Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 7
»Lieber Baldan!« Der Kaufmann umarmte den Freund gerührt, all sein Groll war im Augenblick verflogen, und er war fast ärgerlich, daß so viele andere Leute auch in den Laden kamen. Aber freilich, die wollten ihm alle helfen, alle forschten und fragten: »Was ist los? Wo sind die Diebe?«
»Im Keller,« ächzte Herr Häferlein.
»Na, die wollen wir schon fassen!« Der dicke Bäckermeister Hering, er war natürlich auch dabei, sagte es entschlossen, und Herr Baldan rief mutig: »Die sollen uns nicht entwischen. Fritz, zeigen Sie uns den Weg!«
Doch Fritz blieb einem Jammerbilde gleich auf seinem Sirupfasse sitzen. »Ich kann nicht,« ächzte er nur.
»Na, Gott sei Dank, die Polizei!« Herr Häferlein atmete auf, als er einen Schutzmannshelm im Türrahmen erblickte, und Herr Baldan atmete auch auf. Der Kaufmann rutschte von seinem Krautthron herab und sagte nun, da der bewaffnete Helfer an seiner Seite stand: »Im Keller sind sie; gehen Sie voran, -- ich komme mit. Fritz, schlafen Sie nicht, und passen Sie hier auf!«
Drüben in der Rose hatten auch Hilferufe das Haus durchgellt. Die waren aber nicht auf die Straße hinaus gedrungen, die hatten nur Frau Tippelmann und Laura arg erschreckt. Laura schrie gleich, als könnte sie damit Hilfe schaffen, Frau Tippelmann aber nahm kurz entschlossen einen Besen und ein Licht und herrschte Laura grob an: »Viel Geschrei und nichts dabei.«
Da nahm sich Laura zusammen und folgte der Frau und den verweinten Kindern nach dem Gartenhaus. Was dort eigentlich geschehen, wußten aber weder Alette noch Kasperle zu sagen; nur von einem Kellerloch und einer Treppe erzählten sie schluchzend, und Frau Tippelmann lief immer schneller. Die Angst trieb sie vorwärts.
Von all dem Lärm und aller Angst merkten die drei kühnen Entdecker in ihrem Schatzkeller nichts. Die berieten noch immer, was sie tun sollten, in dem gefüllten Keller weitergehen oder doch lieber umkehren und Frau Tippelmann von dem geheimnisvollen Fund erzählen. Gerade hatten sie sich für dies letztere entschieden, als hinter ihnen Frau Tippelmann mit Laura auftauchte.
»Na nu -- was ist denn das?« Frau Tippelmann sah verdutzt auf die drei Kinder, die ganz unversehrt zwischen Kisten und Fässern standen, aber offenbar auch nicht recht wußten, was sie sagen sollten.
Ehe sie noch erzählen konnten, wie sie hier hereingekommen, klirrte das irgendwo, eine Tür sprang auf, Lichtschimmer fiel herein, und jemand rief: »Da sind sie noch -- herrje, Frau Tippelmann, Sie hier?«
»Herrje, Herr Häferlein, Sie sind's?«
»Du meine Güte, wie kommen denn Sie in meinen Keller?«
»Na, nun schlägt's dreizehn, das sind ja unsere Kinder!« schrie der Provisor dazwischen.
Der Schutzmann grinste. »Die Diebe scheinen Ihnen ja bekannt zu sein, Herr Häferlein,« sagte er. »Nein, so etwas! Frau Tippelmann, Sie hätte ich aber net in Ihres Nachbars Keller vermutet!«
»Du lieber Himmel,« rief Frau Tippelmann entrüstet, »nun werde ich wohl gar noch als Einbrecherin angesehen! Aber so etwas kommt von so etwas, und Jugend ohne Hut tut selten gut, man hätte aufpassen sollen.«
Fräulein Laura wurde verlegen; sie fühlte es wohl, der Vorwurf galt ihr, und berechtigt war er auch. Aber eine Antwort brauchte sie nicht zu geben. Herr Häferlein schaute sich um und fragte: »Wissen möchte ich aber doch, wie Sie in meinen Keller hineingekommen sind, Frau Nachbarin!«
»Doch, kommen Sie durch das Loch wieder mit hinaus, da werden Sie es sehen,« brummte Frau Tippelmann. Sie hielt ihr Licht hoch und beleuchtete die verborgene Tür. »Hier geht es durch,« sagte sie, »und verwunderlich ist die Sache nicht. Die Häuser gehörten früher beide den Amhags, da mag der Keller angelegt worden sein. Übrigens ist es ein rechtes Rattenloch, darum --«
»Hui, hui!« Laura, Alette, Trinle und Kasperle flüchteten kreischend, und dabei rannten sie beinahe Herrn Häferlein und Herrn Baldan um. Die purzelten gegeneinander und kamen so zu einer zweiten Umarmung an diesem Tage.
