Rosshalde

Part 7

Chapter 73,929 wordsPublic domain

„Ja, er ist begabt. Aber ich weiß nicht, ob er zum Künstler passen würde. Zu wünschen scheint er es nicht. Er hat bis jetzt noch zu keinem Beruf besondere Lust und sein Ideal wäre eine Art von Gentleman, der gleichzeitig Sport und Studien, Geselligkeit und Kunst betriebe. Leben wird er davon schwerlich können, das werde ich ihm mit der Zeit klarmachen müssen. Einstweilen ist er ja fleißig und hat gute Manieren, da mag ich ihn nicht unnütz stören und unruhig machen. Wenn er seine Maturität gemacht hat, will er ohnehin zuerst Soldat werden. Später sieht man weiter.“

Der Maler schwieg. Er schälte eine Banane und roch befriedigt an der reifen, nahrhaft und mehlig duftenden Frucht.

„Wenn es dich nicht stört, möchte ich noch den Kaffee hier nehmen,“ sagte er schließlich.

Sein Ton war von schonender Freundlichkeit und etwas müde, als behage es ihm, hier auszuruhen und es ein wenig gut zu haben.

„Ich lasse ihn sofort bringen. – Du hast viel gearbeitet?“

Das war ihr entschlüpft, beinahe ohne daß sie es wußte. Sie wollte eigentlich nichts damit sagen; sie wollte nur, da es eben eine seltne gute Stunde war, ein wenig Aufmerksamkeit zeigen, und das fiel nicht leicht, da die Gewohnheit fehlte.

„Ja, ich habe ein paar Stunden gemalt,“ sagte ihr Mann trocken.

Es störte ihn, daß sie das fragte. Es war zwischen ihnen Sitte geworden, daß von seiner Arbeit nie geredet werde, und viele von seinen neueren Bildern hatte sie überhaupt nie gesehen.

Sie fühlte, daß der helle Augenblick verrinne, und sie tat nichts, ihn zu halten. Und er, der schon die Hand nach seinem Etui ausgestreckt hatte, um sich die Erlaubnis zu einer Zigarette zu erbitten, ließ die Hand wieder sinken und hatte die Lust dazu verloren.

Doch trank er ohne Eile seinen Kaffee, tat noch eine Frage nach Pierre, dankte mit Höflichkeit und blieb noch einige Minuten im Zimmer, ein kleines Bild betrachtend, das er seiner Frau vor manchen Jahren geschenkt hatte.

„Es hält sich gut,“ sagte er, halb zu sich selbst, „und sieht noch ganz hübsch aus. Nur die gelben Blumen sind eigentlich entbehrlich, sie ziehen zuviel Helligkeit da herüber.“

Frau Veraguth sagte nichts; es waren zufällig gerade die äußerst duftig und fein gemalten gelben Blumen, die sie an dem Bilde vor allem gern hatte.

Er wandte sich um und lächelte leicht.

„Auf Wiedersehen! Und langweile dich nicht zu sehr, bis die Jungen zurückkommen.“

Damit ging er hinaus und die Treppe hinab. Unten sprang der Hund an ihm in die Höhe. Er nahm seine Tatzen in die linke Hand zusammen, streichelte ihn mit der rechten und sah ihm in die eifrigen Augen. Dann rief er durchs Küchenfenster nach einem Stück Zucker, gab es dem Hunde, warf einen Blick auf den sonnigen Rasenplatz und ging langsam ins Atelier hinüber. Es war heute hübsch hier draußen, und eine herrliche Luft; aber er hatte keine Zeit, er mußte arbeiten.

Im stillen, aufgelösten Licht der hohen Werkstatt stand sein Bild. Auf einer grünen Fläche mit wenigen kleinen Wiesenblumen saßen die drei Figuren: der Mann gebückt und in ein hoffnungsloses Grübeln vergraben, die Frau ergeben wartend in enttäuschter Freudlosigkeit, das Kind hell und arglos in den Blumen spielend, und über ihnen allen ein intensives, wogendes Licht, das triumphierend im Raume flutete und in jedem Blumenkelch mit derselben unbekümmerten Innigkeit aufstrahlte wie im lichten Haar des Knaben und in dem kleinen Goldschmuck am Halse der betrübten Frau.

