Rosshalde

Part 5

Chapter 53,867 wordsPublic domain

„Nein, Otto, daran habe ich nie gedacht. Ich habe nie daran gedacht, daß ein Richter mit seiner Weisheit das wieder gutmachen könne, was ich verfehlt und versäumt habe. Es ist mir damit nicht gedient. Da meine persönliche Macht nicht ausreichte, meine Frau zum Verzicht auf den Jungen zu bewegen, blieb mir nichts übrig als zu warten, für wen Pierre selbst sich später einmal entscheiden werde.“

„Es handelt sich ja einzig um Pierre. Wenn der nicht da wäre, wärest du ohne Zweifel längst von deiner Frau geschieden und hättest doch noch ein Glück in der Welt gefunden oder wenigstens ein klares, vernünftiges, freies Leben. Statt dessen bist du in einem Wirrwarr von Kompromissen, Opfern und kleinen Notbehelfen eingeklemmt, in denen ein Mensch wie du ersticken muß.“

Veraguth blickte unruhig und stürzte hastig ein Glas Wein hinunter.

„Du redest immer von Ersticken und Zugrundegehen! Du siehst doch, ich lebe und arbeite, und der Teufel soll mich holen, wenn ich mich unterkriegen lasse.“

Otto achtete nicht auf seine Gereiztheit. Mit leiser Eindringlichkeit fuhr er fort: „Verzeih, das stimmt nicht ganz. Du bist ein Mensch mit ungewöhnlichen Kräften, sonst hättest du diese Zustände überhaupt nicht solange ausgehalten. Wieviel sie dir geschadet und dich gealtert haben, spürst du selber, und es ist eine unnütze Eitelkeit, wenn du das vor mir nicht wahrhaben willst. Ich glaube meinen eigenen Augen mehr als dir, und ich sehe, daß es dir miserabel geht. Deine Arbeit hält dich aufrecht, aber sie ist dir mehr Betäubung als Freude. Die Hälfte von deiner schönen Kraft verbrauchst du in Entbehrung und in kleinen täglichen Widerständen. Was bestenfalls dabei herauskommt, ist nicht Glück, sondern höchstens Resignation. Und dazu, mein Junge, bist du mir zu gut.“

„Resignation? Das mag sein. Es geht auch andern so. Wer ist glücklich?“

„Glücklich ist, wer hofft!“ rief Burkhardt nachdrücklich. „Was hast du zu hoffen? Nicht einmal äußere Erfolge, Ehren und Geld; von dem allen hast du mehr als genug. Mensch, du weißt ja gar nimmer, was Leben und Freude ist! Du bist zufrieden, weil du nimmer hoffst! Ich begreife das, meinetwegen, aber es ist ein scheußlicher Zustand, Johann, es ist ein übles Geschwür, und wer so eines hat und es nicht aufschneiden mag, der ist ein Feigling.“

Er war warm geworden und ging in heftiger Bewegung auf und ab, und während er mit gespannten Kräften seinen Plan verfolgte, sah ihn aus der Tiefe der Erinnerung Veraguths Knabengesicht an und es schwebte ihm das Bild einer Szene vor, da er einst ähnlich wie heut mit ihm gestritten hatte. Aufblickend sah er des Freundes Gesicht, er saß zusammengesunken und blickte vor sich nieder. Nichts von den Zügen des Knabenkopfes war mehr vorhanden. Da saß er, den er mit Absicht einen Feigling geheißen, an dessen einst so peinliche Empfindlichkeit er gerührt hatte, und wehrte sich nicht.

Er rief nur in bitterer Schwäche: „Nur zu! Du brauchst mich nicht zu schonen. Du hast gesehen, in was für einem Käfig ich lebe, nun kannst du ja ohne Sorge mit dem Stock hereindeuten und mir meine Schande vorhalten. Bitte, fahr fort! Ich wehre mich nicht, ich werde nicht einmal böse.“

Otto blieb vor ihm stehen. Er tat ihm so leid, aber er bezwang sich und sagte scharf: „Du sollst aber böse werden! Du sollst mich hinauswerfen und mir die Freundschaft aufsagen, oder du sollst zugeben, daß ich recht habe.“

Auch der Maler stand nun auf, aber schlaff und ohne Frische.

