Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Part 6

Chapter 63,775 wordsPublic domain

Alette Amhag hatte sich von der Sonne verlocken lassen und war, trotz Lauras Schelten, auf die Löwengasse gelaufen. Ach, wie warm und hell die Sonne schien! Alette wartete auf Kasperle und lief die Gasse auf und ab. Ganz still war es. Dem Untermarkt zu ging ein alter Mann, sonst war niemand zu sehen. Da kam Gundel. Sie ging mit gesenktem Kopf und schluchzte noch immer leise vor sich hin. Vor Tränen sah sie niemand und nichts, und sie blieb erschrocken stehen, als Alette Amhag sie mitleidig fragte: »Warum weinst du denn?«

Gundel brachte wieder kein Wort heraus; sie stand und atmete schwer. Ach, so gern, so himmelgern hätte sie dem heimlich bewunderten fremden Mädchen alles gesagt! Von den Brüdern hätte sie reden mögen, und wie dankbar für die Hilfe gestern sie war, aber Gundel war eben ein armes Schüchterle, dem nur schwer die Worte kamen. Doch ihre Tränen flossen allmählich sachter, und als Alette wieder und wieder fragte, tat sie den Mund auf, sie wollte sprechen.

Aber da kam Kasperle leider dazwischen. Schwatz- und spiellustig trat der aus dem Hause und krähte vor Vergnügen wie ein Hähnlein, als er Alette erblickte. Kasperle begrüßte Alette und schaute Gundel prüfend an. »Das ist die Schwester von den Sternbuben,« rief er. »Nicht wahr, du bist Hinkegundele?«

Dies war der Name, den die Löwengasse der armen Gundel gegeben hatte. Niemand ahnte dabei, wie weh der Ruf dem armen Kinde tat. Der Name und das Wort von den schlimmen Brüdern brachte Gundel um alle Fassung. Sie knickte auf dem Bürgersteig zusammen wie ein Bäumchen, über das der Sturm kommt, barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte zum Steinerweichen.

Alette suchte erschrocken sie zu trösten; sie streichelte sie ungeschickt und sagte immerzu: »Weine doch nicht, ach, weine doch nicht! Bitte, bitte, weine nicht mehr!«

Kasperle stand betrübt dabei; er trat ungeduldig von einem Bein auf das andere und fragte endlich seufzend: »Weinst du noch lange? Augustle wartet doch!«

August vielleicht vermochte Gundel zu trösten. Alette kam das jäh in den Sinn, und sie sagte eilig: »Wir holen ihn einmal heraus, da lachst du vielleicht. Willst du?«

Gundel gab keine Antwort, aber Kasperle schrie begeistert: »Ja, fein!« Er stapfte auch gleich über die Gasse, und Alette lief ihm nach. »Wir kommen wieder, warte,« rief sie Gundel zu; dann verschwand sie im Rosenhaus. Aber mit dem Wiederkommen ging das nicht so rasch, denn August war leider nicht da, wo er sein sollte. Frau Tippelmann brummte, Laura schalt, und Alette und Kasperle riefen klagend des Äffchens Namen. Alle miteinander liefen im Hause hin und her, suchten oben, suchten unten und fanden ihn schließlich da, wo sie ihn am wenigsten gesucht hätten: in Frau Tippelmanns Wohnzimmer. Da saß er sehr vergnügt auf dem Nähtisch und wirrte alles durcheinander. Er hatte schon eine heillose Unordnung angerichtet. Frau Tippelmann packte ihn zornig und schalt heftig: »So ein Hans Unnütz, so ein abscheulicher Wicht!«

August schrie gellend los. Frau Tippelmann hatte eine feste Hand, ihr Griff tat nicht gut, und Laura rief erzürnt: »Sie drücken ihn ja tot!«

»I wo,« erwiderte Frau Tippelmann gelassen, »vom Geschrei stirbt einer nicht!« Sie gab aber den Affen Alette, ohne ihn, wie diese gefürchtet hatte, zu strafen. Sie selbst bückte sich still und hob ein paar Glasscherben auf vom Boden. »Hat August was zerbrochen?« fragte Alette ängstlich.

