Rostem und Suhrab: Eine Heldengeschichte in zwölf Büchern

Part 10

Chapter 101,178 wordsPublic domain

Er sprachs, und rührete der Totendecke Rand; Doch Rostem deckte schwer auf seinen Sohn die Hand, Und sprach, zum König nicht erhebend sein Gesicht: Der König Keikawus sieht Rostems Jammer nicht! Herr König, geht nach Haus! aus ist hier Kampf und Schmaus; Des Sohnes Leichenfeir richt ich nun selber aus. Geschlichtet mit dem Heer der Türken ist mein Streit; Ich gebe bis zur Grenz ihm sicheres Geleit, Auf Suhrabs Bitte, der darum mich sterbend bat, Weil nur das ganze Heer für ihn die Fart antrat. Von diesem Geiste war allein das Heer beseelt, Und ist ein toter Leib, da dieser Geist ihm fehlt. Genommen hab ich ihm den Geist mit dieser Hand; Nun geb ich alle frei, der eine bleibt mein Pfand. Keikawus, geh nach Haus, in Istachar zu sagen, Wie leichten großen Sieg du hier davongetragen: Geschlagen sei ein Heer, weil ich den Sohn erschlagen! Geht alle heim, und laßt mich meinen Sohn beklagen! Er sprachs, und schwieg, und nicht erhob er sein Gesicht; Er blickt' auf seine Leich, und hielt die Decke dicht. Keikawus sprach: Was er verordnet, sei getan; Mich schmerzt in seinem Schmerz des Reiches Pehlewan. Ihr alle folget mir, Heerfürsten groß und klein! Den Rostem laßen wir mit seinem Schmerz allein. Der König sprachs, und gieng, und alle folgten nach, Und Rostem blieb allein mit seinem Weh und Ach.

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Ins Lager zog das Heer, und ab ward Zelt um Zelt Gebrochen schnell, als gieng in Trümmer eine Welt. Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. Sie furen heimwärts nun, doch traurig, ihre Bahn, Denn ihnen fehlete des Reiches Pehlewan. Doch Rostem richtete sich auf von seinem Sohn, Und sah das Heer im Zug, und leer das Lager schon. Von allen Zelten stand nur noch sein grünes da, Hochragend, und umher die niedrigern ihm nah Von seiner Sabulschar; die ordnete Sewar, Sein Bruder, dort, dann stellt' er selber ihm sich dar. Tehemten sprach zu ihm: So ist der Kampf geschieden! Geh hin ans Türkenheer, Sewar, und bring ihm Frieden! Zuerst räum ein die Burg dort oben dem Hedschir; Sag ihm: Die schenkt Suhrab für treue Dienste dir! Dann sprich zu Baruman: Auch dich zum Lohn der Treue Entläßt Suhrab, damit Afrasiab sich freue! Du selbst, o Bruder, gibst dem Türken das Geleit, Bis er die Grenz erreicht, sie ist von da nicht weit. Dann wende dich von ihm links auf Semengan zu, Und an Tehmina dort die Spang hier bringe du! Verwische nicht daran von Suhrabs Blut die Spur! Es ist das einzige, was von ihm heimwerts fur. Nim auch sein Waffenkleid, sein Ross und Kriegsgeschmeid, Und gib ihrs, daß sie sich ersättige am Leid! Sie wird des Rosses Huf an ihren Busen drücken, Das Schwert (entwind es ihr!) nach ihrem Herzen zücken. Die Hände ringen wird sie und das Haar zerraufen, Blut weinen, und das Blut des Sohnes nicht erkaufen. Vom Vater ihren Sohn wird sie zurückverlangen, Und klagen, daß sie nicht einmal die Leich empfangen. Zu Boden wird sie sich, ins Waßer, auf das Feuer Sich werfen, und es dient nicht ihrem Weh zum Steuer. Dann sag ihr das zum Trost, wie du mich hast gesehn: Daß sie nicht mein', ihr sei das Leid allein geschehn! Dann kehre schnell! hier wart ich dein bei Tag und Nacht; Damit uns dieser dann nach Sabul sei gebracht!

