Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern
Part 6
In Irans Lager war inzwischen Zelt an Zelt Gepflanzt, und drein gedrängt das Leben einer Welt. Es war als müßte Raum den Rossen und Kamelen Und Elefanten all, geschweige Futter, felen. Doch wie der Lagerwald begann nach allen Seiten Zu wachsen und im Kreiß den Umfang auszubreiten, Schloß Reih an Reihe sich geschickt, und sie vergaßen In ihrer Zeltstadt auch Marktplätze nicht und Straßen. Da wogte bald Verkehr geschäftig hin und her, Und die Verwirrung ward zur Ordnung immer mehr. Die Sonne gieng hinab am abendlichen Himmel, Und sah mit Staunen noch auf Erden das Gewimmel. Da fanden Dach und Fach nun alle nach und nach, Und über allen war des Himmels dunkles Dach. Doch als an seinem Ort sich jeder eingetan, Da trat zum Schah sofort des Reiches Pehlewan, Und Rostem sprach: ich will nicht hier im Lager rasten, Dort oben auf der Burg will ich bei Suhrab gasten. Mein Herz hat keine Ruh, bis meine Augen haben Gesehn von Angesicht zu Angesicht den Knaben. Den Türkenknaben, den uns mit soviel Geschrei Der Ruf genannt hat, will ich ansehn, wer er sei, Ob wert der Mühe, daß ich auf den Rachs mich schwang, Und eine Ehre mir, wann ich ihn niederrang. Gewesen bin ich selbst vordem in Türkenland, Anlegen will ich nun ein türkisches Gewand. Darunter soll nicht, wer mich nicht beim Lichte näher Besieht, so leicht erspähn, daß Rostem sei der Späher. Kawus! dein Lager ist von deinem Volk verwart; Gib, ich bin müßig hier, Urlaub zur Nachtausfart! Mit Lachen sprach der Schah: Stets wird das Krongeschmeide Von Iran Rostem sein, auch unterm Türkenkleide. Am Tage nicht der Schlacht des Heeres Arm allein, Du willst auch in der Nacht desselben Auge sein. Geh unter Gottes Schutz! in welchem Waffenputz Du gehn magst, unserm Reich und dir gereichs zu Nutz!
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Um seine Schultern nam ein Kleid nach Türkenart Tehemten, und begab sich heimlich auf die Fart. Den Panzer und den Helm und jedes Waffenstück Ließ er im Zelt, sogar sein Schwert ließ er zurück. Deswegen fühlte sich der Held zu Hieb und Streich Nicht wehrlos; denn sein Arm war einer Keule gleich. Er gieng bis er hinan zum weißen Schloße kam, Und drinnen das Geschrei der Türken schon vernam. Durchs Tor stracks in den Hof gieng Rostem ohne Scheu, Wie in den offnen Stall der Rinder Nachts ein Leu, Beim ländlichen Gehöft im Felde, wo die Hirten An einem Feiertag sich in der Nacht bewirten, Und denken nicht bei Saus und Braus und Schmaus daran, Daß sie dem Feinde nicht die Stalltür zugetan. Da geht er in den Stall, wo ihre Rinder sind, Hinein, und trägt davon das schönste stärkste Rind. Es brüllt, im Rachen schon des Löwen, voll Verzagen, Und alle springen auf, den Raub ihm abzujagen; Er aber hat den Raub in Sicherheit getragen. Sie kehren leer zurück und traurig, für den Rest Der Nacht ist nun gestört der Hirten Freudenfest. So gieng durchs offne Tor, geöffnet durch Betören, Rostem hinein, das Fest der Türken drin zu stören. Er sah den weiten Hof erfüllt von Fackelglanz, Von lärmendem Gelag, Gesang und Spiel und Tanz. Denn Suhrab hatte dort das nächtge Fest bestellt, Und all die Edelsten des Heeres sich gesellt. Doch Rostem wich dem Glanz der Lichter aus, und sah Vom dunklen Winkel fern im Hellen alles nah.
