Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen

Part 2

Chapter 23,676 wordsPublic domain

ROSMER. Lieber Kroll, -- ein für allemal, -- ich tus nicht.

KROLL. Nun, dann wirst du uns doch wenigstens deinen Namen borgen?

ROSMER. Meinen Namen?

KROLL. Ja; denn schon der Name Johannes Rosmer wird für das Blatt ein großer Gewinn sein. Wir andern gelten ja für ausgeprägte Parteimänner. Ich selbst soll sogar, hör ich, als ein ganz arger Fanatiker verschrien sein. Deshalb können wir nicht darauf rechnen, dem Blatt unter eignem Namen bei den verführten Massen mit Nachdruck Eingang zu verschaffen. Du dagegen, -- du hast dich dem Kampf immer fern gehalten. Deine milde lautere Denkungsart, -- deine vornehme Gesinnung, -- deine unantastbare Ehrenhaftigkeit -- jedermann hier in der Gegend kennt und schätzt sie. Und dann der Respekt, die Hochachtung, womit deine frühere priesterliche Stellung dich noch umgibt. Endlich aber, Rosmer, die Ehrwürdigkeit deines Familiennamens!

ROSMER. Ach was Familienname --

KROLL (zeigt auf die Porträts). Lauter Rosmers von Rosmersholm, -- Priester und Soldaten! Hochgestellte Würdenträger. Alle ohne Ausnahme korrekte Ehrenmänner, -- ein Geschlecht, das nun schon durch mehrere Jahrhunderte als das erste hier im Kreise seinen Sitz hat. (Legt ihm die Hand auf die Schulter.) Rosmer, -- dir selbst und den Traditionen deines Hauses bist dus schuldig, dich uns anzuschließen, um all das zu verteidigen, was in unsern Kreisen bisher als heilig galt. (Wendet sich um.) Ja, was sagen =Sie= dazu, Fräulein West?

REBEKKA (mit leichtem stillem Lachen). Lieber Herr Rektor, -- mir kommt dies alles so unsagbar lächerlich vor --

KROLL. Was sagen Sie! Lächerlich!

REBEKKA. Ja lächerlich. Denn nun will ich Ihnen offen heraus sagen --

ROSMER (schnell). Nein nein, -- lassen Sie! Nicht jetzt!

KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller Welt --? (Bricht ab.) Hm!

FRAU HILSETH (kommt durch die Tür rechts.) Da ist ein Mann im Küchenflur. Er sagt, er müsse den Herrn Pastor sprechen.

ROSMER (erleichtert). Ah so. Lassen Sie ihn eintreten.

FRAU HILSETH. Hier in dies Zimmer?

ROSMER. Ja gewiß.

FRAU HILSETH. Aber so sieht er doch nicht aus, daß man ihn ins Zimmer lassen könnte.

REBEKKA. Wie sieht er denn aus, Frau Hilseth?

FRAU HILSETH. Na, mit dem Aussehn, Fräulein, damit ists nicht weit her.

ROSMER. Sagt er nicht, wie er heißt?

FRAU HILSETH. Ja, ich glaub, er sagt, er heiße Hekmann -- oder so ähnlich.

ROSMER. Ich kenne niemand, der so heißt.

FRAU HILSETH. Und dann sagte er, er heiße auch Ullerich.

ROSMER (stutzt). Vielleicht -- Ulrich Hetmann?

FRAU HILSETH. Ja ja, Hetmann sagt er.

KROLL. Den Namen hab ich schon mal gehört --

REBEKKA. Das war ja der Name, unter dem jener seltsame Mann schrieb, der --

ROSMER (zu KROLL). Es war Ulrich Brendels Schriftstellername.

KROLL. Des verkommenen Ulrich Brendel. Ganz recht.

REBEKKA. Er lebt also noch.

ROSMER. Ich glaubte, er befände sich bei einer reisenden Theatergesellschaft.

KROLL. Das letzte, was ich von ihm hörte, war, er säße im Arbeitshause.

