Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges
Part 4
Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: »Als ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für eine weise Lehre gab?«
Sie sprach: »Welche?«
»Jeder, sagte er, sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen schmieden, so lange es heiß sei; drum laß' uns nun die Hände rühren und unserm Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren den Vorschuß nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig seien.«
Darauf kaufte er einen Acker und eine Wiese, dann wieder einen und noch einen, dann eine ganze Hufe; es war Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein Hecktaler darunter wäre. Veit säete und erntete, wurde schon für einen wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel besaß noch immer ein kleines Kapital zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Ertrag brachte; kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glück gedieh.
Der Zahlungstag kam nun heran und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht und an dem bestimmten Tage war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder, hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Feiertagsrock herbei und rief zum Fenster hinaus: »Hans, spann' an!«
»Mann, was hast du vor?« fragte die Frau, »es ist heute weder Feiertag noch Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?«
Er antwortete: »Ich will mit euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder aufgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.«
Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur gekrümmter Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an und sie trabten mutig über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.
Vor einem steilen Hohlwege ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und ließ die anderen ein Gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: »Hans, fahr' gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten, und ob's auch ein wenig lange dauert, so laß dich's nicht anfechten, laß die Pferde verschnaufen und einstweilen grasen; ich weiß hier einen Fußpfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln!«
Darauf schlug er sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein durch dicht verwachsenes Gebüsch und spähte hin und her, die Frau meinte, ihr Mann habe sich verirrt; sie ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der Landstraße zu folgen.
Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her und redete also: »Du wähnst, liebes Weib, daß wir zu deiner Freundschaft ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind Knauser und Schurken, die, als ich damals in meiner Armut Trost und Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnet und mit Übermut von sich gestoßen haben. -- Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in den drei Jahren in meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden, Zins und Kapital ihm wieder zu erstatten. Wißt ihr nun, wer unser Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!«
Das Weib entsetzte sich heftig über diese Rede, schlug ein Kreuz vor sich, und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und Schrecken, daß sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in den Spinnstuben von ihm gehört, daß er ein scheußlicher Riese und Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der Berggeist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei, und was er mit ihm verhandelt in der Höhle habe, pries seine Mildtätigkeit mit dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen über die Backen herabträufelten.
»Wartet hier,« fuhr er fort, »jetzt geh' ich hin in die Höhle, mein Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange ausbleiben und wenn ich's vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring' ich ihn zu euch. Scheuet euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich seiner guten Tat und unsers Danks gewiß! Seid nur beherzt, er wird euch goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.«
Ob nun gleich das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten, sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an den Rockfalten zurückzuziehen sich abmühten, so riß er sich doch mit Gewalt von ihnen, drang in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch, wie sie vor drei Jahren gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit versuchte auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu eröffnen, er nahm einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief, so laut er nur konnte: »Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist!« Doch der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren.
Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm freudevoll entgegen; er war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine Zahlung nicht an seinen Gläubiger abliefern konnte, setzte sich zu den Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei.
Da fiel ihm sein altes Wagestück wieder ein. »Ich will,« sprach er, »den Geist bei seinem Spottnamen rufen; wenn's ihn auch verdrießt, mag er mich bläuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf gewiß.« Darauf schrie er aus Leibeskräften: »Rübezahl! Rübezahl!« Das angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, und wollte ihm den Mund zuhalten; er ließ sich aber nicht wehren und trieb's immer ärger. Plötzlich drängte sich jetzt der jüngste Bube an die Mutter an und schrie bänglich: »Ach, der schwarze Mann!« Getrost fragte Veit: »Wo?« »Dort lauscht er hinter jenem Baume hervor.« Und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts; es war Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz Rübezahl kam nicht zum Vorschein und alles Rufen war umsonst.
Die Familie trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging ganz betrübt und schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Weg kleine Staubwolken empor. An diesem lustigen Spiel vergnügten sich die Kinder, die nicht mehr an Rübezahl dachten, und haschten nach den Blättern, mit welchen der Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er's nicht erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der's endlich bedeckte; weil's nun ein schöner, weißer Bogen war und der sparsame Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: »Zu Dank bezahlt.«
Wie das Veit las, rührte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem Entzücken: »Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch; er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns mit frohem Herzen heimkehren!«
Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen Vettern zu beschämen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an, aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoßen worden war. Er pochte diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem erfuhr Veit, daß die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete mit seiner Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles weitläufiger erzählte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang.
