Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 14
»Beinahe wie bei den Indianern ist's,« jubelte Trinle. Sie war zwar noch nie bei den Rothäuten gewesen, aber sie meinte, die Rutscherei würde dort wohl gebräuchlich sein.
Alette Amhag aber klagte bänglich: »Wohin geht es denn? Ich -- ich fürchte mich so!«
Doch das Rutschen war nicht sonderlich schwer, und da es im Walde trocken war, langten die fünf nicht allzu schmutzig mit heiler Haut und heilen Kleidern im Talgrund an. Dort ruhten sie ein Weilchen und überlegten, was sie tun sollten. Sie hörten die Stimmen oben näher klingen, und die Angst überkam sie, Körble könnte die Fremden hier hinabführen. »Wir laufen ins Bachwirtshaus,« schlug Veit vor, »vielleicht sind die aus dem Stern schon da.«
Den Plan fanden alle gut. Selbst Alettes Gesicht hellte sich auf, als sie nun wieder auf ihren Beinchen stehen konnte, und das Bachwirtshaus als Ziel lockte sie sehr. Der Weg führte am Waldrand entlang durch ein liebliches Tal, durch das ein schneller Bach floß. Er hatte es eilig, und die Kinder hatten es eilig, die wollten im Bachwirtshaus sein, ehe die Fremden mit dem Gendarm vielleicht vom Berg herabkamen. Die Wirtin freute sich über den Besuch, und noch drei mit ihr, Gundel und die Brüder. Die waren vor einem Weilchen angelangt und saßen schon in der großen Wohnstube des Wirtshauses als Ehrengäste, denn nur die durften hier herein. Nach der Gaststube führte ein Fensterlein; aber die Wirtin brauchte nicht hindurchzusehen, denn an diesem Pfingstsonnabend war es sehr still in dem Wirtshaus. Erst morgen kamen wohl die Gäste. Jedenfalls durchzog ein lieblicher Duft nach frischem Kuchen das Haus, und die Bachwirtin sagte heiter: »Ihr kommt gerade recht. Und Pfingstsonnabendgäste haben es umsonst.«
Es dauerte nicht lange, da stand Milch auf dem Tisch und ein riesengroßer Teller voll Kuchen. Die Wirtin setzte sich zu den Kindern und fragte: »Nun erzählt mal, wo waret ihr denn?«
»Auf der Burg -- da und --« Sie stockten, sahen sich an und platzten dann alle auf einmal heraus: »Wir haben Drachen gespielt; fein war's!«
»Drachen,« rief die Wirtin erstaunt, »ja, wie habt ihr denn das gemacht?«
Da erzählten sie alle durcheinander das Erlebnis, und die Wirtin, die Sternbübles und Gundel lachten herzhaft darüber, am meisten die Sternbübles. Die hopsten vor Vergnügen, und Mathes flehte: »Sei doch noch mal Drache, Steffen!«
»Soll ich?« Steffen war sehr stolz auf sein Drachensein, nur das Buntfeuer fehlte ihm. Aber die andern erklärten einstimmig, es ginge auch ohne Feuer, denn das Fauchen, Kreischen und Spucken sei eben doch die Hauptsache. Selbst die Bachwirtin sagte: »Spiel uns das Untierle nur mal vor! Was seid ihr nur für Kinderles im Löwengäßle, immer fällt euch was Rares ein!«
Die Sternkinder mußten sich an die Wand stellen, sie durften nicht zusehen. Der Wirtin hielt Trinle die Augen zu und versicherte ihr: »Sie sind sonst net überrascht genug. Alette paß auf die Sternbübles auf, die blinzeln.«
Also wurden die Sternbübles bewacht. Bei Gundel war es nicht nötig, die hielt sich ihr Schürzle fest vor das Gesicht, und die Wirtin ließ sich das Augenzuhalten auch gutmütig gefallen; sie versprach, ungeheuer überrascht zu sein.
