Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend
Part 13
Drei runde Gesichter starrten aus den Falten des Bettvorhanges heraus, und drei Fingerlein -- sie waren reichlich schwarz -- deuteten auf den Diener, der Michel angeklagt hatte: ›Der da war's! Der hat die Kästeles herausgenommen, und eins hat er in den Ofen gesteckt.‹
Die Stimmen gellten aus der Höhe herab dem Schuldigen wie Posaunentöne ins Ohr. Er sah Gustele und die Sternbübles für himmlische Wesen an, und schluchzend brach er unter der Last seiner Schuld zusammen. ›Ich war's, ich war's,‹ stöhnte er, vor dem Herzog knieend, ›ich hab's getan. Gnade, ach, Gnade!‹
›Die Engel sind lebendig geworden, um einen Unschuldigen zu retten,‹ rief der alte Diener andächtig.
›Noi, noi, Engele sind das da oben net; meine Bübles sind's. Gleich kommt ihr runter!‹
›Wir können net,‹ jammerten die drei da oben, ›Christian hat's Leiterle weggeschleppt.‹
›Eine höchst seltsame Geschichte, hm, hm, ungeheuer merkwürdig!‹ Der Herzog schüttelte erstaunt den Kopf, er konnte es sich gar nicht recht erklären, und er fragte den Sternwirt: ›Sag Er mir doch, warum sitzen seine Kinder dort oben?‹
›Aus lauter Unnützigkeit, allergnädigster, durchlauchtigster Herr Herzog,‹ rief der Sternwirt ärgerlich. ›Wenn sie runter kommen, kriegen sie Haue.‹«
»Noi,« schrieen die lebendigen Sternbübles im tiefsten Mitgefühl mit ihren Urahnen, »die haben doch den Michel gerettet!«
»Das haben sie freilich getan,« sagte Frau Tippelmann, »weil nämlich manchmal eine höhere Macht gütig eine Dummheit in eine Guttat umwandelt. Ich meine aber doch, Haue -- -- --«
»Noi, noi!« wehrten die Sternbübles aufgeregt, und auch Alette bat: »Lieber nicht!«
»Na, seid nur still, sie haben ja auch an dem Tage keine Haue bekommen, denn der gute Herzog verzieh ihnen ihre Neugier, ihn zu sehen, als er alles erfahren hatte. Ja er schenkte jedem einen schönen, blanken Taler mit seinem Bilde darauf, und Michele bekam als Schmerzensgeld drei. Da wurde der so vergnügt, daß er den Bübles erlaubte, beim Stiefelputzen zu helfen; dies war nämlich in Michels Augen eine ganz besondere Gnade.«
»Und der Spitzbube?« fragte Mathes eifrig, denn der war ihm wichtiger als Michels Stiefel.
»Von dem weiß ich nichts weiter,« erwiderte Frau Tippelmann. Der gestand, daß er von einem Feind des Herzogs angestiftet worden war, die wichtigen Papiere zu rauben. Und um den Verdacht auf einen andern zu lenken, hatte er das Juwelenkästchen in den Ofen gesteckt. Er wird wohl seine Strafe erhalten haben, aber ich denke, der gute Herzog wird milde gewesen sein. Denn herzensgut war der wirklich und so freundlich gegen jedermann. Als er nach zwei Tagen abreiste, heulten Gustele und die Bübles jämmerlich darüber im Hausflur. Der Herzog, der es hörte, tröstete sie selbst, sagte, er werde wiederkommen, wenn sie unbeschreiblich brav würden. Die drei versprachen es und, was noch besser war, sie hielten auch ziemlich Wort. Unbeschreiblich wurde es mit dem Bravsein freilich nicht, aber alle drei wurden tüchtige Leute. Der Herzog kehrte auch wirklich noch etliche Male im Silbernen Stern ein und schlief dort sanft und ungestört. Damit ist meine Geschichte zu Ende.«
»Sie war schon fein!« rief Fräulein Laura. »Nur das Gefrage und Gerede von den Sternbübles ging über die Hutschnur. Doch das Bett muß ich noch sehen; wo steht es denn?«
Gundele sah die Brüder an, die Brüder sahen Gundele an, sie wurden rot und seufzten, und endlich bekannte Mathes: »Die Stube, wo's steht, ist zugesperrt, weil -- weil -- weil --«
»Ihr gewiß einmal auf dem Bett herumgeklettert seid,« half Frau Tippelmann dem stotternden Mathes nach.