Neuntes Kapitel

Der Maler hatte bis gegen den Abend weitergearbeitet. Nun saß er, die Hände im Schoß und stumpf vor Ermüdung, eine Weile zusammengesunken im Armstuhl, vollkommen leer und ausgepreßt, mit erschlafften Wangen und etwas entzündeten Augenlidern, alt und fast leblos wie ein Bauer oder Holzhauer nach der schwersten körperlichen Arbeit.

Am liebsten wäre er so sitzengeblieben und hätte sich ganz der Müdigkeit und der Schlafsehnsucht überlassen. Seine herrische Zucht und Gewohnheit verlangte es aber anders, und er raffte sich nach einer Viertelstunde mit einem Ruck zusammen. Er stand auf, ohne mehr einen Blick nach dem großen Bilde hin zu tun, ging zur Badestelle am Weiher, zog sich aus und schwamm langsam um den See.

Es war ein milchig bleicher Abend, vom nächsten Feldwege her kam, durch den Park gedämpft, das Geräusch knarrender Heuwagen und das schwerfällige Rufen und Lachen müdgearbeiteter Knechte und Mägde herübergeklungen. Fröstelnd stieg Veraguth ans Land, rieb sich sorgfältig warm und trocken, ging in sein kleines Wohnzimmer und zündete eine Zigarre an.

Er hatte diesen Abend Briefe schreiben wollen, nun rückte er unschlüssig an der Tischlade, schob sie aber ärgerlich wieder zu und schellte nach Robert.

Der Diener kam gelaufen.

„Sagen Sie, wann sind die jungen Leute mit dem Wagen zurückgekommen?“

„Noch nicht, Herr Veraguth.“

„Was, sie sind noch gar nicht zurück?“

„Nein, Herr Veraguth. Wenn Herr Albert nur den Braunen nicht zu sehr strapaziert hat, er fährt gern ein wenig streng.“

Sein Herr gab keine Antwort. Er hatte sich gewünscht, noch ein halbes Stündlein Pierre bei sich zu haben, den er längst heimgekehrt glaubte. Nun war er über die Nachricht ärgerlich und etwas erschrocken.

Er lief ins Herrenhaus hinüber und klopfte am Zimmer seiner Frau. Sie begrüßte ihn erstaunt, es war seit langem nicht geschehen, daß er sie hier und um diese Zeit aufsuchte.

„Entschuldige,“ sagte er in unterdrückter Erregtheit, „aber wo ist Pierre?“

Frau Adele sah ihren Mann verwundert an.

„Die Jungen sind mit dem Wagen fort, du weißt ja.“

Da sie seine Gereiztheit fühlte, fügte sie bei: „Du wirst doch nicht ängstlich sein?“

Er zuckte ärgerlich die Achseln.

„Ach nein. Aber ich finde es rücksichtslos von Albert. Er sprach von ein paar Stunden. Wenigstens hätte er uns telephonieren können.“

„Es ist ja noch früh. Sie werden gewiß zum Abendessen da sein.“

„Immer ist der Kleine weg, wenn ich ihn einmal ein bißchen haben möchte!“

„Es hat keinen Sinn, daß du dich so ärgerst. Es ist doch der reine Zufall. Pierre ist oft genug bei dir drüben.“

Er biß sich auf die Lippen und ging schweigend hinaus. Sie hatte recht, es hatte keinen Sinn, sich aufzuregen, es hatte keinen Sinn, lebhaft zu sein und etwas vom Augenblick zu verlangen! Es war besser, in geduldiger Gelassenheit zu sitzen, wie sie es tat!

Zornig ging er zum Hof hinaus und auf die Landstraße. Nein, er wollte das nicht lernen, er wollte seine Freude und wollte seinen Zorn haben! Wie hatte diese Frau ihn schon gedämpft und still gemacht, wie war er schon beherrscht und alt geworden, er, der früher gewohnt gewesen war, frohe Tage lärmend in die tiefe Nacht hineinzuziehen und im Ärger die Stühle zu zerschmettern! Aller Groll und alle Bitterkeit kam wieder in ihm auf, und zugleich ein sehnliches Verlangen nach seinem Knaben, dessen Blick und Stimme allein ihn froh machen konnten.