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Da saß beim frohen Fest, in Mitte Fackelscheins Und Lautenklangs, Suhrab, und trank die Becher Weins. Auf seinem Haupte trug er, statt den Helm, den Kranz; Er war ein Glanz, und war bestralt vom hellen Glanz. Er blühte wie ein Reis von Schönheit und von Lust, Von Jugend und von Kraft geschwellt war seine Brust. Hoch hob er stolz das Haupt, und seiner Augen Stral, Umgehend in die Rund, erleuchtete das Mal; Da überzält' er froh die unzälbare Zal Der Kriegsgefärten, die um ihn im Kreiße saßen Als Trinkgenoßen nun, und ihren Wein vergaßen Vor Staunen, wie sie ihn sahn prangen solchermaßen. Da riefen sie laut einmal übers andre Preis Und Heil, Lobpreis und Heil dem blühnden Ehrenreis! Die Sterne selber sahn vom hohen Himmel nieder Mit Wolgefallen auf die hohen Heldenglieder; Allein sie schienen ihn mitleidig anzusehn, Weil er ein Stern war, der so früh sollt untergehn. Da sprach ein Himmelsstern zum andern mitleidvoll: Schad um die Blüte, die im Lenz hinwelken soll! Soviel des Schönen schon auf Erden sahn wir prangen, Und eh wir einen Blick verwendet, wars vergangen. Doch keine Knospe sahn wir glänzender und heller Aufgehn, um trauriger dahinzugehn und schneller. Wenn seine Mutter doch, die ihn, ihr einzig Glück, Entsendet hat, und nie daheim empfängt zurück, Wenn seine Mutter ihn mit unsrer Augen Stral Noch einmal könnte sehn bei diesem Freudenmal, In seiner Lust und und Kraft, den Baum im frischen Saft, Den morgen schon villeicht dahin sein Schicksal rafft!
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So sprachen von dem Stern des Festes dort die Sterne Des Himmels; eine Gunst erzeigten sie ihm gerne. Da namen sie von Duft und Glanze, was im Raum Von Erd und Himmel war, und woben einen Traum. Wie einen Teppich bunt, mit reichem Gold gestickt, Der Braut ein Bräutigam aus fernem Lande schickt, Auf welchem sie erblickt mit staunendem Gefallen Die Bilder abgeprägt von jenen Dingen allen, Die ihr Geliebter selbst nun sieht in fremden Räumen, Die Vögel unbekant auf unbekanten Bäumen; Und so wie sie den Schmuck betrachtet, ist es ihr, Sie reise dort mit ihm, er ruhe bei ihr hier: Ein solcher Abdruck war vor allem eingewoben Dem Traumgewebe, das die Sterne dort erhoben. Leis hoben sie empor das glänzende Gewebe, Und gaben es der Luft zu tragen, daß es schwebe Nach Turan, wo im Schlaf die Mutter Suhrabs lag, Da sah sie einen Traum so hell als wär es Tag. Beim nächtlichen Gelag sah sie den Sohn da sitzen, Den Becher in der Hand von Edelsteinen blitzen, Sah seine Wangen blühn, und seine Lippen glühn, Und seine Augen sprühn; ganz war er stolz und kühn; Wie freut' es sie zu sehn ihr Reis der Hoffnung grün! Gewachsen schien er ihr selbst in der kurzen Zeit, Daß sie ihn ausgesandt, an Kraft und Herrlichkeit. Sie sah auf ihren Sohn umher im Kreiß der Lichter Gekehrt bekante viel und unbekante Gesichter; Die alle sah sie hell in heitrer Freude funkeln, Doch seinen Vater sah sie nebenaus im Dunkeln. Sie war betrübt, es nam sie Wunder, warum nicht Rostem zu seinem Sohn vortreten wollt ans Licht. Doch wie ein Wolkenschaur so flog ihr Gram vorbei; Sie freute sich, daß nah dem Sohn der Vater sei: Er würde, wenn er nur säh das Erkennungszeichen, Dem Sohne freudig nahn und ihm die Hände reichen.
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Von Suhrabs Mutter ward inzwischen so geträumt, Er aber saß beim Fest vergnügt und aufgeräumt. Er trank, und hieß im Kreiß die Trinkgenoßen trinken; Zwei aber saßen ihm zur Rechten und zur Linken. Zur Linken Baruman, den ihm Afrasiab Aus Turan nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab; Zur Rechten aber Send, den hatte mitgegeben Dem Sohn die Mutter, die ihn liebte wie ihr Leben. Der war vom Königshaus Semengans ihm ein Vetter, Und werden sollt er ihm im fremden Land ein Retter. An allen Gliedern stark war er und hoch von Wuchs, An allen Sinnen scharf, von Augen wie ein Luchs. Er sah bei Nacht alswie bei Tag; und zu dem End Entsendete sie auch mit ihrem Sohn den Send, Damit, wenn Suhrab nun gekommen in die Nähe Von Rostem wäre, Send den Vater ihm erspähe. Er hatte Rostem selbst gesehn an jenem Tag, Wo in Semengans Schloß er saß beim Gastgelag, An jenem Abende, wo in der Nacht ihm kam Tehmina, die als Weib er in die Arme nam. Den Suhrab zeugt' er ihr, und als der Morgen graute, Ritt er von dannen, den nie mehr die Gattin schaute. Nun sandte sie den Sohn, den Vater dort zu schaun, Und alles sagte sie dem Vetter im Vertraun. An Suhrabs Seite nun trank er den Wein mit Schweigen, Und dachte, morgen woll er ihm den Vater zeigen!
