Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 3
»Und allzu viele Sprichwörter sind ungesund,« schalt Laura halblaut, die fand, Frau Tippelmann habe gar nichts drein zu reden. Dann ging sie aber doch, für Alette die Sachen zu rüsten, und als sie dabei geschwind zum Fenster hinausblickte und die Gasse so freundlich im Sonnenschein liegen sah, wäre sie am liebsten auch spazierengegangen. Sie sputete sich darum; wenigstens sollte Alette noch recht im Sonnenschein wandern.
Ein paar Minuten später standen die Wanderlustigen wirklich auf der Löwengasse, und Alette bekam ganz blinkeblanke Augen vor Freude. Die Grillschen Kinder lachten darüber und sagten: »Du tust, als wärst du noch nie spazierengegangen.«
Nein, eigentlich hatte das Alette auch noch nie getan. Sie war gefahren, so behaglich als möglich, auf großen Schiffen, in Kraftwagen, in den schnellsten Schnellzügen, aber noch niemals war sie auf Wiesen- und Feldwegen richtig spazierengelaufen. Täglich hatten kostbare Blüten die Zimmer, die sie bewohnte, geschmückt, aber noch nie hatte Alette Amhag ein paar winzige weiße Schneeglöckchen selbst gepflückt, wie es Trinle Grill an diesem Nachmittag tat. Sie patschte dabei tief in den weichen Frühlingsschmutz hinein, und Alette patschte ihr jauchzend nach, und sie tat, als hätte sie einen goldenen Schatz gefunden, so sehr freute sie sich. Ihre Freude steckte die andern an, und es wurde ein sehr fröhlicher Spaziergang. Die Grills gingen andere Wege als Herr Häferlein, aber sie fanden die Heimat von rechtsum so lieblich als der Kaufmann es von linksum tat. Und Alette war begeistert und schloß Freundschaft mit Trinle, Veit und Steffen und vergaß Frau van Bachhoven, Paris und die ganze weite Welt über Breitenwert und dem Löwengäßle.
Viertes Kapitel.
Im Silbernen Stern.
Die Sternbuben finden eine Zigarre. Frau Sektretär Schmidt ärgert sich, und Herr Häferlein kommt dazu und gibt guten Rat. Gundel Hinz muß eine Geschichte erzählen, und das schlimmste Teufele heißt Herr Häferlein. Käthle läßt sich auf keine Verhandlungen ein, und die Sternbuben drohen dem Kaufmann.
Drei Augenpaare hatten lange den Grills und Alette Amhag nachgesehen, als die durch die Löwengasse schritten, um spazierenzugehen. Neidisch und sehnsüchtig waren die Blicke gewesen, wie solche sind von Kindern, die gern auch dabei wären.
Am Ende der Löwengasse, halb schon am Untermarkt, lag das Gasthaus zum Silbernen Stern, das Heimathaus der schlimmen Sternbuben. Es war ein uralter, wohlangesehener Gasthof. Der Silberne Stern prangte schon zweihundert Jahre im Torschild, und viele, auch vornehme und reiche Gäste waren im Laufe der Zeit darin eingekehrt. Zwei Täfelchen an der Mauer, dicht neben dem Tor, verkündeten, daß einstmals ein König und später ein sehr berühmter Mann im Silbernen Stern gewohnt hatten. Das Haus hatte innen weite Flure und große Zimmer, viele Kammern und Bodengelasse, und wenn die Sternbuben darin Versteckens spielten, fanden sie sich beinahe selbst nicht zurecht.
Den Gasthof verwaltete allein nach dem Tode ihres Mannes Frau Marianne Hinz. Das war eine umsichtige, fleißige Frau, die von früh bis spät im Hause schaffte. Die Gäste im Silbernen Stern spendeten ihr reiches Lob; wer einmal einkehrte, vergaß selten das Wiederkommen. Eins vergaß Frau Marianne aber mehr und mehr über ihrer Arbeit, das waren ihre Kinder, nicht deren leibliches Wohl, aber ihre Erziehung. Die Kinder wurden satt, wurden gut gekleidet und litten keinerlei Mangel, was sie aber sonst den lieben langen Tag taten, danach fragte die Frau wenig. Am Zeugnistag gab es freilich immer Schelte, mitunter griff Frau Marianne auch zum Stock, damit war es jedoch abgetan. In der übrigen Zeit fragte die Mutter nie, wie es in der Schule ging, sie merkte nicht einmal das Nachsitzen. Sie wußte wohl, ihre beiden waren rechte Wildlinge, aber sie dachte leichtherzig, das gibt sich, Buben sind nun einmal so.