»Eine kleine Glasvase scheint's,« erwiderte Laura gleichgültig, »ärgern Sie sich nur nicht, Frau Tippelmann, wir kaufen eine andere.«

Es war gut gemeint von Laura, aber es klang doch hochmütig und protzig, und die alte Frau sah ernst das junge Mädchen an. »Man kann nicht alles mit Geld bezahlen,« sagte sie ruhig; »das Gläsle stammt noch von meiner Mutter, es kann mir nicht mit Gold und Silber ersetzt werden.«

Da setzte Alette ihren kleinen Liebling rasch zu Boden und schalt ihn nun selbst. »Pfui, August, was hast du getan!« Sie lief auf Frau Tippelmann zu, schmiegte sich an diese an und bat kummervoll: »Seien Sie nicht böse!«

Frau Tippelmanns Gesicht hellte sich auf; es war, als hätte sie sich geschwind mit Sonnenschein eingerieben, und freundlich versicherte sie: »Ich bin nicht böse, Kind. Nein, gewiß nicht! Nun nimm nur deinen dummen August, was wolltest du eigentlich mit ihm?«

»Der Hinkegundel zeigen,« schrie Kasperle; »die wartet.«

»Ach ja,« rief Alette erschrocken, »die sitzt auf dem Gäßle und weint. Ich will schnell, schnell zu ihr.«

»Alette, Alette,« mahnte Laura erschrocken, »du kannst doch nicht mit jedem Gassenkind spielen!« Doch Alette Amhag war schon aus der Stube und trabte draußen durch den Hausflur mit Kasperle. Frau Tippelmann aber sagte lächelnd: »Das ist nun mal in der Löwengasse so, und die Amhags stammten halt daher, daran ist nichts zu deuteln und zu drehen.«

»Ach was,« rief Laura geärgert, »für die Großmütter mag's gepaßt haben, Alette ist ein vornehmes Kind, das darf nicht hier bleiben! Ich hab's schon an Frau van Bachhoven geschrieben. Wir wollen nach Paris, das ist besser.«

»Bleibe im Lande und nähre dich redlich!« murmelte Frau Tippelmann. »Eine Amhag gehört in die Löwengasse, und ein Schnattergänschen mag meinetwegen über den Rhein fliegen.«

Das hörte Laura leider nicht mehr, die war den Kindern nachgelaufen und fand die beiden enttäuscht auf der Gasse stehen. Gundel war fort. Sie hatte lange und sehnsüchtig auf Alettes Wiederkehr gewartet, doch endlich war sie heimgehinkt mit schwerem Herzen. Aber sie dachte nicht mit Groll an Alette; für die hatte sie keinen Vorwurf. Nur als sie wieder daheim in ihrem Zimmer war, da flossen ihre Tränen von neuem, und diesmal rannen sie nicht allein aus Kummer um die Brüder, Alette Amhag war auch schuld daran. Ach, warum war sie nicht gekommen!

Achtes Kapitel.

Eine seltsame Entdeckung.

Alette wird traurig und wieder froh; sie geht einkaufen, und Laura sagt zu Herrn Häferlein, es sei gewiß langweilig in seinem Laden. Die Sternbuben sehen die Lindenkinder in die Rose gehen. Sie wollen arbeiten und denken an den ersten April. Wie sich die Nachbarsleute ganz unvermutet im Keller treffen, nachdem Herr Häferlein erst auf der Sauerkrauttonne gesessen hat. Frau Tippelmann schilt nicht, aber Laura denkt doch an die Abreise.

Alette war traurig über Gundels Fortgehen, und Alette wurde wieder fröhlich. Sie spielte mit Kasperle, spielte sich hungrig und bekam rote Bäcklein, die ihr sehr gut standen, und über die Frau Tippelmann ihre Freude hatte. Laura dagegen sprach: »Vornehme Kinder sehen nicht so erhitzt aus; es wird Zeit, daß wir aus der Löwengasse herauskommen.«

Am Nachmittag wollte Alette zu Frau Tippelmann gehen, die sollte ihr die versprochene Geschichte aus vergangener Zeit erzählen, aber Laura, die eifersüchtig war und Alettes Liebe niemand gönnte, sagte geschwind: »Wir wollen spazierengehen. Frau Tippelmann laß nur, die ist froh, wenn wir aus dem Hause sind.«

»Mag sie uns denn nicht leiden?« fragte Alette erschrocken.

