Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Part 4

Chapter 43,778 wordsPublic domain

Laura fiel ihr Traum ein, und sie lachte. Da verneigte sich Herr Häferlein gleich noch zweimal; ihm gefiel Laura sehr, wenn sie lachte, er mochte überhaupt vergnügte Menschen gern leiden, und darüber vergaß er ganz seinen kleinen schwarzen Namensvetter. Den hatte Alette auf dem Arm, und die Grills standen drumrum, und alle miteinander lachten und schwatzten, als wäre die Gasse eine Familienstube. »Aber Alette,« rief Laura vorwurfsvoll, »du hast ja keinen Hut auf und keinen Mantel an, komm doch herein!«

»Ich friere nicht,« rief Alette vergnügt, »es ist so hübsch draußen.«

»Aber das schickt sich nicht, so auf der Gasse zu stehen.«

Da fielen Alette ihres Großvaters Erzählungen ein, und sie antwortete treuherzig: »Laura, das schadet nichts, Großvater hat auch immer auf der Löwengasse gespielt, und da hatte sein Papa gewiß nichts dagegen.«

»Da hat das kleine Fräulein Amhag schon recht,« sagte Herr Häferlein. »Unsere Breitenwerter Gäßle sind keine solchen wüsten, lauten Straßen, wie man sie in Berlin hat. Na, und namentlich das Löwengäßle!«

»Was sagen Sie? Wüst, die Berliner Straßen?« Laura sah bitterböse aus. »Ich bin nämlich aus Berlin,« rief sie gekränkt, »und habe davon nie etwas gemerkt. Aber Sie vielleicht, waren Sie denn schon dort?«

Der gute Herr Häferlein war wirklich noch nie in Berlin gewesen, und dies schien ihm auf einmal sehr beschämend. Vor lauter Verlegenheit lief er geschwind in seinen Laden hinein, und Laura kehrte ebenfalls in die Rose zurück. Mochte Alette draußen stehen, lange dauerte ihr Aufenthalt in diesem schrecklichen Hause, in dieser schrecklichen Gasse ohnehin nicht.

Alette war putzvergnügt. Die Grills erzählten ihr von der Schule, August wurde bewundert, und dann verabredeten sie sich miteinander, sie wollten am Nachmittag nach der Schule noch ein Weilchen zusammen spielen. Alette sollte zu den Grills kommen, und die wollten ihr das Haus zeigen. »Bei uns tut's fein rieche!« versicherte Trinle.

»Ja,« wisperte Kasperle, »Herr Baldan sagt immer, wie lauter Bauchwehtröpfle.«

Alette lachte hell auf, und weil Lachen ansteckt, fielen die Grills jubelnd ein. Die Gasse hallte wider von dem frohen Lachen, nur allein Herr Baldan schaute drüben griesgrämig drein. Ihn bedrückte noch der Ärger mit Herrn Häferlein. Der hätte seiner Meinung nach an diesem Morgen zu ihm kommen müssen, aber er war nicht gekommen.

»Der Lärm auf der Gasse wird immer ärger,« grollte er.

Dafür war es am Nachmittag recht still. Es war Schulnachmittag, und die sonnige Gasse lag wie eingeschlafen da. Als es halb vier Uhr schlug, tat sich das Haus zur Rose auf, und Alette spazierte fein angetan heraus. Laura folgte ihr, ganz wie ein feines Fräulein gekleidet. Frau Grill hatte hinübergeschickt und Alette einladen lassen, mit drüben zu vespern, wenn die Kinder aus der Schule heimkämen. Laura hatte ein sehr schönes Kleid herausgesucht und den Vorschlag gemacht, sie wollten beide noch einmal die Löwengasse auf und ab gehen. »Man muß doch wissen, wo man wohnt,« meinte sie.

Beide gingen bis zum Obermarkt hinauf, wo sie sich eine schöne alte Kirche und das wirklich prächtige Rathaus ansahen. Der ganze Platz gefiel ihnen ungemein, und Laura erklärte, er sei viel zu schön für Breitenwert.

