Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen
Part 4
MORTENSGAARD. Ja, Sie können überzeugt sein, viel richten Sie dann hier in der Gegend nicht aus. Und zudem, -- Freidenker haben wir schon genug auf Lager, Herr Pastor. Ich möchte sagen, -- wir haben schon viel zu viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das christliche Element, -- etwas, wovor alle Respekt haben müssen. Daran aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das ratsamste, Sie behalten sorgfältig alles für sich, was die Öffentlichkeit nichts angeht... Das ist meine Ansicht von der Sache.
ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies nicht, sich mit mir einzulassen?
MORTENSGAARD (schüttelt den Kopf). Ich tät es sehr ungern, Herr Pastor. In der letzten Zeit hab ichs mir zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache oder Person zu unterstützen, die den christlichen Dingen zu Leibe will.
ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche zurückgekehrt?
MORTENSGAARD. Das ist eine Sache für sich.
ROSMER. Aha, so also verhält es sich. Jetzt versteh ich Sie.
MORTENSGAARD. Herr Pastor, -- Sie dürfen nicht vergessen, daß ich -- vor allem ich, -- keine freie Hand habe.
ROSMER. Was bindet Sie denn?
MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, daß ich ein Gebrandmarkter bin.
ROSMER. Ah, -- ja so.
MORTENSGAARD. Ein Gebrandmarkter, Herr Pastor. Sie namentlich dürfen das nicht vergessen. Denn Sie vor allem waren es, der mir das Brandmal aufdrückte.
ROSMER. Hätt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich hätt Ihr Vergehen mit behutsamern Händen angefaßt.
MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spät. Sie haben mich ein für allemal gebrandmarkt. Gebrandmarkt für mein ganzes Leben. Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas zu bedeuten hat. Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun selber zu fühlen.
ROSMER. Ich!
MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, daß Rektor Kroll und sein Anhang für ein Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und das »Kreisblatt« soll, wie es heißt, nun sehr blutig werden. 'S kann leicht kommen, daß auch Sie ein Gebrandmarkter werden.
ROSMER. Ich fühle mich, was das Persönliche betrifft, vollständig unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein Lebenswandel bietet keine Angriffspunkte.
MORTENSGAARD (mit ruhigem Lächeln). Das ist ein großes Wort, Herr Pastor.
ROSMER. Mag sein; aber ich habe das Recht, es auszusprechen.
MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so gründlich prüfen, wie Sie einst den meinen prüften?
ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentümlichen Ton. Worauf spielen Sie an? Auf etwas bestimmtes?
MORTENSGAARD. Ja, auf =eine= bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber die dürfte schlimm genug werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon erhalten.
ROSMER. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, was es ist?
MORTENSGAARD. Können der Herr Pastor es nicht selbst erraten?
ROSMER. Nein; durchaus nicht. Ganz und garnicht.
MORTENSGAARD. Ja ja; dann muß ich wohl mit der Sprache heraus ... In meinem Besitz befindet sich ein seltsamer Brief, der hier auf Rosmersholm geschrieben ist.
ROSMER. Fräulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam?
MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab ich mal einen andern Brief erhalten.
ROSMER. Ebenfalls von Fräulein West?
MORTENSGAARD. Nein, Herr Pastor.
ROSMER. Nun, von wem denn? Von wem?
MORTENSGAARD. Von Ihrer seligen Gattin.
ROSMER. Von meiner Frau! =Sie= haben von meiner Frau einen Brief erhalten!
MORTENSGAARD. Jawohl.
ROSMER. Wann?
MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es mag jetzt etwa anderthalb Jahr her sein. Eben diesen Brief nenn ich seltsam.
ROSMER. Sie wissen doch, daß meine Frau zu der Zeit geisteskrank war.
MORTENSGAARD. Ich weiß, daß viele das glaubten. Aber ich meine, dem Briefe konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich den Brief seltsam nenne, so mein ich etwas andres damit.
ROSMER. Über was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben können?
MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr damit, daß sie in großer Furcht und Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen wären nur darauf bedacht, Ihnen Ärger und Schaden zu bereiten.
ROSMER. Mir?
MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll ich es sagen, Herr Pastor?
ROSMER. Ja, gewiß! Alles. Ohne jeden Rückhalt.
MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwört mich, großmütig zu sein. Sie wisse, sagt sie, daß es der Herr Pastor gewesen, der meine Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich möchte mich nicht rächen.
ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, daß Sie sich rächen könnten?
MORTENSGAARD. In dem Briefe heißt es: wenn mir Gerüchte über ein sündiges Treiben auf Rosmersholm zu Ohren kommen sollten, so möchte ich alledem nicht trauen; denn bloß schlechte Menschen sprengten solche Gerüchte aus, um Sie unglücklich zu machen.
ROSMER. Steht das in dem Briefe!
MORTENSGAARD. Der Herr Pastor können ihn gelegentlich selbst lesen.
ROSMER. Aber ich begreife nicht --! Und auf =was= liefen, -- nach ihrer Einbildung, -- die bösen Gerüchte hinaus?
MORTENSGAARD. Zunächst darauf, daß der Herr Pastor von dem Glauben seiner Kindheit abgefallen sei. Das leugnete Ihre selige Gattin =damals= auf das bestimmteste. Und dann -- hm --
ROSMER. Dann?
MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, -- in etwas konfuser Weise, -- von einem sündhaften Verhältnis auf Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerüchte umliefen, so bitte sie mich dringend, im »Leuchtturm« keine Notiz davon zu nehmen.
ROSMER. Wird kein Name genannt?
MORTENSGAARD. Nein.
ROSMER. Wer brachte Ihnen den Brief?
MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er wurde mir eines Abends in der Dämmrung gebracht.
ROSMER. Hätten Sie sich sofort erkundigt, würden Sie erfahren haben, daß meine arme unglückliche Frau nicht ganz zurechnungsfähig war.
MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich muß bekennen, einen =solchen= Eindruck erhielt ich nicht.
ROSMER. Nicht?... Aber warum klären Sie mich denn eigentlich jetzt über diesen alten konfusen Brief auf?
MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr Pastor.
ROSMER. In meinem Lebenswandel, meinen Sie?
MORTENSGAARD. Ja. Sie müssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdächtig.
ROSMER. Ich verdächtig! Sie halten also daran fest, ich hätte etwas zu verheimlichen?
MORTENSGAARD. Ich wüßte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen sollte, sein Leben so vollständig wie möglich auszuleben. Aber, wie gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal über den Herrn Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden Vorurteile verstieße, so können Sie überzeugt sein, die ganze freie Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie wohl, Herr Pastor.
ROSMER. Leben Sie wohl.
MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«.
ROSMER. Bringen Sie alles hinein.
MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu wissen braucht.
(Er grüsst und geht. ROSMER bleibt in der Tür stehen, während er die Treppe hinunter geht. Man hört, wie, die Haustür geschlossen wird.)
ROSMER (in der Tür, ruft gedämpft). Rebekka! Re--. Hm. (Laut.) Frau Hilseth, -- ist Fräulein West nicht unten?
FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist sie nicht.
(Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA wird in der Türöffnung sichtbar.)
REBEKKA. Rosmer!
ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was hast du da gemacht?
REBEKKA (geht zu ihm). Ich habe gehorcht.
ROSMER. Aber, Rebekka, wie konntest du das!
REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das über mein Hauskleid --
ROSMER. Ah, du warst auch darin, als Kroll --?
REBEKKA. Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde führte.
ROSMER. Ich hätt es dir erzählt.
REBEKKA. Du hättest mir wohl kaum alles erzählt. Und gewiß nicht mit seinen eignen Worten.
ROSMER. Hast du denn alles gehört?
REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mußt ich einen Augenblick hinunter.
ROSMER. Und dann gingst du wieder hinauf --
REBEKKA. Nimm mirs nicht übel, lieber Freund.
ROSMER. Tu alles, was du für recht und richtig hältst! Du hast ja deine volle Freiheit ... Aber was sagst du dazu, Rebekka --? O, mir ist, als hätt ich deiner noch niemals so sehr bedurft wie jetzt!
REBEKKA. Wir waren ja beide darauf vorbereitet, da es doch einmal kommen müßte.
ROSMER. Nein nein, -- hierauf nicht!
REBEKKA. Hierauf nicht?
ROSMER. Wohl hatt ich mir zuweilen gedacht, unser schönes reines Freundschaftsverhältnis könnte früher oder später verdächtigt oder beschmutzt werden. Nicht von Kroll. Von ihm hätt ich mir so etwas niemals denken können. Aber von all den vielen mit den rohen Sinnen und den unedlen Augen. Ach ja, du, -- ich hatte guten Grund dazu, wenn ich so eifersüchtig einen Schleier über unsern Bund breitete. Es war ein gefährliches Geheimnis.
