Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 5
Über dem Schwatzen vergaßen alle ein wenig die Zeit. Plötzlich duckte sich Veit und sagte rasch: »Kauert euch zusammen, unten geht Herr Baldan.«
Der Provisor konnte das Räuberschlößle nicht leiden. Er sagte immer, es sei zu baufällig, behauptete, es könnte einfallen, und wenn er darum die Kinder drinnen traf, schalt er und trieb sie hinaus.
Denen gefiel das nicht. Sie huschelten sich geschwinde zusammen, und Veit legte sich platt auf den Boden, um ein wenig hinabsehen zu können. Trinle vertraute Alette flüsternd an, warum sie sich vor Herrn Baldan versteckten, bis Veit ihr zuraunte: »Still doch, er kommt!«
Unten knarrte die Türe, und der Eintretende brummte: »Schon wieder nicht verschlossen!« Herr Baldan hatte die Eigenschaft, laut mit sich selbst zu reden, zumal wenn er sich über irgend etwas oder irgend jemand geärgert hatte. Da dies oft vorkam, mußte er viel mit sich reden. Dazu suchte er gern das Räuberschlößle auf und ärgerte sich, wenn er die Kinder darin fand.
An diesem Tage galt sein Groll noch immer Herrn Häferlein, und da er um diese Stunde gerade wenig zu tun hatte, suchte er das Gartenhaus auf und schritt nun in dem kleinen Raum aufgeregt hin und her. »Herr Häferlein, das war nicht nett von Ihnen,« schrie er plötzlich, und die Kinder im Turmstübchen erschraken.
War denn Herr Häferlein unten? Veit tuschelte: »Der ist gar net da!«
»Nein, freundschaftlich war das nicht, Herr Häferlein, auf so ein dummes Kindergeschwätz hin mich gleich anzuschreien. Kasperle ist doch ein Dummkopf!« schalt Herr Baldan.
Kasperle riß Mund und Augen auf, und Trinle legte rasch ihre Hand auf seinen Plappermund. »Still, still!« flüsterte sie.
»Es ist freilich schrecklich, daß so ein unvernünftiges Tier August heißt, man muß sich ja ärgern, ja ärgern!« Herrn Baldans Stimme schwoll an: »Ich werde den Affen umbringen, jawohl, umbringen!«
Alette, die mit ängstlichen Augen zuhörte, bekam gleich zwei Hände auf den Mund. Trinle und Steffen machten gleichzeitig »pst, pst«.
»Sind Mäuse hier?« rief Herr Baldan unten und rasselte mit einem Stuhl.
Die Kinder, die wohl wußten, daß der gute Herr Baldan ein wenig furchtsam war, unterdrückten ein Kichern, und dabei entrutschte dem Kasperle sein Murmelsäckchen, das er zu Lust und Zeitvertreib immer mit sich herumtrug. Es ging auf, und gerade als unten Herr Baldan vorwurfsvoll rief: »Sie sind schuld, Herr Häferlein,« rollerten und kollerten alle grauen, blauen, roten und grünen Murmeln über den Boden der Turmstube dahin, und etliche hopsten und sprangen mit viel Getöse die Treppe hinab.
Herr Baldan meinte nicht anders, als der ganze Turm fiele zusammen. Vielleicht, ja vielleicht waren es auch wirklich Ratten, Mäuse oder sonst unheimliche Wesen! Herr Baldan sah nicht erst nach, Herr Baldan riß aus. Rutsch, war er draußen, warf die Türe zu, schloß auch noch den Schlüssel herum, und Veit, der an eins der Fenster gesprungen war, rief: »Er rennt weg!«
»Er holt jemand,« sagte Steffen bedächtig, »kommt fix raus.«
»Meine Murmeln!« klagte Kasperle, und Trinle bückte sich rasch, hob auf, so viel sie erwischen konnte, und versprach: »Wir suchen die andern morgen.«
Damit war Kasperle zufrieden, und alle kletterten die Treppe hinab, um das Räuberschlößle zu verlassen, aber wie es wohl einst in richtigen Räuberwohnungen manchem ergangen sein mochte, sie fanden die Tür verschlossen, sich gefangen.
