Part 4
„So,“ sagte sie mit ihrer ruhigen tiefen Stimme, deren Ton ihm Heimat und Hort bedeutete, „so, nun hast du mir ja alles gesagt. Es ist manchmal ganz gut, sich auszusprechen. Man muß die Dinge kennen, die man zu ertragen hat. Aber man muß das, was weh tut, nicht aufwühlen, Kind. Du bist jetzt schon so groß wie ich und bist bald ein Mann, und darauf freue ich mich. Du bist mein Kind und sollst es bleiben, aber sieh, ich bin viel allein und habe allerlei Sorgen, da brauche ich auch einen richtigen, männlichen Freund, und der sollst du sein. Du sollst mit mir vierhändig spielen und mit mir im Garten gehen und nach Pierre sehen, wir wollen schöne Ferien miteinander haben. Aber du sollst nicht Lärm machen und es mir noch schwerer machen, sonst muß ich denken, du seiest eben doch noch ein halber Knabe und es werde noch lange dauern, bis ich endlich einen klugen Freund bekomme, den ich doch so gerne hätte.“
„Ja, Mutter, ja. Aber muß man denn immerzu über alles schweigen, was einen unglücklich macht?“
„Es ist das beste, Albert. Es ist nicht leicht, und von Kindern darf man es nicht verlangen. Aber es ist das beste. – Wollen wir jetzt etwas spielen?“
„Ja, gerne. Beethoven, die zweite Symphonie – magst du?“
Sie hatten kaum zu spielen begonnen, so ging sachte die Türe auf und Pierre glitt herein, setzte sich auf einen Schemel und hörte zu. Nachdenklich sah er dabei seinen Bruder an, seinen Nacken mit dem seidenen Sportskragen, seinen im Rhythmus der Musik bewegten Haarschopf und seine Hände. Jetzt, da er seine Augen nicht sah, fiel ihm Alberts große Ähnlichkeit mit der Mutter auf.
„Gefällt es dir?“ fragte Albert während einer Pause. Pierre nickte nur, ging aber gleich darauf wieder still aus dem Zimmer. In Alberts Frage hatte er etwas von dem Ton gespürt, in welchem nach seiner Erfahrung die meisten Erwachsenen zu Kindern redeten und dessen verlogene Freundlichkeit und unbeholfene Überheblichkeit er nicht leiden mochte. Der große Bruder war ihm willkommen, er hatte ihn sogar mit Spannung erwartet und ihn drunten am Bahnhof mit großer Freude begrüßt. Auf diesen Ton aber gedachte er nicht einzugehen.
Mittlerweile warteten Veraguth und Burkhardt im Atelier auf Albert, Burkhardt mit unverhehlter Neugierde, der Maler in nervöser Verlegenheit. Die flüchtige Fröhlichkeit und Plauderlust war plötzlich von ihm abgefallen, als er Alberts Ankunft erfuhr.
„Kommt er denn unerwartet?“ fragte Otto.
„Nein, ich glaube nicht. Ich wußte, daß er dieser Tage kommen sollte.“
Veraguth kramte aus einer Plunderschachtel ältere Photographien heraus. Er suchte ein Knabenbildnis hervor und hielt es vergleichend neben eine Photographie von Pierre.
„Das war Albert, genau im gleichen Alter wie jetzt der Kleine ist. Erinnerst du dich an ihn?“
„O, ganz gut. Das Bild ist sehr ähnlich. Er hat viel von deiner Frau.“
„Mehr als Pierre?“
„Ja, viel mehr. Pierre hat weder deinen Typ noch den seiner Mutter. Da kommt er übrigens. Oder sollte das Albert sein? Nein, unmöglich.“
Man hörte leichte kleine Tritte vor der Türe über die Fliesen und über das Scharreisen gehen, die Türklinke ward berührt und nach einem kleinen Zögern niedergedrückt, und Pierre trat herein, mit seinem fragend freundlichen Blick schnell spähend, ob er willkommen sei.
„Wo ist denn Albert?“ fragte der Vater.
