Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern
Part 3
Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan; Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn. So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier. Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat, Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht; Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen, Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen. Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not, Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod. Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten, Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten. Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne? Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne! Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn, Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin. So möge sie, wo sie den ersten fallen sah, Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah! Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort: Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort. Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne. Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
28.
Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann. Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise, Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße. Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr, War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier. So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt, Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt; Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten, Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten: So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen, Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen. Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer, Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer; Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer. Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen, Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen. Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen, Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen, Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen: Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel? Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel. Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen, Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen; Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen. In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen? Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen. Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen, Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen. Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib, Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!
29.
Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen, Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen. Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft, Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft, Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind. Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende, Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende; Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog, Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog. Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball; Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall. Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte, Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte. Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob, Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob. Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht, Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht. Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann; Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann. Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen, Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen. Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt; Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt. Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.
30.
Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken, Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken. Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen, Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen! Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun! Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir? Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne! Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist! Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist. Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke; Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke! Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt, Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt. Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen; Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen. Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht, Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht, Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu, In Männermitte wie im Thierechor der Leu! Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier, Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir! Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah, So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah. Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht, Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht! Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren! Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren. Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!
31.
So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester; Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester, Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort, Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort. Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt, Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt. Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem, Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem. Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse; Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse. Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort, Und meiner harrend steht er wol im Tore dort. Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen, Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen, Und beide sich im Spott ob uns vereinigen! Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann. Was haben sie solang einander zu berichten? So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten. Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir! Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke, Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke; Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke. Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei, Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei, Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei. Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.
Viertes Buch.
32.
Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer, Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer, Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut. »Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt, So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt; Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt! Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir; Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier. Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen? Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile, Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile? Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück, Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?« Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben; Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben. Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor, Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor; Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor. Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge, Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe! Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde. Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross, Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.
33.
Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben, Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben. Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat! Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang, So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang! Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid, Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid. Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen, Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen. Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch; Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch. Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen. Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe, So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe. Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen; Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen. Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut; Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut. Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt, Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert. Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen, Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen. Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan, O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan. Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze; Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze. Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen; Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.
34.
Sie sprachs, und schwieg, und stieg hinab vom Mauerkranz; Noch lang sah Rostems Sohn empor im Abendglanz, Als säh er noch ihr Bild, als hört er noch ihr Wort; Zum Lager langsam dann ritt er im Unmut fort. Dem Schloß zur Seite lag am Berggehäng herab Ein reicher Anbau, der dem Schloße Nahrung gab. Da waren Gärten, Bäum und manches Saatenfeld; Daran ließ seinen Zorn nun aus der junge Held. Ins Lager rief er laut: Ihr Türken, kommt heraus! Verbreitet um euch her schnell der Zerstörung Graus! Uns bietet Trotz die Burg, die dort im Spätrot lodert; Vergebens hab ich heut die Schlüßel abgefodert. Sie sei zu Fall gebracht, sobald der Tag erwacht; Und vor der Nacht sei jetzt ein Anfang schon gemacht. Zerschmettert dieß Gebälk, zertrümmert diese Planken, Brecht dieß Gezäun entzwei, werft nieder diese Schranken! Haut diese Fruchtbäum um, entwurzelt diese Reben, Und mähet diese Saat! sie soll nicht Körner geben. Dieß ist der Boden, wo sie ihren Vorrat pflanzen, Womit sie droben dann sich halten in den Schanzen. Nun steige Staub und Rauch und Dampf und Qualm empor, Und kündig ihnen an, was ihnen steht bevor! Des Burgvogts Tochter liebt vom hohen Wall zu schauen; Nun schaue sie, wie hier wir ihr den Garten bauen! Wühlt diese Beeten um, wo ihre Rosen blühn, Und stopft die Quelle, die ihr macht den Rasen grün! So rief er, und sein Heer fiel wie ein Hagelschlag Aufs angebaute Land, bis alles wüste lag. Stillschweigend sah er zu, und als der letzte Keim Zerstört war, ritt er abgekühltes Zornes heim.
35.
