Rosshalde

Part 8

Chapter 83,948 wordsPublic domain

„Ja, das ist ein Unglück, wenn du keine Farben riechen magst und ein Malerskind bist. Da wirst du wohl nie ein Maler werden?“

„Nein, ich will auch nicht.“

„Was willst du denn werden?“

„Gar nichts. Am liebsten wär’ ich ein Vogel oder so etwas.“

„Das wäre nicht schlecht. Aber sag mir jetzt, Schatzi, was du gern von mir haben möchtest. Schau, ich muß an dem großen Bild weiter arbeiten. Wenn du willst, kannst du dableiben und etwas spielen. Oder soll ich dir ein Bilderbuch zum Anschauen geben?“

Nein, das war nicht, was er wollte. Er sagte, nur um wieder loszukommen, er werde jetzt die Tauben füttern gehen, und er merkte genau, daß der Vater aufatmete und froh war, ihn gehen zu sehen. Er wurde mit einem Kuß entlassen und ging hinaus. Der Vater zog die Türe zu, und Pierre stand wieder allein, noch leerer als zuvor. Er irrte quer über den Rasen, wo er eigentlich nicht gehen sollte, er riß zerstreut und bekümmert ein paar Blumen ab und sah gleichgültig zu, wie seine hellen, gelben Schuhe im nassen Grase Flecken bekamen und dunkel wurden. Schließlich warf er sich, von Verzweiflung überwältigt, mitten in den Rasen, wühlte schluchzend den Kopf ins Gras und fühlte die Ärmel seiner hellblauen Bluse naß werden und an den Armen kleben.

Erst als er zu frieren begann, stand er ernüchtert wieder auf und schlich sich scheu ins Haus.

Bald würde man ihn rufen, und dann würde man sehen, daß er geweint hatte, und dann würde man die nasse, schmutzige Bluse und die feuchten Schuhe bemerken und ihn dafür schelten. Feindselig ging er an der Küchentüre vorüber, er mochte jetzt mit niemand zusammentreffen. Er wäre am liebsten irgendwo weit fortgewesen, wo gar niemand von ihm wußte und nach ihm fragte.

Da sah er an einem der selten bewohnten Gastzimmer den Schlüssel stecken. Er ging hinein, zog die Türe zu, schloß auch die offenstehenden Fenster und verkroch sich wild und müde und ohne die Schuhe auszuziehen auf ein großes unüberzogenes Bett. Da blieb er zwischen Weinen und Schlummern in seinem Jammer liegen. Und als er, nach einer langen Zeit, seine Mutter im Hof und auf der Treppe nach ihm rufen hörte, gab er keine Antwort und grub sich trotzig tiefer in die Decke. Die Stimme der Mutter kam und ging und verklang endlich, ohne daß er sich überwinden konnte, ihr zu folgen. Zuletzt schlief er mit nassen Wangen ein.

Mittags, als Veraguth zu Tische kam, fragte ihn seine Frau sogleich: „Hast du denn Pierre nicht mitgebracht?“

Ihr etwas erregter Ton fiel ihm auf.

„Pierre? Ich weiß nichts von ihm. War er denn nicht bei euch?“

Frau Adele erschrak und redete lauter.

„Nein, ich habe ihn seit dem Frühstück nimmer gesehen! Als ich ihn suchte, sagten mir die Mädchen, sie hätten ihn ins Atelier gehen sehen. War er denn nicht dort?“

„Ja, er war da, aber nur einen Augenblick, er lief gleich wieder weg.“

Und ärgerlich fügte er hinzu: „Sieht denn kein Mensch im Haus nach dem Jungen?“

„Wir glaubten, er sei bei dir,“ sagte Frau Adele kurz und gekränkt. „Ich gehe ihn suchen.“

„Schicke jemand nach ihm! Wir wollen nun doch essen.“

„Ihr könnt ja inzwischen beginnen. Ich gehe selbst suchen.“

Sie ging hastig aus dem Zimmer. Albert stand auf und wollte ihr folgen.

„Bleib hier, Albert,“ rief Veraguth. „Wir sind bei Tische!“

Der Jüngling sah ihn zornig an.

„Ich werde mit Mama essen,“ sagte er trotzig.