Mit großen Schritten lief er auf der abendlichen Straße dahin. Wagenrollen wurde hörbar und er eilte gespannt entgegen. Es war nichts. Ein Bauerngaul mit einem Karren voll Gemüse. Veraguth rief ihn an.

„Haben Sie nicht einen Einspänner überholt, mit zwei jungen Leuten auf dem Bock?“

Der Bauer schüttelte den Kopf, ohne anzuhalten, und sein schweres Roß trabte gleichmütig weiter in den sanften Abend hinein.

Im Weitergehen fühlte der Maler seinen Zorn erkalten und hinschwinden. Seine Schritte wurden ruhiger, die Müdigkeit kam wohlig über ihn, und während er bequem ausschritt, ruhten seine Augen dankbar in der stillen, reichen Landschaft aus, die bleich und fein im dunstigen Spätlichte lag.

Er dachte kaum mehr an seine Söhne, als nach einer halben Stunde Gehens ihm ihr Wagen entgegenkam. Er achtete erst darauf, als er schon nahe war. Bei einem großen Birnbaum blieb Veraguth stehen, und als er Alberts Gesicht erkennen konnte, trat er noch mehr zurück, um nicht gesehen und abgerufen zu werden.

Albert war allein auf dem Bock. Pierre saß halb liegend in einer Wagenecke, hatte den unbedeckten Kopf gesenkt und schien eingeschlafen. Der Wagen rollte vorüber und der Maler sah ihm nach, er blieb am Rande der staubigen Straße stehen, solange der Wagen noch zu sehen war. Dann kehrte er um und ging den Weg zurück. Er hätte Pierre gerne noch gesehen, doch war es für den Knaben bald Schlafenszeit, auch hatte Veraguth keine Lust, sich heute nochmals bei seiner Frau zu zeigen.

So ging er am Park, am Hause und Hoftor vorbei und in die Stadt hinunter, wo er in einem volkstümlichen Weinkeller sein Abendessen nahm und in den Zeitungen blätterte.

Indessen waren seine Söhne längst zu Hause. Albert saß bei der Mutter und erzählte. Pierre war sehr müde gewesen, hatte gar nichts mehr essen mögen und lag nun schlafend in seinem hübschen kleinen Schlafzimmer. Und als der Vater in der Nacht zurückkam und am Hause vorüberging, war nirgends mehr ein Licht zu sehen. Die laue, sternlose Nacht umfing Park, Haus und See mit schwarzer Stille und aus der regungslosen Luft fielen feine, leise Regentropfen.

Veraguth machte in seiner Wohnstube Licht und setzte sich an den Schreibtisch. Sein Verlangen nach Schlaf hatte sich wieder ganz verloren. Er nahm ein Briefblatt und schrieb an Otto Burkhardt. Durch die offenen Fenster kamen kleine Nachtfalter und Motten geflogen. Er schrieb:

Mein Lieber!

Vermutlich erwartest Du jetzt gar keinen Brief von mir. Aber wenn ich schon schreibe, erwartest Du wieder mehr, als ich geben kann. Du erwartest, es sei jetzt Klarheit in mich gekommen und ich sähe die schadhafte Maschinerie meines Lebens so sauber im Querschnitt, wie Du sie zu sehen meinst. Damit ist es leider nichts. Ein Wetterleuchten ist ja wohl in mir aufgegangen, seit wir darüber gesprochen haben, und es starren mir in manchen Augenblicken recht peinliche Enthüllungen entgegen; aber Tag ist es doch noch nicht geworden.

Was ich also später tun oder lassen werde, kann ich nicht sagen. Aber wir reisen! Ich fahre mit Dir nach Indien, bitte, besorge mir einen Schiffsplatz, sobald Du den Termin weißt. Vor dem Ende des Sommers geht es nicht, aber im Herbst je eher je lieber.

Das Bild mit den Fischen, das Du hier sahest, möchte ich Dir schenken, aber es wäre mir lieb, wenn es in Europa bliebe. Wohin soll ich es schicken?

