Rosshalde

Part 2

Chapter 23,879 wordsPublic domain

„Ja, an den Fischen, weißt du. Das ist bald fertig, und morgen darfst du es sehen.“

Er nahm des Knaben Hand und ging mit ihm hinaus. Nichts in der Welt tat ihm so wohl und rührte alle versunkene Güte und hilflose Zartheit so in ihm auf wie das Gefühl, neben dem Jungen zu gehen, den Schritt seinen kleinen Schritten anzupassen und die leichte, zutrauliche Kinderhand in seiner zu fühlen.

Als sie den Park verließen und unter den dünnen Hängebirken hin über die Wiese gingen, blickte der Kleine sich um und fragte: „Papa, haben denn die Schmetterlinge vor dir Angst?“

„Warum? Ich glaube nicht. Neulich ist einer ganz lange auf meinem Finger gesessen.“

„Ja, aber jetzt sind keine da. Wenn ich manchmal ganz allein zu dir hinübergehe und ich komme dann hier vorbei, dann sind immer viele, viele Schmetterlinge auf dem Weg, und sie heißen Bläulinge, das weiß ich, und sie kennen mich und haben mich lieb, sie fliegen immer ganz nah um mich herum. Kann man denn Schmetterlinge nicht füttern?“

„Doch, das kann man, wir wollen es nächstens einmal versuchen. Man tut einen Tropfen Honig auf die Hand und streckt sie ganz ruhig aus, bis die Falter kommen und davon trinken.“

„Fein, Papa, das probieren wir. Nicht wahr, du sagst es der Mama, daß sie mir ein bißchen Honig geben muß? Dann weiß sie, daß ich ihn wirklich brauche und daß es keine Dummheit ist.“

Pierre lief voran durch das offene Haustor und den breiten Korridor, in dessen kühler Dämmerung der von draußen geblendete Vater noch den Hutständer suchte und nach der Speisezimmertüre tastete, als der Knabe längst drinnen war und die Mutter mit seinem Anliegen bestürmte.

Der Maler kam herein und gab seiner Frau die Hand. Sie war etwas größer als er, eine kräftige Gestalt, gesund, aber ohne Jugend, und sie hatte zwar aufgehört, ihren Mann zu lieben, sah aber noch heute den Verlust seiner Zärtlichkeit als ein traurig unbegreifliches, unverschuldetes Unglück an.

„Wir können gleich essen,“ sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme, „Pierre, geh und wasch dir die Hände!“

„Hier ist eine Neuigkeit,“ fing der Maler an und gab ihr den Brief seines Freundes. „Otto kommt schon bald und ich hoffe, er bleibt eine gute Weile da. Es ist dir doch recht?“

„Herr Burkhardt kann die beiden Zimmer unten haben, da ist er ungestört und kann nach Belieben ein und aus gehen.“

„Ja, das ist gut.“

Zögernd sagte sie: „Ich hatte gedacht, er käme viel später.“

„Er ist früher gereist, auch ich wußte bis heute nichts davon. Na, desto besser.“

„Nun trifft er eben mit Albert zusammen.“

Veraguths Gesicht verlor den leisen Schimmer von Vergnügtheit und seine Stimme wurde kalt, als er den Namen seines Sohnes hörte.

„Was ist mit Albert?“ rief er nervös. „Er sollte doch mit seinem Freund ins Tirol gehen.“

„Ich wollte es dir nicht früher als nötig sagen. Der Freund ist von Verwandten eingeladen worden und hat auf die Fußreise verzichtet. Albert kommt mit Beginn seiner Ferien.“

„Und bleibt die ganze Zeit hier?“

„Ich denke, ja. Ich könnte auch ein paar Wochen mit ihm verreisen, aber das würde unbequem für dich werden.“

„Warum? Ich nähme Pierre zu mir herüber.“

Frau Veraguth zuckte die Achseln.

„Bitte, fange doch damit nicht wieder an! Du weißt, ich kann Pierre nicht allein hier lassen.“

Der Maler wurde zornig.

