Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 2
Damit war das Gespräch über die neuen Nachbarn und August, den Affen, zu Ende, denn Herr Grill sagte, als die Kinder noch einmal davon anfangen wollten: »Seid jetzt still davon. Ich gehe heute spazieren, wer geht mit?«
»Ich!« Vierfach tönte der Ruf, und Veit, Steffen und Trinle versicherten eifrig, sie würden gleich und geschwinde, aber auch ordentlich, wie sich's gehört, die Schularbeiten machen, und sie würden ganz bestimmt zur rechten Zeit fertig sein. Sie zogen sich auch gleich nach dem Mittagessen in das gemeinsame Arbeitszimmer zurück. Kasperles Vorschlag, ihn mitzunehmen, lehnten sie schnöde ab.
Den kränkte das. Er fand nämlich, er störe gar nicht, er erzählte immer die wunderschönen Geschichten, sang ellenlange Lieder und warf nur manchmal ein Buch oder einen Bleistift herab oder einen Stuhl um, er fuhr auch gar nicht oft mit den Fingern in das Tintenfaß. Ein Weilchen versuchte der kleine Schelm sich den Einlaß zu ertrotzen, er klopfte und schrie an der Türe, aber da kam die Mutter, schalt und sagte, er müsse Ruhe halten. So zog Kasperle tief betrübt auf die Gasse; die war den Kindern allen der liebste Spielplatz. Kasperle dachte an den Affen August; er hatte am Morgen den Einzug nicht gesehen, nur davon erzählen hören, und er war sehr neugierig auf die neue Nachbarschaft. Als er vor die Türe trat, war auf und ab niemand zu erblicken, nur drüben stand Herr Häferlein vor seinem Laden, und mit einem Jubelruf schoß Kasperle auf den zu. Herr Häferlein war sehr nett; er verschenkte manchmal rote, grüne oder gelbe Zuckerstengel, auch Rosinen oder Mandeln, und wenn niemand im Laden war, unterhielt er sich auch gern mit Kasperle.
»Herr Häferlein,« schrie der Kleine schon von jenseits, »guten Tag! Gelt du freust dich aber arg, daß das Äffle Augustle heißt?«
»Fällt mir gar nicht ein!« brummte Herr Häferlein. »Das ist sehr dumm, einem unvernünftigen Tier so einen schönen Namen zu geben.«
»Aber Herr Baldan hat doch gesagt, für dich tät's passen!« rief Kasperle, erstaunt über das verdrießliche Gesicht des Kaufmanns.
»Was tät passen?« fragte er schnell.
»Daß du mit dem Äffle einen Namen hast.« Kasperle stellte sich breitbeinig und vergnügt vor Herrn Häferlein hin; er meinte, der müßte sich ganz ungemein freuen.
Statt zu lachen, rief Herr Häferlein aber wütend: »Wer sagt das? Herr Baldan?«
Kasperle nickte froh. »Ja, der meint, für dich tät's passen; er ist aber arg bös!«
»So, so, für mich ist der Name recht! Ei, sieh einer an!« Herr Häferlein war ein sehr höflicher, freundlicher Mann; wenn er sich aber ärgerte, dann ging es bei ihm leicht obenhinaus. Er vergaß, daß Kasperle doch noch ein Dummerchen war, und er ließ seinen Laden im Stich, sprang mit ein paar eiligen Sätzen über die Straße, riß in der Apotheke die Türe auf und schrie: »Wo ist Herr Baldrian?«
Nun konnte sich der Provisor über nichts mehr kränken, als wenn man seinen Namen verdrehte. Herr Häferlein tat dies auch ganz ohne Absicht im hitzigen Eifer, aber gesagt war gesagt.
Herr Baldan fuhr ihn an: »Was fällt Ihnen ein, mich so zu nennen? Sie haben wohl noch nicht ausgeschlafen?«
Herr Häferlein blieb die Antwort nicht schuldig. Eins, zwei, drei ging es herüber und hinüber. Bitterböse Worte wurden gesagt, keiner wollte zugeben, er habe unrecht, keiner lenkte ein. Sie schrieen sich beide zornwütig an, und erst als Herr Grill kam und nach dem Grund des Streites fragte, verließ Herr Häferlein fuchswild die Apotheke.