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So sprach er, und Sewar gieng an die Sendung schnell; Doch Rostem rief: Schafft mir das grüne Zelt zur Stell! Ich geh nicht hier vom Ort, wo ich den Sohn erschlagen; Doch über ihn im Tod soll auch mein Heerzelt ragen. So rief er, und geschwind ward von der Sabulschar Das grüne Heerzelt aufgespannt, wo Suhrab war. Der Vater ließ sodann in edle Spezereien Ihn legen, daß bewart die schönen Glieder seien. Wie eine Rose, die den ganzen Stock geschmückt, Im Morgenthau am Stiel vom Gärtner abgepflückt, Damit sie bleibe frisch, ins Waßer wird gesteckt; So blühend lebensgleich lag er vom Tod gestreckt. Auf Purpur und Brokat lag er in Gold und Seide; So schmückt' ihn sich zur Lust der Vater und zum Leide. Dann aber ordnet' er die Totenfeier an, Und feierlich im Zug zog Sabuls Heer heran. Sie zogen, Ross und Mann, am grünen Zelt vorbei, Im Kreiß umher, mit Feldmusik und Feldgeschrei. Den Rossen aber war geschoren Mähn und Schweif, Und an den Pauken abgespannt der ehrne Reif; Die Bogen ohne Senn, und alle Spitzen stumpf: So zogen sie, und all die Pauken schollen dumpf. Dreimal an jedem Tag, am Morgen, um die Mitte Des Tags, und vor der Nacht, pflogen sie dieser Sitte. Rostem auf seinem Rachs ritt nicht dem Zug voran; Bei seinem Sohne saß im Zelt der Pehlewan. Doch jeden Morgen sprach er da: Suhrab, mein Sohn! Hörst du den Kriegsheerton, und wachst nicht auf davon? Und jeden Abend dann sprach er: Mein Sohn Suhrab! Die Sonne geht hinab, und du gehst in dein Grab. Als er zum neuntenmal um sein erloschnes Glück Am Abend trauerte, kehrt' ihm Sewar zurück.

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Und als vom Schlaf der Nacht war neu das Heer erwacht, Sprach Rostem, der verwacht bei seinem Sohn die Nacht: Sewar, mein Bruder! jetzt brecht überm Haupt mir ab Das grüne Zelt, und nehmt von mir hinweg Suhrab! Bringt ihn nach Sabul in die Gruft, in der ich wollte Gern schlafen, wenn ich ihn damit erwecken sollte. Sag unsrer Mutter dort, der alternden Rudabe, Die oft gewünscht, von mir würd ihr ein Enkelknabe: Hier schick ich einen ihr, so schön, wie sie ihn nur Gewünscht; von einem Fehl an ihm ist keine Spur, Nur daß des Vaters Dolch fehl gieng in seine Brust: Verdorben hat der Sohn am Enkel ihr die Lust. Ihr geht! ich bleibe hier; fragt nicht warum! was mir Begegne, fragt nur nicht! doch laßt den Rachs mir hier! Grüß alle Mannen dort, das ganze Volk und Land; Sewar, das alles geb ich nun in deine Hand. Der Mutter wag ich nicht zu sehn ins Angesicht, Und keinem Menschen dort; nach Sabul kann ich nicht. Umtummeln muß ich hier mich etwas in der Oede, Daß ich den Schmerz in mir, den grimmen Drachen, töde. Das ist das kleinste nicht der Rostemsabenteuer, Denn grimmig ist der Drach, und speiet Gift und Feuer. Nun Glück zur Fart nach Haus! und laßts euch nicht beschweren, Daß ich euch fürt' heraus, und laß euch so rückkehren! Lebt alle wol! wenn man daheim von Rostem spricht, Und fragt, wohin er kam? so sagt, ihr wißt es nicht.

Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung des Vorlagentextes wurde beibehalten, ebenso unterschiedliche Schreibweisen, wie Speer/Sper, thun/tun, wohl/wol etc.

Änderungen: S. 36: nach "der glaubt wol dem Gerüchte" wurde ein Komma ergänzt S. 71: nach "bringt mein Kind zurück?" wurde ein « ergänzt S. 87: nach "umschweifen in den Landen" wurde ein Punkt ergänzt S. 116: nach "und giengen auch davon" wurde ein Punkt ergänzt S. 155: "einen solchen Art" wurde geändert in "einen solcher Art" S. 206: nach "Nun lebe länger noch" wurde ein Komma ergänzt S. 241: nach "Wie eine Reiterschaar" wurde ein Komma ergänzt