Alette Amhag erschrak sehr, aber die Grills lachten sie aus. »Ich steige durch das Fensterle und schließe euch die Türe auf,« erklärte Veit. Er öffnete das kleine Fenster und sprang hinaus; Steffen folgte. Beide liefen zur Türe und riefen von dort: »Er hat den Schlüssel mitgenommen.«
»Da springen wir auch durch das Fensterle,« sagte Trinle gelassen. Sie fand das weder aufregend noch sonderbar; aber Alette, die noch nie in ihrem Leben so etwas getan hatte, wehrte sich ängstlich: »Nein, nein, ich will nicht.«
Sie ist doch eine Zimpersuse, dachte Veit, und er sagte ein bißchen von oben herab: »Na, freilich, du bist ja auch net aus dem Löwengäßle!«
Alette Amhag erglühte tief. Das Wort kränkte sie, und schon stiegen ihr langsam die Tränen in die Augen, als Trinle sie tröstend umfing. »Ich helfe dir, das lernst du schon.«
Trinle half, Steffen half, Veit wollte helfen und Kasperle auch, und es ging nach dem Wort, daß viele Köche den Brei verderben. Alette kam so ungeschickt als möglich aus dem Räuberschlößle heraus: ihr seidenes Kleid trug drei lange Risse davon, und daß sie nicht auf die Nase fiel, war ein Wunder zu nennen.
Über das zerrissene Kleid war Trinle außer sich, Alette gar nicht; die tröstete: »Ich gehe gleich hinüber und ziehe ein anderes an.«
Doch Trinle stellte ihr Jammern nicht ein, und die Brüder riefen geärgert: »Na, wenn sie sich selbst net grämt und noch so viele hat, dann brauchst du doch net zu jammern, als hätte sich Alette den Kopf abgerissen.«
Aber da wurde Trinle böse. »Über ein zerrissenes Sonntagskleidle muß man sich wohl grämen,« rief sie, »sonst ist man ein Schlumperle.«
»Na, da gräm dich!« fuhr Steffen Alette an, und obgleich die gar nicht wußte, was eigentlich ein Schlumperle war, fing sie doch gleich an zu weinen, und die Geschwister mußten sie alle miteinander trösten.
Zum Unglück kam just Laura, um Alette abzuholen, und als sie die letzten Tränen sah, -- denn Alette wollte gerade lachen -- erhob sie ein lautes Klagegeschrei. »Was haben sie dir getan, mein Zuckerlämmchen?« jammerte sie.
»Sei doch still,« flehte Alette erschrocken, »wir waren doch nur im Räuberschlößle!«
»Wo?« kreischte Laura entsetzt, »wo haben sie dich hingeführt?«
»Alette ist nur zum Fensterle rausgesprungen,« erzählte Kasperle.
»Ja, weil Herr Baldan kam,« erklärte Trinle, »da mußten wir flüchten.«
»Um des Himmels willen!« Laura schlug die Hände zusammen; sie hatte keine Ahnung, wer Herr Baldan war. Der Gedanke, Alette habe flüchten müssen, und der Name Räuberschlößle brachten sie in die größte Aufregung.
Den Kindern war das Geschrei sehr unangenehm; wenn es drinnen im Hause gehört wurde, wenn es gar Herr Baldan ...
»Da kommt Herr Baldan,« rief Kasperle, und Steffen, der immer sehr dafür war, geheimnisvoll zu flüchten, zu tun, als wären Indianer im Anzug, tuschelte erschrocken: »Fliehen, wir müssen fliehen!«
»Alle guten Geister,« stöhnte Laura, »das ist ja gräßlich! Wer überfällt uns denn?«
»Schnell, schnell,« drängten die Buben, »er kommt!« Sie schoben Laura; Trinle, Alette und Kasperle zogen, Steffen befahl: »In den Stall!« In rasender Eile ging es durch den Garten auf den Hof, und Laura befand sich auf einmal in einem Kaninchenstall, und Schnupperle begrüßte die Gesellschaft mit lautem »Mäh!«
»Hu!« kreischte Laura und wich entsetzt zurück, »was für 'n Tier!«
»Das ist doch nur Schnupperle!« rief Veit gekränkt. »Und überhaupt, hier ist's doch fein!«
»Was, fein? Ich möchte wissen, was hier fein ist!« schalt Laura. »Und nun sagt einmal, warum sind wir eigentlich ausgerissen?«
»Wegen Herrn Baldan; weil der mit Herrn Häferlein geredet hat und Herr Häferlein doch nicht da war, und sich Herr Baldan darum ärgert, wenn man das hört, darum!« erklärte Veit.