Drüben stand Kasperle am Laden Wache. Das hatte er schon manchmal getan, und er war dann immer für seine Bravheit mit einem Zuckerstengel belohnt worden. Den erwartete er auch diesmal, aber Zuckerstengel sind unzuverlässige Gesellen; wenn man denkt, man hat sie, laufen sie davon. Das arme Kasperle bekam statt des süßen Lohnes Schelte. Herr Häferlein schrie ihn an, er solle nur marsch, marsch nach Hause gehen, und klapp! schlug er ihm die Türe vor der Nase zu.
Der kleine Schelm stand ganz verwirrt auf der Gasse; er fand, sein guter Freund behandele ihn recht schlecht, und weil er gar nicht wußte, was er tun sollte, brach er in ein jämmerliches Weinen aus. Er schluchzte herzbrechend und trottete tiefbetrübt die Gasse entlang an der Rose vorbei. Drinnen hörte es Fräulein Laura, die zum Fenster hinaussah und eben dachte: Das ist doch eine recht schrumpelige, schnurrige kleine Gasse; sie gefiele mir schon, wenn ich nicht drin wohnen müßte. Fräulein Laura war sehr gutmütig, und Kasperles Schluchzen tat ihr leid; sie lief also flugs zum Hause hinaus, hielt den Kleinen draußen fest und fragte ihn nach seinem Leid. Der erzählte treuherzig alles; freilich etwas kunterbunt ging es schon durcheinander. Die freundliche Trösterin hörte aber doch heraus, Herr Häferlein sei böse.
Dieser böse Herr Häferlein trat just vor seinen Laden. Er hatte drinnen auch Kasperles Klagen gehört, und weil sein schneller Zorn schon halb und halb verraucht war, kam er nun doch mit dem Zuckerstengel. Da hörte er Fräulein Laura sagen: »Pfui, er soll sich schämen, dieser schlimme, abscheuliche Herr Häferlein, so einen netten kleinen Jungen wie dich zu ärgern!«
»Ich -- ich bin kein Junge!« schluchzte Kasperle.
»Je, was bist du denn?«
»Ein Büble!«
Fräulein Laura lachte. »O du herzallerliebster Schelm!« rief sie fröhlich. »Komm mit hinein, drinnen gibt es Schokolade, und Alette wird sich freuen, wenn sie dich sieht.«
»Das Äffle auch?« fragte Kasperle zutraulich, der nur an den Affen dachte und himmelgern mit in die Rose hineinging.
»Freilich, unser August schießt gleich Purzelbäume vor Freude, wenn du kommst!«
Fräulein Laura spazierte mit Kasperle in das Haus hinein. Vor seiner Ladentüre aber stand wütend und gekränkt der arme Herr Häferlein mit einem rosenroten Zuckerstengel in der Hand. Das war doch zu toll! Die Fremde hatte ihn schlimm und abscheulich genannt, und sein Namensvetter würde Purzelbäume schießen, ja vielleicht tat er das einmal auf der Gasse, und alle würden lachen und würden »August, August!« rufen.
Was zu viel ist, ist zu viel! Herr Häferlein zog sich beleidigt in seinen Laden zurück. Da saß er und schaute mißmutig auf die kleine, sonnenbeschienene Gasse hinaus. Drüben in der Apotheke saß Herr Baldan, und beide ärgerten sich, daß ihre gute Freundschaft einen so argen Riß bekommen hatte. Und warum eigentlich? Doch nur, weil ein Affe einen Menschennamen hatte und August hieß.
Eigentlich eine alberne Dummheit die ganze Geschichte, weiter nichts, dachte der Provisor Baldan. Doch daran, dem alten Freunde ein gutes Wort zu geben, dachte er nicht. »Er mag nur zu mir kommen!« brummte er, und drüben Herr Häferlein dachte nicht anders. »Er muß den ersten Schritt tun, nicht ich, er hat unrecht,« sagte der zu sich.