Hier ist alles wie immer. Albert spielt den Weltmann und wir behandeln einander mit ungeheurer Achtung wie zwei Gesandte feindlicher Mächte.

Ehe wir reisen, erwarte ich Dich noch einmal auf Roßhalde. Ich muß Dir ein Bild zeigen, das dieser Tage fertig wird. Das Ding ist gut und wäre ein hübscher Schlußpunkt, falls mich draußen Eure Krokodile fräßen, was mir übrigens unerwünscht wäre, trotz allem.

Ich muß zu Bett, obwohl ich keinen Schlaf habe. Ich war heute neun Stunden vor der Staffelei.

Dein Johann.

Der Brief wurde adressiert und in den Vorraum gelegt, damit ihn Robert morgens zur Post bringe.

Als der Maler vor dem Schlafengehen den Kopf aus dem Fenster steckte, nahm er erst das Rauschen des Regens wahr, auf das er am Schreibtisch nicht geachtet hatte. Es sank in weichen Strähnen aus der Finsternis herab und er hörte noch lang vom Bett aus zu, wie es fiel und strömte und von dem beschwerten Laub in kleinen klingenden Güssen zur dürstenden Erde lief.

Zehntes Kapitel

„Pierre ist so langweilig,“ sagte Albert zu seiner Mutter, als sie miteinander in den vom Regen erfrischten Garten gingen, um Rosen zu schneiden. „Er hat sich ja die ganze Zeit nicht eben viel aus mir gemacht, aber gestern war rein gar nichts mit ihm anzufangen! Neulich, als ich davon sprach, wir wollten einmal eine Wagenfahrt zusammen machen, da war er ganz begeistert. Und gestern mochte er kaum mitgehen, ich mußte ihn fast darum bitten. Es war ja kein sehr großes Vergnügen für mich, da ich nicht beide Pferde nehmen durfte, ich ging eigentlich überhaupt nur seinetwegen.“

„War er denn unterwegs nicht artig?“ fragte Frau Veraguth.

„Ach, artig war er schon, nur so langweilig! Er hat manchmal direkt etwas Blasiertes, der Junge. Was ich auch vorschlug und was ich ihm zeigte oder anbot, war ihm kaum ein Jaja oder ein Lächeln wert, er wollte nicht auf dem Bock sitzen, er wollte nicht kutschieren lernen, nicht einmal Aprikosen essen wollte er. Richtig wie ein verwöhnter Prinz. Es war ärgerlich und ich sage es dir, weil ich ihn wirklich ein andermal nicht wieder mitnehmen möchte.“

Die Mutter blieb stehen und sah ihn prüfend an; sie mußte über seine Erregung lächeln und sah mit Befriedigung in seine funkelnden Augen.

„Großer Junge,“ sagte sie begütigend, „du mußt Geduld mit ihm haben. Vielleicht war er nicht ganz wohl, er hat auch heut früh fast nichts gegessen. Das kommt bei allen Kindern zuweilen vor, bei dir war’s auch einmal so. Ein bißchen Magenkatarrh oder eine Nacht mit schlechten Träumen ist meistens schuld daran, und Pierre ist freilich etwas zart und empfindlich. Und dann, versteh, ist er vielleicht auch ein wenig eifersüchtig. Du mußt bedenken, er hat mich sonst immer ganz für sich, und jetzt bist du da und er muß mit dir teilen.“

„Wenn ich doch Ferien habe! Das muß er doch wahrhaftig begreifen, er ist ja nicht dumm!“

„Er ist ein kleines Kind, Albert, und du mußt schon der Gescheitere sein.“

Es tropfte noch von den frisch metallen glitzernden Blättern. Sie gingen den gelben Rosen nach, die Albert besonders liebte. Er bog die Kronen der Bäumchen auseinander und die Mutter schnitt mit der Gartenschere die Blumen ab, die noch etwas nüchtern und verregnet herabhingen.

„War ich eigentlich Pierre ähnlich, als ich in seinem Alter war?“ fragte Albert nachdenklich.