Noch weniger beinahe kümmerte sich Frau Hinz um ihr einziges Mädelchen. Da brauchte sie nicht einmal an den Zeugnistagen zu schelten, denn Gundel brachte immer gute Nummern heim. Gundel Hinz war ein scheues, stilles Kind, durch frühes Leiden ernst geworden; sie hinkte, und schon darum konnte sie nicht, wie es Trinle Grill tat, an den Spielen der Brüder teilnehmen. Mathes und Peter verlangten freilich auch nicht danach. Sie vertrugen sich nach ihrer Art sehr gut mit der Schwester, sie kümmerten sich jedoch nur um sie, wenn sie etwas von ihr haben wollten, wenn z. B. die Löcher in Hosen und Kitteln so groß waren, daß es selbst ihnen zu arg schien. Die langjährige Hausmagd Mina im Silbernen Stern, die für Wäsche und Kleider Sorge trug, verstand nämlich in solchen Dingen keinen Spaß. Sie ging nicht erst zur Mutter, um anzuklagen, sondern strafte selbst, meist sehr handfest und grob. Es kam auch vor, daß sie an einem Sonntag den Buben sämtliche Kleidungsstücke wegnahm und die beiden dann den schönen freien Tag im Bett verbringen mußten. Das Haus und die Gasse hatte dann Ruhe vor den beiden, und die schadenfrohen Nachbarn sagten wohl schmunzelnd: »Haha, heute werden den Sternbübles die Hosen geflickt!«
Die Gasse sagte den Buben viel Schlimmes nach, und die Grills waren nicht die einzigen, die mit ihnen nichts zu tun haben wollten. Herr Häferlein mochte sie gar nicht in seinem Laden sehen. Herr Baldan drohte gar mit dem Stock, und der dicke Bäcker Hering an der Ecke vom Untermarkt sagte, er würde es noch einmal mit ihnen machen, wie es Max und Moritz geschehen war.
An diesem Nachmittag hatten sich die Sternbuben in eine der leerstehenden Fremdenstuben geschlichen, um ganz ungestört zu sein. Es war keine Zeit, wo viele Fremde kamen, und etliche Stuben standen darum verschlossen und verhängt. Mathes hatte unbemerkt einen Schlüssel vom Brett genommen, und nun saßen sie vergnügt in dem großen Zimmer und -- rauchten. Sie hatten auf der Straße eine dicke, große Zigarre gefunden und beschlossen, diese gemeinschaftlich zu rauchen. Einmal zog Mathes daran, dann Peter, und obgleich es ihnen eigentlich abscheulich schmeckte, sagte doch immer einer zum andern: »Fein!«
Sie hatten sich auf das Fensterbrett gesetzt und sahen auf die Gasse hinaus, denn wenn sie auch heimlich rauchten, so kamen sie sich doch sehr wichtig vor und meinten, ein paar Leute könnten es schon sehen, wie gut sie zu rauchen verstanden. Dabei sahen sie auf der Gasse Grills wandern mit Alette Amhag. Die lachten gerade, als sie am Hause vorbeigingen; sie sahen sehr vergnügt aus, und den beiden Wildfängen schmeckte die Zigarre auf einmal noch schlechter als zuvor.
In der Gasse dachten alle: Die Sternbuben kann man schelten und schief ansehen, so viel man nur will, sie machen sich nichts daraus, die haben eine dicke Haut. Aber das war nicht richtig, die Sternbuben kränkten sich wohl darüber, viel mehr als irgend jemand ahnte, und im Grunde wären sie viel lieber so gern gesehen und wohl gelitten gewesen, wie es die Grillschen Kinder waren. Die waren zwar auch wild, aber dann doch wieder folgsam und höflich und fleißig dazu, auch schimpften und fluchten sie nicht und streckten nicht ihre Zunge andern Leuten heraus.
