Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 8
Dies angstvolle Rufen lockte Laura herbei, es lockte auch die Grillschen Kinder auf die Straße, es lockte da und dort jemand ans Fenster, und der gute Herr Häferlein hatte wieder einmal recht zu seinem Ärger Neugierige genug um seinen Laden. Alle riefen sie nach August, und darüber ärgerten sich die beiden Auguste mehr und mehr. August Baldan sagte zu August Häferlein: »Es ist eine Schande, unsern schönen Namen einem Affen zu geben,« und August Häferlein rief dem schwarzen kleinen August wütend zu: »Na, warte nur, wenn ich dich erst habe!«
»Pfui, Herr Häferlein, wie hartherzig Sie sind!« sagte da Laura, die just hinter Alette den Laden betrat. »Unsern armen kleinen August wollen Sie töten?«
»Der Himmel bewahre mich,« rief Herr Häferlein entrüstet, »so etwas habe ich nie gewollt, so grausam -- -- --«
»Herr Häferlein macht den August tot,« brüllten draußen die Sternbuben so lange, bis Herr Baldan scheltend aus dem Laden herauskam und mit einem finsteren Gesicht Ruhe gebot. Da erschraken Mathes und Peter doch darob ganz ungeheuer.
Innen hatte inzwischen Alette Amhag ihr Äffchen zärtlich gelockt. Das war auch gekommen, und Herr Häferlein tat ihm nichts, ja er sagte sogar gutmütig: »Hoffentlich hat er sich nicht den Magen verdorben!«
Dies war nun wirklich nett von Herrn Häferlein. Alette spürte es dankbar, und dankbar gab sie dem Kaufmann die Hand und versicherte dann: »Augustle hat's nicht böse gemeint. Er ist so lieb!«
Na ja! Herr Häferlein lächelte zwar ein wenig sauersüß, aber er öffnete doch höflich selbst die Türe und ärgerte sich dann wieder über das laute Geschrei, das Alette empfing. »Er lebt, er lebt, Augustle ist nicht tot!« brüllten die Kinder, am lautesten wieder die Sternbuben. Die drängten sich auch keck und unverzagt mit vor, und Alette lächelte ihnen zu, ja Augustle ließ sich von ihnen streicheln, und so standen die Sternbübles plötzlich im Kinderkreis, als wären sie mit allen gut Freund. Das gefiel ihnen wohl, und als Laura sie nach ihren Namen fragte, gaben sie so nett und bescheiden Antwort, verbeugten sich so höflich, daß selbst Herr Baldan dachte: »So übel sind sie eigentlich nicht, die Sternbübles.«
Und gerade da kam der Onkel Adam Hinz durch die Löwengasse, neben ihm ging Herr Schmidt, und ehe die beiden Schelme noch an Ausreißen denken konnten, fühlten sie sich ergriffen, und Herr Schmidt sagte zornig: »Jetzt sollt ihr mir mal sagen, wer bei mir die Zettel angeklebt hat, kommt mal mit!«
Da gab es kein Sträuben, selbst Alettes angstvolles Rufen half nichts. Herr Schmidt nahm Mathes, Onkel Adam nahm Peter, und so ging es in den Silbernen Stern hinein, und dort gab es ein böses Strafgericht.
»Die Sternbuben sind's gewesen, natürlich, wer anders als die Sternbuben!« sagten sie in der Löwengasse, auf dem Obermarkt und dem Untermarkt. »Das konnte man sich denken! Wie soll es nur noch einmal mit den Buben werden, die geraten nicht gut!«
Im Silbernen Stern, ganz allein in einem der großen Zimmer des altertümlichen Hauses aber saß eine, die den allertiefsten Kummer um die schlimmen Bübles im Herzen trug, das war Gundel. Die weinte und weinte und meinte, sie könnte nimmer froh werden vor Scham und Trauer. Sie wollte ihnen zürnen und konnte es doch nicht, denn leise, leise klang und tönte in ihrem Herzen ein Glöckchen, das hieß Vertrauen. »Sie sind nicht so schlimm, sie sind nicht so schlimm,« tönte das fort und fort. Zuletzt faltete Gundel die Hände und betete in ihres Herzens tiefer Not: »Lieber Gott, hilf, mach, daß alle im Gäßle die Bübles liebhaben! Lieber Gott, sie sind wirklich net so bös, glaub es, sie sind net bös!«
Zehntes Kapitel.
