Rosshalde

Part 10

Chapter 103,842 wordsPublic domain

„Ich sagte dir schon, ziehe wohin du willst. Roßhalde gehört dir, das weißt du, und ich werde das vor meiner Abreise noch sicherstellen, für alle Fälle.“

Frau Adele war blaß geworden. Sie beobachtete ihres Mannes Gesicht mit fast feindseliger Aufmerksamkeit.

„Du sprichst beinahe so,“ warf sie mit bedrängter Stimme hin, „als ob du nicht mehr zurückzukommen dächtest.“

Er blinzelte nachdenklich und sah zu Boden.

„Man kann nicht wissen. Ich habe noch keine Ahnung, wie lange ich wegbleiben werde, und daß Indien für Leute meines Alters sehr gesund ist, glaube ich kaum.“

Sie schüttelte streng den Kopf.

„Ich meine nicht das. Sterben können wir alle. Ich meine, ob du überhaupt die Absicht hast, wiederzukommen.“

Er schwieg und blinzelte, schließlich lächelte er schwach und erhob sich.

„Ich denke, darüber reden wir ein andermal. Es war unser letzter Streit, weißt du, als wir vor einigen Jahren diese Frage besprachen. Ich möchte nun hier auf Roßhalde keinen Streit mehr haben, mit dir am wenigsten. Ich nehme an, du denkst darüber noch gleich wie damals. Oder würdest du mir heute den Kleinen überlassen?“

Frau Veraguth schüttelte schweigend den Kopf.

„Ich dachte es mir,“ sagte ihr Mann mit Ruhe, „wir wollen diese Dinge nun ruhen lassen. Du kannst, wie gesagt, über das Haus verfügen. Es liegt mir nichts daran, Roßhalde zu behalten, und wenn du eine Gelegenheit findest, das Ganze gut zu verkaufen, so gib es weg!“

„Das ist nun das Ende von Roßhalde,“ sagte sie mit einem Ton tiefer Bitterkeit, und sie dachte dabei an die Zeit ihrer Anfänge, an Alberts Babyjahre, an alle ihre damaligen Hoffnungen und Erwartungen. Das war also das Ende davon.

Veraguth, der sich schon zur Türe gewandt hatte, kehrte noch einmal um und rief sanft: „Nimm es nicht so schwer, Kind! Wenn du magst, kannst du ja alles behalten.“

Er ging hinaus, nahm dem Hunde die Kette ab und schritt zum Atelierhaus, von dem jauchzenden Tier umbellt und umsprungen. Was lag ihm an Roßhalde! Das gehörte zu den Dingen, mit denen er nichts mehr zu tun hatte. Er fühlte sich jetzt zum erstenmal seiner Frau überlegen. Er hatte abgeschlossen. Er hatte im Herzen das Opfer gebracht, er hatte auf Pierre verzichtet. Seit sich das von ihm gelöst hatte, war sein ganzes Wesen nur noch nach vorwärts gerichtet. Für ihn war Roßhalde erledigt, erledigt wie die vielen anderen fehlgeschlagenen Hoffnungen von ehemals, erledigt wie die Jugendzeit. Unnütz darum zu klagen!

Er schellte und Robert kam gelaufen.

„Ich werde einige Tage im Freien malen. Sie müssen nach dem kleineren Malkasten sehen, auch nach dem Schirm, bis morgen muß alles in Ordnung sein. Um halb sechs Uhr wecken Sie mich.“

„Sehr wohl, Herr Veraguth.“

„Sonst nichts. Das Wetter wird doch halten? Was meinen Sie?“

„Ich glaube, es wird wohl halten ... Entschuldigen Sie aber, Herr Veraguth, ich möchte Sie noch etwas fragen.“

„Ja?“

„Ich bitte um Verzeihung, aber ich habe gehört, der Herr wollten nach Indien reisen.“

Veraguth lachte verwundert auf.

