Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen

Part 5

Chapter 53,752 wordsPublic domain

FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen müssens gewesen sein.

REBEKKA. Und wer, meinen Sie, konnte das gewesen sein.

FRAU HILSETH. O, ich weiß schon, was ich weiß. Aber Gott behüte meine Zunge ... In der Stadt, da gibts 'ne gewisse feine Dame, die -- hm!

REBEKKA. Ich sehs Ihnen an, Sie meinen Frau Kroll.

FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnäsig. Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n gutes Auge gehabt.

REBEKKA. Glauben Sie, daß Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie den Brief an Mortensgaard schrieb?

FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Fräulein, damit ists mannigmal 'ne wunderliche Sache. Ganz von Sinnen, glaub ich, war sie nicht.

REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstört, als sie erfuhr, sie könnte keine Kinder bekommen. Da kam der Wahnsinn zum Ausbruch.

FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag für die arme Frau.

REBEKKA (nimmt ihre Häkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster). Übrigens, glauben Sie nicht auch, Frau Hilseth, es war im Grunde gut für den Herrn Pastor?

FRAU HILSETH. Was denn, Fräulein?

REBEKKA. Daß keine Kinder da waren. Nicht wahr?

FRAU HILSETH. Hm, ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll.

REBEKKA. Sie können mir glauben, es war das beste für ihn. Pastor Rosmer ist nicht der Mann dazu, Kindergeschrei anzuhören.

FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Fräulein, schreien die kleinen Kinder nicht.

REBEKKA (sieht sie an). Schreien nicht?

FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit Menschengedenken niemals geschrien.

REBEKKA. Das ist doch merkwürdig.

FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber 's liegt in der Familie. Und dann ist da noch was merkwürdiges. Wenn sie grösser werden, lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben.

REBEKKA. Das wäre doch höchst seltsam --

FRAU HILSETH. Hat Fräulein den Herrn Pastor auch nur 'n einzigsmal lachen hören oder sehen?

REBEKKA. Ja, -- wenn ich darüber nachdenke, glaub ich fast, Sie haben recht. Aber mir scheint, hier in der Gegend lachen die Menschen überhaupt nicht viel.

FRAU HILSETH. Das tun Sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute, fings an. Und dann hat sich auch dies, denk ich mir, immer weiter verbreitet, wie so 'ne Art Ansteckung.

REBEKKA. Frau Hilseth, Sie sind eine kluge Frau.

FRAU HILSETH. Ach, Fräulein muß sich nicht über mir lustig machen --. (Lauscht.) St, st, -- da kommt der Herr Pastor runter. Den Flederwisch mag er hier drin nicht sehn.

(Sie geht durch die Tür rechts hinaus.)

(ROSMER kommt mit Hut und Stock in der Hand aus dem Vorzimmer.)

ROSMER. Guten Morgen, Rebekka.

REBEKKA. Guten Morgen, Lieber. (Kurze Pause; sie häkelt.) Willst du ausgehn?

ROSMER. Ja.

REBEKKA. Das Wetter ist ja so schön.

ROSMER. Heute morgen bist du nicht zu mir herauf gekommen.

REBEKKA. Nein, -- ich bin nicht gekommen. Heute nicht.

ROSMER. Willst du von jetzt an überhaupt nicht mehr kommen?

REBEKKA. O, das weiß ich noch nicht.

ROSMER. Ist etwas für mich angekommen?

REBEKKA. Das »Kreisblatt«.

ROSMER. Das »Kreisblatt« --!

REBEKKA. Da liegts auf dem Tische.

ROSMER (legt Hut und Stock fort). Steht etwas drin --?

REBEKKA. Ja.

ROSMER. Und du schickst es mir nicht hinauf --

REBEKKA. Du bekommst es noch früh genug zu lesen.

ROSMER. Ah so. (Nimmt das Blatt und liest, am Tische stehend). -- Was! -- -- »können nicht genug vor charakterlosen Überläufern warnen« --. (Sieht sie an). Rebekka, sie nennen mich einen Überläufer.

REBEKKA. Es ist kein Name genannt.