Frühlingsregen.
Es fließt viel Wasser vom Himmel, und viele Tränen werden vergossen. Die Lindenkinder verreisen, und die Sternbuben rennen Alette nach. Was geschieht, wenn eine Brücke morsch ist. In die Löwengasse dringt eine schlimme Kunde, Frau Tippelmann erschrickt, Laura denkt, die Gasse tanzt, und Frau Hinz trägt ihr Gundele und findet ihre Buben wieder.
Die Löwengasse war bitterböse auf die Sternbuben. Alle sagten, die wären eine Schande für die Gasse, und dieses schlimme Wort kam auch der Sternwirtin zu Ohren. Es kränkte sie tief, und sie strafte ihre Buben tüchtig, ja sie sagte sogar, sie würde die Buben fortgeben, zu einem Verwandten, der Lehrer war in einer etwas größeren Stadt, und der schon etliche Buben in seinem Haus erzog. »Wenn ihr sitzen bleibt, kommt ihr fort,« sagte Frau Hinz, »da gibt es kein Federlesen mehr.«
Damit war den Sternbuben eigentlich das Urteil gesprochen, denn an ein Versetztwerden glaubten sie selbst in ihren allerkühnsten Träumen nicht mehr. Und wenn sie jetzt fleißig waren und nach Frau Tippelmanns Wort aus einem Tag zwei gemacht hätten, sie waren zu weit unten, es half ihnen nichts mehr. Die Sternbuben waren wirklich tief bedrückt und Gundel mit ihnen. Alle drei miteinander taten, als müßten sie dem April regnen helfen; ihre Tränen flossen wie Gießbäche, und dabei regnete es in den ersten Apriltagen wirklich genug. Der Regen rann und rauschte immerzu, immerzu, und der kleine Fluß, der das Breitenwerter Tal durchfloß, wurde fast zu einem Strom. Von überall her rannen kleine Bäche hinein, und davon schwoll er so an, daß die Leute im Städtchen sagten: »Es gibt gewiß noch eine Überschwemmung.« Vorsichtige warnten auch die Kinder: »Geht nicht über die Torbrücke, die steht nicht mehr fest auf ihren Pfeilern.«
Es waren wirklich wasserreiche Tage. Die Tränenbächlein flossen nicht allein im Silbernen Stern; auch in der Rose und in der Linde flossen sie. Den Sternbuben war der erste April schlecht bekommen, dem Affen August noch viel schlechter, der war krank geworden.
Nett war es nicht von Herrn Häferlein zu sagen: »Er hat sich in meinem Laden überfressen.« Laura grollte dem Nachbar darum bitter, sie erklärte: »August verträgt die Breitenwerter Luft nicht.« Aber Alette meinte, er habe sich zu sehr geängstigt. Frau Tippelmann jedoch brummte: »Gründe gibt's wie Brombeeren, und meist braucht man nicht nach einer Krankheit zu suchen, die lauert vor der Türe.« Sie ging dann selbst zum Tierarzt, der verschrieb ein Pulver, aber weder das noch die warmen Umschläge, die Frau Tippelmann dem kranken kleinen Schelm machte, vermochten ihm recht zu helfen. Er wurde schwächer und schwächer, und der Blick seiner dunklen Augen wurde immer trauriger. Vielleicht sehnte er sich wirklich zu sehr nach seiner sonnenheißen schönen Heimat. Der Sturm, der das alte Haus umheulte, der Regen, der gegen die Scheiben schlug, mochte ihm wenig gefallen, und wenn ihm Alette erzählte: »Wenn erst Sommer ist,« dann schloß er nur müde die Augen. Alette kauerte stundenlang neben ihrem kleinen Freund. Frau Tippelmann wollte es nicht recht leiden, und Laura nannte sie darum hartherzig. Auch die Lindenkinder entrüsteten sich darüber; freilich ihre Mutter sagte: »Frau Tippelmann hat recht, es ist für Alette nicht gesund, immer neben dem kranken Tierchen zu sitzen.«
Trotz all ihrer Teilnahme konnten sie sich in der Linde in diesen Tagen doch nicht so viel als sonst um die Nachbarn in der Rose kümmern, denn die Geburtstagsreise nahm alle Gedanken in Anspruch. Was gab es da auch zu tun und zu bedenken! Gedichte mußten gelernt werden, Trinle stickte noch mit Feuereifer an einer Decke, und es mußte bedacht werden, welche Sachen man mitnehmen wollte. Am letzten Tag überlegte es sich Trinle sechsmal: »Jetzt geh' ich zu Alette,« und immer kam etwas dazwischen. »Geh du,« sagte sie zu Kasperle, und Kasperle lief hinaus, und wie er draußen auf der Löwengasse war, kam ein Bote, der eine Schachtel brachte. Flink lief Kasperle-Neugier in das Haus zurück; er mußte doch sehen, was in der Schachtel drin war.