»Ja,« bekannte der kleinlaut, »und alleweil ist einem Engele sein Köpfle abgebrochen und dem andern Engele sein Beinle und --«
»Sternbübles bleiben Sternbübles, da darf man sich nicht wundern!« Frau Tippelmann sah über ihre Brille hinweg zu den Buben hin, nicht etwa böse, bewahre, ihre Augen lachten, ihr Mund lachte, und als Fräulein Laura das sah, lachte sie mit, und schließlich war Alettes Krankenstube erfüllt von einem hellen, frohen Lachen.
Vergnügt gingen nach einem Weilchen die Löwengäßler heim, und die Sternkinder suchten ihre Mutter in der Küche auf. Dort schwätzten sie so viel von dem Himmelbett, erzählten alle drei so durcheinander, daß zuletzt niemand wußte, welche Sternbübles eigentlich auf dem Himmelbett gesessen hatten, die lebendigen oder ihre Ururururgroßväter.
Sechzehntes Kapitel.
Eine schauerliche Geschichte.
Fräulein Laura seufzt, aber Frau Tippelmann will Pfingstkuchen backen. Im Räuberschlößle wird ein Plan geschmiedet, der auch zur Ausführung kommt. Drei Damen erzählen von einem furchtbaren Untier, der Gendarm Körble meint, es sei ein Füchsle gewesen oder Kräuterpeterle. Auf dem Berg wird nichts gefunden, aber im Bachwirtshaus gibt es eine wundersame Begegnung. Die Sternbübles bekommen ein Güßle und werden sehr vergnügt, und dem schönen Tag folgt ein schöner Abend.
Wie schnell doch die Tage vergingen!
Laura hätte den Tagen in Breitenwert nie so flinke Beine zugetraut. Ostern war doch kaum gewesen, und nun stand Pfingsten schon vor der Türe. Die Löwengasse roch vom Untermarkt bis zum Obermarkt nach frischem Kuchen und jungen Birken. In allen Häusern wurde gescheuert und geputzt. Alle freuten sich, nur Laura war traurig. Es war ein Brief von Herrn Amhag gekommen, er wäre unterwegs, um Alette zu holen. Er hatte von ihrer Krankheit erfahren und sorgte sich um sein Kind. Breitenwert erschien ihm doch nicht der rechte Platz für Alette. Hier waren sie alle zufrieden, hier war Alette ein glückliches Kind, und wo gab es wieder ein so gemütliches Haus wie die Rose?
Laura wollte Frau Tippelmann nichts sagen; doch die sah ihr den Kummer an der Nasenspitze an, und als sie Herrn Amhags Brief gelesen hatte, wurde sie auch traurig. Sie sagte dann aber gelassen: »Man muß alles nehmen, wie es kommt. Zu viel Sorge zerbricht das Glas. Heute wollen wir Pfingstkuchen backen; kommt das Kind wieder fort, dann soll es wenigstens ein rechtes frohes Pfingstfest gefeiert haben im Löwengäßle, im alten Amhaghaus.«
An Pfingstfreude fehlte es Alette schon an diesem Tage nicht. Die saß mit den Grillschen Kindern im wieder ausgebesserten Räuberschlößle und genoß die ersten richtigen Ferien ihres Lebens, nach erst vierzehn Tagen Schulzeit freilich; aber wunderfein war es doch. Sie waren allesamt so vergnügt, daß sie himmelgern etwas ganz Besonderes getan hätten, und sie spitzten alle die Ohren, als auf einmal Trinle rief: »Ich weiß was Feines.«
»Ich ahn's schon,« brummte Steffen, »du kommst wieder mit deinem dummen Räuber- und Prinzessinnenspiel; öde ist's.«
»Falsch geraten!« Trinle strich sich ihr blaues Leinenkleidchen glatt und sah so pfiffig und geheimnisvoll aus, daß es Alette gar nicht mehr erwarten konnte. Sie flehte: »Sag's doch endlich!«
»Also --,« Trinle holte erst noch mal Atem, »wir machen einen Ausflug nach dem Burgbergle, und oben -- -- --«
»Spielen wir Drachen,« jauchzten die Brüder.