6. Der kleine Peter.
In dem Dorfe Krumhübel, welches im Riesengebirge unweit der Schneekoppe liegt, wohnte ein armer Holzhacker. Er nährte sich und seine Familie, bestehend in seiner Frau und seinem kleinen Knaben Peter, nur kümmerlich. Da starb ihm eines Tages seine Frau. Da er beim Holzhacken im Walde sein Brot verdienen mußte, so hätte er sich der Erziehung und Pflege seines Knaben nicht widmen können, wenn nicht eine Anverwandte von ihm, die Muhme aus Fischbach, sich bereit erklärt hätte, ihm die Wirtschaft zu führen und den Knaben in Aufsicht zu nehmen. Peter war ein kleiner aufgeweckter, allezeit fröhlicher Bursche, der immer vergnügt sein Liedchen trällerte und wohlgemut auf- und absprang. Die Muhme aber war durch mancherlei schwere Lebenserfahrungen verbittert, sah mürrisch und scheel auf das aufgeweckte Treiben des Knaben herab und setzte ihm, so oft sie ihn erblickte, mit Zanken, Keifen und harten Worten zu.
Sie schwärzte Peter auch bei dem Vater an, wenn er am Abend aus dem Walde zurückkam, und dann tanzte der Haselstock oft auf Peterchens Rücken und die Beteuerungen der Unschuld halfen dem armen kleinen Schelm nichts.
Die Folge davon war, daß Peter den Tag über möglichst das Haus floh und am liebsten auf dem Felde draußen sich aufhielt, wo er im Sommer die bunten Blumen im Getreide pflückte oder dem Gesange der Vögel lauschte. Wie lieblich klang das in seinen Ohren; ganz anders als das mürrische Gezänk der Alten im engen Hause. Im Winter freilich mußte er im Stübchen bleiben, dann ging's ihm schlecht. Dann war seine einzige Freude, hinaus vor die Haustür zu treten und den zirpenden Sperlingen und Meisen Krumen von seinem Stück trockenen Schwarzbrotes zu streuen. Denn Peter hatte ein mildes Herz, er erbarmte sich, wie alle Kinder im Winter tun sollten, der frierenden, hungernden Vögel; und obwohl er sich selbst etwas von seinem Frühstück entzog, hatte er doch seine helle Freude an den gefiederten Gästen, wenn sie, ehe er vor die Tür trat, ihn ungeduldig lockten, als ob sie sein Kommen erwarteten.
Eines Abends kündete der Vater der Muhme an, daß am nächsten Sonntage ein Bruder von ihm zum Besuch kommen werde. Die Muhme kaufte am nächsten Tage einen großen Hecht und setzte ihn einstweilen in einem kleinen Fischkasten in das Wasser, damit er nicht stürbe, ehe sie ihn schlachtete.
»Du armes Tier,« sagte Peter, als er an dem Kasten vorüberkam, »in diesem kleinen Raume sollst du leben und atmen, du wirst sterben, wenn dir die Freiheit nicht bald wiedergegeben wird.« Von diesem Gedanken geleitet, entnahm er dem Kasten den zappelnden Fisch und warf ihn in den Dorfbach. Als nun tags darauf die Alte den Hecht schlachten wollte, da war er längst von dannen geschwommen. Da sauste denn eine tüchtige Tracht Prügel auf Peter hernieder und seine Freude über seine gute Tat sollte ihm bald gründlich vergällt werden.
»Habe ich dich denn, du nichtsnutziger Bursche, wieder einmal bei einem Schabernack abgefaßt; nun warte nur, du Taugenichts, bis der Vater nach Hause kommt, der soll dir den verlorenen Hecht mit dem Stocke wieder suchen helfen.« Da gab's am Abend wieder hageldicke Hiebe und mit Weinen und Schluchzen mußte Peter sein Lager aufsuchen.
Als der Knabe am andern Morgen hinaus zum Spiel in den Wald gehen wollte, rief ihm die Muhme kreischend nach: »Du Faulenzer, brauchst draußen nicht umherzugaffen und dir die Sonne in den Mund scheinen zu lassen. Flugs nimm den Sack hier, gehe hinaus auf die Getreidefelder und lies Ähren. Wage dich aber nicht eher nach Hause, als bis du den Sack damit gefüllt hast.« --
Niedergeschlagen ging der Knabe auf das erste Kornfeld und suchte fleißig Ähren auf, aber der Boden des Sackes war nach zwei Stunden kaum bedeckt. Die fleißigen Ortsbewohner hatten auf dem Feld bereits Nachlese gehalten und nur wenige Halme liegen gelassen. Auch auf den andern Feldern hatte er denselben Erfolg und am Abend war der Sack noch nicht bis zur Hälfte gefüllt.
Die Sonne ging unter. Da traten dem kleinen Peter die Tränen in die Augen und er wußte keinen Ausweg in seiner Not.
»Warum weinst du, mein Sohn,« ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen und ein alter Jägersmann stand an seiner Seite.
Peter erzählte unter Tränen treuherzig sein Leid, wie die böse Muhme ihn tagtäglich peinige und ihm das Leben sauer mache.