»Alette könnte auch zu mir kommen,« schalt Trinle, und als sie dann endlich Zeit hatte und hinüberlief, da fand sie Alette in bitterwehem Schmerz an Augustles Korb sitzen. Das Äffchen war tot.
Augustle tot! Dieser lustige kleine Schelm hatte wirklich seine dunklen Augen für immer geschlossen, auf Alettes Schoß war er still eingeschlafen.
Es flossen viele, viele Tränen um ihn. Den Grills war es erst, als sei all ihre selige Reisefreude mit dem Regen weggeschwommen, und Trinle versicherte schluchzend: »Ich freu' mich gar nicht mehr.« Sie kamen auch tiefbetrübt heim. Aber als sie am nächsten Morgen vor Tau und Tag geweckt wurden und dann mit den Eltern durch das tiefstille Gäßchen wanderten, husch, war die Reiselust wieder da. Sie schwatzten und lachten, und Alette hörte ihre frohen Stimmen. Die lag noch in ihrem Bett, und ihre kaum versiegten Tränen brachen auf's neue hervor. Ach, so einsam, so sehr verlassen fühlte sie sich! Sie weinte und weinte und wußte selbst nicht mehr, ob sie nun tiefer um die Abreise der Freunde oder um Augustles Tod klagte.
An diesem Vormittag brachte der Postbote einen eiligen Brief in das Haus zur Rose, und Lauras Gesicht wurde ganz hell, als sie den las. Sie ging zu Alette, die trotz Frau Tippelmanns Einsprache immer noch neben dem toten Augustle kauerte, und sagte vergnügt: »Alette, freue dich, wir reisen morgen ab!«
»Reisen morgen ab?« wiederholte Alette wie in einem Traum.
»Ja, ja, sieh nur nicht so schrecklich erstaunt drein! Es ist so und bleibt so. Morgen reisen wir. Frau van Bachhoven hat eben geschrieben; sie will uns morgen in Köln treffen.«
»Und dann?« Alettes Stimme zitterte wie eine kleine Flamme, gegen die der Wind steht.
»Dann?« Laura war ein wenig verlegen; die Angst in des Kindes Augen erschreckte sie, und sie murmelte leise: »Dann reisen wir nach Paris.«
Alette schrie auf: »Ich will nicht, ich will in Breitenwert bleiben, ich --« Ihre letzten Worte erstickten ein heftiges Schluchzen, und so hörte Laura nicht, daß sie sagen wollte: »Ich liebe Frau van Bachhoven gar nicht.«
Laura wurde böse. Ihrer Meinung nach hatte sie alles sehr gut eingerichtet, und sie kränkte sich über Alettes Widerspruch. Daß sie eigentlich nur an sich gedacht hatte, nur an ihr Vergnügen, nach Paris zu kommen, gestand sie sich nicht ein, und sie warf Alette heftig vor: »Du bist undankbar, pfui, schäme dich!«
In dem Augenblick öffnete sich die Türe, Frau Tippelmann trat ein, eine große weiße Schachtel im Arm. In der wollte sie den Affen begraben. Sie sagte das ein wenig kurz und trocken, wie es ihre Art war. Sie meinte, Alettes Tränen flössen noch immer um August, und sie glaubte, es würde besser sein, wenn die Kleine den toten Liebling nicht mehr sehen könnte.