Inzwischen kam sein Gehilfe zurück, und weil um diese frühe Nachmittagsstunde immer wenig Kunden vorsprachen, nahm Herr Häferlein seinen Hut und lief hinaus. Ein tüchtiger Weg vertreibt am besten den Ärger, meinte er, und darum rannte er die Löwengasse hinab über den unteren Markt, rannte durch allerlei Gassen, bis er zuletzt an ein altes Stadttor kam. Dahinter lag das freie Land.
Breitenwert hatte noch eine Stadtmauer, es hatte auch noch Tore wie einst im Mittelalter, und darauf waren die Breitenwerter sehr stolz; sie fanden ihr Städtchen schöner als manche seiner stolzen, weitgebauten Schwestern. Auch das Land ringsherum war lieblich, nicht Gebirge und nicht Ebene, aber es gab bewaldete Höhen und anmutige Tälchen, es gab auch einen kleinen, schwatzhaften Fluß, Wiesen und Felder. Herr Häferlein fand seine Heimat schön, und es konnte einer von Alpen und Meeren reden und der Pracht des Südens und der ernsten Schöne des Nordens, allemal sagte Herr Häferlein: »Na ja, geht mal bei uns ein paar Stündle spazieren, da könnt ihr schauen, schön ist's, arg schön!«
Er ließ sich auch an diesem Nachmittag froh die Märzluft um die Stirne wehen, sah die Saaten im ersten hellen Grün leuchten und dachte: »So ein Spaziergang tut gut, sehr gut, ausnehmend gut; da weiß man wirklich nicht, wo die schlechte Laune hinkommt. Wenn doch alle Leute so gescheit wären und zur rechten Zeit spazierengingen!«
Drittes Kapitel.
Neue Freundschaft.
Augustle beträgt sich wie ein Minister und doch nicht wie ein Minister, und Frau Tippelmann wird ärgerlich. Warum es nicht gut ist, jemand beim Schlokoladetrinken zu stören, und warum Fräulein Laura sagt, Alette hätte nur Prinzessinnenschuhe. Trinle Grill patscht in den Frühlingsschmutz, und Alette Amhag vergißt die weite Welt.
Spazierengehen ist gut, namentlich wenn die Sonne so verheißungsvoll scheint, dachten auch die Grills. Die drei Geschwister arbeiteten flink und eifrig, die Mutter rüstete Wegzehrung, und als es drei Uhr schlug, trat der Vater aus seinem Arbeitszimmer und rief: »Wer ist fertig?«
»Wir!« Veit, Steffen und Trinle kamen angerast, nur das Kasperle gab keine Antwort, das fehlte.
Ein Weilchen scholl das Rufen nach ihm durch Haus und Garten, dann rannten die Geschwister auf die Gasse und ließen dort ihre Stimmen erschallen, aber kein Kasperle gab Antwort. Trinle lief hinüber zu Herrn Häferlein, vielleicht war der kleine Bruder bei seinem guten Freund, aber der Gehilfe wußte nichts von ihm, und Herr Häferlein war auch nicht da. Da rannte Veit zum Untermarkt hinab, Steffen zum Obermarkt hinauf, denn da und dort gab es allerlei gute Freunde, zu denen Kasperle manchmal ging, aber niemand wußte etwas von ihm. Frau Grill begann sich zu ängstigen. Ein Seitensträßchen der Löwengasse führte zum Fluß hinab; der war zwar seicht und mehr ein Bach, aber hineinfallen konnte so ein kleiner Dreikäsehoch wie Kasperle schon.
Mutterherzen zittern und zagen leicht, und wenn Mütter in Angst weinen, ist das unendlich traurig. Den drei Geschwistern wurden die Herzen schwer; sie standen ratlos auf der Löwengasse und wußten nicht, wo sie den Bruder suchen sollten.