„Das ist verflucht rasch gegangen. Da hat also Albert geplaudert. Nun ja, ich werde nach Indien reisen, und da können Sie nicht gut mitkommen, Robert, es ist schade. Man hat da draußen keine europäischen Diener. Aber wenn Sie später wieder zu mir kommen mögen, so kommen Sie! Ich besorge Ihnen gerne inzwischen eine andre gute Anstellung, Ihren Lohn kriegen Sie ja ohnehin bis Neujahr bezahlt.“

„Danke, Herr Veraguth, danke vielmal. Vielleicht darf ich dann um Ihre Adresse bitten. Ich werde Ihnen einmal schreiben. Es ist nämlich – – es ist nicht so einfach – – ich habe nämlich eine Braut, Herr Veraguth.“

„So, Sie haben eine Braut?“

„Ja, Herr Veraguth, und wenn Sie mich entlassen, so muß geheiratet werden. Nämlich ich habe ihr versprochen, daß ich keinen neuen Dienst annehme, wenn ich einmal hier weggehen sollte.“

„Na, da werden Sie sich ja freuen, daß Sie jetzt loskommen. Es tut mir aber leid, Robert. Was wollen Sie denn anfangen, wenn Sie verheiratet sind?“

„Ja, sie will mit mir ein Zigarrengeschäft auftun.“

„Einen Zigarrenladen? Robert, das ist nichts für Sie.“

„Entschuldigen, Herr Veraguth, man muß es einmal probieren. Aber wenn Sie erlauben – – ginge es nicht am Ende, daß ich doch in Ihrem Dienst bliebe? Ich möchte höflichst anfragen, Herr Veraguth.“

Der Maler gab ihm einen Klaps auf die Schulter.

„Mensch, was soll das heißen? Sie wollen heiraten, Sie wollen so einen stumpfsinnigen Laden aufmachen, und Sie wollen aber auch bei mir bleiben? Mir scheint, da ist etwas nicht in Ordnung ... Es liegt Ihnen wohl nicht so sehr viel an dieser Heirat, Robert?“

„Mit Verlaub, Herr Veraguth, nein. Sie wäre schon tüchtig, meine Braut, da will ich nichts sagen. Aber ich würde schon lieber hierbleiben. Sie hat einen scharfen Charakter, und – –“

„Ja, Kerl, warum wollen Sie sie denn dann heiraten? Sie haben ja Angst vor ihr! Ihr habt doch kein Kind? Oder?“

„Nein, dieses nicht. Aber sie läßt mir keine Ruhe mehr ...“

„Dann schenken Sie ihr eine hübsche Brosche, Robert, ich gebe Ihnen einen Taler dafür. Die geben Sie Ihrer Braut und sagen ihr, sie möchte sich nun einen andern suchen für ihren Zigarrenladen. Sagen Sie ihr, ich hätte das gesagt. Und schämen Sie sich ein bißchen! Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit. Dann möchte ich wissen, ob Sie ein Mann sind, der sich von einem Mädel Angst machen läßt, oder nicht.“

„Es ist gut, es ist gut. Ich werde ihr schon sagen ...“

Veraguth hörte auf zu lächeln. Er blitzte den Betroffenen aus zornigen Augen an und rief scharf: „Sie werden das Mädel fortschicken, Robert, sonst sind wir miteinander fertig. Pfui Teufel – sich heiraten lassen! Gehen Sie, und bringen Sie das bald in Ordnung!“

Er stopfte sich eine Pfeife, nahm ein größeres Skizzenbuch und eine Hülse voll Zeichenkohle an sich und ging nach dem Waldhügel hinaus.

Vierzehntes Kapitel

Das Fasten schien nicht viel zu helfen. Pierre Veraguth lag zusammengekrümmt in seinem Bette, die Teetasse stand unberührt daneben. Man ließ ihn möglichst in Ruhe, da er auf keine Anrede Antwort gab und jedesmal unwillig zusammenfuhr, wenn jemand in sein Zimmer trat. Die Mutter saß manche Stunde an seinem Bett, sie murmelte halbgesungene Zärtlichkeiten und Beruhigungsworte. Es war ihr sorgenvoll und unheimlich zumute; es schien, als sei der kleine Kranke hartnäckig in einen geheimen Schmerz verbohrt. Er gab auf keine Frage, auf keine Bitte, auf kein Anerbieten irgendeine Antwort, mit bösen Augen starrte er vor sich hin und wollte nicht schlafen, nicht spielen, nicht trinken, nicht vorgelesen haben. Der Arzt war zwei Tage nacheinander gekommen; er hatte wenig gesagt und laue Leibwickel befohlen. Pierre lag viel in einem leichten Halbschlummer, wie Fiebernde ihn haben, er murmelte dann unverständliche Worte und träumte halbbewußt in einem leisen dumpfen Delirium vor sich hin.