„Also du hast recht, wenn dir daran liegt,“ sagte er müde. „Du hast mich überschätzt, ich bin nimmer so jung und nimmer so leicht zu beleidigen. Ich habe auch nicht so viel Freunde, daß ich damit Verschwendung treiben könnte. Ich habe nur dich. Setz dich her und trinke noch ein Glas Wein, er ist gut. Du kriegst in Indien keinen solchen, und vielleicht findest du dort auch nicht viele Freunde, die sich so viel Dickköpfigkeit von dir gefallen lassen.“

Burkhardt schlug ihm leicht auf die Schulter und sagte beinahe ärgerlich: „Junge, wir wollen doch jetzt nicht sentimental sein – gerade jetzt nicht! Sag mir, was du an mir zu tadeln hast, und dann wollen wir fortfahren.“

„O, ich habe nichts an dir zu tadeln! Du bist ein tadelloser Kerl, Otto, ohne Zweifel. Du siehst mir seit bald zwanzig Jahren zu, wie ich untersinke, du siehst mit Freundschaft und vielleicht mit Bedauern zu, wie ich allmählich im Sumpf verschwinde, und du hast nie etwas gesagt und mich nie dadurch gedemütigt, daß du mir etwa Hilfe anbotest. Du hast zugesehen, wie ich jahrelang jeden Tag Zyankali mit mir herumtrug, und du hast mit edler Befriedigung bemerkt, daß ich es nie geschluckt und es schließlich weggeworfen habe. Und jetzt, wo ich so tief im Dreck sitze, daß ich nimmer heraus kann, jetzt stehst du da und hast zu tadeln und zu mahnen ...“

Er starrte mit geröteten heißen Augen trostlos vor sich hin, und Otto, da er sich ein neues Glas Wein einschenken wollte und nichts mehr in der Flasche fand, bemerkte erst jetzt, daß Veraguth die Flasche in der kurzen Zeit allein geleert hatte.

Der Maler folgte seinem Blick und lachte grell.

„O entschuldige!“ rief er heftig. „Ja, ich bin ein wenig betrunken, du darfst nicht vergessen, mir auch das anzurechnen. Es passiert mir alle paar Monate einmal, daß ich aus Versehen einen kleinen Rausch trinke – – zur Anregung, weißt du ...“

Er legte dem Freunde beide Hände schwer auf die Schultern und sagte mit plötzlich erschlaffter, hoher Stimme klagend: „Sieh, mein Junge, das Zyankali und der Wein und das alles wäre entbehrlich gewesen, wenn jemand mir ein bißchen hätte helfen wollen! Du, warum hast du mich soweit kommen lassen, daß ich jetzt um ein bißchen Nachsicht und Liebe bitten muß wie ein Bettler? Adele hat mich nicht ertragen, Albert ist von mir abgefallen, Pierre wird mich auch einmal verlassen – und du bist daneben gestanden und hast zugesehen. Hast du denn nichts tun können? Hast du mir gar nicht helfen können?“

Des Malers Stimme brach und er sank in den Stuhl zurück. Burkhardt war todesblaß geworden. Es stand ja viel schlimmer, als er gedacht hatte! Daß dieser stolze, harte Mensch durch ein paar Gläser Wein zum wehrlosen Geständnis seines heimlichen Makels und Elends verführt werden konnte!

Er stand neben Veraguth und sprach ihm leise ins Ohr wie einem Kinde, das man trösten muß.

