Part 8
Mit einigen Worten muß noch Rousseaus Ansicht über die Erziehung des weiblichen Geschlechts berührt werden, weil er hier zum Teil im Vergleich mit der Knabenerziehung ganz entgegengesetzte Ratschläge gibt. Sie alle aber lassen sich von einem Punkte aus leicht übersehen und sind von hier aus verständlich und vernünftig. Der Knabe soll zum Menschen erzogen Werden, das Mädchen zur Gattin und Mutter. Auch glaubt Rousseau nicht damit seinen Grundsatz zu verletzen, nach welchem jedes Lebensjahr des Kindes als Selbstzweck betrachtet werden muß und nicht nur in Beziehung auf das spätere Leben gewertet werden darf. Denn die Natur selber hat, wie er glaubt, in dem Mädchen schon von früh an diese spätere Bestimmung psychisch angelegt und sie selbst strebt danach, sie zu verwirklichen. Man würde wider die Natur handeln, wenn man das Mädchen in eine Erziehung hineinpressen wollte, die für den Knaben die naturgemäße ist. So sehen wir denn bei dem Mädchen vom frühen Kindesalter an einen Trieb, sich zu schmücken und zu gefallen, der dem naturgemäß sich entwickelnden Knaben vollständig fremd ist, der aber von vornherein darauf deutet, daß das Mädchen nicht dazu bestimmt ist, dereinst den Mittelpunkt seines Lebens in sich selber zu finden, sondern ihn in dem Verhältnis zu anderen Menschen zu suchen haben wird. Zärtlichkeit ist ebenso der Grundzug der Seele beim Mädchen, wie die Selbstliebe beim Knaben; und der Erzieher hat hier nur ebenso darauf zu achten, daß diese Zärtlichkeit nicht zur unterschiedslosen Selbsthingabe führe, wie bei dem Knaben die Ausartung der Selbstliebe in Egoismus verhütet werden mußte. Daraus folgt nun aber, daß auch die ganze Art der Erziehung bis in die kleinsten Einzelheiten hinein nach dem Geschlecht des Kindes eine verschiedene sein muß. Freilich die Pflege und Abhärtung des Körpers ist ein gemeinsamer Zweck der Mädchen- wie der Knabenerziehung, und Sophie kann, wenn auch erfolglos, den Geliebten zum Wettlauf herausfordern. Aber schon in den Spielen wird sich ein merklicher Unterschied zeigen: der Knabe durchstreift Garten und Wald, das Mädchen bleibt im Zimmer und ist die Mutter ihrer Puppe. Wir haben gesehen, mit welchem Eifer Rousseau darauf dringt, daß für Emile niemals der bloße Wille des Erziehers bestimmend für sein Tun und Lassen sei; bei dem Mädchen liegt die Sache anders. Das ganze Glück des Weibes wird dereinst von dem Willen eines anderen Menschen, ihres Gatten, abhängig sein, und so ist es gut, daß schon das Kind sich gewöhne, dem Willen eines geliebten Menschen sich unterzuordnen, auch wo es die Bestimmungsgründe dieses Willens nicht kennt oder nicht zu begreifen vermag. Wenn ferner die erste Regel für den Erzieher Emiles war, von einem einmal gegebenen Befehl sich nichts abschmeicheln zu lassen, so kann bei der Erziehung des Mädchens läßlicher verfahren werden. Ist doch die Waffe der Frau dem Herrenwillen des Mannes gegenüber immer Schmeichelei und weibliche Anmut gewesen; sie erreicht durch ihre Bitten und ihre Tränen mehr, als der Mann durch seine Stärke und sein Recht für sich durchsetzen kann. Ein flehender Mann ist ebenso naturwidrig wie eine streitbare Frau. Daher wäre es verfehlt, wenn man dem Mädchen den Gebrauch dieser natürlichen Waffen ganz entziehen würde. Man lasse sich gelegentlich etwas abschmeicheln, man erbarme sich der Tränen der kleinen Sünderin und verzeihe ihr; man wird belohnt werden durch die Freude des Kindes über seinen echt weiblichen Erfolg.
