Rosshalde

Part 6

Chapter 63,794 wordsPublic domain

Einmal kam Veraguth am Nachmittag in den Kastaniengarten herüber, es war lau und windig und ein warmer Regen sprühte in winzigen Tropfen schräg herab. Vom Hause klang aus offenen Fenstern Musik. Der Maler blieb stehen und hörte zu. Er kannte das Stück nicht. Es klang rein und ernsthaft in einer sehr strengen, wohlgebauten und abgewogenen Schönheit, und Veraguth lauschte mit nachdenklicher Freude. Sonderbar, eigentlich war das eine Musik für alte Leute, sie klang so schonend und männlich und hatte so gar nichts von dem bacchischen Taumel jener Musik, die er selber einst in Jugendzeiten über alles geliebt hatte.

Still trat er ins Haus, stieg die Treppe empor und erschien ungemeldet lautlos im Musikzimmer, wo nur Frau Adele sein Kommen bemerkte. Albert spielte und seine Mutter stand zuhörend beim Flügel. Veraguth setzte sich auf den nächsten Sessel, senkte den Kopf und verharrte lauschend. Zwischenein blickte er auf und ließ den Blick auf seiner Frau ruhen. Sie war hier zu Hause, sie hatte in diesen Zimmern stille, enttäuschte Jahre gelebt wie er in der Werkstatt drüben am See, aber sie hatte Albert gehabt, sie war mit ihm gegangen und gewachsen, und nun war der Sohn ihr Gast und Freund und bei ihr zu Hause. Frau Adele war etwas gealtert, sie hatte gelernt still zu sein und sich zu begnügen, ihr Blick war fest und ihr Mund etwas trocken geworden; aber sie war nicht entwurzelt, sie stand sicher in ihrer eigenen Atmosphäre, und ihre Luft war es, in der die Söhne aufwuchsen. Sie hatte wenig Überschwang und nicht allzuviel impulsive Zärtlichkeit zu geben, es fehlte ihr fast alles, was ihr Mann einst an ihr gesucht und von ihr erhofft hatte, aber es war Heimat um sie her, es war Art und Charakter in ihrem Gesicht, in ihrem Wesen, in ihren Räumen, es war hier ein Boden, in welchem Kinder aufwachsen und dankbar gedeihen konnten.

Veraguth nickte wie befriedigt. Hier war niemand, der etwas verlieren konnte, wenn er für immer verschwand. Er war in diesem Hause entbehrlich. Er würde immer wieder und überall in der Welt ein Atelier bauen können und sich mit Tätigkeit und Arbeitsglut umgeben, nur würde es nie eine Heimat werden. Er hatte das eigentlich lange gewußt, und es war gut so.

Nun hörte Albert auf zu spielen. Er fühlte, oder er sah es am Blick der Mutter, daß jemand ins Zimmer gekommen sei. Er wandte sich um und sah den Vater erstaunt und mißtrauisch an.

„Guten Tag,“ sagte Veraguth.

„Guten Tag,“ antwortete der Sohn verlegen und begann sich am Notenschrank zu beschäftigen.

„Ihr habt musiziert?“ fragte der Vater freundlich.

Albert zuckte die Achseln, als wolle er fragen: „Hast du es denn nicht gehört?“ Er wurde rot im Gesicht und verbarg es in die tiefen Fächer des Schranks.

„Es war schön,“ fuhr der Vater fort, und lächelte. Er fühlte tief, wie sehr sein Besuch hier störe, und er sagte nicht ohne einen leisen Anklang von Schadenfreude: „Bitte, spiel noch etwas! Was du willst! Du hast gute Fortschritte gemacht.“

„Ach, ich mag nimmer,“ wehrte sich Albert ärgerlich.

„Es wird schon gehen. Ich bitte darum.“

Frau Veraguth sah ihren Mann prüfend an.

„Also, Albert, setz dich her!“ sagte sie, und legte ein Notenheft auf. Sie streifte dabei mit dem Ärmel einen kleinen silbernen Blumenkorb voll Rosen, der auf dem Flügel stand, und es fiel eine Reihe blasser Blütenblätter auf das spiegelnde schwarze Holz.

