Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges
Part 6
Bei diesen Worten trat der freundliche Pfarrer herein, hatte vor der Tür schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine lange Predigt über den Text, daß der Geiz eine Wurzel alles Übels sei; und nachdem er ihm das Gesetz genugsam geschärft hatte, verkündigte er ihm nun auch die frohe Botschaft von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den welschen Brief heraus und übersetzte ihm darauf, daß der zeitige Pfarrherr in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die Hinterlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits empfangen habe.
Steffen stand, da wie ein stummer Ölgötz, konnte nichts als sich dann und wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchten Republik Venedig der Pfarrer ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem er wieder ein wenig zur Besinnung gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und versprach ihr, von jetzt ab sie nicht mehr rauh zu behandeln, sondern sie in Ehre und Liebe zu halten. Steffen wurde der geschmeidigste, gefälligste Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein fleißiger, ordentlicher Wirt; denn Müßiggang war nicht seine Sache.
Der redliche Pfarrer verwandelte nach und nach das Gold in klingende Münze und kaufte davon ein großes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse wirtschafteten ihr Leben lang. Den Überschuß lieh er auf Zins und verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz und nahm keinen andern Lohn dafür als ein Meßgewand, das Ilse so prächtig machen ließ, daß kein Erzbischof sich desselben hätte schämen dürfen.
Die zärtliche, treue Mutter erlebte noch im Alter große Freude an ihren Kindern und Rübezahls Günstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreißigjährigen Kriege.
8. Susi und der Kräutermann.
Der alte Köhler Christoph saß mit seinem Weibe Else an einem lauen Sommermorgen vor seinem Hüttchen. Vor ihnen führten Kinder ihren Ringelreigen auf, aber die Alten achteten nicht auf das Kinderspiel, sondern schienen einen schweren Kummer auf dem Herzen zu tragen. Vater Christophs Glieder waren seit Jahren gelähmt, so daß es wenig Verdienst gab und Armut und Entbehrung waren die ständigen Gäste in der armen, baufälligen Hütte. Oft konnte die Frau tagelang nicht arbeiten und für den Haushalt Geld schaffen, weil sie sich der Pflege ihres Mannes widmen mußte. Auch ihre kleinen Einnahmen aus dem gesponnenen Garn waren ausgeblieben, da Mutter Else bei ihrer Armut nicht imstande war, Flachs zu kaufen.
Vater Christoph stöhnte ob all des Kreuzes und Tränen rannen ihm über die Wangen.
»Vater,« hob da Else an, »laß deinen Mut und deine Freudigkeit nicht sinken. Kennst du nicht den herrlichen Liedervers aus dem Gesangbuche, der mit den Worten beginnt:
Denk nicht in deiner Drangsalshitze, Daß du von Gott verlassen seist.
Siehe, der Dichter des Liedes, aus welchem jener Vers stammt: >Wer nur den lieben Gott läßt walten<, Georg Neumark, war, wie mir neulich unser lieber Herr Pfarrer, der dich so oft in deiner Krankheit besucht und tröstet, erzählte, in so bittere Not geraten, daß er seine liebe Geige versetzen mußte. Da fand er in seiner Herzensangst, wie von Gott gesandt, einen reichen Gönner, der ihm half. Aus Freude darüber sang er sein Lied: >Wer nur den lieben Gott läßt walten<. Das hat seither schon manche Träne getrocknet und manchen Kreuzesträger gestärkt.« Vater Christoph wurde ruhig und in frommer Ergebung sprachen seine zitternden Lippen:
»Denn welcher seine Zuversicht Auf Gott setzt, den verläßt er nicht.«
Da schritt auf der Landstraße ein hübsches Mädchen einher, dem Dorfe zu. Es mußte einen weiten Weg zurückgelegt haben und schien ermüdet zu sein. Unter dem Arme trug die Kleine ein Bündel Kleider.