Ironisch lächelte ihm der Vater ins erregte Gesicht.

„Meinetwegen, du bist ja Herr im Hause, nicht wahr? Falls du übrigens Lust hast, wieder einmal mit Messern nach mir zu werfen, so laß dich bitte nicht durch irgendwelche Vorurteile davon abhalten!“

Der Sohn wurde bleich und stieß seinen Stuhl zurück. Es war das erstemal, daß der Vater ihn an jene zornige Tat seiner Knabenzeit erinnerte.

„So darfst du nicht mit mir reden!“ rief er ausbrechend. „Ich dulde es nicht!“

Veraguth nahm sich ein Stück Brot und aß einen Bissen davon, ohne zu antworten. Er schenkte sich Wasser ins Glas, trank es langsam aus und beschloß ruhig zu bleiben. Er tat, als sei er allein, und Albert trat unschlüssig gegen das Fenster.

„Ich dulde es nicht!“ rief er endlich nochmals, unfähig, seinen Zorn bei sich zu behalten.

Der Vater streute Salz auf sein Brot. Er sah sich in Gedanken ein Schiff besteigen und auf endlosen fremden Meeren fahren, weit weg von diesen unheilbaren Verwirrungen.

„Es ist gut,“ sagte er beinahe friedlich. „Ich sehe, daß es dir unsympathisch ist, wenn ich mit dir rede. Lassen wir’s doch!“

In diesem Augenblick hörte man draußen einen erstaunten Ausruf und eine Flut erregter Worte. Frau Adele hatte den Knaben in seinem Schlupfwinkel entdeckt. Der Maler horchte auf und ging rasch hinaus. Heute schien alles durcheinander zu gehen.

Er fand Pierre mit schmutzigen Stiefeln in dem zerwühlten Gastbett liegen, das Gesicht verschlafen und verweint, die Haare wirr, und davor seine Frau in hilflosem Erstaunen.

„Aber Kind,“ rief sie endlich zwischen Sorge und Ärger, „was machst du denn? Warum gibst du keine Antwort? Und warum liegst du hier?“

Veraguth richtete den Kleinen auf und sah ihm erschrocken in die ausdruckslosen Augen.

„Bist du krank, Pierre?“ fragte er zärtlich.

Der Knabe schüttelte verwirrt den Kopf.

„Hast du denn hier geschlafen? Bist du schon lange hier?“

Mit einer dünnen, mutlosen Stimme sagte Pierre: „Ich kann nichts dafür ... Ich habe nichts getan ... Ich habe nur Kopfweh gehabt.“

Veraguth trug ihn auf seinen Armen ins Speisezimmer hinüber.

„Gib ihm einen Teller Suppe,“ sagte er zu seiner Frau. „Du mußt ein wenig Warmes essen, Kind, das tut gut, du wirst sehen. Du bist gewiß krank, armer Kerl.“

Er setzte ihn in seinen Sessel, schob ihm ein Kissen in den Rücken und gab ihm selber mit dem Löffel seine Suppe ein.

Albert saß schweigend und verschlossen.

„Er scheint wirklich krank zu sein,“ sagte Frau Veraguth beinahe beruhigt, mit dem Gefühl der Mutter, die zu Hilfe und Pflege freudiger bereit ist als zur Untersuchung und Behandlung ungewöhnlicher Unarten.

„Wir bringen dich nachher zu Bett, iß jetzt nur, mein Herz,“ tröstete sie zutraulich.

Pierre saß, grau im Gesicht, mit halbwachen Augen und schluckte widerstandslos, was ihm eingelöffelt wurde. Während der Vater ihn mit Suppe fütterte, fühlte ihm die Mutter den Puls und war froh, kein Fieber zu finden.

„Soll ich den Doktor holen?“ fragte Albert, um doch auch etwas zu tun, mit unfester Stimme.

„Nein, laß nur,“ sagte die Mutter. „Pierre kommt ins Bett und wird fein warm gewickelt, dann schläft er tüchtig aus und wird morgen wieder gesund. Nicht wahr, Schatzi?“

Der Kleine hörte nicht zu, und er schüttelte abwehrend den Kopf, als ihm der Vater noch mehr zu essen geben wollte.