Neidisch und sehnsüchtig zugleich sahen die beiden Raucher auf die lustigen Spaziergänger herab.
»Die Neue aus Indien geht gleich mit ihnen,« brummte Mathes.
»Hm,« knurrte Peter, »uns wird sie net anschauen!«
Mathes seufzte schwer, und der Bruder fragte kleinlaut: »Was hast, wird's dir auch übel?«
»Ich hab solche Sehnsucht!«
»Nach -- -- der Indianerin?« schrie Peter.
»Noi, nach dem Äffle, dem August.«
»Ja so -- ich auch!«
Eine Weile schwiegen beide, dann sagte Mathes plötzlich: »Weißt, wir besuchen mal gleich Frau Tippelmann!«
»Ach, die -- die tut uns rausschmeisse!«
Mathes seufzte wieder. Es wurde ihm so sonderbar zumute, gewiß vom Nachdenken. Der Bruder reichte ihm die Zigarre: »Jetzt rauch du wieder!«
»Ja -- aber ...« Mathes nahm das Zigarrenstümpfchen nur zögernd in den Mund, da sah er, daß drüben die Frau Sekretär Schmidt zum Fenster heraussah. Das war eine Dame, die sehr oft und sehr viel auf die Sternbuben schalt, und Mathes dachte trotzig: Nun gerade! Er paffte kräftig, blies den Rauch mit vollen Backen zum Fenster hinaus, und drüben schlug Frau Schmidt die Hände zusammen über die unnützen Buben.
»Gib mir noch mal!« Peter nahm die Zigarre und tat auch noch ein paar Züge, und drüben klappte Frau Schmidt ärgerlich das Fenster zu. Die Sternbuben werden immer ärger, dachte sie.
»Jetzt, wenn wir das Äffle hier hätten, wär's noch feiner,« sagte Peter.
Da beugte sich Mathes rasch vor und sagte halblaut: »Wir -- borgen uns das Äffle mal.«
»Hm, borgen!« Peter warf das letzte Zigarrenendchen weg; er neigte sich auch zu dem Bruder hin, und trotzdem sie ganz mutterseelenallein in dem Zimmer waren, tuschelten sie doch heimlich miteinander. Sie kicherten verschmitzt, es fiel ihnen dies und das ein. Peter sagte: »Komisch, daß das Äffle August heißt wie Herr Häferlein!«
»Wie Herr Baldan!«
»Au jeh,« kreischte Peter plötzlich, »mir wird so übel!«
»Mir auch! Oh, oh mein Bauch!« jammerte Peter.
Sie rutschten vom Fensterbrett herab und krümmten sich auf der Diele herum, denn auf einmal rumpelte und pumpelte das in ihren Bäuchlein ganz unverschämt herum. Sie meinten außerdem, im Zimmer führe aller Hausrat, Betten, Tisch, Schrank und Stühle, einen wilden Tanz auf; alles wackelte und schwankte, und Peter, der sich aufrichten wollte, purzelte auch gleich um. Platsch, lag er da, käseweiß sah er aus.
Er stirbt, dachte Mathes angsterfüllt und brüllte, so laut er nur konnte. Und das Schreien verstanden die Sternbuben gut. Angst und Schmerzen stärkten noch Mathesles Stimme, er brüllte wirklich wie ein kleiner Ochse.
Das Zimmer lag im zweiten Stock; niemand war um diese Zeit oben, und in den Wirtschaftsräumen war nichts zu hören. Auf der Straße vernahm man das Jammergeschrei. Haha, die Sternbübles kriegen Haue! dachten ein paar Nachbarsleute, aber Herr Häferlein, der eben von seinem Spaziergang heimkam, hörte den Hilferuf heraus. Er lief in den Stern hinein, und ein paar Minuten später rannten die Wirtin, die Mägde und der freundliche Kaufmann dazu die Treppen hinauf und fanden oben die beiden Missetäter.
