Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Part 9

Chapter 93,939 wordsPublic domain

Der Kaufmann erbot sich gleich, er wolle sie begleiten. Dies sei Nachbarspflicht, dem andern in der Not beizustehen. Das Wort traf Laura wunderlich. Was ein guter Nachbar ist, hatte sie in ihrem Wanderleben noch nicht erfahren, und hier in Breitenwert hatte sie oft heimlich über die Leute gelacht, die sich alle kannten, alle taten, als wäre Nachbarsein etwas Besonderes. Jetzt spürte sie, wie gut das hilfreiche Beistehen tat. Herr Baldan versprach, das Haus zu verschließen und auf Herrn Häferleins Laden einen Blick zu werfen. Er tröstete sie selbst noch herzlich, gewiß sei es nicht so schlimm, in dem Flüßchen könne kaum jemand ertrinken, so seicht wäre es.

Ach, trotz dieses Trostes meinte Laura noch nie in ihrem Leben einen schwereren Gang getan zu haben. Nichts, kein noch so gutes Freundeswort konnte die Stimme in ihrem Herzen übertönen, die immer redete: »Du trägst die Schuld, du, du.« --

In den Silbernen Stern trug auch jemand die Kunde von dem Unfall auf der Brücke. Frau Hinz stand in der Küche; recht wie ein Feldherr befahl sie ihren Leuten, und sie hatte wieder einmal über ihrer Wirtschaft ihre Kinder völlig vergessen. Da kam Mina angelaufen und schrie: »Unsere Bübles sind beinahe ertrunken mit dem fremden Mädle von drüben; sie liegen im Spital.«

Beinahe ertrunken! Im Augenblick vergaß Frau Hinz ihr stattliches Gasthaus, an dem sie viel Freude hatte, und sie dachte nur an ihre Buben. Sie wurde totenbleich, und ein paar Sekunden lang meinte auch sie, ihre Küche tanze. Aber sie war eine entschlossene Frau; sie nahm sich zusammen und sagte kurz: »Ich muß hin.«

»Nimm mich mit!« Aus der Tiefe der Küche erklang flehend Gundels Stimme. Die Angst um die Brüder zitterte darin, und die Mutter sagte wieder kurz, wie es ihre Art war: »So komm!« Sie nahm Gundel an der Hand und verließ so, wie sie ging und stand, das Haus. Als sie auf die Gasse kam, rannten eben Laura und Herr Häferlein vorbei, auch getrieben von der Angst, und Frau Hinz hastete ihnen nach so schnell als möglich. Gundel versuchte Schritt zu halten, doch ihr lahmes Füßchen versagte, und langsam löste sie ihre Hand aus der der Mutter. Frau Hinz achtete nicht darauf, sondern lief weiter, weiter, bis sie es plötzlich doch merkte, daß Gundel nicht mehr mit ihr ging. Da drehte sie sich um, unwillig über das Aufgehaltenwerden, und sah nun weit zurück Gundel mühsam ihr nachhinken.

Die Sternwirtin hatte ihr lahmes Mädelchen lieb. Sie war auch anfangs, als Gundel noch klein war, rechtschaffen betrübt über deren Unglück gewesen; allmählich hatte sie es vergessen. Es war eben so, und da Gundel selbst nie klagte, dachte die Mutter kaum noch an dieses Leid. Jetzt, als sie die Kleine so mühsam daherkommen sah, erschrak sie zum andernmal tief im Herzen. Und sie lief rasch zurück und nahm ihr Mädele auf den Arm. »Ich trag dich,« murmelte sie.

»Mutter!« Gundels blasses Gesichtchen färbte sich rosenrot vor Freude. Die Mutter nahm sie auf den Arm, wie schön das war! Sie legte ganz still ihren Kopf an der Mutter Brust, und in dem Glücksgefühl, dies tun zu dürfen, ließ ihre Angst um die Brüder ein wenig nach, und sie sagte leise, sich und der Mutter zum Trost: »Unsere Bübles sind gewiß net tot.«