„Nein, zwingen soll er sich nicht dazu,“ sagte die Mutter. „Komm nur mit, Pierre, wir gehen zu Bett, da wird alles wieder gut.“

Sie nahm seine Hand und er stand schwerfällig auf. Schläfrig folgte er der Mutter, die ihn mit sich zog. Aber in der Türe blieb er stehen, verzog das Gesicht und krümmte sich zusammen, und in einem Anfall von Übelkeit gab er alles wieder von sich, was er eben gegessen hatte.

Veraguth trug ihn ins Schlafzimmer und überließ ihn der Mutter. Glockenzüge klangen und Dienstboten liefen treppauf und ab. Der Maler aß einige Bissen, zwischenein lief er zweimal wieder zu Pierre hinüber, der nun ausgekleidet und gewaschen in seiner messingenen Bettstatt lag. Dann kam Frau Adele zurück und berichtete, das Kind sei ruhig und ohne Schmerzen und scheine einschlafen zu wollen.

Der Vater wandte sich an Albert: „Was hat Pierre gestern zu essen bekommen?“

Albert besann sich, wandte aber seine Antwort an die Mutter.

„Es war nichts Besonderes. In Brückenschwand ließ ich Pierre Brot und Milch geben, und zum Mittagessen in Pegolzheim bekamen wir Makkaroni und Koteletten.“

Der Vater fragte inquisitorisch weiter: „Und später?“

„Er wollte nichts mehr nehmen. Am Nachmittag kaufte ich bei einem Gärtner Aprikosen. Von denen hat er nur eine oder zwei gegessen.“

„Waren sie reif?“

„Ja, natürlich. Du scheinst zu glauben, ich habe ihm absichtlich den Magen verdorben.“

Die Mutter bemerkte seine Gereiztheit und fragte: „Was habt ihr denn?“

„Nichts,“ sagte Albert.

Veraguth fuhr fort: „Ich glaube gar nichts, ich frage nur. Ist gestern gar nichts passiert? Hat er nie erbrochen? Oder ist er gefallen? Hat er nie über Schmerzen geklagt?“

Albert gab mit Ja und Nein knappe Auskunft und wünschte sehnlich, diese Mahlzeit möchte vorüber sein.

Als der Vater nochmals auf Zehenspitzen in Pierres Schlafzimmer ging, fand er ihn eingeschlafen. Das blasse Kindergesicht war voll von tiefer Ernsthaftigkeit und sehnlich inbrünstiger Hingabe an den tröstenden Schlaf.

Elftes Kapitel

An diesem unruhigen Tage malte Johann Veraguth sein großes Bild fertig. Erschreckt und im Herzen beunruhigt war er von dem kranken Pierre gekommen und es war ihm schwerer als je geworden, die in ihm arbeitenden Gedanken zu bändigen und jene vollkommene Ruhe zu finden, die das Geheimnis seiner Kraft war und die er so teuer bezahlen mußte. Aber sein Wille war stark, es gelang ihm, und das Bild bekam in den Stunden des Nachmittags, bei einem schönen, weichen Lichte, die letzten kleinen Korrekturen und Zusammenziehungen.

Als er die Palette weglegte und sich vor die Leinwand setzte, war ihm sonderbar öde zumut. Er wußte wohl, daß dies Bild etwas Besonderes sei und daß er damit viel gegeben habe. Sich selbst aber fühlte er leer und ausgebrannt. Und er hatte keinen Menschen, dem er sein Werk hätte zeigen können. Der Freund war weit weg, und Pierre war krank, und sonst hatte er niemanden. Wirkung und Widerhall seiner Arbeit würde er nur aus gleichgültiger Ferne zu spüren bekommen, aus Zeitungen und Briefen. Ach, das war nichts, das war weniger als nichts, der Blick eines Freundes oder der Kuß einer Geliebten hätte allein ihn jetzt freuen, belohnen und stärken können.

Eine Viertelstunde stand er still vor seinem Bilde, das die Kraft und die guten Stunden einiger Wochen in sich getrunken hatte und ihm leuchtend in die Augen sah, indessen er selbst erschöpft und fremd vor seinem Werke stand.