Als sie sich der Hütte näherte, rief sie den beiden Alten zu: »Grüß Gott! Könnt ihr mir wohl sagen, wo in diesem Dorfe der alte Köhler Christoph wohnt?«
»Der bin ich selbst,« antwortete der Alte und im nächsten Augenblicke lag das Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Ihr seid mein Oheim. Ich bin Eure Nichte, die Mutter ist vor einer Woche gestorben, ihr letzter Gruß galt Euch.«
Da trat Mutter Else herbei, streichelte dem Kinde die Wangen und sprach: »Sei uns herzlich willkommen, armes Kind, du bleibst von nun an bei uns. Wir wollen dich hegen und pflegen und lieben als unser eigenes Kind.« Christoph gab dem Kinde treuherzig die Hand und sprach: »Gott segne dich.«
Nun mußte Susi -- so war ihr Name -- in die Hütte eintreten, daß sie sich ausruhe und erfrische. Else bereitete ihr ein Lager von Heu und Blättern und auf ihrem ärmlichen Lager ruhte Suschen so süß wie auf weichem Flaum und liebliche Träume umgaukelten sie während der Nacht.
Seit Susis Ankunft war es im Hause lebhafter geworden. Frühmorgens schon sang sie mit silberheller Stimme ihre Lieder und begleitete sie am Abend mit der Zither, fröhliche Geschichten erzählte sie dem Oheim, so daß ihm zuweilen ein Lächeln ankam; aber Mutter Else blieb still und gedrückt. Sie sann immer darüber nach, wie sie dem Mädchen Kleidungsstücke und ein besseres Lager schaffen könnte, zumal der Winter im Anzuge war. Doch das gute Mütterchen fand trotz allen Grübelns keinen Ausweg.
So war sie denn eines Morgens in den Wald gegangen, um dürres Holz zum Feuermachen zu sammeln, als sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich vernahm. Es war ein Kräutersammler, welcher einen Kasten mit Salben und Kräutern für Kranke auf der Schulter trug. Er grüßte Else und bot ihr seine Waren an.
»Ach,« erwiderte diese, »das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt Ihr gewiß nicht in Eurem Kasten. Mein Mann ist schon jahrelang von der Gicht geplagt; ich würde für das Kraut, das ihm helfen könnte, mein liebstes Andenken, eine große Silbermünze, die mir mein Pate zur Einsegnung schenkte, mit Freuden daran geben.«
Der Fremde ging mit ihr zur Hütte. Dort hatte Susi schon fleißig gewirtschaftet, das Bett des Kranken gemacht, die Stube gefegt und die Fenster geöffnet. Der Kräutermann verwandte kein Auge von dem schmucken, flinken Mädchen.
»Ist das Eure Tochter?« fragte er Else.
»Nein, lieber Herr,« antwortete diese, »sie ist meiner Schwägerin Kind aus dem Böhmerlande, eine Waise, und erst seit kurzer Zeit bei uns.«
Nun wandte sich der Kräutermann dem Kranken zu, fragte nach der Art seines Leidens und nahm aus seiner Kräuterbüchse einen Büschel grünen, stark riechenden Krautes. Das mußte Else kochen und mit dem Wasser die lahmen Glieder des Kranken waschen. Eine Bezahlung wies der freundliche Mann zurück und erklärte, er wolle nur ein Stündchen in der Hütte ausruhen.
Inzwischen war Susi mit ihren Morgenarbeiten fertig geworden und fragte die Base, was sie nun schaffen solle.
»Kannst du spinnen, mein Kind?« erwiderte diese. Susi schüttelte den Kopf.
»Nun, so will ich es dich lehren. Siehe, mit der einen Hand ziehe ich den Faden, während die andere die Spindel dreht.«
Der Fremde aber trat dazwischen und sprach: »Ich habe ein neues Spinngerät zu Hause. Damit geht's weit flinker und geschickter, ich will es holen und wette, daß Susi in kürzerer Zeit ihre Weife bezieht als Ihr, Mutter Else.«
Schon wenige Stunden später kam der Kräutermann mit einem Spinnrade zurück, dessen Gebrauch den alten Köhlersleuten noch ganz unbekannt war. Es war ein zierlich gedrechseltes Gerät, oben stak auf dem Wockenstock ein Bündel Flachs, welches von einem Wockenbrief gehalten wurde, auf welchem ein sinniger Spruch stand. Flink drehte der Fremde das Rädchen, daß es summte und brummte, und Susi sah aufmerksam zu, wie er mit den Füßen trat, den Faden zog, befeuchtete, bis sich die Spindel mit Garn füllte.
