Rosshalde

Part 11

Chapter 113,921 wordsPublic domain

Der Diener lief mit Rucksack, Feldstuhl und Staffelei voraus, Veraguth blieb stehen und öffnete mit einer Ahnung unangenehmer Nachrichten das Briefchen. Es lag nur des Sanitätsrats Karte darin mit der flüchtig und undeutlich gekritzelten Bleistiftnotiz: „Bitte kommen Sie nachmittags zu mir, ich möchte wegen Pierre mit Ihnen sprechen. Sein Unwohlsein ist weniger unbedenklich, als ich Ihrer Frau sagen wollte. Schrecken Sie sie nicht mit unnützen Besorgnissen, ehe wir uns gesprochen haben.“

Er zwang gewaltsam den Schrecken nieder, der ihm den Atem nehmen wollte, er blieb in gezwungener Ruhe stehen und las den Zettel noch zweimal mit Aufmerksamkeit durch. „Weniger unbedenklich, als ich Ihrer Frau sagen wollte!“ Da saß der Feind. Seine Frau war keineswegs so gebrechlich oder so nervös, daß man einer Kleinigkeit wegen solche Rücksicht auf sie nehmen mußte. Es war also schlimm, es war gefährlich, Pierre konnte sterben! Aber da stand wieder „Unwohlsein“, das klang so harmlos. Und dann „unnütze Besorgnisse“! Nein, ganz schlimm war es jedenfalls nicht. Vielleicht etwas Ansteckendes, eine Kinderkrankheit. Vielleicht wünschte der Arzt, ihn zu isolieren, ihn in eine Klinik zu tun?

Er sann und wurde ruhiger. Langsam ging er den Hügel hinab und den heißen Feldweg heimwärts. Jedenfalls wollte er tun, was der Arzt verlangte, und seine Frau nichts merken lassen.

Zu Hause übernahm ihn dann doch die Ungeduld. Noch ehe er sein Bild verwahrt und sich gewaschen hatte, lief er ins Haus – das nasse Bild lehnte er im Treppenhaus an die Wand – und trat leise in Pierres Stübchen. Seine Frau war drinnen.

Er bückte sich zu dem Knaben hinab und küßte ihn aufs Haar.

„Guten Tag, Pierre. Wie geht’s?“

Pierre lächelte schwach. Gleich darauf begann er mit zitternden Nüstern zu schnüffeln und rief: „Nein, nein, geh weg! Du riechst so schlecht!“

Veraguth trat gehorsam beiseite.

„Es ist nur Terpentin, mein Junge. Papa hat sich noch gar nicht gewaschen, weil er gleich nach dir sehen wollte. Nun geh ich gleich und kleide mich um, dann komme ich wieder zu dir. Ist’s so recht?“

Er ging und nahm unterwegs das Bild mit sich, und die klagende Stimme des Kleinen klang in ihm nach.

Bei Tische ließ er sich berichten, was der Arzt gesagt habe, und hörte mit Freude, daß Pierre gegessen und nicht wieder erbrochen habe. Doch blieb er erregt und unsicher und quälte sich ab, um ein Gespräch mit Albert in Gang zu halten.

Danach saß er eine halbe Stunde an Pierres Bett, der ruhig lag und nur zuweilen wie in Schmerzen nach der Stirne griff. Er betrachtete mit angstvoller Liebe den schmalen Mund, der krank und schlaff aussah, und die hübsche helle Stirn, die jetzt zwischen den Augen eine kleine senkrechte Falte trug, eine krankhafte, aber kindlich weiche und bewegliche Falte, die wieder ganz verschwinden würde, wenn Pierre wieder gesund wäre. Und gesund sollte er wieder werden – auch wenn es dann doppelt weh tun würde, fortzugehen und ihn zu verlassen. Er sollte in seiner Feinheit und hellen Knabenschönheit weiter wachsen und wie eine Blume in der Sonne atmen, auch wenn er ihn nimmer sähe und ihm Lebewohl gesagt hätte. Er sollte gesund und ein schöner, sonniger Mensch werden, in dem von seines Vaters Wesen das Zarteste und Reinste weiterlebte.