Daß bei so verschiedener Erziehung das Verhältnis beider Gatten in der Ehe nicht das der Kameradschaftlichkeit sein kann, ist ganz selbstverständlich. Unselbständig wie nach Rousseau das Mädchen von Natur ist, ist es auch in der naturgemäßen Erziehung, die ihm Rousseau zudenkt, geblieben. Aus der Hand der Eltern geht die Jungfrau, ein reizendes, liebliches Wesen, zum Glück bestimmt und beglückend, in die des Gatten über. Und ebenso wie der Wille der Eltern für sie höchstes Gesetz war, soll es nunmehr der Wille des Gatten sein. Ihre Bestimmung ist, =ihm= eine treue, liebende Gattin, =seinem= Hause eine umsichtige Vorsteherin, =seinen= Kindern eine liebende Mutter zu sein. Rousseau dachte hoch von der Heiligkeit der Ehe; in nichts sah er deutlicher die Entartung menschlicher Verhältnisse durch die Kultur, als in der Herabwürdigung und Zersetzung der ehelichen Verhältnisse in der »guten« französischen Gesellschaft. Aber als wesentlich für den Bestand einer guten Ehe galt ihm immer das Bestimmungsrecht des Mannes, die Unterordnung der Frau. Und wenn ihm auch gelegentlich, wie wir sehen werden, ein Zweifel aufsteigen mochte, ob dieses »naturgemäße« Verhältnis innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung noch das wahre Glück beider Gatten verbürgen könne, so haben solche gelegentlichen Anwandlungen ihn nie zu einer Revision seiner Sätze über das natürliche Verhältnis beider Geschlechter geführt.
Das stärkste Zeugnis für die Wirkung, die vom Emile ausgegangen ist, liegt in der Tatsache, daß sehr viele der Ansichten, die hier mit großer Emphase vorgetragen werden, für uns heute ganz selbstverständlich erscheinen. Rousseau scheint uns hier dauernd offene Türen einzurennen. Es gehört einige Kenntnis der Geschichte der Pädagogik dazu, um sich darüber klar zu werden, daß diese Türen zu Rousseaus Zeiten eben nicht offen waren, sondern durch seine Arbeit erst geöffnet oder besser durch die Mauern einer verkünstelten Pädagogik gebrochen werden mußten. Die bahnbrechende Kraft Rousseaus erscheint vielleicht nirgends größer, als wenn wir die Wirkung abschätzen, welche der Emile auf die Folgezeit ausgeübt hat. Die ganze gewaltige Bewegung, die alsbald namentlich in Deutschland einsetzt, kann man als eine Reihe von Versuchen bezeichnen, wie weit die Vorschläge Rousseaus in die Praxis übersetzt werden können, und namentlich, inwieweit es möglich sei, von der Einzelerziehung, wie sie Rousseau schildert, zur gemeinsamen Erziehung, wie sie die Praxis fordert, überzugehen, ohne den wesentlichen Gehalt der Lehren Rousseaus aufzugeben. Von den ersten unvollkommenen und häufig bizarren Versuchen, die auf einem prinzipienlosen Nachbeten Rousseauscher Lehrsätze beruhten, bis zu den durchdachten und von genauester Sachkenntnis geleiteten Arbeiten eines Salzmann, Pestalozzi und Fröbel, immer finden wir als fast selbstverständlichen Ausgangspunkt den Emile; seine Ansichten werden unausgesetzt bekämpft oder angenommen, die ganze Diskussion ist an ihm orientiert. Und wenn wir bedenken, wieviel glücklicher und naturgemäßer sich die Kinderjahre von Tausenden und Abertausenden heranwachsender junger Menschenkinder unter dem Einfluß dieses einen Buches gestaltet haben, so muß man sagen, daß das schwere Unrecht, das Rousseau durch sein pflichtwidriges Verhalten gegenüber seinen eigenen Kindern auf sich geladen hat, soweit dies überhaupt möglich, gesühnt worden ist durch die Wohltaten, die er Generationen auf Generationen fremder Kinder erwiesen hat und bis zum heutigen Tage erweist.