REBEKKA. Ach, warum sich darum kümmern, was all die andern sagen oder denken! Wir wissens ja doch, daß wir frei von Schuld sind.
ROSMER. Ich? Frei von Schuld? Ja, das glaubt ich allerdings -- bis heute. Aber jetzt, -- jetzt, Rebekka --
REBEKKA. Was ist denn jetzt?
ROSMER. Wie soll ich mir Beatens schreckliche Anklage erklären?
REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht mehr an Beaten! Endlich war es dir so schön geglückt, von ihr, der Toten loszukommen --
ROSMER. Seit ich dies erfahren habe, ist mirs, als stände sie wieder in unheimlicher Leibhaftigkeit vor mir.
REBEKKA. Ach nein, Rosmer, -- nein, nein! Sprich nicht so!
ROSMER. Doch, doch!... Diesem Geheimnis müssen wir auf den Grund zu kommen suchen. Wie kann sie sich nur in diesen unheilvollen Irrtum verstrickt haben?
REBEKKA. Du beginnst doch wohl nicht selbst daran zu zweifeln, daß sie fast wahnsinnig war?
ROSMER. Ach ja, Rebekka, -- das ists grade, wovon ich nicht mehr so ganz fest überzeugt sein kann. Und zudem, wäre sie das auch gewesen --
REBEKKA. Wäre sie das auch gewesen --! Ja, was dann?
ROSMER. Ich meine, -- wo sollen wir den entscheidenden Grund dafür suchen, daß ihre krankhafte Gemütsstimmung in Wahnsinn überging?
REBEKKA. Aber wozu denn über so unlösbaren Rätseln brüten!
ROSMER. Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese nagenden Zweifel nicht von mir abschütteln, so gern ich auch möchte.
REBEKKA. Aber das kann ja gefährlich werden -- dies ewige Herumkreisen um diesen einen unglückseligen Gegenstand.
ROSMER (geht unruhig und gedankenvoll umher). Auf die ein oder andre Weise muß ich mich verraten haben. Sie muß es gemerkt haben, wie glücklich ich mich zu fühlen anfing seit dem Augenblick, da =du= zu uns ins Haus kamst.
REBEKKA. Ja aber, Bester, selbst wenn das wirklich der Fall wäre --!
ROSMER. Denn siehst du, -- es ist ihr nicht entgangen, daß wir dieselben Bücher lasen. Daß wir einander suchten und zusammen sprachen von all den neuen Dingen. Aber ich begreif es nicht! Denn um sie zu schonen, war ich so vorsichtig. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätt ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, sie von all dem, was uns interessierte, fern zu halten. Oder tat ich das nicht, Rebekka?
REBEKKA. Ja ja, gewiß tatest du das.
ROSMER. Und du auch. Und dennoch --! O, der Gedanke daran ist schrecklich! Sie ist also hier umhergegangen, -- mit ihrem Herzen voll krankhafter Liebe, -- schweigend, immer schweigend, -- hat uns beobachtet, bewacht, -- auf alles geachtet, und -- und alles mißdeutet!
REBEKKA (ringt die Hände). O, wär ich doch niemals nach Rosmersholm gekommen!
ROSMER. Ach, wenn ich das alles bedenke, was sie stumm gelitten hat! All das häßliche, was ihr krankes Hirn aufbaute und mit uns in Verbindung brachte!... Hat sie niemals mit dir über etwas gesprochen, das dich auf eine Art Spur hätte bringen können?
REBEKKA (wie aufgejagt). Mit mir! Glaubst du, dann wär ich auch nur noch einen Tag hier geblieben?
ROSMER. Nein nein, das versteht sich!... O, welchen Kampf muß sie gekämpft haben! Und sie kämpfte allein, Rebekka ... Verzweifelt und ganz allein ... Und dann zum Schluß dieser erschütternde -- anklagende Sieg -- im Mühlbach. (Er wirft sich auf den Stuhl am Schreibtisch, stützt die Ellbogen auf den Tisch und bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
REBEKKA (nähert sich ihm behutsam von hinten). Nun höre, Rosmer. Wenn es in deiner Macht stände, Beate zurückzurufen -- zu dir -- nach Rosmersholm, -- würdest du es dann tun?