Während er am Bett des Kindes saß, begann er zu ahnen, wieviel Bitteres ihm noch auszukosten bleibe, bis dies alles hinter ihm läge. Seine Lippen zuckten und sein Herz wehrte sich gegen den Stachel, aber er fühlte tief unter allem Leid und aller Furcht seinen Entschluß hart und unzerstörbar stehen. Das war in Ordnung, daran rührte kein Schmerz und keine Liebe mehr. Aber es lag ihm noch ob, diese letzte Zeit zu erleben und sich keinem Leide zu entziehen, und er war bereit, den Becher ganz auszutrinken, denn er fühlte seit diesen paar Tagen untrüglich, daß nur durch dieses dunkle Tor für ihn ein Weg zum Leben führte. Wenn er jetzt feig war, wenn er jetzt entfloh und sich Weh ersparte, so nahm er Schlamm und Gift mit sich hinüber und kam nie in die reine, heilige Freiheit, nach der ihn verlangte und für die er jede Qual zu leiden willig war.

Nun, vor allem mußte er mit dem Doktor reden. Er stand auf, nickte Pierre zärtlich zu und ging hinaus. Es kam ihm der Einfall, sich von Albert fahren zu lassen, und er suchte dessen Zimmer auf, zum erstenmal in diesem Sommer. Kräftig pochte er an die Türe.

„Herein!“

Albert saß lesend beim Fenster. Er stand eilig auf und kam dem Vater überrascht entgegen.

„Ich habe eine kleine Bitte an dich, Albert. Könntest du mich rasch mit dem Wagen in die Stadt bringen? – Ja? Das ist hübsch. Also sei so gut und hilf gleich einspannen, ich bin ein wenig eilig. Nimmst du eine Zigarette?“

„Ja, danke. Nun will ich gleich nach den Pferden sehen.“

Bald saßen sie im Wagen, Albert kutschierend auf dem Bock, und als Veraguth an einer Straßenecke in der Stadt ihn halten ließ und sich verabschiedete, sagte er noch ein anerkennendes Wort zu ihm.

„Danke schön. Du hast Fortschritte gemacht und hast die Gäule jetzt sehr gut in der Hand. Nun adieu, ich gehe später zu Fuß zurück.“

Er ging rasch auf der heißen Stadtstraße hinweg. Der Sanitätsrat wohnte in einer stillen, vornehmen Gegend, es war um diese Tageszeit kaum ein Mensch dort unterwegs. Ein Sprengwagen fuhr schläfrig dahin und zwei kleine Knaben liefen hinterher, hielten die Hände in den dünnen Tropfenregen und spritzten einander lachend in die erhitzten Gesichter. Aus einem offenen Parterrefenster klang das gelangweilte Klavierspiel eines übenden Schülers. Veraguth hatte stets eine tiefe Abneigung gegen unbelebte Stadtstraßen gehabt, zumal im Sommer, sie erinnerten ihn an junge Jahre, wo er in solchen Straßen in wohlfeilen langweiligen Zimmern gewohnt hatte, mit Kaffee- und Küchengeruch auf den Treppen und mit dem Blick auf Dachfenster, Teppichklopfständer und reizlose, lächerlich kleine Gärten.

Es empfing ihn im Korridor zwischen großen goldgerahmten Bildern und großen Teppichen ein diskreter Arztgeruch, und ein junges Mädchen in der langen schneeweißen Krankenpflegerinnenschürze nahm ihm seine Karte ab. Sie führte ihn erst ins Wartezimmer, wo mehrere Frauen und ein junger Mann still und gedrückt auf Plüschsesseln saßen und in Zeitschriften starrten, dann brachte sie ihn auf seine Bitte in einen anderen Raum, wo in großen verschnürten Bündeln viele Jahrgänge eines medizinischen Fachblattes gestapelt standen und wo er sich kaum ein wenig umgesehen hatte, als das Mädchen schon wieder eintrat und ihn zum Sanitätsrat führte.

Da saß er nun in einem großen Lederstuhl inmitten blitzender Sauberkeit und Zweckmäßigkeit, und gegenüber am Schreibtisch saß klein und stramm der Arzt; es war still in dem hohen Zimmer, nur eine kleine blanke Stehuhr aus Glas und Messing schritt hellklingend ihren taktfesten spitzen Gang.

