Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen
Part 3
ROSMER (ohne sich umzukehren). Nur herein.
REBEKKA (im Morgenkleide hereinkommend). Guten Morgen.
ROSMER (schlägt in der Broschüre nach). Guten Morgen, meine Liebe. Wünschest du was?
REBEKKA. Ich wollte mich nur erkundigen, ob du gut geschlafen hast.
ROSMER. O, ich habe so schön und ruhig geschlafen. Ohne zu träumen... (Wendet sich). Und du?
REBEKKA. Ja, danke. So gegen Morgen --
ROSMER. Ich weiß nicht, wies kommt, aber seit langer Zeit ist mir nicht so leicht ums Herz gewesen wie jetzt. Ach, es ist wirklich gut, daß ich mich endlich ausgesprochen habe.
REBEKKA. Ja, Rosmer, du hättest nicht so lange schweigen sollen.
ROSMER. Ich begreife selbst nicht, daß ich so feige sein konnte.
REBEKKA. Nun, Feigheit wars eigentlich nicht --
ROSMER. O doch, doch, liebe Rebekka. Wenn ich der Sache auf den Grund seh, =etwas= Feigheit war doch mit im Spiel.
REBEKKA. Um so mehr Mut gehörte dazu, den Knoten zu zerhauen. (Setzt sich zu ihm auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.) Aber nun muß ich dir von etwas erzählen, das ich getan habe, -- und das du mir nicht übel nehmen mußt.
ROSMER. Übelnehmen? Liebste, wie kannst du glauben --?
REBEKKA. Ja; denn vielleicht wars etwas eigenmächtig von mir gehandelt; aber --
ROSMER. Na, so laß hören.
REBEKKA. Gestern abend, als dieser Ulrich Brendel fortging, -- da gab ich ihm ein paar Zeilen an Mortensgaard mit.
ROSMER (etwas bedenklich). Aber, liebe Rebekka --. Nun, was hast du denn geschrieben?
REBEKKA. Ich hab ihm geschrieben, er würde dir einen großen Dienst erweisen, wenn er sich des unglücklichen Menschen ein wenig annehmen und ihm nach besten Kräften forthelfen wollte.
ROSMER. Liebe Rebekka, das hättest du nicht tun sollen. Brendel hast du dadurch nur geschadet. Und Mortensgaard gehört zu denen, die ich mir am liebsten vom Leibe halten möchte. Du weißt ja, was ich mal mit ihm gehabt habe.
REBEKKA. Aber bist du denn nicht der Ansicht, es wäre vielleicht ganz gut, wenn du jetzt wieder in bessre Beziehungen zu ihm kämst?
ROSMER. Ich? Zu Mortensgaard? Aber warum denn?
REBEKKA. Nun, so recht sicher kannst du dich jetzt doch nicht mehr fühlen, -- nachdem du mit deinen Freunden gebrochen hast.
ROSMER (sieht sie an und schüttelt den Kopf). Hast du wirklich glauben können, Kroll oder einer der andern würde es versuchen, sich zu rächen --? Sie wären fähig, mich --?
REBEKKA. In der ersten Hitze, lieber Johannes --. Das kann man nie mit Bestimmtheit wissen. Mir scheint, -- nach der Art, wie der Rektor es aufnahm --
ROSMER. Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann durch und durch. Heut nachmittag geh ich nach der Stadt und rede mit ihm. Ich will mit allen reden. O, du sollst sehn, wie leicht es geht --
(FRAU HILSETH erscheint in der Tür links.)
REBEKKA (steht auf). Was gibts, Frau Hilseth?
FRAU HILSETH. Rektor Kroll ist unten im Vorzimmer.
ROSMER (schnell aufstehend). Kroll!
REBEKKA. Der Rektor! Ists möglich --!
FRAU HILSETH. Er fragt, ob er raufkommen und den Herrn Pastor sprechen könnte.
ROSMER (zu REBEKKA). Was sagt ich!... Natürlich kann er das. (Geht zur Tür und ruft die Treppe hinunter.) Komm doch herauf, lieber Freund! Bist herzlich willkommen!