„Allein!“ rief er scharf. „Er ist nicht allein, wenn er bei mir ist.“

„Ich kann ihn nicht hier lassen, und ich will es nicht. Es ist unnütz, nochmals darüber zu streiten.“

„Natürlich, du willst nicht!“

Er schwieg, da Pierre zurückkam, und man ging zu Tische. Zwischen den beiden entfremdeten Menschen saß der Knabe und wurde von beiden bedient und unterhalten, wie er es gewohnt war, und sein Vater suchte die Mahlzeit recht lange hinzuhalten, denn nachher blieb der Kleine bei Mama und es war zweifelhaft, ob er heute nochmals ins Atelier kommen würde.

Zweites Kapitel

Robert war in dem kleinen Nebenraum beim Atelier damit beschäftigt, eine Palette und ein Bündel Pinsel auszuwaschen. Da erschien in der offenen Türe der kleine Pierre. Er blieb stehen und sah zu.

„Das ist eine dreckige Arbeit,“ urteilte er nach einer kleinen Weile. „Überhaupt, malen ist ja ganz schön, aber ich möchte doch nie ein Maler werden.“

„Na, überleg dir das noch einmal,“ meinte Robert. „Wo doch dein Vater so ein berühmter Maler ist.“

„Nein,“ entschied der Knabe, „es wäre nichts für mich. Man ist immerzu schmierig, und die Farben riechen auch so furchtbar stark. Ein bißchen davon rieche ich sehr gern, zum Beispiel an einem frischen Bild, wenn es in einem Zimmer hängt und nur so ganz fein nach Farbe riecht; aber im Atelier, das wäre mir zuviel, da bekäme ich Kopfweh.“

Der Diener sah ihn prüfend an. Eigentlich hätte er dem verwöhnten Kinde schon längst einmal seine Meinung sagen mögen, er hatte viel an ihm zu tadeln. Aber wenn Pierre da war und man ihm ins Gesicht sah, dann ging es doch nicht an. Der Kleine war so frisch und hübsch und ernsthaft, als wäre an ihm und in ihm absolut alles in Ordnung, und gerade der kleine Zug von herrischer Blasiertheit oder Altklugheit stand ihm merkwürdig gut an.

„Was möchtest du denn eigentlich werden, Junge?“ fragte Robert ein wenig streng.

Pierre blickte zu Boden und besann sich.

„Ach, ich möchte eigentlich gar nichts Besonderes werden, weißt du. Ich möchte nur, daß ich mit der Schule fertig wäre. Im Sommer möchte ich bloß ganz weiße Kleider tragen, auch weiße Schuhe, und es dürfte gar nie der kleinste Fleck daran sein.“

„So, so,“ tadelte Robert. „So sagst du jetzt. Aber neulich, als wir dich mit hatten, war auf einmal dein weißes Zeug voller Kirschenflecken und Grasflecken, und den Hut hattest du überhaupt verloren. Weißt du noch?“

Pierre wurde kühl. Er schloß die Augen bis auf einen kleinen Schlitz und starrte durch seine langhaarigen Wimpern.

„Für das hat mich meine Mama damals so gescholten,“ sagte er langsam, „und ich glaube nicht, daß sie dir Auftrag gegeben hat, es mir wieder vorzuhalten und mich damit zu quälen.“

Robert lenkte schon ein.

„Also du möchtest immer weiße Kleider anhaben und sie gar nie schmutzig machen?“

„Doch, manchmal schon. Du verstehst mich gar nicht! Natürlich möchte ich manchmal im Gras herumliegen, oder im Heu, oder über die Pfützen wegspringen oder auf einen Ast klettern. Das ist doch klar. Aber wenn ich einmal wild gewesen bin und ein bißchen getobt habe, dann möchte ich nicht gescholten werden. Ich möchte dann bloß ganz still in mein Zimmer gehen und reine, frische Kleider anlegen, und dann wäre es wieder gut. – Weißt du, Robert, ich glaube wirklich, das Schelten hat gar keinen Wert.“

„Das könnte dir passen, gelt? Warum denn?“

„Ja, sieh: wenn man etwas getan hat, was nicht recht ist, dann weiß man es gleich nachher doch selber und schämt sich. Wenn ich gescholten werde, schäme ich mich viel weniger. Und manchmal wird man doch auch gescholten, wenn man gar nichts Schlimmes getan hat, bloß weil man nicht gleich da war, wenn jemand rief, oder weil Mama gerade ärgerlich ist.“

„Du mußt es ineinander rechnen, mein Junge,“ lachte Robert, „dafür tust du gewiß nicht wenig Schlimmes, was niemand sieht und wofür niemand dich schilt.“

Pierre gab keine Antwort. Es war immer dasselbe. Wenn man sich einmal hinreißen ließ, mit einem Erwachsenen über etwas zu reden, was einem wirklich wichtig war, dann endete es immer mit einer Enttäuschung oder gar mit einer Demütigung.