Fünftes Kapitel.
Die _Nouvelle Héloïse_.
Rousseau hat einmal daran gedacht, seinem Emile eine Fortsetzung zu geben, in welcher das eheliche Leben Emiles und Sophiens geschildert werden sollte. Es ist ein Glück, daß er diesen Plan nicht ausgeführt hat, denn die uns erhaltenen Bruchstücke zeigen deutlich genug, daß uns hier der Bankerott all der schönen Hoffnungen gezeigt worden wäre, mit denen der Erzieher Emile entläßt und der Leser das Buch aus den Händen legt. Namentlich wären aber die eigenen Lehren Rousseaus über Erziehung des weiblichen Geschlechts glänzend _ad absurdum_ geführt worden. Nach einem kurzen glücklichen Aufenthalt auf dem Lande begibt sich das junge Paar nach der Stadt; mannigfache neue Anregungen machen es Emile unmöglich, sich so wie früher Sophien zu widmen. Sophie fühlt, daß sie den bisherigen Mittelpunkt ihres Lebens verloren hat; sie ist gelangweilt, unglücklich, und sinkt in dieser Stimmung als leichte Beute einem gewissenlosen Verführer in die Arme. Emile trennt sich von ihr, beginnt ein Wanderleben, und findet nach langen Irrfahrten an einsamer Stätte die bereuende Gattin wieder, um nun fern von den Menschen mit ihr den Rest des Lebens zu verbringen.
Das ist nicht eine Schilderung des modernen Menschen in seinen Beziehungen zu Welt und Leben, sondern es klingt fast wie eine Satire auf das ganze mühselige Erziehungswerk, das Emile dazu geführt hat, seinen Platz im Leben so wenig befriedigend auszufüllen. Aber Rousseau konnte mit um so besserem Recht diese Fortsetzung Fragment bleiben lassen, als er bereits früher in der _Nouvelle Héloïse_ das Buch geschrieben hatte, in dem diese Probleme so eindringlich behandelt worden waren, daß ihm Neues hierüber zu sagen unmöglich war. Die Ansicht der Romantiker, daß in jedem Menschen ein und nur ein Roman angelegt sei, trifft auf Rousseau vollständig zu; deshalb mußte der Versuch, dem Emile eine Fortsetzung zu geben, scheitern; den Roman des Lebens hatte Rousseau geschrieben, bevor er an den Roman der Erziehung dachte; denn noch einmal, die _Confessions_ wollen kein Roman sein, sondern die wirkliche Geschichte seines Lebens geben, sie wollen Wahrheit, nicht Dichtung sein.
Es fehlt viel daran, daß Rousseau das Technische dieses Buches, welches dazu bestimmt war, die Kunstform des modernen Romans zu schaffen, ohne Vorbilder und Muster ausgebildet hätte. Freilich, wer nach dem Titel gehen würde und auf die Briefe der Héloïse an Abélard zurückgriffe, auch in der Umdichtung, welche Pope ihnen gegeben hatte, der würde in der _Nouvelle Héloïse_ wenig finden, was sie als Nachbild dieses Vorbildes erscheinen lassen könnte. Aber die Form des leidenschaftlichen Briefromans war seit den _Lettres portugaises_, wie uns Waldberg gezeigt hat, durchaus eingebürgert, und Rousseau hatte als der unersättliche Romanleser, der er in gewissen Zeiten seines Lebens gewesen war, sicher Kenntnis davon erhalten. Vor allem aber tritt uns auf jeder Seite der _Nouvelle Héloïse_ die Erinnerung an Richardson entgegen, der damals -- man lese nur den begeisterten Dithyrambus Diderots -- als der unerreichte Meister des Romans gepriesen wurde, und der in der Tat in wichtigen Stücken die Technik des modernen Romans ausgebildet hat.