Frau Hinz seufzte. »Ach, wer weiß, was die wieder angestellt haben!« Wie es gewesen war, hatte der Bote selbst nicht gewußt, und so ahnte die Mutter noch nichts von ihrer Buben Heldentat. Sie seufzte schwer, und Gundel schmiegte sich fester an sie. »Unsere Bübles sind gar net so schlimm,« flüsterte sie, »nur halt ein bißchen wild!«

Das Wort bewegte die Mutter tief, und sie sagte es ihrem Kinde unwillkürlich nach: »Nein, sie sind net so schlimm.«

Gundel war, wenn auch zierlich und schlank, doch immerhin kein rechtes Tragekind mehr. Die Mutter spürte die Last wohl. Die zwang sie, langsam zu gehen, und doch war es ihr, als würde ihre Angst leichter, je fester Gundel in ihren Armen ruhte. Sie hatte sich ihrem Mädele noch nie so nah gefühlt wie in dieser Stunde gemeinsamer Sorge, und jetzt erst, wo sie zwei Kinder zu verlieren fürchtete, merkte sie erst, wie reich sie durch alle drei gewesen war. »Ich werde dir zu schwer,« klagte Gundel, und sacht streichelte sie der Mutter das erhitzte Gesicht.

»Du bist mir nie zu schwer,« sagte sie, »leg dich nur an, mein armes Käferle du!«

Da wagte Gundel, was sie noch nie gewagt hatte, sie küßte ihre Mutter und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich hab dich so lieb!«

Frau Hinz sagte nichts, sie drückte nur ihr Kind fester an ihre Brust und spürte nicht mehr, daß der Weg lang und schwer war, denn ihre Sorge wurde milder. Gundels Liebe war ihr wie Licht, das warm und sanft eine dunkle Nacht erhellt. Diese Liebe gab ihr Mut und Kraft, und ganz tapfer schritt sie in das Spital hinein und empfing dort die Kunde: »Die Bübles leben und schlafen, und die schlimmen Schelme haben eine tapfere Tat getan.«

Als Mathes und Peter erwachten, meinten sie zuerst, sie wären in eins von den Märchenländern geraten, aus denen ihnen Gundel so lieblich zu erzählen wußte. Da lagen sie selbst in schneeweißen Betten, und Mutter und Schwester saßen daran, und die Mutter sah gar nicht mehr böse aus, sondern so freundlich wie sonst nur am Weihnachtstag. Sie redete auch so und streichelte ihre Buben, was sie auch so selten einmal tat, und was denen doch ausnehmend gut gefiel. Wie sie das eben sagen wollten, kam die Schwester in die Stube und der Arzt auch, und der sagte gleich: »Na, ihr Lebensretter, habt ihr ausgeschlafen? Ihr habt das wirklich brav gemacht, denn mit dem Mädle wär's alle, wenn ihr's nicht so geschwind herausgeholt hättet.«

»Ja, sehr brav, merkwürdig brav,« sagte da noch jemand, und das war -- Herr Häferlein. Wirklich und wahrhaftig, Herr Häferlein! Der tat, als wäre er mit den Sternbuben sehr gut Freund, er versprach ihnen sogar Rosinen, und er sah dabei selbst aus wie die allergrößte, süßeste Rosine aus seinem Laden.

O Wunder über Wunder! Auch Frau Tippelmann kam und lobte die Sternbuben. Sie lachte nicht so vergnügt wie Herr Häferlein, sie sah sogar sehr kummervoll drein, aber wie sie sagte: »Ihr habt's brav gemacht, Gott lohn's euch!« da war es den Sternbübles, als säßen sie in der schönen alten Stadtkirche und hörten die Orgel spielen. Und wie immer, wenn sie dort saßen, weiteten sich ihre Herzen. Gute, fromme Gedanken zogen ein, die strahlten aus ihren Augen, und die Mutter, Herr Häferlein, die Schwester, der Arzt und auch Frau Tippelmann dachten in dem Augenblick: »Wie lieb sie aussehen, die Bübles, ei, die sind doch gar nicht so schlimm!«

Gundel aber umschlang plötzlich die Mutter und flehte: »Gelt, Mutterle, unsere Bübles kommen net fort, die bleiben bei uns?«

»Die bleiben bei uns, ja,« sagte die Sternwirtin nachdenklich. »Meine Buben geb ich nicht her. Jetzt werd ich's schon fertig bringen, sie zu erziehen.«

»Ist recht so, ganz recht, und ich helfe Ihnen dabei, Frau Sternwirtin,« rief derselbe Herr Häferlein, der noch am Morgen gesagt hatte, es wäre ein wahres Glück für die Löwengasse, wenn die Sternbübles daraus fortkämen.

