Rosshalde

Part 13

Chapter 131,129 wordsPublic domain

Veraguth ging mit langsamen Schritten durch seine Werkstatt, durch den Wohn- und Schlafraum, dann ins Freie, um den Weiher und durch den Park. So war er hundertmal hier umhergegangen, aber heute schien ihm alles, Haus und Garten, See und Park vor Einsamkeit widerzuhallen. Der Wind blies kalt im schon vergilbenden Laube und führte in niedrig hängenden Zügen neue wollige Regenwolken heran. Der Maler schauerte fröstelnd zusammen. Nun war niemand mehr da, für den er zu sorgen, auf den er Rücksicht zu nehmen, vor dem er Haltung zu bewahren hatte, und nun erst fühlte er in frierender Einsamkeit die Sorgen und Nachtwachen, das zitternde Fieber und die ganze zerrüttende Ermüdung dieser letzten Zeit. Er fühlte sie nicht nur in Kopf und Gliedern, er empfand sie noch tiefer im Gemüt. Da waren die letzten spielenden Lichter von Jugend und Erwartung ausgelöscht; aber er fühlte die kühle Isoliertheit und grausame Nüchternheit nicht wie ein Schrecknis.

Unbeirrt suchte er, durch die nassen Wege weiterschlendernd, die Fäden seines Lebens zurückzuverfolgen, deren einfaches Gewebe er nie so klar und befriedigt überschaut hatte. Und er stellte ohne Erbitterung fest, daß er alle diese Wege in Blindheit gegangen sei. Er war, das sah er genau, trotz allen Versuchen und trotz aller nie ganz erloschenen Sehnsucht am Garten des Lebens vorübergegangen. Er hatte niemals in seinem Leben eine Liebe bis zum letzten Grunde erlebt und gekostet, nie bis in diese letzten Tage. Da hatte er am Bett seines sterbenden Knaben, allzu spät, seine einzige wahre Liebe erlebt, da hatte er zum erstenmal sich selbst vergessen, sich selbst überwunden. Das würde nun für immer sein Erlebnis und sein armer kleiner Schatz bleiben.

Was ihm blieb, das war seine Kunst, der er sich nie so sicher gefühlt hatte wie eben jetzt. Ihm blieb der Trost der Draußenstehenden, denen es nicht gegeben ist, das Leben selber an sich zu reißen und auszutrinken; ihm blieb die seltsame, kühle, dennoch unbändige Leidenschaft des Sehens, des Beobachtens und heimlich-stolzen Mitschaffens. Das war der Rest und der Wert seines mißglückten Lebens, diese unbeirrbare Einsamkeit und kalte Lust des Darstellens, und diesem Stern ohne Abwege zu folgen, war nun sein Schicksal.

Er atmete tief die feuchte, bitter duftende Parkluft, und bei jedem Schritt meinte er die Vergangenheit von sich zu stoßen wie einen unnütz gewordenen Kahn vom erreichten Ufer. In seiner Prüfung und Erkenntnis war nichts von Resignation; voll Trotz und unternehmender Leidenschaft sah er dem neuen Leben entgegen, das kein Tasten und dämmerndes Irren mehr sein durfte, sondern ein steiler, kühner Weg bergan. Später und bitterer vielleicht, als Männer sonst es tun, hatte er von der süßen Dämmerung der Jugend Abschied genommen. Jetzt stand er arm und verspätet im hellen Tag, und von dem gedachte er keine köstliche Stunde mehr zu verlieren.

Ende

Werke von Hermann Hesse

Peter Camenzind

Roman. Fünfundsechzigste Auflage. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4 Mark.

Unterm Rad

Roman. Neunzehnte Auflage. Geheftet 3.50 Mark, in Leinen 4.50 Mark.

Diesseits

Erzählungen. Achtzehnte Auflage. Geheftet 3.50 Mark, in Leinen 4.50 Mark.

Nachbarn

Erzählungen. Zwölfte Auflage. Geheftet 3.50 Mark, in Leinen 4.50 Mark.

Umwege

Erzählungen. Zehnte Auflage. Geheftet 3.50 Mark, in Leinen 4.50 Mark.

Aus Indien

Aufzeichnungen von einer indischen Reise. Sechste Auflage. Geheftet 3 Mark, in Leinen 4 Mark.

Peter Camenzind

Wenn du aber zu den Menschen gehörst, die weinen können, weil der Himmel kornblumenblau über einem goldenen Weizenfeld steht, wenn du einer von denen bist, die jauchzen können, wenn der Wind durch blühende Lindenbäume rauscht, dann schnür dein Bündel und pack die Geschichte des Peter Camenzind obenauf. Und dann wandre und wandre, bis du zu einem dunklen See kommst, der zu Füßen einiger hoher Bergschroffen liegt. Dort sitz nieder und lies, was dir Peter Camenzind von den Bergen und vom Walde, von den Strömen und von der Liebe zu erzählen hat. Und glaub mir: Du wirst größer, reiner, freier wieder heimkehren in die Stadtwirrnis.

(Die Woche)

Unterm Rad

Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und mit der Anwartschaft auf Ruhm und Glück ins Leben eintritt und unters Rad kommt und überfahren wird; ein Buch voll Schwermut und heimlicher leiser Klage und ein Buch voll Anklage. Schwer und gewichtig in seiner Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft und stilistischen Adels ist.

(Münchener Zeitung)

Diesseits

Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen, schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband „Diesseits“ lesen. Denn duftig und zart wie Gedichte sind diese Erzählungen ... Diese Wechselwirkung zwischen dem psychischen Erlebnis und der von einem echten Poetenauge in einer erstaunlichen Fülle feiner Züge beobachteten Natur könnte kaum inniger und vollkommener sein.

(Neue Zürcher Zeitung)

Nachbarn

Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.

(Württembergische Zeitung, Stuttgart)

Umwege

Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen „Seldwylern“, so hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht, seine ganz persönliche Domäne gefunden. Nur ungern verläßt man den Kreis derer, die sein Blick aus dem Alltage gehoben, gewählt hat zu Kunstwerklein, deren filigranfein gestichelte Prägung dem Kenner und beschaulichen Genießer nachhaltige Freuden gewährt.

(Berliner Tageblatt)

Aus Indien

Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen, verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück. So wirkt es denn ganz selbstverständlich, daß seine Aufzeichnungen sich in einer Reihe schön-schlichter Gedichte fortsetzen, in denen eine durch alle östlichen Wunder nicht gestillte Wandersehnsucht Ausdruck findet, und dann in einer Erzählung endigen, in der der Dichter die neu eroberte Umwelt als Hintergrund für ein mit Meisterschaft erzähltes Menschenschicksal benutzt. Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte, und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.

(Königsberger Allgemeine Zeitung)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.