Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern

Part 2

Chapter 23,683 wordsPublic domain

Da stellte sich zuletzt ein alter Recke dar, Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war. Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind; Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind. Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn; Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn. Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß, Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß. Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel, Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel. Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif, Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif. Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich; Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich. Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen, Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen. So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen. Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen, Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen. Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen, Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen. Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange, Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange. Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross! Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß. Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe, Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe. Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind, Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind. Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz, Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz. Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen, Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen. Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise: So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise. Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann, Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann.

15.

Er sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück: Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück. Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei, Strömten von da und dort Kriegslustige herbei Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen; Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen. Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht, Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut. Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater, Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er. Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen; Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen! Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft; Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft. Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten; Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten. Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten. Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost, Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost! Dem alten König klang anmutig diese Post, Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost; Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most. Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart? Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art? Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer. Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele, Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele, Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen; Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen. Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf, Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf: Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer, Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer. Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold, Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold. Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute; Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute! Eroberten wir erst des Persers Königreich, So mach ich jeden Mann wie einen König reich.

16.

Dem Schah Afrasiab in Turan ward gesagt, Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt, Der altershalben zwar nichts weniger als flück, Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück. Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen, Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen. Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei, Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei. Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum, Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum; In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum. Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch, Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch. Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen, Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen; Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen! Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden, Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden! Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse; Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse! In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte, Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte; Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte. Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon, Des alten Königs von Semengan Tochtersohn! So ward dem Türkenschah geredet und geraunt Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt. Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund.

17.

Afrasiab, der Schah, nachdem er den Bericht Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht. Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten, Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten. Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide, Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide: Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke. Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim! Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim. Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu, Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu. Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen, Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen. Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei? Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei. Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen, Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen. Und wenn die beiden dort einander setzen zu, So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu. Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt. Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält, Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt. Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken, Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken, Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken! Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab. Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm -- Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm -- So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen, Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen. Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben; So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe, Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe.

18.

Da schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief, Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief: Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe, Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe. Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden, Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen; Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen, Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen. Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern, Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern. Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen, Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen! Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben, Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben. Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit, Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit. Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg; Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg. Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide. Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube; Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube! Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman, So tapfer als getreu; der sei dir untertan! Er sei dir untertan mit allen, die er führt; Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt! Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören Kein Graben und kein Wall, und keine List betören! Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören! Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn. Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman; Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an. In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben, Als einen Helden durch den andern zu verderben.

19.

Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran, Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge, Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge. Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater. Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind; Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind. Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder, Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder. Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung, Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung. Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden. Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat, Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat. Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums! Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue, Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue. Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland, Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand. Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind; Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind! Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief, Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief; Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast. »Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause, Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause. Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus; Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.« Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger, Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger. Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur; Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur, Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur.

Drittes Buch.

20.

Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land, Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand, Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte, Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte. Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter, Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter; Der alte, daß er es behütete mit Rat, Der junge, daß er es verteidigte mit Tat. Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen, Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen. Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«, Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen. Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele; Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie. Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene, Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene. Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah, Dem einen, den er wollt erringen im Gefild, Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild. Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir, Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier. Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor. Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach, Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.

21.

Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei, Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei: Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte? Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte? Ich habe lange schon auf eure Gegenwart, Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt. Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen? Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen! Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug, Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug. Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand, Die erste Waffentat zu thun im Perserland. Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah, Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da. Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr, So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor. Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir: Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier? Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen? Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen. Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen, Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen. Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei, Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei. Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus; Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß. Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen! Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.

22.

Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still! Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will. Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu, Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu. Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen. Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer, Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer; Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt, Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt. Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter. Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen, Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen. Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut, Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut! So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne; Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne: Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne. Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen, Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen. Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut, Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut. Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind, Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind. Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen, Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen. Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht, Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht! So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt, Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.

23.

Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf. Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang, Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang. So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht, Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht. Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft; Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft. Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende, Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende. Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum, Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum. Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück; Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück. Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid, Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid. Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust; Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust. Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm! Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach, Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach! Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden! Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden. Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen! Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen. Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn? Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!

24.

Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben; Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben. Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe, Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre. Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen, Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen. Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben, Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben. So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken, Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken. Im Lager kam er an zugleich mit Baruman, Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan. Er war in Eile dem ihm von Afrasiab Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab; Und war nur eben recht gekommen um zu sehn Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn. Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder, Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder. Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu, Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu. Im Lager aber war von Türken alt und jung In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung. Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn, Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn. Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück, Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück. Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied, An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.

25.

Von Siegesfreude war das Türkenlager voll, Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl. Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib. Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen, Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen. Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach; Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen! Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen. Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt! Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult. Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache. Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe, Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe? Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann, Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann! Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne, Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne. So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern; Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern! Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus; Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus. In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier, Und nam vors Angesicht ein indisches Visier. In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf, Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf. Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht, Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.

26.

Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß, Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross. Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken, Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken. Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei, Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei: »Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt? Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt? Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen; Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen! Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt, So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt. Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang, Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang! Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut; Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut? Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?« Vom stolzen Lager war gehört die Forderung, Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung. Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge! Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden; Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen. Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk, Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk. Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot! So rief der junge Held, und ritt von dannen jach; Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.

27.