»Das Spinnrad schenke ich dir, Susi,« sagte der Kräutermann, »du wirst viel Freude daran haben und mancher Gewinn wird deine Arbeit lohnen. Auch werde ich dir einen Garnhändler zuschicken, der dir deine Arbeit gut bezahlt.«
Nun spann das fröhliche Mädchen vom Morgen bis zum Abend, sang lustige Liedchen dazu und drehte das Rädchen so flink, daß Oheim und Base ihre helle Freude daran hatten. Der fremde Garnhändler kam jeden Sonnabend, um das Gespinst zu kaufen. Er lobte die feine, gleichmäßige Arbeit und zahlte reichlichen Lohn.
Auch mit dem kranken Christoph wurde es von Tag zu Tag besser, bald wurden die Glieder wieder gesund und kräftig und im nächsten Frühjahr hatte er seine völlige Gesundheit wiedererlangt.
Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der »neuen Erfindung«, wie sie die Spinnräder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Räder verdiente Christoph so viel Geld, daß schon ein gewisser Wohlstand in die arme kleine Hütte einkehrte.
Der Gedanke, daß ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu schlafen müsse, beunruhigte Mutter Else indessen so, daß sie beschloß, auf dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafür bestimmt hatte, reichte nicht aus, so daß sie von dem Kaufe Abstand nehmen mußte.
Gar traurig ging sie von dannen. Plötzlich stand der gute Kräutermann vor ihr, überrascht erfaßte sie seine Hand, erzählte ihm, daß ihr Mann gesund geworden sei und dankte ihm für seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete nicht, sondern drückte ihr ein Geldstück in die Hand, welches so viel galt, daß sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte.
Mit fröhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gerätschaften und Bedürfnisse für den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkäufe auf seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster saß Susi, drehte ihr flinkes Rädchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem Häuschen hielt. Verwundert hörte er dem Gesange der fleißigen Spinnerin zu. Als sie die Base bemerkte, sprang sie fröhlich aus dem Hause und schickte sich an, das Bett in das Haus zu tragen.
Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glücklich er sein würde, wenn einmal das liebevolle, muntere und fleißige Mädchen sein Weib würde. Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in der Hütte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre freudige Zustimmung. Susi knüpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, daß ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt.
Nur ein Gedanke trübte Susis Freude über ihr Glück; sie brachte keinen Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war für die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden.
So saß sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an die Scheiben pochte und draußen der Garnhändler stand, welcher ihr freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr die künftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden.
Draußen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein Zettel, worauf geschrieben stand: »Der fleißigen Susi zum Brautschatz.« Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche Hochzeitsgeschenk des Garnhändlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals und jubelte wie ein Kind.
So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger Ostertag. Wie die Erde draußen im sonnigen, jungfräulichen Frühlingskleide prangte, so anmutig und überraschend lieblich war die Erscheinung der jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blühender Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Bräutigam und ein stilles Wohlgefallen ging über seine Züge, wenn er auf seine liebliche Braut herabsah.
Als die Trauung vorüber war und das Paar seinen Weg rückwärts nahm, da stand plötzlich der alte gute Kräutermann vor ihnen und reichte Susi einen frischen, blühenden Strauß, indem er sprach: »Die schönsten Tugenden eines Weibes sind Fleiß, Gottvertrauen und Demut. Sie sind köstlicher und wertvoller als alle Schätze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lässest, wird dieser Strauß nie welken und dein Glück wird stets vollkommen sein.« --
Nach diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutermannes in Luft und »Rübezahl« erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen armer Menschen in Glück und Freude verwandelt hatte.
