Rosshalde

Part 12

Chapter 123,774 wordsPublic domain

Albert hatte indessen, von der stillen Unruhe und schleichenden Sorge im Hause bedrückt, nicht einschlafen können. Mitten in der Nacht erschien er auf Zehenspitzen halbangekleidet in der Türe, kam mit erregtem Flüstern herein und fragte, ob er nichts tun, nicht etwas helfen könne.

„Danke,“ sagte Veraguth, „aber es ist nichts zu tun. Geh du schlafen und bleibe gesund!“

Aber als jener gegangen war, bat er seine Frau: „Geh du ein wenig zu ihm hinüber und tröste ihn.“

Das tat sie gerne, und sie empfand es als eine Freundlichkeit von ihm, daß er daran gedacht hatte.

Erst gegen Morgen folgte sie dem Zureden ihres Mannes und ging zu Bett. Bei Tagesanbruch erschien die Pflegerin und löste ihn ab. Bei Pierre hatte sich nichts verändert.

Unschlüssig ging Veraguth durch den Park, er hatte keine Lust, noch zu schlafen. Doch mahnten ihn die brennenden Augen und ein ersticktes, schlaffes Gefühl der Haut. Er badete im See und hieß Robert Kaffee bringen. Dann betrachtete er im Atelier seine Waldstudie. Sie war frisch und flott gemalt, aber es war doch nicht eigentlich das, was er gesucht hatte, und nun war es mit dem geplanten Bilde und mit dem Malen auf Roßhalde vorbei.

Siebzehntes Kapitel

Seit einigen Tagen war es Pierre immer gleich gegangen. Ein- oder zweimal am Tage bekam er Krämpfe und Schmerzanfälle, sonst lag er mit dämmernden Sinnen halbschlummernd. Das warme Wetter hatte sich inzwischen in einer ganzen Reihe von Gewittern erschöpft, es war kühl geworden, und im schwach strömenden Regen verlor der Garten und die Welt den satten Sommerglanz.

Veraguth hatte die Nacht endlich einmal wieder im eigenen Bett zugebracht und viele Stunden tief geschlafen. Jetzt, da er sich bei offenen Fenstern entkleidete, nahm er erst die trübe Kühle wahr; in den letzten Tagen war er wie in Fiebermüdigkeit einhergegangen. Er beugte sich aus dem Fenster und atmete, vor Kühle leise schauernd, die Regenluft des lichtlosen Morgens ein. Es roch nach nasser Erde und nach Herbstnähe, und er, der die Merkmale der Jahreszeiten mit überfeinen Sinnen zu erfühlen gewohnt war, bemerkte mit Verwunderung, wie ihm dieser Sommer fast ohne Spur wie ungefühlt entschwunden war. Ihm schien es, als habe er in Pierres Krankenzimmer nicht Tage und Nächte, sondern Monate hingebracht.

Er warf den Gummimantel über und ging ins Haus. Er erfuhr, der Kleine sei früh erwacht, schlafe aber seit einer Stunde wieder, und so leistete er Albert beim Frühstück Gesellschaft. Der große Junge nahm sich Pierres Krankheit sehr zu Herzen und litt, ohne es merken lassen zu wollen, unter der gedämpften Krankenatmosphäre und sorgenschweren Bedrücktheit des Hauses.