Flink, flink, flink kletterten die Angsthasen die Treppe hinauf. Veit und Steffen zögerten noch, aber da erzählte Frau Tippelmann gelassen weiter: »Ja, Ratten gibt's in Massen hier, sie haben immer alles angefressen und --«
Da kletterten auch die Buben sehr geschwind die Treppe hinan, und Frau Tippelmann sah ihnen lächelnd nach und sagte schmunzelnd: »Angst macht nicht allein ein altes Weib traben, es bringt auch junge Fürwitze auf die Beine. Übrigens brauchen Sie keine Sorge zu haben, Nachbar Häferlein, so schlimm ist es mit den Ratten nicht; ich wollte dem Kindervolk nur die Kellerreisen vergraulen.«
Das war Frau Tippelmann freilich gelungen. Als sie wieder nach oben kam, nachdem sie unten die Türe sorgfältig verwahrt hatten, fand sie Alette und ihre Gäste ein wenig bedrückt beieinandersitzen, Laura dabei mit einem Gesicht wie eine Gewitterwolke. Jetzt kommt's, dachte die. In diesem gräßlichen Nest, in diesem gräßlichen Haus muß man sich wirklich noch von einer alten Frau ausschelten lassen.
Doch Frau Tippelmann schalt nicht; sie schaute nur die blasse Alette besorgt an, dann sagte sie: »Ich bringe euch noch heiße Milch, Kuchen ist auch noch da; nach der Kellerluft wird ein heißer Trunk euch gut tun. Wenn ihr einmal wieder auf Entdeckungsreisen ausgehen wollt, fragt lieber vorher, ob ihr dürft.« Die Frau nickte den Kindern zu und ging hinaus, und kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da rief Trinle: »Sie ist gar net bös.«
»Nein, sie ist gut,« sagte Alette leise, aber Laura hörte es doch, und Laura ärgerte sich. Und dann, als die Kinder schmausten, ging sie wieder in ihr Zimmer und schrieb eilig den Brief fertig, in dem stand: »Alette wird hier ganz verdorben, es ist gar kein Umgang für sie, sie muß fort, nächste Woche schon.«
Neuntes Kapitel.
April, April!
Die Sternbübles helfen ihrem Oheim aufräumen, und Mina muß Kleister kochen. Was der Mond sieht, warum er sich über die Wolken ärgert. Die Breitenwerter erleben eine Überraschung. Herr Schmidt und noch mehr Leute ärgern sich, und August ist da, wo er nicht sein soll.
Die Kinder aus der Linde fürchteten sich ein wenig vor Herrn Baldans Scheltworten und spitzen Reden bei ihrer Heimkehr. Aber Wunder über Wunder! Herr Baldan redete sanft wie Honigmilch. Er lachte und scherzte mit den Geschwistern über das Kellerabenteuer, nannte Frau Tippelmann eine prächtige Frau und sagte kein böses Wörtlein. Herr Baldan war so vergnügt wie seit langem nicht, weil er sich mit seinem Freund Häferlein ausgesöhnt hatte.