Daran, in der Rose nachzufragen, dachten sie nicht; in alle Häuser schauten sie hinein, dies eine ließen sie aus. Mit Frau Tippelmann unterhielten sie keine Freundschaft; die war nicht sonderlich liebenswürdig, und die Grillschen Kinder gingen zu dieser Nachbarin nur, wenn sie ihr etwas von der Mutter bestellen sollten. Und doch saß Kasperle, der vielgesuchte Ausreißer, als ein sehr geehrter, bewunderter Gast in der Rose. In einem großen, nach dem Garten gehenden Zimmer thronte er auf einem zierlichen Sofa zwischen zwei neuen, aber schon sehr guten Freunden, zwischen Alette Amhag und dem Affen August.
Alette hatte nach den ersten Stunden in dem alten Haus, in das sie mit so frohem Herzen eingezogen war, gemeint, hier würde es ihr doch nicht gefallen. Es war doch alles so ganz, ganz anders, als sie es gewohnt war, und dann -- Frau Tippelmann. Die zeigte kein bißchen Freude. Laura nannte sie gleich einen Sauertopf, und wirklich sah Frau Tippelmann auch gar nicht aus, als machten ihr die neuen Hausbewohner viel Freude. August besonders sah sie mißvergnügt an, und sie brummte: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«
Die kleine Alette wußte nun nichts davon, daß Menschen, die lange einsam waren, nicht so rasch den Weg zu anderen Menschen finden. Sie selbst war wie ein Schneckchen; tippte jemand an ihr Seelenhaus, gleich kroch sie hinein. Sie war immer in allem Reichtum, der sie umgab, ein einsames Kind gewesen. Ihre Mutter war früh gestorben, und der Vater hatte sie oft auf seine Reisen mitgenommen, sie auch wohl bei Freunden untergebracht. Da hatte sie einmal in Südamerika gelebt, in Indien, in Japan, immer in reichen, üppigen Häusern, aber immer fremd, immer im Grunde heimatlos. Immer hatte sie gemeint, am besten auf der Welt müßte es in Breitenwert sein, der Stadt, aus der ihr Großvater stammte. Weil sein Vater so oft und so viel davon gesprochen, hatte Herr Amhag das einstige Familienhaus gekauft. Und als er nun wieder eine weite Reise unternehmen mußte, gab er Alettes Bitten nach und beschloß, diese mit einer Stiefschwester seiner verstorbenen Frau nach Breitenwert zu schicken. Doch diese Tante erkrankte, als Herr Amhag auf Reisen war; sie scheute daher die weite Reise und übergab Alette Frau Juana van Bachhoven, der Frau eines reichen Großkaufmanns, die eine Europareise unternahm. Diese versprach, Alette selbst gut und sicher nach Breitenwert zu bringen, und gab der Kleinen zur Bedienung ihre eigene Zofe Laura.
Laura Budicke oder Fräulein Laura, wie sie sich am liebsten nennen hörte, tat zwar oft recht fremdländisch, sie war aber aus Berlin und hatte nur einige Jahre im Ausland gelebt. Sie fand freilich die Zumutung, in einer kleinen deutschen Stadt zu leben, grauslich, aber sie tat es schließlich gern um Alettes willen. Das hinderte sie nicht, in den ersten Stunden in der Rose alles zu tadeln, und das einzige, was ihr in Breitenwert gefiel, war eigentlich das blonde, rotbäckige Kasperle, das sie freudestrahlend zu Alette brachte. »Da hast du jemand,« rief sie. »So'n Junge! Unsern August will er sehen!«
Kasperle war gar nicht schüchtern. Zu ihm waren immer alle Menschen nett und freundlich, und in der ganzen Löwengasse verwöhnte man Kasperle Grill. Er fand es daher gar nicht erstaunlich, als lieber Gast in die Rose geholt zu werden, und er streckte Alette Amhag zutraulich seine dicke, etwas schmutzige Patsche hin und fragte: »Wo ist Augustle?«
Alette war fast schüchterner als Kasperle, aber nach fünf Minuten war doch die Freundschaft geschlossen, und Kasperle versprach höchst vergnügt: »Weißt, Alettle, ich besuch dich alle Tage, dich und Augustle!«
»Na, und wo bleibe ich?« fragte Fräulein Laura neckend. »Werde ich gar nicht genannt?«
Kasperle sah sich ein wenig verlegen um. Er blickte von Alette zu August und von August zu Laura, und endlich rief er: »Dich besuche ich doch mit, weil du dem Augustle sein Tantle bist.«
Damit war Fräulein Laura zwar nicht einverstanden; eine Affentante mochte sie nicht genannt werden, doch Kasperle sah sie so treuherzig mit seinen runden, blauen Augen an, daß all ihr Groll schwand und sie vor sich hin brummte: »So'n niedlichen Jungen habe ich noch nie gesehen, der könnte wirklich gleich hier drüben in dem alten Muffelhaus bleiben.«
August schien auch seine Freude an dem Gast zu haben, jedenfalls tat er alles, um den zu unterhalten. Er machte die tollsten Sprünge, schoß wundervolle Purzelbäume und saß mal auf dem Tisch, mal unter dem Tisch, er spazierte auf dem Fensterbrett entlang und setzte sich dann wieder höchst feierlich auf einen Stuhl.
