Rosshalde

Part 9

Chapter 93,965 wordsPublic domain

Sie schloß die Augen, als wolle sie sich gegen eine Verführung schützen.

„Wenn du so lange fort bist – –“ sagte sie zögernd. „Er ist ein Kind –“

„Gewiß. Laß ihn ein Kind bleiben! Laß ihn mich vergessen, wenn es nicht anders geht! Aber denke, er ist ein Pfand, das ich dir lasse, und denke, ich muß viel Vertrauen haben, um es dir lassen zu können.“

„Ich höre Albert kommen,“ flüsterte sie rasch, „er wird gleich da sein. Wir reden noch darüber. Es ist nicht so einfach, wie du denkst. Du gibst mir Freiheit, mehr als ich je gehabt und je gewünscht, und du legst mir zugleich eine Verantwortung auf, die mir alle Unbefangenheit nimmt! Laß mich noch darüber denken. Auch du hast wohl deinen Entschluß nicht in einer Stunde gefaßt, so laß auch mich ein wenig Zeit haben.“

Man hörte Schritte vor der Türe und Albert kam herein.

Verwundert sah er den Vater dasitzen. Er grüßte unfrei, gab Frau Adele einen Kuß und setzte sich an den Frühstückstisch.

„Ich habe eine Überraschung für dich,“ fing Veraguth behaglich an. „Die Herbstferien kannst du mit Mama und Pierre verbringen, wo ihr wollt, und auch die Weihnachtszeit. Ich werde mehrere Monate auf Reisen sein.“

Der Jüngling konnte seine Freude nicht verbergen, doch gab er sich Mühe und sagte eifrig: „Wohin willst du denn reisen?“

„Ich weiß noch nicht genau. Zunächst fahre ich mit Burkhardt nach Indien.“

„O, so weit fort! Ein Schulfreund von mir ist dort geboren, ich glaube in Singapore. Da gibt es noch Tigerjagden.“

„Ich hoffe, ja. Wenn ich einen schieße, bringe ich das Fell natürlich mit. Aber hauptsächlich will ich dort malen.“

„Das kann ich mir denken. Ich las von einem französischen Maler, der irgendwo in den Tropen war, auf so einer Insel in der Südsee, glaube ich – es muß herrlich sein.“

„Nicht wahr? Und ihr werdet inzwischen vergnügt sein und viel musizieren und Ski laufen. Aber nun will ich sehen, was der Kleine macht. Laßt euch nicht stören!“

Er war hinaus, noch ehe jemand geantwortet hatte.

„Manchmal ist Papa doch großartig,“ sagte Albert in seiner Freude. „Diese Reise nach Indien, das gefällt mir, das hat Stil.“

Seine Mutter lächelte mühsam. Ihr Gleichgewicht war gestört und sie hatte das Gefühl, auf einem Ast zu sitzen, der eben angesägt wird. Aber sie schwieg und brachte eine freundliche Miene zusammen, darin hatte sie Übung.

Der Maler war bei Pierre eingetreten und hatte sich an sein Bett gesetzt. Leise holte er ein schmales Skizzenbuch hervor und begann den Kopf und Arm des kleinen Schläfers zu zeichnen. Er wollte, ohne Pierre mit Sitzungen zu quälen, ihn in dieser Zeit noch so oft und so gut als immer möglich festhalten und sich einprägen. Mit zärtlicher Aufmerksamkeit bemühte er sich um die lieben Formen, um den Fall und Strich des zarten Haares, um die hübschen, nervösen Nasenflügel, um die dünne, willenlos ruhende Hand und um die eigenwillig rassige Linie des festgeschlossenen Mundes.

Er sah den Knaben selten im Bett und es war das erstemal, daß er ihn nicht mit kindlich geöffneten Lippen schlafen sah, und indem er den frühreifen, ausdrucksvollen Mund beobachtete, fiel ihm die Ähnlichkeit mit dem Munde seines Vaters, Pierres Großvaters, auf, der ein kühner und phantasievoller, aber leidenschaftlich rastloser Mensch gewesen war, und während er schaute und arbeitete, beschäftigte ihn dies sinnvolle Spiel der Natur mit den Zügen und Schicksalen der Väter, Söhne und Enkel, und es streifte ihm, der kein Denker war, das sorgenvoll köstliche Rätsel der Folge und Notwendigkeit die Seele.