Der Provisor gehörte zu den Leuten, die schwer die Bitte »Verzeih mir!« sagen können. Sie leiden im Herzen, quälen sich Tag und Nacht, möchten gern versöhnt sein, wissen auch ihr eigenes Unrecht und bringen doch das kleine Wort »Vergib!« so schwer über ihre Lippen. Schreck und Angst hatten die Freunde wieder zusammengebracht, und nun saß Herr Baldan in der Apotheke, scherzte mit den Kindern und hätte am liebsten alle bitteren Pülverlein und Pillen, die er zu mischen und zu rollen hatte, in Zucker getaucht. Andere sollten auch froh sein, andern sollte auch alles honigsüß schmecken.
Herr Häferlein saß nicht minder vergnügt in seinem Lädchen. Sein Gesicht glänzte vor Freude, und wenn jemand kam und zu ihm sagte: »Ach, Herr Häferlein, was haben Sie wieder für einen Schreck gehabt!« dann sagte er allemal: »Gar nicht schlimm war es, ein rechter Spaß!«
Natürlich redeten die Leute in der Löwengasse viel von dem Einbruch bei Herrn Häferlein; sie lachten darüber, weil der Kaufmann lachte, und am liebsten wären sie alle in den Keller geklettert und hätten sich das Loch angesehen. Am allerliebsten aber hätten dies die Sternbuben getan. Denen war es bitter leid, nicht dabeigewesen zu sein. Sie klagten grollend der Schwester: »Wenn wir so etwas machen, geht's uns gleich schlimm!«
Damit hatten sie nun freilich recht, sie vergaßen nur einmal wieder, daß sie sehr oft dumme Streiche begingen und in ihrem Schuldbuch schon viele schwarze Striche standen. Im Ärger, nicht dabeigewesen zu sein, vergaßen sie auch wieder ihre guten Vorsätze vollständig, die vergingen wie der Schnee, der am letzten Märztag auf alle leise keimende Frühlingsherrlichkeit niedersank. Es wurde recht ein Wetter, wie es der April liebt, Regen, Schnee, Sonnenschein und Wind, und Frau Tippelmann sagte: »Na ja, man merkt es, morgen ist erster April, ist der noch so gut, er schickt dem Bauer doch Schnee auf den Hut.«
»Morgen ist erster April.« Die Sternbuben sagten das zueinander; ein wenig trübselig klang es. Sie standen im Torweg des Silbernen Stern und schauten dem Flockentreiben zu, aber die großen weißen Flocken brachten ihnen keinen guten Einfall für einen Aprilscherz. Sie hätten gar zu gern einen Spaß gemacht, hätten gar zu gern jemand recht tüchtig in den April geschickt, aber nichts fiel ihnen ein. Sie wußten auch ganz genau, man würde ihnen morgen aus dem Wege gehen. Mina hatte schon gedroht: »Wenn ihr morgen mit euren Narreteien anfangt, dann wehe euch!«
»Mathes, Peter,« rief da innen der Mutter Stimme ihre Namen. Ein Weilchen hörten sie beide träge an dem Ruf vorbei, endlich, da die Mutter ungeduldig zu werden schien, trotteten sie in das Haus hinein. Sie gingen wie ein paar müde alte Männlein vor Faulheit, als sie aber von der Mutter hörten, sie sollten dem Onkel Adam frische Wurst hintragen, da wurden sie schnell putzmunter. Zu dem Onkel Adam gingen sie immer gern. Der besaß einen Papierladen und hatte lauter Dinge zu verkaufen, die Mathes und Peter immer brauchten. Sie verloren viele Stifte und verschmierten viele Hefte, sie liebten außerdem sehr buntes Papier, Taschenmesser, Blaustifte und dergleichen, und alles das gab es bei Onkel Adam mitunter als Bringelohn.
In dem Laden des Herrn Adam Hinz sah es an diesem Nachmittag, als die Sternbuben eintraten, etwas kunterbunt aus, und der Onkel machte gar kein vergnügtes Gesicht. »Ich muß aufräumen,« bemerkte er, »der Frühling kommt, da schickt sich das. Besuche kann ich nicht brauchen.« Sein Gesicht hellte sich aber gleich auf, als er die frische Wurst erblickte, die aß er besonders gern, und er sagte viel freundlicher als vorher: »Na, bleibt nur noch ein paar Minuten hier!« Das war den beiden schon recht. Die Unordnung im Laden gefiel ihnen besonders; sie kramten da und dort herum, und wenn ein Käufer kam, taten sie sehr wichtig, beinahe als gehöre ihnen der Laden.