„Ich helfe dir, Johann, du kannst mir glauben, ich helfe dir. Ich war ja ein Esel, ich war ja so blind und dumm! Sieh, es wird noch alles gut, verlaß dich drauf!“

Er erinnerte sich seltener Anlässe aus der Jugendzeit, bei welchen sein Freund in Zuständen großer Nervosität die Herrschaft über sich verloren hatte. Mit wunderlicher Deutlichkeit stand ein solches Erlebnis, das tief in seinem Gedächtnis geschlummert hatte, jetzt wieder vor ihm auf. Johann verkehrte damals mit einer hübschen Malschülerin, Otto hatte sich wegwerfend über sie ausgesprochen, und Veraguth hatte ihm in der heftigsten Weise die Freundschaft aufgesagt. Auch damals hatte der Maler sich an einer geringen Menge Weines unverhältnismäßig erhitzt, auch damals hatte er die roten Augen bekommen und die Gewalt über seine Stimme verloren. Es ergriff den Freund sonderbar, vergessene Züge einer scheinbar wolkenlosen Vergangenheit so seltsam wiederkehren zu sehen, und wieder wie damals erschreckte ihn der plötzlich enthüllte Abgrund von innerer Vereinsamung und seelischer Selbstpeinigung in Veraguths Leben. Das war ohne Zweifel jenes Geheimnis, von dem Johann je und je in Andeutungen gesprochen und das er in jedes großen Künstlers Seele verborgen vermutet hatte. Daher also kam diesem Manne der unheimlich unersättliche Drang, zu schaffen und die Welt zu jeder Stunde neu mit seinen Sinnen zu erfassen und zu überwältigen. Daher kam schließlich auch die sonderbare Traurigkeit, mit welcher häufig große Kunstwerke den stillen Beschauer erfüllen konnten.

Es war, als habe Otto seinen Freund bis zur Stunde nie ganz verstanden. Nun sah er tief in den dunkeln Brunnen, aus dem Johanns Seele sich mit Kräften und mit Leiden sättigte. Und zugleich empfand er einen tiefen, freudigen Trost darüber, daß er es war, der alte Freund, dem sich der Leidende eröffnet, den er angeklagt, den er um Hilfe gebeten hatte.

Veraguth schien nicht mehr zu wissen, was er gesagt hatte. Er ruhte besänftigt wie ein Kind, das sich ausgetobt hat, und schließlich sagte er mit klarer Stimme: „Du hast diesmal kein Glück mit mir. Es kommt alles nur davon her, daß ich in der letzten Zeit nicht meine tägliche Arbeit gehabt habe. Es ist eine Nervenverstimmung. Ich vertrage die guten Tage nicht.“

Und als Burkhardt ihn daran hindern wollte, die zweite Flasche zu öffnen, meinte er: „Ich könnte jetzt doch nicht schlafen. Weiß Gott, woher ich so nervös bin! Na, laß uns noch ein bißchen zechen, du warst doch früher darin nicht so spröde. – Ah, du meinst, wegen meiner Nerven! Ich werde sie schon wieder in Ordnung bringen, darin habe ich Erfahrung. Ich werde in der nächsten Zeit jeden Morgen um sechs an die Arbeit gehen und jeden Abend eine Stunde reiten.“

So blieben die Freunde bis gegen Mitternacht beieinander. Johann wühlte plaudernd in Erinnerungen der alten Zeit, Otto hörte zu und sah mit beinahe widerwilligem Vergnügen eine blanke, fröhlich spiegelnde Oberfläche sich beruhigt schließen, wo er eben noch in aufgerissene dunkle Gründe geblickt hatte.

Sechstes Kapitel

Andern Tages begegnete Burkhardt dem Maler mit Befangenheit. Er war darauf gefaßt, den Freund verwandelt und statt der gestrigen Erregtheit spöttische Kühle und abwehrende Scham zu finden. Statt dessen kam ihm Johann mit stillem Ernst entgegen.

„Also morgen reisest du,“ sagte er freundlich. „Es ist gut, und ich danke dir für alles. Übrigens habe ich das von gestern Abend nicht vergessen; wir haben noch miteinander zu reden.“

Zweifelnd ging Otto darauf ein.

„Meinetwegen; aber ich will dich nicht wieder unnütz erregen. Wir haben vielleicht gestern allzu vieles umgerührt. Warum mußten wir auch bis zur letzten Stunde warten!“

Sie frühstückten im Atelier.