Veraguth war seit mehreren Tagen draußen am Malen. Als er mit der Dämmerung nach Hause kam, fragte er sogleich nach dem Knaben. Seine Frau bat ihn, nicht mehr ins Krankenzimmer zu gehen, da Pierre so sehr empfindlich gegen alle Störungen sei und jetzt eingeschlummert scheine. Da Frau Adele wenig Worte machte und seit dem neulichen Morgengespräch sich ihm gegenüber mißgestimmt und befangen fühlte, fragte er nicht weiter, sondern ging unbekümmert ins Bad und brachte den Abend in der angenehmen Unruhe und warmen Erregtheit hin, die er stets beim Vorbereiten einer neuen Arbeit empfand. Nun hatte er mehrere Studien draußen gemalt und wollte morgen das Bild selber in Angriff nehmen. Er wählte mit Befriedigung Kartons und Leinwände aus, flickte an locker gewordenen Keilrahmen herum, suchte Pinsel und Malzeug aller Art zusammen und rüstete sich wie für eine kleine Reise, er legte sogar den gefüllten Tabaksbeutel, Pfeife und Feuerzeug bereit wie ein Tourist, der in der Frühe zu einer Bergbesteigung aufbrechen will und sich für die erwartungsvollen Stunden vor dem Schlafengehen nichts Besseres weiß als liebevoll an morgen zu denken und jede Kleinigkeit dafür bereitzulegen.

Behaglich sah er dann bei einem Glase Wein die Abendpost an. Da war ein freudiger, liebevoller Brief von Burkhardt, und beigefügt war eine mit hausfraulicher Sorgsamkeit zusammengestellte Liste alles dessen, was Veraguth für die Reise mitzunehmen habe. Belustigt las dieser die ganze Liste durch, auf welcher weder wollene Leibbinden noch Strandschuhe, weder Nachtkleidung noch Gamaschen vergessen waren. Unten auf dem Zettel stand mit Bleistift geschrieben: „Alles andere besorge ich für uns beide, auch die Kabinen. Laß dir weder Chemikalien gegen Seekrankheit noch indische Reiseliteratur aufschwatzen, alles das ist meine Sache.“

Lächelnd wandte er sich einer großen Rolle zu, in der ihm ein junger Düsseldorfer Maler eine Anzahl Radierungen mit ehrfurchtsvoller Widmung übersandte. Auch dafür fand er heute Zeit und Laune, er sah die Blätter aufmerksam durch und wählte das beste davon für seine Mappen aus, die anderen mochte Albert haben. Dem Maler schrieb er ein freundliches Billett.

Zuletzt schlug er das Skizzenbuch auf und betrachtete lange die vielen Zeichnungen, die er draußen gemacht hatte. Sie befriedigten ihn alle nicht recht, er wollte es morgen mit einem anderen, weiteren Ausschnitt versuchen, und wenn das Bild auch dann noch nicht säße, wollte er eben solange Studien malen, bis er es heraus hätte. Auf alle Fälle würde er morgen tüchtig fleißig sein, das Weitere würde sich schon ergeben. Und diese Arbeit würde dann sein Abschied von Roßhalde sein; es war ohne Zweifel das eindringlichste und lockendste Stück Landschaft in der ganzen Gegend, und es sollte nicht vergebens gewesen sein, hoffte er, daß er sich das bis jetzt immer wieder aufgespart hatte. Das durfte nicht mit einer schneidigen Studie abgetan werden, es mußte ein gutes, delikates, abgewogenes Bild werden. Das rasche, kämpfende Malen in der Natur, mit Schwierigkeiten, Niederlagen und Siegen, das würde er dann draußen in den Tropen wieder auskosten können.