Alette Amhag riß die Augen weit auf. »Drachen?« fragte sie, »gibt's die da?«
»O Alette, Alettle, dummes Nettchen,« riefen die Geschwister alle durcheinander, »wir spielen Drachen mit unserem Drachen.«
»Habt ihr denn einen?«
Trinle nickte sehr eifrig, dabei fielen ihr beide Zöpfe über die Nase. »Geschenkt bekommen von Onkel Valentin, damals zu Großmutters Geburtstag. Weil du krank warst, hast du ihn net gesehen. Komm mit!«
Sie zerrten Alette in das Haus hinein und zeigten ihr dort in einer Kleiderkammer ihren Schatz. Der sogenannte Onkel Valentin, ein älterer Vetter der Kinder, war einmal zu einem kleinen Maskenfest als Krokodil gegangen; die grüne Hülle hatte er dann Trinle geschenkt. Damit gespielt hatten die Kinder freilich noch nie, sie hatten immer das märchenhafte Gewand zu einem besonderen Fest aufheben wollen. Heute schien ihnen der sonnenwarme Pfingstsonnabend aber recht geeignet, um an ihm ein neues, wunderbares Spiel zu spielen.
»Wenn wir nur dürfen!« sagte Steffen etwas unsicher.
»Ach, schon, heute ist doch halb Feiertag! Erst fragen wir bei uns, dann bei Frau Tippelmann,« bestimmte Veit, und die andern fanden auch, so sei es recht.
Frau Grill zögerte mit der Erlaubnis; weil aber de Kinder gar so sehr baten und allergrößte Bravheit versprachen, sagte sie schließlich ja, und Frau Tippelmann zögerte erst auch und sagte dann auch ja.
Auf dem Gäßle trafen sie dann die Sternkinder, alle drei; die erzählten, sie gingen zur Muhme Bachwirtin. Sie seufzten sehr, als sie den schönen Plan vom Drachenspiel hörten; sie redeten hin und her, die Bübles wären schon gern am Bachwirtshaus vorbeigelaufen, Gundel aber sagte: »Das geht net.«
Da fiel Mathes etwas ein. »Kommt heim übers Bachwirtshaus,« riet er, »die Muhme läßt uns alle heimfahren mit dem Wägele.«
»Ach, das wird fein!« schrie Trinle.
»Ich muß erst die Großtante fragen,« meinte Alette ängstlich.
Aber Veit belehrte sie rasch, dies sei nicht nötig. Die Burg, eine auf einem mäßig hohen Berg gelegene, ganz zerfallene Ruine sei nicht weit vom Bachwirtshaus. Dort waren die Grills schon oft mit ihren Eltern gewesen. Sie kannten den Weg in das Tal hinab gut und gaben gern die Zusage. Die Sternkinder waren noch nicht wanderbereit, sie sollten noch allerlei für die Muhme mitnehmen, also gab es kein Zusammenwandern.
Mit Hurra und Hallo zogen die Grills und Alette durch die Löwengasse über den Untermarkt zum Tore hinaus. Alette sehnte sich förmlich nach der Burg, von der sie schon so viel gehört hatte, und sie war, wie Steffen sagte, »purzelvergnügt«.
Von der Burg konnten die Breitenwerter in das anmutige Tal ihrer Heimat hinabschauen, und sie gingen gern hinauf. Manchmal kamen auch Fremde über den Burgberg nach dem Städtchen gewandert, weil es da einen überaus lieblichen Waldweg gab. Am Pfingstsamstag aber kam sicher niemand auf den Gedanken, auf die Burg zu gehen, und die Kinder ahnten, sie würden heute dort ungestört sein. Dieser Gedanke berauschte sie förmlich, und sie zogen singend durch das Städtchen und singend den Berg hinan. Auf halber Höhe war ein Gasthaus, in dem die Breitenwerter Kaffee zu trinken pflegten. An ihm schritten die Kinder stolz vorbei; pah, sie hatten Vorrat genug in ihren Rucksäcken! Als sie oben waren, schrie Kasperle gleich: »Ich habe ein Löchle im Bäuchle.«
Trinle war mehr dafür, gleich zu spielen, aber die Brüder überstimmten sie. Also setzten sie sich auf die zerbröckelten Stufen, die zum alten Wartturm hinaufführten, schmausten und erzählten sich von ihrem Spiel. Trinle sagte zu Steffen: »Du mußt Drache sein, du kannst so gut brummen.«
»Und Alette du 's Prinzeßle,« riefen alle, und Veit bestimmte noch: »Kasperle ist ihr Page, und ich bin Ritter, und du bist mein Knappe, Trinle.«
Damit waren alle sehr einverstanden, und Trinle freute sich besonders über den Knappen. Heisa, da konnte sie gewiß den Drachen am Schwänzle ziehen, was sich für Ritter selbst nicht schickte.