Die Freunde fort, August tot, Laura böse, und morgen sollte sie auch noch die Löwengasse verlassen! Es war Alette, es müsse ihr das Herz brechen, sie konnte nicht einmal mehr weinen, und ganz stumm stand sie auf und verließ das Zimmer. Frau Tippelmann hätte sie gern in die Arme genommen und sie getröstet, aber sie dachte traurig: »Alette hat ja Laura, und mich liebt sie nicht.«
Fräulein Laura war über Alettes Hinausgehen froh. Nun konnte sie Frau Tippelmann von der Reise sprechen. Sie log wieder einmal ein bißchen und sagte: »Alette freut sich auch.«
»Na gut,« murmelte Frau Tippelmann, »mir kann's ja recht sein!« Sie seufzte tief, nahm August, bettete ihn sorgsam in die Schachtel und trug sie in den Garten. Ihr war das Herz schwer. So viele Jahre hatte sie allein in dem alten Haus gewohnt und war zufrieden damit gewesen, aber jetzt, seit Alette Amhag darin gewohnt hatte, fürchtete sie sich fast vor der Einsamkeit. Nun würden keine flinken Füßchen mehr die alten Treppen auf- und absteigen, kein helles Stimmlein würde mehr das Haus durchtönen, und die Nachbarskinder kamen wohl auch nicht mehr mit Lachen und Lärmen über die Gasse gerannt.
Frau Tippelmann stellte die Schachtel still unter einen Baum, später wollte sie das Äffchen darunter begraben. Oben begann Fräulein Laura in Hast und Eile die Sachen zu packen. Um Alette kümmerte sie sich nicht weiter. Die würde weinen, nun ja, sie würde aber auch wieder aufhören, und wenn morgen die Reise losging, da gab es keinen Abschiedsschmerz, kein Jammergeschrei von denen drüben. Gut war es so, sehr gut. »Und morgen geht es fort, geht's nach Paris,« trällerte sie vergnügt.
Alette Amhag wurde es an diesem traurigen Vormittag zu eng in dem Haus. Lauras Singsang trieb sie von Stube zu Stube, sie schlich die Treppe hinab, da hörte sie Frau Tippelmann in der Küche klappern und laut mit sich reden. Ach, die war wohl froh, daß sie abreiste, Augustle würde sie nun nicht mehr ärgern, und so viele Arbeit gab es dann auch nicht mehr. Alette seufzte tief. Wie traurig es doch war! Sie schlüpfte endlich sachte zur Haustüre hinaus und schaute hinüber nach der Linde. Da stand nicht wie sonst so oft Kasperle vor der Türe, und Herr Baldan war auch nicht zu sehen. Die Freunde waren nun schon bei der Großmutter, sie feierten und freuten sich, und wenn sie wiederkamen -- -- -- da war Alette wer weiß wo!
Die grauen Wolken, aus denen in den letzten Tagen so viel Regen herabgeflossen war, hatten sich fast alle verzogen, leichte, zarte Weißwolken segelten lustig im blauen Luftmeer dahin, und die Sonne sah freundlich in die Löwengasse hinein.
Alette dachte, sie würde nun vielleicht nie mehr die schnurrige kleine Gasse sehen, und meinte, das Herz müsse ihr brechen vor Leid. Wäre ihr Vater doch da, er müßte ihr gewiß helfen und würde sie nicht zwingen, zu Frau van Bachhoven zu reisen! Wie sie sich fürchtete vor der Frau, die so laut und herrisch war!