Und plötzlich schlug der Schlafende die Augen auf und blickte in die des Vaters, und wieder fiel es dem Vater auf, wie unkindlich ernsthaft dieser Blick und dies Erwachen sei. Er hatte den Bleistift sofort weggelegt und das Büchlein zugeklappt, nun beugte er sich über den Erwachten, küßte ihm die Stirn und sagte fröhlich: „Guten Morgen, Pierre. Geht es besser?“

Der Kleine lächelte beglückt und begann sich zu strecken. O ja, es ging besser, es ging viel besser. Er besann sich langsam. Ja, gestern war er krank gewesen, er fühlte noch den Schatten des häßlichen Tages herüberdrohen. Aber nun war es viel besser, er wollte nur noch ein klein wenig liegen bleiben und die Wärme und ruhige Dankbarkeit dieses Zustandes kosten, dann würde er aufstehen und frühstücken und mit Mama in den Garten gehen.

Der Vater ging, um Mama zu holen. Blinzelnd sah Pierre nach dem Fenster, wo der helle, frohe Tag durch die gelblichen Vorhänge schien. Das war nun ein Tag, der etwas versprach, der nach allen möglichen Freuden duftete. Wie war das gestern schal und kalt und dumpf gewesen! Er schloß die Augen, um das zu vergessen, und fühlte in den schlafträgen Gliedern das liebe Leben sich dehnen.

Und jetzt kam die Mutter, sie brachte ihm ein Ei und eine Tasse Milch ans Bett, und Papa versprach ihm neue Farbstifte, und alle waren lieb und zärtlich und hatten eine Freude daran, ihn wieder gesund zu sehen. Es war beinahe wie ein Geburtstag, und daß der Kuchen fehlte, schadete gar nichts, denn richtigen Hunger hatte er noch immer nicht.

Gleich nachdem er angekleidet war, in einen frischen, blauen Sommeranzug, ging er zu Papa in das Atelier. Er hatte den häßlichen Traum von gestern vergessen, aber in seinem Herzen zitterte noch ein Widerhall von Schrecken und Leid, und er mußte nun sehen und genießen, daß wirklich Sonne und Liebe um ihn war.

Der Vater maß den Rahmen für sein neues Bild aus und empfing ihn voller Freude. Pierre wollte jedoch nicht lange dableiben, er wollte nur Guten Tag sagen und sich ein wenig liebhaben lassen. Dann mußte er weiter, zum Hunde und zu den Tauben, zu Robert und in die Küche, und mußte alles wieder begrüßen und in Besitz nehmen. Darauf ging er mit Mama und Albert in den Garten, und es schien ihm ein Jahr vergangen, seit er hier im Gras gelegen und geweint hatte. Schaukeln mochte er nicht, aber er legte seine Hand auf das Schaukelbrett, er ging zu den Sträuchern und Blumenbeeten, und eine dunkle Erinnerung wie aus einem vorigen Leben wehte ihn an, als sei er einmal hier zwischen den Beeten allein, verlassen und trostlos irrgelaufen. Nun war alles wieder licht und lebendig, die Bienen sangen und die Luft war leicht und froh zu atmen.

Er durfte Mutters Blumenkorb tragen, sie taten Nelken und große Dahlienblumen hinein, daneben aber machte er noch einen besonderen Strauß, den wollte er später dem Vater bringen.

Als man ins Haus zurückkam, war er müde geworden. Albert erbot sich, mit ihm zu spielen, aber erst wollte Pierre ein wenig ausruhen. Er setzte sich tief in Mutters großen Korbstuhl auf der Veranda, den Strauß für Papa hatte er noch in der Hand.