„Ach was, ich werde es verkaufen und meine indische Reise davon bezahlen,“ sagte er in wehrlosem Zynismus. Er schloß die Türen der Werkstatt zu und ging ins Haus, um nach Pierre zu sehen, den er schlafend fand. Der Knabe sah besser aus als am Mittag, der Schlaf hatte sein Gesicht gerötet, der Mund stand halb offen, der Ausdruck von Qual und Trostlosigkeit war verschwunden.

„Wie rasch das bei Kindern geht!“ sagte er in der Türe flüsternd zu seiner Frau. Sie lächelte schwach und er sah, daß auch sie aufatme und daß auch ihre Sorge größer gewesen sei, als sie gezeigt hatte.

Allein mit seiner Frau und Albert zu speisen, schien ihm nicht verlockend.

„Ich gehe zur Stadt,“ sagte er, „und bin den Abend nicht hier.“

Der kranke Pierre lag schlummernd in seinem Kinderbett, die Mutter verdunkelte das Zimmer und ließ ihn allein.

Ihm träumte, er gehe langsam durch den Blumengarten. Es war alles ein wenig verändert und viel größer und weiter als sonst, er ging und ging und kam an kein Ende. Die Beete waren schöner, als er sie je gesehen hatte, aber die Blumen sahen alle sonderbar gläsern, groß und fremdartig aus und das Ganze glänzte in einer traurig toten Schönheit.

Etwas beklommen umging er ein Rondell mit großblumigen Sträuchern, ein blauer Schmetterling hing ruhig saugend an einer weißen Blüte. Es war unnatürlich still, und auf den Wegen lag kein Kies, sondern etwas Weiches, worauf man wie auf Teppichen ging.

Jenseits kam ihm seine Mama entgegen. Aber sie sah ihn nicht und nickte ihm nicht zu, sie schaute streng und traurig in die Luft und ging lautlos vorüber wie ein Geist.

Und bald darauf, auf einem anderen Wege, sah er ebenso den Vater gehen, und später Albert, und jeder ging still und streng geradeaus und keiner wollte ihn sehen. Verzaubert liefen sie einsam und steif umher, und es schien, als müsse es allezeit so bleiben, als werde nie ein Blick in ihre starren Augen und nie ein Lachen in ihre Gesichter kommen, als werde niemals ein Ton in diese undurchdringliche Stille wehen und nie der leiseste Wind die regungslosen Zweige und Blätter rühren.

Das Schlimmste war, daß er selber nicht zu rufen vermochte. Er war durch nichts daran gehindert, es tat ihm nichts weh, aber er hatte keinen Mut und keinen rechten Willen dazu; er sah ein, daß alles so sein müsse und daß es nur noch schrecklicher würde, wenn man sich dagegen auflehnte.

Pierre spazierte langsam weiter durch die seelenlose Gartenpracht, glänzend standen tausend herrliche Blumen in der hellen, toten Luft, als wären sie nicht wirklich und lebendig, und von Zeit zu Zeit traf er Albert oder die Mutter oder den Vater wieder an und sie wandelten an ihm und aneinander stets in derselben starren Fremdheit vorüber.

Ihm schien, als sei es so schon lange Zeit, vielleicht Jahre, und jene anderen Zeiten, da die Welt und der Garten lebendig und die Menschen froh und gesprächig gewesen waren und er selber voll Lust und Wildheit, jene Zeiten lägen undenkbar weit in einer tiefen, blinden Vergangenheit. Vielleicht war es immer so gewesen wie jetzt, und das Frühere war nur ein hübscher, närrischer Traum.

Schließlich kam er an ein kleines steinernes Wasserbecken, wo der Gärtner früher die Gießkannen gefüllt und worin er selber einmal ein paar winzige Kaulquappen gehalten hatte. Das Wasser stand regungslos in grüner Helle, es spiegelte den Steinrand und die überhängenden Blätter einer Staude mit gelben Sternblumen und sah hübsch, verlassen und irgendwie unglücklich aus, wie alles andere.

„Wenn man da hineinfällt, dann ertrinkt man und ist tot,“ hatte der Gärtner früher einmal gesagt. Es war aber gar nicht tief.