„Ja, Ihr Junge gefällt mir nicht recht, lieber Meister. Haben Sie nicht schon längere Zeit Störungen an ihm bemerkt, ich meine zum Beispiel Kopfweh, Müdigkeit, Unlust zum Spielen und dergleichen? – Erst in der allerletzten Zeit? Und war er schon länger so empfindlich? Gegen Lärm und helles Licht? Gegen Gerüche? – So? Er mochte den Farbengeruch im Atelier nicht leiden! Ja, das stimmt zum andern.“

Er fragte viel, und Veraguth gab in einer leichten Betäubung Antwort, mit einem Gefühl ängstlicher Aufmerksamkeit und heimlicher Bewunderung für diese schonend höfliche, tadellos präzise Sprechweise.

Dann kamen die Fragen nur noch langsam und vereinzelt, und schließlich gab es eine lange Pause, die Stille hing wie eine Wolke im Zimmer, nur vom gellend spitzen Gang der kleinen koketten Uhr unterbrochen.

Veraguth wischte sich den Schweiß von der Stirne. Er fühlte, daß es nun Zeit war, die Wahrheit zu erfahren, und da der Arzt wie steinern dasaß und schwieg, überfiel ihn mit schmerzhafter Lähmung der Schrecken. Er rollte den Kopf, als ersticke er im Hemdkragen, und schließlich stieß er heraus: „Ist es denn so schlimm?“

Der Sanitätsrat blickte auf. Er sah aus dem gelben, verarbeiteten Gesicht mit einem bleichen Blick zu ihm herüber und nickte mit dem Kopf.

„Ja, leider. Es ist schlimm, Herr Veraguth.“

Er ließ den Blick nicht mehr von ihm. Wartend und aufmerksam sah er zu, wie der Maler erbleichte und die Hände sinken ließ. Er sah das feste, knochige Gesicht schwach und hilflos werden, sah den Mund seine scharfe Spannung verlieren und die Augen blicklos irren. Er sah den Mund sich krümmen und leise zittern, und sah die Lider über die Augen sinken wie bei einem Ohnmächtigen. Er beobachtete und wartete. Und dann sah er den Mund des Malers sich zusammenraffen, die Augen von neuem Willen belebt, nur die tiefe Blässe war geblieben. Er sah, der Maler war bereit, ihn zu hören.

„Was ist es, Doktor? Sie brauchen mich nicht zu schonen, reden Sie nur. – Sie glauben doch nicht, daß Pierre sterben muß?“

Nun rückte der Sanitätsrat mit seinem Stuhl etwas näher. Er sprach ganz leise, aber scharf und deutlich.

„Das kann niemand sagen. Aber wenn ich mich nicht ganz täusche, ist der Kleine sehr gefährlich krank.“

Veraguth sah ihm in die Augen.

„Muß er sterben? Ich möchte wissen, ob Sie glauben, daß er sterben muß. Verstehen Sie – ich möchte es wissen.“

Der Maler war, ohne es zu wissen, aufgestanden und wie drohend vorgetreten. Der Arzt legte ihm die Hand auf den Arm, er zuckte zusammen und sank alsbald wie beschämt wieder in den Sessel zurück.

„Es hat keinen Sinn, so zu reden,“ fing der Sanitätsrat wieder an. „Über Tod und Leben entscheiden wir nicht, da werden wir Ärzte selber täglich überrascht. Für uns muß jeder Kranke, solange er überhaupt noch atmet, eine Hoffnung sein, wissen Sie. Wo kämen wir sonst hin!“

Geduldig nickte Veraguth und fragte nur: „Also, was ist es?“

Der Arzt hustete kurz.

„Wenn ich mich nicht täusche, ist es Gehirnhautentzündung.“

Veraguth saß still und sprach das Wort leise nach. Dann erhob er sich und streckte dem Arzt die Hand hin.