Er fühlte sich angenehm ermattet, er schloß die Augen, wandte sich gegen die Sonne und freute sich, wie das Licht ihm rot und warm durch die Lider schien. Dann blickte er befriedigt an seinem hübschen, reinen Anzug hinab und streckte seine blanken gelben Schuhe ins Sonnenlicht, abwechselnd den rechten und den linken. Er fand es schön, so still und etwas matt in Behaglichkeit und Reinlichkeit zu sitzen, nur die Nelken dufteten allzu stark. Er legte sie weg und schob sie auf dem Tisch von sich fort, so weit sein Arm reichte. Er mußte sie bald ins Wasser tun, damit sie nicht welk würden, ehe der Vater sie sähe.

Mit ungewohnter Zärtlichkeit dachte er an ihn. Wie war das doch gestern gewesen? Er hatte ihn im Atelier aufgesucht, und Papa hatte gearbeitet und keine Zeit gehabt, und er war so allein und fleißig und etwas traurig vor seinem Bilde gestanden. Soweit erinnerte er sich genau an alles. Aber später? War ihm später nicht der Vater im Garten begegnet? Er versuchte mit Anstrengung sich zu erinnern. Ja, Vater war im Garten hin und her gegangen, allein und mit einem fremden, schmerzlichen Gesicht, und er hatte ihn rufen wollen ... Wie war das gewesen? Es war irgend etwas Schreckliches oder Grausiges, was gestern geschehen war oder wovon er gestern gehört hatte, und er konnte es nicht wiederfinden.

Im tiefen Sessel zurückgelehnt ging er seinen Gedanken nach. Die Sonne schien gelb und warm auf seine Knie, aber die Fröhlichkeit wich ganz allmählich von ihm. Er fühlte, daß seine Gedanken sich jenem Grausigen mehr und mehr näherten, und er fühlte: sobald er es gefunden habe, werde es wieder Macht über ihn haben; es stand hinter ihm und wartete. So oft seine Erinnerung nahe an jene Grenze kam, stieg ein beklemmendes Gefühl wie Übelkeit und Schwindel in ihm auf, und sein Kopf begann leise zu schmerzen.

Die Nelken störten ihn mit ihrem überstarken Geruch. Sie lagen auf dem sonnigen Korbtisch und wurden welk, und wenn er sie dem Vater noch geben wollte, so war es jetzt Zeit. Aber er mochte nicht mehr, vielmehr er mochte schon, aber er war so müde, und das Licht tat ihm in den Augen weh. Und vor allem mußte er nachdenken, was da gestern geschehen war. Er spürte, er sei ganz nahe daran und brauche nur mit den Gedanken danach zu greifen, aber immer schwand es wieder dahin und war weg.

Der Kopfschmerz nahm zu. Ach, warum mußte das sein? Er war doch heut so vergnügt gewesen!

Frau Adele rief vor der Türe seinen Namen und kam gleich darauf herein. Sie sah die Blumen an der Sonne liegen und wollte Pierre nach Wasser schicken, da sah sie ihn an und sah ihn schlaff und eingesunken im Sessel hängen, und große Tränen auf seinen Wangen.

„Pierre, Kind, was ist? Bist du nicht wohl?“

Er sah sie an, ohne sich zu bewegen, und schloß die Augen wieder.

„Rede doch, Herz, was fehlt dir? Willst du ins Bett? Wollen wir ein Spiel machen? Hast du Schmerzen?“

Er schüttelte den Kopf und machte ein abwehrendes Gesicht, als belästige sie ihn.

„Laß mich,“ sagte er flüsternd.

Und da sie ihn aufrichtete und an sich nahm, schrie er, einen Augenblick wie in Wut aufflackernd, mit entstellter hoher Stimme: „So laß mich doch!“

Gleich darauf ließ sein Sträuben nach, er sank in ihren Armen zusammen, und da sie ihn aufhob, stöhnte er schwach, senkte gequält das erbleichte Gesicht vornüber und schüttelte sich in einem Anfall von Erbrechen.

Dreizehntes Kapitel

Seit Veraguth allein in seinem kleinen Neubau wohnte, war seine Frau kaum jemals bei ihm drüben gewesen. Als sie nun, ohne anzuklopfen, schnell und erregt in seine Werkstatt trat, war er alsbald auf eine schlimme Nachricht gefaßt, und so sicher warnte ihn der Instinkt, daß er, noch ehe sie ein Wort hatte sagen können, herausfuhr: „Ist etwas mit Pierre?“

Sie nickte hastig.