Pierre trat an den Rand des ovalen Beckens und beugte sich vor.

Da sah er sein eigenes Gesicht im Wasser gespiegelt. Es sah aus wie die Gesichter der anderen: alt und bleich und tief in gleichgültiger Strenge erstarrt.

Er sah es erschreckt und verwundert, und plötzlich stieg die heimliche Furchtbarkeit und sinnlose Traurigkeit seines Zustandes übermächtig in ihm auf. Er versuchte zu schreien, aber es gab keinen Ton. Er wollte laut aufweinen, aber er konnte nur das Gesicht verziehen und hilflos grinsen.

Da kam sein Vater wieder gegangen, und Pierre wendete sich zu ihm in einer ungeheuren Anstrengung aller gebannten Seelenkräfte. Alle Todesangst und alles unerträgliche Leid seines verzweifelten Herzens flüchtete sich in stummem Schluchzen hilfebegehrend zum Vater, der in seiner gespenstischen Ruhe herankam und ihn wieder nicht zu sehen schien.

„Vater!“ wollte der Knabe rufen, und obwohl kein Ton zu hören war, drang doch die Gewalt seiner furchtbaren Not zu dem stillen Einsamen hinüber. Der Vater wendete das Gesicht und sah ihn an.

Er sah ihm aufmerksam mit seinem suchenden Malerblick in die flehenden Augen, er lächelte schwach und er nickte ihm leise zu, gütig und bedauernd, aber ohne Trost, als sei hier durchaus nicht zu helfen. Einen kleinen Augenblick lief ein Schatten von Liebe und von verwandtem Leid über sein strenges Gesicht, und in diesem kleinen Augenblick war er nicht der mächtige Vater mehr, sondern eher ein armer, hilfloser Bruder.

Dann richtete er den Blick wieder geradeaus und ging langsam in demselben gleichmäßigen Schritt davon, den er nicht unterbrochen hatte.

Pierre sah ihn gehen und verschwinden, der kleine Weiher und der Weg und der Blumengarten wurden dunkel vor seinen entsetzten Augen und sanken dahin wie Nebelgewölk. Er erwachte mit schmerzenden Schläfen und brennend trockener Kehle, sah sich allein im dämmerigen Stübchen zu Bette liegen, versuchte verwundert zurück zu denken, fand aber keine Erinnerungen und legte sich erschöpft und mutlos auf die andere Seite.

Nur langsam kam ihm das volle Bewußtsein wieder und ließ ihn aufatmen. Es war häßlich, krank zu sein und Kopfschmerzen zu haben, aber es war zu ertragen, und es war leicht und süß im Vergleich mit dem tödlichen Gefühl des Angsttraumes.

„Wozu soll all die Quälerei gut sein?“ dachte Pierre und kroch unter der Decke eng zusammen. Wozu wurde man krank? Wenn es eine Strafe war – für was sollte er denn gestraft werden? Er hatte nicht einmal etwas Verbotenes gegessen, wie früher einmal, wo er sich an halbreifen Pflaumen verdorben hatte. Die waren ihm verboten gewesen, und da er sie trotzdem gegessen hatte, geschah es ihm recht und er mußte die Folgen tragen. Das war klar. Aber jetzt? Warum lag er jetzt im Bett, warum hatte er erbrechen müssen und warum stach es so jammervoll in seinem Kopf?

Er war lange wach gelegen, als seine Mutter wieder ins Zimmer kam. Sie zog den Vorhang am Fenster zurück, weiches Abendlicht floß voll und mild herein.

„Wie geht’s, Liebling? Hast du schön geschlafen?“

Er gab keine Antwort. Auf der Seite liegend, wendete er die Augen empor und blickte sie an. Verwundert hielt sie dem Blick stand, er war merkwürdig prüfend und ernsthaft.

„Kein Fieber,“ dachte sie getröstet.

„Willst du jetzt etwas zu essen haben?“

Pierre schüttelte schwach den Kopf.

„Kann ich dir nichts bringen?“

„Wasser,“ sagte er leise.

Sie gab ihm zu trinken, doch nahm er nur einen Vogelschluck, dann schloß er die Augen wieder.