»Nein, gar nicht.« Laura log und wußte es wohl, daß sie es tat; sie entschuldigte sich aber vor sich selbst: Es ist besser so, Alette soll hier niemand lieb gewinnen; sie bleibt ja doch nicht hier! Sie gingen beide spazieren, und Frau Tippelmann sah ihnen traurig nach. Sie hatte in ihrem Zimmer einen kleinen Tisch gedeckt, hatte ein paar schöne Tassen daraufgestellt, die noch aus der Zeit stammten, da die Amhags wohlhäbig in der Rose gehaust hatten. Aus ihnen sollte Alette an diesem Nachmittag Schokolade trinken. Dabei wollte sie der Kleinen von den Amhags erzählen und sagen, daß sie auch eine Amhag sei. Doch der Tag verging, Alette kam nicht. Sie wich Frau Tippelmann scheu aus, und die fühlte es wohl, und das Herz tat ihr weh. Sie wurde wieder finster und verdrießlich, stellte die schönen Familientassen weg und erzählte nicht, daß sie auch eine Amhag sei.

Und wieder wurde Alette traurig, und wieder wurde sie froh, denn gegen Abend kam ganz geschwind Trinle Grill noch einmal gelaufen, erzählte ihr von der Schule und wollte wissen, ob Alette Ostern hineinkäme.

»Ich hab's schon meinem Papa geschrieben; er erlaubt es gewiß,« versicherte Alette. »Ach, ich will so gern in die Schule gehen!«

Trinle sprang vor Vergnügen. Sie hatte zwar schon acht allerbeste Freundinnen in der Schule, aber für Alette Amhag war noch viel Platz in ihrem kleinen zärtlichen Herzen. »Ich freue mich, ich freue mich!« jauchzte sie. Und dann gab es einen langen zärtlichen Abschied, und beide sagten: »Morgen wird's fein.«

Alette hatte noch nie einen richtigen Kinderbesuch gehabt, und als sie am nächsten Morgen aufwachte, rief sie gleich: »Laura, deckst du bald den Tisch?«

Daran dachte Laura nun freilich nicht, aber sie redete mit Alette denn doch von dem Besuch, und wie es sein sollte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, fühlte sich auch im Unrecht gegen Frau Tippelmann und dachte immer: Lange bleibt Alette doch nicht hier, da mag sie meinetwegen in der kurzen Zeit tun, was sie mag. Also ging sie und sprach versöhnlich mit Frau Tippelmann. Die sah wieder um ein bißchen freundlicher drein und gab gute Ratschläge, wie alles herzurichten sei.

»Warum sie mich nur nicht leiden mag?« Alette sann darüber nach und kam schließlich auf den Gedanken: Es ist um Augusts willen, denn der kleine Schelm beging an diesem Morgen wieder allerlei unnütze Streiche, und Frau Tippelmann nannte ihn eine Landplage und sagte wieder: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Zum erstenmal in ihrem Leben ging Alette an diesem Vormittag richtig einkaufen. Zu dem Zuckerbäcker auf dem Obermarkt und zu Herrn Häferlein. Damit August inzwischen nichts Dummes beging, nahm sie ihn mit. So sah Herr Häferlein auf einmal seinen kleinen schwarzen Namensvetter in seinem Laden. Er sah ihn etwas schief an, aber weil Laura so freundlich lachte, lachte er schließlich auch, er gab dem Äffchen sogar eine Handvoll Rosinen und freute sich mit, wie geschwind der diese verschlang. Da schenkte er ihm noch Zuckerkand, und Laura sagte: »Er wird Sie noch besuchen, wenn Sie ihn so verwöhnen.«