Er legte sich zeitig nieder und schlief vortrefflich, bis Robert ihn weckte. Da stand er, in der straffen Morgenkühle fröstelnd, in fröhlicher Eile auf, trank stehend eine Schale Kaffee und trieb den Diener an, der ihm Leinwand, Feldstuhl und Farbenkasten nachtragen sollte. Bald darauf verließ er das Haus und verschwand, Robert hinterdrein, in den noch morgenblassen Wiesen. Vorher hatte er noch in der Küche nachfragen wollen, ob Pierre eine ruhige Nacht gehabt habe. Aber er hatte das Haus noch verschlossen und niemand wach gefunden.

Frau Adele war bis in die Nacht bei dem Kleinen gesessen, da er ein wenig zu fiebern schien. Sie hatte seinem lallenden Gemurmel zugehört, seinen Puls gefühlt und sein Bett in Ordnung gebracht. Als sie ihm Gutenacht sagte und ihn küßte, schlug er die Augen auf und sah ihr ins Gesicht, ohne aber zu antworten. Die Nacht blieb ruhig.

Pierre war wach, als sie am Morgen zu ihm kam. Er wollte kein Frühstück haben, verlangte aber nach einem Bilderbuch. Die Mutter ging selbst, um eines zu holen. Sie stopfte ihm ein zweites Kissen unter den Kopf, zog den Fenstervorhang auseinander und gab Pierre das Buch in die Hände; es war ein Bild mit einer großen, strahlend goldgelben Frau Sonne aufgeschlagen, das er besonders gern hatte.

Er hob das Buch gegen sein Gesicht, das helle frohe Morgenlicht fiel auf das Blatt. Aber sogleich flog ein dunkler Schatten von Schmerz, Enttäuschung und Unbehagen über sein zartes Gesicht.

„Pfui, das tut ja weh!“ rief er gequält und ließ das Bilderbuch sinken.

Sie fing es auf und hielt es ihm nochmals vor die Augen.

„Es ist ja deine liebe Frau Sonne,“ sagte sie zuredend.

Er hielt sich die Hände vor die Augen.

„Nein, tu es weg. Das ist so scheußlich gelb!“

Seufzend nahm sie das Buch wieder an sich. Weiß Gott, was das mit dem Kinde war! Sie kannte mancherlei Empfindlichkeiten und Launen an ihm, aber so war er noch nie gewesen.

„Paß auf,“ sagte sie sanft beschwörend, „jetzt bring ich dir einen feinen, warmen Tee, und du darfst dir Zucker hineintun und ein schönes Zwieback dazu haben.“

„Ich will nicht!“

„Probier’s einmal! Es tut dir gut, du wirst sehen.“

Gepeinigt und wütend sah er sie an.

„Wenn ich aber nicht will!“

Sie ging hinaus und blieb eine lange Weile fort. Er blinzelte ins Licht, es schien ihm übermäßig grell und tat ihm weh. Er wandte sich ab. Gab es denn keinen Trost, kein bißchen Vergnügen, keine kleine Freude mehr für ihn? Trotzig und weinerlich drückte er das Gesicht ins Kissen und biß unwillig in das weiche, fad schmeckende Linnen. Das war ein auftauchender Widerschein aus seiner allerfrühesten Kindheit. Als ganz kleiner Junge hatte er, wenn er zu Bett gebracht war und nicht gleich einschlafen konnte, die Gewohnheit gehabt, in sein Kissen zu beißen und mit einer gewissen Taktmäßigkeit darauf zu kauen, bis er müde wurde und einschlief. Das tat er nun wieder und arbeitete sich langsam in eine stille Betäubung hinein, die ihm wohl tat und in welcher er ruhig liegen blieb.

Die Mutter kam nach einer Stunde wieder herein. Sie beugte sich über ihn und sagte: „So, will Pierre jetzt wieder artig sein? Du warst vorher sehr unartig, und Mama ist traurig gewesen.“

Das war zu anderen Zeiten ein starkes Mittel, dem er selten widerstand, und als sie nun die Worte sagte, war sie nicht ohne Besorgnis, er möchte es sich zu sehr zu Herzen nehmen und weinen. Er schien aber gar nicht auf ihre Worte zu achten, und als sie nun etwas strenge fragte: „Du weißt doch, daß du vorher ungezogen warst?“, verzog er den Mund beinahe spöttisch und blickte vollkommen gleichgültig.