»Haha! geraucht!« Herr Häferlein schnupperte in der Luft herum. »Das ist keine schlimme Krankheit, Frau Wirtin,« sagte er lachend. »Die beiden gehören ins Bett und dann -- meine Nachbarin Tippelmann würde sagen: Der Stock muß helfen.«
O der böse, hartherzige Herr Häferlein!
Peter war muckstill, dem war es zu übel, aber Mathes brüllte noch jammervoller, ganz schaurig klang es.
Frau Hinz sah doch etwas ängstlich drein, aber Herr Häferlein tröstete sie gutmütig und versicherte: »Das geht bald vorüber. Heute dürfen Sie ihnen nichts mehr zu essen geben, dann sind die beiden morgen putzmunter, und dann -- den Stock nicht vergessen, den ja nicht.«
Nach diesem freundlichen Zuspruch ging Herr Häferlein, und die Sternwirtin handelte wirklich nach seinen Worten. Dies war nun Mathes und Peter sehr, sehr unangenehm, sie fühlten sich sehr unglücklich und warfen beide einen tiefen Haß auf Herrn Häferlein. Sie wurden in das Bett gesteckt, bekamen jeder bittere Tropfen zu schlucken, und danach wurde ihnen jegliches Jammergebrüll ernsthaft untersagt, sonst --. Die Mutter sah dahin, wo der Stock stand. Da krochen die Sternbübles flugs unter die Decken, und von dorther tönte noch eine Weile ihr klägliches Weinen.
Gleich den Brüdern hatte Gundel den Grills und Alette Amhag nachgeblickt, solange sie nur ein Zipfelchen von ihnen sehen konnte. Sie tat das ohne Neid über die Fröhlichkeit der andern, aber mit tiefer Sehnsucht, auch einmal so in lustiger Gesellschaft dahinwandern zu können. Ihr Leiden hatte sie zwar äußerlich scheu und verschlossen gemacht, und wer das blasse Kind mit den ernsthaften großen Augen sah, der ahnte gar nicht, in was für fröhlichen Gärten Gundel manchmal spazierenging, Traumgärten, in denen sie heiter und schwatzlustig war. Sie redete, wenn sie allein war, mit allen Dingen in Haus und Garten. Da waren Bäume Märchenprinzen, Blumen feinliebe Elfenkinder, da war der große Schrank ein alter König und die alte Standuhr eine kluge Fee. Sie selbst war eine Prinzessin oder ein Gänsemädchen, manchmal auch eine Mutter mit vielen Kindern, die schrecklich viel zu tun hatte, und die ihren Kindern doch Geschichten erzählte.
Mitunter setzte Gundel ringsum Stühle, gab denen Namen, setzte sich in die Mitte, erzählte Märchen oder hielt Schule ab. Einen alten hochlehnigen Polsterstuhl, den sie besonders schön fand, nannte sie immer Trinle Grill, denn in aller Heimlichkeit liebte Gundel das wilde, frohe Nachbarskind, und bitter kränkte sie der Streit, den ihre Brüder mit den Grills hatten.
An diesem Tage erhielt der Polsterstuhl einen feinen Nachbarn, einen, auf dem ein gesticktes Kissen lag; den nannte Gundel Prinzessin Amhag nach Alette, deren Vornamen sie noch nicht wußte.
Vor dieser Stuhlprinzessin machte Gundel gerade einen feierlichen Knicks, sagte, sie wolle ihr eine sehr schöne Geschichte vorlesen, als das wilde Brüllen der Brüder zu ihr herüberklang. Da lief sie erschrocken, so schnell sie mit ihrem Hinkefüßchen laufen konnte, dem Schreien nach, aber kurz vor dem Ziel hielt Mina sie fest: »Die kriegen Schläge, Gundele, das ist ihnen arg gesund, du komm nur mit mir! Verwunderlich ist's, wie ein solch brav Mädele zu solch unnütze Brüderle kommt,« sagte sie. Mina meinte es gut mit Gundel, sie hatte nur, genau wie Frau Hinz, zu wenig Zeit, sich viel um das stille Kind zu kümmern.