71.
Send aber sendete den Blick umher des Luchses, Und nam im Dunkeln war die Lauer eines Fuchses. Er sah dort einen Mann, der ihm verdächtig schien, Stand auf vom Sitz und gieng, um zu besehen ihn. Da fand er einen Mann, von Ansehn ganz gewaltig Und riesenmäßig, elefantenleibgestaltig. Niemals erinnert' er sich einen solcher Art Mit Augen je gesehn zu haben und gewart; Es wäre denn allein Rostem, an jenem Tag, Wo in Semengan er ihn sah beim Gastgelag. Doch dieser trug am Leib ein türkisches Gewand; Wiewol sein Blick an ihm nicht Türkensitte fand. Send rief ihn an: He da! warum hier also schleichst du Im Finstern, guter Freund, und aus der Hell entweichst du? Kehr einmal dein Gesicht her gegen mich ans Licht! Gib Antwort! -- Aber Antwort gab ihm Rostem nicht. Da streckte kühn, um ihn zu greifen, Send die Hand, Und fortziehn wollt er ihn am türkischen Gewand. Tehemten aber zuckt' empor des Armes Keule, Womit er schon im Kampf geschlagen manche Beule; Damit gab er dem Send solch einen Schlag aufs Haupt, Daß Send am Boden lag leblos des Sinns beraubt. Suhrab indessen saß beim Mal, und Wunder nam Es ihn, wo Send hingieng und noch nicht wieder kam. Deswegen vom Gesind entsendete behend Er einen, nachzusehn, wohin gekommen Send. Der abgesendete lief eilig hin, und fand Dort leblos sinnberaubt den Send gestreckt im Sand. Der Diener lief bestürzt zum Herrn zurückgewendet, Laut rief er aus: Der Send ist in den Tod gesendet; Für Send ist aus der Schmaus, und das Gelag geendet. Entsetzt vom Sitze sprang Suhrab, und eilte jach Dahin, ihm eilten all des Festes Fackeln nach. Bei aller Lichter Glanz sah da Suhrab erschlagen Den lieben Freund; von wem? das kont ihm niemand sagen.
72.
Doch Suhrab rief: O weh! gebrochen ist ins Rund Der Herde Nachts ein Wolf, weil Hirte schlief und Hund; Der Widder stolzesten hat er zu seinem Raub Erkoren, nieder ihn geworfen in den Staub! Verschlafne Hirten, auf! und unwachsame Hunde! Nun nach dem Räuber macht mir im Geheg die Runde! Da spürten sie mit Macht umher rings in der Nacht; Es hatte sich der Wolf längst aus dem Staub gemacht. Doch Suhrab kam zurück zu seinem Platz beim Feste; Da saß er traurig nun, und traurig alle Gäste. Er sprach: Es freuet mich nun hier der Sitz nicht mehr; Denn mir zur rechten Hand der Platz ist traurig leer, Wo der geseßen, den zum Freund mir mitgegeben Die Mutter selber, die mich lieb hat wie ihr Leben. In Iran sollt er hier den Vater kund mir tun; Er kont es ganz allein; wer tut nach ihm es nun? Er sprachs, und aus der Hand ließ er den Becher sinken; Da schämte jener sich, der saß zu seiner Linken. Sich schämte Baruman, den dort Afrasiab Dem Suhrab nicht aus Lieb und nicht zum Heil mitgab. Er hätt ihm auch wie Send den Vater können zeigen; Er kant ihn ja! doch mußt und wollt ers ihm verschweigen. Doch Suhrab rief, und hob den vollen Becher hoch: Ich trink in dieser Nacht den letzten Becher noch, Mit blutigem Gelübd erfüllt, anstatt mit Wein, Daß Sends Ermordung nicht soll ungerochen sein! Den Mörder Sends will ich erforschen, wer er sei, Ihn morden für den Mord, wohnt soviel Kraft mir bei! Wonicht, so werde Gift der Wein mir in den Adern, Und jeder Tropfe Blut soll mit dem andern hadern! Doch nicht mit Einem sei die Schuld ihm abgetragen; Zur Sühne Sends will ich ein ganzes Heer erschlagen. Allein vor allen soll erfahren meinen Groll, Wer Send erschlug, versehrt hat er mich schmerzensvoll. Er riefs, und wußte nicht, auf wen er also grollte, Und daß er nicht den Schwur an ihm erfüllen sollte. Dann brach er auf vom Fest, um in den nächtigen Schatten Bei Fackelglanz den Send mit Ehren zu bestatten.