„Bei der Mama. Sie spielen miteinander Klavier.“
„Ach so, er spielt Klavier.“
„Bist du ärgerlich, Papa?“
„Nein, Pierre, es ist hübsch, daß du gekommen bist. Erzähl’ uns etwas!“
Der Knabe sah die Photographien daliegen und griff danach.
„O, das bin ich! Und das da? Soll das Albert sein?“
„Ja, das ist Albert. So hat er ausgesehen, als er gerade so alt war wie du jetzt bist.“
„Da war ich noch nicht auf der Welt. Und jetzt ist er groß geworden und Robert sagt schon Herr Albert zu ihm.“
„Willst du auch einmal groß werden?“
„Ja, ich will schon. Wenn man groß ist, darf man Pferde haben und Reisen machen, das möchte ich auch. Und dann darf mich niemand mehr ‚kleiner Junge‘ heißen und in die Backen kneifen. Aber eigentlich will ich doch nicht groß werden. Die alten Leute sind oft so unangenehm. Albert ist auch schon ganz anders geworden. Und wenn die alten Leute immer älter werden, dann sterben sie zuletzt. Ich möchte lieber so bleiben wie ich bin, und manchmal möchte ich fliegen können und mit den Vögeln hoch droben um die Bäume herfliegen und zwischen die Wolken hinein. Da würde ich alle Leute auslachen.“
„Mich auch, Pierre?“
„Manchmal, Papa. Die alten Leute sind alle manchmal so komisch. Mama nicht so sehr. Mama liegt hier und da in einem langen Stuhl im Garten und tut gar nichts als in das Gras hineinsehen, und dann hängen ihre Hände herunter und sie ist ganz ruhig und ein wenig traurig. Es ist hübsch, wenn man nicht immerzu etwas tun muß.“
„Möchtest du denn gar nichts werden? Baumeister, oder Gärtner, oder vielleicht Maler?“
„Nein, ich mag nicht. Ein Gärtner ist schon da, und ein Haus habe ich ja auch schon. Ich möchte ganz andere Sachen tun können. Ich möchte das verstehen, was die Rotkehlchen zueinander sagen. Und ich möchte auch einmal sehen, wie es die Bäume machen, daß sie mit ihren Wurzeln Wasser trinken und so groß werden können. Ich glaube, das weiß gar niemand richtig. Der Lehrer weiß eine Menge, aber lauter langweilige Sachen.“
Er hatte sich auf Otto Burkhardts Knie gesetzt und spielte mit seiner Gürtelschnalle.
„Viele Dinge kann man nicht wissen,“ sagte Burkhardt freundlich. „Vieles kann man nur sehen und muß damit zufrieden sein, daß es so hübsch ist. Wenn du einmal zu mir nach Indien kommst, da fährst du viele Tage lang immer auf einem großen Schiff, und vor dem Schiffe her tauchen lauter kleine Fische auf, die haben kleine gläserne Flügel und können fliegen. Und manchmal kommen auch Vögel, die sind furchtbar weit von fremden Inseln hergeflogen und sind ganz müde und setzen sich auf das Schiff und sind verwundert, daß da so viele fremde Leute auf dem Meer herumfahren. Die möchten uns auch gerne verstehen und uns fragen, wo wir herkommen und wie wir heißen, aber es geht nicht, und da sieht man sich eben in die Augen und nickt mit dem Kopf, und wenn der Vogel ausgeruht hat, dann schüttelt er sich und fliegt wieder weg übers Meer.“
„Weiß man denn gar nicht, wie diese Vögel heißen?“
„O doch, das weiß man schon. Aber es sind Namen, die ihnen die Menschen gegeben haben, und wie sie selber zueinander sagen, das kann man nicht wissen.“
„Onkel Burkhardt kann fein erzählen, Papa. Ich möchte auch einen Freund haben. Albert ist schon zu groß. Die meisten Menschen verstehen ja gar nicht recht, was man sagt und will, aber Onkel Burkhardt versteht mich gleich.“
Ein Hausmädchen kam, den Kleinen abzuholen. Bald darauf war es Abendessenszeit und die Herren gingen ins Haus. Veraguth war schweigsam und verstimmt. Im Speisezimmer trat ihm sein Sohn entgegen und gab ihm die Hand.