ROSMER. Ach, was weiß ich, was ich tun oder nicht tun würde! Ich habe keine Gedanken für etwas andres als dies eine, -- das unwiderruflich ist.
REBEKKA. Du solltest nun wieder anfangen zu leben. Ja du hattest schon angefangen. Du hattest dich vollständig frei gemacht -- nach allen Seiten. Dir war so froh und so leicht zu Mut --
ROSMER. Ach ja, du, -- so froh und so leicht ... Und da kommt dieser zermalmende Schlag.
REBEKKA (hinter ihm, mit den Armen auf der Stuhllehne). Wie schön war es, wenn wir abends in der Dämmrung unten im Zimmer saßen. Und dann gemeinschaftlich die neuen Lebenspläne zurechtlegten. Du wolltest in das lebendige Leben eingreifen, -- in das lebendige Leben des Tages, -- wie du sagtest. Wie ein befreiender Gast wolltest du von Haus zu Haus wandern. Den Geist und den Willen der Menschen für dich gewinnen. Adelsmenschen schaffen rings um dich her, -- in weitern, immer weitern Kreisen. Adelsmenschen.
ROSMER. Frohe Adelsmenschen.
REBEKKA. Ja -- frohe.
ROSMER. Denn die Freude ist es, die die Geister adelt, Rebekka.
REBEKKA. Meinst du -- der Schmerz nicht auch? Der große Schmerz?
ROSMER. Ja, -- wenn man durch den Schmerz hindurch kommen kann. Darüber hinweg.
REBEKKA. Und =das= mußt du.
ROSMER (schüttelt traurig den Kopf). Ich werde niemals ganz darüber hinweg kommen. Immer wird ein Zweifel zurückbleiben. Eine Frage. Niemals werd ich wieder in dem schwelgen können, was das Leben so wunderbar schön macht.
REBEKKA (über der Stuhllehne, leiser). Und was ist das?
ROSMER (blickt zu ihr auf). Die stille frohe Schuldlosigkeit.
REBEKKA (weicht einen Schritt zurück). Ja. Die Schuldlosigkeit.
(Kurze Pause.)
ROSMER (mit dem Ellbogen auf dem Tische, stützt den Kopf in die Hand und blickt vor sich hin). Und dann, wie sie zu kombinieren verstand. Wie systematisch sie es zusammenfügte ... Erst beginnt sie Zweifel zu hegen an meiner Rechtgläubigkeit --. Wie sie zu der Zeit =dar=auf verfallen konnte! Aber sie verfiel darauf. Und dann wuchs es zur Gewißheit. Und dann, -- ja dann war es ihr ja so leicht, all das andre für möglich zu halten. (Richtet sich im Stuhl auf und fährt sich mit den Händen durch das Haar.) O, all diese wilden Phantasien! Niemals werd ich mich von ihnen befreien. Das fühl ich lebhaft. Das weiß ich. Jeden Augenblick werden sie auf mich einstürmen und mich an die =Tote= erinnern.
REBEKKA. Wie das weiße Roß auf Rosmersholm.
ROSMER. In derselben Weise. In der Finsternis dahinsausend. In nächtlicher Stille.
REBEKKA. Und wegen dieses unseligen Hirngespinstes willst du das lebendige Leben, das du schon erfaßt hattest, wieder fahren lassen?
ROSMER. Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber es steht nicht in meiner Macht zu wählen. Wie könnt ich wohl jemals hierüber hinweg kommen!
REBEKKA (hinter dem Stuhl). Dadurch, daß du dir neue Verhältnisse schaffst.
ROSMER (stutzt, blickt auf). Neue Verhältnisse!
REBEKKA. Ja, neue Beziehungen zur Welt da draußen. Leben, schaffen, handeln. Nicht hier sitzen und grübeln und brüten über unlösbaren Rätseln.
ROSMER (steht auf). Neue Verhältnisse? (Er geht durch das Zimmer, bleibt an der Tür stehn und kommt dann zurück.) Da geht mir ein Gedanke durch den Kopf. Ist dir, Rebekka, dieser Gedanke nicht auch schon gekommen?
REBEKKA (atmet schwer). Laß mich -- wissen -- was es ist.
ROSMER. Wie, glaubst du, wird nach diesem Tage sich =unser= Verhältnis gestalten?