Gleich darauf kam der Sanitätsrat.

„Hat er wieder erbrochen? Nicht? Schön. Und die Nacht war gut? Was hat er denn gefrühstückt?“

Als er den Knaben aufrichtete und sein Gesicht gegen das Fenster drehte, zuckte Pierre wieder wie in Schmerzen zusammen und drückte die Augen zu. Aufmerksam betrachtete der Arzt den seltsam starken Ausdruck von Abwehr und Pein in dem Kindergesicht.

„Ist er auch gegen Geräusche so empfindlich?“ fragte er Frau Adele flüsternd.

„Ja,“ sagte sie leise, „wir dürfen gar nimmer Klavier spielen, sonst tut er ganz verzweifelt.“

Der Sanitätsrat nickte und zog den Vorhang halb zu. Dann hob er den Kleinen aus dem Bett, horchte an seinem Herzen und schlug ihm mit einem kleinen Hämmerlein probierend auf die Sehnen unterhalb der Kniescheiben.

„Schon gut,“ sagte er freundlich, „nun lassen wir dich in Ruhe, mein Junge.“

Er legte ihn behutsam ins Bett zurück, nahm seine Hand und nickte ihm lächelnd zu.

„Darf ich noch einen Augenblick bei Ihnen eintreten?“ sagte er im Kavalierston zu Frau Veraguth und ließ sich in ihr Zimmer führen.

„Nun erzählen Sie mir noch mehr von Ihrem Kleinen,“ sagte er ermunternd. „Mir scheint, er ist doch sehr nervös und wir müssen ihn nun eine Weile gut pflegen, Sie und ich. Die Magengeschichte ist nicht der Rede wert. Er muß unbedingt wieder essen. Feine, stärkende Sachen: Eier, Bouillon, frische Sahne. Versuchen Sie es einmal mit Eigelb. Wenn er es lieber süß nimmt, schlagen Sie es mit Zucker in eine Tasse. Und nun, ist Ihnen sonst etwas an ihm aufgefallen?“

Besorgt und doch von seinem freundlich sicheren Ton beruhigt, fing sie zu berichten an. Am meisten habe sie Pierres Teilnahmlosigkeit erschreckt, es sei, als habe er sie gar nimmer lieb. Es sei ihm einerlei, ob man ihn bitte oder schelte, er sei gegen alles gleichgültig. Sie erzählte von dem Bilderbuch, und er nickte.

„Lassen Sie ihn gewähren!“ sagte er im Aufstehen. „Er ist krank und kann augenblicklich nichts für seine Unarten. Lassen Sie ihn möglichst in Ruhe! Wenn er Kopfschmerzen hat, kann er Eisumschläge bekommen. Und abends stecken Sie ihn möglichst lang in ein laues Bad, das macht Schlaf.“

Er verabschiedete sich und duldete nicht, daß sie ihn die Treppe hinab begleite.

„Sehen Sie zu, daß er heute etwas ißt!“ sagte er noch im Weggehen.

Unten trat er in die offenstehende Küchentür und fragte nach Veraguths Diener.

„Rufen Sie Robert her!“ befahl die Köchin der Magd. „Er muß im Atelier sein.“

„Es ist nicht nötig,“ rief der Sanitätsrat. „Ich gehe selber hinüber. Nein, lassen Sie nur, ich weiß den Weg.“

Er verließ die Küche mit einem Scherzwort und schritt, plötzlich voll Ernst und Nachdenklichkeit, langsam unter den Kastanien hinweg.

Frau Veraguth überdachte nochmals jedes Wort, das der Arzt gesagt hatte, und kam nicht ins reine damit. Offenbar nahm er Pierres Unwohlsein ernster als bisher, doch hatte er eigentlich nichts Schlimmes gesagt und war so sachlich und ruhig gewesen, daß doch wohl keine ernstliche Gefahr bestand. Es schien ein Zustand von Schwäche und Nervosität zu sein, den man mit Geduld und guter Pflege abwarten mußte.

Sie ging ins Musikzimmer und schloß den Flügel ab, damit Albert sich nicht doch etwa einmal vergesse und unvermutet zu spielen beginne. Und sie besann sich, in welchen Raum man etwa das Instrument schaffen lassen könne, falls das länger dauern sollte.