„Guten Tag, Papa.“
„Guten Tag, Albert. Bist du gut gereist?“
„Danke, ja. Guten Abend, Herr Burkhardt.“
Der junge Mann war sehr kühl und korrekt. Er führte seine Mutter zu Tisch. Man aß, und das Gespräch ging fast nur zwischen Burkhardt und der Hausfrau. Es kam die Rede auf Musik.
„Darf ich fragen,“ wandte sich Burkhardt an Albert, „welche Art von Musik Sie besonders lieben? Allerdings bin ich da längst nicht mehr auf der Höhe und kenne die modernen Musiker wohl kaum dem Namen nach.“
Der Jüngling blickte höflich auf und gab Auskunft.
„Das Allermodernste kenne ich auch nur vom Hörensagen. Ich gehöre keiner Richtung an und liebe alle Musik, wenn sie gut ist. Am meisten Bach, Gluck und Beethoven.“
„O, die Klassiker. Von denen haben wir zu unserer Zeit eigentlich nur Beethoven näher gekannt. Von Gluck wußten wir überhaupt nichts. Wir hielten alle stramm zu Wagner, müssen Sie wissen. Weißt du noch, Johann, wie wir zum erstenmal den Tristan hörten? Das war ein Rausch!“
Veraguth lächelte unfroh.
„Alte Schule!“ rief er etwas hart. „Wagner ist abgetan. Oder nicht, Albert?“
„O, im Gegenteil, er wird ja auf allen Theatern gespielt. Aber ich habe darüber kein Urteil.“
„Mögen Sie Wagner nicht?“
„Ich kenne ihn zu wenig, Herr Burkhardt. Ich komme sehr selten ins Theater. Mich interessiert nur die reine Musik, nicht die Oper.“
„Na, aber das Meistersingervorspiel! Das kennen Sie gewiß. Taugt das auch nichts?“
Albert biß sich auf die Lippen und besann sich einen Augenblick, ehe er antwortete.
„Ich kann wirklich darüber nicht urteilen. Es ist – wie soll ich sagen? – romantische Musik, und für die fehlt es mir an Interesse.“
Veraguth schnitt eine Grimasse.
„Nimmst du Landwein?“ fragte er ablenkend.
„Danke, ja.“
„Und du, Albert? Ein Glas Roten?“
„Danke, Papa, lieber nicht.“
„Bist du Abstinent geworden?“
„Nein, durchaus nicht. Aber Wein bekommt mir nicht, ich möchte lieber darauf verzichten.“
„Na, gut. Aber wir wollen anstoßen, Otto, Prosit!“
Er trank das Glas mit einem raschen Schluck halb aus.
Albert spielte die Rolle des wohlerzogenen Jungen weiter, der zwar ganz bestimmte Ansichten hat, sie aber bescheiden für sich behält, und der älteren Leuten das Wort läßt, nicht um zu lernen, sondern um seine Ruhe zu haben. Die Rolle paßte schlecht zu ihm, so daß auch er sich bald äußerst unbehaglich fühlte. Er wollte seinem Vater, den er nach Möglichkeit zu ignorieren gewohnt war, durchaus keinen Anlaß zu Auseinandersetzungen geben.
Burkhardt schwieg beobachtend, und so war niemand übrig, der das frostig versiegte Tischgespräch mit gutem Willen wieder aufgenommen hätte. Man beeilte sich mit dem Essen, bediente einander mit höflicher Umständlichkeit, spielte befangen mit den Dessertlöffeln und wartete in kläglicher Nüchternheit auf den Augenblick des Aufstehens und Auseinandergehens. Erst in dieser Stunde fühlte Otto Burkhardt bis ins Innerste die Vereinsamung und hoffnungslose Kälte, in der seines Freundes Ehe und Leben erstarrt und verkümmert war. Er blickte flüchtig zu ihm hinüber, sah ihn verdrossen mit schlaffem Gesicht auf die kaum berührten Speisen starren und erkannte in seinem Blick, dem er eine Sekunde begegnete, eine flehende Scham über die Enthüllung seines Zustandes.