Zum heimgekehrten trat Baruman in der Nacht, Und sprach: Du hast nicht gut das Werk des Tags vollbracht. Den Feinden ist es recht die Nahrung abzuschneiden, Doch so nicht daß wir selbst darunter Mangel leiden. Nun ihren Vorrat zwar hast du der Burg entzogen, Allein dein eignes Heer hast du darum betrogen. Viel Holzwerk und Gebälk ist unnütz mitverbrant, Das nutzbar konte sein zum Leiterbau verwandt. Denn ohne Leitern wirst du nicht das Schloß erringen; Die Mauern dort wird nicht dein Rösslein überspringen! Und dann, was spornte dich zu dieser Rache scharf? Weil dir ein Kind die Tür zu vor der Nase warf! Viel beßer war dir das, als ließe sie dich ein; Drin unter Hunderten was wolltest du allein? Du bist der Mann wol es mit jedem aufzunemen, Doch viele Hunde sinds, die einen Löwen lähmen. Bist du des Heeres Arm, und bist des Heeres Haupt, Nicht sei durch Torheit ihm so Haupt als Arm geraubt! Was sollt ich schreiben nun dem Schah Afrasiab, Der deiner Jugend bei zum Rat mein Alter gab? Dein stürmscher Ritter hat das Grenzschloß eingenommen, Er ist mit Glück hinein, doch nicht heraus gekommen! Nun aber wollen wir mit beßerem Vertraun Es nemen, und dazu vor allem Leitern baun. Du hast das Holz verbrant, wir wollen andres haun. Er sprachs, und lächelnd hin nam jener den Verweis; Er sprach verschämt und keck: Ein Jüngling ist kein Greis; Doch hab ich nie gehört, daß Rostem auch, der alte, Beim Mauerbrechen sich mit Leiterbau aufhalte. Bau Leitern! eines nur beding ich mir dabei, Daß, wenn sie fertig sind, ich drauf der erste sei. Nur seis in dieser Nacht! denn morgen, seids gewärtig, Da werd ich mit der Burg auch ohne Leitern fertig.
36.
Weil dieß der weißen Burg im Lager ward gedroht, Saß droben Gesdehem, und dachte nach der Not. Er setzte sich und schrieb an Kawus einen Brief, Darin er Gottes Heil dem Schah zum Eingang rief, Und von der Herrlichkeit des Throns nach Würden sprach, Dann von den mislichen Zeitläuften trug er nach: Die Grenzburg Irans ist gekommen ins Gedränge Von einem Türkenheer in ungezälter Menge. Doch all den andern geht ein junger Fant voran, Der über zweimal sieben Jahr nicht alt sein kann. Von seiner Schlankheit ist die Zeder überragt, Von seinem Glanz die Sonn im Aufgang übertagt. Wenn er zu Rosse sitzt mit Lanze, Keul und Schwerde, So achtet er gering Himmel und Meer und Erde. In Turan weder ist noch Iran ein Verwegner Von gleicher Art, für ihn ist auf der Welt kein Gegner, Als Rostem nur allein; ihm gleicht er an Gestalt, An unverzagtem Mut und furchtbarer Gewalt. Suhrab, so ist genant die junge Kriegesflamme, Entsproßen, wie man sagt, Semengans Königsstamme. Sobald er kam, hat sich der mutige Hedschir Gegürtet, und gesetzt auf ein schnellfüßig Thier. Ihn trugs den Berg hinab, doch nicht zum Schloß zurück; Dem Stürmer sperrt ich selbst die Vestung noch zum Glück. Doch wenig fehlte nur, so wäre mutentbrant Der junge Elefant allein ins Tor gerant. Darauf hat er verbrant den Anbau rings ums Schloß, Und länger widersteht die Burg nicht seinem Stoß. Am Leben ist Hedschir, doch in Gefangenschaft; Verloren ist an ihm des Schloßes Halt und Kraft. Ich hab umsonst bei mir nach beßerm Rath gesucht: Mit meinem Häuflein nem ich diese Nacht die Flucht. Schnell sende nun der Schah ein großes Heer herbei, Damit ein Damm gesetzt der Ueberschwemmung sei. Doch Rostem sei dabei! Nur Rostem ist der Mann, Der diesem Türkenknaben ins Gesicht sehn kann.