So wandeln sich Meinungen. Fräulein Laura hatte auch vor wenigen Stunden noch gedacht, Frau Tippelmann sei eine ungute, mürrische Frau; nun sagte sie: »Gott sei Dank, daß Frau Tippelmann da ist!« Alette Amhag sagte dies nicht, aber sie fühlte es, was manchmal besser ist. Als Frau Tippelmann zu ihr, die sich wie ein kleiner verflogener Vogel so angstvoll in dem weißen Spitalzimmer umsah, trat und fragte: »Willst du heimfahren in die Rose und dort gesund werden?« nickte sie stumm, aber heftig.

»Doch ich lasse dich nicht fort, kleine Alette, bis nicht dein Vater selbst dich holen kommt; ist das recht so?« fragte die alte Frau, die auf einmal verstand, was Alette fortgetrieben hatte. Da umschlang sie Alette jäh mit beiden Armen und ließ sie nicht mehr los, und Frau Tippelmann trug sie in den Wagen und trug sie daheim in das Bett und wachte an dem Bett die ganze lange Nacht hindurch. Die Sorge um das fremde, einsame Kind ließ sie nicht schlafen, und diese Sorge kam aus einem Herzen voller Liebe.

Elftes Kapitel.

Schwere Tage.

Die Löwengasse fängt an, die Sternbübles mit anderen Augen anzusehen, und die merken es. Brav werden ist schwer. Die Lindenkinder kehren zurück, und Herr Häferlein läuft in die Nacht und holt den Arzt herbei. Laura und Frau Tippelmann sitzen Hand in Hand, und am Morgen gibt es Streit auf der Löwengasse. Warum Trinle und Gundel so lange auf der Treppe sitzen und es sich dann vornehmen, Friedensengel zu sein.

Den Sternbübles bekam das kalte Bad ausnehmend gut; nicht einmal ein Schnüpflein trugen sie davon. Nur ihr Magen mußte sich schrecklich erweitert haben, sie aßen am Abend wie ein paar Scheunendrescher, und sie seufzten am Morgen schon wieder vor Hunger. Nachdem sie leidlich satt waren, wanderten sie so brav und bieder mit Gundel zur Schule, als wären sie immer so gegangen, und selbst Frau Sekretär Schneider, die just ihren Staublappen zum Fenster herauswehen ließ, sagte, den Buben nachsehend: »Man sollte nicht denken, daß die netten Buben so schlimm sein könnten! Aber vielleicht wird's nun mit ihnen.«

Ähnlich dachte auch Herr Häferlein. Der sah die Sternkinder kommen, und dieses Mal nickte er ihnen zu und rief: »Wenn ihr heimkommt, besucht mich mal.«

Hui! Da rissen die Bübles geschwind ihre Mützen vom Kopf, grüßten so höflich und sagten so höflich »Ja!«, daß Herr Häferlein seine rechte Freude an ihnen hatte. »Die werden noch, die werden noch,« redete er ihnen nach.

Vor der Rose blieben die Kinder einen Augenblick stehen und schauten zu den verhängten Fenstern des ersten Stockes empor. Alette Amhag schlief wohl noch; sie hatte es ja gut, sie brauchte nicht in die Schule zu gehen. Heimlich dachten sie alle drei, wenn wir zurückkommen, steht Alette Amhag vielleicht auf dem Gäßle, sagt uns guten Tag, ja vielleicht wird es so, vielleicht.

Doch Alette Amhag schlief nicht mehr, aber aufstehen und auf das Gäßle gehen konnte sie auch nicht; sie war krank.