»Ach!« Laura riß Mund und Augen sperrangelweit auf; sie war noch genau so klug wie vorher, und wenn ihr jemand etwas auf Chaldäisch gesagt hätte, so hätte sie nicht weniger verstanden. Eins nur merkte sie, daß die Flucht nicht so nötig gewesen war, und sie sagte: »Alette, erzähl du mal, wo --«
»Im Räuberschlößle habe ich mein Kleid zerrissen,« unterbrach sie Alette rasch, die dachte, die Frage gelte dem Kleid.
»Dein Kleid?« Nun erst sah Laura die drei Risse; sie wollte schelten, aber sie kam nicht dazu, denn nun redete Trinle, und Kasperle, Veit und Steffen sagten auch etwas. Alette sprach mit hinein, und Schnupperle schrie fortgesetzt »mäh, mäh!« Dazu war es so eng im Stall und roch sehr schlecht. Laura stöhnte: »Laßt mich raus, und du, Alette, komm, du erzählst mir drüben alles!«
Die Grills fanden Laura etwas sehr schwer von Begriffen; sie hatten sich doch so viele Mühe gegeben, ihr alles zu erklären. Sie söhnten sich aber rasch mit ihr aus, da Laura, die sah, wie ungern sich Alette von den neuen Freunden trennte, gutmütig alle vier Nachbarskinder zu Schokolade und Kuchen einlud. »Samstag,« sagte sie; das war übermorgen, also bald. Nur Kasperle klagte: »So lange!«
»Drüben gibt's wenigstens keine Räuberhöhle und keinen Stall!« meinte Laura.
»Aber Augustle ist drüben, grüß Augustle schön!«
Und an den Affen dachten die Kinder noch, als Alette wieder mit Laura über die Straße schritt, und alle vier riefen beiden nach: »Viele Grüße an Augustle; er soll uns mal besuchen.«
Gleichzeitig sagten Herr Häferlein in seinem Laden und Herr Baldan in der Apotheke: »Unerhört ist's doch, einen Affen August zu nennen, ganz unerhört; so einen schönen Namen gibt man doch nicht einem Affen!«
Siebentes Kapitel.
Gundels Kummer.
Laura ärgert sich über Frau Tippelmanns Sprichwörter, aber Herr Häferlein freut sich darüber. Er will versöhnen, läuft in den Silbernen Stern und ärgert sich wieder. Die Sternbuben kommen gut weg; sie wollen Alette Amhag heiraten und haben am nächsten Morgen ihre guten Vorsätze noch nicht vergessen. Ein trauriger Schulweg. Gundel geht heim, die Sonne schmunzelt, und Alette verspricht, August zu holen.
In der Rose erzählte Alette Amhag die Erlebnisse des Nachmittags, und ihre Augen strahlten dabei. Sie fand, es sei doch wunderwunderhübsch gewesen.
Aber Laura war unzufrieden. »Im Grunde ist das kein Verkehr für dich,« schalt sie, »na, wenigstens dauert es nicht lange!«
»Sie ist doch keine Prinzessin auf der Erbse!« brummelte Frau Tippelmann. Sie meinte, eine Amhag aus der Rose passe wohl zu denen aus der Linde.