„Also Gehirnhautentzündung,“ sagte er, und sprach ganz langsam und vorsichtig, weil ihm der Mund wie bei großer Kälte zitterte. „Ist das denn überhaupt heilbar?“

„Es ist alles heilbar, Herr Veraguth. Mancher legt sich mit Zahnschmerzen hin und ist nach ein paar Tagen tot, ein anderer hat alle Symptome der schwersten Krankheit und kommt davon.“

„Ja, ja. Und kommt davon! Ich will nun gehen, Herr Doktor. Sie haben sich viel Mühe mit mir gegeben. Aber Gehirnhautentzündung ist also nicht heilbar?“

„Lieber Herr ...“

„Verzeihen Sie. Sie haben vielleicht schon andere Kinder mit dieser Ge–– mit dieser Krankheit behandelt? Ja? Sehen Sie! – Leben diese Kinder noch?“

Der Sanitätsrat schwieg.

„Leben vielleicht zwei davon noch, oder eins?“

Es kam keine Antwort.

Der Arzt hatte sich, wie unwillig, zum Schreibtisch gewendet und ein Fach geöffnet.

„Werfen Sie die Flinte nicht so ins Korn!“ sagte er mit verändertem Ton. „Ob Ihr Kind davonkommt, wissen wir nicht. Es ist in Gefahr, und wir müssen ihm helfen, soviel wir können. Wir alle müssen ihm helfen, verstehen Sie, und Sie auch. Ich brauche Sie. – – Ich komme abends noch einmal hinaus. Für alle Fälle gebe ich Ihnen hier ein Schlafpulver mit, vielleicht können Sie selbst es brauchen. Und nun hören Sie: der Kleine muß volle Ruhe haben und soll möglichst kräftige Nahrung bekommen. Das ist die Hauptsache. Wollen Sie daran denken.“

„Gewiß. Ich werde nichts vergessen.“

„Wenn er Schmerzen hat oder sehr unruhig wird, helfen laue Bäder oder Wickel. Haben Sie einen Eisbeutel? Ich werde einen mitbringen. Sie haben doch Eis draußen? Also gut. – Wir wollen hoffen, Herr Veraguth! Es geht jetzt nicht an, daß einer von uns den Mut verliert, wir müssen alle auf dem Posten sein. Nicht wahr?“

Er schöpfte aus Veraguths Gebärde Vertrauen und begleitete ihn hinaus.

„Wollen Sie meinen Wagen haben? Ich brauche ihn erst um fünf Uhr wieder.“

„Danke, ich gehe zu Fuß.“

Er ging die Straße hinab, die leer war wie vorher. Aus jenem offenen Fenster klang immer noch die unfrohe Schülermusik. Er sah auf die Uhr, es war nur eine halbe Stunde vergangen. Langsam ging er weiter, Straße um Straße, rundum durch die halbe Stadt. Er scheute sich, sie zu verlassen. Hier drinnen, in diesem blöden armen Häuserhaufen, da war Medizingeruch und Krankheit, da war Not und Angst und Tod zu Hause, da trugen hundert freudelos schmachtende Gassen alles Schwere mit und man war nicht allein. Aber draußen, schien ihm, unter Bäumen und klarem Himmel, zwischen Sensengeläute und Grillenzirpen mußte der Gedanke an das alles viel schrecklicher, viel sinnloser, viel verzweifelter sein.

Es war Abend, als er staubig und todmüde nach Hause kam. Der Arzt war schon dagewesen, aber Frau Adele war ruhig und schien noch nichts zu wissen.

Während der Abendmahlzeit unterhielt sich Veraguth mit Albert über die Pferde. Er fand immer wieder etwas zu sagen, und Albert ging darauf ein. Sie sahen, daß Papa sehr müde sei, sonst nichts. Er aber dachte mit fast höhnischem Ingrimm immer wieder: „Ich könnte den Tod in den Augen haben und sie würden nichts merken! Das ist meine Frau, und das ist mein Sohn! Und Pierre stirbt!“ So dachte er in traurigem Kreislauf, während er mit hölzerner Zunge Worte formte, die niemanden interessierten. Und dann kam noch ein Gedanke dazu: „So ist es recht! So will ich allein mein Leid austrinken, bis der letzte bittere Tropfen erschöpft ist. So will ich sitzen und heucheln und meinen armen Kleinen sterben sehen. Und wenn ich dann noch lebe, dann ist nichts mehr, das mich bindet, und nichts, das mir weh tun kann, dann will ich gehen und will nie in meinem Leben mehr lügen, nie mehr einer Liebe glauben, nie mehr abwarten und feig sein ... Dann will ich nur noch Leben und Tat und Vorwärtsgehen kennen, keinen Frieden mehr, keine Trägheit mehr.“

In dunkler Wollust fühlte er das Weh in seinem Herzen brennen, wild und unerträglich, aber rein und groß, wie er noch nichts und noch nie gefühlt hatte, und vor der göttlichen Flamme sah er sein kleines, unfrohes, unaufrichtiges und mißgestaltetes Leben wertlos dahinsinken, keines Gedankens und nicht einmal eines Tadels mehr wert.