Das waren sie dann alle miteinander wirklich sehr, als sich Steffen in seiner graugrünen Krokodilshülle auf einmal vor ihnen auf dem Boden wand und schauervolle Töne ausstieß. Da kreischten die Wirtin und die Sternbuben laut auf, Gundel brach in Tränen aus und wurde von Alette, die immer noch das blumige Prinzessinnenkrönchen trug, liebevoll getröstet.
»Wie er faucht, wie er spuckt!« schrie Trinle begeistert. »Gelt, er ist schön?«
Steffen, geschmeichelt durch dies Lob, spuckte, kreischte, knurrte, grunzte und quietschte; er stand mal aufrecht, mal lag er auf der Erde, kurz, er benahm sich wie ein richtiger Drache.
Das Lachen und Jauchzen der Zuschauer wurde immer lauter, am Fenster der Gaststube standen ein paar Mägde, die schauten auch zu, und alle miteinander vergaßen, daß in ein Wirtshaus auch Gäste kommen können. Steffen schrie dumpf aus seiner Hülle hervor: »Jetzt mache ich den Drachensprung und raube das Prinzeßle.«
Alette quietschte, sie kletterte flink auf einen Stuhl, Kasperle und Trinle schrieen: »Wir schützen dich!« Die Sternbübles schauten sehr wild und kampfmutig drein, und Steffen kauerte sich in einer Ecke zusammen, zum Sprung bereit. Er brummte, heulte und sprang dann jäh mit wildem Gebrüll empor --
»Da ist er wieder, das ist das Untier,« kreischte eine Stimme, und die alte Dame vom Burgberg sank Körble in die Arme. »Ich sterbe!« ächzte sie.
In der Türe, die Gastzimmer und Wohnstube verband, standen die Fremden mit dem Gendarm. Ihr Kommen hatte niemand bemerkt, die Mägde am Guckfensterchen auch nicht; sie alle hatten nur auf den Drachen gesehen, der jetzt matt und kraftlos am Boden lag. Er hatte sich in seinen Schwanz verwickelt und konnte nicht wieder aufstehen. Aber die schöne Haut hatte allerlei Risse bekommen, und ein Bubenbein und ein Bubenkittel wurden sichtbar. Nach und nach kam auch ein Gesicht zum Vorschein. Steffen kroch ein wenig aus seiner Drachenhaut heraus, in der es ihm anfing recht ungemütlich zu werden.
»Ein Boy, wirklich ein Boy!« riefen die drei Damen. »Wie komisch! Was soll das bedeuten?«
Trinle fand die Frage recht überflüssig; sie meinte, jeder müßte sehen, daß sie gespielt hatten. Sie kicherte ein wenig und flüsterte verschämt: »Wir haben doch nur gespielt! Steffen war der Drache; der hat Alette geraubt.«
»Alettle war das Prinzeßle,« schrieen die Sternbübles dazwischen, die rechts und links wie zwei Schildwachen neben Alettes Stuhl standen, beinahe so, als müßten sie die Freundin gegen lauter Feinde verteidigen.
»Alette!« rief da plötzlich der jüngere Herr erstaunt. »Mein Gott, das ist ja meine Alette!«
»Papa, o Papa!« Der Stuhl, auf dem Alette stand, geriet ins Wanken, und die Sternbübles vergaßen vor lauter Staunen ihn zu halten, aber der Fremde sprang zu, und Alette lag da plötzlich in ihres Vaters Armen. Sie lachte und weinte und wußte wirklich nicht, träumte oder wachte sie.