Der Jüngling setzte sich auf den Klavierstuhl und begann zu spielen. Er war verwirrt und voll Ärger und spielte die Musik herunter wie ein lästiges Pensum, rasch und lieblos. Der Vater hörte eine Weile aufmerksam zu, dann versank er in Nachsinnen, stand endlich plötzlich auf und ging geräuschlos aus dem Zimmer, noch ehe Albert fertig war. Im Weggehen hörte er den Jungen wütend auf die Tasten loshämmern und sein Spiel abbrechen.

„Ihnen wird nichts fehlen, wenn ich weg bin,“ dachte der Maler, indem er die Treppe hinabstieg. „Herrgott, wie weit sind wir auseinander, und sind doch einmal eine Art von Familie gewesen!“

Im Korridor lief ihm Pierre entgegen, strahlend und in großer Aufregung.

„O Papi,“ rief er atemlos, „gut, daß du da bist! Denk dir, ich habe eine Maus, eine kleine lebendige Maus! Schau, da in meiner Hand – siehst du die Augen? Die gelbe Katze hat sie gefangen, und sie hat mit ihr gespielt und hat sie so sehr gequält und sie immer wieder ein Stückchen laufen lassen und wieder gefangen. Da habe ich ganz, ganz schnell zugegriffen und habe ihr die Maus vor der Nase weggefangen! Was tun wir jetzt mit ihr?“

Er blickte heiß vor Freude empor, und schauderte doch, als die Maus in seiner kleinen, festgeschlossenen Hand wühlte und kurze bange Pfiffe ausstieß.

„Wir lassen sie im Garten draußen laufen,“ sagte der Vater, „komm mit!“

Er ließ sich einen Regenschirm geben und nahm den Knaben mit sich. Es tröpfelte schwach aus dem heller gewordenen Himmel, die nassen, glatten Stämme der Buchen glänzten schwarz wie Gußeisen.

Zwischen dem üppigen, zäh ineinander verknoteten Wurzelwerk einiger Bäume machten sie halt. Pierre kauerte hockend nieder und machte ganz langsam seine Hand auf. Sein Gesicht war gerötet und die hellen, grauen Augen strahlten vor heftiger Spannung. Und plötzlich, als werde die Erwartung ihm unerträglich, öffnete er das Händchen weit. Die Maus, ein winzig kleines, junges Tierchen, schoß blindlings aus der Haft hervor, hielt eine Elle weiter vor einem starken Wurzelstrange an und blieb still da sitzen. Man sah ihre Flanken von heftigen Atemzügen bewegt und ihre kleinen schwarzglänzenden Äuglein angstvoll umschauen.

Pierre jauchzte laut auf und klatschte in die Hände. Die Maus erschrak und verschwand wie verzaubert im Boden. Sachte strich der Vater dem Knaben das dichte Haar zurück.

„Kommst du mit mir, Pierre?“

Der Kleine legte seine rechte Hand in des Vaters Linke und ging mit ihm.

„Jetzt ist die kleine Maus schon daheim bei ihrer Mama und bei ihrem Papi, und erzählt ihnen alles.“

Er plauderte sprudelnd weiter, und der Maler umschloß seine kleine warme Hand mit festen Fingern, und mit jedem Wort und Jauchzen des Kindes zuckte sein Herz auf und sank in Abhängigkeit und schweren Liebesbann zurück.

Ach, nie mehr im Leben würde er eine solche Liebe fühlen können wie zu diesem Knaben. Nie mehr würde er Augenblicke so voll warmer, strahlender Zärtlichkeit, so voll spielenden Selbstvergessens, so voll starker, wehmütiger Süßigkeit erleben können wie mit Pierre, mit diesem letzten, schönen Bilde seiner eigenen Jugend. Seine Anmut, sein Lachen, die Frische seines kleinen, selbstbewußten Wesens waren der letzte frohe, reine Klang in Veraguths Leben, so schien es ihm; sie waren für ihn, was der letzte vollblühende Rosenbaum in einem spätherbstlichen Garten ist. An ihm hängt Wärme und Sonne, Sommer und Gartenfröhlichkeit, und wenn ihn der Sturm oder Reif entblättert, ist es mit allem Reiz und mit jeder Ahnung von Glanz und Freude vorüber.