»Sieh mal da!« rief Alette. »Von dem Brunnen mit dem steinernen Männle hat mir der Großvater erzählt, und auf dem Untermarkt muß einer mit einem Löwen stehen. Komm geschwind, wir wollen ihn mal ansehen.«

Sie wanderten beide die Löwengasse hinab, und just als sie am Silbernen Stern anlangten, kamen zwei Buben in allerhöchster Eile angerast. Die verschwanden im Torweg des Gasthauses, und Alette Amhag sah ihnen neugierig nach. »Das waren die Sternbübles,« sagte sie. Ihre neuen Freunde hatten ihr schon von denen erzählt.

Ein paar Minuten später kamen die Sternbuben wieder zum Hause heraus, diesmal ohne Schultaschen, jeder mit einem dicken Butterbrot bewaffnet. Sie schmausten und schritten dabei ganz, ganz langsam die Gasse hinauf, und dabei kamen Laura und Alette an ihnen vorbei, denn Alette eilte nun, um die Grills nicht zu verpassen.

Trapp, trapp! kam da plötzlich eine Anzahl Buben die Gasse entlang, sehr eilig, als fürchteten sie, etwas zu versäumen.

Bei ihrem Anblick witschten die Sternbuben eilig in den Torweg eines Hauses, das neben der Apotheke lag. Ein altes Ehepaar wohnte darin, selten ging jemand aus und ein, und Peter und Mathes konnten sich ungestört in dem Flur aufhalten.

Trapp, trapp! kamen vom Obermarkt her andere Buben gelaufen, dann ging es klipp, klapp, klipp, klapp! ein neuer Trupp erschien; da waren aber auch Mädel dabei.

»Die vielen Kinder! Lieber Himmel, gehören die alle in die Löwengasse?« rief Laura. »Je, da kommt eine ganze Masse! Warum kommen die nur alle hierher?«

Trapp, trapp, klipp, klapp! immer neue Trupps kamen, und alle sehr eilig, alle sehr neugierig, und alle liefen sie auf Herrn Häferleins Laden zu. Der Kaufmann arbeitete gerade in seinem Vorratsraume, der merkte nichts, und der Gehilfe sah nur staunend immer mehr und mehr Buben und Mädel sich vor dem Laden versammeln.

Die Grills kamen heim, und ihre erste Frage war, was los sei. Niemand wußte es. Da und dort trat jemand aus seinem Hause und sah staunend auf die immer wachsende Kinderschar. Auch Herr Baldan trat vor die Apotheke. »Was soll das?« rief er zu den Kindern hinüber.

»Wir wollen ihn sehen,« brüllten sie zurück.

Tripp, trapp! kamen da in allerhöchster Eile noch vier Buben an, die schrieen schon von weitem: »Ist er da?«

»Noch nicht!« tönte es zurück.

»Laßt uns durch, macht Platz!« Die zuletzt gekommen waren, versuchten sich vorzudrängen. Das wollten die andern nicht dulden, sie drängten und stießen einander, pufften sich, schrieen, schalten, drohten, lachten; der Lärm wurde immer größer, und wenn die Erwachsenen fragten, was los sei, dann brüllten alle so durcheinander, daß kein Wort zu verstehen war.

Auf einmal schrie vorn ein langer Bube mit einer lustigen kleinen Himmelfahrtsnase und strohblondem Haarschopf: »Jetzt kommt er, aufgepaßt!«

»Hurra, hurra!« jauchzten viele.

»Wir sehen nichts, wir sehen nichts,« jammerten, die hinten standen.

»Nicht so drängen!« mahnten die vorderen.

»Sapperlot, Kinder, was soll der Mummenschanz?« rief der Bäckermeister Hering, der die Löwengasse entlang kam.

»Man muß den Schutzmann holen,« drohte Herr Baldan.

»Jetzt kommt er, jetzt!«

Ein wahres Indianergebrüll entstand. In seiner Türe erschien Herr Häferlein, aber nur einen Augenblick stand er da, dann segelten plötzlich seine Beine in der Luft herum. Der Gehilfe schrie aus Leibeskräften, die Kinder brüllten durcheinander, die hinten standen, schrieen: »Wir wollen ihn auch sehen!« Die vorderen drängten zurück, es sah wirklich gefährlich aus. Herr Grill, der, gestört von dem wüsten Lärm, aus dem Hause trat, sprang erschrocken in das Getümmel hinein, und der Bäckermeister folgte seinem Beispiel. Eins, zwei, drei, nahm der ein paar der wildesten Schreier am Kragen und zerrte sie heraus; Herr Grill holte ein paar Mädelchen aus dem Gedränge, und kaum sahen das Veit und Steffen, als sie zur Hilfe heraneilten. Es gelang ihnen, einen jämmerlich schreienden Knirps zu fassen, und als sie ihn hatten, sahen sie erst, daß es Kasperle war.