Über dem Kramen und Ordnen geriet Onkel Adam an ein Paket großer Zettel, auf denen allerlei stand: »Wohnung zu vermieten« und dergleichen. Auf einigen stand auch »Herzlich willkommen!« und Herr Hinz schob den Buben das Paket hin mit den Worten: »Die könnt ihr mal ordnen, so daß immer die verschiedenen Aufschriften zusammen liegen. Versteht ihr das?«
»Es sind aber welche zerrissen,« rief Mathes gleich sehr eifrig.
»Die tut fort.«
»Können wir die nehmen?«
»Meinetwegen,« brummte Onkel Adam. Er wollte noch etwas sagen, aber da kam eine Frau, die einen Briefbogen kaufen wollte. Zu dem Kauf brauchte sie so viel Zeit wie andere zu einem Hauskauf. Die Buben ordneten unterdessen emsig die Zettel, dabei tuschelten und kicherten sie immerzu miteinander, sagten ein paarmal: »Das ist nicht mehr gut« und legten sich so allmählich ein ansehnliches Stößlein beiseite; obenauf lag ein ganz zerrissenes, beschmutztes Willkommenblatt. »Wir sind fertig, und die da sind kaputt,« erklärten sie beide nach einer Weile.
»Na, gut!« Onkel Adam nickte, schenkte jedem noch einen Bleistift, und dann zogen die beiden Schelme ab, und der gute Onkel brummte hinter ihnen her: »Sie machen's auch zu arg mit den Sternbübles, so schlimm sind sie gar nicht!«
Mina war ein Weilchen später sehr erstaunt, als die Buben von ihr einen Topf voll Kleister forderten, der Onkel hätte ihnen Papier zum Verkleben geschenkt, erklärten sie.
»Na, ein Täßle wird wohl genug sein,« erwiderte Mina.
»Nein, ein Töpfle muß es sein, ein großes Töpfle voll,« riefen die Buben einstimmig. »Pah, ein Täßle ist viel zu wenig!«
Weil im Silbernen Stern nun ohnehin mehr große als kleine Töpfe auf dem Herde standen, dachte Mina, es kommt ja nicht darauf an, und kochte einen Litertopf Kleister, mit dem die Buben vergnügt von dannen zogen.
Sie waren an diesem Nachmittag weiter sehr brav, machten ihre Schularbeiten, spielten mit Gundel und gingen so nett und brav ins Bett, als wären sie nie in ihrem Leben die wilden Sternbübles gewesen.
Es war an diesem Abend in dem Gasthaus viel zu tun, eine große Hochzeit wurde darin gefeiert, und Wirtin wie Dienstleute hatten alle Hände voll zu tun. Nach den Kindern zu sehen, dazu hatte niemand Zeit.
Am Himmel zogen dunkle Wolken dahin, Sturmwolken, Regenwolken, und der Mond hatte seinen rechten Ärger mit ihnen. Der hatte ohnehin ein schiefes Gesicht, eine dünne und eine dicke Backe; vor lauter Verdruß wurde es aber noch schiefer. Unten in Breitenwert gab es etwas höchst Sonderbares zu sehen, doch gerade wenn der gute Mond recht genau hinschauen wollte, husch, husch! flog ihm so eine dumme dunkle Wolke am Gesicht vorbei. »Was fällt euch ein, ihr naseweises Luftgesindel!« schalt er. »Weg mit euch, ich will sehen, was -- -- --«
Rutsch! saß ihm eine kohlschwarze Sturmwolke vor der Nase, die heulte: »Schimpf nicht, alter Gesell, morgen ist erster April, da müssen wir da sein.«
»Und ich muß aufpassen, was da unten geschieht; Platz da!« schrie der Mond. Er wehrte sich, sah über die Wolke hinweg auf Breitenwert hinab und rief: »Nein, die Sternbübles, was wollen denn die bei Nacht auf dem Obermarkt, sie -- -- --«