Herr Häferlein war wirklich ein überaus höflicher Mann, und weil er dachte, Fremden muß man etwas erzählen, erzählte er dies und das aus Breitenwert. Laura lachte viel; sie fand Herrn Häferlein sehr schnurrig, und Alette Amhag sah sich neugierig in dem Lädchen um. So etwas hatte sie noch nie gesehen, und alle die Kästen mit den kleinen weißen Schildern, auf denen stand, was sie enthielten, bereiteten ihr vielen Spaß. »Nicht wahr,« fragte sie plötzlich, »so einen Laden gibt's nirgendswo als hier im Löwengäßle?«

Herr Häferlein lächelte geschmeichelt. »Der ist freilich schön,« sagte er stolz. Doch Laura murmelte etwas verlegen: »Solche Läden gibt's überall in Deutschland -- selbst in Berlin,« fügte sie zögernd hinzu. Sie dachte dabei an den kleinen Vorstadtladen, den ihre Eltern besessen hatten, und in dem sie schon helfen mußte, als sie so alt wie Alette war. Laura redete nicht gern davon. Sie gehörte zu den Menschen, die meinen, ein schlichtes Herkommen und bescheidene Lebensverhältnisse wären eine Schande. Jetzt war sie Fräulein Laura, halb Zofe, halb Gesellschafterin; sie trug schöne Kleider und bildete sich ein, sehr vornehm zu sein, wenn sie Englisch oder Holländisch sprach und von ihren weiten Reisen erzählte.

»Ein bißchen langweilig mag's schon sein, alle Tage im Laden zu stehen,« sagte sie dann herablassend und mitleidig und rümpfte ihre Nase. »Komm, Alette, wir müssen gehen.«

»Nun, nun,« rief Herr Häferlein, »langweilig ist's gar net. Mir gefällt es ganz gut, und Frau Tippelmann sagt immer: ›Zufriedenheit macht Wasser zu Wein,‹ und da hat sie ganz recht. Ich bin recht zufrieden in meinem Lädle und will's net besser haben auf der Welt.«

In Lauras Herzen sang es, ein Klang aus vergangenen Tagen war es, da hatte der Vater auch oft gesagt, wenn die Kinder von größerem Reichtum redeten: »Seid zufrieden, Kinder, mit dem, was ihr habt, denn wer nicht zufrieden ist, trägt an seiner Bürde doppelt schwer.«

»Du bist so still geworden, Laura,« fragte Alette draußen, »hat dich Herr Häferlein geärgert?«

»Nein,« antwortete Laura hastig, »aber die Löwengasse ist mir langweilig, und den kleinen Laden finde ich gräßlich. Wenn uns nur erst Frau van Bachhoven holte!«

»Ich bleibe hier,« rief Alette erschrocken, und es war ihr auf einmal, als sei ihr die ganze Freude an dem schönen Tag vergangen.

Sie kam aber wieder, als sie den festlich gedeckten Tisch überblickte und von drüben aus der Linde die Grills herüberkommen sah. Die gingen ganz langsam und feierlich, denn sie hatten sich fein gemacht, und sie fanden, die Löwengasse dürfte es wohl sehen, daß sie in die Rose zu Besuch gingen. Die Sternbuben erkannten das auch wirklich von ferne, und ihre Herzen wurden ihnen schwer. Sie wären gerne auf einmal brave, fleißige Sternbübles gewesen, hätten einen guten Ruf gehabt, um auch von Alette Amhag eingeladen zu werden. Sie rannten denn auch eilig in den Stern zurück, suchten ihre Schwester Gundel und erklärten, sie wollten Schularbeiten machen, und sie sollte ihnen helfen.

Das war ein seltener Entschluß. Gundel fragte auch darum ganz bedrückt: »Habt ihr wieder ein dummes Streichle gemacht?«

Bewahre! Die beiden verteidigten sich lebhaft. Ihr Gewissen war an diesem Tage so rein wie ein frischgewaschenes Mundtuch, und sie fingen auch wirklich sehr emsig zu arbeiten an, bis auf einmal Mathes sagte: »Am Dienstag ist erster April -- ujeh!«

»Erster April!« Peters Augen blinkerten und glänzten da gleich vor lauter Lust, und Gundel rief erschrocken: »Ach je, ihr denkt schon wieder auf ein Dummheitle!«

Die beiden verteidigten sich wieder, versicherten, sie wüßten nicht das kleinste Späßle, sie hätten nur so gelacht.