Herr Baldan hatte so viel nach dem Schutzmann geschrieen, daß niemand sich wunderte, als ein solcher mit langen Schritten vom Obermarkt her kam. Der griff auch noch zu, nicht sanft, und schon sein Anblick brachte manchen vorwitzigen Buben, manches ängstliche Mädel dazu, lieber auszureißen. Vor Herrn Häferleins Laden lichtete sich das Gedränge, und der arme Kaufmann erschien schreckensbleich, ganz bestaubt, mit zerrissenem Rock in der Türe, ihn hatte die wilde Horde einfach über den Haufen gerannt, und wenn sich sein Gehilfe nicht dazwischengeworfen hätte, dann wäre es ihm wohl übel ergangen.

»Ich weiß nicht, was dieser Bande, diesen Räubern einfällt!« rief er kläglich. »Mich haben sie sehen wollen, ja warum denn eigentlich?«

»Noi,« rief ein dicker, stämmiger Bube, der noch immer vor dem Laden stand. »Sie wollten wir nicht sehen, das Äffle!«

»Das Augustle!« schrieen ein paar von hinten.

»Dummes Volk,« schalt Herr Häferlein, »ich hab' doch keinen Affen, ich doch nicht! Wer hat denn das gesagt?«

»Der Heinrich!«

»Schulzens Emil!«

»Fritzele! Paule! Liesle! Eisendrehers Mariele! Bärble Husch! Nandle! Moritzle! Wagners Dicker!« So rief es durcheinander. Jeder wußte jemand anders zu nennen, und da die Genannten meist mit dastanden, riefen die entrüstet wieder einen Namen und behaupteten, der oder die hätte es gesagt.

»Was denn, zum Donnerwetter!«

»Heute nachmittag würde Herrn Häferleins Äffle auf dem Gäßle tanzen.«

»Das ist frech, ganz frech, ein Schabernack!« schrie Herr Häferlein aufgebracht. »Wer ...,« er stockte. Drüben im Flur des gegenüberliegenden Hauses hatte er zwei lachende unnütze Bubengesichter erblickt, die Sternbuben. »Na wartet,« dachte er, »euch werd' ich mal befragen, ihr werdet schon etwas wissen.«

Und während der Schutzmann, Herr Grill und der Bäckermeister mit den Kindern verhandelten, tat er ein paar lange Sprünge, sprang an Fräulein Laura vorbei, die erschrocken zurückwich, wutschte in den Hausflur hinein und packte die beiden, ehe die noch begriffen hatten, daß die Sprünge, die ihnen so viel Spaß machten, ihnen galten.

»Kommt ihr mal mit!«

Die Sternbuben brachen in ein wildes Geheul aus, und jäh verstummte darüber aller andere Lärm auf der Gasse.

»Die Sternbübles!« wisperte und raunte es da und dort, und ein paar Stimmen wurden laut: »Mir hat's Mathes gesagt, mir Peterle!«

»Hab' ich mir gleich gedacht.« Herr Häferlein schleppte die beiden vor seine Ladentüre, und sein Gehilfe, der auf die Sternbuben auch nicht gut zu sprechen war, half beim Festhalten. »Die sind's wohl gewesen?« fragte er.

»Werden wir gleich wissen.« Herr Häferlein sah die beiden drohend an, und der Schutzmann sah sie noch drohender an, und beide fragten in einem fürchterlich strengen Ton: »Habt ihr es gesagt, daß hier heute ein Affe gezeigt wird?«

»Nn« -- Peter druckste, aber Mathes stieß ihn an, da schwieg er.