REBEKKA. Ich denke, unsre Freundschaft hält es schon aus -- was auch kommen mag.
ROSMER. So meint ichs nun grade nicht. Aber das, was uns zuerst zusammen führte, -- und was uns einander so innig vereint, -- unser gemeinschaftlicher Glaube an eine reine Kameradschaft zwischen Mann und Weib --
REBEKKA. Ja ja -- nun?
ROSMER. Ich meine, ein solches Verhältnis, -- wie das unsre also, -- eignet sich das nicht vorzugsweise zu einer stillen friedlich-glücklichen Lebensführung --?
REBEKKA. Und dann!
ROSMER. Aber nun öffnet sich mir ein Leben voll Kampf und Unruh und starker Gemütsbewegungen. Denn ich will mich ausleben, Rebekka! Ich lasse mich nicht von unheimlichen Möglichkeiten zu Boden schlagen. Ich lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden, noch von -- sonst jemand.
REBEKKA. Nein nein, -- tu das nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann, Rosmer.
ROSMER. Aber weißt du nun, woran ich denke?.. Weißt dus nicht? Siehst du nicht, wie ich am besten all diese nagenden Erinnrungen, -- diese ganze unglückliche Vergangenheit abschüttle?
REBEKKA. Nun!
ROSMER. Dadurch, daß ich ihr eine neue, eine lebendige Wirklichkeit entgegen stelle.
REBEKKA (sucht nach der Stuhllehne). Eine lebendige --? Was meinst du =da=mit?
ROSMER (näher). Rebekka, -- wenn ich dich nun fragte, -- willst du meine zweite Frau werden?
REBEKKA (einen Augenblick sprachlos, schreit voll Freude auf). Deine Frau --! Deine --! Ich!
ROSMER. Gut. Versuchen wir es. Wir beide wollen eins sein. Der Platz der Toten darf nicht länger leer bleiben.
REBEKKA. Ich -- an Beatens Stelle --!
ROSMER. Dann verschwindet sie aus meinem Leben. Vollständig. Für alle Ewigkeit.
REBEKKA (leise und bebend). Glaubst du das, Rosmer?
ROSMER. Es muß sein! Es muß! Ich kann und will nicht durchs Leben gehn mit einer Leiche auf dem Rücken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und dann laß uns alle Erinnrungen ersticken in Freiheit, in Freude, in Liebe. Du sollst das einzige Weib sein, das je mein war.
REBEKKA (sich beherrschend). Sprich mir nicht wieder davon. Deine Frau werd ich niemals.
ROSMER. Was! Niemals! Aber glaubst du denn, du würdest mich nie lieben können? Ist nicht schon in unsrer Freundschaft ein Funken von Liebe!
REBEKKA (hält sich wie erschreckt die Ohren zu). Rede nicht so, Rosmer! Sprich solche Worte nicht aus!
ROSMER (fasst sie am Arm). Ja ja, -- es gibt noch eine Möglichkeit für uns. O, ich sehs dir an, du fühlst dasselbe! Nicht wahr, Rebekka?
REBEKKA (wieder fest und gefasst). Nun höre. Das sag ich dir, -- bestehst du hierauf, so reis ich ab.
ROSMER. Abreisen! Du! Das kannst du nicht. Das ist unmöglich.
REBEKKA. Daß ich deine Frau werde, ist noch unmöglicher. Das kann ich nie und nimmer.
ROSMER (sieht sie stutzend an). Du sagst, du =kannst= es nicht. Und das sagst du so seltsam. Warum kannst dus denn nicht?
REBEKKA (ergreift seine beiden Hände). Teuerster Freund, -- um deinet- und meinetwillen, -- frage nicht, warum. (Lässt ihn los). Frage nicht, Rosmer. (Sie geht nach der Tür links).
ROSMER. Von heut an hab ich keine andre Frage als diese eine: -- warum?
REBEKKA (wendet sich um und sieht ihn an). Dann ist alles aus.
ROSMER. Zwischen dir und mir?
REBEKKA. Ja.
ROSMER. Dahin kommt es nie zwischen uns beiden. Und nie gehst du von Rosmersholm fort.
REBEKKA (mit der Hand auf der Türklinke). Nein, das werd ich wohl nie. Aber fragst du mich noch einmal, -- dann ist es trotzdem aus.