„Warum magst du eigentlich den Albert nicht leiden?“ fragte Pierre plötzlich.

Veraguth drückte die Kinderhand fester.

„Ich mag ihn schon leiden. Er hat eben die Mutter lieber als mich. Dafür kann man nichts.“

„Ich glaube, er kann dich gar nicht leiden, Papa. Und weißt du, er hat auch mich nimmer so gern wie früher. Er spielt nur immerfort Klavier oder sitzt allein in seinem Zimmer. Am ersten Tag, als er kam, habe ich ihm von meinem eigenen Garten erzählt, den ich selber gepflanzt habe, und da hat er gleich so ein großartiges Gesicht gemacht, und dann sagte er: ‚Morgen wollen wir dann deinen Garten ansehen.‘ Aber nun hat er die ganze Zeit nicht mehr darnach gefragt. Er ist kein guter Kamerad, und er kriegt auch schon einen kleinen Schnurrbart. Und immer ist er bei der Mutter, ich kann sie fast nie allein haben.“

„Er ist auch nur für ein paar Wochen da, mein Junge, du mußt das nicht vergessen. Und wenn du die Mama nicht allein findest, kannst du ja immer zu mir kommen. Magst du nicht?“

„Das ist nicht das gleiche, Papi. Manchmal mag ich gern zu dir kommen, und manchmal lieber zur Mama. Und du mußt ja auch immer so furchtbar viel arbeiten.“

„Daran brauchst du dich gar nicht zu kehren, Pierre. Wenn du gern zu mir kommen magst, so darfst du immer kommen – hörst du, immer, auch wenn ich im Atelier bin und arbeite.“

Der Knabe gab keine Antwort. Er sah den Vater an, seufzte ein wenig und sah unbefriedigt aus.

„Ist dir das nicht recht?“ fragte Veraguth, beklommen vor dem Ausdruck in dem Kindergesicht, das vor Augenblicken noch von lärmender Knabenlust geleuchtet hatte und nun abgewandt und viel zu alt aussah.

Er wiederholte seine Frage.

„Sag mir’s nur, Pierre! Bist du nicht mit mir zufrieden?“

„Doch, Papa. Aber ich mag nicht so gern zu dir kommen, wenn du malst. Früher bin ich manchmal gekommen – – –“

„Nun, und was hat dir da nicht gefallen?“

„Weißt du, Papa, wenn ich dich im Atelier besuche, dann streichelst du mir immer übers Haar und sagst nichts und hast ganz andere Augen, und manchmal hast du böse Augen gemacht, ja. Und wenn man dir dann etwas sagt, dann sieht man an deinen Augen, daß du gar nicht zuhörst, du sagst nur Jaja und passest gar nicht auf. Und wenn ich zu dir komme und dir etwas sagen will, dann will ich doch, daß du zuhörst!“

„Du mußt trotzdem wieder kommen, Liebling. Denk einmal: wenn ich mit meinen Gedanken ganz, ganz fest bei dem bin, was ich gerade arbeite, und wenn ich recht stark nachdenken muß, wie ich es am besten machen kann, dann kann ich manchmal nicht gleich davon wegkommen und auf dich hören. Aber ich will es versuchen, wenn du wiederkommst.“

„Ja, ich verstehe schon. Ich muß auch oft an irgend etwas denken, und dann ruft mir jemand und ich soll ihm folgen – das ist widerwärtig. Manchmal mag ich den ganzen Tag still sein und nachdenken, und gerade dann soll ich immer spielen oder lernen oder irgend etwas tun, und dann werde ich ganz böse.“

Pierre blickte vor sich hin, angestrengt in dem Bemühen, das auszudrücken, was er meinte. Es war schwierig, und man wurde doch meistens nicht ganz verstanden.