„Er muß ernstlich krank sein. Er war vorher ganz sonderbar, und eben hat er wieder erbrochen. Du mußt den Doktor holen.“

Während sie sprach, flog ihr Blick durch den leeren, großen Raum und blieb an dem neuen Bilde hängen. Sie sah die Figuren nicht, sie erkannte nicht einmal die Gestalt des kleinen Pierre, sie starrte nur auf die Leinwand und atmete die Luft des Raumes, in dem ihr Mann seit Jahren lebte, und mit dumpfer Ahnung fühlte sie hier eine ähnliche Atmosphäre von Einsamkeit und trotzigem Selbstgenügen wie die, in welcher sie selber schon so lange lebte. Es war nur ein Augenblick, dann wandte sie den Blick von dem Bilde ab und suchte dem Maler Antwort zu geben, der heftig durcheinander fragte.

„Bitte telephoniere sofort nach einem Automobil,“ sagte er schließlich, „das geht rascher als mit dem Wagen. Ich fahre selber in die Stadt, ich muß mir nur eben die Hände waschen. Ich komme sofort hinüber. Du hast ihn doch zu Bett gebracht?“

Eine Viertelstunde später saß er im Automobil und suchte den einzigen Arzt, den er kannte und der früher manchmal ins Haus gekommen war. In der alten Wohnung fand er ihn nicht mehr, er war umgezogen. Auf der Suche nach der neuen Wohnung begegnete er seinem Wagen, der Sanitätsrat grüßte ihn, er dankte und war schon vorüber, als ihm klar wurde, daß er es sei, den er suche. Er kehrte um und fand den Arztwagen vor dem Hause eines Patienten halten, wo er eine peinliche Weile warten mußte. Dann fing er den Sanitätsrat in der Haustüre ab und nötigte ihn in sein Automobil. Der Arzt sträubte und wehrte sich, er mußte beinahe Gewalt brauchen, um ihn mitzubekommen.

Im Wagen, der sofort mit der größten Eile gegen Roßhalde hinausfuhr, legte der Arzt ihm die Hand aufs Knie und sagte: „Gut denn, ich bin Ihr Gefangener. Ich muß andere warten lassen, die mich brauchen, das wissen Sie. Also, wo fehlt es? Ist Ihre Frau krank? – Nicht? – Also der Kleine. Wie heißt er doch? Pierre, richtig. Ich habe ihn lang nimmer gesehen. Was ist es denn? Ist er verunglückt?“

„Er ist krank, seit gestern. Heut früh schien er wieder in Ordnung zu sein, er war auf und hat auch ein wenig gegessen. Jetzt erbricht er plötzlich wieder und scheint Schmerzen zu haben.“

Der Arzt fuhr sich mit der mageren Hand über das klughäßliche Gesicht.

„Also wohl der Magen. Wir werden ja sehen. Sonst ist alles wohl bei Ihnen? Letzten Winter habe ich Ihre Ausstellung in München gesehen. Wir sind stolz auf Sie, Verehrter.“

Er sah auf die Uhr. Sie schwiegen beide, als der Wagen die Übersetzung wechselte und mit lauterem Keuchen bergan fuhr. Bald waren sie draußen und mußten am Hoftor absteigen, das nicht geöffnet war.

„Warten Sie auf mich,“ rief der Sanitätsrat dem Chauffeur zu. Dann schritten sie rasch über den Hof und ins Haus. Die Mutter saß bei Pierres Bett.

Nun hatte der Arzt plötzlich Zeit. Ohne Eile ging er an die Untersuchung, versuchte den Knaben zum Plaudern zu bringen, hatte gütig beruhigende Worte für die Mutter und schuf in aller Gelassenheit eine Atmosphäre von Vertrauen und Sachlichkeit, die auch Veraguth wohltat.

Pierre zeigte kein Entgegenkommen, er verhielt sich still, unwillig und mißtrauisch. Als man ihm den Bauch abtastete und drückte, verzog er höhnisch den Mund, als finde er diese Bemühungen töricht und unnütz.