Frau Adele besann sich. Sie ließ die Hand mit der Schere sinken, sah dem Sohn in die Augen und schloß dann die ihren, um sein Knabenbildnis in sich wachzurufen.

„Du warst ihm äußerlich ziemlich ähnlich, bis auf die Augen, und du warst weniger dünn und schlank, das Wachsen kam bei dir etwas später.“

„Und sonst? Ich meine innerlich?“

„Nun, Launen hast du auch gehabt, mein Junge. Aber ich glaube, du warst doch beständiger, du hast deine Spiele und Arbeiten nicht so rasch gewechselt wie Pierre. Er ist auch überschwenglicher, als du warst, er ist weniger im Gleichgewicht.“

Albert nahm der Mutter die Schere aus der Hand und beugte sich suchend über einen Rosenstrauch.

„Pierre hat mehr von Papa,“ sagte er leise. „Du, Mutter, das ist so merkwürdig, wie in den Kindern sich die Eigenschaften ihrer Eltern und Vorfahren wiederholen und vermischen! Meine Freunde sagen, jeder Mensch habe schon als kleines Kind alles in sich, was sein ganzes Leben bestimmt, und man könne gar nichts dagegen tun, einfach gar nichts. Wenn zum Beispiel einer die Anlage zum Dieb oder Mörder in sich hat, so hilft alles nichts, er muß und muß ein Verbrecher werden. Es ist eigentlich furchtbar. Du glaubst doch auch daran? Es ist vollkommen wissenschaftlich.“

„Das ist mir einerlei,“ lächelte Frau Adele. „Wenn jemand ein Verbrecher geworden ist und Menschen umgebracht hat, so kann die Wissenschaft vielleicht nachweisen, daß das schon immer in ihm gesteckt hat. Aber ich zweifle gar nicht daran, daß es sehr viele rechtschaffene Leute gibt, die von Eltern und Voreltern her Böses genug geerbt haben und doch gut bleiben, und das kann die Wissenschaft nicht gut untersuchen. Eine gute Erziehung und ein guter Wille ist mir sicherer als alle Vererbungen. Was recht und anständig ist, das wissen wir und können es lernen, und daran muß man sich halten. Was man aber etwa von vorväterlichen Geheimnissen in sich hat, das weiß niemand genau und es ist besser, damit nicht viel zu rechnen.“

Albert wußte, daß seine Mama sich auf dialektische Dispute niemals einlasse, und sein Wesen gab ihrer einfachen Denkart eigentlich instinktmäßig recht. Doch spürte er wohl, daß damit das gefährliche Thema keineswegs erledigt sei, und er hätte nun gerne etwas Gründliches über jene Lehre von der Kausalität gesagt, die ihm aus den Reden einiger Freunde immer so sehr eingeleuchtet hatte. Doch besann er sich vergebens auf feste, klare, stichhaltige Sätze, auch fühlte er – im Gegensatz zu jenen Freunden, die er doch bewunderte – sich eigentlich viel mehr für eine moralische oder auch ästhetische Betrachtung der Dinge begabt als für die wissenschaftlich vorurteilslose, zu der er sich unter seinen Studiengenossen bekannte. So ließ er denn diese Dinge auf sich beruhen und ging den Rosen nach.

Unterdessen war Pierre, der sich wirklich nicht wohl fühlte und am Morgen weit später als sonst und ohne Lebensfreude erwacht war, so lange im Kinderzimmer bei seinen Spielsachen geblieben, bis es ihm langweilig wurde. Es war ihm ziemlich elend zumute und ihm schien, es müsse heute schon etwas Besonderes geschehen und sich einfinden, damit dieser geschmacklose Tag erträglich und ein bißchen hübsch werde.

Unruhig zwischen Erwartung und Mißtrauen ging er aus dem Hause und in den Lindengarten, auf der Suche nach irgend etwas Neuem, nach irgendeinem Fund oder Abenteuer. Sein Magen war öde, das kannte er aus früheren Erfahrungen, und sein Kopf war müde und schwer, wie er ihn noch nie gefühlt hatte, und am liebsten hätte er sich an der Mutter Knie geflüchtet und geheult. Allein das ging nicht, solange der stolze, große Bruder da war, der ihn ohnehin immer fühlen ließ, daß er noch ein kleiner Bub sei.