73.
Doch Rostem kam, als er vom weißen Schloß entrann, Ans Lager, wo die Wacht hielt Gew, sein Tochtermann. Der wußte nicht, daß in der Nacht sein edler Schwäher Im Türkenkleid hinaus gegangen war als Späher. Als nun ein Mann herbei im Dunkeln kam, tat er Vom Posten einen Schrei, und unter Wehr trat er. Als Rostem merkt', es sei sein Eidam, froh naht' er. Im Laufe tat er ihm entgegen einen Wuf, Und Gew erkante gleich den Rostem an dem Ruf. Erstaunt sprang er hinzu, und grüßt' ihn: Alter Held, Wo bist umher gerannt zu dieser Stund im Feld? Hast du mit Geistern deinen Bund gemacht bei Nacht, Mit Zauberweihungen dich vorgestärkt zur Schlacht? Denn mit Dämonen hast du kämpfend viel verkehrt; Die haben wol ein Stück von Schwarzkunst dich gelehrt, Daß, ohne Furcht und Leid, du ohne Heergeschmeid, Dich aus dem Lager stilst in einem Türkenkleid! Doch Rostem sprach: So ist die Sach! in dieses Tuch Gewickelt, macht ich auf der Burg den Nachtbesuch. Ich wollte mir daselbst den jungen Mann besehn, Um dessen willen dieß Heeraufgebot geschehn. Fern sah ich ihn, und gern wollt ich ihn sehen näher; Doch mich den Späher hat erspäht ein andrer Späher. Der wollte mit Gewalt ans Licht mich ziehn am Kragen; Im Dunkeln hab ich ihn mit dieser Faust erschlagen. Ich kam nicht sanfter los von ihm, es tat mir leid; Doch nun verdrießt am Leib mich dieses Türkenkleid. Schaff mir ein persisches, damit mich nicht die Hunde Anbellen, wenn ein Türk im Lager macht die Runde! So sprach er, und geschwind bracht ihm der Tochtermann Ein persisches Gewand, das legt' er eilig an. Er warf das Türkenkleid von sich mit Unbehagen; Fast wollt er lieber, daß ers nicht bei Nacht getragen, Als ahnet' er den Lohn, den diese Tat ihm trug: Denn sich tat ers zu Leid, daß er den Send erschlug. Zu Kawus gieng er nicht, um ihm, was er vollbracht, Zu sagen; in sein Zelt gieng er, und schlief die Nacht.
Achtes Buch.
74.
Doch als vom Morgen ward der Himmel aufgetan, Stieg Suhrab auf der Burg zur höchsten Wart hinan, Zur vordersten, wo ganz sich Irans Lager zeigte, Auf das er sich hinaus begierig spähend neigte. Dann rief er: Bringet hier herauf mir den Hedschir! Befragen will ich ihn ums Feindeslager hier. Weil Send gestorben ist, der heut mir Rostems Zeichen Kund sollte tun, villeicht tut mir Hedschir desgleichen. Und als ihm ward Hedschir gefeßelt vorgefürt, Sprach er, nachdem er ihn mit eigner Hand entschnürt: Hedschir, ich neme dir die schweren Feßeln ab, Um das dir zu vertraun, was mir das Herz eingab. Statt ehrner Feßel wenn der Freiheit goldnen Tag Du wünschest, sage mir, was ich dich fragen mag! Die Freiheit nicht allein, auch reicher Lohn ist dein, Wenn ich erfinde wahr dein Wort und Truges rein. Doch wenn unlautern Wein du willst im Kruge mischen, So wirst du nicht der Haft und nicht der Straf entwischen! Zur Antwort gab Hedschir: Was du willst fragen, frage, Und traue, daß ich dir die volle Wahrheit sage. Nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen. Warum in deiner Hand wär ich ein krummer Bogen? Gerade sollst du mich erfinden wie den Pfeil; Nicht um das Leben selbst ist mir die Wahrheit feil. Zu ihm sprach Suhrab: Dort im Lager Zelt um Zelt Werd ich dich fragen um den Helden, der es hält. Sagst du mir das, so geb ich dir gehäuften Schatz; Dir wird ein Ehrenkleid von mir und Ehrenplatz. Und sagst du das mir nicht, so bleibt auf deinem Rumpf Dein Haupt nicht, oder mir wird ehr die Klinge stumpf! Zur Antwort gab Hedschir: Was säumst du lange? frage! Wiß, daß ich weder lüge, noch vorm Tode zage.