Als Albert weggegangen war, um sich in seinem Zimmer an die Schularbeiten zu machen, ging Veraguth zu Pierre, der noch schlief, und nahm seinen Platz am Bette ein. Er hatte in diesen Tagen manchmal gewünscht, es möge doch lieber rasch zu Ende gehen, schon um des Kindes willen, das längst kein Wort mehr sprach und so erschöpft und gealtert aussah, als wisse es selber, daß ihm nicht mehr zu helfen sei. Dennoch wollte er keine Stunde versäumen und hielt seinen Posten am Krankenbett mit einer eifersüchtigen Leidenschaft inne. Ach, wie oft war der kleine Pierre einst zu ihm gekommen und hatte ihn müde oder gleichgültig gefunden, in die Arbeit vertieft oder an Sorgen verloren, wie oft hatte er zerstreut und ohne Teilnahme diese kleine magere Hand in der seinen gehalten und kaum auf die Worte des Kindes gehört, deren jedes nun eine unschätzbare Kostbarkeit geworden war! Davon war nichts gutzumachen. Aber jetzt, da der arme Kerl in Qualen lag und allein mit seinem unbewehrten, verwöhnten Kinderherzen dem Tod gegenüberstand, jetzt, da er in wenigen Tagen alle Lähmung, allen Schmerz und alle angstvolle Verzweiflung durchkosten mußte, mit denen Krankheit, Schwäche, Altern und Todesnähe ein Menschenherz schrecken und erdrücken, jetzt wollte er immer und immer bei ihm sein. Er wollte es, um sich selbst zu strafen und weh zu tun, und er wollte es, um ja nicht zu fehlen und vermißt zu werden, wenn je ein Augenblick käme, wo der Kleine nach ihm begehren würde und wo er ihm einen kleinen Dienst, ein wenig Liebe erweisen könnte.

Und siehe, an diesem Morgen wurde er belohnt. An diesem Morgen schlug Pierre die Augen auf, lächelte ihn an und sagte mit einer schwachen, zärtlichen Stimme: „Papa!“

Dem Maler schlug das Herz stürmisch, als er endlich die lang vermißte Stimme wieder hörte, die ihn rief und sich zu ihm bekannte und die so dünn und schwach geworden war. So lange hatte er diese Stimme nur noch stöhnen und in dumpfen Leiden elend lallen hören, daß er vor Freude tief erschrak.

„Pierre, mein Lieber!“

Er bückte sich zärtlich herab und küßte den lächelnden Mund. Pierre sah frischer und glücklicher aus, als er ihn je wieder zu sehen gehofft hatte, die Augen waren klar und bewußt, die tiefe Falte zwischen den Brauen war beinahe verschwunden.

„Mein Herz, geht dir’s besser?“

Der Knabe lächelte und sah ihn wie verwundert an. Der Vater bot ihm die Hand und er legte sein Händchen hinein, das niemals sehr stark gewesen und nun so klein und weiß und müde war.

„Nun sollst du gleich Frühstück bekommen, und nachher erzähle ich dir Geschichten.“

„O ja, vom Herrn Rittersporn und von den Sommervögeln,“ sagte Pierre, und wieder war es seinem Vater wie ein Wunder, daß er sprach und lächelte und wieder ihm gehörte.

Er brachte ihm sein Frühstück, Pierre aß willig und ließ sich noch zu einem zweiten Ei überreden. Dann verlangte er nach seinem Lieblingsbilderbuch. Der Vater schob vorsichtig einen der Vorhänge beiseite, das bleiche Licht des Regentages kam herein und Pierre versuchte aufzusitzen und Bilder anzusehen. Es schien ihm keine Schmerzen zu machen, aufmerksam betrachtete er mehrere Blätter und begrüßte die lieben Bilder mit kleinen Ausrufen der Freude. Dann ermüdete ihn das Sitzen und die Augen begannen wieder ein wenig zu schmerzen. Er ließ sich zurücklegen und bat den Papa, ihm ein paar von den Versen vorzulesen, vor allem von dem kriechenden Günsel, der zum Apotheker Gundermann kommt:

O Apotheker Gundermann, O helft mir doch mit Salben! Ihr seht, wie schlecht ich gehen kann, Es reißt mich allenthalben!

Veraguth gab sich Mühe, er las so frisch und schelmisch, als er irgend konnte, und Pierre lächelte dankbar. Doch schienen die Verse nicht mehr ihre alte Kraft zu haben, als sei Pierre, seit er sie nimmer gehört, um Jahre älter geworden. Mit den Bildern und Versen kam wohl die Erinnerung an viele helle, lachend frohe Tage wieder, die alte Freude und übermütige Lust aber konnte nicht wiederkommen, und ohne es zu begreifen, blickte der Kleine in die eigene Kindheit, die vor Tagen, vor Wochen noch Wirklichkeit gewesen war, schon mit der Sehnsucht und Trauer eines Erwachsenen hinüber. Er war kein Kind mehr. Er war ein Kranker, dem die Welt der Wirklichkeit schon entglitten war und dessen hellsichtig gewordene Seele schon überall und ringsum mit ängstlicher Witterung den wartenden Tod erfühlte.