»Ihr müßt gehen,« sagte Steffen; »wenn ich pfeife, kommt ihr wieder, dann bin ich Drache.«
Veit wollte nicht recht, aber die Mädel zogen ihn fort. Sie suchten Blumen, denn Alette sollte doch eine Prinzessinnenkrone erhalten. Ein paar Minuten später schritt dann Prinzessin Alette fromm und sittig, ein Blumenkränzlein im Haar, der Burg zu, Kasperle als Page hielt sie am Kleid fest. Auf einmal stürzte sich der Drache Steffen auf das arme Prinzeßlein; er sah so furchtbar aus, daß sich Alette wirklich zu fürchten begann und jämmerlich zu heulen anfing. Kasperle fiel ein, und beide wurden von Veit stolz in das sogenannte Verlies geschleppt. Dieses war der einzige noch gut erhaltene Raum der Burg, ein teilweise überdachtes halbhohes Gemach. Es mochte wohl einst als Halle gedient haben. Von seinen kleinen Fenstern aus, die in tiefen Nischen lagen, hatte man einen lieblichen Blick über das Tal, das heute schön im Frühlingsglanz lag. Alette kauerte am Fenster, Kasperle zu ihren Füßen, und beide warteten wirklich ein wenig voll ängstlicher Sehnsucht auf den Ritter Veit und Trinle, den Knappen. Steffen lag am Eingang; er fauchte von Zeit zu Zeit, und Kasperle sagte etliche Male: »Alette, ich graul mich.«
Ritter und Knappe saßen inzwischen auf halber Bergeshöhe, und als oben das Geschrei losging, sagte Trinle befriedigt: »Jetzt hat er sie; fein, Steffen schreit prachtvoll!«
»Nun komm!« Veit nahm seinen Stock, und als Trinle neben ihm bergan schreiten wollte, brummte er sie an: »Ein Knappe geht hinter seinem Ritter, weißt das net?«
Beschämt trat Trinle zurück. Sie dachte bei sich: Den Drachen zwick' ich ordentlich! und darüber wurde sie wieder sehr vergnügt.
Eine Prinzessin befreien ist aber keine leichte Sache. Der Drache Steffen wenigstens nahm es ungeheuer ernst, er fauchte, spuckte, brüllte und fuhr mit einem Stecken seinen Angreifern so wild zwischen die Beine, daß der Knappe Trinle das Schwanzzwicken aufgab und zuerst davonlief. Und dann -- Ritter Veit prallte rasch zurück -- entzündete der Drache zischend ein Rotfeuerhölzchen, und das wirkte so unheimlich, daß Prinzessin Alette und der Page Kasperle laut aufschrieen und der Ritter über seinen Stock stolperte, den zerbrach und waffenlos beinahe dem Drachen in die Hände gefallen wäre. Er gab das Kämpfen auf und floh seinem Knappen nach. Ganz atemlos fanden sich beide am Ruheplatz zusammen. »Ich muß erst ein neues Stöckle schneiden,« murmelte Veit. »Warum bist du mir ausgerissen?«
»Fein war's,« rief Trinle, »ich hab mich richtig gegrault!«
Oben lag der Drache am Boden und knurrte vor Behagen; er war mit seinem Tun zufrieden. Wenn die arme Prinzessin Alette sich nur rührte, dann fauchte er sie an, und Alette, die an solche Spiele noch nicht recht gewöhnt war, fürchtete sich mehr und mehr. Auch Kasperle war die ganze Geschichte unheimlich; er flüsterte ein paarmal Alette ins Ohr: »Wenn wir nur ausreißen könnten!«
Das Fauchen und Knurren war draußen nicht zu hören, der Burgberg lag ganz still im Frühlingsfrieden, nur die Vögel sangen, und die Bienen schwirrten summend von Blüte zu Blüte. Plötzlich aber wurde diese Stille durch Stimmen unterbrochen, und Ritter Veit, der sich gerade zu einem neuen Kampfzug rüstete, sagte erschrocken: »Trinle, es kommt jemand!«
Es kam wirklich jemand, daran konnte schon kein Zweifel sein. Die Stimmen wurden lauter und lauter, und als Veit und Trinle vorsichtig näher schlichen, sahen sie auf dem schmalen Fußweg, der zur Burg führte, drei Damen wandern, immer eine hinter der andern, und hinter ihnen kamen zwei Herren. Die erste der Damen schien recht schlechter Laune zu sein; sie schalt unaufhörlich in einem fremdklingenden Deutsch, das die Kinder nicht verstanden. Die sahen nur ihr bitterböses Gesicht.