ROSMER. Trotzdem aus? Warum denn --?
REBEKKA. Ja. Denn dann geh ich den Weg, den Beate ging. Nun weißt dus, Rosmer.
ROSMER. Rebekka --!
REBEKKA (in der Tür, nickt langsam). Nun weißt dus. (Sie geht.)
ROSMER (starrt verblüfft und wie in Gedanken verloren nach der geschlossnen Tür und spricht vor sich hin): Was -- ist -- das?
DRITTER AUFZUG.
Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tür zum Vorzimmer stehen offen. Draussen scheint die Vormittagssonne.
REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt und ordnet die Blumen. Ihre Häkelei liegt auf dem Lehnstuhl. -- FRAU HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stäubt die Möbel ab.
REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwürdig, daß der Herr Pastor heut so lange oben bleibt.
FRAU HILSETH. O, das tut er doch öfter. Aber nu kommt er gewiß bald runter.
REBEKKA. Haben Sie ihn gesehn?
FRAU HILSETH. Nur ganz flüchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging er ins Schlafzimmer und zog sich an.
REBEKKA. Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war.
FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tät es mich garnicht wundern, wenn er was mit seinen Schwager gehabt hätte.
REBEKKA. Was könnte das wohl sein?
FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser Mortensgaard, der die beiden aneinander gehetzt hat.
REBEKKA. Das ist wohl möglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard?
FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Fräulein sowas glauben? So einer wie der!
REBEKKA. Meinen Sie, weil er diese schreckliche Zeitung herausgibt?
FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Fräulein nicht mal davon gehört, daß er 'n Kind hat mit 'ner verheirateten Frau, der ihr Mann davongelaufen war?
REBEKKA. Ich hab davon gehört. Aber das war wohl lange, eh ich hierher kam.
FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie hätt auch verständiger sein müssen als er. Heiraten wollt er sie ja auch. Aber dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafür büßen müssen ... Aber später, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf gekommen! 'S gibt so manche, die =den= Mann aufsuchen.
REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat und Hülfe brauchen.
FRAU HILSETH. O, 's dürfte wohl noch andre als bloß kleine Leute geben, die --
REBEKKA (blickt verstohlen nach ihr hin). So?
FRAU HILSETH (am Sofa, stäubt und fegt eifrig). Es dürften wohl solche Leute sein, Fräulein, von denen mans am wenigsten gedacht hätte.
REBEKKA (mit den Blumen beschäftigt). Nun, das stellen Sie sich doch bloß so vor, Frau Hilseth. Denn bestimmt wissen können Sie sowas doch nicht.
FRAU HILSETH. So, Fräulein meint, ich könnts nicht wissen? Na, ob ichs wissen kann! Nämlich, -- wenns denn absolut heraus muß, -- ich bin selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen.
REBEKKA (wendet sich). Nein, -- wirklich!
FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief -- wissen Sie, wo der geschrieben war? Auf Rosmersholm!
REBEKKA. Ist das wahr, Frau Hilseth?
FRAU HILSETH. Ganz gewiß, Fräulein. Und auf feines Papier war er geschrieben. Und hinten drauf war feiner roter Siegellack.
REBEKKA. Und =Ihnen= ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe Frau Hilseth, dann ist es ja nicht schwer zu erraten, von wem er war.
FRAU HILSETH. Na?
REBEKKA. Natürlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem krankhaften Zustande --
FRAU HILSETH. =Das= behauptet Fräulein, nicht ich.
REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, -- das können Sie ja nicht wissen.
FRAU HILSETH. Hm, 's könnte schon sein, daß ichs nu doch wissen täte.
REBEKKA. Sagte sie Ihnen denn, was sie geschrieben hatte?
FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn gelesen hatte, da fing er an mich kreuz und quer auszufragen, so daß ichs schon erraten konnte, was drin stand.
REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau Hilseth, erzählen Sie mir das doch?
FRAU HILSETH. Nein nein, Fräulein. Nicht um alles in der Welt.
REBEKKA. O, mir können Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute Freunde.
FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Fräulein, Ihnen =davon= was zu erzählen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als daß es was abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt hatten.
REBEKKA. Und wer hatte ihr das in den Kopf gesetzt?
FRAU HILSETH. Schlechte Menschen, Fräulein West. Schlechte Menschen.
REBEKKA. Schlechte --?