So saß er noch eine Abendstunde lang im halbdunkeln Krankenzimmer bei dem Knaben, und so lag er eine brennend schlaflose Nacht, mit Inbrunst seinem fressenden Leid hingegeben, nichts hoffend und nichts begehrend, als von diesem Feuer verzehrt und reingebrannt zu werden bis in die letzte zuckende Faser. Er verstand, daß es so sein müsse, daß er gerade das Liebste und Beste und Reinste, was er besessen, weggeben und sterben sehen müsse.

Sechzehntes Kapitel

Es ging Pierre schlecht, und sein Vater saß beinahe den ganzen Tag bei ihm. Der Knabe hatte immerzu Kopfschmerzen, er atmete rasch und jeder Atemzug war ein kleines, banges Stöhnen. Zuweilen wurde sein kleiner, magerer Körper von kurzen Zuckungen geschüttelt oder bäumte sich in steilem Bogen auf. Dann lag er wieder lange vollkommen regungslos, und schließlich überfiel ihn ein krampfhaftes Gähnen. Dann schlief er eine Stunde und begann nach dem Erwachen wieder dieses regelmäßige, klagende Seufzen, mit jedem Atemzug.

Er hörte nicht, was man zu ihm sagte, und wenn man ihn, fast mit Gewalt, emporrichtete und ihm zu essen eingab, nahm er es in mechanischer Gleichgültigkeit. Beim schwachen Licht, denn die Vorhänge waren dicht geschlossen, saß Veraguth lange Zeit mit tiefer Aufmerksamkeit über den kleinen Knaben gebückt und schaute mit frierendem Herzen zu, wie aus dem hübschen vertrauten Knabengesicht ein lieber zarter Zug um den andern abhanden kam und dahinschwand. Was übrigblieb, war ein bleiches frühaltes Gesicht, eine unheimliche Maske des Leidens, mit vereinfachten Zügen, in welchen nichts als Schmerz und Ekel und tiefes Grauen zu lesen war.

Zuweilen sah der Vater dieses entstellte Gesicht in Augenblicken des Schlummers weich werden und einen Schimmer vom verlorenen Liebreiz seiner gesunden Tage wiedergewinnen, dann schaute er unverwandt mit dürstender Liebesgier, sich die hinsterbende Lieblichkeit noch einmal und noch einmal einzuprägen. Dann schien ihm, in seinem ganzen Leben habe er nie gewußt, was Liebe sei, nie bis zu diesen Augenblicken des Wachens und Schauens.

Frau Adele war tagelang ahnungslos geblieben, erst allmählich hatte sie Veraguths gespanntes und sonderbar entrücktes Wesen bemerkt und schließlich beargwöhnt, und wieder erst nach Tagen begann sie den Zusammenhang zu ahnen. Da nahm sie ihn an einem Abend, als er Pierres Zimmer verließ, beiseite und sagte kurz mit einem Ton von Kränkung und Bitterkeit: „Was ist nun mit Pierre? Was ist es? Ich sehe, daß du etwas weißt.“

Er sah sie wie aus tiefer Zerstreutheit an und sagte mit trockenen Lippen: „Ich weiß nicht, Kind. Er ist sehr krank. Siehst du das nicht?“

„Ich sehe es. Ich will nun wissen, was es ist! Ihr behandelt ihn ja fast wie einen Todkranken, du und der Doktor. Was hat er dir gesagt?“

„Er hat mir gesagt, es stehe schlimm und wir müßten sehr für ihn Sorge tragen. Es ist eine Art Entzündung in seinem armen Kopf. Wir wollen morgen den Doktor bitten, daß er uns mehr sagt.“

Sie lehnte sich an einen Bücherschrank und griff mit der Hand über sich in die Falten des grünen Vorhanges. Da sie schwieg, blieb er geduldig stehen, sein Gesicht war grau und seine Augen sahen entzündet aus. Er zitterte schwach mit den Händen, doch stand er beherrscht und hatte eine Art von Lächeln, einen seltsamen Schimmer von Ergebung, Geduld und Höflichkeit im Gesicht.