(ROSMER steht in der Tür und hält sie offen. -- FRAU HILSETH geht. -- REBEKKA zieht die Portieren vor der Tür zum Schlafzimmer zu. Dann ordnet sie dies und jenes.)
(KROLL tritt mit dem Hute in der Hand ins Zimmer.)
ROSMER (leise, bewegt). Ich wußte ja, es war nicht das letzte mal --
KROLL. Heut seh ich die Dinge in einem ganz andern Licht als gestern.
ROSMER. Ja nicht wahr, Kroll? In einem ganz andern Lichte! Jetzt, nachdem du darüber nachgedacht hast --
KROLL. Du mißverstehst mich vollständig. (Legt den Hut auf den Tisch neben dem Kanapee.) Es liegt mir daran, unter vier Augen mit dir zu sprechen.
ROSMER. Warum soll denn Fräulein West nicht --?
REBEKKA. Nein nein, Herr Rosmer. Ich geh.
KROLL (sieht sie von oben bis unten an). Und dann muß ich das Fräulein um Entschuldigung bitten, daß ich so früh am Tage komme. Daß ich sie überrasche, eh sie Zeit gefunden --
REBEKKA (stutzt). Wieso? Finden Sie es unpassend, daß ich zu Hause ein Hauskleid trage?
KROLL. Gott bewahre! Ich weiß ja überhaupt nicht, was jetzt auf Rosmersholm Sitte ist.
ROSMER. Aber Kroll, -- du bist ja heut rein wie verwandelt!
REBEKKA. Empfehle mich, Herr Rektor!
(Sie geht links hinaus.)
KROLL. Du erlaubst wohl -- (Er setzt sich aufs Kanapee).
ROSMER. Ja, lieber Kroll, setzen wir uns gemütlich und reden mit einander. (Er setzt sich KROLL gegenüber auf einen Stuhl.)
KROLL. Ich hab seit gestern abend kein Auge zugetan. Die ganze Nacht hab ich gegrübelt und gegrübelt.
ROSMER. Und was sagst du heute?
KROLL. 'S wird 'ne lange Geschichte. Laß mich mit einer Art Einleitung anfangen. Ich kann dir von Ulrich Brendel was neues erzählen.
ROSMER. War er bei dir?
KROLL. Nein. Er setzte sich in einer ordinären Kneipe fest. Natürlich in der ordinärsten Gesellschaft. Trank und traktierte, so lang er noch 'n Heller in der Tasche hatte. Dann schimpft er die ganze Bande Pöbel und Pack, -- übrigens mit Recht, -- worauf sie ihn durchprügelten und in die Gosse warfen.
ROSMER. Er ist also doch unverbesserlich.
KROLL. Auch hatte er den Überzieher zum Pfandleiher gebracht. Aber der soll für ihn eingelöst sein. Rate mal, von wem?
ROSMER. Von dir vielleicht.
KROLL. Nein. Von diesem nobeln Herrn Mortensgaard.
ROSMER. Ah so.
KROLL. Wie ich hörte, galt Herrn Brendels erster Besuch dem Idioten und Plebejer.
ROSMER. Der hat ihm also genützt --
KROLL. Allerdings. (Lehnt sich über den Tisch, um sich ROSMER zu nähern.) Aber nun kommen wir zu einer Sache, von der ich unsrer alten -- unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in Kenntnis zu setzen.
ROSMER. Lieber Kroll, was kann das sein?
KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als daß hier im Hause hinter deinem Rücken irgend ein Spiel getrieben wird.
ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb -- Fräulein West, auf die du anspielst?
KROLL. Allerdings. Übrigens hab ich für =ihre= Handlungsweise volles Verständnis. Sie ist ja schon so lange gewohnt, hier zu herrschen --! Aber trotzdem --
ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich -- wir haben gar keine Geheimnisse vor einander.
KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, daß sie mit dem Redakteur des »Leuchtturms« in Briefwechsel getreten ist?
ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel mitgab?
KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, daß sie sich in Verbindung setzt mit diesem Skandaljournalisten, der mich als Schulmann und Politiker Woche für Woche an den Pranger zu stellen sucht?
ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich nicht einmal daran gedacht. Und übrigens hat sie selbstverständlich die Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, -- grade wie ich.
KROLL. So! Ach ja, das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die du eingeschlagen hast. Und wo du stehst, da steht Fräulein West vermutlich ebenfalls?
ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg gebahnt.
KROLL (sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor!
ROSMER. Ich blind? Warum sagst du das?
KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage -- nicht denken =will=. Nein, nein; laß mich zu Ende reden ... Rosmer, du legst ja wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls? Nicht wahr?
ROSMER. Diese Frage brauch ich wohl kaum zu beantworten.
KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, -- und die verlangen eine Antwort -- eine vollständige Erklärung deinerseits ... Bist du damit einverstanden, daß ich eine Art Verhör mit dir anstelle?
ROSMER. Verhör?
KROLL. Ja; daß ich dich über gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu werden dich vielleicht peinlich berührt. Siehst du, -- die Sache mit deinem Abfall, -- na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrückst -- die hängt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darüber mußt du mir in deinem eignen Interesse Auskunft geben.
ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu verheimlichen.
KROLL. Schön. So sage mir denn, -- was war nach deiner Ansicht der eigentliche tiefste Grund, weshalb Beate ihrem Leben ein Ende machte?
ROSMER. Kannst du darüber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger ausgedrückt: kann man nach den Gründen forschen, die ein unglückliches krankes unzurechnungsfähiges Geschöpf bei seinen Handlungen leiten?
KROLL. Bist du überzeugt, daß Beate vollständig unzurechnungsfähig war? Jedenfalls waren die Ärzte der Ansicht, das wäre wohl kaum bewiesen.
ROSMER. Hätten die Ärzte sie =einmal= so gesehn, wie ich sie bei Tag und bei Nacht unzähligemal gesehn, sie hätten nicht gezweifelt.
KROLL. Damals zweifelt ich auch nicht.
ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr möglich. Ich habe dir ja von ihrer wilden zügellosen Leidenschaftlichkeit erzählt, -- von der sie verlangte, daß ich sie erwiderte. O, welches Grauen flößte sie mir dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich in den letzten Jahren folterte!
KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne Kinder bleiben würde.
ROSMER. Ja, überlege dir also selbst --! Eine solch jagende grauenvolle Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten --! Und sie wäre zurechnungsfähig gewesen!
KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest, die vom Zweck der Ehe handelten -- nach der fortgeschrittnen Auffassung unsrer Zeit selbstverständlich.
ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk geliehen hatte. Denn wie du weißt, erbte sie des Doktors Büchersammlung. Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten.
KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme gequälte überspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du glücklich -- und frei -- und nach deinem Belieben leben könntest.
ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit?
KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und Verzweiflung zu klagen.
ROSMER. Wegen derselben Sache?
KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Väter brechen.
ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmöglich! Ganz und gar unmöglich! In diesem Punkte mußt du dich irren.
KROLL. Warum?
ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen Zweifeln kämpfte. Und diesen Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und Verschwiegenheit durchgekämpft. Ich glaube, nicht einmal Rebekka --
KROLL. Rebekka?
ROSMER. Nun ja, -- Fräulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka.
KROLL. Das hab ich bemerkt.
ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen Gedanken kommen konnte. Und warum sprach sie nicht selbst mit mir darüber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe.
KROLL. Die Ärmste, -- sie bat und flehte, ich möchte mit dir reden.
ROSMER. Und warum hast du das nicht getan?
KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, daß ihre Sinne verwirrt waren? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie du!... Und dann kam sie zum zweitenmal -- etwa vier Wochen später. Da war sie anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: »Nun können sie auf Rosmersholm bald das weiße Roß erwarten.«
ROSMER. Ja ja. Das weiße Roß, -- davon sprach sie so oft.