Ein Weilchen blieb Gundel in der Küche, dann schlich sie sich davon und suchte die Brüder auf. Sie öffnete sachte die Türe. Die beiden heulten und stöhnten noch, aber nun schon mehr aus Langeweile als aus Schmerz. Der Schwester Besuch kam ihnen sehr gelegen, und sie forderten: »Erzähl uns was!«
Statt ihrer Stuhlgesellschaft erzählte nun Gundel den Brüdern ein langes Märchen. Weil die immer viel haben wollten von allem, kamen darin etliche Prinzessinnen und Könige vor, gleich ein halbes Dutzend gute Feen und nicht ein, sondern drei Teufel. Der jüngste Teufel war besonders schlimm, und Peter, dem es schon wieder ganz gut ging, fragte: »Gelt, das Teufele heißt Herr Häferlein?«
»Eigentlich nicht,« sagte Gundel ganz erschrocken, denn sie fand Herrn Häferlein viel zu nett und freundlich, um ein Teufele nach ihm zu benennen.
»Eigentlich doch!« schrie Mathes. »Das ist fein! Mach fix, daß er eingesperrt wird!«
Da ergab sich Gundel drein. Sie ließ das Teufele Häferlein zum Ergötzen der Brüder noch allerlei schlimme Dinge erleben, und zuletzt geriet es mit seinem Schwanz zwischen zwei schwere eiserne Torflügel, und da saß es, konnte nicht heraus aus der Falle und mußte große Schmerzen leiden.
»Und wenn es nicht gestorben ist, dann sitzt es heute noch da,« schloß Mathes sehr eigenmächtig die Geschichte. »Fein!«
»Ich hab Hunger,« rief Peter, der sehr geschwind aus der Märchenwelt in den Alltag zurückfand. »Geh, Gundele, hol mir was!«
»Mir auch,« verlangte Mathes, und Gundel ging auch, den Wunsch der beiden zu erfüllen. Unten fand sie Mina am Herd stehen, die briet Hühner und sagte dabei kaltherzig: »Die Bübles müssen heute hungern, das ist gesund. Ein Krankensüpple gibt's gleich, mehr nicht.«
Gundel schlich sich traurig wieder hinauf und verkündete beiden mitleidig das harte Urteil. Das gab neues Jammergeschrei, und Mathes rief bitterböse: »Daran ist Herr Häferlein schuld! Och, och, ich hab so großen Hunger!«
»Mein Bauch tut so weh!« Peter stöhnte arg.
»Gerade darum ist das Süpple gut,« sagte von der Türe her die zweite Sternmagd Käthle, die die Krankensuppe kochte.
»Er tut vor Hunger so weh!«
Aber Käthle ließ sich auf keine Verhandlung ein, und als Mathes schlau fragte: »Kriegt Gundele ihr Abendessen net auch?« da antwortete sie spöttisch: »Gundele ißt unten. Das wär was, hier oben eßt ihr ihr alles weg, und sie bekommt nichts.«
»Gundele muß bleiben; wir haben so viel Sehnsucht nach ihr,« klagten die beiden. »Gundele bleib!«
»Eure Sehnsucht, die kenn ich.« Käthle war genau so unbarmherzig wie Mina, nichts rührte sie, auch Gundeles Bitten nicht, die wirklich gern ihr Abendbrot den Brüdern geopfert hätte. Sie taten ihr so leid, und sie folgte traurig der Magd. Die Buben aber löffelten trübselig ihre Suppe aus, klagten sich noch eine Weile ihre Not, schalten auf Herrn Häferlein, dem sie alle Schuld gaben, und schliefen dann ein. Als die Mutter später noch nach ihnen sehen kam, da pusteten und schnarchten sie wie zwei kleine Bären, nichts bedrückte sie mehr, nicht einmal die ungemachten Schulaufgaben.
Am nächsten Morgen hatten dann Mathes und Peter die Sehnsucht nach Gundel ganz vergessen, sie liefen der Schwester wie alle Morgen einfach davon, und Gundel hinkte wieder einsam ihren Schulweg entlang. Die Sternbuben rannten auch an diesem Morgen an Herrn Häferleins Laden vorbei, und als der sie laufen sah, rief er ihnen spöttisch nach: »Wollt ihr eine Zigarre? Hab schon gehört, daß euch der Stock gut geschmeckt hat!«
Wart nur, Herr Häferlein! Mathes ballte drohend die Hand zur Faust, und Peter tat es ihm nach. Beide sahen sich an, und beide nickten sich vergnügt zu. Der Herr Häferlein sollte schon seine Strafe erhalten!