Ursprünglich bildete das Geschehnis das ganze Interesse des Romans. Bunte Abenteuer, fabelhafte Erlebnisse oder Haupt- und Staatsaktionen wurden vom Lesepublikum gefordert. Dies war die Hauptsache, und es verschlug wenig, wem alle diese Ereignisse zustießen; der eine tapfere Ritter, die eine schöne Prinzessin war genau so gut wie die anderen. Wir können nun Schritt für Schritt verfolgen, wie der Schwerpunkt des Romans allmählich vom Geschehnis in die Seele des Erlebenden gerückt wird. An Stelle des Romans der Abenteuer tritt der psychologische Roman, und seinen bedeutendsten Meister vor Rousseau haben wir in Richardson zu erblicken. Wie früher die Haupt- und Staatsaktion, so wird jetzt das Tagebuch und namentlich der Brief zum wichtigsten Mittel der Technik. Das Interessante ist nicht mehr das äußere Geschehnis, sondern der psychische Reflex dieses Geschehnisses in den Seelen der handelnden oder besser der schreibenden Personen. Daraus erklärt sich auch die große Einfachheit der Handlung in den Romanen Richardsons. Was in diesen vielbändigen Ungetümen wirklich geschieht, läßt sich auf sechs Zeilen erzählen. Doch in diesen Geschehnissen liegt auch gar nicht das, worauf wir aufmerksam werden sollen. Dasselbe Ereignis tritt uns bei den verschiedenen Korrespondenten in der verschiedensten Beleuchtung entgegen, und gerade diese verschiedene Beurteilung desselben Dinges, in der sich die Individualität der einzelnen Persönlichkeiten offenbart, ist es, worauf wir achten sollen. Und da zeigt sich in der Tat bei dem einfachen Londoner Buchhändler eine ganz überraschende Kraft und Feinheit der psychologischen Analyse. Bei ihm finden wir bereits den experimentellen Roman einer späteren Zeit angelegt, und das leidenschaftliche Interesse seiner Zeitgenossen an den Gestalten einer Pamela, einer Miß Harlowe, eines Lovelace und Grandison wird verständlich, wenn man erwägt, daß dies die Zeit war, wo die Menschen einander, und jeder sich selber, anfingen interessant zu werden, wo von der Philosophie Leibniz' an bis zu jeder empfindsamen Seele, die ein Tagebuch führte, die Überzeugung vertreten wurde, daß ein jedes Individuum als ein Unikum, das seinesgleichen nicht hat noch haben kann, betrachtet und gewertet werden müsse.
Die Verwandtschaft zwischen Richardson und Rousseau ist so einleuchtend, daß wir uns sehr viel mehr fragen müssen, worin sie sich unterscheiden, als worin sie sich gleichen. Und da ist es vielleicht am einfachsten, auf die Motive ihrer Dichtungen zurückzugehen. Richardson wollte seine Leser bessern, indem er sie unterhielt. Er war zu gleicher Zeit der Dichter, der Drucker und der Verleger seiner Werke. Vor seinem geistigen Auge stand als der Areopag, dem er seine Romane vorzulegen liebte, eine Gesellschaft älterer ehrbarer englischer Damen, die sich beim Tee zusammenfanden. Er lebte die Leidenschaft nicht, sondern er analysierte sie. Diese Reflektiertheit, diese Wohlanständigkeit rief die Opposition Fieldings hervor und ist vielleicht die Hauptursache gewesen, warum bei allen seinen großen Verdiensten Richardson in unseren Tagen ein kümmerliches Dasein in den Literaturgeschichten fristet. Ganz anders Rousseau. Die Entstehungsgeschichte seines Romans ist vielleicht ein Unikum. Das Herz geschwellt von unbestimmter Liebessehnsucht idealisierte er das Andenken an die zwei lieblichen Freundinnen, mit denen er einen der wenigen glücklichen Tage seines Lebens verlebt hatte. Sie wurden ihm zu den Gestalten der anmutigen blonden Julie und ihrer braunen klugen Gefährtin Claire, er selbst als St. Preux trat zu ihnen als der dritte in den Bund der Liebe und Freundschaft. In