ROSMER. Lassen Sie ihn herein, Frau Hilseth.

FRAU HILSETH. Na ja. (Sie geht.)

KROLL. Willst du diesen Menschen wirklich in deinem Zimmer dulden?

ROSMER. Aber du weißt doch, einst war er mein Lehrer.

KROLL. Jawohl, ich weiß, daß er dir den Kopf mit revolutionären Ideen vollpfropfte, bis dein Vater ihn mit der Reitpeitsche zum Tor hinaus jagte.

ROSMER (etwas bitter). Mein Vater war auch zu Hause Major.

KROLL. Mein lieber Rosmer, dafür solltest du ihm noch in seinem Grabe dankbar sein... Aha!

(FRAU HILSETH öffnet ULRICH BRENDEL die Tür rechts, geht wieder und schliesst hinter ihm. Er ist ein stattlicher Mann mit grauem Haar und Bart; etwas abgemagert, aber leicht und ungezwungen in seinen Bewegungen. Im übrigen gekleidet wie ein gewöhnlicher Landstreicher. Fadenscheiniger Rock; schlechtes Schuhwerk; von einem Hemd ist nichts zu sehen. An den Händen alte schwarze Handschuh; unter dem Arm hat er einen zusammengeklappten schmutzigen weichen Filzhut und in der Hand einen Spazierstock.)

BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hält ihm die Hand hin). Guten Abend, Johannes!

KROLL. Entschuldigen Sie --

BRENDEL. Hattest du das erwartet, mich noch mal wiederzusehn? Und noch unter diesem verhaßten Dache?

KROLL. Entschuldigen Sie --. (Zeigt.) Dort --

BRENDEL (wendet sich um). Ah, richtig. Da ist er ja. Johannes, -- mein Junge, -- du, den ich am meisten geliebt habe --!

ROSMER (reicht ihm die Hand). Mein alter Lehrer.

BRENDEL. Trotz gewisser Erinnrungen wollt ich Rosmersholm nicht passieren, ohne eine flüchtige Visite abzustatten.

ROSMER. Hier sind Sie jetzt herzlich willkommen. Das können Sie mir glauben.

BRENDEL. Ah, diese verlockende Dame --? (Verbeugt sich.) Natürlich die Frau Pastorin.

ROSMER. Fräulein West.

BRENDEL. Vermutlich eine nahe Verwandte. Und jener Unbekannte --? Ein Amtsbruder, wie ich seh.

ROSMER. Rektor Kroll.

BRENDEL. Kroll? Kroll? Warte mal. Haben Sie in Ihren jungen Tagen nicht Philologie studiert?

KROLL. Selbstverständlich.

BRENDEL. Aber, corpo di bacco, dann hab ich dich ja gekannt!

KROLL. Entschuldigen Sie --

BRENDEL. Warst du nicht --

KROLL. Entschuldigen Sie --

BRENDEL. -- einer von jenen Tugendhusaren, die mich aus dem Debattierverein ausschlossen?

KROLL. Kann schon sein. Aber ich protestiere gegen jede nähere Bekanntschaft.

BRENDEL. Nu nu! As you like it, Mister Kroll. Kann mir höchst gleichgültig sein, Ulrich Brendel bleibt doch, was er ist.

REBEKKA. Sie wollen wohl nach der Stadt, Herr Brendel?

BRENDEL. Die Frau Pastorin habens getroffen. Von Zeit zu Zeit bin ich genötigt, in dem Kampf ums Dasein eine Schlacht zu schlagen. Ich tus nicht gern; aber -- enfin -- die unerbittliche Notwendigkeit --

ROSMER. Aber lieber Herr Brendel, Sie werden mir doch gestatten, Sie mit irgend etwas zu unterstützen? Auf die ein oder andre Weise --

BRENDEL. Ha, ein solcher Vorschlag! Du könntest das Band beflecken, das uns vereint? Niemals, Johannes, -- niemals!