„Ich möchte das Bild noch einmal sehen,“ sagte er in einem Ton, der ihn plötzlich von dem Diener weit entfernte und den Robert ebensowohl für herrisch wie für bittend halten konnte. „Gelt, laß mich noch einen Augenblick hinein.“

Robert gehorchte. Er schloß die Ateliertüre auf, ließ Pierre eintreten und kam selber mit, denn es war ihm streng verboten, irgend jemand allein hier drinnen zu lassen.

Auf der Staffelei in der Mitte des großen Raumes stand ins Licht gerückt und in einen provisorischen Goldrahmen gepaßt das neue Bild Veraguths. Pierre stellte sich davor auf. Robert blieb hinter ihm stehen.

„Gefällt es dir, Robert?“

„Natürlich gefällt’s mir. Da müßte ich ja ein Narr sein!“

Pierre blinzelte das Bild an.

„Ich glaube,“ sagte er nachdenklich, „man könnte mir viele Bilder zeigen und ich würde es gleich herauskennen, wenn eins vom Papa dabei wäre. Darum habe ich die Bilder gern, ich spüre, daß Papa sie gemacht hat. Aber eigentlich gefallen sie mir nur halb.“

„Red keine dummen Sachen!“ mahnte Robert ganz erschrocken und sah den Knaben vorwurfsvoll an, der jedoch unbewegt mit zwinkernden Augen vor dem Bilde stehen blieb.

„Schau,“ sagte er, „im Hause drüben sind ein paar alte Bilder, die gefallen mir viel besser. Solche Bilder will ich später einmal haben. Zum Beispiel Berge, wenn die Sonne untergeht, und alles ist ganz rot und goldig, und hübsche Kinder und Frauen und Blumen. Das ist doch eigentlich viel netter als so ein alter Fischer, der nicht einmal ein rechtes Gesicht hat, und so ein schwarzes, langweiliges Boot, nicht?“

Robert war in seinem Innern durchaus derselben Meinung und wunderte sich über den Freimut des Knaben, der ihn eigentlich freute. Er gab das aber nicht zu.

„Das verstehst du noch nicht recht,“ sagte er kurz. „Komm jetzt, ich muß wieder abschließen.“

In diesem Augenblick drang ein plötzliches pustendes und knirschendes Geräusch vom Hause herüber.

„O, ein Automobil!“ rief Pierre freudig und lief hinaus, unter den Kastanien durch in lauter verbotenen Abkürzungen quer über die Rasenplätze und mit Sprüngen über die Blumenrabatten hinweg. Atemlos kam er auf dem Kiesplatz vor dem Hause an und eben noch recht, um aus dem Wagen seinen Vater und einen fremden Herrn steigen zu sehen.

„Hallo, Pierre,“ rief Papa und fing ihn in den Armen auf. „Da ist ein Onkel angekommen, den du nimmer kennst. Gib ihm die Hand und frag ihn, wo er herkommt.“

Der Knabe faßte den Fremden fest ins Auge. Er gab dem Manne die Hand und sah in ein rotbraunes Gesicht und in helle, vergnügte, graue Augen.

„Wo kommst du her, Onkel?“ fragte er gehorsam.

Der Fremde nahm ihn auf die Arme.