Eine lange bange Nacht lag hinter Frau Tippelmann, und Laura und der Arzt, der gleich am frühen Morgen kam, sprach von manchen sorgenvollen Tagen und Nächten, die noch kommen würden; er sagte es ernst: »Das Kind ist sehr krank.«

Laura weinte bitterlich, Frau Tippelmann jedoch blieb ruhig; sie klagte nicht, sie vergoß keine Träne, aber sie tat sacht und lind alles dem kranken Kind zuliebe, und der Arzt sah ihr zu und erklärte zufrieden: »In Ihrer Hut ist die Kleine gut verwahrt, eine bessere Pflegerin könnte ich nicht finden.«

Laura hörte das Wort, und sie schämte sich. Sie, die so viele Schuld an dem Unglück trug, die Alettes Kummer nicht hatte hören wollen, kam sich auf einmal sehr überflüssig vor. »Wäre Alette doch nie hierhergekommen,« stöhnte sie, »wäre sie bei Frau van Bachhoven geblieben!«

Vielleicht hatte Alette den Namen verstanden, sie schrie plötzlich angstvoll auf: »Trinle, Trinle, hilf mir, Frau van Bachhoven holt mich! Kasperle, hilf, ach, helft mir doch, ich will hierbleiben!«

»Hm, mir scheint, das Kind ist durch etwas sehr geängstigt worden,« sagte der Arzt streng. Er sah von Laura zu Frau Tippelmann, sah die fragend an, und Laura dachte, jetzt verklagt sie mich. Frau Tippelmann tat dies aber nicht. »Wir sind alle schuld, Herr Doktor,« sagte sie einfach, »wir verstanden das schüchterne Kind nicht, ich auch nicht. Doch wir werden alles tun, um unsere Schuld gutzumachen. An Pflege soll's nicht fehlen. Gelt, Fräulein Laura?«

Stumm legte Laura ihre Hand in die harte, feste Rechte der alten Frau, und zum ersten Mal dachte sie:

»Gott sei Dank, daß wir hier sind! Ich will alles tun, was Sie sagen, Frau Tippelmann,« murmelte sie bedrückt; »so wird's am besten sein. Wenn wir nur das Kind am Leben erhalten.«

»Das denke ich auch!« Der Arzt nickte. »Nun laufen Sie schnell einmal hinüber in die Lindenapotheke; die Medizin hier muß ich haben,« gebot er.

Da rannte Laura ohne Hut und Mantel über die Gasse. Herr Baldan bediente sie schnell und sprach ihr tröstlich Mut zu, ihm fielen gleich sechs Kinder ein, die auch auf irgendeine rätselhafte Weise ins Wasser geplumpst und wieder gesund geworden waren.

Wie er beim sechsten Kind angelangt war und die Medizin beinahe fertig hatte, trat Herr Häferlein ein. Der wollte wissen, wie es Alette ging. Er wußte noch von drei Wasserkindern zu erzählen, und er erbot sich auch zu allen nur erdenklichen Hilfeleistungen. »Fräulein Laura,« sagte er, »wenn es schlimmer werden sollte und Sie brauchen jemand, der Ihnen nachts den Doktor holt, dann bitte, werfen Sie mir dort an das dritte Fenster einen Stein. Es schadet nichts, wenn die Scheibe entzweigeht, ich höre es dann besser. Vielleicht fällt mir der Stein ins Bett, aber dies schadet auch nichts.«

»Und vielleicht schlägt Ihnen der Stein ein Loch in den Kopf, und das schadet dann wohl auch nichts?« fragte Laura, die trotz ihrer Sorge lächeln mußte.

»Nun, nun, so schlimm wird es nicht gleich werden,« rief der höfliche Kaufmann, »wir sind doch Nachbarn!«

»Ja,« murmelte Laura dankbar, »Frau Tippelmann sagt auch immer: Ein guter Nachbar in der Not ist besser als ein fremder Bruder.«

»Und Frau Tippelmann hat recht,« rief Herr Baldan.