Es war ein betrübter Anblick, und plötzlich schien das lieblose Schweigen, die verlegene Kälte und humorlose Gezwungenheit dieser Tafelstunde laut Veraguths Schande zu verkündigen. In diesem Augenblick fühlte Otto, daß jeder weitere Tag seines Hierbleibens nur eine widerwärtige Verlängerung dieser beschämenden Zuschauerschaft und zur Qual für den Freund werden würde, der nur noch mit Ekel den Schein aufrechterhielt und nicht die Kraft und Laune mehr aufbrachte, sein Elend vor dem Zuschauer zu beschönigen. Hier galt es, ein Ende zu machen.
Kaum hatte sich Frau Veraguth erhoben, so schob ihr Mann seinen Sessel zurück.
„Ich bin so müde, daß ich mich zu entschuldigen bitte. Laßt euch nicht stören!“
Er ging hinaus und vergaß die Türe hinter sich zuzuziehen, und Otto hörte ihn langsam mit schweren Schritten durch den Gang und die knarrende Treppe hinab davongehen.
Burkhardt schloß die Tür und begleitete die Hausfrau in den Salon, wo der Flügel noch offen stand und der abendliche Wind in den aufgelegten Noten blätterte.
„Ich hatte Sie bitten wollen, etwas zu spielen,“ sagte er befangen. „Aber mir scheint, Ihr Mann ist nicht recht wohl, er hat den ganzen Mittag in der Sonne gearbeitet. Wenn Sie erlauben, leiste ich ihm noch ein Stündchen Gesellschaft.“
Frau Veraguth nickte ernsthaft und suchte ihn nicht zu halten. Er empfahl sich und ging, von Albert bis zur Treppe begleitet.
Fünftes Kapitel
Die Dämmerung hatte begonnen, als Otto Burkhardt aus dem schon vom großen Leuchter erhellten Hausflur trat und sich von Albert verabschiedete. Unter den Kastanien blieb er stehen, sog durstig die zart gekühlte, laubduftende Abendluft ein und wischte sich große Schweißtropfen von der Stirne. Wenn er seinem Freunde ein wenig helfen konnte, mußte es in dieser Stunde geschehen.
Im Atelierhaus war kein Licht und er fand den Maler weder in der Werkstatt noch in den Nebenräumen. Er öffnete die Türe gegen den Weiher und ging suchend mit leisen Schritten rund um das Haus. Da sah er ihn sitzen, in dem Rohrstuhl, in dem er ihn heute gemalt hatte, die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen, so ruhig, als schliefe er.
„Johann!“ rief er leise, trat zu ihm und legte ihm die Hand auf den gebeugten Kopf.
Es kam keine Antwort. Er blieb stehen, schwieg und wartete und streichelte dem in Müdigkeit und Leid Versunkenen das kurze grobe Haar. In den Bäumen ging der Wind, sonst war es still und abendfriedlich. Minuten vergingen. Da kam plötzlich vom Herrenhause her durch die Dämmerung eine breite Klangwoge geschwollen, ein voller lang ausgehaltener Akkord, und wieder einer. Es war der erste Takt einer Klaviersonate.
Da hob der Maler den Kopf, schüttelte die Hand seines Freundes sanft von sich und stand auf. Er sah Burkhardt still aus müden, trockenen Augen an, versuchte ein Lächeln aufzubringen und ließ davon wieder ab, indem seine starren Züge erschlafften.
„Wir wollen hineingehen,“ sagte er mit einer Gebärde, als suche er die von drüben heranflutende Musik von sich abzuwehren.
Er ging voran. Bei der Türe zum Atelier blieb er stehen.
„Ich denke, wir werden dich wohl nimmer lange hier haben?“
Wie er alles fühlt! dachte Burkhardt. Mit beherrschter Stimme sagte er: „Es kommt ja auf einen Tag nicht an. Ich denke, ich reise übermorgen.“
Veraguth tastete nach den Drückern. Mit einem feinen Metallton strahlten alle Lichter der Werkstatt blendend auf.