9. Der geizige Bäcker.
Noch mehr als den Hochmut haßte Rübezahl den Geiz. Denn der Hochmut ist vielfach erst die Folge des Geizes, wie denn das Schriftwort zu allen Zeiten recht behalten wird: »Der Geiz ist eine Wurzel alles Übels.«
In der Stadt Hirschberg lebte ein reicher Bäcker. Bei der Bürgerschaft stand er in hohem Ansehen und mancherlei Ämter der Stadt vereinigte er in seiner Person. Bei den Beratungen der Stadtbehörde gab seine Stimme oft den Ausschlag, und wenn er im Ratskeller an dem großen, runden Bürgertische saß, dann führte er das große Wort. Aber an seinem Gelde hing sein ganzes Herz; es war ihm gleichgültig, wenn die Handwerker, welche für ihn arbeiteten, oft empört auf ihn schalten, wenn er ihnen Abzüge von ihrem Tagelohn machte. Zum Heizen seines Backofens gebrauchte er viel Holz, welches die Bauern aus den benachbarten Dörfern lieferten. Von diesen suchte er sich immer die ärmsten aus, machte ihnen einige Vorschüsse und forderte dann das Geld zurück. Konnten sie dann nicht zahlen, dann stellte er den Preis für das Holz möglichst niedrig und schädigte so die armen Leute mit solch schändlichem Handel.
Einst brachte ihm ein Bauer ein Fuder Holz, das er bei ihm bestellt hatte. Es wurde im Hof abgeladen und der Bäcker zog ihm, wie das oft geschah, einen Taler ab.
»Lieber Herr,« bat da der arme Bauer, »zieht mir diesmal nichts ab. Der Holzhandel bringt heuer so wenig ein. Ich bin arm und jeder Groschen ist zu Ausgaben bestimmt. Meine Gläubiger warten schon auf die Zinsen und ich kann den Verlust unmöglich tragen.«
Was tat der Geizhals? In aller Ruhe erklärte er dem Bauer, er möge sein Holz auf dem Hofe aufladen und wieder nach Hause fahren. Was tun? Ging der Bauer darauf ein, dann hatten er und die Pferde einen Tag Arbeit verloren, auch brauchte er das Geld zur Zinszahlung, deren Termin nahe bevorstand. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den Abzug gefallen zu lassen. Traurig fuhr er aus der Stadt zurück. Unterwegs holte er einen Handwerksburschen ein, der ermüdet seines Weges zog. Er ließ ihn aufsitzen und nun hatte er jemand gefunden, dem er seinen Ärger erzählen konnte. Der Handwerksbursche war kein anderer als der Berggeist. Aufmerksam hörte er die Geschichte an und beschloß in seinem Innern, dem herzlosen Geizkragen einen gründlichen Denkzettel zu verabfolgen. »Wenn er nur einmal in mein Gehege käme,« dachte er bei sich, »ich wollte ihm schon beikommen, daß er Zeit seines Lebens daran denken sollte.« Bald darauf stieg der Fremde ab, dankte dem Bauer und schenkte ihm einen Taler.
Am andern Morgen saß unser Bäcker behaglich in seinem Polsterstuhl, rauchte sein Pfeifchen und blickte zufrieden und behäbig durch die Fensterscheiben auf das geschäftige Treiben des Marktes. Da klopfte es an die Tür und auf sein »Herein« erschien ein großer, kräftiger Mann vor ihm und sagte:
»Ich habe gehört, Ihr habt Holz, das klein gehackt werden soll. Ich biete Euch meine Dienste an. Zwar bin ich kein Holzhacker, der sein Handwerk geschäftsmäßig betreibt, sondern ein Bürger aus Schweidnitz. Mir liegt nicht am Geldverdienen, sondern daran, daß mir das Holzhacken meine Gesundheit wiederbringen soll. Ich leide an der Leber und der Arzt hat mir tüchtige Bewegung verordnet. Ich will kein Geld für die Arbeit von Euch, wenn Ihr mir erlaubt, so viel gespaltenes Holz mit heimzunehmen, als ich in einer Hocke forttragen kann.«
»Das muß ein närrischer Kauz sein,« dachte der Bäcker im stillen und freute sich schon, solch billigen Kaufs davonzukommen. Großmütig lud er den Fremden ein, mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Dieser bewunderte die Ausschmückung der Stube und war besonders voller Erstaunens über die prächtige Decke.
»Dazu habt Ihr gewiß einen auswärtigen Maler kommen lassen, Meister,« meinte er, was der Bäcker schmunzelnd bejahte. Dabei schlug er auf seine geldgeschwollene Tasche, daß die Silber- und Goldmünzen darin Polka tanzten.
Am andern Morgen versprach der angebliche Schweidnitzer Bürger seine Arbeit zu beginnen.