Hin und wieder ging sie, nach Pierre zu sehen, öffnete vorsichtig seine Türe und horchte, ob er schlafe oder stöhne. Er lag jedesmal wach und blickte apathisch geradeaus, und traurig ging sie wieder fort. Sie hätte ihn lieber in Gefahr und Schmerzen gepflegt, statt ihn so verschlossen, verdrossen und gleichgültig liegen zu sehen; es schien ihr, eine seltsame, traumhafte Kluft trenne ihn von ihr, ein widerwärtig zäher Bann, den ihre Liebe und Sorge nicht zu brechen vermöge. Es war da ein gemeiner, hassenswerter Feind im Hinterhalt, dessen Art und dessen böse Absichten man nicht kannte und gegen den man keine Waffen besaß. Vielleicht bereitete sich da irgendein Fieber, ein Scharlach oder sonst eine Kinderkrankheit vor.

Bekümmert rastete sie eine Weile in ihrem Zimmer. Ein Strauß Spiräen fiel ihr ins Auge, sie bog sich über den runden Mahagonitisch, dessen rotbraunes Holz unter der weißen durchbrochenen Decke tief und warm leuchtete, und senkte das Gesicht mit geschlossenen Augen in die vielästigen, weichen, sommerlichen Blüten, deren starksüßer Duft, wie sie ihn voll einsog, auf seinem Grunde geheimnisvoll bitter schmeckte.

Indem sie sich, leicht betäubt, wieder aufrichtete und mit unbeschäftigten Augen auf die Blumen, auf den Tisch und durch das Zimmer blickte, stieg eine Woge von bitterer Traurigkeit in ihr auf. Sie schaute in einer plötzlichen Wachheit der Seele durch den Raum und an den Wänden hin, sie sah Teppich und Blumentisch, Uhr und Bilder auf einmal fremd und ohne Beziehungen, sie sah den Teppich aufgerollt, die Bilder verpackt und alles auf einen Wagen geladen, welcher alle diese Dinge, die nun keine Heimat und keine Seele mehr hatten, fort an einen neuen, unbekannten, gleichgültigen Ort bringen sollte. Sie sah Roßhalde leer mit geschlossenen Türen und Fenstern stehen und fühlte Verlassenheit und Abschiedsweh aus allen Beeten des Gartens starren.

Es waren nur Augenblicke. Es kam und ging wie ein leiser, doch dringender Ruf aus dem Dunkeln, wie ein flüchtig hereinfallendes, fragmentarisches Spiegelbild aus der Zukunft. Und deutlich stieg es ihr aus dem blinden Leben der Gefühle ins Bewußtsein: sie würde bald mit ihrem Albert und dem kranken Pierre ohne Heimat sein, ihr Mann würde sie verlassen, und ihr bliebe für alle Zeit die verlorene Dumpfheit und Kälte so vieler liebloser Jahre in der Seele liegen. Sie würde für die Kinder leben, aber sie würde nie das eigene, schöne Leben mehr finden, das sie einst von Veraguth erhofft und auf das sie einen heimlichen Anspruch noch bis gestern und heute in sich bewahrt und gehegt hatte. Dazu war es zu spät. Und sie fror vor Erkenntnis und Nüchternheit.

Aber alsbald setzte ihr gesundes Wesen sich zur Wehr. Es stand ihr eine unruhige und ungewisse Zeit bevor, Pierre war krank, und Alberts Ferien waren bald zu Ende. Es ging nicht, es ging schlechterdings nicht an, daß jetzt auch sie schlaff wurde und unterirdischen Stimmen folgte. Erst mußte Pierre wieder gesund und Albert abgereist und Veraguth in Indien sein, dann würde man weiter sehen, dann war es immer noch Zeit, das Schicksal anzuklagen und sich die Augen auszuweinen. Jetzt hatte das keinen Sinn, sie durfte nicht, es kam gar nicht in Betracht.