Dennoch war dieser Morgen voll Licht und Glück, nach all den furchtbaren Tagen. Pierre war still und dankbar und Veraguth fand sich wider seinen Willen immer wieder von ahnender Hoffnung berührt. Es war am Ende doch möglich, daß der Knabe ihm erhalten blieb! Und dann gehörte er ihm; ihm allein!

Der Sanitätsrat kam und blieb lange an Pierres Bett, ohne ihn mit Fragen und Untersuchungen zu quälen. Erst jetzt kam auch Frau Adele dazu, die sich mit der Pflegerin in die letzte Nachtwache geteilt hatte. Sie war von der merkwürdigen Besserung wie benommen, sie hielt Pierres Hände so fest, daß es ihm weh tat, und gab sich keine Mühe, die erlösenden Tränen zu verbergen, die ihr aus den Augen liefen. Auch Albert durfte eine kleine Weile hereinkommen.

„Es ist wie ein Wunder,“ sagte Veraguth zum Doktor. „Sind Sie nicht auch überrascht?“

Der Sanitätsrat nickte und lächelte freundlich. Er widersprach nicht, aber er zeigte offenbar keine übermäßige Freude. Sogleich wurde der Maler wieder von Mißtrauen überfallen. Er beobachtete jede Gebärde des Arztes und er sah in dessen Augen, während sein Gesicht lächelte, die kalte Aufmerksamkeit und beherrschte Sorge ungelöst. Nachher belauschte er lauernd durch den Türspalt das Gespräch des Doktors mit der Pflegerin, und obwohl er kaum ein Wort davon verstehen konnte, meinte er doch aus dem strengen, gemessen ernsten Flüsterton nichts als Gefahr herauszuhören.

Schließlich begleitete er ihn zum Wagen und fragte in der letzten Minute: „Sie halten nicht viel von dieser Besserung?“

Das häßliche, beherrschte Gesicht wandte sich zu ihm zurück. „Seien Sie froh, daß er ein paar gute Stunden hat, der arme Bursche! Wir wollen hoffen, daß es recht lange anhält.“

Es stand nichts von Hoffnung in seinen klugen Augen zu lesen.

Eilig, um keinen Augenblick zu verlieren, kehrte er ins Krankenzimmer zurück. Die Mutter erzählte gerade die Geschichte vom Dornröschen, er setzte sich daneben und sah zu, wie Pierres Züge dem Märchen folgten.

„Soll ich noch etwas erzählen?“ fragte Frau Adele.

Der Knabe blickte aus großen, ruhigen Augen auf.

„Nein,“ sagte er etwas müde. „Später.“

Sie ging, nach der Küche zu sehen, und der Vater nahm Pierres Hand. Sie schwiegen beide, aber von Zeit zu Zeit sah Pierre mit einem schwachen Lächeln auf, als freue er sich, daß Papa bei ihm sei.

„Nun geht es dir viel besser,“ sagte Veraguth schmeichelnd.

Pierre errötete leicht, seine Finger bewegten sich spielend in des Vaters Hand.

„Nicht wahr, du hast mich lieb, Papa?“

„Gewiß, Schatz. Du bist mein lieber Junge, und wenn du wieder gesund bist, wollen wir immer beieinander bleiben.“

„Ja, Papa ... Ich bin einmal im Garten gewesen, und da war ich ganz allein und ihr habt mich alle nimmer liebgehabt. Ihr müßt mich aber liebhaben, und ihr müßt mir helfen, wenn es wieder weh tut. O, es hat mir so weh getan!“

Er hatte die Augen halb geschlossen und sprach so leise, daß Veraguth sich dicht zu seinem Munde hinabbeugen mußte, um ihn zu verstehen.