Sie waren in Veraguths Wohnzimmer eingetreten. Er setzte sich und nahm den Kleinen zwischen seine Knie.

„Ich weiß, was du meinst, Pierre,“ sagte er begütigend. „Willst du jetzt Bilder ansehen, oder magst du zeichnen? Ich meine, du könntest vielleicht die Mausgeschichte zeichnen?“

„O ja, das will ich tun. Dazu muß ich aber ein schönes großes Papier haben.“

Aus einer Tischlade suchte der Vater ein Stück Zeichenpapier hervor, spitzte einen Bleistift und schob dem Knaben einen Stuhl heran. Pierre fing alsbald, auf dem Sessel kniend, die Maus und die Katze zu zeichnen an. Veraguth, um ihn nicht zu stören, setzte sich hinter ihn und betrachtete den dünnen gebräunten Hals, den geschmeidigen Rücken und den noblen, eigenwilligen Kopf des Kindes, das ganz in sein Tun versunken war und mit ungeduldigem Lippenspiel seiner Arbeit folgte. Jeder Strich, jeder kleine Fortschritt und jedes Mißglücken war in dem beweglichen Munde, in der Bewegung der Brauen und Stirnfalten deutlich gespiegelt.

„Ach, es ist nichts!“ rief Pierre nach einer Weile, richtete sich, auf die flachen Hände gestützt, empor und schaute seine Zeichnung kritisch mit eingekniffenen Augen an.

„Es wird nichts!“ klagte er zürnend. „Papa, wie macht man denn eine Katze? Meine sieht wie ein Hund aus.“

Der Vater nahm das Papier in die Hände und ging ernsthaft darauf ein.

„Wir müssen ein wenig radieren,“ sagte er gelassen. „Der Kopf ist zu groß und nicht rund genug, und die Beine sind zu lang. Warte nur, wir kriegen das schon heraus.“

Vorsichtig fuhr er mit dem Gummi über Pierres Blatt, holte ein neues Papier und zeichnete darauf eine Katze.

„Schau, so muß sie werden. Sieh dir’s ein wenig an und zeichne dann eine neue Katze.“

Allein Pierres Geduld war erschöpft, er gab den Bleistift zurück und nun mußte der Papa weiterzeichnen, zur Katze noch eine kleine junge Katze, und dann eine Maus, und dann wie Pierre kommt und sie befreit, und schließlich verlangte er noch einen Wagen mit Pferden und einem Kutscher darauf.

Und plötzlich war auch das langweilig. Singend lief der Knabe ein paarmal durch die Stube, schaute durchs Fenster, ob es noch regne, und tanzte zur Türe und hinaus. Unter den Fenstern hin klang sein feiner, hoher, kindlicher Gesang, dann ward es still und Veraguth saß allein, das Blatt mit den Katzen in der Hand.

Achtes Kapitel

Veraguth stand vor seinem großen Bilde mit den drei Figuren und malte am Gewand der Frau, einem dünnen, blaugrünen Kleide, an dessen Halsausschnitt ein kleiner Goldschmuck verloren und traurig glänzte und allein das liebe Licht auffing, das auf dem beschatteten Gesicht keine Stätte fand und an dem kühlen, blauen Gewande fremd und freudlos niederglitt ... dasselbe Licht, das nebenan im hellen, offenen Haar des schönen Kindes froh und innig spielte.

Es klopfte an der Türe und der Maler trat unwillig und gereizt zurück. Als es nach einer kleinen Wartezeit nochmals pochte, ging er mit heftigen Schritten zur Tür und öffnete einen schmalen Spalt.

Da stand Albert, der in der ganzen Ferienzeit das Atelierhaus nie betreten hatte. Er hielt den Strohhut in der Hand und blickte etwas unsicher in das nervöse Gesicht des Vaters.

Dieser ließ ihn eintreten.

„Guten Tag, Albert. Du kommst wohl, um dir meine Bilder anzusehen? Es ist wenig da.“

„O, ich will gar nicht stören. Ich wollte nur schnell fragen ...“

Aber Veraguth hatte die Türe geschlossen und war an der Staffelei vorüber zu einem graugestrichenen Lattengerüste gegangen, wo auf schmalen, mit Rollen versehenen Böden seine Bilder standen. Er zog das Bild mit den Fischen hervor.