„Nein, es ist ganz gut so,“ sagte Johann bestimmt. „Es ist sehr gut so. Ich habe eine schlaflose Nacht gehabt und alles noch einmal wiedergekäut, mußt du wissen. Du hast vieles umgerührt, und beinah mehr als ich ertragen konnte. Du mußt bedenken, ich habe in Jahren niemand gehabt, mit dem ich reden konnte. Aber es soll jetzt aufgeräumt und ausgefressen werden, sonst bin ich wirklich der Feigling, den du mich gestern geheißen hast.“

„O, hat dir das wehgetan? Laß gut sein!“

„Nein, du hattest beinahe recht, glaube ich. Ich möchte heut noch einen schönen frohen Tag mit dir haben, wir fahren den Nachmittag zusammen aus und ich zeige dir ein schönes Stück Land. Aber vorher muß da noch ein wenig aufgeräumt werden. Gestern fiel das alles so plötzlich über mich her, daß ich die Besinnung verlor. Aber jetzt habe ich alles bedacht. Ich glaube, ich verstehe jetzt, was du mir gestern sagen wolltest.“

Er sprach so ruhig und freundlich, daß Burkhardt seine Bedenken fallen ließ.

„Wenn du mich verstanden hast, ist ja alles gut und wir brauchen nicht wieder von vorn anzufangen. Du hast mir erzählt, wie alles zustande kam und wie es jetzt steht. Du hältst also deine Ehe und deinen Haushalt und deinen ganzen bisherigen Zustand nur darum aufrecht, weil du dich nicht von Pierre trennen willst. So ist es doch?“

„Ja, genau so ist es.“

„Nun, und wie denkst du dir das weitere? Mir scheint, du habest gestern angedeutet, daß du mit der Zeit auch Pierre zu verlieren fürchtest. Oder nicht?“

Veraguth seufzte schmerzlich und legte die Stirn in die Hand; aber er fuhr im gleichen Tone fort:

„Vielleicht ist es so. Das ist der böse Punkt. Deine Meinung ist, ich solle auf den Knaben verzichten?“

„Ja, aber ja! Er kostet dich Jahre und Jahre des Kampfes mit deiner Frau, die ihn dir schwerlich lassen wird.“

„Das ist möglich. Aber sieh, Otto, er ist das letzte, was ich habe! Ich sitze zwischen lauter Trümmern, und wenn ich heute stürbe, so würden sich, außer dir, höchstens ein paar Zeitungsschreiber darüber aufregen. Ich bin ein armer Mann, aber ich habe dieses Kind, ich habe doch immer noch diesen kleinen lieben Kerl, für den ich leben und den ich liebhaben darf, für den ich leide und bei dem ich in guten Stunden mich vergesse. Du mußt dir das richtig vorstellen! Und das soll ich weggeben!“

„Es ist nicht leicht, Johann. Es ist eine verfluchte Sache! Aber ich weiß keinen anderen Weg. Schau, du weißt gar nicht mehr, wie es draußen in der Welt aussieht, du sitzest verbohrt und vergraben in deine Arbeit und in deine verunglückte Ehe. Tu den Schritt und wirf einmal alles weg, so wirst du plötzlich die Welt wieder mit hundert schönen Dingen auf dich warten sehen. Du hausest seit langem mit Toten zusammen und hast den Anschluß ans Leben verloren. Du hängst an Pierre, und er ist ja ein reizender Kerl, gewiß; aber das ist doch nicht entscheidend. Sei einmal ein wenig grausam und besinne dich, ob der Junge dich wirklich braucht!“

„Ob er mich braucht ...?“

„Ja. Was du ihm geben kannst, ist Liebe, Zärtlichkeit, Gefühl – das sind Dinge, von denen ein Kind meist weniger braucht, als wir Alten meinen. Und dafür wächst der Kleine in einem Hause auf, wo Vater und Mutter einander kaum mehr kennen, wo sie sogar seinetwegen eifersüchtig sind! Er wird nicht durch das gute Beispiel eines glücklichen, gesunden Hauses erzogen, er ist frühreif und wird ein Sonderling werden. – Und schließlich, verzeih, wird er eines Tages ja doch zwischen dir und der Mutter wählen müssen. Kannst du das nicht einsehen.“