»Freilich hat sie recht.« Laura nahm ihre Arznei und lief eilig wieder über die Straße. An der Haustüre traf sie Frau Hinz. Die Sternwirtin kam, auch ihre Hilfe anzubieten, wenn es not sei, und wie sie kam an diesem Tage noch manche andere. Nur die eine konnte nicht kommen, nach der Alette im Fieber sehnsüchtig verlangte, Frau Grill. Die Grills feierten Geburtstag und ahnten nichts, wie oft und bang Alette nach ihnen rief. Laura, die zuerst so froh über diese Reise gewesen war, seufzte jetzt darüber: »Warum sind sie gerade jetzt nicht da!«

Hierüber waren nun die Sternbübles anderer Meinung. Die fanden, die Reise der Lindenkinder sei zu rechter Zeit geschehen, denn da machte ihnen niemand den Platz vor der Rose streitig. Mit Gundel hockten sie auf den Bordsteinen der Rose gegenüber, trotzdem es noch gar kein rechtes Wetter zum lange Draußenbleiben war, und starrten zu den verhüllten Fenstern empor. Herr Häferlein sah es, wie er alles sah, was auf dem Löwengäßle geschah. Er rief die drei in seinen Laden und mahnte, sie würden sich erkälten. »Es hat ja keinen Zweck, daß ihr da sitzt und hinüberschaut, helfen könnt ihr doch nichts.«

Dies sagte Herr Häferlein, und ein Minütchen später wurde die Hilfe der Sternbübles doch gebraucht, und es ist nicht zu leugnen, Mathes und Peter dachten da triumphierend in ihren Herzen: Ätsch, Herr Häferlein!

Fräulein Laura fiel es ein, daß sie an Frau van Bachhoven drahten müßte, und sie lief einfach auf das Löwengäßle; vielleicht war da jemand, der für sie zur Post lief, und so fand sie die Sternbübles. Die rannten zur Post, setzten dazu sehr wichtige Mienen auf, denn sie waren ungeheuer stolz, daß man ihnen eine Drahtnachricht anvertraute. Und als sie zurückkamen, stand Fräulein Laura schon wieder vor der Türe und bat: »Nicht wahr, ihr holt mir einen Eimer Eis von eurer Mutter? Ihr seid ja so brav!«

Wenn nun zwei ausgemachte Schelme auf einmal brav werden wollen, ist das keine leichte Sache. Die Sternbübles begannen das bald zu spüren. Vielleicht, ja vielleicht hätten sie das kühne Unternehmen aufgegeben, wenn nicht das große Zutrauen der andern gewesen wäre. Nicht allein Fräulein Laura, sondern alle andern Leute in der Löwengasse schauten auf einmal die beiden immer sehr freundlich und zuversichtlich an. Und wenn nun jemand die eigene Bravheit immer wie ein schöner, duftender Blumenstrauß vor die Nase gehalten wird: »Seht einmal, wie nett, seht einmal, daran hat man doch seine Freude!« dann bleibt doch nichts anderes übrig, als selbst daran zu glauben. Wie daheim, wie in der Gasse, so ging es in der Schule. Auch die Lehrer sahen die Sternbübles mit andern Augen an. Zwei, die so hops und platsch ins Wasser springen, um ein fremdes Kind zu retten, ja, aus denen muß doch noch etwas werden. Und wieder fühlten die Bübles das Zutrauen, und wenn sie heimkamen, rannten sie zur Schwester und baten: »Gundele, hilf uns.« Da half ihnen Gundele eifrig und sacht bei den Schularbeiten, und sie sagte so lange: »Ihr seid gar net so dumm!« bis auch das die Bübles zu glauben begannen.

Doch alle Bravheit und Nettigkeit geriet in die größte Gefahr wieder wegzufliegen, als die Grills heimkamen. Purzelvergnügt kehrten die von ihrer Geburtstagsreise zurück; doch schon auf dem Bahnhof erfuhren sie von Alettes Unfall, ihrer Rettung und Krankheit. Es war an dem Tage, an dem der Arzt am Morgen sorgenvoller denn je dreingesehen hatte, und an dem es einer dem andern in der Löwengasse zuraunte: »Die kleine Alette Amhag ist sehr, sehr krank -- vielleicht wird sie sterben.«

Frau Grill ging gleich in das Nachbarhaus hinüber, und ihre vier Kinder blieben vor der Linde sitzen, um die Mutter zu erwarten. Da sahen sie die Sternkinder drüben auf Herrn Häferleins Schwelle hocken, und der Kaufmann redete freundlich mit ihnen. Auf einmal tat sich die Türe in der Rose auf. Laura trat heraus und winkte. Mathes und Peter kamen angerannt, die Grills hörten, wie Laura sie bat, Eis zu holen, und dann rasten die Bübles in Windeseile die Gasse hinab, und Laura schloß wieder die Haustüre. Herr Häferlein aber rief den Nachbarskindern über die Gasse zu: »Ist gut, daß wir die Sternbübles haben, die sind jetzt erstaunlich brav.«