„Junge, du bist mir zu schwer geworden,“ rief er munter seufzend und ließ ihn wieder los. „Wo ich herkomme? Von Genua, und vorher von Suez, und vorher von Aden, und vorher von – – –“

„O, von Indien, ich weiß, ich weiß! Und du bist der Onkel Otto Burkhardt. Hast du mir einen Tiger mitgebracht, oder Kokosnüsse?“

„Der Tiger ist mir wieder davongelaufen, aber Kokosnüsse kannst du haben, und auch Muscheln und chinesische Bilderbogen.“

Sie gingen durch die Haustüre und Veraguth führte seinen Freund die Treppe hinauf. Er legte ihm, der ein gutes Stück größer war als er, zärtlich eine Hand auf die Schulter. Oben im Korridor kam ihnen die Hausfrau entgegen. Auch sie begrüßte den Gast, dessen frohes, gesundes Gesicht sie an unwiederbringliche freudige Zeiten in vergangenen Jahren erinnerte, mit einer gemessenen, doch aufrichtigen Herzlichkeit. Er behielt ihre Hand einen Augenblick in der seinen und sah ihr ins Gesicht.

„Sie sind nicht älter geworden, Frau Veraguth,“ rief er lobend, „Sie haben sich besser gehalten als Johann.“

„Und Sie sind ganz unverändert,“ sagte sie freundlich.

Er lachte.

„O ja, die Fassade ist immer noch blühend, aber das Tanzen habe ich so allmählich doch aufgegeben. Es hat ohnehin zu nichts geführt, ich bin immer noch Junggeselle.“

„Ich hoffe, Sie sind diesmal zur Brautschau herübergekommen.“

„Nein, gnädige Frau, das ist nun einmal verpaßt. Ich mag mir das hübsche Europa auch nicht verderben. Sie wissen, ich habe Verwandte und entwickle mich allmählich zum Erbonkel. Mit einer Frau dürfte ich mich in der Heimat gar nimmer sehen lassen.“

In Frau Veraguths Zimmer war der Kaffee serviert. Man trank Kaffee und Likör und plauderte eine Stunde, von der Seereise, von Gummipflanzungen, über chinesisches Porzellan. Der Maler war anfangs still und etwas bedrückt, er hatte dies Zimmer seit Monaten nicht mehr betreten. Aber es ging alles gut und mit Ottos Gegenwart schien eine leichte, frohere, kindlichere Atmosphäre in das Haus gekommen zu sein.

„Ich glaube, jetzt möchte meine Frau gerne ein bißchen ruhen,“ sagte der Maler schließlich. „Ich will dir deine Zimmer zeigen, Otto.“

Sie verabschiedeten sich und gingen nach den Gastzimmern. Veraguth hatte zwei Stuben für seinen Freund hergerichtet und ihre ganze Einrichtung selber besorgt, die Möbel gestellt und an alles gedacht, von den Bildern an der Wand bis zur Auswahl der Bücher im Schaft. Überm Bett hing eine alte, bleichgewordene Photographie, ein drollig rührendes Institutsbild aus den siebziger Jahren. Das fiel dem Gast ins Auge und er trat näher, um es zu betrachten.

„Herrgott,“ rief er überrascht, „das sind ja wir, alle sechzehn von damals! Junge, du bist rührend. Ich habe das Ding seit zwanzig Jahren nimmer gesehen.“

Veraguth lächelte.

„Ja, ich dachte, es würde dir Spaß machen. Hoffentlich findest du alles, was du brauchst. Willst du gleich auspacken?“

Burkhardt setzte sich breit auf einen mächtigen, mit Kupferecken beschlagenen Schiffskoffer und blickte zufrieden um sich.

„Fein ist’s hier. Und wo bist du zu Haus? Nebenan? Oder oben?“

Der Maler spielte mit dem Griff einer Ledertasche.

„Nein,“ sagte er leichthin. „Ich wohne jetzt drüben, beim Atelier. Ich habe angebaut.“

„Das mußt du mir nachher zeigen. Aber – – schläfst du auch drüben?“

Veraguth ließ die Tasche stehen und drehte sich um.

„Ja, ich schlafe auch drüben.“

Sein Freund schwieg und besann sich. Dann griff er in die Tasche und zog einen dicken Schlüsselbund hervor, mit dem er zu rasseln anfing.

„Du, wir wollen mal ein bißchen auspacken, nicht? Du könntest gehen und den Jungen holen, es wird ihm Spaß machen.“

Veraguth lief alsbald hinaus und kam bald mit Pierre wieder.