Der Meister lag noch in den Federn, da hörte er es schon im Hofe klappern und krachen, splittern und sausen, daß er erschreckt seinen Schlafrock anzog und in den Hof ging, um zu sehen, was der Mann denn mit seinem Getöse treibe. Ein solches Krachen und Dröhnen hatte er bei den andern Holzhackern noch nicht vernommen. Aber mit weit offenem Munde blieb er in der Hoftür stehen und sah mit Entsetzen, wie der Holzmacher sein linkes Bein aus der Hüfte gezogen hatte und damit auf die Scheite einhackte, daß die Späne nur so flogen und sich ein Donnern und Poltern erhob, daß das ganze Haus in allen Fugen krachte.
Dem Bäcker wurde es angst und bange und er rief dem Fremden zu, er möge doch aufhören und sich fortscheren. Der aber tat, als hörte er es nicht und hieb immer unbarmherzig darauf los und ehe eine Viertelstunde verging, war das ganze Holz gespalten. Dann steckte er sein Bein wieder in die Hüfte, als ob nichts geschehen wäre, und begann alles gespaltene Holz zusammenzulesen und zu einer ungeheuren Hocke aufzuhäufen. Diese umschnürte er mit einem langen Seil, hob sie wie einen Spielball auf den Rücken und ging gleichgültig grüßend zum Tore hinaus.
Da stand nun der dicke Bäcker und schrie Angst und Wehe, ballte die Faust und stieß laute Verwünschungen hinter dem Abziehenden aus. Dieser Denkzettel hatte aber bei ihm gefruchtet. Er war seit jener Zeit wie umgewandelt, wurde mildherziger und entzog niemand mehr den verdienten Lohn. Zeigte sich aber hin und wieder einmal die alte Neigung, so mußte er stets an den merkwürdigen Holzhacker denken. Denn es war in ihm längst die Ahnung aufgegangen, daß ihm kein anderer als Rübezahl den Streich gespielt habe.
Dieser aber hatte seine Hocke vor dem Hause des armen Bauern abgesetzt, der höchst erstaunt war, als er plötzlich den Holzhaufen und noch dazu in zerkleinertem Zustande wiedersah. So hatte er sein Geld und Holz wieder. Er konnte sich auf lange Zeit eine warme Stube machen und seine Suppe dabei kochen; ja er gab sogar seinem armen Nachbarn noch einen Teil von dem reichlichen Holzvorrat.
10. Das sonderbare Wirtshaus.
Auf der Straße durch das Gebirge zogen drei muntere Studenten. Aus voller Kehle und frischer Brust ließen sie das alte Studentenlied erschallen:
Ich lobe mir das Burschenleben, Ein jeder lobt sich seinen Stand, Der Freiheit hab' ich mich ergeben, Sie bleibt mein bestes Unterpfand. Studenten sind fidele Brüder, Kein Unfall schlägt sie ganz danieder. --
»Was Unfall,« meinte der eine, »was könnte uns wohl passieren; uns gehört die Welt und wenn der Beutel auch in unserer alten Musenstadt Prag ein wenig schmal geworden ist, was verschlägt's? Sind wir erst über das Gebirge gelangt, dann lacht uns die Heimat entgegen und in den Ferien gibt's wieder Geld in Vaters Haus.«
»Nun, so weit sind wir aber noch lange nicht,« meinte der zweite, ein hochgewachsener, blonder Jüngling, »der Weg über das Gebirge wird uns sauer werden, zumal meines Wissens kein Wirtshaus uns zur Erholung und Einkehr einlädt, wie uns in der letzten Herberge versichert wurde.«
»Das hat,« so nahm Philipp, der dritte der Studenten, welcher in Prag Rechtswissenschaft studierte, das Wort, »darin seinen Grund, daß der Herr des Gebirges, Rübezahl, die Errichtung eines Wirtshauses auf seinem Gebiet verbietet.«
»Tor,« erwiderte Hans, der erste der drei, »glaubst wohl noch an Spuken. Das sind Kindermärchen, die man sich in den Spinnstuben erzählt. Geh zu den alten Großmüttern und erzähle ihnen das, aber uns verschone mit solchem albernen Geschwätz.«