„Dann wollen wir noch eine schöne Flasche Wein miteinander trinken.“
Er schellte nach Robert und gab ihm Aufträge. Mitten im Atelier stand Burkhardts neues Porträt, nahezu fertig. Sie standen davor und sahen es an, während Robert Tisch und Stühle rückte, Wein und Eis herbeitrug, Zigarren und Aschenschalen aufsetzte.
„Es ist gut, Robert, Sie können ausgehen. Morgen nicht wecken! Lassen Sie uns jetzt allein!“
Sie setzten sich und stießen miteinander an. Unruhig rückte der Maler im Sessel, stand wieder auf und drehte die Hälfte der Lichter wieder aus. Dann ließ er sich schwer in den Stuhl fallen.
„Das Bild ist nicht ganz fertig geworden,“ fing er an. „Nimm dir eine Zigarre! Es wäre nicht schlecht geworden, aber schließlich liegt nicht soviel daran. Und man sieht sich ja wieder.“
Er suchte sich eine Zigarre aus, schnitt sie bedächtig an, drehte sie zwischen nervösen Fingern und legte sie wieder weg.
„Du hast es diesmal hier nicht gerade glänzend getroffen, Otto. Es tut mir leid.“
Seine Stimme brach plötzlich, er sank vornüber, griff nach Burkhardts Händen und nahm sie fest in seine.
„Du weißt ja jetzt alles,“ stöhnte er müde, und ein paar Tränen fielen auf Ottos Hand. Allein er wollte sich nicht gehen lassen. Er richtete sich wieder auf, zwang seine Stimme zur Ruhe und sagte verlegen: „Entschuldige! Wir wollen einen Schluck trinken! Rauchst du nicht?“
Burkhardt nahm eine Zigarre.
„Armer Kerl!“
Sie tranken und rauchten in friedlichem Schweigen, sie sahen das Licht in den geschliffenen Glaskelchen blitzen und in dem goldenen Weine wärmer leuchten, sahen den blauen Rauch unentschlossen durch den weiten Raum schwanken und sich in launische Fäden verschnörkeln, und sahen zuweilen einander an, mit gelösten offenen Blicken, die kaum der Sprache mehr bedurften. Es war, als sei schon alles gesagt.
Ein Nachtfalter strich surrend durch die Werkstatt und stieß drei-, viermal heftig mit einem dumpfen Schlag wider die Wände. Dann saß er still und betäubt, ein sammetgraues Dreieck, am Plafond.
„Kommst du im Herbst mit mir nach Indien?“ fragte Burkhardt endlich zögernd.
Wieder war es lange still. Der Schmetterling begann langsam zu wandern. Grau und klein kroch er vorwärts, als habe er das Fliegen vergessen.
„Vielleicht,“ sagte Veraguth. „Vielleicht. Wir müssen ja noch miteinander reden.“
„Ja, Johann. Ich will dich nicht quälen. Aber ein wenig mußt du mir noch erzählen. Ich hatte nie erwartet, daß es zwischen dir und deiner Frau wieder gut werden würde, aber –“
„Es war ja von Anfang an nicht gut!“
„Nein. Aber es hat mich doch erschreckt, daß es so weit gekommen ist. So kann es ja nicht bleiben. Du gehst zugrunde.“
Veraguth lachte rauh.
„Ich gehe nicht zugrunde, mein Junge. Im September stelle ich in Frankfurt etwa zwölf neue Bilder aus.“
„Das ist schon gut. Aber wie lang soll das so gehen? Es ist ja sinnlos ... Sag, Johann, warum hast du dich nicht von deiner Frau getrennt?“
„Das ist nicht so einfach ... Ich will dir erzählen. Es ist besser, wenn du das Ganze einmal in der rechten Ordnung erfährst.“
Er nahm einen Schluck Wein und blieb vorgebeugt im Stuhle sitzen, während Otto sich weiter vom Tische zurückzog.