Die Sternbuben waren nämlich ein paar heillose, unnütze Wildlinge, aber eins taten sie nicht, sie logen nicht. Sie gingen wohl manchmal der Wahrheit etwas aus dem Wege, aber eine richtige Lüge sagten sie nicht. Sie senkten schuldbewußt die Köpfe, und im Kreise ringsum flüsterte und raunte es: »Die kriegen Haue, na, das wird schlimm!«

Herr Häferlein machte ein sehr freundliches Gesicht; er sagte: »Kommt einmal mit hinein, ihr könnt mal meinen netten Stock ansehen.«

»Nein, nein, huhuhu!« Die Bübles schrieen immer lauter vor Angst. Sie schielten nach rechts, sie schielten nach links, -- kein Ausweg. Sie mochten es wohl merken, ihre gefoppten Schulkameraden waren nicht bereit, ihnen zu helfen. Ach, und so schlau hatten sie den Spaß, dafür hielten sie es nämlich, eingeleitet! Sie hatten immer nur zu einem heimlich von dem Affen in Herrn Häferleins Laden gesprochen und immer gesagt: »Darfst zu niemand davon sprechen.« Natürlich hatte es geschwind jeder weiter erzählt, aber daß so viele, viele herbeigelaufen waren, wunderte die Sternbuben selbst. Die halbe Breitenwerter Jugend stand in der Gasse, und vor allen sagte Herr Häferlein so gräßliche Sachen. Die beiden heulten zum Steinerbarmen, und Alette Amhag, die grenzenlos verwundert und recht ängstlich dem Spektakel auf der Gasse zugeschaut hatte, fühlte tiefes Mitleid mit den ihr fremden Buben.

»Na, nur hereinspaziert,« sagte Herr Häferlein, »drinnen gibt's Zuckerstengel!«

»Huhuhu,« jammerten die zwei, und da riß sich Alette jäh von Lauras Hand los, bahnte sich aufgeregt einen Weg durch die lebendige Mauer und rief Herrn Häferlein zitternd zu: »Nicht schlagen, so -- so böse haben die's doch nicht gemeint; es war nur Spaß!«

»Ja, nur -- Spaaaaß,« heulten Mathes und Peterle.

Herr Häferlein sah verdutzt auf die liebliche Fürsprecherin. Die sah ihn flehend und auch ein wenig drohend an, sie fand Herrn Häferlein in diesem Augenblick gar nicht nett.

Laura auch nicht. Die eilte Alette zu Hilfe, stellte sich neben sie und sagte kampfbereit: »So etwas, mit dem Stock drohen! Das nennen Sie wohl nicht wüst, Herr -- Herr August? In Berlin käme das nicht vor, das kann ich Ihnen versichern.«

Der freundliche Herr Häferlein erschrak. O je, die Fremden hielten ihn wohl für einen rechten Wüterich, das war er doch nicht. Aber die Sternbuben konnten wirklich den Geduldigsten in Zorn bringen. »Die beiden haben Strafe verdient, sie sind zu unnütze Buben,« beteuerte er.

Da schluchzte Alette auf: »Nicht schlagen!« Und Laura rief erbost: »Sie sind ein hartherziger, grausamer Mann. Wenn unser Alettchen bittet, dann können Sie doch wirklich die Jungen laufen lassen. Wenn die zu Ihnen kommen und einen Affen sehen wollen, ist das doch kein Unrecht.«

»Ich bin doch nicht hartherzig und grausam, und bei mir kann niemand einen Affen sehen,« rief Herr Häferlein gekränkt, »aber meinetwegen lauft!« Er ließ die beiden los, und unwillkürlich tat sich zwischen den Zuschauern ein Gäßlein auf, da konnten die Schelme hindurchschlüpfen, ohne Gruß und Dank -- weg waren sie.

Der arme Herr Häferlein hatte den Ärger gehabt, und einen Dank bekam er auch nicht, denn Laura führte Alette fort; die wurde gleich von den Grills in die Mitte genommen und wie ein richtiges Prinzeßchen in das Haus zur Linde geführt.