»Dann müßte sie eine tüchtige Strafe erhalten, denn es ist grausam, dir solche Aufträge zu erteilen, deren Ausführung unmöglich ist.«
»Nein,« entgegnete der Knabe, »ich möchte nur, daß die Muhme einmal fröhlich würde, den ganzen Tag lachte und vor Freude in die Luft spränge.«
»Dann soll dir und ihr geholfen werden, mein Sohn,« war die Antwort des Jägers. Er zog darauf ein kleines Pfeifchen hervor und pfiff so laut, daß es in den Ohren gellte. Im Nu rauschte ein großer Schwarm Sperlinge hernieder. Sie lasen die Halme mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein Häufchen zusammen und der Jäger wies darauf hin und sagte: »Hier, mein Sohn, fülle den Sack damit an.«
Peter gehorchte voller Freude und der Jäger legte hierauf den vollen Sack auf seine Schulter, doch er war so leicht, als wenn gar nichts darin wäre. Als er sich umwandte, seinem Wohltäter zu danken, war dieser verschwunden; die Sperlinge aber begleiteten ihn bis ins Dorf und an ihrem Zwitschern erkannte er, daß es seine Freunde vom Winter her waren.
Die Muhme empfing ihn wieder mit mürrischem Gesicht, aber als sie ihm keine Vorwürfe machte, meinte Peter, er habe sie versöhnt.
Seine Annahme aber war ein Irrtum. Kaum graute der Morgen, so erschien die Alte vor seinem Bett und rief laut: »Stehe fix auf und fang' ein Gericht Fische im Teiche, daß ich sie deinem Vater, der krank geworden ist, kochen kann. Kommst du mit leeren Händen zurück, so kann ich ihm nichts zu essen geben und die Krankheit verschlimmert sich.«
Peter nahm sein kleines Fischnetz und ging hinaus zum Teiche. Die Krankheit des Vaters hatte ihn traurig gestimmt und er nahm sich vor, fleißig zu fischen, um dem kranken Vater ein Gericht zu seiner Stärkung zu verschaffen. Aber Stunde um Stunde verging, der Mittag kam und das Netz blieb leer. Vor Angst weinend schaute er nach dem alten Jäger aus und richtig! -- da stand er wieder am Bachesrand, der alte freundliche Mann.
»Schon wieder Kummer, Peterchen, und Tränen im Auge, scheinst nahe ans Wasser gebaut zu haben, oder hat dir die hartherzige Muhme wieder einen Auftrag gegeben, der dir mißfällt,« begann der Jäger.
»So ist's,« entgegnete der Knabe, »dies Netz voll Fische nach Hause zu bringen, ist diesmal ihr Begehr.«
Da pfiff der Jäger wieder auf seinem Pfeifchen. Da kam ein großer Hecht herangeschwommen und trieb eine Menge kleiner Fische vor sich her, die schlüpften alle in das Netz und Peter mußte es mehrmals ausleeren. Helle Freude ging über sein Gesicht und mit inniger Freude dankte er seinem Wohltäter.
»Kennst du aber dort den großen Fisch nicht mehr? Es ist derselbe, den du aus dem Fischkasten genommen und in den Bach getragen hast.«
Verwundert schaute Peter dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt langsam im Teiche hinschwamm. Wieder war der rätselhafte Jägersmann verschwunden und Peter lief glücklich und hocherfreut nach Hause; von dem Fange konnte sich der Vater viele Tage lang satt essen.
Als der Knabe die Aufträge der Muhme pünktlich ausgeführt hatte, beschlich sie tödlicher Haß auf den Knaben und schon am andern Morgen hatte sie eine neue Bosheit ersonnen. Sie wollte den Knaben gar zu gern los sein. Darum herrschte sie ihn an: »Flugs, eile dich, deines Vaters Krankheit ist ernster geworden, hier kann nur noch eine Pflanze, das Wurzelmännchen genannt, helfen. Aber es wächst nur auf jenem Teil des Gebirges, wo der Herr des Gebirges, Rübezahl, haust. Ruf' ihn und wenn er erscheint, so bitte ihn um das Wurzelmännchen für deinen kranken Vater. Bleib aber so lange im Gebirge und ruf ihn, bis er deine Bitte gewährt.« Dabei dachte sie in ihrem arglistigen Herzen: »Nun bin ich den verwünschten Jungen los, denn Rübezahl wird ihm den Hals umdrehen, wenn er ihn bei seinem Spottnamen ruft.«
Peter ergriff seinen Stab, pfiff sich ein lustiges Liedlein und trabte wohlgemut dem Gebirge zu. Wohl hatte er von seinen Schulkameraden allerlei Schauergeschichten von »Herrn Johannes«, wie sich Rübezahl selbst bezeichnete, gehört, doch tröstete er sich mit der Überzeugung, daß auch der Berggeist ihn nicht mehr Leides antun könne als die böse Muhme daheim.