»Jetzt wißt ihr noch keins, aber dann fällt euch eins ein,« sagte Gundel traurig, »ihr wollt doch brav werden!«

Ja, freilich, das wollten sie doch alle beide. Sie versuchten es also, den ersten April zu vergessen, und steckten wieder emsig die Nasen ins Buch. Sie waren augenblicklich viel gesetzter als die Grillschen, die im Haus zur Rose so viel schwatzten, daß Laura dachte: Das vertrage ich nicht.

Sie hörte aber doch zu, was die Geschwister zu berichten hatten, eine ungeheuer wichtige Neuigkeit. Kaum waren sie im Hause, da riefen sie alle stolz: »Wir verreisen.«

»Bald, nächste Woche schon,« sagte Veit, und Kasperle fügte hinzu: »Wir bleiben schrecklich lange, und ich fahr mit.«

Schrecklich lange! Alette Amhag sah tief erschrocken drein, und Trinle tröstete eifrig: »Schrecklich lange nicht, nur drei Tage.« Dann erzählten sie. Die Großmutter, Frau Grills Mutter, die zwei Stunden Bahnfahrt von Breitenwert entfernt wohnte, feierte am nächsten Sonnabend ihren siebzigsten Geburtstag. Dazu reisten sie alle am Freitag schon hin, und da dort alle Kinder und Kindeskinder der sehr geliebten Großmutter zusammenkamen, kehrten die Grills erst Dienstags heim. Weil ein siebzigster Geburtstag nicht alle Tage in einer Familie gefeiert wird und der Tag nun einmal nicht in die Ferien fallen wollte, hatten die Kinder frei bekommen. Schulfrei, so kurz vor den Ferien! Sie sagten alle vier, dies sei besonders fein, obgleich Kasperle doch noch immer Ferien hatte.

Alette wunderte sich etwas. Die Geschwister hatten ihr so viel davon erzählt, wie gern sie in die Schule gingen, daß sie dachte, die müßten nun eigentlich sehr betrübt sein über die versäumten Tage. »Du bist aber dumm!« verwies sie Veit mehr offen als höflich, und Trinle belehrte sie, das sei nun einmal so. Auf Ferien freue man sich immer furchtbar, auf besondere Feiertage noch furchtbarer, und in die Schule ginge man gern. »Du mußt dich aber nicht zu sehr nach uns bangen,« schloß sie, »nachher erzähle ich dir viel, und vielleicht bringe ich dir auch Kuchen mit.«

»Vielleicht,« sagte Laura zu sich. Der paßte die Reise der Grills gut, und als das Schokoladetrinken vorbei war und die Kinder ein Spiel beschlossen, ging sie in ihr Zimmer, um an Frau Juana van Bachhoven zu schreiben. Sie dachte, den Geburtstagskuchen soll unsere Alette nicht mehr essen, die Tage sind gut zur Abreise, da gibt es dann keinen Abschiedsjammer. Sie schrieb dies und das und schrieb auch, Alette freue sich auf Paris, sie würde gern hingehen. Es war wieder eine Unwahrheit, aber Laura wollte fort, sie hatte die Löwengasse satt.

Frau Tippelmann hatte gemeint, Laura würde bei den Kindern bleiben. Sie selbst hätte es gern getan, aber sie kannte doch Alettes Scheu vor ihr. Die tat ihr weh, und sie ging still in ihr Zimmer, hörte das Lachen der Kinder von fern und fühlte sich so einsam wie nie zuvor.

Die Gäste merkten nichts von Lauras Ärger und Frau Tippelmanns Traurigkeit, sie waren vergnügt und Alette mit ihnen. Veit und Steffen waren sehr für Entdeckungsfahrten eingenommen, und ihre Lust am richtigen Spiel war bald vorbei. »Zeig uns den Garten, Alette,« baten sie, und Alette führte ihre Gäste gern hinaus. Der Garten war nicht sehr groß und glich mehr einer kleinen struppigen Wildnis. Frau Tippelmann hatte nur immer dicht am Hause Blumen und Gemüse gepflanzt und hatte die alten Bäume und Sträucher stehen und wachsen lassen, wie sie wollten.