Sie stellte die Vase mit den Spiräen vors Fenster hinaus. Sie ging in ihr Schlafzimmer, goß Kölnisches Wasser auf ihr Taschentuch und wusch sich die Stirne damit, prüfte im Spiegel ihre strenge, straffe Frisur und ging mit ruhigen Schritten nach der Küche, um selbst einen Imbiß für Pierre zu rüsten.

Damit erschien sie später an des Kleinen Bett, setzte ihn aufrecht, schenkte seinen abwehrenden Gebärden keine Beachtung und löffelte ihm streng und aufmerksam das Eigelb ein. Sie wischte ihm den Mund ab und küßte ihn auf die Stirn, schüttelte sein Bett zurecht und redete ihm zu, lieb zu sein und zu schlafen.

Als nun Albert von einem Spaziergange heimkam, zog sie ihn mit sich auf die Veranda, wo der leichte Sommerwind in den straff gespannten, braun und weiß gestreiften Markisen knatterte.

„Der Arzt ist wieder dagewesen,“ erzählte sie. „Pierre sei mit den Nerven nicht in Ordnung, und nun muß er möglichst Ruhe haben. Es tut mir leid für dich, aber es darf zunächst im Hause gar nimmer Klavier gespielt werden. Ich weiß, es ist ein Opfer für dich, mein Junge. Vielleicht wäre es ganz klug, wenn du bei dem schönen Wetter für ein paar Tage verreisen würdest, in die Berge oder nach München? Papa hätte gewiß nichts dagegen.“

„Danke, Mama, das ist lieb von dir. Ich gehe vielleicht einmal einen Tag weg, aber nicht länger. Sonst hast du ja gar niemand, der bei dir ist, solang Pierre liegen muß. Und dann sollte ich ja jetzt auch mit der Schularbeit beginnen, ich habe die ganze Zeit bis jetzt gebummelt. – Wenn nur Pierre bald gesund wird!“

„Gut, Albert, das ist brav. Es ist jetzt wirklich keine leichte Zeit für mich, ich bin froh, dich da zu haben. Mit Papa kommst du ja nun auch wieder besser aus, nicht?“

„Ach ja, seit er sich zu der Reise entschlossen hat. Übrigens sehe ich ihn so wenig, er malt den ganzen Tag. Weißt du, manchmal tut es mir leid, daß ich oft häßlich gegen ihn war – er hat mich ja auch gequält, aber er hat etwas, was mir doch allemal wieder imponiert. Er ist ja furchtbar einseitig, und von Musik versteht er nicht viel, aber er ist doch ein großer Künstler und hat eine Lebensaufgabe. Das ist es, was mir so imponiert. Er hat ja nichts von seiner Berühmtheit, und von seinem Geld eigentlich auch recht wenig; es ist nicht das, wofür er arbeitet.“

Er zog die Stirn in Falten, nach Worten suchend. Aber er konnte sich nicht so, wie er wollte, ausdrücken, obwohl es ein genau bestimmtes Gefühl war. Die Mutter lächelte und strich ihm das Haar zurück.

„Wollen wir abends wieder miteinander Französisch lesen?“ fragte sie schmeichelnd.

Er nickte und lächelte nun auch, und im Augenblick schien es ihr töricht und unbegreiflich, daß sie noch vor kurzem nach einem anderen Schicksal hatte verlangen können, als danach, für ihre Söhne zu leben.

Fünfzehntes Kapitel

Kurz vor Mittag erschien Robert draußen am Waldrande bei seinem Herrn, um ihm das Malzeug heimtragen zu helfen. Veraguth hatte eine neue Studie fertig, die er selbst tragen wollte. Er wußte jetzt genau, wie das Bild werden mußte, und dachte es nun in wenigen Tagen zu zwingen.

„Morgen früh ziehen wir wieder aus,“ rief er vergnügt und zwinkerte mit ermüdeten Augen in die blendende Mittagswelt.

Robert knöpfte umständlich seinen Rock auf und zog ein Papier aus der Brusttasche. Es war ein etwas zerknittertes Kuwert ohne Aufschrift.

„Das soll ich abgeben.“

„Von wem?“

„Vom Herrn Sanitätsrat. Er hat um zehn Uhr nach Ihnen gefragt; aber er sagte, ich dürfe Sie nicht von der Arbeit wegholen.“

„Es ist gut. Vorwärts!“