„Vielleicht hast du recht. Du hast sogar bestimmt recht. Aber hier hört bei mir das Denken auf. Ich hänge an dem Kind und ich klammere mich an diese Liebe, weil ich seit langem keine andere Wärme und kein anderes Licht mehr kenne. Vielleicht wird er mich in ein paar Jahren im Stich lassen, vielleicht mich enttäuschen, vielleicht mich einmal hassen – wie Albert mich haßt, der als Vierzehnjähriger einmal mit einem Tischmesser nach mir geworfen hat. Aber es bleibt mir doch das, daß ich noch diese paar Jahre bei ihm sein und ihn lieben darf, daß ich seine kleinen Hände in meine nehmen und seine kleine helle Vogelstimme hören kann. Sage: muß ich das weggeben? Muß ich?“

Burkhardt zuckte schmerzlich die Achseln und runzelte die Stirn.

„Du mußt, Johann,“ sagte er dann sehr leise. „Ich glaube, du mußt. Es muß nicht heute sein, aber bald. Du mußt alles, was du hast, wegwerfen, und mußt dich von allem Vergangenen reinbaden, sonst wirst du nie mehr ganz hell und frei in die Welt blicken können. Tu, was du magst, und wenn du den Schritt nicht tun kannst, so bleib hier und lebe dies Leben weiter – ich gehöre zu dir, auch dann, und bin für dich da, das weißt du. Aber es täte mir leid.“

„Rate mir! Ich sehe lauter Dunkel vor mir.“

„Ich will dir raten. Es ist jetzt Juli; im Herbst fahre ich nach Indien zurück. Vorher komme ich noch einmal zu dir, und ich hoffe, du wirst dann schon die Koffer bereit haben und mit mir reisen. Hast du dann deinen Entschluß gefaßt und ja gesagt, dann desto besser! Findest du aber den Entschluß nicht, so komm für ein Jahr, oder meinetwegen für ein halbes Jahr, mit mir, aus dieser Luft heraus. Du kannst bei mir malen und reiten, du kannst auch Tiger schießen oder dich in Malaiinnen verlieben – es gibt hübsche – auf alle Fälle bist du eine Weile weit von hier weg und kannst versuchen, ob es sich nicht so besser leben läßt. Was meinst du?“

Mit geschlossenen Augen wiegte der Maler seinen großen, struppigen Kopf mit dem bleichen Gesicht und dem eingezogenen Munde hin und her.

„Danke!“ rief er halb lächelnd. „Danke, es ist lieb von dir. Im Herbst werde ich dir sagen, ob ich mitkomme. Bitte, laß mir die Photographien da.“

„Die kannst du haben ... Aber – – kannst du nicht heut oder morgen schon dich wegen der Reise entschließen? Es wäre besser für dich.“

Veraguth erhob sich und ging zur Türe.

„Nein, du, das kann ich nicht. Wer weiß, was inzwischen geschieht! Ich bin seit Jahren niemals länger als für drei, vier Wochen ohne Pierre gewesen. Ich glaube, ich werde mit dir reisen, aber ich will jetzt nichts sagen, was mich reuen könnte.“

„Nun, lassen wir es gut sein! Ich werde dir immer mitteilen, wo ich zu finden bin. Und wenn du eines Tages drei Worte telegraphierst, daß du mitkommst, so brauchst du der Reise wegen keinen Finger zu rühren. Das ist dann meine Sache. Von hier nimmst du nur Wäsche und Malzeug mit, aber reichlich, alles andere besorge ich nach Genua.“

Veraguth umarmte ihn schweigend.