»Puh,« flüsterte Trinle, »aber die ist arg schlimm, so ein böses Gesichtle!«
Den beiden andern Damen, die noch jünger waren, mochte das Schelten auch nicht gefallen; sie hatten gar keine rechten Maientaggesichter.
Jetzt kamen sie alle drei so nahe, daß die Kinder auch verstehen konnten, was sie sagten. »Es ist Unsinn,« grollte die alte Dame, »bei dieser Hitze auf ein altes Burg zu gehen; das ist ein deutscher Einfall. Wer weiß, ob das da überhaupt ein echtes altes Burg ist!«
»Wie frech,« tuschelte Trinle dem Bruder zu, »unsere Burg ist doch echt!«
»Na ob!« Veit sah den dreien grollend und feindselig nach. Erstens störten sie das Spiel, und dann war es wirklich empörend, an der Echtheit der Burg zu zweifeln.
Drache, Prinzessin und Page konnten in ihrem Verlies die Fremden nicht sehen, sie hörten nur undeutliches Stimmengewirr, und Steffen brummte zufrieden: »So dumm, wenn sie solchen Lärm machen, hör' ich sie doch kommen!« Er kugelte sich vor dem Eingang zusammen und hielt seine Schachtel Buntfeuer bereit, sein Drachengift. Heisa, er wollte ihnen schon zeigen, daß er ein tüchtiger, feuriger, kampfbereiter Drache war!
»Die gehen rein ins Verliesle,« flüsterte im Gebüsch Trinle aufgeregt. Beide Kinder lagen flach auf dem Bauch und starrten gespannt den Fremden nach.
»Hier scheint ja der Eingang zu sein,« sagte die alte Dame soeben; sie ging als erste vorsichtig die paar Stufen zu dem Verlies hinab. Die andern folgten nicht minder bedachtsam im Gänsemarsch.
»Pffpff, ruruhuuh, schischischih!« fauchte, spuckte und kreischte es ihnen entgegen, und surr! stieg prasselnd ein rotes Flämmchen vor ihnen auf, und etwas Furchtbares erhob sich da in der halben Dämmerung und stürzte auf sie los.
Dreifach tönte gellendes Geschrei: »Hilfe, Hilfe, Hilfe!«
»Schiuih!« ging eine grüne Flamme in die Luft, und dann zuckte wieder ein rotes Flämmchen auf; wie ein Höllenschlund erschien es den dreien.
Kreischend, schreiend, sich gegenseitig fast umrennend, purzelten und stürzten die drei Damen hinaus. »Hilfe, Hilfe, Hilfe!« Sie rasten den Bergabhang hinab, rissen die beiden Herren, die erschrocken stehengeblieben waren, mit fort und keuchten: »Kommt, kommt, Hilfe, ach, Hilfe!«
»Was ist, was gibt es?«
Der jüngere der beiden Herren, ein stattlicher, hochgewachsener Mann, wollte stehenbleiben, aber zwei Damen zerrten ihn hinweg, und ihr Schreien hallte vom Berg zu Tal.