einzelnen Briefen, ohne Zusammenhang, ohne Plan ließ er die Gestalten seiner Einbildungskraft ihren Gefühlen und Empfindungen Worte leihen, und diese Worte enthielten nichts anderes, als was seine eigene Seele bewegte und was er so gerne von befreundeten und geliebten Lippen gehört hätte. Erst nachträglich entstand die Fabel des Romans, wurden die Situationen in eine chronologische Reihe gebracht, hinkte die moralische Nutzanwendung, die schließlich doch auch für Rousseau unerläßlich war, nach. Es ist richtig, auch Rousseau wollte den Leser am Schlusse seines Buches besser zurücklassen, als er in dem Augenblick gewesen war, wo er das Buch zur Hand nahm. Aber dieser Gedanke, der bei Richardson die ganze Komposition beherrscht, ist bei Rousseau erst später in den Plan hineingetragen, die moralische Absicht hat hier, wie wir sehen werden, über die ästhetische Notwendigkeit gesiegt. Wie die _Nouvelle Héloïse_ aus dem Gefühl entstanden war, so hat auch die starke und wahre Darstellung des Gefühls, der Leidenschaft ihr die Stelle in den Herzen der Leser errungen, die sie bis heute sich zu behaupten gewußt hat.
Auch hier wie bei Richardson ist die Fabel von denkbarster Einfachheit. St. Preux, der Lehrer des adeligen Fräuleins Julie D'Etange und ihrer Freundin Claire, verliebt sich in seine reizende Schülerin, und seine Liebe wird erwidert. Nach langem inneren Kampf siegt die Leidenschaft bei beiden; aber die bürgerlichen Vorurteile setzen ihrer Vereinigung für das Leben unüberwindliche Hindernisse entgegen; St. Preux muß die Geliebte verlassen und begibt sich zu seinem Freunde, Lord Edouard Bomston, später auf eine mehrjährige Reise um die Welt. Julie fügt sich dem Wunsch ihres Vaters und wird die Gattin des Barons Wolmar mit dem festen Entschluß, ihm eine gute und treue Gattin zu werden. Der Baron hat ein so sicheres Vertrauen zu Julie, daß er den zurückgekehrten St. Preux auffordern kann, der Hausgenosse seiner Familie zu werden. Die alte Leidenschaft flammt in beiden empor, aber Julie weiß sich ihrer zu erwehren. Der Tod, den sie bei der Rettung ihres ertrinkenden Kindes findet, entreißt sie dem Kampf zwischen Pflicht und Neigung und weckt in ihrem atheistischen Gatten die Ahnung eines Lebens nach dem Tode.
Das ganze Interesse des ersten Teiles des Romans liegt in der Schilderung der Leidenschaft der Liebenden und in der Darstellung des vergeblichen Kampfes, den sie gegen die Gebote der Sittsamkeit einerseits, gegen die Gesetze der zivilisierten Gesellschaft mit ihren Klassenunterschieden und Standesvorurteilen andererseits, zu führen hat. Da, wo die ihr gegenüberstehenden Mächte sittlich berechtigt sind, siegt die Leidenschaft; die Liebenden werden schuldig in ihrem Glück. Da, wo diese Hindernisse nur auf Vorurteil und Konvention beruhen, unterliegt die Leidenschaft; die dauernde Vereinigung der Liebenden wird unmöglich. Das ist die Tragik im Schicksal St. Preux' und Juliens. Wir hassen die gesellschaftlichen Ordnungen, die einen Bund zweier für einander geschaffener Herzen zu verhindern vermögen; aber wenn wir auch in den leidenschaftlichen Selbstanklagen St. Preux' und Juliens eine Berechtigung nicht verkennen können, so sind wir doch weit davon entfernt, die Schönheit, die Stärke und die Tiefe des Triebes, der sie zueinander riß, zu tadeln. Auch da, wo diese Leidenschaft ewige Ordnungen verletzt, hat sie einen Anspruch nicht nur auf unser Verständnis, sondern auf unser wärmstes Mitgefühl, ja auf unsere Bewunderung. Menschen, die so lieben können, sind keine schlechten Menschen. Sie können unglücklich, sie können schuldig, niemals aber können sie niedrig und gemein werden.