ROSMER. Das bleibt sich gleich. (Liest weiter). -- »heimliche Verräter an der guten Sache« --. -- »Judasnaturen, die frech ihren Abfall bekennen, sobald sie den geeigneten und -- profitabelsten Zeitpunkt gekommen glauben.« »Rücksichtsloses Attentat auf den Namen berühmter Ahnen« --. -- »in der Erwartung, daß die augenblicklichen Machthaber eine angemessne Belohnung nicht vorenthalten werden.« (Legt die Zeitung auf den Tisch). Und das schreiben sie von mir. Sie, die mich schon so lange und so genau kennen. Dinge, an die sie selbst nicht glauben. Dinge, von denen sie wissen, daß nicht ein einziges Wort daran wahr ist ... und doch schreiben sie es.

REBEKKA. Es steht noch mehr darin.

ROSMER (nimmt die Zeitung wieder auf). -- »die einzige Entschuldigung ist das schwache, wenig geübte Denkvermögen« --. -- »verderblicher Einfluß, der sich vielleicht noch auf andre Gebiete erstreckt; vor der Hand wollen wir den Herrn =des=halb öffentlich weder =be=klagen noch =an=klagen« --. (Sieht sie an). Was ist das?

REBEKKA. Das gilt mir, wie du siehst.

ROSMER (legt die Zeitung fort). Rebekka, -- so handeln nur unehrenhafte Männer.

REBEKKA. Ja, ich finde, sie sind Mortensgaard noch über.

ROSMER (geht auf und ab). Hier =muß= etwas geschehen. Alles was gut ist in den Menschen, wird erstickt, wenn dies so weitergeht. Aber das soll es nicht. O, wie froh, -- wie glücklich würd ich mich fühlen, könnt ich in diesen Abgrund von Finsternis und Häßlichkeit ein wenig Licht bringen.

REBEKKA (steht auf). Ja, nicht wahr, Rosmer? Das wäre für dich eine große herrliche Aufgabe.

ROSMER. Bedenke nur, könnt ich sie zur Selbsterkenntnis aufrütteln. Sie zur Reue und Scham über sich selbst bringen. Sie bewegen, Rebekka, sich einander in Verträglichkeit und Liebe zu nähern.

REBEKKA. Ja, setz all deine Kraft hierfür ein, und du sollst sehen, du gewinnst.

ROSMER. Mir scheint, es muß glücken. O, welche Freude es dann sein würde zu leben! Kein gehässiger Streit mehr. Nur noch Wettstreit. Alle Augen auf das eine Ziel gerichtet. Alle Triebe, alle Sinne vorwärts strebend, -- empor, -- jeder auf seinem eignen naturnotwendigen Wege. Das Glück aller, -- geschaffen durch alle. (Sieht zufällig durchs Fenster ins Freie, fährt zusammen und sagt traurig.) Ach! Nicht durch mich.

REBEKKA. Nicht --? Nicht durch dich?

ROSMER. Und auch nicht =für= mich.

REBEKKA. O, Rosmer, laß solche Zweifel nicht in dir aufkommen!

ROSMER. Glück, -- liebe Rebekka, -- Glück, das ist vor allen Dingen das stille frohe sichre Bewußtsein der Schuldlosigkeit.

REBEKKA (sieht vor sich hin). Ja, das mit der Schuld --.

ROSMER. O, darüber kannst =du= kaum urteilen. Aber ich --

REBEKKA. Du am allerwenigsten!

ROSMER (zeigt zum Fenster hinaus). Der Mühlbach!

REBEKKA. O, Rosmer --!

FRAU HILSETH (blickt durch die Tür rechts herein). Fräulein!

REBEKKA. Später, später. Jetzt nicht.

FRAU HILSETH. Nur auf ein Wort, Fräulein.

(REBEKKA geht nach der Tür. FRAU HILSETH teilt ihr etwas mit. Sie sprechen einen Augenblick flüsternd zusammen. FRAU HILSETH nickt und geht.)

ROSMER (unruhig). Wars etwas für mich?

REBEKKA. Nein, nur häusliche Dinge ... Nun solltest du etwas in die frische Luft gehen, lieber Rosmer. Einen recht weiten Spaziergang machen.