Die und brav! Veit und Steffen machten lange Gesichter. Über die schlimmen Sternbübles hatten sie sich geärgert, auf die braven Sternbübles wurden sie eifersüchtig. Sie sahen ihnen entrüstet nach, und Veit sagte: »Die drängen sich auf, hier haben sie nichts zu suchen; das sagen wir ihnen noch.«

Doch ehe Mathes und Peter wiederkehrten, kam Frau Grill aus der Rose zurück. Sie sah recht ernst und traurig drein, und als ihre Kinder sie mit Fragen bestürmten, sagte sie: »Kommt mit ins Haus. Lärmt nicht so viel auf der Gasse, denkt immer daran, dort oben liegt Alette, und sie ist recht, recht krank.«

Für Frau Tippelmann und Laura kam wieder eine lange bange Nacht. In dieser Nacht lief Laura wirklich auf die Löwengasse und warf einen Stein an Herrn Häferleins Fenster. Davon sprang die Scheibe, und Herr Häferlein wachte auf. Er lief dann wirklich schneller als schnell und holte den Arzt herbei. Aber bis er mit ihm zurückkam, das dauerte für jemand, der in Sorge wartet, schon immer eine Zeit. Laura kauerte an Alettes Bett, sie konnte nichts mehr tun als weinen, immerzu weinen. Einmal sagte sie: »Frau Tippelmann, ach, Sie sind so ruhig; wenn nun Alette stirbt, was tun wir dann?«

Die alte Frau, die aufrecht an dem Krankenbett saß und jeden Atemzug Alettes belauschte, antwortete einfach: »Ich halt's mit dem Wort: Vertrau auf Gott und laß ihn walten, er wird dich wunderbar erhalten.«

Lauras Weisen verstummte. Das schlichte Wort tat ihr unendlich gut. Sie kauerte neben Frau Tippelmann nieder und legte den Kopf an ihren Schoß. So saßen die beiden Frauen still zusammen, zählten die Minuten, die verrannen, und lauschten, ob auf der Gasse nicht Schritte hörbar wurden. Dabei fiel es Laura ein, wie sie als Kind einmal krank gewesen war, da hatte ihre Großmutter viel an ihrem Bett gesessen, und sie mußte denken, die sah aus wie Frau Tippelmann. Und wie die war sie auch gewesen, so schlicht, etwas wortkarg, so scheinbar rauh und doch so gut. Das war nun freilich lange her. Die Großmutter war tot, die Eltern auch. Und die Geschwister!

Laura seufzte. Um die hatte sie sich gar nicht mehr gekümmert. Sie war zu vornehm geworden und hatte sich zu viel eingebildet auf ihre schönen Kleider, auf ihre Stellung im reichen Hause. Laura seufzte wieder und flüsterte: »Ach, Frau Tippelmann, ich bin recht schlecht, und daß Alette so krank ist, ist auch meine Schuld.«

Frau Tippelmann strich mit ihrer harten Arbeitshand, die doch so linde zufassen konnte, über Lauras Stirn. »Schuld haben wir beide,« murmelte sie, »aber Reu ist des Herzens Arznei.«

Da klappten unten auf der Straße Schritte, sie kamen näher und hielten vor dem Hause an -- der Arzt. Die beiden Frauen atmeten auf. Endlich kam er, endlich! Es schien ihnen, als wäre eine furchtbar lange Zeit verflossen, seit sie nach ihm ausgeschickt hatten, und doch war der gute Herr Häferlein völlig atemlos, so sehr war er gerannt. Nachdem er den Arzt herbeigeholt, hätte Herr Häferlein ja nun in sein Bett zurückgehen können, denn gerade sehr gemütlich war es nicht auf der Löwengasse. Der Wind blies kalt von Osten her, aber der Kaufmann kümmerte sich nicht darum; der dachte, ich muß erst wissen, ob es dem Kind da drinnen besser geht. Er mußte lange warten, doch dann wurde seine Ausdauer belohnt. Der Arzt kam wieder und sagte: »Es geht besser, nun können wir wieder hoffen.«

»Wieder hoffen, Gott sei Dank!« rief der treue Nachbar froh.