KROLL. Und als ich ihr diese trüben Gedanken auszureden suchte, gab sie nur zur Antwort: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun muß Johannes sich bald mit Rebekka verheiraten.«
ROSMER (fast sprachlos). Was sagst du da --! Ich mich verheiraten mit --!
KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend stürzte sie sich vom Steg hinab in den Mühlbach.
ROSMER. Und du hast uns nicht einmal gewarnt --!
KROLL. Du weißt selber, wie oft sie sagte, nun müsse sie gewiß bald sterben.
ROSMER. Das weiß ich. Aber trotzdem --; es war deine =Pflicht=, uns zu warnen.
KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spät.
ROSMER, Aber warum hast du denn nicht später --? Warum hast du mir dies alles verschwiegen?
KROLL. Was hätt es genützt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen? Ich hielt ja das alles für lauter leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis gestern abend.
ROSMER. Also jetzt nicht mehr?
KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du würdest dem Glauben deiner Väter untreu werden?
ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das unbegreiflichste, was ich mir denken kann.
KROLL. Unbegreiflich oder nicht, -- so verhält es sich nun einmal. Und jetzt frag ich dich, Rosmer, -- wie viel Wahrheit liegt in ihrer zweiten Anklage? In der letzten, mein ich.
ROSMER. Anklage? War denn =das= eine Anklage?
KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den =Wortlaut= geachtet. Sie wolle fortgehn, sagte sie --. Warum? Nun?
ROSMER. Damit ich Rebekka heiraten könnte --
KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drückte sich anders aus. Sie sagte: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun =muß= Johannes sich =bald= mit Rebekka verheiraten.«
ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich dich, Kroll.
KROLL. Nun .. und --?... Was antwortest du?
ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so unerhörtes --! Die einzig richtige Antwort wäre, dir die Tür zu weisen.
KROLL (steht auf). Sehr wohl.
ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun höre. Seit länger als einem Jahr, -- seit dem Tage, da Beate uns verließ, -- haben Rebekka West und ich immer hier =allein= auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen Augenblick bemerkt, daß du an unserm Zusammenleben Anstoß genommen hättest.
KROLL. Bis gestern abend wußt ich nicht, daß es ein Abtrünniger und eine -- Freigewordne waren, die dies Zusammenleben führten.
ROSMER. Ah --! Du glaubst also nicht, daß auch Abtrünnige und Freigewordne das Reinheitsgefühl haben können? Du glaubst nicht, daß sie das Sittlichkeitsbedürfnis als einen Naturdrang in sich tragen können!
KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen Glauben hat, leg ich keinen großen Wert.
ROSMER. Und dies läßt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem Verhältnis zwischen mir und Rebekka --?
KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, daß es wohl keinen unergründlichen Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken und -- hm.
ROSMER. Und was --?
KROLL. -- und der freien Liebe, -- wenn dus denn unbedingt hören willst.
ROSMER (leise). Und das schämst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich seit meiner frühsten Jugend kennt!
KROLL. Eben darum. Ich weiß, wie leicht du dich von den Menschen, mit denen du verkehrst, beeinflussen läßt. Und diese deine Rebekka --. Na, dies Fräulein West, -- die kennen wir ja eigentlich gar nicht näher. Kurz und gut, Rosmer, -- ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, -- suche dich bei Zeiten zu retten.
ROSMER. Mich zu retten? Inwiefern --?
(FRAU HILSETH blickt durch die Tür links herein.)
ROSMER. Was wollen Sie?
FRAU HILSETH. Ich sollte Fräulein bitten runter zu kommen.
ROSMER. Das Fräulein ist nicht hier.
FRAU HILSETH. So? (Sieht sich um.) Das ist doch merkwürdig. (Sie geht.)
ROSMER. Du sagtest --?
KROLL. Höre. Was hier heimlich vor sich gegangen ist, als Beate noch lebte, -- und was hier jetzt noch vor sich geht, -- das will ich nicht näher untersuchen. Du warst ja tief unglücklich in deiner Ehe. Und das muß dir gewissermaßen zur Entschuldigung dienen.
ROSMER. O, wie wenig kennst du mich doch im Grunde --!