„Du hast schöne Koffer, Onkel Otto, ich habe sie schon angesehen. Und soviel Zettel drauf. Ich habe ein paar davon gelesen. Auf einem steht Penang. Was heißt das: Penang?“

„Das ist eine Stadt in Hinterindien, wo ich manchmal hinkomme. Paß mal auf, jetzt darfst du hier aufmachen.“

Er gab dem Kinde einen flachen, vielzackigen Schlüssel und ließ ihn die Schlösser eines Koffers öffnen. Dann ward der Deckel aufgeklappt, und gleich das erste, was obenauf lag und in die Augen stach, war ein umgekehrter, flacher Korb von bunter, malaiischer Flechtarbeit, der wurde umgedreht und von Papieren befreit, und innen lagen zwischen Papieren und Lappen die schönsten phantastischen Muscheln, wie man sie in exotischen Hafenstädten zu kaufen bekommt.

Pierre bekam die Muscheln geschenkt und wurde ganz still vor Glück, und den Muscheln folgte ein großer ebenhölzerner Elefant und ein chinesisches Spielzeug mit beweglichen grotesken Holzfiguren, und schließlich eine Rolle greller, leuchtender chinesischer Bilderbogen, voll von Göttern, Teufeln, Königen, Kriegern und Drachen.

Während der Maler dem Knaben diese Dinge bestaunen half, packte Burkhardt die Ledertasche aus und verteilte Nachtschuhe, Wäsche, Bürsten und dergleichen Dinge im Schlafzimmer. Dann kehrte er zu den beiden zurück.

„So,“ sagte er ermunternd, „genug gearbeitet für heute. Nun das Vergnügen. Können wir jetzt einmal ins Atelier gehen?“

Pierre blickte empor und wieder, wie bei der Ankunft des Wagens, betrachtete er mit Verwunderung das bewegte und freudig verjüngte Gesicht seines Vaters.

„Du bist so lustig, Papa,“ sagte er anerkennend.

„Jawohl,“ nickte Veraguth.

Aber sein Freund fragte: „Ist er denn sonst nicht so lustig?“

Pierre blickte verlegen von einem zum anderen.

„Ich weiß nicht,“ meinte er zögernd. Dann aber lachte er wieder und sagte bestimmt: „Nein, so vergnügt bist du noch gar nie gewesen.“

Er lief mit dem Muschelkorb davon. Otto Burkhardt nahm seines Freundes Arm und ging mit ihm ins Freie. Er ließ sich durch den Park und schließlich zum Atelierhaus führen.

„Ja, da ist angebaut worden,“ stellte er alsbald fest, „sieht übrigens recht hübsch aus. Wann hast du das machen lassen?“

„Vor drei Jahren etwa, glaube ich. Das Atelier selbst ist auch größer geworden.“

Burkhardt sah sich um.

„Der See ist unbezahlbar! Da wollen wir am Abend ein wenig schwimmen. Du hast es schön hier, Johann. Aber jetzt muß ich das Atelier sehen. Hast du neue Bilder da?“

„Nicht viele. Aber eines, ich bin vorgestern erst damit fertig geworden, das mußt du ansehen. Ich glaube, das ist gut.“

Veraguth schloß die Türen auf. Der hohe Arbeitsraum war festlich sauber, der Boden frisch gescheuert und alles aufgeräumt. In der Mitte stand einsam das neue Bild. Sie blieben schweigend davor stehen. Die feuchtkalte, zähe Atmosphäre der trüben, regnerischen Morgenfrühe stand im Widerspruch mit dem klaren Licht und der heißen durchsonnten Luft, die durch die Türen hereinfloß.

Lange betrachteten sie das Werk.

„Das ist das letzte, was du gemacht hast?“

„Ja. Es muß ein anderer Rahmen darum, sonst ist nichts mehr dran zu tun. Gefällt es dir?“

Die Freunde sahen einander prüfend in die Augen. Der größere und stärkere Burkhardt mit dem gesunden Gesicht und den warmen, lebensfrohen Augen stand wie ein großes Kind vor dem Maler, dessen Blick und Gesicht scharf und streng aus den vorzeitig ergrauenden Haaren sah.