»Man muß nicht neugierig sein, alter Papa,« mahnte eine große Schneewolke und setzte sich dem Mond auf den Kopf. Da konnte er gar nichts mehr sehen. Eine Weile balgte er sich mit den Wolken herum, und als er wieder etwas sehen konnte, da erblickte er die Sternbuben in einem Torweg. Wie sein Licht sie traf, wichen sie noch mehr zurück, und er konnte nicht einmal sehen, was sie eigentlich in der Hand hatten. »Die Sache muß ich mir ganz genau ansehen; mit den Sternbübles ist's nicht geheuer,« brummte der Mond, aber da kamen die Wolken wieder, der Kampf begann von neuem, bis es der Mond müde wurde. Ganz blaß und angegriffen rief er noch der Sonne zu: »Na, meine gute Sonne, nun ärgere du dich!«
Die ärgerte sich und schalt, und die Menschen auf der Erde ärgerten sich auch und schalten und namentlich die Bauersleute, die in aller Morgenfrühe nach Breitenwert fuhren, um dort auf dem Wochenmarkt die Butter, und was sie sonst noch hatten, zu verkaufen. Die Bauern kamen immer zeitig zur Stadt; meist packten sie schon die Waren aus, wenn die Städter ihre Geschäfte erst aufschlossen, und wenn die Kinder zur Schule gingen, war der Marktbetrieb meist schon im Gange. An diesem Tage aber herrschte auf dem Obermarkt ein besonderes Leben. Da drängten sich die Landleute vor einem Laden zusammen, jeder wollte der erste Käufer sein, wenn aufgemacht wurde. In dem Geschäft gab es Wirtschaftsgeräte zu kaufen, Teller, Tassen, Schüsseln, Butterdosen, Kannen, Gläser, was man nur wollte. Der Besitzer, Herr Schmidt, pflegte zu sagen: »Ich habe ein feines Geschäft, eins wie in einer Großstadt.« Das war wirklich beinahe so, selbst Fräulein Laura hatte in diesem Geschäft nicht die Nase gerümpft, wie sie es in den Breitenwerter Läden zu tun pflegte.
Die Landleute kauften sonst nicht viel bei Herrn Schmidt, der war ihnen zu fein und zu teuer. An diesem Tage hatte aber auf einmal jeder Lust, etwas zu kaufen, und als Herr Schmidt von innen den Rolladen hoch zog, erschrak er sehr vor den vielen Menschen, die draußen standen. Was wollten sie nur alle bei ihm?
Die redeten draußen, was sie kaufen wollten. Eine Frau sagte: »Das Körble, das da so aussieht wie Silber, nehme ich,« und eine andere sagte: »Ich möchte das Glasschüssele haben dort mit dem Füßle.«
»Das nehme ich,« schrie eine dritte, sie stand schon an der Türe und sah ordentlich kampflustig drein. Das ärgerte jene, die zuerst das Glasschüssele gewollt hatte. Sie begann zu schelten, andere mischten sich hinein, und der Lärm wuchs. Zum Überfluß kamen noch Schulkinder dazu; die wollten natürlich auch wissen, was los sei, und drinnen sah Herr Schmidt immer ängstlicher auf das Getriebe. Er wagte es gar nicht, seinen Laden aufzuschließen, und die draußen ärgerten sich wieder, daß es so lange dauerte. Sie riefen immer lauter: »Auf, auf, auf!«
Das kann jeder schreien, ich lasse zu! dachte Herr Schmidt, und nun ließ er seine Rolladen wieder herab. Dann lief er zur Hintertür hinaus, um zu sehen, was eigentlich los war.
Ein Zetergeschrei empfing ihn. Gleich zehn, zwanzig Menschen schrieen auf ihn ein, was das sei, warum er erst einen Ausverkauf anzeige und dann seinen Laden nicht aufmache. Abscheulich sei das von ihm, ganz abscheulich!
»Aber,« rief Herr Schmidt, »aber -- -- --«
»Ich will das Körble von Silber kaufen.«
»Ich möchte die Eierbecherle haben und das blaue Bierkrügle.«
»Aber -- also, Leute, hört -- -- --«
»Das Teekännle da, wo zwanzig Täßle reingehen, will ich und das große Glasschüssele.«
»Das Taschenmesser kauf ich,« schrie ein Bube.