»Da ist ein Räuberschlößle,« schrie Kasperle, der durch das zarte Grün des Buschwerkes ein Gartenhäuschen schimmern sah. Hart an der Mauer des Nachbargartens lag es.

»Ach, es ist nicht schön,« sagte Alette, und ihre Gäste bestätigten das bald, als sie vor dem halbverfallenen Budchen standen. Nein, schön war es nicht.

»Aber reinsehen muß man,« erklärte Veit und rüttelte an der Türe. Die gab nach; ein leerer, halbdunkler Raum gähnte den Kindern entgegen, nicht einmal altes Rumpelzeug war darin. Nur sehr viel Staub und Spinngewebe hing in den Ecken, es mochte wohl seit Jahren niemand hier dringewesen sein.

»Da ist eine Klappe, da geht es in einen Keller,« rief Veit plötzlich. Ein eiserner Ring war im Boden eingelassen, und die Buben stürzten eilfertig darauf zu und zerrten und zogen daran. Sie mußten sich ordentlich plagen, aber dann gab die Klappe nach und ging auf. Die Kinder sahen nun ein Treppchen vor sich, das in die Tiefe führte.

»Ein Keller,« rief Alette ängstlich.

»Ja, freilich, und wer weiß, was da unten verborgen ist!« riefen Veit und Steffen. »Früher haben die Menschen manchmal in solchen Kellern Schätze versteckt.« Veit besonders war ganz aufgeregt; das war doch etwas Geheimnisvolles, etwas, das er erforschen konnte! »Vielleicht finden wir unten einen Schatz, vielleicht eine Kiste, vielleicht einen Topf mit Geld, vielleicht --«

»Mäusle,« rief Trinle, aber der Bruder hörte nicht darauf. Der sagte eifrig: »Wir müssen hinunter.«

»Nein, ach nein,« jammerte Alette erschrocken, »nicht da hinein, ich fürchte mich so sehr!«

»Pah, Furchthäsle du!« rief Veit. »Fürchtest du dich auch, Trinle?«

Eigentlich graulte sich Trinle wirklich sehr vor dem unbekannten Kellerloch und vor den Mäusles drinnen, aber sie schämte sich vor den Brüdern ihrer Angst und sagte ganz kühn, ordentlich etwas protzig: »Natürlich geh ich mit runter. Fürchten? Pah!«

»Ich geh auch mit!« Kasperle jauchzte vor Abenteuerlust. Er wollte auch gleich das Treppchen abwärts steigen, aber Alette hielt ihn fest. »Du mußt hierbleiben,« bat sie angstvoll. »Du bist zu klein, sonst -- sonst hole ich Frau Tippelmann.«

Die Geschwister überlegten, und Veit entschied. »Ja, Kasperle bleibt mit Alette erst mal oben, wir sehen, was unten ist.«

»Ich will mit,« kreischte Kasperle ungestüm. Er riß sich empört von seiner guten Freundin los, aber zu seinem Kummer sagten beide Brüder: »Du bleibst!« Kasperle zog einen schiefen Mund, er war gar nicht mit seinen Brüdern darin einer Meinung, daß die Jüngeren den Älteren manchmal folgen müssen. Er fügte sich aber, wenn auch sehr traurig, und trotzig brummte er seine Freundin Alette an: »Ich besuch dich nicht mehr.«

In Alettes Augen standen Tränen. Sie fürchtete sich entsetzlich vor dem dunklen Loch, sah mit Zittern und Zagen die Geschwister die Treppe hinabsteigen und sehnte Frau Tippelmann herbei. Doch die blieb fern, und Steffen, Veit und Trinle stiegen kühn in die unbekannte Tiefe hinab. Veit hatte vor kurzem von seinem Paten eine kleine elektrische Taschenlampe bekommen, die er ungeheuer stolz immer bei sich trug. Sie diente jetzt als Leuchte, und bei jedem Schritt sagte darum Veit: »Gut, daß ich meine Lampe habe!« Das Lämpchen erhellte unten notdürftig einen kleinen Kellerraum. Er war leer, aber Trinle erschien er schauriger als das ganze Räuberschlößle. »Es ist nichts hier,« flüsterte sie zitternd, »wir wollen zurückgehen, -- Alette grault sich.«