„Eine Vergiftung scheint ausgeschlossen,“ sagte der Sanitätsrat behutsam, „und am Blinddarm ist gar nichts zu finden. Es ist wohl einfach ein verdorbener Magen, und für den ist Abwarten und Fasten das beste. Geben Sie dem Jungen heute nichts als ein wenig schwarzen Tee, falls er Durst hat, abends kann er auch einen kleinen Schluck Bordeaux haben. Falls alles gut bleibt, bekommt er morgen zum Frühstück Tee und Zwieback. Sollte er Schmerzen bekommen, so können Sie mir ja telephonieren.“

Erst an der Türe draußen fing Frau Veraguth zu fragen an. Sie bekam aber keine weitere Auskunft.

„Der Magen scheint tüchtig verstimmt, und das Kind ist offenbar sensibel und nervös. Von Fieber keine Spur. Sie können ihn ja abends messen. Der Puls ist etwas matt. Sollte es nicht besser werden, so komme ich morgen wieder her. Mir scheint, es ist nichts Ernstliches.“

Er empfahl sich rasch und war nun wieder sehr eilig. Veraguth begleitete ihn bis zum Wagen.

„Kann das lange dauern?“ fragte er im letzten Augenblick.

Der Arzt lachte hart.

„Ich hätte Sie nicht für so ängstlich gehalten, Herr Professor. Der Junge ist etwas zart, und verdorbene Mägen haben wir als Kinder alle oft genug gehabt. Guten Morgen!“

Veraguth wußte sich im Hause entbehrlich und schlenderte nachdenklich feldeinwärts. Die knappe, straffe Art des Sanitätsrates hatte ihn beruhigt, und er wunderte sich jetzt selbst, daß er so erregt und überängstlich gewesen war.

Mit erleichtertem Gefühl schritt er aus und sog die heiße Luft des tiefblauen Spätvormittags ein. Ihm schien, er mache heute schon seinen Abschiedsgang durch diese Wiesen und Obstbaumreihen, und es war ihm leidlich wohl und frei zumute. Als er sich besann, woher dies neue Gefühl einer Entscheidung und Lösung ihm kommen möge, wurde ihm klar, daß das alles eine Folge des Morgengespräches mit Frau Adele sei. Daß er ihr seine Reisepläne mitgeteilt hatte, daß sie ihn zunächst so ruhig angehört und keine Versuche zu irgendeiner Gegenwehr gemacht hatte, daß zwischen seinem Entschluß und der Ausführung nun alle Seitenwege und Ausflüchte abgeschnitten waren und die nächste Zukunft so klar und eindeutig vor ihm lag, das tat ihm wohl, daher kam ihm Beruhigung und neues Selbstgefühl.

Ohne zu wissen, wo er gehe, hatte er jenen Weg eingeschlagen, den er vor einigen Wochen mit seinem Freunde Burkhardt gegangen war. Erst als der Feldweg zu steigen begann, sah er, wo er sei, und erinnerte sich jenes Spazierganges mit Otto. Das Wäldchen da oben, mit der Bank und mit dem geheimnisvoll helldunkeln Durchblick in die klare, bildhaft ferngerückte Landschaft des bläulichen Flußtales, hatte er im Herbst malen wollen, und es war seine Absicht gewesen, Pierre auf die Bank zu setzen und den hellen Knabenkopf weich in das braune, dunkle Waldlicht zu stellen.

Aufmerksam stieg er empor, die Hitze des nahenden Mittags nicht mehr fühlend, und während er spähend den Augenblick erwartete, wo ihm über den Hügelkamm der Waldrand entgegenträte, fiel jener Tag mit Burkhardt ihm wieder ein, er erinnerte sich an ihre Gespräche, ja an einzelne Worte und Fragen des Freundes, an den noch frühsommerlichen Ton der Landschaft, deren Grün seither längst viel tiefer und milder geworden war. Und dabei überraschte ihn ein Gefühl, das er seit langem nicht mehr kannte und dessen unerwartete Wiederkehr ihn heftig an die Jugendzeit erinnerte. Es schien ihm nämlich, seit jenem Waldgange mit Otto sei eine lange, lange Zeit vergangen, und er selbst sei seither gewachsen, anders geworden und vorwärts gekommen, so daß er auf sein damaliges Ich mit einem gewissen ironischen Mitleid zurückblickte.