Eine tiefe Sehnsucht nach dem Vater erfaßte sie, und ihre Tränen begannen schon wieder zu fließen. Es war ihr, als müsse sie wandern und wandern, um den fernen Vater zu suchen, und unwillkürlich lief sie die Löwengasse hinab, dem Untermarkt zu. Sie kam am Silbernen Stern vorbei. Dort waren eben die Kinder aus der Schule heimgekommen und standen in dem Hausflur zusammen. Sie ließen alle drei die Nasen gewaltig hängen, denn den Buben war heute in der Schule die letzte karge Hoffnung auf Versetztwerden zerronnen. Da sagte auf einmal Gundel: »Dort geht sie und weint.«
Mathes und Peter wußten gleich, wen die Schwester meinte, und sie vergaßen im Augenblick den eigenen Kummer und starrten Alette nach. »Die hat Schelte gekriegt,« murmelte Mathes niedergeschlagen.
»Sie sah so traurig aus!« Gundeles Stimme klang unendlich mitleidig. Sie sah selbst gleich ganz unglücklich drein, und die Brüder riefen geschwind: »Wir laufen und fragen sie, warum sie flennt.« Beim letzten Wort liefen sie schon, und am Untermarkt holten sie Alette ein. Statt sie aber zu fragen, was ihr fehle, trotteten sie wie ein paar getreue Hundchen immer hinter der Kleinen her. Ihre sonstige Keckheit hatte sie ganz verlassen, und sie wagten die Frage nicht.
Alette Amhag lief und lief ganz ziellos weiter. Sie riß eigentlich vor ihrem eigenen Kummer aus, aber der blieb in ihrem Herzen und klagte laut: »Morgen geht es fort, morgen, morgen, morgen!«
»Wohin sie nur rennt?« sagten die Sternbübles zueinander. »Ob Augustle ausgerissen ist?« Da klang es plötzlich neben ihnen: »Hallo, heda, ihr Sternbuben! Wohin des Weges?«
Das war Oheim Adam Hinz, der seinen unnützen Neffen den Weg verstellte. »Was habt ihr wieder angestiftet, ihr Rangen?«
Mathes und Peter schauten gar nicht lustig drein ob dieser Begegnung. Sie hatten den Oheim seit dem bösen Strafgericht noch nicht gesehen, und gerade erfreulich ist solch ein Wiedersehen dann nicht. Sie wären himmelgern ausgerissen, aber der Oheim Adam mußte das ahnen, der hielt sie beide fest, und er redete natürlich von ihren Übeltaten. Die beiden Sternbübles seufzten schwer, sie standen wie auf einem Bratfeuerchen. Da sollten sie nun allerlei höchst peinliche Fragen beantworten, und inzwischen lief Alette Amhag wer weiß wohin. Ein rechtes Glück war es, daß jemand kam und den Oheim grüßte. Der griff natürlich als höflicher Mann an seinen Hut und ließ Peter los. Da rannte der eiligst davon, und als Oheim Adam ihn greifen wollte, entwischte Mathes. Sie jagten die Straße hinab und trafen sich erst in einer Nebengasse wieder, und in der ersten Freude über ihre gelungene Flucht vergaßen sie Alette. Als sie ihnen wieder einfiel, war sie ihren Blicken ganz entschwunden, und sie rannten nun eine Weile ziellos weiter, bis sie am Flußweg von ferne Alettes helles Kleid schimmern sahen.
Der kleine Fluß sah an diesem Tage wirklich gefährlich aus. Gar nicht sanft und klar wie sonst, dunkelgelb und dick geschwollen rauschte er wild daher. Er war sehr böse, weil die vielen kleinen Rinnsale, die er aufgenommen hatte, ihm alle erzählten, wie schlimm der Winter sie geplagt hätte. Der hätte sie mit Eisfesseln gebunden; sie hätten nicht hüpfen und eilen können, nicht lustig schwätzen wie sonst; ganz schrecklich langweilig wäre es gewesen!