„Daß ich mit meiner Frau von Anfang an Schwierigkeiten hatte, weißt du ja. Es ging ein paar Jahre lang, nicht gut und nicht schlecht, und vielleicht wäre damals noch allerlei zu retten gewesen. Aber ich konnte meine Enttäuschung zu wenig verbergen, und ich verlangte von Adele immer wieder gerade das, was sie nicht zu geben hatte. Schwung hat sie nie gehabt; sie war ernsthaft und schwerlebig, ich hätte das vorher wissen können. Sie konnte niemals fünf gerade sein lassen und sich mit Humor oder Leichtsinn über etwas Schweres weghelfen. Sie hatte meinen Ansprüchen und Launen, meiner ungestümen Sehnsucht und meiner schließlichen Enttäuschung nichts entgegenzusetzen als Schweigen und Geduld, eine rührende, stille, heldenhafte Geduld, die mich oft bewegte und mit der mir und ihr doch nicht geholfen war. War ich ärgerlich und unzufrieden, so schwieg sie und litt, und kam ich bald darauf mit dem Willen zu einem besseren Verständnis, bat ich sie um Verzeihung oder suchte ich sie in einer Stunde froher Laune mitzureißen, so ging es nicht, sie schwieg auch da und beharrte immer verschlossener in ihrem treuen, schwerfälligen Wesen. War ich bei ihr, so schwieg sie nachgiebig und ängstlich, sie nahm Zornausbrüche und lustige Stimmungen mit gleicher Gelassenheit hin, und war ich fort, so spielte sie für sich allein Klavier und dachte an ihre Mädchenzeit. So kam ich immer tiefer ins Unrecht und hatte schließlich eben auch nichts mehr zu geben und mitzuteilen. Ich fing an fleißig zu werden und habe so allmählich gelernt, mich in die Arbeit wie in eine Burg zu verschanzen.“
Offenbar gab er sich Mühe, ruhig zu bleiben. Er wollte erzählen, nicht anklagen, aber hinter den Worten stand fühlbar eben doch die Anklage, mindestens die Klage über die Zerstörung seines Lebens, über die Enttäuschung seiner Jugenderwartung und über die lebenslange Verurteilung zu einem halben, freudlosen, dem Innersten seiner Natur beständig widersprechenden Dasein.
„Schon damals dachte ich zuweilen daran, die Ehe wieder aufzulösen. Aber das war nicht so einfach. Ich war an Stillsitzen und Arbeit gewohnt und schreckte immer wieder vor dem Gedanken an Gerichte und Anwälte, vor dem Abreißen aller kleinen täglichen Lebensgewohnheiten zurück. Wenn mir damals eine neue Liebe in den Weg gekommen wäre, hätte ich den Entschluß leicht gefunden. Aber es zeigte sich, daß auch meine eigene Natur schwerfälliger war als ich dachte. Ich verliebte mich mit einem gewissen wehmütigen Neid in hübsche junge Mädchen, aber es ging nie tief genug und ich sah mehr und mehr, daß ich an keine Liebe mehr mich so weggeben könne, wie an meine Malerei. Alles Verlangen nach Austoben und Selbstvergessen, jeder Wunsch und jedes Bedürfnis richtete sich dahin, und wirklich habe ich in diesen vielen Jahren keinen einzigen neuen Menschen in mein Leben aufgenommen, keine Frau und keinen Freund. Du begreifst, ich hätte ja jede Freundschaft mit dem Bekenntnis meiner Schande beginnen müssen.“
„Schande?!“ sagte Burkhardt leise mit einem Ton des Tadels.
„Gewiß, Schande! So empfand ich es damals schon und das ist seither nicht anders geworden. Es ist eine Schande, unglücklich zu sein. Es ist eine Schande, sein Leben niemandem zeigen zu dürfen, etwas verbergen und bemänteln zu müssen. Genug davon! Ich will dir erzählen.“
Er starrte finster in sein Weinglas, warf die erloschene Zigarre weg und fuhr fort.
„Inzwischen war Albert ein paar Jahre alt geworden. Wir hatten ihn beide sehr lieb, die Gespräche über ihn und die Sorgen um ihn hielten uns beisammen. Erst als er sieben oder acht Jahre alt war, begann ich eifersüchtig zu werden und um ihn zu kämpfen – genau so, wie ich jetzt mit ihr um Pierre kämpfe! Ich sah plötzlich, daß der kleine Junge mir unentbehrlich lieb geworden war, und ich habe mehrere Jahre lang mit beständiger Angst zugesehen, wie er ganz langsam kühler gegen mich wurde und mehr und mehr zur Mutter hielt.