»Aber --« Auf einmal blieb Herrn Schmidt die Sprache ganz weg. Was war denn das, was stand da an seinem Laden angeschrieben? »Das ist falsch, das ist falsch,« rief er, »das stimmt nicht, ich habe keinen Ausverkauf!«
»So? Ei, das wäre doch, da steht's ja!«
Wohl zwanzig dicke und dünne Zeigefinger deuteten nach Herrn Schmidts Laden hin; da klebten überall große Zettel, auf denen stand: »Gänzlicher Ausverkauf,« und auf zwei Zetteln stand noch: »Jedes Stück nur fünfzig Pfennige.«
»Was, das soll ich angeklebt haben?« rief der Kaufmann empört. »Ich will ja gar nichts ausverkaufen, fällt mir nicht ein! Was, und fünfzig Pfennig sollen meine guten, teuren Sachen nur kosten? Ei, das wäre ein Spaß!«
»Vielleicht ist's auch nur ein Spaß,« sagte ein alter Bauer plötzlich bedächtig dazwischen, »heute ist ja erster April.«
»Pfui, Herr Schmidt, wie können Sie uns so zum Narren halten!« rief es gleich da und dort, und der arme Herr Schmidt hatte Not und Mühe genug, es den Leuten begreiflich zu machen, daß er wirklich nichts dafür konnte, gar nichts, er sei selbst genarrt worden. Etliche glaubten ihm dies sogar erst, als ein paar Buben angerannt kamen, die erzählten, auf dem Untermarkt, vor dem Zuckerwarenladen von Frau Kümmel sei es genau so, dort wäre auch ein Ausverkauf angezeigt, und man hätte die arme Frau Kümmel in ihrem Laden beinahe erdrückt.
»So etwas, nein, so etwas!« riefen die Leute. »Was auch alles in Breitenwert vorkommt! Wer mag es nur gewesen sein?«
Ja, wer? Man redete noch hin und her, da kamen ein paar aus der Löwengasse gelaufen, die erzählten, an der Lindenapotheke klebten Zettel, auf denen stehe: »Neue Heringe.« Darüber sei Herr Baldan fuchswild, und Herr Häferlein schimpfe auch, denn an seinem Hause stünde überall: »Wohnung zu vermieten,« und allemal darunter: »Herzlich willkommen!«
Es war kein Wunder, daß die Buben und Mädel, die am Obermarkt, in der Löwengasse und am Untermarkt wohnten, nur gerade noch im letzten Augenblick in die Schule kamen. Ja etliche konnten sich gar nicht losreißen, die rannten erst noch einmal dahin und dorthin, jeden Zettel staunten sie an, und natürlich kamen sie zu spät zur Schule, und natürlich gehörten zu denen die Sternbuben. Die hatten blinkeblanke Augen und wußten viel zu berichten, wie es da hergegangen war, hier bei Herrn Schmidt und da bei Frau Kümmel. Wenn aber jemand sagte: »Wer es nur gewesen sein mag?« dann guckten die Sternbuben in die Luft, als ginge der ganze Lärm sie gar nichts an.
Man wurde an diesem Tag in Breitenwert nicht fertig, über den Aprilstreich zu reden, zu lachen und sich zu ärgern. Und immer wieder fragte einer den andern: »Wer mag's nur gewesen sein? Wie bekommt man das heraus?«
Davon redete aufgeregt am Nachmittag auch Herr Häferlein mit Herrn Baldan, und die Sternbuben -- sie gingen wohl zum zehnten Male an Herrn Häferleins Laden vorbei an diesem Tage -- hörten gerade die Herren reden. Sie stellten sich breitbeinig vor das Schaufenster, sagten, sie wollten dies kaufen und jenes, und dabei spitzten sie gewaltig ihre Ohren. Herr Häferlein ärgerte sich über die Buben. Wegjagen konnte er sie aber nicht, denn sie waren kein bißchen unnütz, und vielleicht sollten sie einkaufen; er konnte das nicht wissen. Er redete also weiter mit Herrn Baldan und sagte ein paarmal: »Erwischen muß man die Übeltäter. Na, ich falle heute auf keinen Aprilscherz mehr herein!«
»Ich auch nicht,« rief der Bäckermeister Hering, der gerade vorbeiging, und er erzählte, sein Lehrjunge sei gekommen und habe gerufen, in der Backstube wären Ratten, und dann seien gar keine dringewesen.