„Ihr müßt mir helfen. Ich will artig sein, immer, ihr dürft mich nicht schelten! Nicht wahr, ihr scheltet mich nie? Du mußt es auch Albert sagen.“

Seine Lider zitterten und öffneten sich wieder, aber der Blick war dunkel und die Pupillen übergroß.

„Schlafe, Kind, schlaf nur! Du bist müde. Schlafe, schlafe, schlafe.“

Veraguth schloß ihm vorsichtig die Lider und summte ihn ein, wie er es früher in Pierres Babyzeiten manchmal getan hatte. Und der Kleine schien einzuschlafen.

Nach einer Stunde kam die Pflegerin, um Veraguth zu Tische zu bitten und inzwischen bei Pierre zu bleiben. Er ging ins Speisezimmer, nahm still und zerstreut einen Teller Suppe und hörte kaum, was neben ihm gesprochen wurde. Das angstvoll zärtliche Liebesgeflüster des Kindes klang süß und traurig in ihm fort. Ach wie viel hundertmal hätte er so mit Pierre reden und das naive Vertrauen seiner sorglosen Liebe spüren können, und hatte es nicht getan!

Mechanisch griff er nach der Flasche, um sich Wasser einzuschenken. Da klang von Pierres Zimmer schneidend ein lauter, gellender Schrei herüber, der riß Veraguths wehmütigen Traum mitten durch. Alle sprangen mit erbleichten Gesichtern empor, die Flasche fiel um, rollte über den Tisch und klirrte zu Boden.

Mit einem Sprung war Veraguth aus der Türe und drüben.

„Den Eisbeutel!“ rief die Pflegerin.

Er hörte nichts. Nichts als den furchtbaren, verzweifelnden Schrei, der ihm im Bewußtsein stak wie ein Messer in der Wunde. Er stürzte ans Bett.

Da lag Pierre schneeweiß mit gräßlich verzogenem Munde, seine abgemagerten Glieder krümmten sich in wütenden Krämpfen, die Augen stierten in vernunftlosem Entsetzen. Und plötzlich tat er nochmals einen Schrei, noch wilder und heulender, und bäumte sich hoch im Bogen auf, daß die Bettstatt zitterte, ließ sich fallen und bog sich wieder empor, vom Schmerz gespannt und zusammengebogen wie eine Gerte von zornigen Knabenhänden.

Alle standen entsetzt und hilflos, bis die Befehle der Pflegerin Ordnung schafften. Veraguth lag auf den Knien vor dem Bett und suchte zu verhindern, daß Pierre in seinen Zuckungen sich verletze. Trotzdem hieb sich der Kleine die rechte Hand an dem metallenen Bettrande blutig. Dann sank er zusammen, drehte sich um, daß er auf den Bauch zu liegen kam, verbiß sich schweigend ins Kissen und fing an, mit dem linken Bein taktmäßig auszuschlagen. Er hob das Bein, ließ es mit einer stampfenden Bewegung wieder fallen, ruhte einen Augenblick und begann dann dieselbe Bewegung von neuem, zehnmal, zwanzigmal, und immer weiter.

Die Frauen waren an der Arbeit, Umschläge vorzubereiten, Albert hatte man weggeschickt. Veraguth kniete noch immer und sah zu, wie mit unheimlicher Regelmäßigkeit unter der Decke das Bein sich hob, sich streckte und niederfiel. Da lag sein Kind, dessen Lächeln noch vor Stunden wie ein Sonnenschein gewesen war und dessen flehendes Liebesgestammel noch eben sein Herz bis in die letzte Tiefe gerührt und bezaubert hatte. Da lag es und war nichts als ein mechanisch zuckender Körper, ein armes hilfloses Bündel von Schmerz und Jammer.