»Unerhört, so ein Benehmen!« schalt der Fluß, und er rüttelte an allem, was er antraf. »Heisa, mich soll niemand mehr binden!« schrie er, und er nahm Bretter und Äste, auch einen alten Schuh, was er gerade fand, und warf alles gegen die Pfeiler einer kleinen alten Holzbrücke. Dies Brücklein ärgerte den Fluß immer sehr, es war ihm zu alt und unscheinbar. Er wollte es schon seit Jahren einreißen, und nie gelang es ihm. »Na warte, diesmal gelingt es!« jauchzte er und tobte mit aller Kraft dagegen. »Ich zerbreche dich, ich zerbreche dich doch!«
Auf der Torbrücke stand Alette Amhag. Sie starrte ängstlich in den Fluß hinab und traute sich auf einmal nicht weiter zu gehen. Sie wußte gar nicht recht, wo sie war, und so grenzenlos verlassen kam sie sich vor, daß sie in ihrem Kummer auf der Brücke niederkauerte und verzweifelt in das rauschende Wasser starrte. Ahnte sie es nicht, wie böse der Fluß war?
»Dort ist sie,« schrieen am Ufer die Sternbübles erschrocken. »Hei, über das Torbrückle darf man net gehen, das soll einfallen!«
»Wir holen sie runter,« schlug Mathes vor, »davon fällt's net gleich.«
Trapp, trapp, rannten sie der Brücke zu. Da hörten sie, wie von irgendwoher jemand schrie: »Runter von der Brücke, geschwind, geschwind!«
Alette Amhag hörte über dem Tosen des Wassers keine warnende Stimme. Sie sah auch nicht, wie die Sternbuben links und ein Mann rechts vom Ufer her eifrig zu winken begannen; sie sah nur das Wasser, hörte es donnern und tosen und fühlte auf einmal, wie die Brücke zu schwanken begann, just so, als führe sie auf einem Schiff.
Und plötzlich ein furchtbarer Stoß! Sie fühlte sich hochgeschleudert, ein lauter Angstschrei gellte auf -- die Brücke stand nicht mehr.
Im Wasser wirbelten Balken und Bretter durcheinander, der Fluß jauchzte in toller, böser Lust und hob etwas Weißes empor, riß es wieder in seine dunkle Tiefe hinab, auf, nieder, auf, nieder.
Einen Herzschlag lang nur zögerten die Sternbübles am Ufer, sie schrieen nicht, sie sahen sich nur an, nickten sich zu, und dann sprangen sie ohne Besinnen in die rauschende Flut. Die Sternbübles konnten schwimmen wie die Fische; sie hatten schon oft im Flusse herumgeplanscht, aber so schwer war das noch nie gewesen. Der wilde Strudel packte sie, schleuderte sie hoch, da -- Peter ergriff zuerst Alettes Kleid, und nun hatte es auch Mathes. Sie zerrten und zogen; wie schwer es doch war, wie furchtbar schwer! Das rauschte, wirbelte, platschte; der Fluß schrie vor Wut, Balken kamen angeschwommen, und die Buben kämpften einen harten Kampf. Auf, nieder, wieder empor, und da -- war das Ufer.
Ein paar Männer kamen gerade angerannt, als die Buben mit letzter Kraft das Ufer zu erklimmen versuchten, sie rissen sie empor und brachten die beiden mit ihrer geretteten Bürde auf das trockene Land.