ROSMER. Aber was gedenken Sie in der Stadt anzufangen? Glauben Sie mir, so leicht werden Sie da Ihr Fortkommen nicht finden --

BRENDEL. Das überlaß mir, mein Junge. Die Würfel sind gefallen. So wie ich hier vor dir steh, befind ich mich auf einer großen Reise. Weit größer als all meine frühern Streifzüge zusammen. (Zu KROLL.) Darf ich den Herrn Professor etwas fragen, -- d. h. entre nous? Gibt es nämlich in Ihrer wohllöblichen Stadt ein leidlich anständiges, reputierliches und geräumiges Versammlungslokal?

KROLL. Das geräumigste ist der Saal des Arbeitervereins.

BRENDEL. Haben der Herr Doktor irgend welchen qualifizierten Einfluß in diesem ohne Zweifel sehr nützlichen Verein?

KROLL. Ich hab gar nichts damit zu tun.

REBEKKA (zu BRENDEL). Sie müssen sich an Peter Mortensgaard wenden.

BRENDEL. Pardon, Madame, -- was ist das für ein Idiot?

ROSMER. Warum halten Sie ihn für einen Idioten?

BRENDEL. Hör ichs dem Namen nicht sofort an, daß er einem Plebejer gehört?

KROLL. Die Antwort hätt ich nicht erwartet.

BRENDEL. Aber ich will mir Zwang antun. Bleibt mir keine andre Wahl. Wenn man, -- wie ich, -- an einem Wendepunkt seines Lebens steht --. Abgemacht. Ich setze mich mit dem Individuum in Verbindung, -- knüpfe direkte Unterhandlungen an --

ROSMER. Stehn Sie in der Tat ernstlich an einem Wendepunkt?

BRENDEL. Weiß denn mein braver Johannes nicht, daß, wo Ulrich Brendel steht, er dort immer ernstlich steht?... Ja, mein Junge, nun will ich mir einen neuen Menschen anziehn. Die bescheidne Zurückhaltung aufgeben, die ich bisher beobachtet habe.

ROSMER. Wie denn --?

BRENDEL. Mit tatkräftiger Hand will ich ins Leben eingreifen. Hervortreten. Auftreten. Wir leben in der sturmbewegten Zeit der Sonnenwende ... Nun will ich mein Scherflein auf dem Altar der Befreiung niederlegen.

KROLL. Auch =Sie= wollen --?

BRENDEL (zu allen). Besitzt das anwesende Publikum eine etwas genauere Kenntnis meiner Flugschriften?

KROLL. Ich nicht, offen gestanden --

REBEKKA. Ich hab verschiednes gelesen. Mein Pflegevater besaß sie.

BRENDEL. Schöne Hausfrau, -- da haben Sie Ihre Zeit vergeudet. Denn 's ist lauter Plunder.

REBEKKA. So?

BRENDEL. Was Sie gelesen haben, alles. Meine wirklich bedeutenden Werke kennt weder Mann noch Weib. Niemand -- außer mir.

REBEKKA. Wie geht das zu?

BRENDEL. Weil sie nicht geschrieben sind.

ROSMER. Aber lieber Herr Brendel --

BRENDEL. Du weißt, mein wackrer Johannes, ich bin ein Stück Sybarit. Feinschmecker. Wars all mein Lebtag. Ich lieb es, einsam zu genießen. Denn dann genieß ich doppelt. Zehnfach. Siehst du, -- wenn goldne Träume sich auf mich herabsenkten, -- mich umfingen, -- wenn mein Hirn neue schwindelerregende weltumspannende Gedanken gebar, -- und diese mich mit kräftigen Schwingen umrauschten, -- dann formt ich sie zu Gedichten, Bildern, Visionen. Verstehst du, so in großen Umrissen.

ROSMER. Ja, ja.