75.
Da hob zu fragen an Suhrab: Dort in der Mitte Wes ist das Prachtgezelt von lauter Gold? ich bitte! Fest steht es hingepflanzt recht in des Heeres Herz; Von ihm durchs Lager gehn die Straßen allerwerts. Auf allen Straßen nahn wie grüßende mit Bitten, Und gehn wie dankende davon mit leichten Schritten. Ganz Goldglanz ist das Zelt vom Fuß zum Knauf hinan, Und weit wie ein Palast allseitig aufgetan. Vor jedem Eingang liegt, wie Hündlein zahm und treu, Im goldnen Band geschmiegt, ein Tiger und ein Leu. Doch oben sitzt ein Aar, aus dessen Krallen steigt Die Fahn empor, in der der Sonne Bild sich zeigt. In solcher Wohnung kann kein kleiner und gemeiner Wirt wohnen, wie mir dünkt; was wohnt darin für einer? Da hob Hedschir sein Haupt, voll Stolz auf Irans Macht, Und sprach: Dort wohnt der Schah in seiner Größ und Pracht. Sein Thron ist Tag und Nacht von seinen treuen Leuen Umhütet und umwacht, und darf nicht Feinde scheuen. Doch fort zu fragen fuhr Suhrab: Zur linken Hand Vom Goldgezelt, wes ist des Zeltes Silberwand? Mit offnem Eingang steht gewandt zum goldnen Zelt Sein Tor, wo Leopard und Panther Wache hält. Doch oben trägt ein Greif in Silberklaun empor Die Fahn, in der ein Mond; wer ist, der das erkor? Zur Antwort gab Hedschir: Das ist des Schahes Sohn, Ferabors, ihm der nächst am Herzen und am Thron. So recht! rief Suhrab aus: wo so zusammen hält Ein Vater und ein Sohn, verteilen sie die Welt.
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Zu fragen fuhr er fort: Dort aber rechter Hand Vom Goldzelt, wessen ist die schwarze Zeltflorwand? Feldposten eilen her und hin auf Rossen brausend, Schildwachen aber stehn umher zu Fuße tausend. Am Haupteingange ragt ein Elefant, ihn schmücken Prachtdecken, und er trägt die Heerpauk auf dem Rücken. Doch oben steigt die Fahn aus eines Drachen Rachen, Mit Sternen übersät, die sie zum Himmel machen. Wer herrscht zur Seite so dem König Keikawus? Hedschir antwortete: Sein Kronfeldhauptmann Tus. Das ist sein Stammesrecht, daß er im Heergefecht Den Schah vertrete, dem verwandt ist sein Geschlecht. Auf seinen Wink bereit, vereint auf sein Gebot, Ist jenes Heer, das dir den Tod von ferne droht. Und jener Himmel dort, reich an Juwelenzier, Die Gawejani-Fahn ist es, das Reichspanier; Das einst Feridun schwang, als er den Sohak schlug, Der an den Schultern angewachsne Drachen trug. Geheftet ist der Sieg an dieses heilige Zeichen, Das ohne Mut kein Freund, kein Feind sieht ohn Erbleichen. Doch Suhrab lächelte, und gieng mit Fragen weiter: Im roten Florpalast, wer, sprich, ist dort der Streiter? Er sitzt im offnen Zelt, und scheint an seinem Haar Ein Greis bereits, um ihn steht eine Männerschaar; Sie alle halten ihm ihr Antlitz zugekehrt, Und jeder ehrt ihn, wie man einen Vater ehrt. So fragt' er, und Hedschir zog aus der Brust ein Ach Wie einen Dolch hervor, weil er zu Suhrab sprach: Das ist Guders, der Greis, von Worte weis' und lind, Von Schwerte stark und scharf, wie wenig Männer sind; Ein Vater, der entbehrt fürs Alter nicht der Stützen; Mit seinem Haus allein kann er ein Reich beschützen. Denn neunundsiebzig sind der Söhne, die er zält; Der achtzigste bin ich, der heut im Lager fehlt. Doch Suhrab sprach: Warum hast du dich laßen fangen? Sprich Wahrheit! und noch heut kanst du hinab gelangen.