»Gemach,« warf Philipp ein, »lieber Freund. Weißt du nicht, daß vor vier Jahren, also im Jahre 1607, auf dem Markte unserer Stadt vom Büchermann ein Buch feilgeboten wurde, das von einem gelehrten Manne, namens Schwenckfeldt, verfaßt war und reißenden Absatz fand? Es führt den Titel >Hirschbergischen Warmen Bades in Schlesien unter dem Riesengebirge gelegenen kurtze und einfältige Beschreibung<. Darin habe ich mancherlei vom Rübezahl gelesen --«
»Was nicht wahr ist« -- fiel ihm Georg, der blonde Jüngling, ins Wort -- »denn Schwenckfeldt behauptet nirgends, daß er selbst den >Ribenzahl< oder >Ribinzagel<, wie er ihn nennt, gesehen hat. Er gibt nur die Erzählungen des Volkes wieder.«
»Mir wär's schon recht, daß es einen Rübezahl gäbe,« brach Hans das Gespräch ab, »wenn nur der alte Knabe schnell für uns hier oben ein Wirtshaus baute, denn es ist ein wahres Elend, hier unter den Strahlen der glühendsten Sonnenhitze einherstapfen zu müssen, ohne einen Trank oder einen Imbiß zu finden. Mir ist unbegreiflich, daß sich hier kein Wirt anbaut; er würde bei dem lebhaften Wanderverkehr sicherlich sein Geschäft machen.«
»Weil,« sagte Philipp, »wie ich bereits erwähnte, die Leute Furcht vor dem Herrn des Gebirges haben.«
»Nun höre mir aber endlich mit dem Popanz, dem Rübezahl, auf, lieber Freund,« rief Hans ärgerlich.
»Na -- wer sagt's denn,« jubelte da plötzlich Georg auf, »dort steht ja das ersehnte Wirtshaus!«
Die beiden andern Studenten trauten kaum ihren Augen, denn vor ihnen lag in der Tat ein stattliches Gebäude, aus dessen Schornstein der Rauch über die Tannen wirbelte. Vor dem Hause war ein Blumengarten angelegt, in welchem Rosen, Nelken, Rittersporn, Astern und Sonnenblumen blühten, und eine Kegelbahn lud zum Kegelspiel ein. Vor dem Hause stand der behäbige Wirt mit kurzem Rock, kurzen, schwarzen Samthosen, roten Strümpfen und glänzenden Schuhen. Ehrerbietig zog er sein Käppchen, verneigte sich vor den Studenten und erklärte ihnen, daß es ihm eine besondere Ehre sein würde, die Herrschaften in seinem bescheidenen Gasthof bewirten zu dürfen. Er würde alles aufbieten, um ihren Ansprüchen in jeder Weise gerecht zu werden.
»Nun, allzu lang wird Euer Speisezettel wohl nicht sein,« meinte Hans, den die Anrede des Wirtes ein wenig übermütig gemacht hatte.
»Befehlt nur, ihr Herren,« erwiderte der Wirt, »was Küche und Keller bieten, soll euch werden.«
»Wohlan,« sagte Hans, »so bringt uns drei gebratene Feldhühner in Savoyerkohl, eine Schüssel schöngesottener Krebse und dazu eine Flasche des ältesten Landweins, je älter desto besser.«
Hierauf traten die Studenten ins Herrenstübchen ein, legten ihr Ränzel ab und machten sich's bequem, während der Wirt in Küche und Keller eilte, das Bestellte zu besorgen.
Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte er zurück, deckte den Tisch mit einem kostbaren Tischtuch, legte silberne Bestecke auf und tat so, als ob er fürstliche Herrschaften zu bedienen habe. Während er alles ordnete, meinte er: »Es hält jetzt schwer, Feldhühner zu bekommen und auch von den Krebsen bringe ich heute die ersten auf den Tisch. Aber für gutes Geld wird alles geschafft.« Er tat gar nicht, als ob er die Verlegenheit der jungen Herren bemerkte, sondern brachte außer dem Landwein noch eine Flasche Tokaier.
Philipp wurde es unheimlich; ihm stieg eine Ahnung auf, daß das Wirtshaus ein bezaubertes und der Wirt kein anderer sei als Rübezahl.