„Du hast mir geholfen, Otto, ich vergesse das nimmer. – Jetzt lasse ich den Wagen kommen, wir werden heute zu den Mahlzeiten nicht drüben erwartet. Und nun wollen wir gar nichts mehr tun, als einen schönen Tag miteinander feiern, wie vor Zeiten in den Sommerferien! Wir werden über Land fahren, ein paar schöne Dörfer ansehen und im Wald liegen, wir werden Forellen essen und guten Landwein aus dicken Gläsern trinken. Was für ein Glanzwetter wir heut haben!“

„Es ist seit zehn Tagen nicht anders,“ lachte Burkhardt. Und auch Veraguth lachte.

„Ach, mir ist, die Sonne hätte schon lang nimmer so geschienen!“

Siebentes Kapitel

Nach Burkhardts Abreise überfiel den Maler ein wunderliches Gefühl des Alleinseins. Dieselbe Einsamkeit, in welcher er Jahre und Jahre gelebt und gegen die er sich in so langer Gewöhnung hart und beinahe unempfindlich gemacht hatte, überfiel ihn nun wie ein unbekannter, ganz neuer Feind und sank von allen Seiten erstickend über ihm zusammen. Zugleich fühlte er sich von seiner Familie, sogar von Pierre, mehr als jemals abgeschnitten. Er wußte es nicht, aber es kam davon her, daß er zum erstenmal über diese Verhältnisse sich ausgesprochen hatte.

In manchen Stunden lernte er sogar das unselige, demütigende Gefühl der Langeweile kennen. Bisher hatte Veraguth das unnatürliche, aber konsequente Leben eines freiwillig Eingemauerten geführt, den das Leben nicht mehr interessiert und dessen Dasein mehr ein Ertragen als ein Erleben war. Der Freundesbesuch hatte Löcher in diese Klause geschlagen, durch hundert Ritzen blitzte und klang, duftete und tastete das Leben zu dem Vereinsamten herein, ein alter Zauber war gebrochen und der Erwachende empfand jeden Ruf von draußen überstark mit halbem Schmerz.

Wütend stürzte er sich in die Arbeit, er fing fast gleichzeitig zwei große Kompositionen an, er begann den Tag früh bei Sonnenaufgang mit einem kalten Bade, arbeitete ohne Pause bis zum Mittag, hielt sich dann nach kurzer Rast mit Kaffee und Zigarre munter und erwachte zuweilen in der Nacht an Herzklopfen oder Kopfschmerz. Aber wie sehr er sich zwang und gewaltsam einspann, es blieb in seinem Bewußtsein unter dünnem Schleier immerzu die Kunde lebendig und gegenwärtig, daß eine Türe offen stehe und daß zu jeder Zeit ein rascher Schritt ihn in die Freiheit bringen könne.

Er dachte nicht darüber nach, er betäubte alle Gedanken in fortwährender Anstrengung. Das Gefühl, in dem er lebte, war das: Du kannst zu jeder Stunde gehen, die Tür steht offen, die Fesseln sind zu brechen – aber es kostet einen harten Entschluß und ein schweres, schweres Opfer – darum nicht daran denken, nur nicht daran denken! Jener Entschluß, den Burkhardt von ihm erwartete und zu dem vielleicht seine eigene Natur sich heimlich schon bekannt hatte, saß in seiner Seele wie die Kugel im Fleisch eines Verwundeten; es war nur die Frage, würde sie sich eiternd herausarbeiten oder würde sie eingekapselt drinnen festwachsen. Es schwärte und tat weh, aber noch nicht weh genug; noch war der Schmerz zu groß, den er von dem geforderten Opfer befürchtete. So tat er nichts, ließ die heimliche Wunde brennen und fühlte im stillen eine verzweifelte Neugierde, wie das alles ausgehen werde.

Mitten in dieser Bedrängnis malte er ein großes Figurenbild, mit dessen Plan er lang gegangen war und das ihn jetzt plötzlich heftig reizte. Der Gedanke dazu war manche Jahre alt, er hatte einst Freude an ihm gehabt, bis er ihm immer leerer und allegorischer erschienen und ganz zuwider geworden war. Nun aber war das Bild ihm ganz und gar sichtbar geworden und er begann die Arbeit rein aus der Frische der Vision, ohne die Allegorie mehr zu empfinden.