Alette fing das Wort auf. »Was ist das, eine Prinzessin auf der Erbse?« fragte sie. »Wo wohnt die?«
»Im Märchen!« Frau Tippelmann kannte nur dies Wort, nicht das Märchen, und sie geriet in Verlegenheit, als Alette sehr stürmisch flehte, sie solle ihr das Märchen erzählen. »Ich weiß es nicht, wirklich nicht,« beteuerte sie, als sie in die enttäuschten Augen der Kleinen sah; »Märchen kann ich nicht erzählen, nur Geschichten, wahre Geschichten aus alten Zeiten.«
Wenn Frau Tippelmann gedacht hatte, sie würde damit Alette abschrecken, so irrte sie sich. Alette bat immer dringlicher um eine Geschichte. Weil ihre Bäckchen aber schon glühten und sie ungewöhnlich aufgeregt war, erklärte Laura, heute nicht mehr, heute müsse sie schlafen, morgen dann.
»Ja, morgen,« versprach Frau Tippelmann, »morgen ist auch ein Tag. Jetzt muß ich noch zu Herrn Häferlein gehen und einkaufen.«
Da gab sich Alette zufrieden. »Ich freue mich sehr,« sagte sie und streckte Frau Tippelmann zutraulich die Hand hin. Die strich ihr zum erstenmal liebkosend über das sanftgelockte Haar und sagte den alten Spruch, den einst vor langen Jahren ihr die eigene Mutter allabendlich mitgegeben hatte: »Schlaf gut in Gottes Hut. Es schüttle dir ein Engelein ein flitterbuntes Träumelein von seinem Himmelsbäumelein!«
Laura, die eifersüchtig war, brummte: »Ewig die Sprichwörter, zu langweilig ist's!«
Aber drüben bei Herrn Häferlein erntete Frau Tippelmann dann mehr Dank. Der Kaufmann hatte bis zu dieser Abendstunde sehr viel zu tun gehabt; seine Ladenklingel war nur so gehopst und gesprungen, ganz atemlos zitterte sie und kam gar nicht zur Ruhe. Die Käufer strömten unablässig in den Laden hinein, und jeder tat zuerst die Frage: »Was war denn heute hier los?« Man hatte die wunderlichsten Geschichten in Breitenwert erzählt von den Vorfällen am Nachmittag. Die einen sagten, Herr Häferlein habe einen tollgewordenen Affen in seinem Geschäft, die andern wußten zu berichten, alles sei zerschlagen im Laden, Herr Häferlein selbst sei halbtot. Wieder andere wollten wissen, der Kaufmann sei selbst toll geworden, und aus lauter Neugier kamen die Leute und kauften. Da hieß es: »Bitte, für zwanzig Pfennige Mandeln, und erzählen Sie doch mal, was hier los war!« Oder eine Frau verlangte für fünf Pfennige Pfeffer und sagte dazu: »Aber recht genau erzählen, ich habe Zeit!«
Herr Häferlein hatte gewogen, eingepackt und erzählt und wieder gewogen und eingepackt und erzählt, und als Frau Tippelmann kam, war er schon rechtschaffen müde, aber doch sehr vergnügt. Er rief der Frau gleich entgegen, er wolle in den Silbernen Stern gehen und sich dort mit Herrn Baldan versöhnen, der abends meist ein Stündchen das Gasthaus aufsuchte.
»Ist recht so!« Frau Tippelmann nickte zufrieden. »Wer seine Nachbarn schilt, weiß bald, was er selber gilt,« sagte sie.
»Ich bin ja auch friedfertig,« versicherte Herr Häferlein, »nur den Sternbübles verzeih ich's nicht; die werden heute noch bei ihrer Mutter verklagt. Sonst bin ich nicht für Zank und Streit.«
»Kommt auch nichts dabei heraus. Denn wenn zwei zanken um ein Ei, steckt's der dritte bei,« gab Frau Tippelmann zur Antwort. »Und nun gute Nacht!«
Herr Häferlein sah seiner Nachbarin voll Bewunderung nach. Sie ist doch eine erstaunlich kluge Frau, dachte er, immer weiß sie für alles das rechte Wort. Na ja, an mir soll es nicht liegen, ich will mich schon mit Herrn Baldan versöhnen! Nur die Sternbuben, die müssen eins ausgewischt kriegen.
Herr Häferlein schloß seinen Laden und lief auf einem Umweg in den Stern.