Herr Amhag sah gerührt, erstaunt, ja fast betroffen auf sein Kind nieder. War dies rosige Mädel denn wirklich sein blasses Kind, von dem Frau van Bachhoven ihm geschrieben, es würde sterben in der engen Kleinstadtgasse? »Alette, Kind, wie kommst du hierher, und -- wie siehst du aus?«
Alette dachte, des Vaters Frage gelte dem Blumenkränzlein in ihrem Haar, sie griff verwirrt danach. »Es ist nur, weil ich ein Prinzeßle war,« stammelte sie. »O Papa, wir haben so schön gespielt!«
»Gespielt, hier?« Ja, wo waren denn die vielen Kummertränen, die Alette weinen sollte nach Lauras früherer Angabe? »Kind,« fragte Herr Amhag, »bist du denn froh hier? Sehnst du dich nicht fort? Ich komme doch, dich zu holen!«
Dich zu holen! Das Wort dröhnte den Linden- und den Sternkindern wie Posaunenton ins Ohr. Ihre Alette sollte fortgeholt werden! Trinle wohnte ohnehin immer zwischen Tränenbach und Lachbrünnlein, jetzt rann eilig der Tränenbach. Kaum sah das Kasperle, so fing er auch an zu schluchzen. »Alette soll nicht fort!« klagte er.
Das war zu viel für der Sternbübles Fassung. Die brachen jäh in ein so ungeheures, gewaltiges Jammergebrüll aus, daß die alte Dame vor Schreck auf einen Stuhl sank. So etwas hatte sie noch nie gehört! »Um Himmelswillen, die beiden werden verrückt!« stöhnte sie.
»Seid ihr unklug, Büble?« schalt die Bachwirtin. »Was soll das Geflenne?«
»Alettle, Alettle!« heulten die Buben. Sie brüllten, als sollten sie wie zwei Öchslein über dem Feuer geröstet werden, und dieser schreckliche Schmerz der beiden bewegte Alette tief; auch sie brach in Schluchzen aus. Auf einmal heulte die ganze Kindergesellschaft, nur Veit und Steffen drückten und schluckten, sie hielten Tränen für unwürdig. Dafür schrie das Kasperle mit den Sternbübles um die Wette. In allem Schmerz versuchten sie einander doch zu übertreffen, und jeder dachte mit heimlicher Freude: »Ich kann's besser!«
»Willst du denn so gern hierbleiben, Alette?« Herr Amhag mußte lachen, und wie das Alette sah, versiegten rasch ihre Tränen. Sie schlang beide Arme um ihres Vaters Hals und flehte: »Bleib auch hier, es ist so wunderschön im Löwengäßle!«
»Ich will's mir überlegen. Ihr da, hört mal auf zu heulen! Heute oder morgen reist Alette bestimmt noch nicht ab.«
Morgen noch nicht! Na, da konnte man freilich mit den Tränen noch warten, und flugs fand Trinle den Weg zum Lachbrünnlein wieder. Ihr Gesicht strahlte, Kasperle jauchzte gleich laut auf, und auch Gundel wischte sich bald die letzten Tränen ab. Nur die Sternbübles heulten weiter; schauerlich war ihr Gebrüll. Sie waren so gut in der Übung drin, da dachten sie, wenn schon, denn schon.
»Man muß sie zum Aufhören bringen,« brummte ihre Muhme, die Bachwirtin. »Draußen die Hühner vergessen ja das Eierlegen vor Schreck bei so einem Geschrei!« Sie nahm eine Wasserkanne vom Tisch und schwapp! bekam Mathes einen Guß und schwapp! Peter einen. Da wurden die beiden plötzlich mäuschenstill. Klapp, schlossen sie ihre Münder, und sie sahen darob selbst so unglaublich verdutzt drein, daß die Bachwirtin herzlich lachen mußte. Ihr Lachen fand ein vielstimmiges Echo, einer nach dem andern fiel ein, und zuletzt lachten die Sternbübles am lautesten. Hatten sie vorher vor Kummer gebrüllt, so brüllten sie jetzt vor Lust, und die Muhme drohte: »Es gibt bald wieder ein Güßle, aber ein kräftiges!«
Es gab aber kein Güßle mehr, kein Tränengüßle, kein Wassergüßle, und der Himmel sandte auch kein Regengüßle. Der schöne Tag wandelte sich zum schönen Abend, und just lugten sie in der Löwengasse ängstlich nach den Kindern aus, als sie heimkehrten. Herr Amhag kam mit ihnen und die Fremden auch. Die stiegen im Silbernen Stern ab, denn wer Breitenwert recht kennenlernen wollte, der mußte in der Löwengasse wohnen.