Trinle und Veit starrten den Fliehenden sprachlos vor Staunen nach. Konnten die schreien! Aber warum taten sie es nur?
Plötzlich jauchzte Veit auf: »Trinle, sie haben den Drachen gesehen; o, das ist fein!« Und gerade als unten die Fliehenden an einer Wegbiegung verschwanden, sausten die beiden zur Burg hinauf und stürzten in die Halle. »Die sind vor dir ausgerissen, Steffen,« jubelten sie beide, »die haben dich für ein Teufele gehalten.«
Drache Steffen, Prinzessin Alette und der Page Kasperle sahen ein wenig verstört drein; ihnen war die ganze Geschichte ziemlich dunkel. Der Drache blies seine Hand, denn seine Buntfeuerschachtel war ihm unversehens in Flammen aufgegangen, und dabei hatte er sich seine Finger verbrannt. »Was war das nur?« brummte er mißmutig.
»Fremde waren's,« jubelte Trinle. Sie hüpfte vor Freude auf einem Bein hin und her und sang: »Ausgerissen, ausgerissen, ausgerissen!«
»Ausgerissen, ausgerissen!« sang es ihr Kasperle nach, und Veit führte einen wahren Indianertanz auf. »Ausgerissen, fein, fein!«
»Sie haben dich, hihihihi, für einen richtigen Drachen gehalten!«
»Oder für ein richtiges Teufele.« Trinle tat einen Luftsprung. »Fein, fein!« ächzte sie.
»Für einen richtigen Drachen, mich -- und ausgerissen sind sie?« Steffen war überwältigt von diesem Erfolg; kein König hätte in diesem Augenblick stolzer sein können. »Hurra,« jauchzte er, »hurra!«
»Ausgerissen!« Alette Amhag bekam ganz große, runde Augen. Die ganze Sache war so seltsam, so märchenhaft, daß sie zu träumen vermeinte. Dann fiel ihr, der Zaghaften, aber jäh ein, die Ausgerissenen könnten wiederkehren. Was taten sie dann, wer waren sie?« Bebend sagte sie: »Wenn -- wenn sie wiederkommen!«
»Ich jage sie wieder weg,« rief Steffen kühn. »Freilich, mein Feuerle ist alle!«
Ob nun ein Drache ohne eine Schachtel Buntfeuer auch so wirksam sein würde, wußten die andern nicht, aber das Zurückkommen der Ausgerissenen erschien ihnen doch wahrscheinlich. Ja, und dann? Sie sahen sich an und kamen etwas bedrückt zu dem Entschluß, nun selbst einmal auszureißen, andersherum nach dem Bachwirtshaus hinab, zu dem ein schmaler, kaum sichtbarer Fußsteig hinabführte. Den breiteren Weg konnten sie nicht wählen, da wären sie vielleicht den Fremden begegnet. Die vier packten also eiligst ihre Sachen zusammen, der Drache nahm seine Haut über den Arm, und dann verließen sie die Burg.
Trinle war es nicht recht; die sagte leichtherzig: »Wir könnten bleiben, sie kommen net wieder.« Aber Alette flüsterte ängstlich: »Ich höre Stimmen.«
Einen Herzschlag lang lauschten alle. Sie brauchten jedoch ihre Ohren nicht allzusehr zu spitzen, die Stimmen wurden immer hörbarer, und Trinle rief selig: »Wir müssen fliehen, himmlisch ist das!«
Auch die andern fanden die Flucht sehr aufregend, und Veit befahl: »Mädeles, ihr geht mit dem Rucksack voran, Kasperle mit; wir zwei sehen erst, wer kommt.«
»I wo, ich geh net voran, ich leg mich aufs Bäuchle wie die Indianer,« erklärte Trinle begeistert.
Doch die Brüder überstimmten sie. »Du mußt bei Alette bleiben,« geboten sie. Und wirklich brauchte Alette jemand; die zitterte wie ein Grashälmlein im Wind. Doch Kasperle fühlte sich als ihr getreuer Page. Der schob seine Hand in ihre und sagte gnädig: »Ich beschütze dich.«
Da war Alette zufrieden, sie schlich mit Kasperle durch das Gebüsch, und die Buben und Trinle legten sich auf den Bauch. Noch waren die Fliehenden nicht drei Schritte weg, da tuschelte schon Trinle den Brüdern zu: »Ich sehe was Blankes.«
»Der Gendarm!« flüsterte Veit zurück.