Plötzlich klang von Mutters Zimmer her rauschend das Klavier. In breiter Woge schwollen die Töne heran.

„Hörst du?“ fragte Frau Adele.

Pierre hatte die Augen weit geöffnet und sein Gesicht verzog sich wie in Qualen.

„Nicht!“ rief er, „nicht! Laßt mich doch!“

Und er hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und wühlte den Kopf ins Kissen ein.

Seufzend ging Frau Veraguth hinüber und bat Albert, er möge nicht weiterspielen. Sie kam zurück und blieb an Pierres Bettchen sitzen, bis er wieder eingeschlummert war.

Diesen Abend war es ganz still im Hause. Veraguth war fort, Albert war verstimmt und litt darunter, daß er nicht Klavier spielen durfte. Man ging früh zu Bett und die Mutter ließ ihre Türe offen stehen, um Pierre zu hören, falls er in der Nacht etwas brauche.

Zwölftes Kapitel

Der Maler hatte am Abend bei seiner Rückkehr aus der Stadt sein Haus aufmerksam umschlichen und mit Sorge gespäht und gelauscht, ob nicht ein erleuchtetes Fenster, ein Türengehen, eine Stimme ihm verkünde, daß sein Liebling noch krank sei und leide. Als er alles still, beruhigt und schlafend fand, fiel die Angst von ihm ab wie ein schweres, nasses Kleid, und dankbar lag er noch lange wach. Und noch kurz vor dem späten Einschlummern mußte er lächeln und sich wundern, wie wenig dazu gehöre, um ein verzagtes Herz froh zu machen. Alles, was ihn plagte und beschwerte, die ganze dumpfe, trübe Last seines Lebens ward zu nichts, ward leicht und unbedeutend neben der Liebessorge um sein Kind, und kaum sah er diesen schlimmen Schatten weichen, da schien ihm alles heller und alles erträglich zu sein.

In guter Stimmung kam er am Morgen zu ungewohnt früher Stunde ins Haus, fand voll Dankbarkeit den Kleinen noch prächtig schlafend und nahm das Frühstück mit seiner Frau allein, denn auch Albert war noch nicht aufgestanden. Es war seit Jahren das erstemal, daß Veraguth zu dieser Stunde hier im Hause und an Frau Adeles Tische war, und sie beobachtete ihn mit fast mißtrauischem Erstaunen, wie er freundlich und wohlgelaunt, als sei es die alltäglichste Sache, um eine Tasse Kaffee bat und wie in alten Zeiten ihr Frühstück teilte.

Schließlich fiel ihm selber ihre abwartende Spannung und das Ungewohnte der Stunde auf.

„Ich bin so froh,“ sagte er mit einer Stimme, die seine Frau an schönere Jahre erinnerte. „Ich bin so froh, daß unser Kleiner wieder in Ordnung zu kommen scheint. Ich merke erst jetzt, daß ich ernstlich um ihn in Sorge war.“

„Ja, er gefiel mir gestern gar nicht,“ stimmte sie bei.

Er spielte mit dem silbernen Kaffeelöffel und sah ihr beinahe schelmisch in die Augen, mit einem schwachen Abglanz der plötzlich ausbrechenden und nie lange währenden, knabenhaften Heiterkeit, die sie ehemals an ihm besonders geliebt und deren zartes Strahlen nur Pierre von ihm geerbt hatte.

„Ja,“ begann er munter, „es ist wirklich ein Glück. Und jetzt komme ich auch endlich dazu, über meine neuesten Pläne mit dir zu sprechen. Ich meine, du solltest im Winter mit den beiden Jungen nach Sankt Moritz gehen und recht lange dort bleiben.“

Unsicher blickte sie nieder.

„Und du?“ fragte sie. „Willst du dort oben malen?“

„Nein, ich werde nicht mitkommen. Ich werde euch alle eine Weile euch selber überlassen und verreisen. Ich will im Herbst wegfahren und das Atelier abschließen. Robert bekommt Urlaub. Es steht dann ganz bei dir, ob du den Winter hier auf Roßhalde bleiben willst. Ich würde nicht dazu raten, geh lieber nach Genf oder Paris, und vergiß Sankt Moritz nicht, das wird Pierre gut tun!“

Ratlos schlug sie die Augen zu ihm auf.