Frau Tippelmann hatte eben nach alter Sitte zwei Maien an die Haustüre gestellt, als Alette an ihres Vaters Hand daherkam. Da sah der das Haus seiner Vorfahren im Festschmuck, und ihm, der die weite Welt durchreist hatte, gefiel doch dies alte Haus in der kleinen Gasse, und er sah heiter zu dem frohen, trotzigen Spruch des Ahnherrn auf, der über der Türe unter der Rose stand: »Ich bau' mein Haus, wie mir's gefällt.«
Oben sah Fräulein Laura zum Fenster heraus. Die sah den Ankommenden und sie seufzte schwer. »O weh, da ist der Herr gekommen, nun geht's bald fort aus der Löwengasse!« Aber da hörte sie unten schon Herrn Amhag heiter sagen: »Und vorläufig bleibe ich hier, ich will mich einmal lange, lange ausruhen in dem alten Rosenhaus.«
Siebzehntes Kapitel.
Die Überraschung.
Herr Häferlein ist betrübt, und Laura vergißt allerlei. Sie sagt vielerlei zum Lobe der Löwengasse. Herr Amhag geht mit Alette spazieren, und die Lindenkinder und die Sternkinder sinnen auf eine Überraschung. Was Herr Häferlein in seinem Laden findet, und warum Herr Baldan nun genug Sirup hat.
Man war an diesem Pfingstsamstag sehr vergnügt in der Löwengasse in Breitenwert, nur der gute Herr Häferlein stand ein wenig betrübt vor seiner Ladentüre. Ein paar Käuferinnen waren noch dagewesen, er hatte ihnen allen gute Feiertage gewünscht, sie ihm auch, und nun wollte er eben seinen Laden schließen. Da kam noch flink Fräulein Laura aus der Rose gelaufen. Über Herrn Amhags Ankunft hatte sie das Einkaufen vergessen, nun wollte sie noch dies und das. Herr Häferlein gab ihr alles, er redete auch freundlich wie sonst, aber Laura sah doch, daß er traurig war. »Was fehlt Ihnen, Herr Nachbar,« fragte sie heiter, »fürchten Sie, es regnet morgen?«
»Nein,« antwortete der Kaufmann, »es wird wohl nicht regnen, aber ich werde allein spazierengehen, und das macht mir keine Freude. An Wochentagen tu ich's gern, aber an Feiertagen will ich mit fröhlichen Menschen zusammensein. Meine Schwester wollte mich mit ihren Kindern besuchen, nun hat sie abgeschrieben, und ich bin allein!« Er seufzte und Fräulein Laura seufzte, und dann sagte Herr Häferlein wieder: »Es ist doch traurig, wenn man allein ist!«
»Ja,« sagte Fräulein Laura, »das ist sehr schwer; ich wäre auch froh, wenn ich noch zu meinen Eltern fahren könnte.« Und dann erzählte sie zum ersten Mal von dem kleinen Laden, der ihrem Vater gehört hatte.
In der Rose dachte Frau Tippelmann ein paarmal, Laura kommt ja gar nicht wieder, na, gewiß hat Herr Häferlein sehr viel zu tun. Endlich aber kam Laura an, und als sie auspackte, fand sich's, daß sie die Hälfte von dem, was sie besorgen wollte, vergessen hatte. »Nein, so etwas!« brummte Frau Tippelmann erstaunt.