Fünftes Kapitel.
Spektakel auf der Löwengasse.
Fräulein Laura hat einen seltsamen Traum und ärgert sich über Frau Tippelmann. Die Sternbübles kommen sehr geschwind aus der Schule heim, und Herr Häferlein hat vielen Grund, sich zu wundern. Einer hat es dem andern gesagt, aber die Schuldigen werden erwischt. Warum Alette bittet und Herr Häferlein erst traurig, dann wieder vergnügt ist.
Alette Amhag hatte die erste Nacht in dem alten Familienhaus tief und fest geschlafen. Laura hatte sie am Abend noch ermahnt: »Achte darauf, was du träumst. Träume der ersten Nacht im neuen Heim gehen in Erfüllung.« Darauf hatte Frau Tippelmann ärgerlich gesagt: »Träume sind Lügen, die sichtlich betrügen,« aber Alette hatte doch gedacht: Ich paß auf. Doch als sie sich am nächsten Morgen schlaftrunken in dem ihr noch so neuen Zimmer umsah, da wußte sie von keinem Traum der Nacht mehr.
Laura kam, um sie anzuziehen, und Alette ließ sich bedienen wie eine richtige kleine Prinzessin, und dabei erzählte ihr Laura, sie hätte geträumt, sie wäre in einem ganz wunderbaren Kleid, angetan mit vielem Geschmeide, immer die Löwengasse auf und ab spaziert, und alle Leute hätten geschrieen: Unsere Königin soll leben! »Ein feiner Traum, nicht wahr?« sagte sie. »Aber in diesem dummen, alten Haus kann man sich nicht einmal recht an seinen Träumen freuen.«
»Warum denn nicht?« fragte Alette, die diesen Traum sehr vergnüglich fand.
»Ach,« brummte Laura unwirsch, »diese Frau Tippelmann mit ihren ewigen Sprichwörtern verdirbt einem gleich den Spaß! Ich erzählte ihr meinen Traum, da sagt sie: ›Träume machen weder reich noch satt!‹ Da habe ich mich recht geärgert und gesagt: ›Na, Frau Tippelmann, Träume haben manchmal ihre Vorbedeutung; wer weiß, was noch aus mir wird. Wenn auch nicht gleich eine Königin, dann doch vielleicht eine sehr vornehme Dame.‹ Und darauf erwiderte die Frau -- nein, ich sag's doch nicht, ich schäme mich zu sehr.«
Aber Alette flehte: »Sag's doch, bitte, bitte!«
»Sie hat gesagt: Eine Gans wird kein Schwan, und wenn sie den Hals noch so lang macht!«
Alette lachte. »Laura,« rief sie fröhlich, »damit hat sie dich doch gewiß nicht gemeint!«
»Na, wen denn sonst?« murrte Laura. »Eine dumme Mode ist das, immer mit einem Sprichwort zu antworten.«
»Weißt du, Laura,« sagte Alette nachdenklich, »mein Großvater hat immer erzählt, seine Mutter hätte auch so viele Sprichwörter gewußt; vielleicht weiß Frau Tippelmann sie daher.«
»Schnickschnack,« rief Laura, »was hat Frau Tippelmann mit deiner Urgroßmutter zu tun? Eine alberne Mode ist das für heutige Tage, für Urgroßmütter mag das gepaßt haben; ich ziehe mir doch aber auch nicht mehr solche Kleider an wie die von Anno dazumal, also brauche ich auch nicht so zu reden.« Sie ging an die Türe, und weil es sehr zu ihrem Ärger keine Klingeln im Hause gab, rief sie laut und gebieterisch in das Treppenhaus hinab: »Frau Tippelmann, Alette will ihre Schokolade, aber schnell!«
»Das geht nicht so schnell wie 's Heftelmachen,« rief Frau Tippelmann zurück. »Mit Geduld und Zeit wird 's Maulbeerblatt zum Atlaskleid.«
»Schon wieder eins,« schalt Laura, »und darüber wird es mit dem Frühstück wohl dauern bis zum nächsten Neumond.«
So lange brauchte Alette nun aber nicht zu warten. Frau Tippelmann kam bald und berichtete, sie hätte im Speisezimmer alles angerichtet. Sie hatte es, so gut sie es wußte, getan; der Frühstückstisch sah sauber und nett aus, aber Laura, der noch der Ärger im Herzen saß, rümpfte doch die Nase und sagte spöttisch: »Wir sind's freilich anders gewöhnt!«
»Jeder macht's, wie er's versteht,« antwortete Frau Tippelmann kurz.