Albert trat verlegen neben seinen Vater und beide blickten auf die silbrig schimmernde Leinwand.

„Machst du dir eigentlich etwas aus der Malerei?“ fragte Veraguth leichthin. „Oder freut dich nur die Musik?“

„O, ich habe Bilder sehr gern, und das hier ist wunderschön.“

„Gefällt es dir? Das freut mich. Ich lasse dir eine Photographie davon machen. Und wie fühlst du dich denn wieder auf Roßhalde?“

„Danke, Papa, sehr gut. Aber ich wollte dich wirklich nicht stören, ich kam nur wegen einer Kleinigkeit – –“

Der Maler hörte nicht. Er sah seinem Sohn zerstreut ins Gesicht, mit dem langsam zugreifenden, etwas überanstrengten Blick, den er stets bei der Arbeit hatte.

„Wie denkt ihr jungen Leute heutzutage eigentlich über die Kunst? Ich meine, gilt da Nietzsche, oder liest man noch Taine – er war gescheit aber langweilig, dieser Taine – oder habt ihr neue Ideen?“

„Taine kenne ich noch nicht. Über das hast du ja gewiß viel mehr nachgedacht als ich.“

„Früher, ja, da war die Kunst und die Kultur und das Apollinische und Dionysische und all das Zeug mir furchtbar wichtig. Aber heut bin ich froh, wenn ich ein gutes Bild zusammenbringe, es sind keine Probleme mehr dabei, jedenfalls keine philosophischen. Und wenn ich sagen müßte, warum ich eigentlich ein Künstler bin und alle die Leinwand vollmale, so würde ich sagen: ich male, weil ich keinen Schweif zum Wedeln habe.“

Erstaunt sah Albert seinen Vater an, der seit langem kein solches Gespräch mehr mit ihm geführt hatte.

„Keinen Schweif? Wie meinst du das?“

„Sehr einfach. Hunde und Katzen und andere begabte Tiere haben einen Schwanz, und nicht nur für das, was sie denken und fühlen und leiden, sondern für jede Laune und Schwingung ihres Wesens und für jede feine Wallung ihres Lebensgefühls hat ihr Schwanz mit tausend Schnörkeln eine wunderbar vollkommene Arabeskensprache. Die haben wir nicht, und da die Lebhafteren unter uns doch eben auch so etwas brauchen, so machen sie sich eben Pinsel und Klaviere und Geigen ...“

Er brach ab, als interessiere ihn die Unterhaltung plötzlich nimmer, oder als nehme er erst jetzt wahr, daß er allein rede und bei Albert kein rechtes Echo finde.

„Also ich danke für den Besuch,“ sagte er unvermittelt.

Er war wieder vor seine Arbeit getreten, hatte die Palette an sich genommen und starrte suchend auf den Fleck, wo der letzte Pinselstrich saß.

„Verzeih, Papa, ich möchte dich etwas fragen –“

Veraguth wandte sich um, mit schon entfremdeten Blicken und außer Zusammenhang mit den Dingen, die außerhalb seiner Arbeit lagen.

„Ja?“

„Ich möchte Pierre auf einen Ausflug im Wagen mitnehmen. Mama hat es erlaubt, aber sie sagte, ich solle auch bei dir noch fragen.“

„Wohin wollt ihr denn fahren?“

„Ein paar Stunden weit über Land, vielleicht nach Pegolzheim.“

„So ... Wer kutschiert denn?“

„Ich natürlich, Papa.“

„Meinetwegen, nimm Pierre mit! Aber im Einspänner, mit dem Braunen. Und daß er nicht zuviel Haber kriegt!“

„Ach, ich wäre viel lieber zweispännig gefahren!“

„Tut mir leid. Allein magst du fahren, wie du willst; aber wenn der Kleine dabei ist, nur mit dem Braunen.“

Etwas enttäuscht zog Albert sich zurück. Zu andern Zeiten hätte er getrotzt oder weiter gebeten, aber er sah, der Maler war schon wieder ganz bei seiner Arbeit, und hier im Atelier und in der Atmosphäre seiner Bilder imponierte ihm trotz aller inneren Gegenwehr der Vater doch jedesmal so sehr, daß er ihm gegenüber, dessen Autorität er sonst nicht anerkannte, sich erbärmlich knabenhaft und schwach fühlte.