BRENDEL. O, du, wie hab ich Zeit meines Lebens genossen und geschwelgt! Die geheimnisvolle Glückseligkeit der Ausgestaltung, -- wie gesagt, in großen Umrissen, -- Beifall, Dank, Ruhm, Lorbeerkränze, -- alles hab ich mit vollen freudezitternden Händen einkassiert. Mich an meinen geheimen Visionen mit einer Wonne gesättigt, -- o, so berauschend groß --!

KROLL. Hm --

ROSMER. Aber niemals etwas niedergeschrieben?

BRENDEL. Kein Wort. Dies platte Schreiberhandwerk hat mir immer einen herzhaften Widerwillen verursacht. Und warum sollt ich auch meine eignen Ideale profanieren, wenn ich sie allein und in ihrer ganzen Reinheit genießen konnte? Aber nun sollen sie geopfert werden. Wahrhaftig, -- mir ist dabei zu Mut wie einer Mutter, die ihre jungen Töchter den Ehemännern in die Arme legt. Aber trotzdem, -- ich opfre sie, -- opfre sie auf dem Altar der Befreiung. Eine Reihe sorgfältig ausgearbeiteter Vorträge -- rings im ganzen Lande --!

REBEKKA (lebhaft). Das ist edel von Ihnen, Herr Brendel! Sie geben das teuerste, was Sie besitzen.

ROSMER. Und das einzige.

REBEKKA (sieht ROSMER vielsagend an). Wie viele gibt es wohl, die das tun? Die den Mut dazu haben?

ROSMER (erwidert den Blick). Wer weiß?

BRENDEL. Die Versammlung ist ergriffen. Das erquickt mir das Herz und stählt den Willen. Und nun ans Werk ... Aber noch eins. (Zum Rektor.) Herr Präzeptor, können Sie mir sagen, gibts in der Stadt einen Mäßigkeitsverein? Einen Totalmäßigkeitsverein? Selbstverständlich gibt es dort einen.

KROLL. Zu dienen. Ich selbst bin Vorsitzender.

BRENDEL. Hab ichs Ihnen nicht angesehn! Na, da ists nicht unmöglich, daß ich Sie aufsuche und auf acht Tage Mitglied werde.

KROLL. Entschuldigen Sie -- auf Wochen nehmen wir keine Mitglieder an.

BRENDEL. A la bonne heure, Herr Pädagoge. Solchen Vereinen ist Ulrich Brendel noch nie nachgelaufen. (Wendet sich an ROSMER.) Aber ich darf meinen Aufenthalt in diesem an Erinnrungen so reichen Hause nicht weiter verlängern. Ich muß zur Stadt und mir ein passendes Logis suchen. Es gibt dort hoffentlich ein anständiges Hotel.

REBEKKA. Wollen Sie nicht etwas warmes genießen, eh Sie gehn?

BRENDEL. Welcher Art, meine Gnädige?

REBEKKA. Eine Tasse Tee oder --

BRENDEL. Des Hauses freigebigen Schaffnerin meinen Dank. Aber auf die private Gastfreundschaft leg ich nicht gern Beschlag. (Grüsst mit der Hand.) Leben Sie wohl, meine Herrschaften! (Geht nach der Tür, wendet sich aber wieder um.) Ah, richtig --. Johannes, -- Pastor Rosmer, -- willst du, -- um langjähriger Freundschaft willen, -- deinem ehmaligen Lehrer einen Dienst erweisen?

ROSMER. Gewiß, sehr gern.

BRENDEL. Gut. So leih mir -- auf ein oder zwei Tage -- ein geplättetes Oberhemd.

ROSMER. Weiter nichts!

BRENDEL. Denn siehst du, diesmal reis ich zu Fuß. Mein Koffer wird mir nachgeschickt.

ROSMER. Gut gut. Aber brauchen Sie sonst nichts?

BRENDEL. Ja, weißt du, -- vielleicht kannst du einen gebrauchten ältern Sommerüberzieher entbehren?

ROSMER. Gewiß kann ich das.

BRENDEL. Und da zu dem Überzieher 'n paar anständige Stiefel gehören --

ROSMER. Auch dazu wird Rat. Sobald wir Ihre Adresse wissen, schicken wir Ihnen die Sachen.