Langsam kam sie zu ihm herüber. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und schien in den Knien schwach zu werden. Ganz leise flüsterte sie: „Du glaubst, daß er sterben muß?“

Veraguth hatte noch immer das schwache, törichte Lächeln um den Mund, aber es liefen ihm kleine, hastige Tränen übers Gesicht. Er nickte nur schwach mit dem Kopf, und da sie an ihm niederglitt und den Halt verlor, hob er sie auf und half ihr auf einen Stuhl.

„Man kann es ja nicht sicher wissen,“ sagte er langsam und schwerfällig, als wiederhole er mit Ekel eine alte Lektion, die ihm längst überdrüssig geworden wäre. „Man darf den Mut nicht verlieren.“

„Man darf den Mut nicht verlieren,“ wiederholte er nach einer Weile mechanisch, da sie wieder Kraft gewann und sich aufrecht setzte.

„Ja,“ sagte sie, „ja, du hast recht.“ Und wieder nach einer Pause: „Es kann nicht sein. Es kann nicht sein.“

Und plötzlich stand sie wieder aufrecht, hatte Leben in den Augen und alle Züge voll Verständnis und Trauer.

„Nicht wahr,“ sagte sie laut, „du wirst nicht zurückkommen? Ich weiß es. Du willst uns verlassen?“

Er sah wohl, daß es ein Augenblick war, der keine Unaufrichtigkeit erlaube. Darum sagte er kurz und ohne Ton: Ja.

Sie wiegte den Kopf hin und her, als müsse sie stark nachsinnen und könne nicht damit fertig werden. Was sie aber nun sagte, kam aus keinem Nachdenken und Überlegen, sondern floß ganz unbewußt aus der trüben, trostlosen Bedrängtheit der Stunde, aus einer mutlosen Müdigkeit und vor allem aus einem dunkeln Bedürfnis, irgend etwas gutzumachen und irgend jemandem, der dafür noch erreichbar wäre, Gutes zu erweisen.

„Ja,“ sagte sie, „ich habe es mir so gedacht. Aber höre, Johann, Pierre darf nicht sterben! Es darf nicht alles und alles jetzt auf einmal zusammenbrechen! Und weißt du – ich möchte dir das noch sagen: Wenn er wieder gesund wird, sollst du ihn haben. Hörst du? Er soll bei dir bleiben.“

Veraguth verstand nicht sofort. Nur langsam wurde ihm klar, was sie gesagt habe, und daß nun das, worum er mit ihr gestritten und um dessentwillen er Jahre und Jahre gezögert und gelitten hatte – daß das ihm nun, wo es zu spät war, zugesprochen werde.

Es kam ihm unsäglich sinnlos vor, nicht nur daß er jetzt plötzlich haben sollte, was sie ihm so lange versagt hatte, sondern noch mehr, daß Pierre just in dem Augenblicke ihm gehören solle, wo er dem Tod verfallen war. Nun würde er ihm also doppelt sterben! Es war verrückt, es war um zu lachen! Es war so grotesk und widersinnig, daß er wirklich nahe daran war, in ein bitteres Gelächter auszubrechen.

Aber sie meinte es ohne Zweifel ernst. Sie glaubte offenbar noch nicht ganz daran, daß Pierre sterben müsse. Es war gütig, es war ein ungeheures Opfer von ihr, das sie in der schmerzvollen Verwirrung des Augenblicks aus irgendeiner dunkeln guten Regung bringen wollte. Er sah, wie sie litt, wie sie bleich war und sich mit Mühe aufrecht hielt. Er durfte nicht zeigen, daß er ihr Opfer, ihre seltsame verspätete Großmut wie eine tödliche Verhöhnung empfand.

