

»Erbärmlicher Erdenwurm,« entgegnete der Berggeist, »werde barmherzig und mild. Wenn jetzt der Tod in den armen Weberdörfern so viele Opfer grausam fordert und Wehklagen aus vielen Häusern erschallen, so sollten dir diese Jammertöne in deine hartherzige Seele dringen. Du trägst die Schuld auf deinem Gewissen, das sich kein Bedenken daraus macht, wenn jene armen, ehrlichen Menschen Hungers sterben.« Da gelobte der Kaufmann in seiner fürchterlichen Angst Besserung und gab dem Berggeiste -- denn dieser war es -- alles Geld, das er bei sich hatte, zur Verteilung unter die Darbenden. Da nahm Rübezahl ihn beim Genick und setzte ihn unsanft vor seinem Hause nieder.

Verwundert öffnete Gottlieb die Augen und wußte nicht, wie er an diesen Ort gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rührte nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren.

»Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und -- was dir sicherlich am meisten gefallen wird -- der Kaufmann ist anderes Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche.« Wer war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude küßte er die Hände des guten Herrn.

Nun ging's unter Peitschenknall und Schellengeläut zu Gottliebs Heimatsdorf zurück. Das war ein seliger Christabend im ärmlichen Weberhäuschen! Der Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, außerdem Geld und für die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und alle Kümmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, daß hier kein anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rübezahl, der mächtige Berggeist des Riesengebirges.

13. Wünsche nicht zuviel.

»Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.« Damit schlug sie ihre Bibel zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am besten für seine Mutter Geld verdienen könne.

Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh, einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war keine Rede.

Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem Verhältnis zu der Arbeit.

»Von dem Bauer,« sprach sie, »bei welchem du in den Dienst gegangen bist, habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.«

»Laß mich, Mutter,« erwiderte der Knabe, »ich fange erst an zu verdienen; wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges Geld zulegen.«

Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.

So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne. Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel; draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!

Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: »Du bist nun, mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters zukommt.«