»Wie'n Minister!« behauptete Laura. Sie tat, als sähe sie jeden Tag einen Minister irgendwo sitzen. Kasperle jauchzte. Alette lachte, und ihr Lachen lockte Frau Tippelmann herbei. Die vergaß für ein Weilchen ihre viele Arbeit, sie blieb an der Türe stehen und lauschte still diesem klinghellen Gelächter. Sonst pflegte sie immer zu sagen: »Am vielen Lachen erkennt man den Narren.« Heute schwieg sie zu allem lustigen Lärm in dem sonst so stillen Hause. Doch da bekam August plötzlich seine Ministerrolle satt und sprang Frau Tippelmann auf den Kopf, gerade als müßte das so sein.
»Wie drollig!« rief Laura.
»Hat sich was, drollig!« schalt Frau Tippelmann ärgerlich. »Potzwetter, so ein unnützer Wicht!« Und ripsch, rapsch holte sie August von seinem seltsamen Sitz herunter und trug ihn in eine leere Stube. »Hier kannst du dir die Wände begucken,« brummte sie, »zu mehr bist du nicht nütze.«
Kasperle jammerte August laut nach, bis Laura tröstete: »Sei nur gut, mein Engelchen, nachher kommt August wieder. Jetzt sollt ihr erst Schokolade trinken; Alette hat heute so wenig gegessen. Gleich geh ich und sag's Frau Tippelmann.«
Engelchen wurde Kasperle nie genannt, und Schokolade bekam er selten zu trinken, aber beides gefiel ihm, und sein Gesicht hellte sich schnell wieder auf. Da lief Fräulein Laura eilig, das süße Getränk zu bestellen. Doch Frau Tippelmann sagte nicht gleich: »Ja, ich koche,« sie schüttelte bedenklich den Kopf und murrte: »Schokolade, so einfach am Wochentag, das ist in Breitenwert nicht Sitte.«
Laura lachte sie herzhaft aus. Sie erzählte dann schnell, wie reich Herr Amhag und wie verwöhnt Alette sei, und der guten Frau Tippelmann wurde es himmelangst, als sie von all den Landhäusern, Zimmern, Gärten, Dienern und Kleidern hörte, an die Alette gewohnt war. Wie ein Schnurrädchen zählte Fräulein Laura her: »Dies muß Alette haben und das, und eigentlich müßte hier eine Köchin sein, ein Diener, Wagen und Pferde oder ein Auto, und das Haus ist zu alt und der Garten zu klein. Na ja, es dauert nicht lange!« fügte sie hinzu.
»Ist auch gut,« brummte Frau Tippelmann. »Freilich, das will nicht in meinen Kopf hinein, daß so 'n schönes altes Haus, in dem die reichen Amhags so lange gelebt haben, für so 'n kleines Mädchen zu eng sein soll. Na, meinetwegen, ich halt's mit dem Wort: »Was dich nichts angeht, darein misch dich nicht!«
Sie ging und kochte Schokolade; sie tat es mit schwerem Herzen, denn das fremde Wesen im Hause bedrückte sie. So viele Seufzer sie aber auch ausstieß, die Schokolade geriet doch gut dabei, und Kasperle Grill freute sich.