BRENDEL. Unter keinen Umständen. Meinethalb keine besondre Mühe! Ich nehme die Bagatellen gleich mit.

ROSMER. Gut gut. So kommen Sie mit mir hinauf.

REBEKKA. Lassen Sie mich gehn. Frau Hilseth und ich wollen das schon besorgen.

BRENDEL. Niemals gestatt ich, daß diese distinguierte Dame --!

REBEKKA. Ach was! Kommen Sie nur, Herr Brendel.

(Sie geht rechts hinaus.)

ROSMER (hält ihn zurück). Sagen Sie mal, kann ich sonst nichts für Sie tun?

BRENDEL. Ich weiß wahrhaftig nicht was. Donnerwetter -- ja da fällts mir ein --! Johannes, -- hast du zufällig acht Kronen in der Tasche?

ROSMER. Wollen mal sehn. (Öffnet das Portemonnaie.) Hier sind zwei Zehnkronenscheine.

BRENDEL. Ja ja, das macht nichts. Ich nehm sie. Kriege sie in der Stadt schon gewechselt. Vorläufig meinen Dank. Vergiß nicht, es waren zwei Zehner, die du mir geliehen hast. Gute Nacht, mein einziger lieber Junge! Gute Nacht, hochedler Herr!

(Er geht nach rechts, wo ROSMER Abschied von ihm nimmt und die Tür hinter ihm schliesst.)

KROLL. Barmherziger Gott, -- das also war jener Ulrich Brendel, von dem einst die Leute glaubten, er würde noch mal ein großer Mann!

ROSMER (ruhig). Jedenfalls hat er den Mut gehabt, das Leben nach seinem eignen Sinn zu leben. Mir scheint, das ist nicht wenig.

KROLL. Was! Solch ein Leben wie dieses! Ich glaube fast, er wäre fähig, dir noch mal den Kopf zu verdrehen.

ROSMER. Ach nein. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir im reinen.

KROLL. Gott geb es, lieber Rosmer. Denn du bist so außerordentlich empfänglich für fremde Eindrücke.

ROSMER. Setzen wir uns. Ich hab mit dir zu reden.

KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.)

ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, daß wir hier ein angenehmes behagliches Leben führen?

KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich -- und friedlich. Du, Rosmer, hast dir eine Häuslichkeit geschaffen. Und ich hab die meine verloren.

ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon wieder heilen.

KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder werden.

ROSMER. Hör mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden uns nahe gestanden. Hältst du es für denkbar, daß unsre Freundschaft mal Schiffbruch leiden könnte?

KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wüßt ich nichts, was uns entfremden könnte. Wie kommst du darauf?

ROSMER. Weil du auf die Übereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein so entscheidendes Gewicht legst.

KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefähr einig. Jedenfalls in den großen Haupt- und Kernfragen.

ROSMER (leise). Nein. Jetzt nicht mehr.

KROLL (will aufspringen). Was heißt das!

ROSMER (hält ihn zurück). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich, Kroll.

KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich!

ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe wieder mit den Augen der Jugend. Und darum steh ich jetzt dort --

KROLL. Wo, -- wo stehst du?

ROSMER. Dort, wo deine Kinder stehn.

KROLL. Du? Du! Das ist ja unmöglich! Wo behauptest du zu stehn?

ROSMER. Auf derselben Seite, wo Lorenz und Hilda stehn.

KROLL (lässt den Kopf sinken). Abtrünnig. Johannes Rosmer abtrünnig.

ROSMER. Ich wäre so froh, so von Herzen glücklich gewesen über das, was du meine Abtrünnigkeit nennst. Aber ich litt furchtbar darunter. Denn ich wußte, es würde dir bittres Leid verursachen.

KROLL. Rosmer, -- Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig an.) O, daß auch du mitwirken, mit Hand anlegen kannst bei dem Werke der Zerstörung und Vernichtung in diesem unglücklichen Lande!

ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will.

KROLL. Ach ja, ich weiß. So nennen es die Verführer und die Verführten. Aber glaubst du denn, von dem Geiste, der jetzt unser ganzes soziales Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten?

ROSMER. Ich schließe mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch einer der streitenden Parteien an. Ich will versuchen, von allen Seiten Menschen zu sammeln. Soviel wie möglich; und sie so fest vereinen, als ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskräfte dem einen Zwecke weihen, eine wahre Demokratie hier im Lande zu schaffen.

KROLL. Du bist also der Ansicht, wir hätten noch nicht Demokratie genug! Ich für meine Person finde vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der Pöbel sich wohl fühlt.

ROSMER. Eben deshalb kämpf ich für die wahre Aufgabe der Demokratie.

KROLL. Und diese Aufgabe wäre?

ROSMER. Alle Menschen hier im Lande zu Adelsmenschen zu machen.

KROLL. Alle --!

ROSMER. Jedenfalls so viele wie möglich.

KROLL. Durch welche Mittel?

ROSMER. Dadurch, daß die Geister befreit und die Triebe der Menschen geläutert werden.

KROLL. Rosmer, du bist ein Träumer. Willst =du= die Geister befreien? Willst =du= die menschlichen Triebe läutern?

ROSMER. Nein, mein Lieber, -- ich will nur versuchen, die Menschen aufzurütteln. Handeln, ihre Aufgabe erfüllen, -- das müssen sie selber.

KROLL. Und du glaubst, das könnten sie?

ROSMER. Ja.

KROLL. Also durch eigne Kraft?

ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht.

KROLL (steht auf). Ist das die Sprache eines Priesters!

ROSMER. Ich bin nicht mehr Geistlicher.

KROLL. Ja, aber -- der Glaube deiner Kindheit --?

ROSMER. Den hab ich nicht mehr.

KROLL. Hast du nicht mehr --!

ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich =mußte= ihn aufgeben.

KROLL (erschüttert, beherrscht sich aber). Ja so. -- Ja ja ja. Das eine ist die notwendige Folge des andern. -- War das vielleicht der Grund, daß du den Kirchendienst verließest?

ROSMER. Ja. Als ich mir über mich selbst klar geworden, -- als ich die volle Gewißheit erlangt hatte, daß es keine bloß vorübergehende Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien konnte noch wollte, -- da ging ich.

KROLL. So lange also hat es in dir gegärt. Und wir, -- deine Freunde erfuhren nichts davon. Rosmer, Rosmer, -- wie konntest du uns diese traurige Wahrheit verheimlichen!

ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich selbst anging. Auch wollt ich dir und den andern Freunden keinen unnötigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich könnte mein altes Leben hier weiter leben: still, heiter und glücklich. Ich wollte studieren und lesen, mich in all die Werke vertiefen, die mir bisher versiegelte Bücher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in die große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden.

KROLL. Abtrünnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies Bekenntnis deines heimlichen Abfalls? Und warum grade jetzt?

ROSMER. Du selber, Kroll, hast mich dazu gezwungen.

KROLL. Ich? Ich hätte dich dazu gezwungen --!

ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen hörte, -- als ich von all den lieblosen Reden erfuhr, die du dort hieltest, -- von all deinen haßgeschwollnen Ausfällen gegen alle, die auf der andern Seite stehn, -- von deinem höhnischen Verdammungsurteil über die Gegner --. O, Kroll, daß du, du so werden konntest! Da war mir meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht in diesem Kampfe. Fried und Freud und Versöhnung müssen wieder in die Gemüter einkehren. Darum tret ich jetzt hervor und bekenne offen, wer und was ich bin. Und dann will auch ich meine Kräfte erproben. Könntest du, Kroll -- deinerseits -- dich uns nicht anschließen?

KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstörenden Mächten unsrer Gesellschaft.

ROSMER. So laß uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kämpfen, -- wenn denn unbedingt gekämpft werden muß.

KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den kenn ich nicht. Dem schuld ich keine Rücksicht.

ROSMER. Gilt das auch mir?

KROLL. Du selber, Rosmer, hast mit mir gebrochen.

ROSMER. Bedeutet denn dies einen Bruch!

KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe standen. Jetzt mußt du die Folgen tragen.

(REBEKKA kommt durch die Tür rechts, die sie weit öffnet.)

REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem großen Opferfest. Und jetzt können wir zu Tisch gehn. Haben Sie die Güte, Herr Rektor.

KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Fräulein West. Hier hab ich nichts mehr zu suchen.

REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tür und kommt näher.) Haben Sie gesprochen --?

ROSMER. Nun weiß er es.

KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich =zwingen=, zu uns zurückzukehren.

ROSMER. Ich kehre nie zurück.

KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehörst nicht zu denen, die es ertragen, einsam für sich zu stehen.

ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die Einsamkeit zu ertragen.

KROLL. Ah --! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens Worte --!

ROSMER. Beatens Worte --?

KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, -- das war gemein --. Verzeihe.

ROSMER. Was?... Was denn?

KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der Vorzimmertür.)

ROSMER (folgt ihm). Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehn. Morgen komm ich zu dir.

KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In =mein= Haus setzest du keinen Fuß mehr!

(Er nimmt seinen Stock und geht.)

(ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tür stehen; dann schliesst er sie und tritt an den Tisch.)

ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon aushalten. Wir beiden treuen Freunde. Du und ich.

REBEKKA. Was meint er mit dem »Pfui«? Kannst du dir das vorstellen?

ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja selbst nicht daran. Aber morgen geh ich zu ihm. Gute Nacht!

REBEKKA. Auch heute gehst du schon so früh auf dein Zimmer? Nach einem solchen Vorfall?

ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorüber ist. Du siehst ja, -- ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Nimm es ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht!

REBEKKA. Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf wohl.

(ROSMER geht durch die Vorzimmertür hinaus; dann hört man ihn eine Treppe hinaufgehen.)

(REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem befindlichen Klingelzug. Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.)

REBEKKA. Sie können wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will nichts mehr genießen, -- und der Rektor ist nach Haus gegangen.

FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn über die Leber gelaufen?

REBEKKA (nimmt ihre Häkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wär im Anzug --

FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel auch nicht 'n Flöckchen von einer Wolke zu sehn.

REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weißen Rosse begegnet. Denn ich fürchte, nächstens bekommen wir hier was zu hören von einem solchen Spuk.

FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Sünde, Fräulein! Führen Sie doch nicht solch gottlose Reden.

REBEKKA. Nu nu nu --

FRAU HILSETH (leiser). Glaubt Fräulein wirklich, nächstens müsse einer von hier fort?

REBEKKA. Bewahre, das glaub ich nicht. Aber, Frau Hilseth, auf dieser Welt gibt es so viele Arten von weißen Rossen ... Na, gute Nacht. Nun geh ich auf mein Zimmer.

FRAU HILSETH. Gute Nacht, Fräulein.

(REBEKKA geht mit ihrer Häkelei rechts hinaus.)

FRAU HILSETH (schraubt die Lampe herab, schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin): Jesses, -- Jesses. Dies Fräulein West. Was die doch manchesmal für Reden führen kann!

ZWEITER AUFZUG.

ROSMERS Arbeitszimmer. Links die Eingangstür. Im Hintergrunde die zum Schlafzimmer führende Tür, deren Portieren zurückgezogen sind. Rechts ein Fenster, und vor diesem der mit Büchern und Papieren bedeckte Schreibtisch. An den Wänden Bücherregale und -Schränke. Bescheidne Möbel. Links ein altfränkisches Kanapee und vor diesem ein Tisch.

ROSMER sitzt im Hausrock auf einem Stuhl mit hoher Lehne am Schreibtisch. Er schneidet eine Broschüre auf und blättert darin; hin und wieder liest er ein wenig. -- Es klopft an die Tür links.