Herr Baldan verließ nur um zehn Minuten später die Lindenapotheke und kam eine halbe Minute vor dem Kaufmann im Stern an. Ihm wäre ein Umweg auch gut gewesen, da hätte er sich vielleicht ausgescholten. Seit er am Nachmittag so sonderbar im Räuberschlößle in seiner Rede gestört worden war, hatte er noch keinen Augenblick Zeit gehabt, weiter mit Herrn Häferlein abzurechnen. Sein Groll lebte noch, und kaum erblickte er den freundlichen Nachbar, da fuhr er diesen an: »Ei, pfui, Herr Häferlein, Sie haben sich aber nicht nett benommen!«
Wenn nun einer, der gerade versöhnliche Gedanken im Herzen trägt, so angeschrien wird, dann ärgert er sich meist, und Herr Häferlein ärgerte sich sehr. Er gab eine patzige Antwort, und zum Überfluß fragte noch jemand: »Haben Sie Ihren Affen mitgebracht?«
Da war es aus. Hui, fuhr Herr Häferlein auf! Frau Tippelmann hatte einmal von ihm gesagt, er gliche einem Töpfchen voll Sahne, er sei sanft und mild, aber wenn er einmal ins Kochen gerate, dann sei kein Halten mehr, er brodele über.
So war es jetzt. Ein paar Gäste redeten freundlich zu. Herr Baldan selbst hätte gern eingelenkt, aber das half nichts. Der Kaufmann sagte seinem ehemaligen Freund bitterböse Worte; dann lief er zu der einen Türe hinaus, Herr Baldan zur andern. Draußen rannte einer nach rechts, der andere nach links, und dann kamen sie doch beide zu gleicher Zeit in der Löwengasse an. Hier fuhren sie noch einmal aufeinander los, und jeder dachte bei sich: Nun ist es aus, ganz aus mit der Freundschaft.
Bei diesem Streit, der den beiden ehemaligen Freunden trübe Stunden genug schaffte, waren die beiden Sternbuben gut weggekommen, denn Herr Häferlein hatte in seinem Ärger vergessen, sie bei der Mutter zu verklagen. Die hatte gedroht: »Kommt Herr Häferlein, dann mag er euch selbst bestrafen.« Doch dies Ungemach ging an beiden vorüber, und sie spazierten an diesem Abend höchst vergnügt zu Bett. Es war leider so, die Sternbuben fanden ihren Streich sehr lustig, und obgleich ihre Schwester Gundel geklagt hatte, sie wären böse, erklärten sie doch immer wieder, es wäre fein gewesen. Freilich meinten sie nicht die Minuten damit, die sie in Herrn Häferleins Händen gewesen waren; da schüttelten sie sich noch in der Erinnerung. Sie hatten das Gundel mit großem Eifer geschildert; grausig war es gewesen, wie Herr Häferlein sie gepackt hatte und sie beinahe geschlagen hätte, -- wenn nicht Alette Amhag gekommen wäre.
O Alette! Die Sternbuben waren ein paar wilde, unnütze Schlingel, frech, faul, borstig, meist auch etwas schmutzig, zu vielerlei Missetaten aufgelegt, und doch blühten auch in den Gärtlein ihrer Herzen schöne Blumen. Vor lauter Unkraut waren sie oft nicht zu sehen, aber vorhanden waren sie, und an diesem Tag hatte die Dankbarkeit ihren lichten Kelch entfaltet, die Dankbarkeit für das freundliebe Mädchen, das sie aus Herrn Häferleins Händen befreit hatte.
Immer wieder erzählten sie Gundel von ihr, und immer wieder wollte Gundel von Alette hören. Peter, der ein dicker, kleiner Stöpsel war, ahmte mit viel Gepolter nach, wie Alette angekommen sei. Er quiekte dabei wie ein kleiner Hund, der sich den Schwanz einklemmt; das sollte Alettes flehendes Rufen vorstellen, und Mathes sagte auch jedesmal: »So hat sie's gemacht.«
Und wieder dachte Gundel ohne Neid, aber mit viel Sehnsucht: Wäre das fremde Mädchen doch meine Freundin! »Ihr müßt euch bedanken,« sagte sie zu den Brüdern.