Der Maler war alsbald wieder mitten in seiner Arbeit, die Unterbrechung war vergessen und die Außenwelt verweht. Mit streng konzentriertem Blick verglich er die Fläche der Leinwand mit dem lebendigen Bilde in seinem Innern. Er fühlte die Musik des Lichtes, wie sein tönender Strom sich verteilte und wiederfand, wie es an Widerständen ermüdete, wie es aufgetrunken ward und unbesiegbar auf jeder empfänglichen Fläche neu triumphierte, wie es in den Farben mit wählerischer, doch unfehlbarer Laune in peinlichster Empfindlichkeit spielte, in tausend Brechungen unzerstört und in tausend spielerischen Irrgängen untrüglich seinem eingeborenen Gesetze treu. Und er kostete in tiefen Zügen die herbe Luft der Kunst, die strenge Freude des Schöpfers, der sich selber bis zur Grenze der Vernichtung hergeben muß, der das heilige Glück der Freiheit nur im eisernen Bändigen jeder Willkür finden und die Augenblicke der Erfüllung nur im asketischen Gehorsam gegen das Wahrhaftigkeitsgefühl erleben kann.

Es war seltsam und betrübend, doch nicht seltsamer und trauriger als alles Menschengeschick: dieser beherrschte Künstler, dem nur aus tiefster Wahrhaftigkeit und aus unerbittlich klarer Konzentration zu arbeiten möglich schien, dieser selbe Mann, in dessen Werkstatt keine Laune und keine Unsicherheit Raum gewann, er war in seinem Leben ein Dilettant und gescheiterter Glücksucher gewesen, und er, der keine mißglückte Tafel oder Leinwand aus den Händen gab, litt tief unter der dunkeln Last ungezählter mißglückter Tage und Jahre, mißglückter Liebes- und Lebensversuche.

Ihm kam es nicht zum Bewußtsein. Er hatte seit langem das Bedürfnis verloren, sein Leben klar vor sich auszubreiten. Er hatte gelitten und sich gegen das Leid gewehrt, in Empörung und in Resignation, und er hatte damit geendet, die Dinge ihren Weg gehen zu lassen und sich nur seine Arbeit zu erhalten. Und es war seiner zähen Natur gelungen, seine Künstlerschaft beinahe um das reicher und tiefer und glühender zu machen, was sein Leben an Reichtum, Tiefe und Wärme verlor. Einsam und geharnischt saß er nun wie ein Verzauberter, eingesponnen in seinen Künstlerwillen und rücksichtslosen Fleiß, und sein Wesen war gesund und eigenwillig genug, die Armut dieses Daseins nicht zu sehen und nicht anerkennen zu wollen.

So war es bis vor kurzem gewesen, bis der Freundesbesuch ihn aufgerüttelt hatte. Seither umgab den Einsamen eine beängstigende Ahnung von Gefahr und Schicksalsnähe, er fühlte Kämpfe und Prüfungen auf sich warten, in denen nicht seine Kunst und nicht sein Fleiß ihn retten konnten. Sein beschädigtes Menschentum witterte Sturm und fand keine Wurzeln und Kräfte in sich, ihn auszuhalten. Und nur langsam wollte seine vereinsamte Seele sich an den Gedanken gewöhnen, es müsse nun nächstens der Kelch verschuldeten Leides bis zur Hefe ausgetrunken werden.