ROSMER (nimmt den Hut). Ja, komm. Dann gehn wir zusammen.

REBEKKA. Nein, Lieber, jetzt kann ich nicht. Du mußt allein gehn. Aber schüttle nun all diese schweren Gedanken von dir ab. Versprich mir das.

ROSMER. Ich fürchte, die kann ich niemals abschütteln.

REBEKKA. O, aber daß etwas so grundloses dich mit solcher Macht erfassen kann --!

ROSMER. Leider, -- so grundlos ist es nicht. Die ganze Nacht hab ich drüber nachgegrübelt. Beate hat vielleicht doch richtig gesehn.

REBEKKA. Worin, meinst du?

ROSMER. Richtig gesehn, als sie glaubte, ich liebte dich, Rebekka.

REBEKKA. Darin richtig gesehn!

ROSMER (legt den Hut auf den Tisch). Mir geht unaufhörlich die Frage im Kopf herum, ob wir beiden uns nicht während der ganzen Zeit selber getäuscht haben, als wir unser Verhältnis Freundschaft nannten.

REBEKKA. Meinst du vielleicht, es konnte ebensogut ein --

ROSMER. -- Liebesverhältnis genannt werden. Ja, Rebekka, das mein ich. Schon zu Beatens Lebzeiten warst du es, der ich all meine Gedanken gab. Du allein warst es, nach der mich verlangte. Bei dir nur empfand ich diese ruhige frohe wunschlose Glückseligkeit. Wenn wirs richtig bedenken, Rebekka: unser Zusammenleben begann wie eine süße heimliche Kinderverliebtheit. Ohne Verlangen und ohne Träumerei. Sage mir: empfandest du es auch in solcher Weise?

REBEKKA (kämpft mit sich). O, -- ich weiß nicht, was ich dir antworten soll.

ROSMER. Und dies innre Leben ineinander und für einander hielten wir für Freundschaft. Nein, Rebekka, -- unser Verhältnis war eine geistige Ehe -- vielleicht gleich von den ersten Tagen an. Darum hab ich mich mit einer Schuld belastet. Ich hatte kein Recht dazu, -- durfte nicht, Beatens wegen.

REBEKKA. Du durftest nicht glücklich sein? Glaubst du das, Rosmer?

ROSMER. Sie betrachtete unser Verhältnis mit den Augen =ihrer= Liebe. Beurteilte es nach =ihrer= Art zu lieben. Natürlich. Beate konnte nicht anders urteilen.

REBEKKA. Aber wie kannst du =dich= anklagen wegen Beatens Irrtum!

ROSMER. Weil sie mich, -- in =ihrer= Weise, -- liebte, ging sie in den Mühlbach. =Die= Tatsache, Rebekka, steht fest. Darüber komm ich niemals hinweg.

REBEKKA. Ach, denk doch an weiter nichts als an die große schöne Aufgabe, für die du dein Leben eingesetzt hast!

ROSMER (schüttelt den Kopf). Die kann wohl nie durchgeführt werden. Nicht von mir. Jetzt nicht mehr, nachdem ich dies erfahren habe.

REBEKKA. Warum nicht von dir?

ROSMER. Weil man niemals eine Sache zum Siege führen kann, die ihren Ursprung in einem Verbrechen hat.

REBEKKA (leidenschaftlich). O, diese Zweifel, diese Skrupel, diese Angst -- das sind angeborne Familienfehler! Nach dem Gerede der Leute kehren hier die Toten zurück als jagende weiße Rosse. Ich glaube, dies ist etwas ähnliches.

ROSMER. Mag sein. Aber was nützt mir das, wenn ich nun einmal nicht darüber hinwegkommen kann? Und glaube mir, Rebekka: es ist so, wie ich sage. Die Sache, die zum bleibenden Sieg geführt werden soll, -- die muß von einem frohen schuldlosen Manne getragen werden.

REBEKKA. Ist denn =dir=, Rosmer, die Freude ganz und gar unentbehrlich?

ROSMER. Die Freude? Ja, -- das ist sie.