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Wes ist das grüne Zelt, aus Duft und Glanz gewebt, Das wie ein Waldgebirg sich über Hügeln hebt? Alswie ein Waldgebirg, das fest steht und nicht wankt, Wenn, von des Sturmes Hauch bewegt, sein Baumwuchs schwankt. In diesem Zelte wol ist Irans Hoffnung grün, Und meine Hoffnung wird bei seinem Anblick kühn. Vorm Zelt in Waffen sitzt ein Mann, und steht ein Ross, Er einem Riesen gleich, und es wie ein Koloss. Er sitzt, und hoch nicht scheint der Sitz, den er erkor; Aus allen doch, die ihn umstehn, ragt er hervor: Er blickt auf sie hinab, sie schaun zu ihm empor. Allein zur Seite blickt er stets nach seinem Ross; Es ist wol auf der Welt sein liebster Kampfgenoß. Es steht das Ross mit ungeduldigem Gestampf, Und ihn erhebt im Sitz die Ungeduld nach Kampf. Entgegen streckt er ihm die Hand, es reckt sein Haupt Erwartungsvoll und lauscht, es spitzt ein Ohr und schnaubt. Die Mähne streicht er ihm, da fängt es an zu brausen; Das freuet seinen Herrn, die andern macht es grausen. An seiner Seite hängt ein Schwert, an seinem Knie Lehnt eine Keule schwer, kein andrer höbe sie. Er schwingt die Keule bald hoch übers Ross empor, Bald aus der Scheide zieht er halb das Schwert hervor. Die Keule sausen hörts und sieht die Schneide blitzen, Und tost; was wird es erst, wenn er wird droben sitzen! Ich habe nie gesehn solch einen Mann wie den, So hab ich niemals auch ein Ross wie das gesehn; Ein Ross, das solch ein Mann allein bezwingen kann, Und solch ein Mann, den solch ein Ross nur tragen kann. Gewis, von diesem Ross und diesem Manne sind Die Namen kund im Land; verkünde sie geschwind! So sprach er und hielt ein; es war alsob er wüßte, Daß Ross und Ritter Rachs und Rostem heißen müßte; Doch wollt er, daß der Mund Hedschirs es täte kund, Still aber schwieg Hedschir, und sprach im Herzensgrund:
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Was fragt der Türke nach des Reiches Pehlewan? Und tu ich recht, wenn ich ihm Rostem kund getan? Und tu ich Unrecht, wenn ich ihm den Feind verschweige? Was will der Knabe, daß ich ihm den Helden zeige? Ist er sein Sohn, wie er im Zweikampf rühmte laut? Den Vater schaff ich ihm so wenig, als die Braut! Der Mann von Iran kann des Türkenkinds entraten; Ich will den Perserhort dem Erbfeind nicht verraten. Zwar Rostem braucht ihn nicht zu fürchten in der Tat, Allein der Türke könnt ihn angehn mit Verrat. Drum wirds am besten sein, den Namen nicht zu melden, Und ihn zu streichen ganz heut aus der Zahl der Helden. Als so zur Lüge sich bereitete Hedschir, Rief Suhrab: Sprich zu mir! was redest du mit dir? Warum machst dus solang, bis Aufschluß ich gewinne? Er sprach: Weil ich umsonst mich auf den Mann besinne. Von Zeichen unbekant ist er mir ganz und gar; Er kam wol fremd ins Land, weil ich im Schloß hier war. Ich hörte, daß heran vom fernen Hindostan Dem Schah zu Hilfe zog ein starker Pehlewan. Das wird der Recke sein, entsproßt aus fremdem Samen; Denn fremde scheint er mir, und die, so mit ihm kamen. Doch Suhrab sprach: Wie heißt der Recke? sage mir! Den Namen weiß ich nicht; antwortete Hedschir. Suhrab noch einmal sprach: wie heißt er? gib Bericht! Hedschir antwortete: den Namen weiß ich nicht. Voll Unmut ward Suhrab; des Vaters Namen wollte Er hören da durchaus, den er nicht hören sollte. Die ihm die Mutter gab vom Vater, alle Zeichen Sah er, und konnte nur Gewisheit nicht erreichen. Des Vaters Name fehlt' ihm zur Gewisheit nur, Den er da von Hedschirs Verstockung nicht erfur.
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