„Wir sind bei dir,“ rief er verzweifelt. „Pierre, Kind, wir sind da und wollen dir helfen!“

Aber es gab keinen Weg mehr von seinen Lippen zur Seele des Knaben, und alles beschwörende Trösten und sinnlose Zärtlichkeitsgeflüster drang nicht mehr an die furchtbare Einsamkeit des Sterbenden. Der war weit weg in einer anderen Welt, er wanderte dürstend durch ein Höllental voll Pein und Todesnot, und vielleicht schrie er dort jetzt eben nach dem, der neben ihm auf seinen Knien lag und der gerne jede Qual gelitten hätte, um seinem Kinde zu helfen.

Jedermann wußte, daß dies das Ende war. Seit jenem ersten Schrei, der sie aufgeschreckt hatte und der so bitter voll von tiefem, tierischem Leid gewesen war, stand auf jeder Schwelle und in jedem Fenster des Hauses der Tod. Niemand sprach von ihm, aber alle hatten ihn erkannt, auch Albert und auch die Mägde unten, und selbst der Hund, der auf dem Kiesplatz unruhig im Regen hin und wider lief und zuweilen ängstlich winselte. Und ob man sich auch Mühe gab und Wasser kochte, Eis auflegte und emsig zu tun hatte, es war kein Kämpfen mehr, es war keine Hoffnung mehr dabei.

Pierre war nicht mehr bei Bewußtsein. Er zitterte am ganzen Leibe, als fröre er, zuweilen schrie er schwach und irr, und immer wieder, nach jeder erschöpften Pause, begann aufs neue das Bein zu schlagen und zu stampfen, taktmäßig wie von einem Uhrwerk getrieben.

So ging der Nachmittag hin, und der Abend, und schließlich die Nacht, und als in der ersten Frühe der kleine Kämpfer seine Kraft verbraucht hatte und sich dem Feind ergab, da blickten über sein Bett hinweg die Eltern sich aus übernächtigen Gesichtern wortlos an. Johann Veraguth legte seine Hand auf Pierres Herz und konnte keinen Schlag mehr fühlen, und er ließ die Hand auf der hageren Brust des Kindes liegen, bis sie kühl und bis sie kalt wurde.

Dann strich er sachte mit der Hand über Frau Adeles gefaltete Hände und sagte flüsternd: „Es ist zu Ende.“ Und während er seine Frau aus dem Zimmer führte und sie stützte und ihrem heiseren Schluchzen zuhörte, während er sie der Pflegerin überließ und an Alberts Tür horchte, ob er wach sei, während er zu Pierre zurückkehrte und den Toten besser bettete und zurechtlegte, fühlte er die Hälfte seines Lebens in sich abgestorben und zur Ruhe gekommen.

Gefaßt tat er das Notwendige, und schließlich überließ er den Toten der Pflegerin und legte sich zu einem kurzen, tiefen Schlafe nieder. Als das volle Tageslicht durch die Fenster seiner Kammer schien, wurde er wach, erhob sich sofort und ging an die letzte Arbeit, die er auf Roßhalde noch zu tun gesonnen war. Er ging in Pierres Schlafzimmer, zog alle Vorhänge weg und ließ den kühlen, herbstlichen Tag auf das kleine weiße Gesicht und die starren Händchen seines Lieblings scheinen. Dann setzte er sich zur Bettstatt, breitete einen Karton aus und zeichnete zum letztenmal die Züge, die er so oft studiert, die er seit ihrer zarten Werdezeit gekannt und geliebt hatte und die jetzt vom Tode gereift und vereinfacht, aber noch immer voll von unbegriffenem Leide waren.

Achtzehntes Kapitel

Die Sonne schien feurig durch die Ränder der schlaffen, müdgeregneten Wolken, als die kleine Familie von Pierres Begräbnis nach Hause fuhr. Frau Adele saß aufrecht im Wagen, ihr ausgeweintes Gesicht sah seltsam hell und starr aus dem schwarzen Hut und dem hochgeschlossenen schwarzen Trauerkleide. Albert hatte geschwollene Lidränder und hielt beständig seiner Mutter Hand in der seinen.