Da wurde er bedenklich krank, und in jener Zeit der Sorge um das Kind sank alles andere für eine Weile unter und wir lebten eine Zeitlang so einmütig wie nie zuvor. Aus dieser Zeit stammt Pierre.
Seit der kleine Pierre auf der Welt ist, hat er alles besessen, was ich an Liebe irgend geben konnte. Ich ließ mir Adele wieder entgleiten, ich ließ es geschehen, daß Albert nach seiner Genesung sich immer enger an meine Frau schloß, daß er ihr Vertrauter gegen mich und allmählich mein Feind wurde, bis ich ihn aus dem Hause entfernen mußte. Ich hatte auf alles verzichtet, ich war ganz arm und anspruchslos geworden, ich hatte mir auch das Schelten und Herrschen im Hause abgewöhnt und hatte nichts dagegen, im eigenen Haus nur ein geduldeter Gast zu sein. Ich wollte nichts für mich retten als meinen kleinen Pierre, und als das Zusammenleben mit Albert und der ganze Zustand im Hause unerträglich geworden war, da habe ich Adele die Scheidung angeboten.
Ich wollte Pierre bei mir behalten. Alles andere konnte sie haben: sie konnte mit Albert zusammen bleiben, sie konnte die Roßhalde behalten und die Hälfte von meinen Einnahmen, meinetwegen auch mehr. Aber sie wollte nicht. Sie wollte gerne in die Scheidung willigen und nur das Notwendigste von mir annehmen, sich aber nicht von Pierre trennen. Das war unser letzter Streit. Noch einmal versuchte ich alles, um mir meinen Rest von Glück zu retten; ich bat und versprach, ich habe mich gebückt und gedemütigt, ich habe gedroht und geweint und schließlich getobt, aber alles vergebens. Sie willigte sogar darein, daß Albert weggegeben werde. Es zeigte sich plötzlich, daß diese stille, geduldige Frau keinen Finger breit nachzugeben gesonnen war; sie fühlte ihre Macht sehr deutlich und war mir überlegen. Damals haßte ich sie geradezu, und etwas davon ist immer hängen geblieben.
Da ließ ich den Maurer kommen und habe mir die kleine Wohnung hier angebaut, und hier wohne ich seither und alles ist so, wie du es gesehen hast.“
Burkhardt hatte nachdenklich zugehört und ihn nie unterbrochen, auch nicht in Augenblicken, wo Veraguth es zu erwarten, ja zu wünschen schien.
„Ich freue mich,“ sagte er vorsichtig, „daß du selber alles so klar siehst. Es ist alles ungefähr so, wie ich mir’s gedacht hatte. Laß uns noch ein Wort darüber reden, es geht jetzt in einem hin! Seit ich hier bin, habe ich ja ebenso auf diese Stunde gewartet wie du. Nimm an, du hättest ein unangenehmes Geschwür, das dich quält und dessen du dich ein wenig schämst. Ich kenne es jetzt und dir ist schon wohler, daß du es nimmer zu verheimlichen brauchst. Aber wir müssen damit nicht zufrieden sein, wir müssen zusehen, ob wir das Ding nicht aufschneiden und heilen können.“
Der Maler sah ihn an, schüttelte schwerfällig den Kopf und lächelte: „Heilen? So etwas heilt nimmer. Aber schneide ruhig zu!“
Burkhardt nickte. Er wollte zuschneiden, gewiß, er wollte diese Stunde nicht leer vorüber lassen.
„In deiner Erzählung ist eines mir unklar geblieben,“ sagte er nachdenklich. „Du sagst, du habest dich Pierres wegen nicht von deiner Frau scheiden lassen. Es ist die Frage, ob du sie nicht dazu hättest zwingen können, dir Pierre zu lassen. Wärt ihr vom Gericht geschieden worden, so hätte man dir doch wohl eines der Kinder zusprechen müssen. Hast du denn daran nie gedacht?“