Die Zuschauer verliefen sich, sie lachten nun doch über den Spaß. Auch der Polizist ging von dannen, der Bäckermeister tat es auch, brummend freilich, denn er hätte den Sternbuben eine tüchtige Strafe gegönnt, und nur Herr Häferlein blieb vor seinem Laden stehen. Er war ganz traurig. Hartherzig, grausam sollte er sein, bloß weil er die unnützen Buben hatte strafen wollen. Er seufzte schwer; eine verkehrte Welt, eine ganz verkehrte Welt, dachte er.

Da kam Fräulein Laura aus der Linde zurück. Sie blieb ein Weilchen mitten auf der Gasse stehen, die lag noch halb in der Sonne, halb schon im Schatten, die Rose aber stand auf der Sonnenseite. Eigentlich ist's doch ein hübsches Haus, dachte Laura, sehr hübsch. Auf einmal sah sie Herrn Häferlein vor seiner Türe stehen mit einem Gesicht wie ein Novembertag. Dem gutmütigen Fräulein tat das leid. Sie trat rasch näher und sagte freundlich: »Es war sehr nett von Ihnen, daß Sie die Buben laufen ließen, Herr -- Herr --« Laura sah zu dem Ladenschild empor, »ach, Sie heißen ja Häferlein, August ist nur Ihr Vorname.«

»Ja!« Der Kaufmann sah immer noch etwas gekränkt drein. »Eigentlich ist's ein guter Name. Mein Vater hieß so und mein Großvater, aber freilich, -- einen Affen habe ich noch nie August nennen hören.«

»Daran bin ich schuld,« antwortete Laura. »Als ich den Affen sah, mußte ich lachen und sagte: ›Nein, so ein komischer August!‹ Dies hat Alette so gefallen, daß sie das Tierchen dann August genannt hat. Ich will ihr's aber sagen, sie soll es wieder Pussie nennen wie früher, solange wir hier sind.«

Herrn Häferleins Gesicht wurde nun ganz hell, das letzte Restchen Groll entwich daraus. Und weil er ein höflicher Mann war, verneigte er sich und sagte wohl sechsmal: »Das ist zu nett, zu nett.«

Und als er mit aller Dienerei und Nettsagerei endlich fertig war, klappte die Türe, Laura war in das Haus zur Rose eingetreten, und Herr Häferlein stand wieder allein auf der Gasse.

Sechstes Kapitel.

In der Linde.

Schnupperle begrüßt den Gast etwas seltsam, und Steffen schlägt vor, in das Räuberschlößle zu gehen. Die Kinder erleben dort wundersame Abenteuer. Herr Baldan spricht mit Herrn Häferlein, und Herr Häferlein ist nicht zu sehen. Trinle Grill sagt, um ein gutes Kleidle muß man sich grämen. Laura erscheint, muß aber flüchten; sie wird böse und und wird wieder gut und lädt zu Schokolade und Kuchen ein.

»Nun bist du endlich bei uns,« rief Trinle Grill, als Alette den Hausflur betreten hatte.

»Ja, endlich,« rief Kasperle. Sie taten, als hätten sie mitsammen schon zehn Jahre auf Alettes Besuch gewartet. Und just als wäre sie schon seit zehn Jahren mit den Grills in Freundschaft verbunden, so heimatlich, traulich, so zu Hause fühlte sich Alette Amhag gleich in der Linde. Sie saß unter den andern am Familientisch und vergaß darüber allen Gassenlärm, und sie lachte so herzhaft, wie sie noch wenig gelacht hatte. Alles gefiel ihr, und selbst den Bauchwehtröpflegeruch fand sie lieblich, und das Honigbrot schmeckte ihr wie selten etwas.

Nach der Schmauserei mußte sie das Haus sehen. Die Buben fanden dies zwar überflüssig, aber Trinle entschied: »Sie muß doch wissen, wie's bei uns ist!« Das war richtig, und alle fünf zogen sie treppauf, treppab. In alle Stuben und Kammern schauten sie hinein, auch in die, in denen eigentlich nichts zu sehen war. Ein paarmal verlangten die Buben: »Mach Schluß!« Aber immer behauptete Alette: »Es gefällt mir.« Und es gefiel ihr auch wirklich. Es war nämlich, als säße sie auf einmal mitten drin in einer Geschichte ihres Großvaters. Breitenwert und das Löwengäßle waren dem über alles gegangen, und die Linde stimmte viel mehr in seine Erzählungen hinein als die Rose. Drüben war der Hausrat neu, alles war still und kühl, aber hier war es so, wie es der Großvater geschildert hatte.