Die Sternbübles pusteten und spuckten. Sie konnten nichts sehen, so rann das Wasser an ihnen herab; aber sie waren doch noch höchst lebendig. Alette Amhag dagegen lag blaß, still, leblos auf der braunen Erde. Ein alter Mann beugte sich über sie und sagte trübe: »Sie ist tot.«
»Noi,« kreischten die Sternbübles, »sie muß lebendig sein.« Sie brüllten laut und verzweifelt los, und dies Geschrei lockte mehr Menschen herbei. Ein Mann nahm Alette empor, der sagte: »Hier tut schnelle Hilfe not, ich trag's Mädele rüber ins erste Haus.«
»Ins Spital,« rief jemand, »dort ist die beste Hilfe.«
Das Krankenhaus war nicht weit, es lag nur wenige Schritte entfernt, und der Mann, der Alette emporgehoben, trug sie nun eiligst hin. Die Sternbuben folgten triefend, zähneklappernd, aber sie konnten doch auf ihren Füßen stehen. Ein paar Männer erboten sich, sie nach Hause zu tragen, aber da schrieen beide wie aus einem Munde: »Noi, wir müssen bei dem Mädle bleiben, bis es lebendig ist.«
So schnell ging das freilich nicht. Der Arzt im Krankenhaus sah bedenklich drein, als er Alette erblickte, und als er hörte, wie die Buben die Kleine gerettet hatten, sagte er schnell: »Die sollen hierbleiben, die haben ein Recht dazu.«
Da taten die Schwestern, als wären die Sternbübles wirklich krank und müßten gepflegt werden, worüber die beiden mächtig stolz waren. Sie wurden gerieben, gerumpelt, bekamen einen heißen Trank und wurden in gewärmte Betten gesteckt. In denen wurde es ihnen so wohlig warm, als wären Hundstage draußen. Fein wäre es gewesen, nur die Angst um Alette quälte sie. Um die hatten sie wirklich herzhafte Angst, und immer wieder fragten sie: »Lebt sie schon?«
»Jetzt ist das Mädle gottlob aufgewacht!« rief da endlich eine Schwester zur Türe herein. »Der Himmel gebe, daß sie nun auch gesund wird!«
»Na freilich!« rief Mathes unverzagt, und dann tat er einen tiefen Seufzer: »Ich bin müde.«
»Ich auch,« brummte Peter.
»So schlaft ein Stündchen,« riet die Schwester. Wenn sie gedacht, sie müßte mehr zureden, dann hatte sie sich gewaltig geirrt. Die Buben wuschelten sich in ihre Betten ein und schliefen im Handumdrehen, und sie schliefen so fest, daß sie nichts von dem hörten, was um sie herum vorging.
Inzwischen lief die schlimme Kunde in die Löwengasse. Einer, der Alettes Unfall und ihre Rettung angesehen hatte, langte gerade an der Rose an, als Frau Tippelmann vor die Türe trat und nach Alette Ausschau hielt. Auch Laura kam dazu, auch die hatte nun doch Alette gesucht, und beiden Frauen teilte der Bote das Geschehene mit: »Ins Wasser gefallen und vielleicht ertrunken.«
Frau Tippelmann vergaß zum erstenmal, daß sie die Hüterin eines fremden Hauses war; sie rannte einfach die Löwengasse hinab, und Laura wollte ihr nachrennen, aber sie konnte nicht. Es schwankte ihr alles vor den Augen, die ganze Löwengasse fing an sich vor ihr zu drehen, und sie sank mit einem Wehlaut an der Türschwelle nieder. »Alette,« stöhnte sie, »Alette, was habe ich getan?«
»Herrjeh, Fräulein Laura fällt in Ohnmacht!« rief Herr Häferlein, der wieder einmal zu rechter Zeit die Nase aus seinem Laden herausstreckte. Er sprang herbei und suchte Laura zu stützen. »Fräulein Laura, Fräulein Laura,« jammerte er, »bitte sehr, sterben Sie nicht, ach, bitte nein, nein, bitte, tun Sie es nicht!«
»Die muß ein paar Tropfen haben, irgend so was aus der Apotheke,« sagte der Bote, und da lief auch schon Herr Häferlein hinüber, riß die Türe auf und schrie: »Baldrian, Baldrian!«
»Fangen Sie schon wieder an?« Herr Baldan stürzte hochrot vor Zorn hervor und brüllte den Freund an: »Narrenpossen, schämen Sie sich!«
»Baldrian, ich will Baldrian! Sie stirbt, und das sind keine Narrenpossen,« brüllte Herr Häferlein zurück, und da erst merkte der Provisor, die Sache war ernsthaft, und er fragte sehr sanft: »Wer stirbt?«
»Es wird ihr schon wieder besser!« Der Mann, der die Unglücksbotschaft überbracht hatte, steckte den Kopf zur Türe herein und meldete noch: »Sie ist wieder aufgestanden.«
Herr Häferlein eilte hinaus, und Herr Baldan ergriff eine Flasche und lief ihm nach. Draußen fanden sie Laura, die wirklich wieder auf ihren Beinen stand, sich aber ganz hilflos umsah, denn sie hatte keine Ahnung, wo das Spital liegen sollte, in das man Alette gebracht hatte.