Alette Amhag hätte nie gedacht, daß sich jemand so sehr über Schokolade und Kuchen freuen könnte wie ihr kleiner Gast. Der krähte vor Vergnügen, behauptete, er sei furchtbar schrecklich hungrig und schmauste dann auch wie ein nimmersattes Wölflein. Das arme verbannte Augustle vergaß er für ein Weilchen vollständig, aber auch den Spaziergang, die Eltern und die Geschwister.
Die suchten inzwischen ihr Kasperle mit wachsender Angst. Der Vater tröstete zwar: »Wir finden ihn schon; in unserm Breitenwert geht nicht leicht ein Kind verloren,« doch der Mutter Herz wurde schwer vor Sorge.
Trinle heulte verzweifelt, und die Brüder rasten immer wieder die Gasse entlang und schrieen des Bübles Namen. Tiefbetrübt und schier ganz und gar verzagt war Herr Baldan. Der gehörte zu den Menschen, die immer gleich ein Unglück vermuten. Stand am Himmel eine tellergroße Wolke, dann sagte er sicher: »Es gibt ein Gewitter,« und regnete es einen Tag, dann redete er von einer ungeheuren Überschwemmung, die kommen würde. An diesem Nachmittag klagte er immerzu: »Das Kasperle ist verloren, ganz sicher. Ich hab's gleich geahnt; ein Tag, der so anfängt, mit Affen und so viel Geschrei und Trara, der bringt Unheil.«
Er redete das zu dem Gehilfen, und der erwiderte spöttisch: »Na ja, eins haben wir schon gehabt, den Streit mit Herrn Häferlein.«
»Nun,« rief Herr Baldan, »ist daran nicht etwa der Affe schuld, der August?«
»August! August!« schrie es draußen ganz laut und gellend, und Herrn Baldan blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Was war das?
Von der Gasse herein tönte das Rufen, tönte lautes Geschrei; die Stimmen der Grillschen Kinder waren vor allen andern zu hören. Der Provisor stürzte hinaus.
Um Himmelswillen, man brachte gewiß Kasperle, seinen Liebling!
»Wo ist er, wo ist er?« Herrn Baldans Rufen mischte sich in das Geschrei der andern.
»Da ist er, da ist er,« jauchzten ein paar Buben.
»O du heiliger Bimbam, was ist das?« Der Provisor knickte vor Schreck zusammen, denn etwas Schwarzes war ihm auf die Schulter gesprungen, das saß da und wollte anscheinend dableiben, denn Herr Baldan fühlte sich recht fest umklammert.
»August, August, da ist er!«
Der Gehilfe griff rasch zu und packte den kleinen Ausreißer und Tunichtgut, den Affen August, am Genick und suchte Herrn Baldan zu befreien. Leicht ging es nicht, denn der vierbeinige August zappelte und fauchte wütend und gab in seiner Angst seinem unschuldigen Namensvetter heftige Ohrfeigen.
Die beiden Auguste waren wütend aufeinander, und die Umstehenden taten noch, als wäre die ganze Sache eine lustige Geschichte; sie lachten, und selbst Trinle Grill hörte ein paar Augenblicke auf zu heulen.
Da schrie plötzlich Veit: »Er hat Kasperles Mütze!« und mit raschem Griff entwand er dem Affen eine kleine dunkelblaue Mütze. »Die gehört Kasperle! Ja, aber wo ist Kasperle?«
»In der Rose, denn von dort kommt der Affe,« rief der Vater.
»In der Rose, unser Kasperle?« Die Kinder rannten dem Vater nach, die Mutter nicht minder geschwinde. Herr Baldan schrie dem Gehilfen zu: »Aufpassen!« und raste nach, und die ganze Gesellschaft langte drüben vor der Rose an und spazierte in das Haus hinein, und Frau Tippelmann wußte erst nicht wie und was, als sie den Hausflur so voller Menschen sah. Aber da erblickte sie Frau Grills blasses Gesicht, sie verstand. Schnell riß sie eine Türe auf und rief: »Da ist er!«
Ja, da war er. Wie ein kleiner Prinz thronte er mitten auf dem Sofa und schickte sich gerade an, die vierte Tasse Schokolade auszutrinken. Er pustete schon ein wenig, sein Bäuchlein war schon ganz dick, aber er wollte doch noch von dem süßen Trank schlürfen, der ihm so gut schmeckte wie weiland den alten Deutschen der süße Met. Und einen Bart hatte das Kasperle schon, um den ihn ein Raubritter beneiden konnte, so breit war der.