37.
Er schriebs und siegelte, und gab geschwind den Brief Dem Boten, der damit die Nacht durch eilig lief. Aufstand der alte Vogt sodann vom Schreibeplatz, Und raffte sein Gesind zusammen und den Schatz, Gurdaferid voran, um diese war ihm bange, Mit allen wandt er sich zum unterirdschen Gange, Der, ihm allein bekant, zur Burg hinaus weit fürte, Und Niemand ward gewar, wie er den Bündel schnürte. Er zog mit seiner Schaar bei Nacht ein gutes Stück, Und nur wehrloses Volk ließ er im Schloß zurück. Als nun der Tag brach aus der Nacht zerrißnem Flor, Stürmte mit seinem Heer Suhrab den Berg empor. Sie drangen bis ans Tor der Burg ohn Aufenthalt, Niemand trat in den Weg der stürmenden Gewalt. Da hielten sie vorm Tor, kein Atem war darinnen, Und sahn zur Zinn empor, kein Leben auf den Zinnen! Suhrab in Ungeduld faßt' einen Felsenstein, Schleudert' ihn gegens Tor, und brach den Eingang drein. Zu Ross sprengt' er hinein, alswie der lichte Tag, Ins Torgewölb, in dem noch Nacht und Schweigen lag; Das Schweigen ward geweckt von seinem Rosshufschlag. Der Widerhall nur ward vom Waffengruße wach, Kein andrer Widerpart schuf ihnen Ungemach. Sie wunderten sich selbst, wie leicht sie eingenommen Die Burg, und fragten sich, wohin der Feind gekommen? Doch Suhrab hatte statt des Feindes an dem Ort Die Freundin auch gesucht, und fand: sie war nicht dort.
38.
Wie sich ein Knabe müht, daß er den Baum ersteige, Wo er ein Vogelnest weiß auf dem höchsten Zweige; Am Abende zuvor hat er sich vorgenommen: Bei frühstem Morgen wird der hohe Baum erklommen. Heut ist es nun zu spät, bis morgen seis verschoben; Die Vögel sind im Nest bei Nacht wol aufgehoben. Er hat die ganze Nacht von seinem Fang geträumt, Und, mit der Sonn erwacht, das Bette schnell geräumt; Dann ist er ungesäumt auf seinen Baum geklommen, Und droben findet er das Nest nun ausgenommen. Er weiß nicht, ob zuvor ein andrer Dieb ihm kam, Oder die flücke Brut den Flug vom Neste nam. Eischalen findet er und ein zerstreut Gefieder, Und traurig klettert er vom hohen Stamme wieder: So traurig kletterte dort Suhrab auf und nieder Durchs öde Mauerwerk der ausgestorbnen Veste, Und fand den Vogel, den er suchte, nicht im Neste. Er fand nicht Gurdafrid, wo er sie sucht' im Schloß, Er fand den wehrlos nur zurückgelaßnen Troß. So traurig sank er nun herab vom hohen Baume Der Hoffnung, den er kühn erflogen hatt im Traume; Er suchte, die er liebt', im weiten leeren Raume. Er rief: Könnt ihr mir nicht, ihr stummen Wände, sagen, Wohin ein Sturm sie hat, ein Flügel sie getragen? Ist sie verschwunden, wie ein Traumbild ohne Spur? Erscheinung glänzende, die mir vorüber fur! Wo bist du? wer bist du? wie, sprich, nenn ich dich nur? Das macht den Unmut mir im Herzen doppelt heiß, Daß ich auch nicht einmal von ihr den Namen weiß. Mich däuchte, kühlen würd es schon der Sehnsucht Brennen, Wenn ich dem Winde nur dürft ihren Namen nennen! -- Er dachte nicht daran, den Troß der Burg zu fragen; Was, dacht er, können die von meiner Liebe sagen?
39.