Überrascht von dieser so ganz jugendlichen Empfindung, die ihm in der Zeit vor zwanzig Jahren alltäglich gewesen war und ihn jetzt wie ein seltener Zauber berührte, übersah er die kurze Zeit dieses Sommers und fand, was er soeben und gestern noch nicht gewußt hatte. Er fand sich, da er sich der Zeit vor zwei, drei Monaten erinnerte, verwandelt und weitergekommen, er fand heute Helligkeit und sichere Ahnung des Weges, wo noch vor kurzem nur Dunkelheit und ratlose Unsicherheit gewesen war. Es war, als sei sein Leben nun wieder ein klarer, entschieden nach der ihm bestimmten Richtung hindrängender Fluß oder Strom, während es vorher so lange Zeit in einem sumpfig stillen See gezögert und unschlüssig sich um sich selber gedreht hatte. Und es wurde ihm klar, daß seine Reise unmöglich hierher zurückführen könne, daß er hier nichts mehr zu tun habe als Abschied zu nehmen, einerlei, ob sein Herz dabei brenne und blute. Sein Leben war wieder in Fluß geraten, und sein Strom ging mit Entschiedenheit nach der Freiheit und Zukunft hin. Er hatte von der Stadt und Gegend, er hatte von Roßhalde und von seiner Frau, ohne darüber klar zu sein, im Innersten sich schon getrennt und losgesagt.

Er blieb tief aufatmend stehen, von der Woge hellsichtiger Ahnung gehoben und durchströmt. Er dachte an Pierre, und ein schneidend heller, wilder Schmerz ging feindlich durch sein ganzes Wesen, als ihm gewiß wurde, daß er diesen Weg zu Ende gehen und sich auch von Pierre trennen müsse.

So stand er lange mit zuckendem Gesicht, und wenn es glühender Schmerz war, was er in sich fühlte, so war es doch Leben und Licht, war es doch Klarheit und Zukunft. Das war es, was Otto Burkhardt von ihm gewollt hatte. Das war die Stunde, auf die der Freund gewartet hatte. Das war der Schnitt in alte, lang geschonte Geschwüre, von dem er gesprochen hatte. Der Schnitt tat weh, er tat bitter weh, aber mit den preisgegebenen Lieblingswünschen starb auch Unrast und Uneinigkeit, Zwiespalt und Lähmung der Seele dahin. Es war Tag um ihn geworden, grausam heller, schöner, lichter Tag.

Ergriffen tat er die letzten Schritte zur Hügelhöhe hinan und setzte sich auf die beschattete Steinbank. Ein tiefes Lebensgefühl durchquoll ihn wie Wiederkehr der Jugend, und in erlöster Dankbarkeit wandte er seine Gedanken zu dem fernen Freunde, ohne den er niemals diesen Weg gefunden hätte, ohne den er für immer in dumpfer kranker Gefangenschaft geblieben und verkommen wäre.

Indessen war es seiner Natur nicht gemäß, lange nachzudenken oder lange in extremen Stimmungen zu verharren. Zugleich mit dem Gefühl der Genesung und des wiedergewonnenen Willens rann ihm ein neues Bewußtsein tätiger Kraft und herrschsüchtiger persönlicher Macht durch alle Sinne.

Er erhob sich, schlug die Augen auf und griff mit belebten Blicken herrisch nach seinem neuen Bilde. Er schaute lang durch den Waldschatten in das ferne lichte Flußtal hinab. Dies wollte er malen, und er wollte nicht mehr den Herbst dazu abwarten. Es war eine heikle Aufgabe, es war eine kapitale Schwierigkeit, es war ein köstliches Rätsel hier zu lösen: dieser wundersame Durchblick mußte mit Liebe gemalt werden, er mußte mit so viel Liebe und Studium gemalt werden, wie ihn ein zarter alter Meister gemacht hätte, ein Altdorfer oder Dürer. Hier konnte die Beherrschung des Lichtes und dessen mystischer Rhythmus nicht das einzige sein, hier mußte jede kleinste Form ihr volles Recht bekommen und so fein überlegt und abgewogen werden wie die Gräser in jenen wunderbaren Feldsträußen seiner Mutter. Die kühlhelle Ferne des Tales mußte, durch die warme Lichtflut des Vorgrundes und den Waldschatten doppelt zurückgetrieben, wie ein Edelstein aus dem Grunde des Bildes hervorleuchten, so kühl wie süß, so fremd wie lockend.