»Ja, so etwas!« sagte Laura und fiel ihr lachend um den Hals. »Es ist nämlich so, Herr Häferlein und ich, wir wollen uns heiraten, und darüber habe ich den Kaffee vergessen, das Mehl und die Zitronen, und ich weiß nicht, was noch alles.«
»Lieber Himmel, Laura!« rief Frau Tippelmann. »Sie wollen in Breitenwert bleiben und in der krummen, häßlichen Löwengasse wohnen und gar in solch kleinem, dunklem Laden stehen?«
»Frau Tippelmann,« schrie Laura empört, »die Löwengasse ist nicht krumm, nicht häßlich, sie ist sehr malerisch und freundlich, und der Laden ist nicht dunkel, der ist -- wie meines Vaters Laden war.«
»So, ist mir ganz neu!«
»Ach, Frau Tippelmann,« rief Laura wieder lachend, »ich weiß ja schon, Sie necken mich nur, und ich habe das einmal gesagt, aber heute sage ich nun doch: über die Löwengasse geht nichts. Und ich will mein Lebenlang hier bleiben; hier werde ich glücklich werden.«
Im gleichen Augenblick sagte oben im großen Gartenzimmer Alette auch zu ihrem Vater: »Ich möchte immer, immer in der Löwengasse wohnen!«
»Immer ist viel gesagt,« antwortete Herr Amhag; »wir wollen sagen einstweilen.«
»Mußt du wieder fort?« fragte Alette erschrocken. »Ach, bleibe hier, hier ist's doch viel, viel schöner als in der ganzen Welt.«
»Schöner als in der ganzen Welt, Kind,« wiederholte der Vater sinnend, »das ist es immer nur in der Heimat.« Er sah in den Garten hinab, der im sanften Schatten des Frühlingsabends träumte, und er dachte an seines Vaters Erzählungen, der hatte die alte Heimat auch über alles geliebt. Wohl dem, der einen Ort auf der Welt hat, an den er mit rechter Heimatsehnsucht denken kann. Auf einmal fühlte Herr Amhag, wie arm seine kleine Alette in allem Reichtum bisher gewesen war, und er strich ihr liebevoll die heißen Wangen. »Das Immer-hierbleiben kann ich dir freilich nicht versprechen, Kind,« sagte er, »aber fremd soll uns Breitenwert nie mehr werden. Morgen aber wollen wir ein fröhliches Pfingstfest feiern in der alten Heimat. Und nun geh schlafen, damit du morgen recht feiertagsfroh erwachst.«
Am nächsten Tag war zwar kein rechtes Pfingstwetter; es war ziemlich grau und sonnenlos, aber sie feierten doch alle in der Löwengasse ein sehr fröhliches Fest. Herr Amhag ging mit Alette durch die Straßen des alten Städtchens, und oft blieb er stehen und sagte: »Davon hat mein Vater erzählt, hier ist er zur Schule gegangen, diesen alten Turm hat er besonders geliebt.«
Sie besuchten auch beide die Freunde im Silbernen Stern. Denen gefiel es gut dort, sie sagten, in einem so hübschen alten Gasthaus hätten sie noch nie gewohnt. Die alte Dame war besonders stolz, sie hatte nämlich das Königszimmer. Sie sagte: »So etwas kann man in Amerika doch nicht haben; in einem Königszimmer kann man nicht wohnen, weil es keine Könige gibt, schade!«
Die jungen Damen aber sagten: »Am besten gefallen uns die beiden Boys, die sind so nett; so nette Kinder haben wir noch nie gesehen.«
Die netten Sternbübles hörten das Lob nicht; sie saßen mit den Grillschen Kindern auf dem Turm vom Räuberschlößle und überlegten sich, wie sie Herrn Häferlein recht feierlich zu seiner Verlobung Glück wünschen könnten. So einfach bums! hingehen und sagen: »Wir wünschen Glück,« wollten sie alle nicht. Herr Häferlein, der nette, gute Herr Häferlein verdiente schon eine Überraschung, eine recht feine Überraschung. Sie überlegten hin, sie überlegten her, viele Köpfe, viele Sinne, auf einmal aber schrieen alle: »Das wird fein!«
Und danach hatten sie es alle sehr eilig. Blumen wurden gepflückt, Kränze gewunden. Die Sternbübles liefen zu ihrem Oheim Adam Hinz und gaben dem viele himmelgute Worte, bis er mit ihnen wirklich in seinen Laden ging, ihnen etwas daraus schenkte, dabei aber sagte: »Denkt an den ersten April.« Darauf versicherten die Sternbübles hoch und heilig, es würde keine Dummheit, sondern eine feine Überraschung, und die Lindenkinder täten mit.