„Das ist vielleicht dein bestes Bild,“ sagte der Gast langsam. „Ich habe auch die in Brüssel gesehen und die zwei in Paris. Ich hätte es nicht gedacht, aber du bist in den paar Jahren noch vorwärts gekommen.“

„Das freut mich. Ich glaube es auch. Ich bin ziemlich fleißig gewesen, und manchmal meine ich, ich sei früher eigentlich nur ein Dilettant gewesen. Ich habe erst spät richtig arbeiten gelernt, aber jetzt bin ich drüber Herr geworden. Weiter geht es nun wohl auch nicht, Besseres als das hier kann ich nicht machen.“

„Ich verstehe. Na, du bist ja auch reichlich berühmt geworden, sogar auf unseren alten Ostasiendampfern habe ich gelegentlich von dir sprechen hören und bin ganz stolz geworden. Wie schmeckt es denn nun, das Berühmtsein? Freut es dich?“

„Freuen, das will ich nicht sagen. Ich finde es in Ordnung. Es leben zwei, drei, vier Maler, die vielleicht mehr sind und mehr geben können als ich. Zu den ganz Großen habe ich mich nie gerechnet, und was die Literaten darüber sagen, ist natürlich Blech. Ich kann verlangen, daß man mich ernst nimmt, und da man das tut, bin ich zufrieden. Alles andere ist Zeitungsruhm oder Geldfrage.“

„Na ja. Aber wie meinst du das mit den ganz Großen?“

„Ja, damit meine ich die Könige und Fürsten. Unsereiner bringt es zum General oder Minister, dann ist er an der Grenze. Siehst du, wir können nichts tun als fleißig sein und die Natur so ernst nehmen, als irgend möglich ist. Die Könige aber, die sind Brüder und Kameraden der Natur, sie spielen mit ihr und können selber erschaffen, wo wir nur nachbilden. Aber freilich, die Könige sind rar, es kommt nicht alle hundert Jahre einer.“

Sie gingen im Atelier auf und ab. Der Maler, nach den Worten suchend, blickte angestrengt zu Boden, der Freund ging nebenher und suchte in dem bräunlich mageren, starkknochigen Gesicht Johanns zu lesen.

Bei der Tür zum Nebenraum blieb Otto stehen.

„Mach doch hier einmal auf,“ bat er, „und laß mich die Zimmer sehen. Und gib mir eine Zigarre, gelt?“

Veraguth öffnete die Tür. Sie gingen durch das Zimmer und blickten in die Nebenräume. Burkhardt zündete sich eine Zigarre an. Er trat in das kleine Schlafzimmer des Freundes, er sah sein Bett und betrachtete aufmerksam die paar bescheidenen Räume, in welchen überall Malergeräte und Rauchzeug umherlag. Das Ganze war fast dürftig anzusehen und sprach von Arbeit und Askese wie etwa die kleine Wohnung eines armen, fleißigen Junggesellen.

„Also da hast du dich eingerichtet!“ sagte er trocken. Aber er sah und fühlte alles, was hier in Jahren vor sich gegangen war. Er bemerkte mit Genugtuung die Gegenstände, die auf Sport, Turnen, Reiten hinwiesen, und er vermißte bekümmert alle Zeichen von Behagen, kleinem Komfort und genießerischer Mußezeit.

Dann kehrten sie zu dem Bilde zurück. Also so entstanden diese Bilder, die überall an den Ehrenplätzen der Ausstellungen und Galerien hingen und die man mit schwerem Gold bezahlte; hier entstanden sie in Räumen, die nur Arbeit und Entsagung kannten, wo nichts Festliches, nichts Unnützes, kein lieber Tand und Kleinkram, kein Duft von Wein und Blumen, keine Erinnerung an Frauen zu finden war.

Über dem schmalen Bett hingen ungerahmt zwei Photographien angenagelt, ein Bild des kleinen Pierre und eines von Otto Burkhardt. Er hatte es wohl bemerkt, es war eine schlechte Liebhaberaufnahme, sie zeigte ihn im Tropenhelm mit der Veranda seines indischen Hauses hinter sich, und unterhalb der Brust floß das Bild ganz in mystische weiße Streifen auseinander, weil Licht auf die Platte gekommen war.