KROLL. Unterbrich mich nicht. Ich wollte sagen: soll nun mal dies Zusammenleben mit Fräulein West fortgesetzt werden, so ist es unbedingt notwendig, daß du diesen Umfall, -- diesen traurigen Abfall, -- wozu sie dich verführt hat, vertuschest. Laß mich reden! Laß mich reden! Ich sage: gehts gar nicht anders, so denk und meine und glaub in Gottes Namen alles was du willst -- und inbezug auf alle Dinge unter der Sonne. Aber behalt deine Meinungen hübsch für dich. 'S ist ja doch eine rein persönliche Sache. Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, so etwas ins ganze Land hinauszurufen.
ROSMER. Für mich liegt =die= Notwendigkeit vor, daß ich aus einer falschen und zweideutigen Stellung herauskomme.
KROLL. Aber du hast Pflichten gegen die Traditionen deines Geschlechts, Rosmer! Das bedenke wohl! Seit unvordenklichen Zeiten war Rosmersholm eine Pflegestätte der Zucht und Ordnung, -- der respektvollen Achtung vor allem, was die besten unsres Volkes anerkannt und hoch gehalten haben. Von Rosmersholm hat die ganze Gegend ihren Stempel empfangen. Eine unheilvolle, nie wieder gut zu machende Verwirrung entsteht, wird es ruchbar: du selber hättest mit dem gebrochen, was ich den Rosmerschen Familiengedanken nennen möchte!
ROSMER. Lieber Kroll, -- so kann =ich= die Sache nicht ansehn. Ich halt es für meine unabweisbare Pflicht, hier, wo durch all die langen langen Zeiten vom Geschlecht der Rosmer Finsternis und Unterdrückung ausgegangen sind, ein wenig Licht und Freude zu verbreiten.
KROLL (sieht ihn streng an). Jawohl, das wäre eine würdige Tat für den Mann, mit dem das Geschlecht ausstirbt. Du, das laß bleiben. Das ist keine angemessne Arbeit für dich. Du bist dazu geschaffen, als stiller Forscher zu leben.
ROSMER. Mag sein. Aber ich will nun einmal teilnehmen am Kampf des Lebens.
KROLL. Am Kampf des Lebens --! Weißt du, was für ein Kampf das für dich wird? Ein Kampf auf Leben und Tod mit all deinen Freunden.
ROSMER (ruhig). Sie werden doch nicht =alle= so fanatisch sein wie du.
KROLL. Du bist eine treuherzige Seele, Rosmer. Und unerfahren wie ein Kind. Du ahnst nicht, welch übermächtiger Sturm über dich hereinbrechen wird.
(FRAU HILSETH lugt durch die Tür links.)
FRAU HILSETH. Fräulein läßt fragen --
ROSMER. Was gibts?
FRAU HILSETH. Da ist jemand unten, der den Herrn Pastor gern auf 'n Augenblick sprechen möchte.
ROSMER. Ists vielleicht der Mann, der gestern abend hier war?
FRAU HILSETH. Nein, 's ist der Mortensgaard.
ROSMER. Mortensgaard!
KROLL. Aha! So weit sind wir also! So weit schon!
ROSMER. Was will er von mir? Warum ließen Sie ihn nicht wieder gehn?
FRAU HILSETH. Fräulein sagt, ich sollte fragen, ob er rauf kommen dürfe.
ROSMER. Sagen Sie, ich hätte Besuch --
KROLL (zu FRAU HILSETH). Lassen Sie ihn nur herein.
(FRAU HILSETH geht.)
KROLL (nimmt seinen Hut). Ich räume das Feld -- das heißt vorläufig. Die Hauptschlacht muß noch geschlagen werden.
ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, -- ich habe mit Mortensgaard nichts zu schaffen.
KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein mag -- von nun an glaub ich dir nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschädlich machen können.
ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!
KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate!
ROSMER. Kommst du mir wieder damit!
KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mühlbachs zu erforschen ist Sache deines Gewissens, -- wenn du etwas derartiges noch hast.
(PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tür links. Er ist ein kleiner schmächtiger Mann mit dünnem rötlichem Haar und Bart.)
KROLL (mit einem hasserfüllten Blick). Aha, der »Leuchtturm« also --. Auf Rosmersholm angezündet. (Knöpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe.
MORTENSGAARD (sanft). Der »Leuchtturm« bleibt immer angezündet, um dem Herrn Rektor heimzuleuchten.
KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings gibts ein Gebot, das vorschreibt, wir sollen nicht falsches Zeugnis geben wider unsern Nächsten --
MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu unterrichten.
KROLL. Auch nicht im sechsten?
ROSMER. Kroll --!
MORTENSGAARD. Tritt =die= Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr Pastor die kompetente Behörde.
KROLL (mit unterdrücktem Hohn). Der Pastor? Ja, in =diesem= Kapitel ist Pastor Rosmer in erster Linie kompetent -- gar keine Frage ... Wünsche segensreiche Verhandlung, meine Herren!
(Er geht und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.)
ROSMER (hält den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tür gerichtet und sagt für sich). Wohlan, -- wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet sich.) Wollen Sie mir gefälligst sagen, Herr Mortensgaard, was Sie zu mir führt?
MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Fräulein West. Ich wollte mich für den freundlichen Brief bedanken, den ich gestern von ihr erhielt.
ROSMER. Ich weiß, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen?
MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lächeln.) Wie ich höre, haben sich die Ansichten hier auf Rosmersholm in einigen Punkten geändert.
ROSMER. Meine Ansichten haben sich in =vielen= Punkten geändert. Ich kann wohl sagen -- in allem.
MORTENSGAARD. So sagte das Fräulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte hinaufgehn und mit dem Herrn Pastor mich ein wenig darüber unterhalten.
ROSMER. Worüber, Herr Mortensgaard?
MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre Gesinnungen hegen, -- und sich der freisinnigen und fortschrittlichen Sache angeschlossen haben?
ROSMER. Gewiß dürfen Sie das. Ich bitte sogar darum.
MORTENSGAARD. Dann wirds morgen früh drin stehn. Das ist eine große wichtige Neuigkeit, daß Pastor Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er könne für die Sache des Lichts auch in =diesem= Sinne eintreten.
ROSMER. Ich versteh Sie nicht ganz.
MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhält eine starke moralische Stütze, so oft wir einen ernsten christlich gesinnten Anhänger gewinnen.
ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht --? Hat Ihnen Fräulein West =das= nicht gesagt?
MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Fräulein hatte große Eile. Sie sagte, ich möchte hinaufgehn und das übrige von Ihnen selbst hören.
ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, daß ich mich vollständig frei gemacht habe. Nach allen Seiten. Zu den Lehrsätzen der Kirche hab ich gar kein Verhältnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts mehr an.
MORTENSGAARD (sieht ihn verblüfft an). Nein, -- wenn der Mond herabgefallen wäre, ich könnte nicht verblüffter --! Der Herr Pastor sagt sich los --!
ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese Nachricht kann also der »Leuchtturm« morgen verbreiten.
MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor --. Entschuldigen Sie, -- aber diesen Teil der Sache wollen wir doch lieber nicht berühren.
ROSMER. Diesen Teil .. nicht berühren?
MORTENSGAARD. Vorläufig noch nicht, mein ich.
ROSMER. Aber ich begreife nicht --
MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor --. Vermutlich sind Sie mit den Verhältnissen nicht so vertraut wie ich. Aber wenn Sie nun also zur freisinnigen Richtung übergegangen sind, -- und wenn Sie -- wie Fräulein West sagte, -- an der Bewegung teilnehmen wollen, -- so tun Sie das doch gewiß mit dem Wunsche, der Richtung und der Bewegung so viel wie möglich zu nützen.
ROSMER. Gewiß, das wünsch ich durchaus.
MORTENSGAARD. Schön. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie frei und offen mit dieser Mitteilung über Ihren Abfall von der Kirche hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hände.
ROSMER. Glauben Sie?