Eben wollte er, auf einer Anhöhe des Gebirges angekommen, seinen Mund zu einem kräftigen »Rübezahl, Rübezahl!« öffnen, als eine Stimme hinter ihm rief: »Nun, mein Peterchen, willst wohl verreisen? Oder hat dir die Muhme den Laufpaß gegeben; willst du den alten kranken Vater verlassen?«
»Nein,« antwortete der Knabe dem freundlichen Jäger -- denn dieser war es --, »denkt Euch, ich soll Rübezahl aufsuchen und von ihm ein Wurzelmännchen holen, davon wird der Vater gesund werden, sagt die Muhme.«
»Aber fürchtest du dich nicht vor dem mächtigen Berggeist?«
»Bewahre, wie wird er wohl! Der straft Leute, die ihn verhöhnen, ich aber komme, daß er meinem kranken Vater helfen soll. Und wenn dabei ein paar Püffe und Schläge abfallen, so sind sie mir nichts Neues, denn sie sitzen in der Hand der Muhme immer gewaltig locker.«
Belustigt entgegnete der fremde Jägersmann. »Du bist ein Prachtkerl, kleiner Peter, aber vielleicht wird dir dein Rufen nichts helfen, der Berggeist ist zuweilen verreist. Wir Forstleute bringen unsere Zeit meist im Walde zu und kennen alle Kräuter und Wurzeln und sind wohlvertraut mit ihren heilenden Wirkungen. Hier hast du ein Wurzelmännchen, hänge es deinem Vater um den Hals, so wird er gesund werden.«
Der Fremde verschwand vor Peters Augen. Dieser aber eilte, das Wurzelmännchen fest in der Hand haltend, in seine väterliche Behausung.
Die Muhme kam ihm schon in der Tür entgegen mit einem gar grimmigen Gesicht und murmelte: »Unkraut vergeht nicht.« Da hielt ihr Peter den Wurzelmann grade vor die Nase. Es war ein wunderliches Geschöpf mit dickem, boshaft grinsendem Kopf und einem daran hängenden langen Zopf, dessen Länge diejenige des ganzen Männchens bei weitem übertraf. In demselben Augenblick, als der Knabe der Alten den Wurzelmann zeigt, ging mit dieser eine wunderbare Wandlung vor, sie lachte und sprang hoch in die Luft vor ausgelassener Freude den ganzen Tag über, so daß sie am Abend müde und zerschlagen war von allem Toben und Tanzen. Aus Angst, daß sich diese Vorgänge wiederholen würden, schnürte sie ihr Bündel und verschwand aus dem Dorfe.
Da fiel es dem kleinen Peter wieder ein, wie er gegen den Jägersmann, als er ihm das erstemal begegnete, geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme einen ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun kam ihm die Erkenntnis, daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und dieser ihm die Ähren, die Fische und das Wurzelmännchen geschenkt habe.
Peter hatte nun gute Tage, denn der Vater wurde wieder gesund. Er ging mit ihm fleißig auf die Arbeit und half ihm mit Rat und Tat, so daß sie bald rüstig vorwärts kamen und der Vater viel Freude an seinem Sohn erlebte. Die Muhme aber soll vor Neid und Mißgunst gestorben sein.
7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse.
So sehr sich's auch der Bauer Veit, dessen Erlebnis wir früher behandelten, hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glückes zu verhehlen, um nicht ungestüme Bittsteller anzureizen, den Berggeist um ähnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine Seifenblase vom Strohhalm. Veits Frau vertraut's einer verschwiegenen Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem Dorfbarbier, dieser allen seinen Bartkunden; so kam's im Dorfe und hernach im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, reizten den Berggeist durch Zurufe und beschworen ihn, zu erscheinen. Zu ihnen gesellten sich Schatzgräber und Landstreicher, die das Gebirge durchkreuzten, allenthalben in die Erde gruben und den Schatz in der Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlang ihr Wesen treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert, sich über die Kerle zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da und dort ein blaues Flämmchen auflodern und wenn die Laurer kamen, ihre Hüte und Mützen darauf warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf ausgraben, den sie mit Freude heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das alte Spiel wieder anzufangen und neuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der Geist endlich unwillig, stäupte das lose Gesindel durch einen kräftigen Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so barsch und ärgerlich, daß keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch selten ohne Staupe entrann und der Name Rübezahl wurde nicht mehr gehört im Gebirge seit Menschengedenken.
Eines Tages sonnte sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam ein Weib ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an der Brust liegen, eines trug sie auf dem Rücken, eines leitete sie an der Hand und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachte Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier Kindern, wartet dabei ihres Berufs ohne Murren und wird sich noch mit der Bürde des Korbes belasten müssen.