Die hätten das schon gern getan, aber wie? Einfach hingehen und sagen: »Danke schön,« das ging doch nicht! Dazu waren die frechen Sternbübles wieder viel zu schüchtern. Auch Gundel fand diesen einfachen Weg furchtbar schwer; sie riet: »Ihr müßt ihr schreiben.«
Die Brüder lagen schon im Bett, als sie ihnen diesen Vorschlag machte, und beide krochen mit einem wilden Aufschrei unter ihre Deckbetten. Einen Brief zu schreiben, etwas so Ungeheuerliches mutete ihnen die Schwester zu! »Uff!« stöhnte Peter, aber Mathes fand einen Ausweg: »Schreib du; du nimmst so ein feines Bögle mit Vergißmeinnichtle drauf, wie du an Weihnachten bekommen hast. Da freut sie sich.«
»Ja, schreib du!« Peterle kam auch wieder unter dem Deckbett vor. »Wir tragen's hin und werfen's rein.«
»Wie heißt sie denn?« fragte Gundel zögernd.
Die Buben sahen sich an; ja, ja, das wußten sie gar nicht.
Gundel atmete erleichtert auf. »Dann kann ich net schreiben. Aber ein Blumensträußle könntet ihr hintragen.«
Huje, ein Sträußle! Die Buben kreischten vor Vergnügen und strampelten in ihren Betten hin und her. Der Gedanke, mit einem Strauß in die Rose zu gehen, erschien ihnen zu närrisch, und Mathes prustete endlich heraus: »Wir sind doch kein Mädle!«
»So dumm ist das gar net,« verteidigte Gundel gekränkt ihren Vorschlag. »In einem Geschichtenbüchle von mir steht von einem Büble, der das getan hat. Erst hat er Gänsle gehütet und dann das vornehme Fräulein geheiratet.«
Heiraten, Alette Amhag heiraten, ja, das war etwas Feines!
»Ich heirate sie auch,« schrie Peter sehr bereitwillig.
»Nein, ich will sie heiraten,« brüllte Mathes.
»Ich hab's zuerst gesagt, gelt Gundel?«
»Ich bin aber älter, ich heirate sie.«
Peter besann sich einen Augenblick, dann rief er rasch: »Du heiratest sie, und ich krieg's Äffle.«
»Nein, das will ich,« rief Mathes kirschrot, »dann heirate du sie.«
»Aber hört doch,« rief Gundel erschrocken ob dieses Geschreis, »sie will euch doch gar net heiraten!«
»Warum denn net?« Peter und Mathes fragten es erstaunt wie aus einem Munde; sie selbst fanden ihren Plan, Alette Amhag dereinst aus Dankbarkeit heiraten zu wollen, wundervoll.
Gundels sanfte Augen füllten sich mit Tränen, und sie sagte traurig, so recht aus bekümmertem Schwesternherzen: »Weil -- ach, weil sie euch doch alle die wüsten Sternbuben nennen und -- und -- euch niemand im Gäßle leiden mag!«
Das stimmte nun freilich, nur vergaßen es die beiden immer wieder. Das Erinnern daran aber war schmerzlich. Die Bübles verschwanden jäh wieder unter ihren Deckbetten, und aus der Tiefe klang nun ein dumpfes Ächzen und Heulen; sie fühlten beide, wie schwer es ist, in einem so schlimmen Ruf zu stehen. Zuerst steckte Mathes seine Nase wieder heraus; er jammerte: »So arg ist's doch net!« Da kam auch Peters Kopf zum Vorschein; der kleine Stöpsel heulte: »Wir meinen's doch net so!«
»Mina kommt,« sagte Gundel plötzlich erschrocken. Jemand kam die Treppe herauf, ging draußen entlang, und die drei hielten fast den Atem an; sie sollten eigentlich schon schlafen, und heute mochten sie nicht gerade Minas Zorn reizen. Die Schritte entfernten sich, und Gundel schlich sich hastig aus dem Zimmer, ihr Lichtlein vorsichtig in der Hand tragend. Nun war es dunkel und still in der Stube der Sternbuben, und der Schlaf hätte kommen können. Aber die beiden, die sonst schliefen, ehe sie noch recht im Bett drin waren, lagen noch eine Weile wach; zum erstenmal bedrückte es sie, daß die Löwengasse sie nicht leiden mochte. Um Alettes willen hätten sie schon gern einen bessern Ruf gehabt. Und Peter sagte plötzlich in das Dunkel hinein: »Morgen sind wir brav.«
»Ja,« murmelte Mathes kleinlaut, »aber -- die Schularbeiten!«
Da seufzten sie beide tief und schwiegen -- die Schularbeiten hatten sie beide nicht gemacht.