Der Arzt ging heim, Herr Häferlein legte sich wieder in sein Bett, und im Haus zur Rose saßen Frau Tippelmann und Laura Hand in Hand. Sie sprachen nicht zusammen, aber in ihren Herzen tönten unablässig die Freudenglocken: »Es geht besser, besser, Alette wird gesund.«

Am nächsten Morgen trabten die Sternkinder am Haus zur Rose vorbei und nickten zu den verhüllten Fenstern empor. Das sahen die Lindenkinder, die eben aus ihrem Hause kamen. Die ärgerten sich. Sie fanden die Sternkinder wieder aufdringlich, und als die auf dem Heimweg gar vor der Rose stehenblieben, begannen Steffen und Veit darüber zu schelten. »Hier oben im Gäßle habt ihr nichts zu suchen, marsch fort!« schrieen sie.

»Hoho!« brüllten die Sternbuben empört, »ihr habt uns nichts zu verbieten, wir können auf dem Gäßle stehen, wo wir wollen.«

»Hier nicht, für die argen Sternbuben ist hier kein Platz!« höhnten Veit und Steffen.

»Wohl nur für Pillendreherbuben, he?« kreischten die Sternbübles wütend zurück.

Pillendreherbuben war den Grills ein arges Scheltwort, und alle vier, denn Trinle und Kasperle taten mit, stürzten sie sich auf die Sternbuben. »Das sollt ihr büßen!«

»Alette, Alette, wenn sie es hört!« jammerte Gundel. Sie, die sonst so Zaghafte, drängte sich zwischen die Streitenden. »Seid doch still, ach, seid doch still!«

Puff puff rechts, puff puff links! Gundel geriet in das Kampfgemenge, aber ihr flehendes Rufen verstummte nicht, und Trinle hörte zuerst darauf. Richtig ja, Alette lag krank, Alette hörte vielleicht den Lärm, und Alette sollte nicht aufgeregt und gestört werden. Da mahnte sie auch: »Seid doch still; wenn es Alette hört!«

Gundel hatte Mathes erwischt; sie flehte: »Mathesle, geh heim, denk doch, wenn es Alette hört!«

Trinle zerrte Steffen am Arm und bettelte:

»Streit doch nicht, Alette hört's gewiß; je, jetzt kommt Frau Tippelmann!«

Frau Tippelmann kam wirklich aus dem Haus. Sie sah gerade noch fünf Paar Bubenbeine eiligst entfliehen; die drei Grills verschwanden in der Linde, die Sternbuben rasten die Gasse hinab, nur Gundel und Trinle blieben auf dem Kampfplatz. Frau Tippelmann ging schnell an beiden vorüber, sie wollte etwas besorgen. Auf die beiden Kinder achtete sie gar nicht, denn sie hatte den Streit nur halb gehört. Erst als Trinle eine ängstliche Frage nach Alette tat, blieb sie einen Augenblick stehen und erzählte rasch, wie schlimm die Nacht gewesen war. Dann mahnte sie noch: »Seid ja recht still auf dem Gäßle!« und schritt eilig zum Obermarkt hinauf.

Die beiden Mädels standen wie erstarrt. Beinahe gestorben war Alette! Sie vergaßen vor Schreck und Schmerz, daß sie eigentlich in Feindschaft miteinander lebten; weinend, klagend sanken sie sich plötzlich in die Arme und hielten sich fest, fest umschlungen.

Tripp, tripp, rannen Gundeles Tränen auf Trinles Schulter, und Trinle heulte gleich so arg, daß Gundels Bluse ganz naß wurde. Beinahe gestorben, beinahe gestorben! Sie konnten ein Weilchen gar nichts anderes denken, erst nahende Schritte rissen sie aus ihrer Versunkenheit. Gundel löste erschrocken ihre Arme von Trinles Hals und flüsterte scheu: »Es kommt jemand.«