Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges

Part 2

Chapter 23,635 wordsPublic domain

Der Lenz kehrte in die Gebirgstäler zurück, der Berggeist ließ das unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rüben, welche durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter. Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. »Flieg', liebes Bienchen,« sprach sie, »gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier' kein Wort von diesem Gruße und bring' mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog alsbald vom Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren Flug begonnen, so schoß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang zum großen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben Auftrag. »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge zu Ratibor, dem Fürsten des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lösung ihrer Bande durch seinen starken Arm.« Die Grille flog und hüpfte so schnell als sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfaßte sie mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten Kropfes.

Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab, einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster. »Flieg' hin, beredsamer Vogel,« sprach sie, »von Baum zu Baum, bis du gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzähle ihm von meiner Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Rossen und Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental, bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und Schutz von ihm begehrt.« Die Elster gehorchte, flatterte von einem Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trüben Sinnes in den Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattigen Eiche, dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurück; aber zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin- und herflog, und vernahm, daß der geschwätzige Vogel ihn beim Namen rief. »Armer Schwätzer,« sprach er, »wer hat dich gelehrt, diesen Namen auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?« Hierauf faßte er erregt einen Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma hören ließ. Dies Zauberwort entkräftete den Arm des Prinzen; frohes Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut. Fürst Ratibor vernahm kaum die fröhliche Botschaft, da ward's hell in seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand; er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der Glücksverkünderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprächige Elster konnte nur ihr Sprüchlein ohne Aufhören wiederholen und flatterte davon. Schnellen Fußes eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurück, rüstete eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Roß und zog mit ihnen hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen.

Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den geduldigen Berggeist mit kränkender Kälte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien beugsamer zu werden. Solche glücklichen Anzeichen ließ der Berggeist nicht ungenützt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurückgewiesen. Den folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten geschlungen, welchen eine Myrtenkrone überschattete, von welcher ein Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen und als der harrende Berggeist auf der großen Terrasse im Lustgarten ihr entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes.

»Himmlisches Mädchen,« stammelte er ihr entgegen, »verweigere mir nicht länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das jemals die Sonne bestrahlt hat.«

Die Prinzessin hüllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete: »Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Geständnis von meinen Lippen, aber laß meine Tränen diesen Schleier verhüllen.«

»Warum Tränen, o Geliebte?« entgegnete ihr der beunruhigte Geist, »jede deiner Tränen fällt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur deine Liebe, nicht aber Aufopferung.«

»Ach,« erwiderte Emma, »warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreißt meine Seele. Du alterst nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran soll ich erkennen, daß du ein liebevoller, gefälliger, duldsamer Gemahl sein werdest?«

Er antwortete: »Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und beurteile alsdann die Stärke meiner unwandelbaren Liebe.«

»Es sei also!« antwortete die schlaue Emma, »ich fordere nur einen Beweis deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue prüfen will.«

So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Säumen, machte sich rasch an die Arbeit und hüpfte hurtig wie ein Star unter den Rüben herum. Er kam durch diese Geschäftigkeit mit seiner Zählung bald zustande; doch um der Sache recht gewiß zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu seinem Verdruß eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn nötigte, zum dritten Male die Rübenhäupter durchzumustern. Aber diesmal ergab sich eine andere Summe.

Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren, als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flüchtige Roß brachte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich fröhlich in die Arme warf.

Der geschäftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft, daß er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wußte. Nach langer Mühe und Anstrengung war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rüben auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, zu finden. Er eilte nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und durch die pünktliche Erfüllung ihrer Pläne sie zu überzeugen, daß er ihr ein gefälliger Gemahl sein werde.

Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht, was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge, aber auch da war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle seine Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hören; doch da war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf er die schwerfällige Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfüßige Roß über die Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber darüber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerfloß in einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz mehr für ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt hatte, beschäftigte ihn mehr als die goldenen Äpfel und prächtigen Blumen. Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging und stand, wo sie Blumen gepflückt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrückte ihn so sehr, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank. Bald darauf brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus und er vermaß sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem argen, betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen. In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenhaß mit dahin.

Während dieses Vorganges im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, seine Braut in Sicherheit zu bringen, und führte sie mit fürstlichem Gepränge an den Hof ihres Vaters zurück. Daselbst wurde ihre Vermählung gefeiert. Er teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war, insbesondere ihre kühne Flucht, wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen bei und riefen ihn fortan »Rübezähler« oder kurzweg »Rübezahl«.

4. Rübezahl und der Schneider Benedix.

Der unmutsvolle Berggeist verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Liebling und Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rübezahl gern zustimmte. Es war nur eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich mitten auf dem großen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen nichts als eine fürchterliche Wildnis.

Der Anblick dieser Gegenstände erneuerte alle Erinnerungen an die schöne Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm. Aber die Vorstellung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »du treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich geäfft durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.«

Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen rief ohne Unterlaß: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entführungsgeschichte des Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften Zusätzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug sich mit unzähligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten, machte damit zaghafte Wanderer fürchten und die starken Geister und Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darüber lustig, pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu rufen, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte, daß eine so empfindliche Rache großes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum ließ er ihn und seine Gefährten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu lassen.

Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rübezahl bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rächen. Da begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher alter Handelsmann, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn unbemerkt seitab von der Straße und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem Händler mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum Abschied noch gar übel zugerichtet hatte, ging er davon und ließ den armen geplünderten Mann halbtot im Busche liegen.

Als sich der Händler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden Städte, fragte, warum er so stöhne, und als er ihn geknebelt fand, löste er ihm die Bande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem kräftigen Schluck Lebenswasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tür der Herberge; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Händler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewußt ist! Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern und neben ihm lag der nämliche Rucksack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der bestürzte Händler wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tür hinaus, ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem räuberischen Überfall.

Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, daß es schnell und tätig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammelt hatten.

»Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«

»Hast du nicht diesen Mann im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, gebunden und seines Säckels beraubt?«

»Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.«

»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«

»Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.«

»Weis' auf deine Kundschaft.«

Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte, sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken, ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde weissagte einen strengen Bescheid.

»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?«

»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Angeklagte auf den Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.«

»Du bist überwiesen,« fuhr der Richter fort, »der Säckel beweist genugsam das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern.«

Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen; aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden sollte.

Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl selbst war.

Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder, der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten.

In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.«

Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor sich stehen sah, sprach sie: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.«

Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! -- Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«

»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr es zu wissen begehrt.«

Er sprach: »Sag' an!«