Da rief er seiner Schaar: Geschwind, und holet mir Herauf aus seiner Haft vom Lager den Hedschir! Er ist ja gestern noch hier oben Herr gewesen; Wen beßer könnten wir zur Auskunft uns erlesen? Er soll des leeren Nests Gelegenheit uns deuten; Verborgne Schätze sind gewis hier zu erbeuten. Er riefs, und jene trieb nach Schätzen die Begier Geschwind den Berg hinab, sie holten den Hedschir. Er kam, und Feßeldruck beschwerte seine Glieder, Doch schwerer noch drückt' ihn Gefühl der Scham danieder; Denn frei hier war er einst, und kam gefangen wieder. Doch auf die Seite nam ihn alsobald Suhrab, Mit sanften Worten nam er ihm die Feßeln ab: Du bist, so frei du hier gewesen, wieder jetzt, Sogleich auf diese Burg von mir als Vogt gesetzt, Wenn ohne Hinterhalt du mir den Namen nennest Von einer, die du nur zu gut, ich weiß es, kennest, Und sagst du mir, wo sie ist, wo ich sie finden mag? Denn ohne sie will ich nicht bleiben einen Tag! Er sprach es, und das Wort war für Hedschir ein Schlag. Zur Antwort gab er ihm: Wenn dir sie Gott beschied, Den Namen nenn ich wol, sie heißt Gurdaferid. Ich staune, wie du selbst, sie nicht zu sehn hier oben; Wer weiß, wo seinen Schatz der Vater aufgehoben! Gern würd ich dir den Platz, wenn ich ihn wüßte, sagen. Sie hat ein Geist entfürt, ein Sturmwind fortgetragen; Du mußt die Zauberin dir aus dem Sinne schlagen. Er schwieg, und wußte wohl, auf welchem Weg den Schatz Der alte Drach entfürt, an welchen sichern Platz. Doch sein Geheimnis war des Nebenbulers Heil; Es war ihm um die Burg und um die Welt nicht feil. Für Persien diese Burg zu halten wäre schön, Dacht er, und frei als Herr zu walten auf den Höhn; Doch übel ist der Preis und schlimm die Gegengabe: Nicht kommen soll durch mich auf ihre Spur der Knabe! -- Vom Vorteil seines Lands und seinem ungerürt, Vom Wunsch der Freiheit selbst, blieb er von Lieb umschnürt, Und ward in Feßeln, wie er kam, hinweg gefürt.
40.
Doch Suhrab gieng nunmehr im weiten Schloß umher, Und fand den Raum von dem, wornach er suchte, leer. Da sprachen, die es sahn: Nach Schätzen suchet er. Und suchen gieng im Schloß nach Schätzen auch das Heer. Er aber suchte fort und fort sie hier und dort; Am einen fand er nichts, und sucht' am andern Ort. Er dachte, daß sie doch sich müße wo verstecken, Und immer hoffte noch sein Herz, sie zu entdecken. Wie ein verlegt Gerät man sucht an jedem Flecke, Wo man es schon gesucht, und suchts in jeder Ecke, Wo mans nicht fand, und denkt, daß es doch wo noch stecke. Er gieng zur Zinn hinaus, wo er von unten hoch Sie gestern stehen sah; stehn wird sie da heute noch! Er freute sich, zu stehn, wo sie zuvor gestanden, Und ließ den Blick hinaus umschweifen in den Landen. Er sah darauf die Berg' und jede Thalschlucht an, Ob sie hindurch villeicht genommen ihre Bahn. Er fragt' um sie, von der er wußte nun den Namen, Die Wolken und die Lüft, ob sie von ihr nicht kamen. Mit Wind und Sonnenschein sprach er, mit Pflanz und Stein Sprach er von ihr, nur mit den Leuten nicht allein. Die Leute plünderten, zerhieben und zerstachen, Zerschmißen, rißen ein, zerwülten und zerbrachen. Sie suchten einen Schatz, und weil sie keinen Schatz Am Platze fanden, ward zerstört dafür der Platz. Doch Suhrab, dessen Herz ein andres kümmerte, Sah unbekümmert drein, wie alles trümmerte. Er sah, und sah es nicht, wie man die Burg zerstörte, Alsob sie noch dem Feind, nicht schon ihm selbst gehörte.
41.