Doch die Buben sagten endlich: »Nun ist's genug, jetzt gehen wir in den Kaninchenstall und dann ins Räuberschlößle; da wirst du staunen, das ist am feinsten!«

»Geht net, das darf sie net,« rief Trinle plötzlich.

»Hoho, Trinle, rappelt's bei dir, warum net?« riefen Veit und Steffen entrüstet. »In unsern Kaninchenstall kann man einen König führen, warum nicht Alette?«

Trinle schüttelte ihren Kopf, als wäre der ein Apfelbaum. »Geht net, ihr Kleidle ist zu fein.«

Die Buben schauten betroffen das Kleid von oben bis unten an, liefen um ihren Gast rund herum und sagten schließlich beide kleinlaut: »Seide ist's.«

Und auf einmal fühlte Alette, wie die Blicke der vier Geschwister staunend, ja ein wenig fremd und scheu auf ihr ruhten, und es war ihr, als trenne sie das schöne Kleid wieder von den neuen Freunden. Sie schluchzte auf und klagte. »Das dumme Kleid, ach, und ich will doch so gern in den Kaninchenstall, so furchtbar gern!«

Der Wunsch war den Geschwistern begreiflich, aber das Kleid war doch bedenklich. Sie selbst wurden gehalten, ihre Sachen gut zu schonen, und Feiertagskleider paßten nicht für alle Spiele.

»Ich hab' doch noch so viele seidene Kleider!« jammerte Alette Amhag. Sie tat dies in einem Ton, als verkünde sie, sie sei arm wie eine Kirchenmaus.

»Viele?« rief Steffen. »Oh, wenn du noch viele hast, kannst du mit!«

Aber Trinle forschte erst vorsichtig: »Sag mal, wie viele, und trägst du oft alltags so feine Kleidle?«

»Ja,« flüsterte Alette bedrückt, »ich habe drei Koffer voll.«

Da war auch Trinle beruhigt, und alle vier führten ihren Gast in den Kaninchenstall, der in einem Hofwinkel lag, und in dem nicht allein Kaninchen, sondern auch eine weiße Ziege wohnte. Die gehörte Veit zu eigen, aber die andern taten meist, als gehöre ihnen die Ziege ebenfalls, womit Veit nicht immer einverstanden war. Er war von ihrer Klugheit und Schönheit entzückt und erzählte Alette gleich: »Sie ist furchtbar klug; wenn man sie was fragt, antwortet sie. Paß mal auf!« Er schrie die Ziege laut an: »Schnupperle, hast du Hunger?«

»Mmmäh!« machte die schläfrig.

»Siehst du, sie hat geantwortet!« erklärte der Eigentümer triumphierend.

»Was denn?« fragte Alette verdutzt

»Nein hat sie gesagt; das versteht doch jeder!« rief Veit. Das Lachen der Geschwister ärgerte ihn, und er bat: »Sag, Schnupperle, kennst du mich?«

»Mmmäh!« Die Ziege glotzte ihren kleinen Herrn dumm an, aber der erklärte stolz: »Jetzt hat sie ›ja‹ gesagt.«

»Ich will sie auch was fragen,« sagte Alette eifrig. Sie trat neben die Ziege und bat: »Sag mir, wie du heißt.«

»Mmmäh!« Schnupperle hielt den Kopf schief und schielte Alette von der Seite an. Ob der Ziege das seidene Kleid so gut gefiel, oder ob sie dem Gast besondere Höflichkeit erweisen wollte, verriet sie nicht, aber sie sprang urplötzlich auf Alette zu. Die verlor das Gleichgewicht und purzelte in das Stroh hinein, das auf dem Boden lag.

»Pfui, aber pfui, Schnupperle!« schalt Trinle. »Du bist dumm; Alette hat doch ein seidenes Kleidle an!« Ängstlich half sie der Freundin empor und strich ihr das Kleid zurecht. »So ein dummes Schnupperle!«

Alette sah etwas erschrocken aus, aber sie weinte nicht. Damit erntete sie Veits Anerkennung. Der sagte: »Na, wenigstens flennst du net gleich! Schnupperle wollte dir nämlich nur guten Tag sagen, so nett ist das Tierle -- uff!«

Patsch, lag Veit im Stroh, und das liebenswürdige Schnupperle sah aus, als wolle es dies sonderbare Spiel mit allen seinen Besuchern fortsetzen.