Im Kampf wider diese drohenden Ahnungen und in der Scheu vor klaren Gedanken oder gar Entschlüssen zog sich des Malers ganze Natur, als sei es vielleicht zum letzten Male, nochmals in einer ungeheuren Anstrengung zusammen wie ein verfolgtes Tier zum rettenden Sprunge, und so schuf Johann Veraguth in diesen Tagen der inneren Beängstigung mit einem verzweifelten Zusammenraffen eines seiner größten und schönsten Werke, das spielende Kind zwischen den gebeugten leidvollen Gestalten der Eltern. Vom selben Boden getragen, von derselben Luft umflossen und vom selben Licht beschienen hauchten die Figuren des Mannes und Weibes Tod und bitterste Kühle aus, indessen goldig und frohlockend in ihrer Mitte das Kind selig wie im eigenen Lichte leuchtete. Und wenn später, seinem eigenen bescheidenen Urteil entgegen, einige Bewunderer den Maler dennoch zu den wirklich Großen rechneten, so taten sie es vor allem dieses Bildes wegen, das so schmerzlich voll von Seele war, obwohl es nichts zu sein begehrte als ein vollkommenes Stück Handwerk.

In diesen Stunden wußte Veraguth nichts von Schwäche und Angst, nichts von Leid und Schuld und verfehltem Leben. Er war nicht froh noch traurig, von seinem Werk gebannt und aufgesogen atmete er die kalte Luft schöpferischer Einsamkeit und begehrte nichts von der Welt, die ihm versunken und vergessen war. Rasch und sicher, mit vor Anstrengung vorquellenden Augen, setzte er in kleinen, schneidigen Drückern die Farbe hin, trieb einen Schatten tiefer zurück, löste ein schwebendes Blatt, eine spielende Locke freier und weicher im Lichte auf. Dabei dachte er nicht im mindesten an das, was sein Bild ausdrückte. Das war erledigt, das war eine Idee, ein Einfall gewesen; jetzt ging es nicht um Bedeutungen, Gefühle und Gedanken, sondern um reine Wirklichkeit. Er hatte sogar den Ausdruck der Gesichter wieder abgeschwächt und nahezu ausgelöscht, es lag ihm nichts am Dichten und Erzählen, und die um ein Knie gebauschte Mantelfalte war ihm so wichtig und heilig wie die gesenkte Stirn und der geschlossene Mund. Auf dem Bilde sollte nichts zu sehen sein als drei Menschen in vollkommenster Gegenständlichkeit, jeder durch Raum und Luft den andern verbunden, jeder dennoch umflossen von der Einzigkeit, die jedes tiefgeschaute Gebilde aus der nebensächlichen Welt der Beziehungen losreißt und den Beschauer mit schauerndem Erstaunen über die schicksalhafte Notwendigkeit jeder Erscheinung erfüllt. So blicken uns aus Bildern toter Meister fremde Menschengestalten, deren Namen wir nicht wissen und nicht zu wissen begehren, überlebendig und rätselhaft wie Sinnbilder alles Seins entgegen.

Das Bild war weit gefördert und nahezu fertig. Das Vollenden der süßen Kindergestalt hatte er sich zum Schlusse aufbehalten, daran dachte er morgen oder übermorgen zu gehen.

Die Mittagszeit war überschritten, als der Maler Hunger verspürte und auf die Uhr sah. Er wusch sich eilig, kleidete sich um und ging ins Herrschaftshaus hinüber, wo er seine Frau ganz allein am Tische wartend fand.

„Wo sind die Buben?“ fragte er verwundert.

„Sie sind ausgefahren. War Albert denn nicht bei dir?“

Nun erst fiel ihm Alberts Besuch wieder ein. Zerstreut und etwas befangen begann er zu essen. Frau Adele beobachtete ihn, wie er unachtsam und müde die Speisen zerschnitt. Sie hatte ihn eigentlich nicht mehr zu Tische erwartet und es überraschte sie seinem überanstrengten Gesichte gegenüber eine Art von Mitleid. Sie schwieg und legte ihm vor, schenkte ihm Wein ins Glas, und er, eine unbestimmte Freundlichkeit erfühlend, nahm sich zusammen, ihr etwas Angenehmes zu sagen.

„Will Albert eigentlich Musiker werden?“ fragte er. „Ich glaube, er hat viel Talent.“