Wenn es nur der Mutter eingefallen wäre, von sich aus etwas zu tun, ihm zu rufen und ihm ein Spiel vorzuschlagen und nett mit ihm zu sein. Aber die war jetzt natürlich wieder mit Albert gegangen. Pierre fühlte, es war heute ein Unglückstag und wenig zu hoffen.

Er schlenderte unentschlossen und mißmutig die Kieswege entlang, den welken Stiel einer Lindenblüte zwischen den Zähnen und die Hände in den Taschen. Es war frisch und feucht im morgendlichen Garten, und der Stiel schmeckte bitter. Er spie ihn aus und blieb verdrießlich stehen. Nichts wollte ihm einfallen, er mochte heute nicht Prinz noch Räuber, nicht Fuhrmann noch Baumeister sein.

Mit gerunzelter Stirne schaute er am Boden umher, stocherte mit den Schuhspitzen im Kies und schleuderte eine graue schleimige Wegschnecke mit dem Fuß weit fort ins nasse Gras. Es wollte nichts zu ihm sprechen, kein Vogel noch Schmetterling, nichts wollte ihn anlachen und ihn zur Fröhlichkeit verführen. Alles schwieg, alles sah alltäglich, hoffnungslos und schäbig aus. Er versuchte am nächsten Strauch eine kleine hellrote Johannisbeertraube; sie schmeckte kalt und sauer. Man sollte sich hinlegen und schlafen, dachte er, so lange schlafen, bis alles wieder neu und schön und lustig aussähe. Es hatte ja keinen Sinn, da herumzugehen und sich zu plagen und auf Dinge zu warten, die doch nicht kommen wollten. Wie schön könnte es sein, wenn zum Beispiel etwa ein Krieg ausgebrochen wäre und eine Menge Soldaten zu Pferde auf der Straße herankämen, oder wenn irgendwo ein Haus in Flammen stände oder eine große Überschwemmung wäre. Ach, diese Sachen standen alle nur in den Bilderbüchern, in Wirklichkeit bekam man sie nie vor Augen und vielleicht gab es sie gar nicht.

Seufzend schlenderte der Knabe weiter, das hübsche, zarte Gesicht erloschen und voll Kummer. Als er jenseits der hohen Spalierwand die Stimme Alberts und der Mutter hörte, überfiel ihn Eifersucht und Widerwillen so stark, daß er Tränen in die Augen bekam. Er kehrte um und ging ganz leise, um nicht gehört und angerufen zu werden. Er wollte jetzt niemand Rede stehen, er wollte von niemand zum Reden und Aufmerken und Artigsein genötigt werden. Es ging ihm schlecht, jämmerlich schlecht, und niemand kümmerte sich um ihn, so wollte er wenigstens die Vereinsamung und Trauer auskosten und sich richtig elend fühlen.

Er dachte auch an den lieben Gott, den er zu Zeiten sehr schätzte, und einen Augenblick brachte der Gedanke einen fernen Schimmer von Trost und Wärme, aber das sank schnell wieder unter. Wahrscheinlich war es mit dem lieben Gott auch nichts. Und doch hätte er gerade jetzt so sehr jemand gebraucht, auf den ein Verlaß war und von dem man sich etwas Hübsches und Tröstliches versprechen durfte.

Da fiel ihm der Vater ein. Es war ein ahnungsvolles Gefühl, daß der ihn vielleicht verstehen könnte, da er selber meistens still und gespannt und unfroh aussah. Der Vater stand ohne Zweifel, so wie immer, in seinem großen, stillen Atelier drüben und malte an seinen Bildern. Da war es eigentlich nicht gut, ihn zu stören. Aber er hatte ja erst ganz kürzlich gesagt, Pierre solle nur immer zu ihm kommen, wenn es ihn gelüste. Vielleicht hatte er es wieder vergessen, alle Erwachsenen vergaßen ja ihre Versprechungen immer so bald wieder. Aber versuchen konnte man es einmal. Lieber Gott, wenn man doch durchaus keinen anderen Trost wußte und es so nötig hatte!