Es ist ein feiner Zug Rousseaus, daß er den Vertreter der hergebrachten Ordnungen und Vorurteile, den Vater Julies, als einen durchaus nicht schlechten Charakter dargestellt hat. Er ist ein tapferer Soldat, ein liebender Gatte, ja sogar in seiner Art ein guter Vater, der nach seiner besten Einsicht das Glück seiner Tochter will. Um so größer muß die gänzliche Verkehrtheit der Standesvorurteile erscheinen, da sie einen liebenden Vater dazu veranlassen können, das Glück seines Kindes so mit Füßen zu treten, und ihn dabei noch mit dem ruhigen Hochgefühl getaner Pflicht zu erfüllen. Das ist eben die entsetzlichste Erscheinung einer verderbten Kultur, daß sie auch ursprünglich gut angelegte Menschen zu Handlungen fortreißt, vor denen sie zurückschaudern würden, wenn sie sich ihrem eigenen unverderbten Gefühl überlassen könnten. Rousseau verfuhr hier unendlich wirksamer als Schiller mit der Zeichnung des Präsidenten in »Kabale und Liebe«. Die Unpersönlichkeit und daher auch die Unbesiegbarkeit der Widerstände, welche sich den Liebenden entgegenstellen, tritt in der Fassung Rousseaus viel deutlicher hervor, als wenn er einen Tragödienvater geschaffen hätte.
Wir haben gesehen, daß die Handlung ursprünglich auf das Verhältnis Julies, Claires und St. Preux' zueinander begründet war. Als notwendige Ergänzung für St. Preux und als Adressat seiner brieflichen Ergüsse tritt Milord Edouard Bomston ebenso neben ihn, wie Claire neben Julie. Daß St. Preux viele Züge von Rousseau hat, ist ganz selbstverständlich. Vor allem erinnert die Kindlichkeit seines Wesens durchaus an Rousseau. Gerade diese Eigenschaft war ja auch Rousseaus Schicksal und Verhängnis; wie er ist St. Preux nicht von Begriffen, sondern von Gefühlen abhängig. Es würde fast komisch sein, ihn immer als Philosophen angeredet und bezeichnet zu hören, gäbe es nicht neben der Philosophie des Kopfes auch eine des Herzens. Ganz dem Augenblick hingegeben, ganz in den Stimmungen, die er bringt, aufgehend, für das Höchste empfänglich und mitunter bei dem kleinsten Hindernis verzweifelnd, bei den besten Vorsätzen einer plump angelegten Verführung erliegend, zeigt er uns nur wenig idealisiert die Züge seines Urbildes. Auch das überwiegend Passive im Charakter St. Preux', seine Neigung, sich durch fremden Rat leiten zu lassen, seine Unfähigkeit, das eigene Schicksal selbst zu gestalten, das Schwelgen in Gefühlen, wo es auf entschlossenes Handeln ankäme, alles dieses waren Züge, nach denen Rousseau nicht weit zu suchen brauchte, um sie auf seinen Helden zu übertragen.