Es waren drei lebensgroße Figuren: ein Mann und ein Weib, jeder für sich versunken und dem andern fremd, und zwischen ihnen spielend ein Kind, stillfroh und ohne Ahnung der über ihm lastenden Wolke. Die persönliche Bedeutung war klar, doch glich weder die Männerfigur dem Maler, noch das Weib seiner Frau, nur das Kind war Pierre, doch um einige Jahre jünger dargestellt. Dieses Kind malte er mit allem Reiz und aller Noblesse seiner besten Bildnisse, die Figuren zu beiden Seiten saßen in starrer Symmetrie, strenge, leidvolle Bilder der Einsamkeit, der Mann mit in die Hand gestütztem Haupt einem schweren Grübeln hingegeben, die Frau in Leid und leere Dumpfheit verloren.

Der Diener Robert hatte keine angenehmen Tage. Herr Veraguth war sonderbar nervös geworden. Er konnte es nicht vertragen, daß im Nebenzimmer das kleinste Geräusch war, wenn er arbeitete.

Die heimliche Hoffnung, die seit Burkhardts Besuch in Veraguth lebendig geworden war, saß wie ein Feuer in seiner Brust, brannte aller Unterdrückung zum Trotz weiter und färbte nachts seine Träume mit lockendem und erregendem Licht. Er wollte nicht auf sie hören, er wollte nichts von ihr wissen, er wollte nichts als arbeiten und Ruhe im Herzen haben. Und er fand die Ruhe nicht, er fühlte das Eis seines freudlosen Daseins schmelzen und alle Grundfesten seiner Existenz ins Wanken geraten, er sah in Träumen sein Atelier verschlossen und ausgeräumt, er sah seine Frau von ihm fort reisen, aber sie hatte Pierre mit sich genommen und der Knabe streckte die dünnen Arme nach ihm aus. Am Abend saß er manchmal in seinem unbehaglichen Wohnzimmerchen Stunde um Stunde allein, in den Anblick der indischen Photographien vertieft, bis er sie von sich schob und die ermüdeten Augen schloß.

Zwei Mächte kämpften in ihm einen harten Kampf, aber die Hoffnung war stärker. Immer wieder mußte er sich seine Gespräche mit Otto wiederholen, immer wärmer stiegen alle unterdrückten Wünsche und Bedürfnisse seiner kräftigen Natur aus der Tiefe hervor, wo sie so lange gefangen und erfroren gelegen waren, und diesem Empordrängen und frühlinghaften Erwarmen hielt der alte Wahn nicht stand, der kranke Wahn, er sei ein alter Mann und habe nichts mehr zu tun als das Leben zu ertragen. Die tiefe, mächtige Hypnose der Resignation war unterbrochen worden, und durch die Lücke drangen die unbewußten triebhaften Kräfte eines lang gebändigten und betrogenen Lebens schwärmend ein.

Je klarer diese Stimmen erklangen, desto ängstlicher zuckte des Malers Bewußtsein in der schmerzlichen Furcht vor dem letzten Erwachen. Immer wieder tat er krampfhaft die geblendeten Augen zu und sträubte sich, in allen Fasern fiebernd, gegen das notwendige Opfer.

Johann Veraguth zeigte sich selten im Hause drüben, er ließ sich fast alle Mahlzeiten ins Atelier bringen und brachte die Abende häufig in der Stadt zu. Traf er aber mit seiner Frau oder mit Albert zusammen, so war er still und milde und schien alle Feindlichkeit vergessen zu haben.

Um Pierre schien er sich wenig zu kümmern. Sonst hatte er den Kleinen mindestens einmal am Tage zu sich gelockt und bei sich gehabt oder war mit ihm im Garten gewesen. Jetzt konnten Tage vergehen, ohne daß er das Kind sah oder nach ihm verlangte. Lief ihm der Knabe in den Weg, so küßte er ihn nachdenklich auf die Stirn, sah ihm mit trauriger Zerstreutheit in die Augen und ging seines Weges.