Langsam erst, dann in aufglimmender Hoffnung rascher und straffer ging er den schattigen Weg zum Atelier. Da nahm er die Türklinke in die Hand und blieb stehen, um zu lauschen. Ja, der Papa war drinnen, er hörte ihn schnauben und räuspern, und er hörte das hölzerne Geräusch der fein klappernden Pinselstiele, die er in der Linken hielt.

Vorsichtig drückte er die Klinke herab, öffnete die Türe geräuschlos und steckte den Kopf hinein. Der heftige Geruch von Terpentin und Lack war ihm zuwider, aber des Vaters breite, starke Gestalt erweckte Hoffnung. Pierre trat ein und schloß die Türe hinter sich.

Beim Einschnappen der Klinke zuckte der Maler, von Pierre aufmerksam beobachtet, mit den breiten Schultern und wendete den Kopf zurück. Die scharfen Augen blickten beleidigt und fragend herüber und der Mund stand unangenehm offen.

Pierre rührte sich nicht. Er sah dem Vater in die Augen und wartete. Alsbald wurden dessen Augen freundlicher und sein böses Gesicht kam in Ordnung.

„Sieh da, Pierre! Wir haben uns einen ganzen Tag nicht gesehen. Hat Mama dich hergeschickt?“

Der Kleine schüttelte den Kopf und ließ sich küssen.

„Willst du ein wenig bei mir sein und zusehen?“ fragte der Vater freundlich. Zugleich wandte er sich wieder seinem Bilde zu und zielte scharf mit einem spitzen Pinselchen auf einen Fleck. Pierre sah zu. Er sah den Maler auf seine Leinwand blicken, sah seine Augen gespannt und wie zornig starren und seine starke, nervöse Hand mit dem dünnen Pinsel zielen, er sah ihn die Stirnfalten spannen und die Unterlippe mit den Zähnen fassen. Dazu roch er die scharfe Werkstattluft, die er nie gern gehabt hatte und die ihm heut besonders widerlich war.

Seine Augen erloschen und er blieb wie gelähmt bei der Türe stehen. Er kannte das alles, diesen Geruch und diese Augen und diese Grimassen der Aufmerksamkeit, und er wußte, es war töricht gewesen zu erwarten, daß es heute anders sei als immer. Der Vater arbeitete, er wühlte in seinen starkriechenden Farben und dachte an nichts in der Welt als an seine dummen Bilder. Es war töricht gewesen, hier hereinzukommen.

Die Enttäuschung ließ des Knaben Gesicht erschlaffen. Er hatte es ja gewußt! Es gab heute keine Zuflucht für ihn, bei der Mutter nicht und hier erst recht nicht.

Eine Minute lang stand er gedankenlos und traurig und blickte, ohne etwas zu sehen, auf das große Bild mit den spiegelnd nassen Farben. Dafür hatte Papa Zeit, für ihn nicht. Er nahm die Klinke wieder in die Hand und drückte sie nieder, um still davonzugehen.

Veraguth hörte aber das schüchterne Geräusch. Er blickte sich um, brummte und kam heran.

„Was ist, Pierrot? Nicht davonlaufen! Willst du nicht ein wenig beim Papa bleiben?“

Pierre zog seine Hand zurück und nickte schwach.

„Hast du mir etwas sagen wollen?“ fragte der Maler freundlich. „Komm, wir setzen uns zusammen, dann erzählst du mir. Wie war denn die Ausfahrt gestern?“

„O, es war nett,“ sagte der Kleine artig.

Veraguth fuhr ihm mit der Hand übers Haar.

„Hat es dir nicht gut getan? Du siehst ein bißchen verschlafen aus, mein Junge! Du hast doch nicht etwa Wein bekommen, gestern? Nein? Also, was tun wir jetzt? Wollen wir zeichnen?“

Pierre schüttelte den Kopf.

„Ich mag nicht, Papa. Es ist heut so langweilig.“

„So? Du hast gewiß schlecht geschlafen? Wollen wir ein wenig miteinander turnen?“

„Ich mag nicht. Ich mag nur gerne bei dir sein, weißt du. Aber es riecht hier so schlecht.“

Veraguth streichelte ihn und lachte.