Milord Edouard ist, wie Texte richtig hervorgehoben hat, ein legitimes Kind der in Frankreich damals herrschenden Anglomanie, welche in ihrer Schrankenlosigkeit nur selten durch wirkliche Kenntnis englischer Verhältnisse beeinträchtigt wurde. Man kann sie vielleicht darauf zurückführen, daß die Franzosen, die unter dem Zwang der Sitte, der Regel, des guten Tones in der Tat einige Gefahr liefen, uniform und monoton zu werden, bei den Engländern die Erfahrung machten, daß auch mit einer hochgesteigerten Kultur kräftige Eigenart, Individualität, wohl vereinbar sei. Daher auch die starke Betonung der bizarren Züge bei Milord Edouard. Sie sollen den Mann kennzeichnen, der es unternommen hat, unbekümmert um alle Vorurteile sich selber sein Leben zu gestalten. Durch seine Geburt der Kaste angehörend, an deren starren Vorurteilen das Lebensglück seines Freundes zerschellt, deren stumpfen Widerstand St. Preux vergebens zu überwinden sucht, hat sich Bomston von allen diesen Vorurteilen frei gemacht; er steht also ebenso jenseits aller gesellschaftlichen Schranken, wie St. Preux diesseits. Er ist der Mann der Tat; rasch in seinen Entschlüssen, originell in seinen Mitteln; von zweifelloser Sicherheit auf dem eingeschlagenen Weg würde er das Schicksal der Liebenden glücklich gestaltet haben, wenn es Julie vermocht hätte, über der Liebe zu St. Preux die Gebote der Achtung und des Gehorsams gegen ihre Eltern zu vergessen. Die komplizierten italienischen Familienbeziehungen Bomstons, die in genauer Analogie zu Richardson und mit der gleichen Langeweile einen so großen Platz im zweiten Teile in Anspruch nehmen, lagen ursprünglich nicht im Plane Rousseaus.
Zu diesen Gestalten tritt nun später Wolmar, der Gatte Julies. Auch für ihn ist das Vorbild ganz unverkennbar, es ist der Geliebte der Gräfin d'Houdetot, St. Lambert. Erschütternd genug hat Rousseau in den _Confessions_ geschildert, wie sein sehnlicher Wunsch, als dritter in den Bund der beiden Liebenden eintreten zu dürfen, scheiterte und ihn damit die Verzweiflung am Leben und an den Menschen zum unglücklichsten aller Wesen machte. Was dies Verhältnis hätte sein können, das wollte uns Rousseau im zweiten Teil seiner Héloïse schildern, und die nicht ganz berechtigte Verehrung für St. Lamberts Charakter hat an dem Bilde mitgearbeitet, das er von Wolmar entwirft. Wolmar hat all die Eigenschaften, die Rousseau so unendlich gerne gehabt hätte, die er oft mit heißem Bemühen sich anzueignen bestrebt hatte, und welche ihm ein freundliches Geschick stets versagte. Er ist das vollkommene Gegenbild zu St. Preux, ebenso an den Regeln des Verstandes orientiert wie dieser durch die Impulse des Gefühls geleitet wird. Aber dieser Verstand hat ihn nicht zum Spötter und Zyniker gemacht; was er ihm nehmen konnte, was er auch St. Lambert genommen hatte, war der Glaube an Gott. Der Atheismus Wolmars ist der tiefste Kummer für Julie, noch auf dem Totenbett sucht sie den Gatten für ihren Glauben zu gewinnen. Aber die Beziehungen zu den Menschen sind bei Wolmar nicht durch Verstandesskepsis angefressen. Er ist das Muster eines edlen Gutsherrn, der seinen Vorteil darin sieht, daß seine Bauern sich wohl befinden; mit dem Unglücklichen hat er Mitleid und sucht ihm dauernd zu helfen; sein festes Vertrauen auf Julie und St. Preux, deren frühere Beziehungen er kennt, bewährt sich in der großartigen Unbekümmertheit, mit der er sie in ihrem Zusammensein vollständig frei gewähren läßt. Aber während man St. Preux lieben kann, sind Achtung und Billigung die Gefühle, die ein Wolmar einflößt.