»Du wohl auch?« Veit fragte dies sehr hohnvoll, und Trinle nahm ihr letztes kärgliches Restlein Mut zusammen und behauptete tapfer: »I wo!«

»Da geht's weiter,« schrie Steffen und deutete auf einen Gang. »Paßt auf, wir finden noch was!«

»Eine Tür!« Veit war, unbekümmert darum, ob die andern sehen konnten, mit seinem Lämpchen vorausgelaufen und beleuchtete eine Tür, die den Keller nach irgendwohin abschloß.

Was lag dahinter? Eine Schatzkammer, verborgene, vergessene Herrlichkeiten? »Wir müssen die Tür aufkriegen,« rief Veit und rüttelte und rappelte an dem alten Holzpförtlein herum. »Auf, auf, auf, Schatzkammer, öffne dich!« dachte er.

»Mit einem Beil einschlagen,« riet Steffen kühn. »Aber was ist denn da los?«

Von oben herab tönte zitterndes Angstgeschrei. Alette und Kasperle hatten das Dröhnen gehört; sie kauerten am Treppchen und jammerten entsetzlich, sie meinten, denen unten sei etwas geschehen. »Furchthasen,« schalt Veit grollend und brüllte: »Kommt runter, hier ist's fein, wir finden was, kommt nur!«

»Kommt,« rief auch Trinle zaghaft.

Da wurden die oben still. Hinunter wagten sie sich nicht, aber sie lauschten nun doch etwas beruhigter hinab. Nur merkwürdig war es, denen unten schien das Schreien fortzutönen, jämmerlich klang es, bis es allmählich verhallte. »Ein Echo,« sagte Steffen und hieb mit aller Macht gegen die Türe.

»Wenn wir nur einen Schlüssel hätten!« brummte Veit und rüttelte an dem verrosteten Schloß herum. Das knarrte, wackelte, und auf einmal sprang die Türe mit einem lauten Krach auf, und die drei Entdecker blickten in einen mit Fässern und Kisten gefüllten Keller, der gar nicht sehr unheimlich aussah, sondern recht sauber und ordentlich.

Die drei waren plötzlich ganz still geworden. Was war da? Wo waren sie hingelangt? Waren hier nun wirklich vergessene Reichtümer aufgestapelt?

Oben hatten Alette und Kasperle den Krach gehört, mit dem die Türe aufgesprungen war. Trinles Schrei dabei war der letzte Laut gewesen, dann wurde unten alles still, und auf Alettes bebendes Rufen kam keine Antwort. Da packte die beiden eine jämmerliche Angst, und alle beide rannten klagend zum Gartenhäuschen hinaus und schrieen draußen voll Angst nach Frau Tippelmann.

Im gleichen Augenblick gellte vorn nach der Löwengasse hinaus ein nicht minder ängstliches Rufen, und in der Nachbarschaft taten sich Türen und Fenster auf. Was war geschehen? Leute stürzten auf das Gäßlein hinaus, und aus der Lindenapotheke kam Herr Baldan mit langen Schritten angerast. »Bei Häferlein brennt's,« rief es, »dort ist was los!«

In Herrn Häferleins Laden war wirklich etwas los. Bleich, zitternd saß der Kaufmann auf einer Sauerkrauttonne, und sein schläfriger Gehilfe saß auf einer Siruptonne, und beide stöhnten nur immer: »Diebe! Diebe! Hilfe! Hilfe!«

Herr Baldan stürzte als erster in den Laden, ihn hatte der Hilferuf namenlos erschreckt; wie die Posaune des jüngsten Gerichts gellte ihm der in den Ohren. Sein Freund war in Not, mit dem er sich gestritten und noch nicht wieder versöhnt hatte. Schwer bedrückte ihn das, und als er Herrn Häferlein noch lebendig auf der Sauerkrauttonne sitzen sah, umfaßte er den Freund mit einem lauten Jubelschrei: »Gottlob, Sie leben, lieber Häferlein!«