Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges

Part 3

Chapter 33,863 wordsPublic domain

»Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn meiner Nachbarin. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, liebte mich so standhaft und herzig, daß ich ihm ewige Treue gelobte. Ach, das Herz des braven Menschen habe ich vergiftet, hab' ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er sein Leben verwirkt hat!«

Der Berggeist rief erstaunt: »Du?«

»Ja, Herr,« sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab' ihn gereizt, einen Straßenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plündern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehalten und, o Herzeleid! morgen wird er abgetan!«

»Und was hast du verschuldet?« fragte verwundert Rübezahl.

»Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen.«

»Wie das?«

»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge und als es zum Abschied ging, sprach er: >Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten Male blüht und die Schwalbe zum Nest trägt, kehr' ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib;< und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff' dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.< Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. >Ach, Klärchen,< seufzte er tief, mit einer Träne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte meinem Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun verschmähst du mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: >Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur meine Hand versag' ich dir für jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.< >Wohlan,< sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muß. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!< -- So hab' ich ihn betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewiß verabscheute.«

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der Dirne: »Warum,« fragte er, »erfüllst du aber hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Bräutigam nichts nützen und frommen können?«

»Lieber Herr,« fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter diesem Baume.«

»Und was willst du in Hirschberg tun?«

»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klagegeschrei die Stadt erfüllen und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Benedix dem schmählichen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«

Rübezahl wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund' an seiner Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Bräutigam wiederzugeben beschloß. »Trockne ab deine Tränen,« sprach er mit teilnehmender Gebärde, »und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rüste geht, soll dein Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür deines Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hüte dich, ihn wieder wild zu machen durch deinen spröden Sinn. -- Du sollst auch wissen, daß er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen.«

Das Mädchen, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf und sie sprach voll froher Zuversicht: »Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie Ihr sagt, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein, daß Ihr das alles so wißt.«

»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein, der bin ich wahrlich nicht; aber ich kann's werden und du sollst's erfahren! Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.« Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehörig zum Tode vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht gewünscht hatte, begegnete ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzen, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf den Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

»Das Heil deiner Seele,« redete er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen, dich nach etwas zu fragen. Sag' an, denkst du auch noch an Klärchen? Liebst du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen.

»Armer Benedix,« sprach er, »gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entführen und der Bande zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Laß sehen,« fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Händen und Füßen. Hierauf wechselte der gutmütige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast; dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.«

Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen, zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix über die Schwelle des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein ehrwürdiges Gewand gab ihm die Gewähr, daß keiner der Wächter in ihm einen Verbrecher vermutete.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf jedes Rauschen des Windes und spähete nach jedem Fußtritt der Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letzten Male ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerk. Klärchens Lampe fing an, dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: »Benedix, Benedix! Was für ein banger Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!« Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten und Totenstille war um sie her.

Da pocht's dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rührte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Feins Liebchen, bist du wach?« -- Husch war sie an der Tür. -- »Ach, Benedix, bist du's oder ist's dein Geist?« Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurück und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem Erstaunen und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger; aber sie hatte nichts zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich, daß sie schwerer als ein Hufeisen, brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem Raube des Händlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer Bürger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden. Rübezahl hatte die Rolle des Verurteilten übernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte diese Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung zu erhalten, und beschloß seine Rede mit den Trostesworten: »So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, sieh, so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzuführen ins schöne Paradies.« Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, hörte seine Beichte und sprach ihn los von seinen Sünden.

Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Auf dem Platze der Hinrichtung verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, daß er dem Tode verfallen sei, einen Stab über dem Kopfe des Verurteilten entzwei. Danach führten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel so arg, daß dem Henker dabei übel zumute ward; denn es erhob sich ein plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an, als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rübezahl am Galgen sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gerücht um, der Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das bewog die Stadtbehörde, des Morgens in aller Frühe durch einige Abgeordnete die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in Erbsen zu stellen, die genäschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darüber wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.

5. Rübezahl und der Bauer Veit.

Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige, gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.

»Mit hundert Talern,« sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wäre uns geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.«

Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber gürtete frühe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verließ, sprach er ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen Wohltäter finden, der uns helfen wird.« Hierauf steckte er eine harte Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon.

Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern. Einer sprach: »Junges Blut, spar' dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder ist seines Glückes Schmied.« So höhnten und spotteten sie seiner, nannten ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stießen sie ihn sogar zur Tür hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.

Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr, daß er der Verzweiflung nahe war. »Zwei Tage Arbeitslohn verloren,« dachte er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost, ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Würmer dir entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren und du für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz! Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.

Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist für den hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt, in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlägen und Einfällen der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm gehört, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei und rief so sehr er konnte: »Rübezahl! Rübezahl!«

Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren Augen und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen.

»Mit Gunst, Herr Rübezahl,« sprach Veit ganz unerschrocken, »verzeiht, wenn ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hört mich nur an, dann tut, was Euch gefällt.«

Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes etwas:

»Erdenwurm,« sprach er, »was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?«

»Herr,« antwortete Veit, »die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich ehrlich bin!«

»Tor,« sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber laß in Ruhe.«

»Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft ist's aus! Auf Mein und Dein gilt keine Brüderschaft.«

Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte ihm sein drückendes Elend so rührend, daß ihm Rübezahl seine Bitte nicht versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt war, des Mannes Bitte zu gewähren.

»Komm, folge mir,« sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch bedeckte.

Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuch gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte; es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herab und seine Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er, wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in welchen ich beim nächsten Schritt hinabstürze. Dabei hörte er ein fürchterliches Brausen als eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saal, das Flämmchen brannte hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter harten Talern bis an den Rand gefüllt.

Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das Herz hüpfte ihm vor Freuden.

»Nimm,« sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du überhaupt schreiben kannst.«

Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bündig als ihm möglich war; der Berggeist schloß ihn in einen eisernen Schatzkasten und sagte zum Abschied:

»Sieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.«

Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten, versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er leicht den Ausgang fand. --

Die hundert Taler wirkten bei ihm mächtig auf Seele und Leib, daß ihm nicht anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: »Brot, Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.« Das abgehärmte Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete verzagt und kleinmütig das Schlimmste und vermutete, daß der Angekommene wieder das alte traurige Lied anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hieß sie Feuer anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der Löffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines Geschäfts.

»Deine Vettern,« sprach er, »sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor der Tür abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir geöffnet und hundert bare Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.«

Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange gedrückt hatte.

»Wären wir,« sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten wir uns manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat recht stolz auf die reichen Vettern.