Die hatten keine Lust dazu, und da die Kaninchen sich in allen Winkeln verkrochen hatten, schlug Steffen vor: »Wir gehen ins Räuberschlößle, das ist am allerfeinsten.«

»Räuberschlößle!« Alette riß ihre Augen weit auf. Das klang wie finsterer Wald, wie Schreck und Grauen, klang gar nicht verlockend. Doch die vier Geschwister erzählten alle auf einmal, ungeheuer schön sei's und gar nicht graulich.

»Es sind nur manchmal 'n paar Mäusle drin, sonst nichts,« versicherte Veit, und Steffen erzählte: »Herr Baldan sagt: es geistert, aber der will uns nur schrecken.«

»Es hat einen Turm,« berichtete Trinle. »Johann freilich, unser Gärtner, sagt, der fällt bald ein und die Decke auch, aber fein ist's doch!«

»Und schmutzig auch nicht,« schwätzte Kasperle. »Nur Berta nennt mich immer Dreckbartele, der aus dem Schmierwinkele kommt.«

Da ging denn Alette neugierig mit, um dieses seltsame Wunderwerk zu schauen. Sie dachte es sich groß und düster, fürchtete sich heimlich ein wenig und blieb dann höchst verdutzt vor einem kleinen Gartenhaus stehen, das einen lächerlich kurzen, dicken Turm hatte. Das ganze Ding sah aus, als hätte beim Bauen einer aus Versehen den Turm wo anders hergenommen.

»Gelt, fein ist's!« rief Steffen und stieß die Türe auf, die schon etwas morsch war. Drinnen standen Gartengeräte, ein paar Stühle und Tische, die offenbar hier überwintert hatten. Eine blitzeblaue Tapete bedeckte die Wände, und an der Seite führte eine altersschwache Holztreppe zum Turm hinauf.

»Dort oben ist's am schönsten, dort sitzen wir immer, wenn wir Ritter und Räuber spielen,« erklärte Veit mit stolzer Handbewegung. »So gut spielt sich's nirgends wie hier.«

»Aber,« klagte Kasperle, »allweil muß ich 's Prinzeßle sein; Trinle will net.«

»Ich bin Räuber,« rief Trinle kühn; »weißt, Alette, du kannst fein Prinzessin sein, und ich raube dich und verstecke dich im Kaninchenstall oder im Kartoffelkeller, und die Buben befreien dich.«

»Ja, wir sind zusammen Prinzeßle,« bettelte Kasperle, und seine kleine, dicke Hand legte sich in die der Freundin. Da erschien der der Kaninchenstall und der Keller nicht mehr so furchtbar; mit dem Kasperle zusammen hielt sie es dort wohl aus. Und sie stieg auch ganz tapfer mit den Geschwistern die wackelige Treppe empor und überschaute von dort aus das Gewirr von Gärten und Höfen, das sich unter dem Turm ausbreitete. Über den Büschen lagen grüne Schleier, die Bäume schimmerten rötlich, alles erzählte vom Frühling, der bald kommen würde.

»Die Störche sind schon da,« rief Trinle froh, und Kasperle tat gleich seinen Mund auf und sang den Heimgekehrten jubelnd zu:

»Storch, Storch, Steiner, Mit den langen Beiner, Flieg mir in das Bäckerhaus, Hol mir einen Weck heraus. Ist der Storch nicht ein schönes Tier, Hat 'nen langen Schnabel und säuft kein Bier?«

Alette Amhag hatte noch nie einen Storch gesehen, sie hatte noch nie mit Gesang einen Vogel begrüßt und sich so auf den Frühling gefreut, wie es die Grills taten.

Die zeigten ihr das runde Nest auf einem spitzgegiebelten Haus und erzählten ihr von kommenden Sonnentagen, von ihren Gartenspielen und den Festen, denn alle vier waren Sommerkinder und feierten darum so viele Sommerfeste.