REBEKKA. Dir, der niemals lachen kann?

ROSMER. Trotzdem. Glaube mir, ich hab viel Talent zur Fröhlichkeit.

REBEKKA. Jetzt geh, lieber Freund. Weit, -- ganz weit. Hörst du?... Sieh, hier ist dein Hut. Und hier hast du den Stock.

ROSMER (nimmt Hut und Stock). Danke. Und du gehst nicht mit?

REBEKKA. Nein nein, jetzt ich kann nicht.

ROSMER. Ja, ja. Nun, du weißt, du bist trotzdem bei mir.

(Er geht durch das Vorzimmer hinaus. Kurz darauf lugt REBEKKA hinter der offnen Tür her hinaus. Dann geht sie nach der Tür rechts.)

REBEKKA (öffnet und sagt halblaut). So, Frau Hilseth. Nun können Sie ihn hereinlassen.

(Sie geht nach dem Fenster. Kurz darauf kommt KROLL von rechts. Er grüsst stumm und gemessen und behält den Hut in der Hand.)

KROLL. Er ist also ausgegangen?

REBEKKA. Ja.

KROLL. Pflegt er weit zu gehn?

REBEKKA. O ja. Aber heut ist er so unberechenbar. Wenn Sie ihn also nicht treffen wollen --

KROLL. Nein nein. Ich wünsche nur Sie zu sprechen. Und zwar ganz allein.

REBEKKA. Dann ists am besten, wir nutzen die Zeit aus. Nehmen Sie Platz, Herr Rektor.

(Sie setzt sich auf den Lehnstuhl am Fenster. KROLL setzt sich auf einen Stuhl neben ihr.)

KROLL. Fräulein West, -- Sie können sich wohl kaum eine Vorstellung davon machen, wie tief es mich schmerzt, dieses -- diese Veränderung, die mit Johannes Rosmer vor sich gegangen ist.

REBEKKA. Wir waren darauf vorbereitet, daß es Ihnen sehr zu Herzen gehn würde -- das heißt im Anfang.

KROLL. Nur im Anfang?

REBEKKA. Rosmer hegte die sichre Hoffnung, früher oder später würden Sie auf seine Seite treten.

KROLL. Ich!

REBEKKA. Sie und all seine andern Freunde.

KROLL. Ja, da sehn Sies! So schwach ist sein Verstand in allem, was die Menschen und das praktische Leben betrifft.

REBEKKA. Übrigens, -- wenns ihm nun einmal ein Bedürfnis ist, sich nach jeder Richtung hin frei zu machen --

KROLL. Ja aber, sehn Sie, -- grade das glaub ich nicht.

REBEKKA. Was glauben Sie denn?

KROLL. Ich glaube: hinter alledem stecken =Sie=.

REBEKKA. Das haben Sie von Ihrer Frau, Herr Rektor.

KROLL. Das ist gleichgültig, woher ichs habe. Aber so viel steht fest: wenn ich mir alles überlege und mir Ihr ganzes Verhalten zu erklären suche seit dem Augenblick, da Sie nach Rosmersholm kamen, dann erwacht in mir ein starker Verdacht, -- ein außerordentlich starker Verdacht.

REBEKKA (sieht ihn an). Ich glaube mich zu erinnern, lieber Rektor, es gab eine Zeit, da hegten Sie ein außerordentlich starkes =Vertrauen= zu mir. Ein =warmes= Vertrauen, hätt ich bald gesagt.

KROLL (gedämpft). Wen vermochten Sie nicht zu behexen, -- wenn Sies drauf anlegten?

REBEKKA. Legt ichs denn darauf an, Sie --!

KROLL. Jawohl, das taten Sie. Jetzt bin ich nicht mehr so'n Narr, mir einzubilden, es sei irgend ein Gefühl mit im Spiel gewesen. Sie wollten sich einfach hier auf Rosmersholm Eingang verschaffen. Sich hier festsetzen. Und dabei sollt ich Ihnen behülflich sein. Nun seh ichs.

REBEKKA. Sie haben also vollständig vergessen, daß es Beate war, die mich bat und anflehte, hierher zu kommen.