So war es wirklich. Unten am Burgberg waren die schreienden, fliehenden Damen endlich stehengeblieben und hatten den beiden Herren erzählt, was ihnen begegnet war.
»Ein furchtbares Tier kam,« schluchzte die eine.
»Es war ein Löwe oder ein Räuber oder sonst ein Untier, ganz bestimmt,« behauptete die älteste von den dreien, und die jüngste jammerte: »Feuer, Feuer, es hat gebrannt!«
»Unsinn!« sagten die Herren.
»Kein Unsinn,« schrieen die Damen empört, »schrecklich war es!«
»Bitte schön, was ist so schrecklich?« fragte da eine Stimme, und vor den Fremden stand dick und behaglich der Gendarm Körble.
»O, Sie kommen zur rechten Zeit,« rief die ältere Dame, »hören Sie nur!« Und aufgeregt, von dem Klagen und Schluchzen der andern unterbrochen, erzählte sie das Abenteuer auf der Burg.
»I noi!« Der gute Gendarm Körble riß Mund und Augen weit auf; so etwas war ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen. Er schüttelte bedächtig den Kopf: »Räuberles gibt's hier net und, noi, solche Tierles auch net. Hm, vielleicht war's ein Füchsle?«
»Schreit ein Fuchs, und spuckt ein Fuchs Feuer?« riefen die drei Damen empört.
»Noi, so was tut ein Füchsle eigentlich nie net, das reißt immer aus!« Körble sah ganz bedenklich drein. »Hm, hm!«
»Vielleicht war es ein -- ein Gespenst.« Die jüngste der drei Damen flüsterte es zitternd.
»Hm,« brummte der dicke Gendarm, »mein Großmutterle selig hat alleweil erzählt, auf der Burg geistere ein altes Ritterfraule herum, aber doch net am hellen, lichten Tag. Noi, so was gibt's net. Ach, vielleicht war's Kräuterpeterle, der oben sein Pfeifele geraucht hat!«
»Schreit der, spuckt der mal rotes, mal grünes Feuer?« rief die ältere Dame, die immer wütender wurde.
»Noi, gewöhnlich net, der ist ein höflicher Mann.« Körble seufzte, das war doch eine höchst verzwickte Sache; so etwas war in Breitenwert noch gar nicht dagewesen. »Ich will mal nachsehen,« beschloß er endlich.
»Wir gehen mit,« riefen die beiden Herren.
»Mich bringen nicht zehn Pferde in das alte Räubernest,« erklärte die ältere Dame. Die jüngeren aber hatten Lust, mit hinaufzugehen, und ein paar Augenblicke redeten sie hin und her. Zuletzt blieben zwei Damen unten am Wegrand sitzen, während die andern alle bergauf stiegen, um das Ungeheuer zu sehen.
Oben fanden sie nichts, der Drache war spurlos verschwunden, und soviel die vier auch suchten, so emsig sie auch in alle Winkel blickten, nichts war zu sehen. Die drei Paar lustigen Kinderaugen, die aus dem Haselgebüsch hervorlugten, sahen sie freilich nicht: Trinle und die Brüder aber sahen alles und hörten auch, was gesprochen wurde, und ein paarmal meinten sie vor Lachen ersticken zu müssen.
»Wir wollen hier doch mal in den Büschen suchen,« sagte oben endlich der Gendarm.
»Ja, das wollen wir,« rief die Dame eifrig. »Es war etwas da, und es muß etwas da sein; an ein Gespenst glaube ich freilich nicht. Deutschland mag noch so romantisch sein, Gespenster zur Mittagsstunde gibt es sicher nicht.«
»Jetzt müssen wir ausreißen,« flüsterte Veit den Geschwistern zu. »Los, wir rutschen!«
Eilfertig begann er den Berg abwärts zu rutschen. Trinle und Steffen folgten, und gerade als die oben sagten: »Hier raschelt es immer so,« hatten die beiden unten Alette und Kasperle erreicht. Denen tuschelten sie aufgeregt zu: »Wir müssen fliehen, rutscht auch weiter nach unten.«