»Na, dann mag's sein,« sagte Onkel Adam Hinz, »wenn's nur gelingt!«
Veit und Steffen hatten unterdessen den schläfrigen Fritz aufgesucht, der noch im Bette lag, denn für ihn war schlafen die schönste Feiertagsfreude. Die Buben weckten ihn, redeten sehr eifrig mit ihm, und der sagte: »Ja, ja, heute nachmittag geht es schon, da merkt es niemand.«
Als am Nachmittag Alette mit ihrem Vater in die Linde kam, stürzte ihr Trinle gleich entgegen und tuschelte: »Sie sind alle im Räuberschlößle, es gibt eine Überraschung.«
Im Räuberschlößle wurde Alette ins Geheimnis gezogen, und während die Erwachsenen zusammensaßen, gingen die Kinder alle auf das Gäßle, um dort zu spielen. Die Sternkinder kamen auch, aber merkwürdig, schließlich war doch niemand zu sehen. Herr Häferlein und Fräulein Laura waren zusammen spazierengegangen, und so hörte niemand, wie es in dem Laden mitunter rumpelte und klopfte, poch, poch, poch! Dann polterte etwas, innen sagte jemand: »Ich roll das Fäßle her, dann kann ich aufsteigen.« Irgend jemand kicherte unaufhörlich, jemand schrie: »Prachtvoll wird's! Herr Häferlein wird staunen ...« -- »Der freut sich gräßlich,« behauptete ein anderer Jemand. Dann ging es wieder poch, poch, poch, es klirrte und kollerte, irgendwo wurde eine Türe zugeklappt, ein Schlüssel rasselte, und danach wurde es still. Ein Weilchen später erschienen alle Kinder im Grillschen Garten, und Frau Grill sagte erstaunt: »Ihr seht ja so erhitzt aus, was habt ihr denn gemacht?«
»Was Feines,« antworteten allesamt, und Trinle, die kleine Schwatzsuse, flüsterte noch: »Herr Häferlein wird sich freuen.« Aber dies hörte die Mutter glücklicherweise nicht mehr.
Am nächsten Morgen besuchte Herr Baldan Herrn Häferlein, just als der gehen wollte, seinen Laden aufzuschließen. Es war nach der Kirche, und Herr Baldan, der noch etwas Zeit hatte, sagte: »Ich gehe mit hinüber in den Laden.«
Der Kaufmann schloß die Hintertüre auf, und die Freunde betraten den halbdunklen Raum. Sie gingen ein paar Schritte vorwärts, da glitschte Herr Baldan auf einmal aus.
»Na, na,« rief er, »was ist denn das auf dem Boden?«
»Ich weiß nicht,« murmelte Herr Häferlein, »o je!« Er glitschte auch aus, verlor den Halt und fiel um, fiel in etwas Feuchtes, Klebriges hinein. »Sirup,« schrie er, »Baldan, das Sirupfaß ist ausgelaufen!«
»Ich merk's,« stöhnte Herr Baldan, denn der lag auch auf dem Boden, und er war gerade mit der Nase in eine dicke, süße Tunke gefallen. »Pfui Teufel,« schimpfte er, »das ist ja gräßlich! Pff, pff, brrr, wie das schmeckt!«
»Eine dumme Sache, hol's der Kuckuck!« ächzte Herr Häferlein, der sich mühsam erhob. Er versuchte die Ladentüre zu erreichen, da stolperte er über ein Faß, hielt sich an irgend etwas an und schrie: »Potzwetter, was ist denn das -- Blumen?«
»Mach doch Licht, August!« rief Herr Baldan. »Au, mein Knie!«
»Gleich, August! Au, meine Nase!« Da endlich hatte Herr Häferlein die Ladentüre erreicht, er zog den Rolladen hoch, und das helle Tageslicht strömte in den Raum. »Ah!« riefen die Freunde unwillkürlich.