Als die Sternbuben am nächsten Morgen aufwachten, hatten sie, merkwürdig genug, die guten Vorsätze des Abends nicht ganz vergessen. Daher rasten sie nicht wie sonst der Schwester davon, sondern warteten auf sie. Sie fanden nämlich auch, es ginge sich leichter zu dreien an Herrn Häferleins Laden vorbei.
Der Kaufmann stand nicht vor seiner Türe; der saß verdrießlich innen. Hätte er zwei linke Füße gehabt, er wäre an diesem Morgen mit ihnen beiden zuerst aufgestanden, so schlecht war seine Laune. Trotzdem war der Schulweg nicht lustig für die Sternbuben, und in der Schule erging es ihnen auch übel genug. Man narrt nicht ungestraft seine Kameraden, dies bekamen sie an diesem Morgen reichlich zu spüren.
Gundel hatte auf dem Schulweg viel um der Brüder willen zu leiden. Sie sah den Zorn der andern, hörte die vielen Spottworte, konnte diese und die vielen Püffe dazu nicht von ihren Brüdern abwenden; nur weinen konnte sie. Weinend kam sie vor der Schule an, weinend trennte sie sich von den Brüdern, und bitterlich weinend betrat sie ihre Klasse. Ihre Kameradinnen fragten sie mitleidig nach ihrem Jammer; auch die Lehrerin, Fräulein Raimund, tat das. Die hatte das sanfte, stille Kind gern, und sie spürte es auch, das waren wirkliche Kummertränen. »Sag, Gundel, was fehlt dir?« mahnte sie.
Doch Gundel blieb stumm, und dabei hätte sie so herzensgern von ihrem Leid gesprochen, hätte sich so gern einmal liebreich trösten lassen. Sie wäre auch gern wieder froh gewesen, aber sie konnte nicht; immerzu mußte sie an ihre Brüder denken, die niemand leiden konnte, und zu denen andere Buben gesagt hatten: »Nach der Schule gibt's was!«
»Geh heim, Gundel Hinz,« sagte Fräulein Raimund endlich. Sie begann sich zu ängstigen, vielleicht war Gundel krank.
Da stand Gundel auf und schlich sich zur Klasse hinaus, und der jungen Lehrerin tat das Herz weh, als sie das blasse Kind so kummerbeladen zur Türe hinken sah. Sie ging ihr rasch nach und fragte sie draußen noch einmal nach dem, was sie bedrückte, aber wieder vermochte Gundel nicht zu sprechen, sie brachte nicht einmal heraus, daß sie lieber in der Schule bleiben wollte.
»So geh denn, mein armes Mädle,« sagte die Lehrerin endlich gütig, »vielleicht wird es zu Hause besser.«
Und Gundel ging. Sie schlich mit schwerem Herzen scheu durch die Gassen, meinte, jeder müßte ihr die schlimmen Brüder am verweinten Gesichtchen ansehen. Zu Hause, was sollte sie da? Dort hatte niemand Zeit für sie, und Mina schalt gewiß, weil sie aus der Schule so früh heimkam.
Es war wieder einer von den hellen, frohen Tagen, an denen sich alles vom Frühling erzählt. Da flüstern und raunen sich die Bäume und Büsche, die Blumen, die noch unter der Erde träumen, zu: »Bald, bald kommt der Frühling.« Ganz alte Bäume wissen lustige liebe kleine Frühlingsgeschichten zu erzählen; sie erzählen sie jedes Jahr, und jedes Jahr freuen sich alle daran. Die Sonne schmunzelt dazu und mahnt: Sputet euch, sputet euch, wachst, sproßt hervor, fühlt nur, wie warm ich schon scheine!