Sie begann schon mit Befremdung auf ein Wort von ihm zu warten. Warum sagte er nichts? Glaubte er ihr nicht? Oder war er ihr so fremd geworden, daß er nichts von ihr annehmen wollte, auch nicht dieses größte Opfer, das sie ihm bringen konnte?

Schon begann ihr Gesicht vor Enttäuschung zu zucken, da fand er die Herrschaft über sich wieder. Er nahm ihre Hand, bückte sich und berührte sie leicht mit kühlen Lippen, und sagte: „Ich danke dir.“

Da kam ihm ein Gedanke, und mit wärmerem Ton fügte er hinzu: „Nun will ich aber auch für Pierre sorgen dürfen. Laß mich die Nacht bei ihm wachen!“

„Wir werden abwechseln,“ sagte sie mit Entschiedenheit.

Pierre war an diesem Abend sehr ruhig. Es brannte ein kleines Nachtlicht auf dem Tische, dessen schwacher Schein den kleinen Raum nicht füllte und sich gegen die Türe hin in braune Dämmerung verlor. Veraguth hörte noch lange dem Atmen des Knaben zu, dann legte er sich auf den schmalen Diwan, den er sich hatte hereinbringen lassen.

In der Nacht, gegen zwei Uhr, erwachte Frau Adele, machte Licht und stand auf. Die Kerze in der Hand, kam sie in einen Schlafrock gehüllt herüber. Sie fand alles still. Pierre zitterte leicht mit den Wimpern, als das Licht sein Gesicht berührte, wachte aber nicht auf. Und auf dem Diwan lag, in den Kleidern und leicht zusammengekrümmt, ihr Mann im Schlafe.

Sie leuchtete auch ihm ins Gesicht und blieb eine kleine Weile bei ihm stehen. Und sie sah sein Gesicht aufrichtig und unverstellt, mit allen Falten und ergrauten Haaren, die Wangen erschlafft und die Augen unterhöhlt.

„Auch er ist alt geworden,“ dachte sie mit einer Empfindung, die halb Mitleid und halb Genugtuung war, und fühlte sich versucht, ihm das struppige Haar zu streicheln. Doch tat sie es nicht. Sie ging unhörbar wieder hinaus, und als sie nach Stunden morgens wiederkam, saß er längst wach und aufmerksam an Pierres Bett und sein Mund und der Blick, mit dem er grüßte, war wieder straff von der geheimnisvollen Kraft und Entschlossenheit, in die er seit Tagen wie in einen Panzer gehüllt ging.

Für Pierre kam heute ein schlechter Tag. Er schlief lange und lag dann mit offenen Augen und erstarrtem Blick, bis eine neue Welle von Schmerzen ihn erweckte. Er warf sich tobend im Bett umher, ballte die kleinen Fäuste und drückte sie auf die Augen, sein Gesicht war bald totenhaft weiß, bald glühend rot. Und dann begann er zu schreien, in ohnmächtiger Empörung gegen unerträgliche Qualen, und schrie so lange und so jammervoll, daß sein Vater schließlich blaß und vernichtet hinweggehen mußte, weil er es nimmer mit anhören konnte.

Er ließ den Arzt kommen, der an diesem Tage noch zweimal wiederkehrte und am Abend eine Pflegerin mitbrachte. Gegen Abend verlor Pierre das Bewußtsein, man schickte die Pflegerin zu Bett und Vater und Mutter blieben die ganze Nacht wach im Gefühl, das Ende könne nimmer fern sein. Der Kleine rührte sich nicht und sein Atem ging unregelmäßig, aber kräftig.

Veraguth und seine Frau aber dachten beide an die Zeit, da Albert einst sehr krank gewesen war und sie ihn gemeinsam gepflegt hatten. Und sie empfanden beide, daß wichtige Erlebnisse sich nicht wiederholen können. Mild und etwas müde sprachen sie mit flüsternden Stimmen über das Krankenbett hinweg miteinander, aber kein Wort von der Vergangenheit, kein Wort von damals. Gespenstisch berührte sie die Ähnlichkeit der Situation und des Geschehens, sie selbst waren andere geworden, sie waren nicht mehr dieselben Menschen, die damals genau so wie jetzt über ein todkrankes Kind gebeugt miteinander gewacht und gelitten hatten.