»Eine zu dumme Sitte!« brummte Herr Baldan. »Mich sollte nur einmal jemand necken wollen, dem bekäme das schlecht!«
»Da kommt Ihr Fritz,« rief der Bäckermeister, »der will Sie auch in den April schicken.«
Wirklich kam Fritz, der schläfrige Gehilfe, aus dem Laden heraus und sagte langsam: »Herr Hää--ferlein, der Auuuguuust friißt alle Rooosiiinen auf!«
»So ein Dummkopf!« Herr Häferlein wurde hochrot vor Ärger. »Wer an meine Rosinen geht, weiß ich schon, der heißt nicht August, der heißt Fritz!«
»Jaaah,« murmelte Fritz schläfrig und trottete zurück, und Herr Häferlein sagte böse hinter ihm her: »Ein schrecklicher Faulpelz, der denkt nur an Schlafen und Essen. Jetzt hat er mir sicher wieder genascht. Wozu so ein erster April nicht alles gut ist! Jetzt gehe ich aber mal zu Herrn Adam Hinz, vielleicht weiß der, wo die Zettel her sind; vielleicht hat sie jemand bei ihm gekauft.«
Den Sternbuben schien plötzlich Herrn Häferleins Schaufenster langweilig zu werden, sie trabten los mit gesenkten Köpfen. In diesem Augenblicke aber gab es drinnen in Herrn Häferleins Laden ein lautes Getöse und Geklirr, und gleich darauf erklang Fritzens Stimme: »Herr Häääferlein, Auuuguuust hat waaas umgeworfen.«
Die beiden Freunde und der Bäckermeister eilten in den Laden, und die Sternbuben vergaßen das Fortlaufen. Flugs steckten sie auch ihre Nasen zur Ladentüre hinein und sahen innen auf dem Boden ein Durcheinander von Kästen, Schalen, Zuckerstangen und Rosinen. Fritz aber hockte wieder auf dem Sauerkrautfaß und klagte: »August war's!«
Es war wirklich August gewesen. Der Schelm war durch ein Fenster der kleinen Ladenstube, das nach dem Garten der Rose hinaussah, hereingeklettert, und Fritz hatte in seiner Schläfrigkeit erst lange nichts von des Äffleins unnützem Wesen gemerkt; als er es melden ging, war schon viel Unheil geschehen. August hatte überall genascht, hatte Tüten abgerissen, Kästen heruntergeworfen, und kein Mensch konnte es Herrn Häferlein verdenken, daß er bitterböse war. Er schalt heftig, Herr Baldan schalt noch heftiger, und der Bäckermeister rief, man müsse dem schwarzen Ungetüm das Genick umdrehen. Die Sternbübles hörten das draußen, und sie fanden es sehr hart und böse; sie liefen alle beide zur Rose, rissen stürmisch an der Klingel und schrieen Frau Tippelmann entgegen: »August wird umgebracht; Herr Häferlein dreht ihm den Hals um!«
»Quatsch! Ihr denkt wohl auch, am ersten April schickt man die Narren, wohin man sie will?« rief Frau Tippelmann und schlug den beiden die Türe vor der Nase zu.
Da merkten sie, daß es manchmal für die schwer ist, Glauben zu finden, die die Leute einmal für Schelme halten. Doch Alette Amhag hatte auch der Buben Angstgeschrei gehört, und sie hielt es nicht für einen Aprilscherz, so oft ihr dies Frau Tippelmann auch versicherte. Sie wollte hinaus, wollte ihrem kleinen Liebling helfen. Da öffnete Frau Tippelmann wieder die Türe, und als die Sternbuben Alette sahen, brachen sie in ein gellendes Jammergeschrei aus. »Er bringt ihn um, er bringt ihn um; Herr Häferlein macht August tot!«