Es ist nicht gut, wenn einer beim Schokoladetrinken allzu sehr überrascht wird. Hupp! machte die Tasse, und am Kasperle rann ein braunes Bächlein herunter. Er wollte die Tasse wegsetzen und warf die von Alette um, und auf dem weißen Tuch floß ein brauner See.
»Kasperle, du hier?«
»Aber Kasperle, wie kommst du hierher?« riefen Eltern und Geschwister.
Frau Tippelmann sah nur den braunen See; sie schalt ärgerlich: »Zu viel Dung wirft den Wagen um.«
Am tiefsten war Alette Amhag vor den vielen fremden Menschen erschrocken. Sie stammelte zitternd: »Er hat mich nur besucht.«
»Ja,« rief Kasperle weinerlich, denn ihm fing es an ungemütlich zu werden, »ich besuch' sie alle Tage. Alettle ist meine Freundin, und sie ist -- ist -- ne -- Indianerin!«
Da war es heraus, das schwere Wort, und es tut wohl, wenn man so von banger Angst erlöst wird. Sie lachten alle, selbst Frau Tippelmann schmunzelte, und am allerlautesten lachten Herr Baldan und Kasperle. Frau Grill nahm ihr beschmiertes Bübchen auf den Arm und sagte zärtlich: »O du böser Schelm, wie habe ich mich um dich gesorgt!«
Alettes Augen wurden da groß und weit; eine unendliche Sehnsucht stieg jäh in ihrem kleinen Herzen auf, auch einmal so an einer Mutter Herzen ruhen zu können, und unwillkürlich flüsterte sie leise: »Ach, Kasperle, du hast es gut!«
Nur Frau Grill hörte das leise Wort, und Frau Grill verstand in kleinen traurigen Herzen zu lesen und verstand es, linde zu trösten. Sie zog Alette, die aufgestanden war und schon neben ihr stand, herzlich an sich und sagte liebevoll: »Willkommen in deiner Väter Heimat! Möge es dir hier gut gehen! Du hast schon mit unserm Kasperle Freundschaft geschlossen, ich hoffe, wir andern kommen auch daran.«
»Das will ich meinen! Die Amhags und die Grills waren allezeit gute Freunde,« rief Herr Grill. »Aber nun, wenn wir nicht bald laufen, läuft uns die Sonne davon; unser schlimmes Kasperle hat uns schon um eine Stunde Zeit gebracht.«
»Spazierengehen!« rief Kasperle, dem dies plötzlich wieder einfiel. »Alettle geht mit.«
»Wenn sie will, kann sie es tun, und wenn sie gescheit ist, tut sie es!« Herr Grill nickte Alette auch zu, als wäre die seit vielen Jahren in Breitenwert daheim, und die schüchterne Alette verlor die letzte Befangenheit und sagte: »Ich möchte so gern!«
»Spazierengehen!« Laura sah so entsetzt drein, als wäre Spazierengehen und In-den-Krieg-ziehen einerlei. »Das ist nichts für unsere Alette, die fährt nur,« rief sie protzig, »die hat auch nur Prinzessinnenschuhe.«
»O du lieber Himmel, das arme Kind,« entfuhr es Frau Tippelmann. Kasperle aber fragte neugierig: »Sind die von Gold?«
»Nein,« erwiderte Alette rasch, »ich kann mit meinen Schuhen schon gut spazierengehen. Ach, bitte, bitte, ich will mit!«
»Na, meinetwegen,« brummte Laura, »mir soll's recht sein, aber wenn das die gnädige Frau van Bachhoven hört, die fällt gleich um vor Schreck.«
»Sie steht auch wieder auf,« erklärte Frau Tippelmann. »Märzensonne ist gesund.«