„Das Atelier ist schön geworden. Überhaupt, wie du fleißig geworden bist! Gib deine Hand her, Junge, es ist fein, dich wiederzusehen! Aber jetzt bin ich müd und verschwinde für eine Stunde. Willst du mich später abholen, zum Baden oder Spazierengehen? Gut, danke. Nein, ich brauche gar nichts, in einer Stunde bin ich wieder _all right_. Auf Wiedersehen!“

Er schlenderte bequem unter den Bäumen hinweg und Veraguth sah ihm nach, wie seine Gestalt und sein Gang und jede Falte seiner Kleidung Sicherheit und ruhige Lebensfreude verkündete.

Indessen ging Burkhardt zwar ins Haus hinüber, schritt aber an seinen Zimmern vorbei zur Treppe, stieg hinauf und klopfte bei Frau Veraguth an.

„Störe ich, oder darf ich ein bißchen Gesellschaft leisten?“

Sie ließ ihn ein und lächelte, und er fand das kurze, ungeübte Lächeln auf dem kräftigen, schweren Gesicht sonderbar hilflos.

„Es ist herrlich hier auf Roßhalde. Ich war schon im Park und am See drüben. Und wie Pierre gediehen ist! Der hübsche Kerl könnte mir beinah mein Junggesellentum verleiden.“

„Nicht wahr, er sieht gut aus? Finden Sie, er gleiche meinem Mann?“

„Ein wenig, ja. Oder eigentlich mehr als nur ein wenig. Ich habe Johann in diesem Alter noch nicht gekannt, aber ich weiß noch ziemlich gut, wie er mit elf, zwölf Jahren ausgesehen hat. – Er scheint übrigens ein wenig überanstrengt. Wie? Nein, ich spreche von Johann. Hat er in der letzten Zeit sehr viel gearbeitet?“

Frau Adele sah ihm ins Gesicht; sie fühlte, daß er sie ausforschen wolle.

„Ich glaube wohl,“ sagte sie ruhig. „Er spricht sehr selten von seiner Arbeit.“

„Was malt er denn jetzt? Landschaften?“

„Er arbeitet oft im Park, meistens mit Modellen. Haben Sie Bilder von ihm gesehen?“

„Ja, die in Brüssel.“

„Hat er in Brüssel ausgestellt?“

„Gewiß, eine ganze Menge Bilder. Ich habe den Katalog mitgebracht. Ich möchte nämlich eines davon kaufen und hätte gerne von Ihnen gehört, was Sie davon halten.“

Er bot ihr ein Heft hin und deutete auf die kleine Reproduktion eines Bildes. Sie betrachtete das Bildchen, blätterte in dem Büchlein und gab es ihm zurück.

„Sie müssen sich selber helfen, Herr Burkhardt, ich kenne das Bild nicht. Ich glaube, er hat es im vergangenen Herbst in den Pyrenäen gemalt und gar nie hier gehabt.“

Sie machte eine Pause und fuhr ablenkend fort: „Sie haben Pierre beschenkt, das war lieb. Ich danke Ihnen.“

„O, es sind Kleinigkeiten. Aber Sie müssen mir erlauben, auch Ihnen etwas Asiatisches als Andenken zu geben. Wollen Sie das? Ich habe ein paar Stoffe mitgebracht, die ich Ihnen zeigen möchte, und Sie müssen sich davon aussuchen, was Ihnen gefällt.“

Es gelang ihm, aus ihrem höflichen Sperren einen kleinen scherzhaft galanten Wortkrieg zu entfachen und die verschlossene Frau in gute Stimmung zu bringen. Er brachte einen Arm voll indischer Gewebe aus seiner Schatzkammer herauf, er breitete malaiische Battickstoffe und handgewobene Stücke aus, legte Spitzen und Seide über die Stuhllehnen, plauderte und erzählte, wo er dies und jenes gesehen und erfeilscht habe, fast für nichts, und entfaltete einen lustigen, bunten kleinen Basar. Er bat um ihr Urteil, hing ihr Spitzen über die Hände, erklärte ihre Machart und nötigte sie, die schönsten Stücke auszubreiten, zu betrachten, zu betasten, zu loben und schließlich zu behalten.