Er sah auf die Uhr, es war Zeit, nach Hause zu gehen. Er wollte seine Frau heute nicht warten lassen. Aber vorher zog er doch noch das kleine Skizzenbuch hervor und notierte, in der Mittagssonne am Rand des Hügels stehend, mit kräftigen Strichen das Skelett seines Bildes: die Maße der Perspektive, den Ausschnitt des Ganzen und das vielversprechende Oval der kleinen köstlichen Fernsicht.

Darüber verspätete er sich nun doch ein wenig und lief, der Hitze nicht achtend, in Eile den steilen sonnigen Weg bergab zurück. Er überlegte, was er zum Malen brauchen werde, er beschloß, morgen sehr früh aufzustehen, um die Landschaft auch im ersten Morgenlichte zu sehen, und im Herzen wurde ihm wohl und heiter, da er wieder eine schöne, lockende Aufgabe auf sich warten wußte.

„Was macht Pierre?“ war seine erste Frage, als er eilig eintrat.

Der Kleine sei ruhig und müde, gab Frau Adele Bericht, er scheine keine Schmerzen zu haben und liege geduldig still. Es sei am besten, ihn nicht zu stören, er sei merkwürdig empfindlich und fahre auf, sobald die Türe gehe oder sonst ein plötzliches Geräusch zu hören sei.

„Nun ja,“ nickte er dankend, „ich werde ihn später besuchen, vielleicht gegen Abend. Entschuldige, daß ich etwas verspätet kam, ich war draußen und werde die nächsten Tage im Freien arbeiten.“

Man aß in Frieden und Stille, durch die herabgelassenen Jalousien floß ein grünes Licht durch das kühle Zimmer, die Fenster standen alle offen, und man hörte in der Mittagsstille vom Hofe her den kleinen Brunnen plätschern.

„Du wirst für Indien eine besondere Ausrüstung brauchen,“ fragte Albert, „nimmst du auch Jagdzeug mit?“

„Ich denke nicht, Burkhardt ist mit allem versehen. Er wird mir schon Rat geben. Ich glaube, man muß das Malzeug in verlöteten Blechkisten mitnehmen.“

„Wirst du auch einen Tropenhelm tragen?“

„Jedenfalls. Den kann man ja unterwegs kaufen.“

Als Albert nach Tische weggegangen war, bat Frau Veraguth ihren Mann noch zu bleiben. Sie setzte sich in ihren Korbstuhl am Fenster und er trug seinen Sessel zu ihr hinüber.

„Wann wirst du denn reisen?“ fragte sie einleitend.

„O, das kommt ganz auf Otto an, ich richte mich natürlich nach ihm. Ich denke, etwa Ende September.“

„So bald schon? Ich habe noch wenig darüber nachdenken können. Pierre nimmt mich jetzt eben in Anspruch. Aber ich glaube, du solltest seinetwegen nicht zuviel von mir verlangen.“

„Das will ich auch nicht, ich habe mir das heute nochmals überlegt. Du sollst in allem volle Freiheit haben. Ich sehe ein, es geht nicht an, daß ich in der Welt herumreise und dabei verlange, zugleich hier in deinen Angelegenheiten mitzusprechen. Du mußt in allem tun, was dir gut scheint. Du sollst nicht weniger Freiheit haben, als ich für mich beanspruche.“

„Aber was soll mit dem Hause hier geschehen? Allein hierbleiben möchte ich nicht, es ist zu abgelegen und zu weitläufig, und es sind hier auch zu viele Erinnerungen, die mich stören.“