Hoho! dachte Laura, hier weiß ich auch mal so ein Sprichwort, und sie erwiderte schnell: »Na ja, Bauer läßt nicht von Bauernart.«
Doch Alette rief vorwurfsvoll: »Ach Laura!« Sie blickte ganz ängstlich zu der Hausverwalterin auf. Aber die lächelte sogar ein bißchen und gab gelassen zur Antwort: »Das ist ein richtiges Wort. Ich weiß aber auch eins, das heißt: Bauer werden ist nicht schwer, Bauer bleiben eine Ehr!«
»Frau Tippelmann,« fragte Alette rasch, »mein Großvater hat erzählt, seine Mutter hätte immer viele Sprichwörter gewußt, haben Sie die ...« Alette stockte verlegen; eine Urgroßmutter war doch wohl etwas schrecklich Altes, und Frau Tippelmann sah doch noch nicht so alt aus.
»Gekannt,« vollendete die Frau. »Nein, Kind, aber mein Vater hat sie gut gekannt, der wußte auch von ihr viele, viele Sprichwörter. Deinen Großvater habe ich mal gesehen, da war ich ein ganz kleines Ding, als er fortzog seinen älteren Geschwistern nach. Er war damals sechzehn Jahre.« Frau Tippelmann sagte nicht: Ich habe auch Amhag geheißen, bin eigentlich eine Großtante von dir; sie ging still hinaus, denn sie war zu bescheiden und zu stolz zugleich, um sich den reichen Verwandten aufzudrängen.
»Die gefällt mir nun ganz und gar nicht,« sagte Laura hinter ihr her. »Brr, der reine Sauertopf! Gut, daß wir bald wieder weggehen!«
Damit war Alette nicht einverstanden. »Ich will nicht weggehen,« rief sie, »ich will hierbleiben und mit in Trinles Schule gehen. Gleich schreib ich das an meinen Papa.«
»Tu das nur,« riet Laura, »da hast du etwas zu tun.« Sie dachte bei sich, ehe der Brief ankommt, hat uns Frau van Bachhoven längst fortgeholt. Bis dahin will ich mir aber doch noch dies närrische Nest ansehen.
Alette war gerade mit ihrem Brief fertig, da kam Kasperle, seine neue Freundin und Augustle zu besuchen, und der Vormittag verging rasch. Laura hatte mit Auspacken und Einräumen zu tun und konnte nicht einmal die Nase vor die Türe stecken; sie tröstete sich aber selbst: Nachmittags gehen wir spazieren. Daran, daß man einfach ohne Hut und Mantel auf die Gasse laufen könnte, dachte sie nicht, und sie erschrak sehr, als sie von Frau Tippelmann hörte, Alette sei draußen.
»So, wie sie geht und steht?« rief Laura entrüstet. »Unsere Alette ist ein vornehmes Mädchen, für die ist so etwas nicht.«
»Nun, solange die Amhags in der Löwengasse gewohnt haben, so lange haben sie sich mit ihren Nachbarn gut vertragen. Warum soll das Kind nicht draußen den Nachbarskindern guten Tag sagen? Es fällt ihm kein Stein aus der Krone,« brummte Frau Tippelmann.
Laura gab sich nicht zufrieden, die lief hinaus, um Alette zu holen. Als sie aus der Türe trat, dienerte nebenan vor seiner Ladentüre Herr Häferlein und sagte höflich: »Schön guten Morgen! Gut geschlafen in der Löwengasse?«