„Du machst Spaß,“ sagte sie ungläubig.

„Ach nein,“ lächelte er halb wehmütig, „das habe ich ganz verlernt. Es ist mein Ernst und du mußt es schon glauben. Ich will eine Seereise machen und längere Zeit wegbleiben.“

„Eine Seereise?“

Sie besann sich mit Anstrengung. Seine Vorschläge, seine Andeutungen, sein fröhlicher Ton, alles war ihr ungewohnt und machte sie mißtrauisch. Aber plötzlich tat das Wort „Seereise“ eine Vorstellung in ihr auf: sie sah ihn ein Schiff besteigen, Träger mit Koffern hinterher, sie erinnerte sich an die Bilder auf Plakaten der Schiffsgesellschaften und an ihre eigenen Reisen im Mittelmeer, und in einem Augenblick ward ihr alles durchsichtig.

„Du gehst mit Burkhardt!“ rief sie lebhaft.

Er nickte. „Ja, ich reise mit Otto.“

Beide schwiegen eine Weile. Frau Adele war betroffen und fühlte ahnungsvoll die Bedeutung der Nachricht. Vielleicht wollte er sie verlassen und freigeben? Jedenfalls war es ein erster ernsthafter Versuch nach dieser Seite, und sie erschrak im Herzen darüber, wie wenig Aufruhr, Sorge und Hoffnung sie dabei empfinde, und wie gar keine Freude. Mochte für ihn noch ein neues Leben möglich sein, für sie war es nicht so. Sie würde es mit Albert leichter haben, und sie würde Pierre gewinnen, ja, aber sie würde eine verlassene Frau sein und bleiben. Hundertmal hatte sie sich das vorgestellt und es hatte wie Freiheit und Erlösung ausgesehen; und heute, da es schien, als könne Wirklichkeit daraus werden, war so viel Bangigkeit und Scham und Schuldgefühl dabei, daß sie verzagte und keines Wunsches mehr fähig war. Das hätte früher kommen müssen, fühlte sie, in den Zeiten der Nöte und Stürme, noch ehe sie Resignation gelernt hatte. Nun kam es zu spät und unnütz, nun war es nichts mehr als ein Strich unter erledigte Dinge, es war nur noch Abschluß und bittere Bestätigung alles Verborgenen, Halbeingestandenen, und es glommen keine Funken neuer Lebenslockung mehr darin.

Veraguth las aufmerksam im beherrschten Gesicht seiner Frau, und sie tat ihm leid.

„Es soll ein Versuch sein,“ sagte er schonend. „Ihr sollt einmal ungestört miteinander leben, du und Albert – und auch Pierre, sagen wir etwa für ein Jahr. Ich dachte mir, es würde dir bequem sein, und für die Kinder wäre es gewiß ganz gut. Sie leiden doch beide etwas darunter, daß – – daß wir nicht so recht mit dem Leben fertig geworden sind. Auch uns selber wird bei einer längeren Trennung alles klarer werden, meinst du nicht?“

„Es mag sein,“ sagte sie leise. „Dein Entschluß scheint ja festzustehen.“

„Ich habe Otto schon geschrieben. Es wird mir ja nicht leicht, von euch allen so lange fortzugehen.“

„Von Pierre, meinst du.“

„Besonders von Pierre, ja. Ich weiß, du wirst gut für ihn sorgen. Ich kann nicht erwarten, daß du ihm viel von mir sprechen wirst; aber laß es mit ihm nicht gehen wie mit Albert!“

Sie schüttelte abwehrend den Kopf.

„Das war nicht meine Schuld, du weißt es.“

Vorsichtig legte er ihr die Hand auf die Schulter, mit unbeholfener, lange nicht geübter Zartheit.

„Ach, Adele, laß uns nicht von Schuld reden. Es soll alle Schuld bei mir sein. Ich will ja gutzumachen versuchen, nichts anderes. Ich bitte nur, laß mich Pierre nicht verlieren, wenn es sein kann! Durch ihn sind wir noch verbunden. Sieh zu, daß seine Liebe zu mir ihm nicht schwer gemacht wird.“