„Also ihr reiset beide morgen,“ sagte Veraguth ermunternd. „Macht euch keine Sorgen, ich werde alles tun, was hier noch notwendig ist. Mut, mein Junge, es kommen wieder bessere Zeiten!“

Sie stiegen vor Roßhalde aus. Die tropfenden Zweige der Kastanien funkelten brennend im Licht. Geblendet traten sie in das stille Haus, wo die Mädchen flüsternd in Trauerkleidern warteten. Pierres Zimmer hatte der Vater abgeschlossen.

Es war Kaffee bereit, und die drei setzten sich um den Tisch.

„Ich habe in Montreux Zimmer für euch bestellt,“ fing Veraguth wieder an. „Seht zu, daß ihr euch gut erholt! Auch ich will reisen, sobald ich hier fertig bin. Robert wird hierbleiben und das Haus in Ordnung halten. Er wird meine Adresse haben.“

Niemand hörte auf ihn, eine tiefe, beschämende Nüchternheit drückte wie ein Frost auf alle. Frau Adele sah starr vor sich nieder und las Brosamen vom Tischtuch. Sie schloß sich in ihre Trauer ein und wollte sich durch nichts daraus wecken lassen, und Albert ahmte ihr nach. Seit der kleine Pierre tot lag, war der Anschein von Zusammengehörigkeit in der Familie wieder dahingeschwunden, wie die Höflichkeit aus dem Gesicht eines mühsam Beherrschten, wenn ein gefürchteter mächtiger Gast wieder abgereist ist. Es war einzig Veraguth, der über alle Tatsachen hinweg bis zum letzten Augenblick seine Rolle weiterspielte und die Maske festhielt. Er fürchtete, irgendeine weibliche Szene möchte ihm den Abschied von Roßhalde noch verderben, und im Herzen wartete er sehnlichst auf die Stunde, wo die beiden abgereist sein würden.

So allein war er nie gewesen wie am Abend dieses Tages, als er in seinem Stübchen saß. Drüben packte seine Frau ihre Koffer. Er hatte Briefe geschrieben und Geschäfte besorgt, er hatte sich bei Burkhardt angemeldet, der noch nichts von Pierres Tod wußte, hatte dem Anwalt und der Bank die letzten Anweisungen und Vollmachten gegeben. Nun war der Schreibtisch abgeräumt und er hatte das Bild des toten Pierre vor sich aufgestellt. Der lag nun im Boden, und es war die Frage, ob Veraguth jemals wieder so sein Herz an einen Menschen weggeben, eines andern Leiden so würde mitleiden können. Er war jetzt allein.

Lange betrachtete er seine Zeichnung, die erschlafften Wangen, die über eingesunkenen Augen geschlossenen Lider, den schmalen gepreßten Mund, die grausam gemagerten Kinderhände. Dann verschloß er das Bild im Atelier, nahm den Mantel um und ging ins Freie. Der Park war schon nächtlich und alles still. Drüben im Hause leuchteten ein paar erhellte Fenster, die gingen ihn nichts an. Aber unter den schwarzen Kastanienbäumen, in der kleinen verregneten Laube, auf dem Kiesplatz und im Blumengarten wehte noch etwas wie Leben und Erinnerung. Hier hatte Pierre ihm einst – war es nicht Jahre her? – eine kleine gefangene Maus gezeigt, und dort beim Phlox hatte er mit den Schwärmen der blauen Falter gesprochen, und für die Blumen hatte er phantastisch-zärtliche Namen erfunden. Hier überall, im Hof beim Geflügel und Hundehaus, auf dem Rasenplatz und in der Lindenallee hatte er sein kleines Leben geführt, seine Spiele gespielt, hier war sein leichtes, freies Knabenlachen und der ganze Liebreiz seiner eigenwillig selbständigen Person heimisch gewesen. Hier hatte er hundertmal, von niemand beachtet, seine Kinderfreuden genossen und seine Märchen erlebt, hier hatte er vielleicht zuweilen gezürnt oder geweint, wenn er sich vernachlässigt oder unverstanden gefühlt hatte.