KROLL. Ja, als Sie die ebenfalls behext hatten. Oder kann man das Gefühl, das Beate für Sie empfand, vielleicht Freundschaft nennen? Es schlug um in Vergötterung, -- in Anbetung. Es artete aus in, -- wie soll ichs nennen? -- in eine Art verzweifelter Verliebtheit. Ja, das ist das richtige Wort.

REBEKKA. Sie wollen sich gütigst erinnern, in welchem Zustand sich Ihre Schwester befand. Was mich betrifft, so glaub ich nicht, daß man mich der Überspanntheit beschuldigen kann.

KROLL. Nein wahrhaftig nicht. Aber desto gefährlicher werden Sie denen, die Sie in Ihre Gewalt haben wollen. Es fällt Ihnen so leicht, mit Überlegung und voller richtiger Berechnung zu handeln, -- eben weil Ihr Herz kalt ist.

REBEKKA. Kalt? Wissen Sie das bestimmt?

KROLL. Jetzt weiß ichs ganz bestimmt. Sonst hätten Sie hier nicht jahrelang Ihr Ziel mit so unerschütterlicher Sicherheit verfolgen können. Ja ja, -- Sie haben erreicht, was Sie erreichen wollten. Nicht bloß ihn, -- alles hier haben Sie in Ihre Gewalt bekommen. Aber um dies alles durchzusetzen, sind Sie nicht davor zurückgeschreckt, ihn unglücklich zu machen.

REBEKKA. Das ist nicht wahr! Nicht ich, Sie selbst haben ihn unglücklich gemacht.

KROLL. Ich!

REBEKKA. Ja Sie! -- indem Sie ihm den Wahn in den Kopf setzten, er wäre schuld an Beatens schrecklichem Ende.

KROLL. Ah, es hat ihn also doch gepackt?

REBEKKA. Das können Sie sich doch denken. Ein so weiches Gemüt --

KROLL. Ich glaubte, ein sogenannter Freigewordner wär über all solche Skrupel erhaben ... So also stehts mit uns! Ach ja, -- offen gesagt: das hab ich erwartet. Der Nachkomme jener Männer, die von den Wänden dort auf uns herabschauen, -- es gelingt ihm nicht, sich von all dem loszureißen, was von Geschlecht zu Geschlecht sich auf ihn vererbt hat.

REBEKKA (sieht gedankenvoll vor sich hin). Ja, Johannes Rosmer ist mit sehr starken Wurzeln an sein Geschlecht gebunden. Das ist wahr.

KROLL. Und darauf hätten Sie Rücksicht nehmen müssen, wenn Sie ein Herz für ihn gehabt hätten. Aber derartige Rücksichten konnten Sie nicht gut nehmen. Ihre Voraussetzungen sind von den seinen ja so himmelweit verschieden.

REBEKKA. Welche Voraussetzungen meinen Sie?

KROLL. Ich meine die Voraussetzungen, Fräulein West, die sich auf die Familie, -- die Geburt beziehen.

REBEKKA. Ah so. Ja, das ist wahr, -- ich bin von sehr geringer Herkunft. Aber trotzdem --

KROLL. Ich spreche nicht von Stand und Stellung. Ich denke an die sittlichen Voraussetzungen.

REBEKKA. Sittlichen Voraussetzungen --? In welcher Beziehung?

KROLL. Inbezug auf Ihre Geburt.

REBEKKA. Was sagen Sie!

KROLL. Ich sag es ja nur, weil das Ihr ganzes Verhalten erklärt.

REBEKKA. Ich versteh Sie nicht. Ich verlange eine klare offne Erklärung!

KROLL. Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie noch eine Erklärung brauchten. Sonst wärs doch seltsam, daß Sie sich von Doktor West adoptieren ließen --

REBEKKA (steht auf). Ah so! Jetzt versteh ich.

KROLL. -- daß Sie seinen Namen annahmen. Ihre Mutter hieß Gamwik.

REBEKKA (geht im Zimmer umher). Mein Vater hieß Gamwik, Herr Rektor.