Über der Ladentafel prangte ein großes, mit Blumen umkränztes Blatt. Darauf stand in roter und blauer Schrift groß: »Wir gratulieren!« und darunter standen lauter Namen geschrieben. Es waren die der Lindenkinder und der Sternkinder, auch Alette Amhag fehlte nicht. Außerdem gab es noch viele Blumen in dem Lädchen, sogar das Sauerkrautfaß hatte einen grünen Kranz erhalten.
Herr Häferlein vergaß das ausgelaufene Sirupfaß, vergaß seinen beschmierten Feiertagsanzug, er sah nur das große bunte: »Wir gratulieren!« und alle die Namen darunter, und er sagte gerührt: »Die guten Kinder, sie wollten mir eine Überraschung bereiten.«
»Ich danke schön für solche Überraschungen!« knurrte Herr Baldan. »Pff, pff, brrr,« spuckte er, »potzhundert, so viel Sirup habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht geschluckt!«
Da klopfte es stürmisch an die Ladentüre. Lachende, fröhliche Gesichter drückten sich an der Scheibe platt: »Herr Häferlein, Herr Häferlein, wir sind's!«
Der Kaufmann ging hin und schloß die Türe auf, und acht Stimmen auf einmal riefen: »Gelt, Sie freuen sich sehr?«
»Ganz ungemein, Kinder,« sagte Herr Häferlein, »nur, was habt ihr denn mit dem Sirupfaß gemacht?«
»Mit dem Sirupfaß? Ha,« schrieen die Sternbübles, »das war das Fäßle, auf das wir 'n bißle gestiegen sind, weil wir net so hoch langen konnten.«
»Sirup,« jauchzte Kasperle, »fein, das ganze Lädle ist voll Sirup!«
Er tippte mit dem Finger an den süßen Brei und leckte, und die Sternbübles leckten, Gundel aber fragte erschrocken: »Herr Häferlein, sind Sie in den Sirup gefallen?«
»Ja, mein Kind,« sagte Herr Häferlein gutmütig, »aber es ist nicht schlimm, gefreut habe ich mich doch. Und ihr müßt alle, hört ihr, alle, zu meiner Hochzeit kommen.«
»Ich auch,« jauchzte Alette, »ich bleibe hier, ein Jahr, nein, vielleicht immer!«
»Es wär' auch dumm, aus dem Löwengäßle wegzugehen,« rief Trinle wichtig, »so schön ist's nirgends.«
»Nein, so schön ist's nirgends,« brummte Herr Baldan, »nur gerade in den Sirup braucht man nicht zu fallen. Brrr, pff, pff! Abscheuliches Zeug!«
»Jetzt müssen wir Fräulein Laura holen, die muß auch die feine Überraschung sehen,« rief Steffen stolz. Denn da Herr Häferlein nicht über den Sirup schalt, war es doch nicht schlimm.
»Ach ja, Laura!« Alette lief hinaus, und »Laura, Fräulein Laura!« klang es zur Rose hinauf.
Ein paar Minuten später stand Laura an der Ladentüre und rief erschrocken: »Nein, so etwas -- das ist freilich eine Überraschung!«
Von der Löwengasse herein aber tönte das Jubeln und Jauchzen der Kinder, die irgend jemand von der großen Überraschung erzählten.
Herr Häferlein lachte, Fräulein Laura lachte, und zuletzt lachte auch Herr Baldan. »Ja, ja,« brummte der, »so etwas kommt auch nur im Löwengäßle vor, ist halt ein ganz besonderes Gäßle. So eins soll man suchen! Brrr, pff, pff, na, Sirup habe ich vorläufig genug geschluckt!«
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen (mit {} gekennzeichnet):
S. 69: derin → drein Der Kaufmann sah immer noch etwas gekränkt {drein}.
S. 101: taurig → traurig Und wieder wurde Alette {traurig}
S. 104: Tippelman → Tippelmann und Frau {Tippelmann} sagt immer:
S. 197: möche → möchte dann {möchte} ich schon hier bei Alette bleiben
S. 233: hate → hatte die grüne Hülle {hatte} er dann Trinle geschenkt.
End of Project Gutenberg's Rose, Linde und Silberner Stern, by Josephine Siebe