In der Dunkelheit irrte Veraguth umher und besuchte jeden Ort, der ihm eine Erinnerung an seinen Knaben bewahrte. Zuletzt kniete er bei Pierres Sandberg nieder und kühlte seine Hände im feuchten Sande, und als er dabei ein hölzernes Ding zu fassen bekam und aufhob und Pierres kleine Sandschaufel erkannte, sank er willenlos nieder und konnte endlich, zum erstenmal in diesen drei furchtbaren Tagen, frei und fessellos weinen.

Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit Frau Adele.

„Tröste dich,“ sagte er zu ihr, „und vergiß nicht, daß Pierre ja mir gehört hat. Du hattest ihn mir abgetreten – ich danke dir nochmals dafür. Ich wußte schon damals, daß er sterben müsse – aber es war lieb von dir. Und nun lebe ganz, wie es dir gefällt, und übereile nichts! Behalte Roßhalde einstweilen, es könnte dich reuen, wenn du es zu bald weggäbest. Darüber wird dich der Notar noch belehren, er meint, der Bodenwert müsse hier bald steigen. Viel Glück dazu! Mir gehört hier nichts mehr als die Sachen im Atelier, ich werde sie später abholen lassen.“

„Danke ... Und du? Du willst nie mehr hierher kommen?“

„Nie mehr. Es hätte keinen Zweck. Und ich wollte dir noch sagen: es ist bei mir gar keine Bitterkeit mehr vorhanden. Ich weiß, ich bin an allem selbst schuldig gewesen.“

„Sage das nicht! Du meinst es gut, aber es quält mich nur. Da bleibst du nun ganz allein zurück! Ja, wenn du Pierre hättest behalten können. Aber so – nein, so hätte es nicht kommen dürfen! Ich habe auch schuld gehabt, ich weiß ...“

„Das haben wir abgebüßt, Kind, in diesen Tagen. Du mußt ruhig sein, es ist alles gut, es ist wirklich nichts mehr zu klagen. Sieh, jetzt hast du Albert ganz für dich. Und ich, ich habe meine Arbeit. Damit läßt sich alles ertragen. Auch du wirst glücklicher sein, als du es seit Jahren warst.“

Er war so ruhig, daß auch sie sich überwand. Ach, es gab Vieles, unendlich Vieles, was sie noch gerne gesagt hätte, wofür sie ihm noch hätte danken, worum sie ihn hätte anklagen mögen. Aber sie sah, er hatte recht. Für ihn war dies alles offenbar schon wesenlose Vergangenheit geworden, was sie noch als Leben und bittere Gegenwart empfand. Es hieß nun stille sein und das Alte vergangen sein lassen. Und so hörte sie mit geduldiger Aufmerksamkeit an, was er anzuordnen hatte, und wunderte sich, wie wohl er alles überlegt und an alles gedacht hatte.

Über die Scheidung wurde kein Wort gesprochen. Das konnte irgendeinmal später geschehen, wenn er von Indien zurück war.

Nach Mittag fuhren sie zur Bahn. Da stand Robert mit den vielen Koffern, und im Lärm und Ruß der großen Glashalle brachte Veraguth die beiden in ihren Wagen, kaufte Zeitschriften für Albert und übergab ihm den Gepäckschein, wartete vor dem Fenster bis zur Abfahrt, zog grüßend den Hut und sah dem Zuge nach, bis Albert vom Fenster verschwand.

Auf dem Heimwege ließ er sich von Robert die Auflösung seines übereilten Verlöbnisses erzählen. Zu Hause fand er schon den Tischler warten, der die Kisten zu seinen letzten Bildern zimmern sollte. Wenn diese verpackt und weggeschickt waren, wollte auch er gehen. Ihn verlangte sehnlich nach der Abreise.

Und nun war auch der Tischler abgefertigt. Robert arbeitete im Herrschaftshause mit der einen Magd, die noch da war, sie deckten die Möbel zu und schlossen Fenster und Läden.