KROLL. Der Beruf Ihrer Mutter brachte sie naturgemäß mit dem Kreisarzt in beständige Verbindung.

REBEKKA. Da haben Sie recht.

KROLL. Und da nimmt er Sie zu sich, -- gleich nach dem Tode Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen einzigen Schilling hinterlassen wird. Sie bekamen ja auch bloß einen Kasten voll Bücher. Und doch halten Sie bei ihm aus. Haben Geduld mit ihm. Pflegen ihn bis an sein Ende.

REBEKKA (am Tische, sieht ihn höhnisch an). Und daß ich dies alles tat, -- das erklären Sie sich daraus, daß an meiner Geburt etwas unsittliches haftet, -- etwas verbrecherisches!

KROLL. Was Sie für ihn taten, führ ich auf einen unbewußten kindlichen Instinkt zurück. Übrigens wurde Ihr ganzes Verhalten durch Ihre Herkunft bestimmt.

REBEKKA (heftig). Aber da ist nicht ein wahres Wort an dem, was Sie da sagen! Und das kann ich beweisen! Denn Doktor West war noch garnicht in der Finnmark, als ich geboren wurde.

KROLL. Bitt um Entschuldigung, -- Fräulein. Er kam in dem Jahr vorher. Das hab ich festgestellt.

REBEKKA. Und ich sag Ihnen: Sie irren! Irren vollständig!

KROLL. Sie sagten gestern, Sie wären neunundzwanzig. Gingen ins dreißigste.

REBEKKA. So? Sagt ich das?

KROLL. Allerdings. Und danach kann ich berechnen, daß --

REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen nützen Ihnen nichts. Denn ich kanns Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein Jahr älter als ich mich ausgebe.

KROLL (lächelt ungläubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das?

REBEKKA. Als ich fünfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, -- unverheiratet wie ich war, -- ich würde zu alt. Und so begann ich ein Jahr abzulügen.

KROLL. Sie? Eine Freigewordne? =Sie= hegen noch Vorurteile inbezug auf das heiratsfähige Alter?

REBEKKA. Ja, 's war grützdumm, -- und obendrein lächerlich. Aber dies und jenes, von dem man sich nicht losmachen kann, bleibt immer an einem haften. Wir sind nun mal so.

KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor West war ein Jahr vor seiner Anstellung zu einem flüchtigen Besuch da oben in der Finnmark.

REBEKKA (leidenschaftlich). Das ist nicht wahr!

KROLL. Das ist nicht wahr?

REBEKKA. Nein. Denn davon hat mir meine Mutter nie etwas erzählt.

KROLL. Wirklich nicht?

REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe!

KROLL. Könnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein Jahr zu überspringen? Grad so wie =Sie= eins übersprungen haben. Das ist vielleicht ein Familienzug.

REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hände). Das ist unmöglich. Das wollen Sie mir nur einreden. Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer! In alle Ewigkeit nicht --!

KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum in Himmels Namen nehmen Sies in der Weise? Sie erschrecken mich förmlich! Was soll ich da glauben und denken --!

REBEKKA. Nichts. Sie sollen weder was glauben noch denken.

KROLL. Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie diese Sache, -- diese Möglichkeit sich so zu Herzen nehmen.

REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natürlich, Herr Rektor. Ich habe nicht Lust, hier als ein uneheliches Kind zu gelten.

KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, -- vorläufig, -- bei dieser Erklärung. Aber dann haben Sie sich ja also auch in diesem Punkte noch ein gewisses -- Vorurteil bewahrt.

REBEKKA. Das scheint so.

KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem meisten von dem, was Sie Ihre Befreiung nennen. Sie haben sich einen ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie wissen einigermaßen Bescheid über die Forschungen auf verschiednen Gebieten, -- Forschungen, die manches von dem, was bisher bei uns als unumstößlich und unangreifbar galt, umzustoßen scheinen. Aber dies alles, Fräulein West, ist bei Ihnen nur bloßes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist Ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen.

REBEKKA (nachdenklich). Möglich, daß Sie recht haben.

KROLL. Ja, prüfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es so mit Ihnen steht, kann man sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrücktheit, -- es heißt schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich als Abtrünnigen bekennen will! Bedenken Sie, -- er mit diesem scheuen Gemüt! Stellen Sie sich =ihn= vor als verstoßen, -- verfolgt von dem Kreise, dem er bisher angehört hat. Rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt von den besten unsrer Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem die Stirn zu bieten.

REBEKKA. All dem =muß= er die Stirn bieten! Jetzt ist es für ihn zu spät, sich zurückzuziehen.

KROLL. Zu spät? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist, kann totgeschwiegen, -- oder doch jedenfalls als eine bloß vorübergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklärt werden. Aber -- =eine= Verhaltungsmaßregel ist freilich unumgänglich notwendig.

REBEKKA. Und die wäre?

KROLL. Fräulein West, Sie müssen ihn veranlassen, das Verhältnis zu legalisieren.

REBEKKA. Das Verhältnis, in dem er zu mir steht?

KROLL. Ja, Sie müssen sehn, daß Sie ihn dazu bewegen.

REBEKKA. Sie können sich also gar nicht von der Ansicht frei machen, unser Verhältnis bedürfe der -- Legalisierung, wie Sies nennen?

KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehn. Allerdings aber glaub ich beobachtet zu haben, daß man =dort= am leichtesten mit allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um -- hm.

REBEKKA. Um das Verhältnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie?

KROLL. Ja, -- offen gestanden, -- das glaub ich.

REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor Kroll, beinah hätt ich gesagt, -- möchten Sie nur recht haben.

KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton.

REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, -- da kommt er.

KROLL. Schon! Dann geh ich.

REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas erfahren.

KROLL. Jetzt nicht. Ich ertrag es nicht, ihn jetzt zu sehn.

REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden Sie es später bereuen. Es ist das letzte Mal, daß ich Sie um etwas bitte.

KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Fräulein West. Es mag sein.

(Eine Weile ist es still. Dann kommt ROSMER aus dem Vorzimmer.)

ROSMER (erblickt den Rektor, bleibt in der Tür stehen). Was! -- =du= hier!

REBEKKA. Am liebsten wär er dir nicht begegnet, Rosmer.

KROLL (unwillkürlich). Dir!

REBEKKA. Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich -- wir duzen uns. Unser Verhältnis hat das so mit sich gebracht.

KROLL. Wars =das=, was ich erfahren sollte?

REBEKKA. Das und -- noch etwas.

ROSMER (kommt näher). Was ist der Zweck des heutigen Besuches?

KROLL. Ich wollte noch einmal versuchen, dich aufzuhalten und zurückzugewinnen.

ROSMER (zeigt auf die Zeitung). Nach dem, was =dort= steht?

KROLL. Ich habs nicht geschrieben.

ROSMER. Hast du Schritte getan, es zu verhindern?

KROLL. Das wär ein unverantwortlicher Verrat gewesen an der Sache, der ich diene. Auch stand es nicht in meiner Macht.

REBEKKA (reisst die Zeitung in Stücke, ballt diese zusammen und wirft sie hinter den Ofen). So. Nun ists aus den Augen. Und entfern es auch aus deinen Gedanken. Denn etwas der Art, Rosmer, kommt nicht wieder.

KROLL. Ach ja, brächten Sie =das= fertig --

REBEKKA. Komm, Lieber, setzen wir uns. Alle drei. Dann will ich alles sagen.

ROSMER (setzt sich unwillkürlich). Rebekka, was ist mit dir vorgegangen! Diese unheimliche Ruhe --. Was bedeutet das?

REBEKKA. Diese Ruhe bedeutet, daß ich einen Entschluß gefaßt habe. (Setzt sich.) Nehmen Sie ebenfalls Platz, Herr Rektor.

(KROLL setzt sich auf das Sofa.)

ROSMER. Einen Entschluß, sagst du! Welchen Entschluß?

REBEKKA. Ich will dir wiedergeben, was du brauchst, um das Leben zu ertragen. Du sollst deine frohe Schuldlosigkeit zurückerhalten, lieber Freund.

ROSMER. Aber was hat dies zu bedeuten!